Nr. 209 Drittes Blatt
Gtetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 7.§eptembeNYZ5
Bran-weiher und Schwimmbad.
Vorbeugender Feuerschutz.— Ställe der Volksgesundheitspflege. Arbeitsbeschaffung
In den letzten Wochen ist eine Reihe von oberhessischen Dörfern durch teilweise recht umfangreiche Brände heimgesucht worden. Dabei fielen ganze Gehöfte oder zum Teil wirtschaftsnotwendiae Betriebsgebäude den Flammen zum Opfer. Besonders schwer war das Brandunglück in Geih-Ridda, wo bekanntlich ein zusammenhängender Block von 6 Wohnhäusern mit den Nebengebäuden durch die Feuersbrunst vernichtet wurde. Fast bei allen Bränden war die Tatsache besonders auffällig, dah eine wirksame Löscharbeit der Feuerwehren durch Wassermangel erheblich behindert, in Geiß-Nidda sogar unmöglich war.
Leider bleibt in vielen Gemeinden hinsichtlich der vorbeugenden Maßnahmen gegen Brandschäden insbesondere durch ständige Bereithaltung ausreichender Wasservorräte noch mancherlei zu wünschen übrig. Wenn auch in einigen Orten die Wasserverhältnisse durch Bäche oder bergt als annehmbar gelten können, so ist aber in vielen anderen Orten der Brandweiher, aus dem doch im Falle der Feuersnot die Spritzen in erster Linie gespeist werden sollen, oft nur ein schlechter Wassertümpel, vielleicht ist auch dieser noch nicht einmal vorhanden, und nicht überall ist die Wasserleitung des Dorfes s o leistungsfähig, daß auf sie allein unter allen Umständen eine wirksame Löscharbeit der Feuerwehr gestützt werden kann. In allen diesen Orten dürfte es wohl eine der vordringlichsten Aufgaben sein, die Einrichtungen des Feuerschutzes durch hinlängliche Wasserbereitstellung so auszubauen, daß Brandfälle, ja Katastrophen wie in Geiß-Nidda von vornherein nach bester Möglichkeit verhütet werden.
Neben der größten Schlagfertigkeit der Feuerwehr hinsichtlich des Ausbildungsstandes der Mannschaften und der Beschaffenheit der Geräte ist in all den Orten, die nicht an ergiebigen Wasserläufen liegen, die Schaffung einer möglich st großen Wasserreserve das wichtigste Glied in der Kette aller Schutzmaßnahmen für Brandunfälle. Die Anlage von Brandweihern dürfte überall keinen allzu großen Schwierigkeiten begegnen. An einer passenden Stelle dicht beim Dorfe könnte entweder auf gemeindeeigenem Grundstück, oder auf einer für diese Anlage eingetauschten Fläche die Grube des Wasserbassins mit Wassereinlauf und -ablauf angelegt werden, wobei man zweckmäßigerweise einen Zufluß durch die Wasserleitung von vornherein als Hauptbestandteil des Baues in den Plan eingliedern müßte. Dieser Weiher kann zugleich auch dem Dienst an der Ortsgemeinschaft, insbesondere an der Jugend verfügbar gemacht werden, indem man ihn als Schwimmbad anlegt, das neben der Abteilung für Schwimmer auch einen Raum für Nichtschwimmer enthalten sollte, j Auf diese Weise kann jeder Ort sich ein wirksames । Mittel im Kampf gegen Feuersnot und zugleich ein * bedeutsames Instrument der Dolksgesundheitspflege । und der sportlichen Ertüchtigung der Jugend durch das Schwimmen schaffen. Der Bau einer derartigen Einrichtung wird auch die Möglichkeit bieten, in den Gemeinden für eine Reihe von Wochen Arbeit der verschiedensten Art, sowohl durch Leistung an Ort und Stelle, als auch durch Bezug von Mate-1 rialien zu schaffen und damit dem Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung im Rahmen selbst des kleinsten Ortes eine ansehnliche Förderung zu geben. j
Der ausschlaggebende Gesichtspunkt wird in allen ( Orten natürlich die Frage der Finanzierung sein. Hierzu möchten wir darauf Hinweisen, daß!
selbst kleinere Orte des Kreises Gießen, wie Climbach, Weitershain, Nonnenroth, Langd und Rabertshausen, daneben auch Orte der benachbarten preußischen Kreise durch oorbttbliche Entschlußkraft und zweckdienliche Maßnahmen schon derartige Anlagen geschaffen haben und zweifellos anderen Gemeindeverwaltungen gerne ihre Erfahrungen zukommen lassen werden. Zur Verwirklichung unseres Vorschlages könnte man zunächst daran denken, daß die erforderlichen Fuhrleistun- gen von den Gespannbesitzern der Orte im Interesse der Gesamtheit kostenfrei übernommen werden, wie es ja <mch schon früher in anderen Fällen an dem vorbildlichen Gemeinschaftssinn der bäuerlichen Bevölkerung niemals gefehlt hat. Zur Geldbeschaffung kann zweifellos von jeder Gemeindekasse ein gewisser Leistungsanteil beigesteuert werden. Daneben wäre vielleicht das Beispiel unseres Nachbarortes Lützellinden zu empfehlen, in dem sich zahlreiche Ortseinwohner zu einem Badeverein zusammengeschlossen und durch Mitgliedsbeitrüge ansehnliche Geldmittel aufgebracht haben; den gleichen
Die Arbeitsdienstabteilung 5/222 trat am gestrigen Freitagabend in Verbindung mit dem A r b e i t s d a n k mit einer Kundgebung an die breite Öffentlichkeit. Viele Volksgenossen, die sich der vaterländischen Sache des Arbeitsdienstes verbunden fühlen, fanden sich im Saale der Abteilung im Lager Philosophenwald ein, um mit den Arbeitsdienstkameraden einige Stunden zu verbringen. Die Kundgebung, für die ein abwechselungsreiches Programm zusammengestellt war, nahm einen sehr anregenden Verlauf.
Marschmusik und verschiedene Konzertdarbietungen der Arbeit« dien st- Gruppenkapelle 222
Weg hat man neuerdings auch in Krofdorf beschritten. Es kann vielleicht auch damit gerechnet werden, daß die Brandversicherungskammer eine gewisse Geldbeihilfe gewährt, wenn der Nachweis erbracht wird, daß die Anlage unter dem besonderen Gesichtspunkt einer wirksamen Feuerbekämpfung geschaffen wird. Und schließlich dürfte wohl die Hoffnung auf eine Beisteuer aus den Mitteln des Arbeitsbeschaffungsprogramms bzw. zur Durchführung von Notstandsarbeiten oder dergleichen nicht trügerisch fein. Es bieten sich also auch in finanzieller Hinsicht für alle Gemeinden mancherlei Aussichten zur Schaffung einer derartigen gemeinnützigen Anlage.
Es wäre nicht nur für die einzelne Gemeinde, sondern auch für die Gesamtheit der deutschen Volksgemeinschaft ein großer Gewinn, wenn überall, mindestens aber in vielen Gemeinden durch die Schaffung von Brandweihern, die zugleich als Schwimmbäder dienen können, dem Wohle der Gesamtheit auch in dieser Hinsicht eine gute T a t geleistet würde. Je schneller der Entschluß dazu gefaßt und je früher mit seiner Verwirklichung begonnen wird, desto vorteilhafter wird das Werk für alle fein. Es kommt jetzt vor allem darauf an, tatfroh und mutig die erforderlichen Entschlüsse zu fassen und baldigst mit der Arbeit zu beginnen.
leiteten den Abend ein. Unter Leitung von Musik- Zugführer K n a f gelangten die einzelnen Musikstücke mit viel Schmiß zur Wiedergabe und die Kapelle erntete starken Beifall.
Oberfelömeiffer Loesch
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eröffnete die Kundgebung mit kurzen Worten herzlicher Begrüßung und hieß dabei besonders die Vertreter der Partei und der städtischen und staatlichen Behörden willkommen. Der Abend solle, so sagte er u. a., allen Teilnehmern den Beweis erbringen, daß man im Arbeitsdienst nicht nur mit dem Spaten umzugeben wisse, sondern der junge Mensch auch zu Dis-
Arbeitsdienstmänner beim Sprechchor. — (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)
Arbeitsdienst- und
ziplin und zur Einfügung in die Gemeinschaft erzogen werde. Mit besten Wünschen für einige unterhalt- same kameradschaftliche Stunden beschloß der Redner seine kurze Ansprache.
Es folgten sodann zwei rezitatorische Darbietungen. Kamerad B i e r a u brachte in sehr eindrucksvoller Weise das von ihm selbst verfaßte Gedicht „Kameraden, das war ein heißer Tag", zum Vortrag, in dem in beschwingter Sprache der tiefe Sinn des Arbeitsdienstes für Volk und Vaterland ausgesprochen wurde; Truppführer Schmidt brachte ein Gedicht unter dem Titel „Soldaten der Arbeit" zu Gehör. Im Mittelpunkt des Abends stand die Aufführung eines von Feldmeister
Die Lustsämhdienstpflicht ist Ehrendienst für Mann und Frau. Niemand darf sich ausschliehen.
Breda verfaßten Laienspiels „Arbeit adelt", das mit dramatischem Schwung die Verhältnisse in Deutschland während der Zeit nach dem Kriege kennzeichnete und bann in erhebender Weise ben Weg aus ber Not burch bas Wirken bes Führers schiiberte. Das Spiel würbe sehr natürlich und frisch aufgeführt und fand Die gespannte Aufmerksamkeit, sowie den vollen Beifall ber Zuschauer.
Im weiteren Verlaufe bes Abenbs sprach
Feldmeister Hans
in kurzem Vortrag über bas Aufgabengebiet des Arbeitsbankes. Der Arbeitsdank habe, so erklärte er u. a., die Aufgabe, sich der Jugend in besonderem Maße anzunehmen, soweit sie durch lange Arbeitslosigkeit dem Beruf entfremdet wurde und Fertigkeiten verlor. Die Jugend müsse geschult und betreut werden. Es gelte dabei nicht nur die im Arbeitsdienst erfaßten jungen Volksgenossen zu betreuen, sondern vor allem auch jene, die aus dem Arbeitsdienst ausschieden, denn allzu leicht könne das Gewonnene wieder verloren gehen. Hier solle der Arbeitsdank einsetzen. Eine feiner großen Aufgaben fei es dabei, der Landflucht steuern zu helfen, denn das beste deutsche Blut leide in Städten Not. Der junge Mensch solle wieder zum Boden seiner Heimat zurückgeführt werden. Im Arbeitsdienst solle der junge Mensch den Bauern auf dem Lande kennenlernen, durch Kameradschaftsabende auf dem Lande solle die Zusammengehörigkeit in ber Volksgemeinschaft weiter vertieft werden. Im Arbeitsdank wolle man auch das Gemeinschaftserlebnis im Arbeitsdienst aufrechterhalten. Jeder solle sich als Glied in der großen Kette unseres Volkes fühlen und zum Aufbau unseres Vaterlandes beitragen. Der Führer zeige uns den-Weg, ben wir alle gehen müßten: ben Weg in die Kameradschaft! (Leb- Hafter Beifall!)
Eine Gruppe von Arbeitsdienstkameraben trug bann einen Sprechchor vor, ber in seinem Aufbau sehr wechselvoll gestaltet war und in schöner Symbolik die Blutsverbundenheit aller deutschen Volksgenossen zum Ausdruck brachte. Die Sprechchoraufführung, die von der dafür vorbereiteten Gruppe auch in Nürnberg gesprochen werden wird, fand langanbaltenben Beifall.
Nachbem Dberfelbmeifter Loesch ein lebhaft er- roibertes breifaches „Sieg-Heil!" auf ben Führer ausgebracht hatte unb gemeinsam die ersten Verse des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes gesungen waren, fand ber Adenb seinen offiziellen Abschluß. Bei Musik unb Tanz blieb man bann noch geraume Zeit beisammen.
IS.
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Zu jedem kommt einmal das GM
Roman von Glien Kulm
Urheberrechtsschutz: Fünf -Türme - Verlag, Halle (S.)
14 Fortsetzung Nachbruck verboten!
Monika wollte ben Rebeschwall bes Kellners unterbrechen, boch ba fiel ihr ein, baß sie vielleicht manches über Evi von Tanner erfahren konnte. So bezwang sie ihre Zurückhaltung unb fragte:
„Geht es ihr benn schlecht? Verbient sie wenig?" „Sehr wenig. Die ersten Nummern werden immer schlecht bezahlt. An denen ist nicht viel dran. Ich glaube, sie hat unserem Direktor ganz gut gefallen. Aber sie versteht es nicht. Sie ist ein so scheues, kleines Ding und immer so ernst, und wenn sich mal jemand findet, ber sich mit ihr ein bißchen unterhalten möchte — ba steckt noch gar nichts Böses bahinter, Fräulein, unb ben anberen Damen macht es Spaß —, ba schüttelt sie immer nur den Kopf und sagt, sie muß nach Hause. Und wenn Sie sie noch sprechen wollen, so müssen Sie sich beeilen. Die ist immer schnell fertig mit dem Anziehen, denn sie schminkt sich ja nicht und muß nicht erst alles mit Goldkrem wegkriegen wie die anderen Damen von uns."
Er zeigte Monika den Weg, und diese ging über einen schmalen, halbdunklen Gang und stand vor einer Tür, auf der „Ankleidezimmer der Dirnen" zu lesen war.
Monika klopfte schüchtern. Drinnen hörte man viele helle und dunkle Stimmen durcheinanderschwirren.
Die Tür öffnete sich. Eine gutmütige eitere Frau erschien unb musterte Monika.
„Suchen Sie jemanben, Fräulein?"
„Ich mochte Fräulein von Tanner sprechen. Sie ist boch noch nicht fort?"
„Nein, sie ist noch hier. Wen soll ich melden?" Monika würbe etwas verlegen.
„Ach, sie kennt mich nicht. Aber ich mochte mit jhr sprechen. Ich kann ihr vielleicht nützlich sein..."
„Momentchen!"
Monika stand hinter der geschlossenen Tür. Sie horte, wie die Frau sagte:
„Sie sind ja schon fertig, Fräulein Evi. Dann gehen Sie mal 'raus, es wartet jemand draußen."
Es war eine ganz erschreckte Mädchenstimme, die da etwas fragte.
„Nein, eine Dame, Fräulein Evi.
„Ist es auch ganz bestimmt kein Herr, Frau Schnürche?" ,
„Nein, nein — eine feine, junge, hübsche Dame. Schaut fast ein bißchen wie Sie aus, Fräulein Evi."
„Na, bann gehe ich. Gute Nacht!
Ein schlankes Mädchen in einem dunklen Mantel kam und sah sich ängstlich um.
Ein so zärtliches Gefühl wallte in Monika auf, wie sie es kaum jemals einem fremden Menschen gegenüber empfunden hatte.
„Ich wollte Sie gern sprechen, Fräulein von Tanner. Ich heiße Monika Jnnemann. Und ich war sehr neugierig auf Sie, weil — weil —"
Monika besann sich. Nein, sie war fast im Begriff gewesen, zu sagen, daß sie wußte, daß £oi von Tanner von Johnie Klinke geliebt worden war.
Statt dessen zog sie die Kleinere mit einer schnellen Bewegung vor den Spiegel:
„Sehen wir einander nun gar so ähnlich?" Erstaunt blickte Evi von Tanner in den Spiegel. Da waren die beiden Mädchenköpfe, der blonde und der dunkle — aber sie blickten mit wunderbar gleichen tiefblauen Augen, sie hatten dieselbe kleine, feingeformte Nase, denselben Mund.
Sie erkannten es beide.
„Aber das ist ja...", stotterte Evi verblüfft.
„Nun sehen Sie selbst. Ich muß Ihnen erzählen, wie ich hierhergekommen bin."
Sie schob den Arm unter den der anderen und erzählte ihr das Erlebnis des Nachmittags unb ihren Entschluß, hierherzugehen.
„Wissen Sie, ich habe gar keine nahen Ver- roanbten, keine Geschwister, keine Eltern — unb ba finbe ich es boch wunderbar, daß es jemand gibt, der in der Welt herumläuft und mir so ähnlich sieht. Und Sie gefallen mir so gut!"
„Oh, Sie gefallen wir auch gut — aber Sie sind natürlich viel schöner als ich", sagte Evi und blickte bewundernd zu Monika auf.
„Ach, nun wollen wir uns keine Komplimente machen, aber wir wollen Freundinnen werden — ja?"
„Gern. Aber — ich bin doch nur so ein armes Mädel, das sich mit diesem schrecklichen Beruf sein Brot verdienen muß, und sicher ist es auch nicht." Sie seufzte.
Monika lachte. „Und wer glauben Sie, daß ich bin? Ich bin ebenso arm wie Sie, und daß es mir jetzt so gut geht, verdankte ich eigentlich nur..."
Sie wollte sagen „Ihnen", aber verschluckte schnell noch das verräterische Wort.
Ich bin Gesellschafterin bei einer alten, sehr gutherzigen Dame. Und heute abend habe ich mich ganz einfach fortgeschwindelt und habe jetzt nur Angst, daß es niemand merkt."
Ja ich muß nun auch schnell nach Hause, meine Mutter wartet. Und sie sorgt sich immer so um mich, wenn ich mich nur ein bißchen verspäte."
Sie blieb stehen unb hielt Monika die Hanb hin.
„Ich muß nun hier auf bie Straßenbahn warten." „Aber wir sehen uns boch roieber? Wann haben Sie benn Zeit? Am Nachmittag?"
„O ja, ba könnte ich schon einmal adkommen."
„Gut, kommen Sie boch zu mir ins Hotel. Es gibt bort so einen entzückenden kleinen Teesalon, und man kann auch tanzen. Sie tanzen doch gern?"
„Ich tanze sehr selten; denn hier, wo ich finge, möchte ich es um nichts in der Welt tun. Aber es macht mir sehr viel Freude."
„Nun, dann kommen Sie bestimmt. Und ich werde Ihnen einen guten Tänzer verschaffen."
Während Evi von Tanner in der Straßenbahn saß und ihren Kopf müde zurücklehnte, dachte sie über diese Begegnung nach. Auch sie empfand so viel Sympathie für Monika. Und wenn sie an den morgigen Nachmittag dachte, so freute sie sich sehr darauf. Es gab so wenig Abwechslung in ihrem freudearmen Leben.
Sie hatte immer mit ihrer Mutter Not und Entbehrung geteilt. Nur die kurze Zeit, da sie einen Büroposten hatte, der sogar ganz gut bezahlt wurde, war es ihnen gut gegangen. Sie hatten damals eine hübsche Wohnung bezogen, und Evi konnte in die Tanzstunden gehen und sich manchmal ein hübsches neues Kleid anschaffen. Und ihr Chef, ein sehr freundlicher alter Herr, hatte sie immer gut behandelt. Aber dieser gute alte Herr war der neuen Zeit nicht gewachsen. Sein kleines Bankhaus, das achtzig Jahre bestanden hatte, fiel schnell der Krise zum Opfer. Er mußte liquidieren, und Evi ging auf die Postensuche.
Und da hatte sie kein Glück mehr. Wenn sie überhaupt etwas fand, waren es schlechtbezahlte Aushilfsposten. Bis dann eine ihrer Mieterinnen, eine ältere Klavierlehrerin, Evis Stimme entdeckte und sie kleine Lieder lehrte. Aber obwohl ihr ihre Lehrerin große Hoffnungen im Anfang machte, mußte sie bald erkennen, daß diese wunderliebliche Stimme von seltenem Wohlklany viel zu klein war, um jemals einen Theatersaal füllen zu können.
Ein Zufall verschaffte Evi ihr erstes Engagement in jenem Kaffeehaus, in dem sie Johnie Klinke kennengelernt hatte. Jetzt war sie schon in verschiedenen kleinen Kabaretts aufgetreten, und immer wieder mußte sie erkennen, daß es nur ihr hübsches Aeußeres und die Hoffnung des Inhabers oder Direktors auf ein Abenteuer waren, was ihr überhaupt Engagements verschaffte. Sie haßte diese Beschäftigung und sie wußte, daß sich auch ihre Mutter daheim zu Tode grämte, wenn sie ihre kleine Evi in solchen Lokalen wußte. Aber cs war immerhin doch eine Möglichkeit, durchzukommen — und eine andere fand sich nicht.
Hier in München war sie auf drei Monate engagiert, und so war sie mit der Mutter hierhergezo- gen. Aber sie hatte schwere Sorgen. Ihre ernsten Vorträge gefielen dem Publikum nicht. Heute hatte sie sich zum ersten Male mit einem Schlager versucht. Es war ganz gut ausgefallen. Vielleicht, wenn sie sehr fleißig üben würde, könnte sie es doch noch erlernen, so forsch die Sachen vorzutragen, wie man es von ihr verlangte.
Jetzt hatte sie doch wieder ein bißchen Hoffnung. Vielleicht — wenn sie einige Lieder mehr vortragen
würde — könnte sie auch ein etwas größeres Gehalt bekommen. Muttchen brauchte so nötig neue Schuhe und sie selbst einen Wintermantel. Und eigentlich sollte sie noch ein zweites Kleid zum Auftreten haben. Manche ihrer Kolleginnen hatten ein halbes Dutzend von Abendkleidern. Aber freilich, die meisten von ihnen hatten einen Freund, der ihnen diese Kleider schenkte, wenn sie nicht gar noch leichtsinniger lebten. Aber das kam für Evi niemals in Betracht. Und nicht nur, weil sie Muttchen dann niemals mehr in die Augen schauen konnte. Es war auch ihrer ganzen feinen, zurückhaltenden Natur fremd.
Auf den morgigen Nachmittag freute sie sich. Was wohl Muttchen dazu sagen würde?
Doch als Evi das Zimmer betrat, fand sie ihre Mutter mit geschloffenen Augen auf dem Diwan liegend, mit einer Kompresse auf dem Kopf.
„Nichts, mein Liebling — du weiht ja, meine Kopfschmerzen. Heute sind sie besonders stark. Da hilft nur ein Schlafpulver, aber fo lange ich nicht weih, dah du wieder gesund zurück bist, will ich nicht schlafen. Aber jetzt, Evi, gib mir schnell das Pulver — es ist heute unerträglich."
Evi blickte mit Besorgnis in das blasse, zuckende Gesicht der Mutter. Sie warf den Mantel ab, holte Wasser und ein Pulver unb hals bann ber ßeibenben ins Bett.
„Wie war es benn, Evi?"
Evi legte ben Finger an ben Munb.
„Nicht sprechen, Muttchen — bu weißt boch, daß ber Arzt sagt, bu mußt absolute Ruhe haben, wenn bie Anfälle kommen. Es war heute sehr gut, Muttchen — aber alles anbere sollst bu erst morgen hören."
Balb trat bie Wirkung bes Schlafpulvers ein, unb Evi lauschte auf bie ruhigen Atemzüge ber Schlum- mernben. Aber sie selbst konnte noch lange keinen Schlaf finben.
9. Kapitel.
„Wo waren Sie benn gestern abend, Fräulein von Jnnemann? Herr von Gerling unb ich haben Sie sehr vermißt. Wir waren boch allein, ba Herr Klinke auch eine bringenbe Arbeit beenden mußte. Er ist doch so gewissenhaft und bereitet sich auf die Vorlesungen so genau vor. Ich finde das ja auch sehr schon, und ich beneide ihn darum, daß ihn sein Studium so ausfüllt."
Monika hob die Augen und sah erstaunt Shirley Preston an. Hatte diese nicht vor kurzem das gerade Gegenteil davon gesagt, was sie heute behauptete? Aber sie selbst schien ihr eiaenes Urteil über Johnies Studium wohl schon längst vergessen zu haben, benn sie trug ihre Ansicht mit dem Brustton ber Ueberjeugung vor.
„Ja, aber was sollten wir Armen nun anfangen, Herr von Gerling unb ich?! Wir haben einander so gut bie Zeit vertrieben, als es eben ging — nicht wahr, Herr von Gerling?"
Friebrich von Gerling verbeugte sich höflich.
(Fortsetzung folgt!)


