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land an zweiter Stelle stehen. Nur so weit dürfe Deutschland mit Frankreich mitgehen, als dieses selbst bereits oorangegangen fei, sich also unzweifel­haft gegen England gebunden habe.

Es hing also von Frankreich ab, wie sich in Zu­kunft die Beziehungen zwischen den Nachbarn ge­stalten sollten, und da hat sich Frankreich immer wieder von Deutschland entfernt. In der französischen Presse, auch in gemäßiaten Zei­tungen wie demTernps", wurde eine Agitation zur Verstärkung der französischen Grenztruppen er­öffnet, und als im Sommer 1885 Deutschland mit Spanien wegen der Karolinen in Streit ae- riet, nahm die französische öffentliche Meinung so­fort in schärfster Weise gegen Deutschland Partei und gab unzweideutig der Hoffnung Ausdruck, dah ein spanisch-deutscher Krieg ausbrechen und der französischen Politik günstige Möglichkeiten eröff­nen werde.Fünfzehn Jahre freundlichen Entgegen­kommens auf jedem Gebiete der Politik mit alleiniger Ausnahme des Elsaß", schrieb Fürst Bismarck, hätten eine Abnahme der Feindschaft nicht erzielt; Deutschland werde zwar in seiner Pflege der outen Nachbarschaft fortfahren, hege aber nicht mehr Das Vertrauen, daß das ftanzösische Volk seiner Regierung, selbst wenn sie wolle, dasselbe ge­statte. Die Pariser Regierung verhielt sich zwar während des Karolinenstreits im allgemeinen kor­rekt, aber für diese Empfindungen hatte sie kein Verständnis. Als der Botschafter Fürst Hohen- lohe die Beschwerden Bismarcks über die Aeußk- rungen der französischen öffentlichen Meinung vor­trug, lehnte sie Freycinet, wie wir in einem Schrei­ben an seinen Botschafter in Berlin lesen, rund­weg ab; das Land sei ebenso friedlich wie die Re­gierung, die Presse sei ruhig und entgegenkommend und gerade nur in Erregung, wenn ihr in deutschen Zeitungen kriegerische Gedanken untergeschoben wür­den.

Damit war auch für Deutschland iede Hoffnung auf Annäherung endgültig zu Wasser geworden: von der französischen Regierung war nach diesen Aeußerungen eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung im deutschfreundlichen Sinne nicht mehr zu erwarten. Und als die schwebenden kolonialen Schwierigkeiten in Ostasien und Afrika gehoben waren, trat die Reoanchestimmung vollends unver­hüllt hervor. Der neue Kriegsminister B o u l a n - g e r (seit Anfang 1886) und die Patriotenliga un­ter Dsroulöde predigten offen die Wiedererobe- runa Elsah-Lothringens, ja der Rheingrenze, mit Rußlands Hilfe, ein russisch-französisches Bündnis wurde täglich populärer. Auf die Ko­lonialpolitik verzichtete man zwar nicht, aber sie vermochte den Gedanken der Revanche nicht aus­zulöschen, ihre Ergebnisse wurden vielmehr in den Dienst der Kontinentalpolitik gestellt: man war gern bereit, erhebliche überseeische Opfer zu bringen, wenn man Rußland und England damit in ein deutsch­feindliches Fahrwasser ziehen konnte.

Wie mögen sich die Prinzipien der kolonialen und kontinentalen Politik heute in Frankreich gegen­überstehen, nachdem es das erste Ziel der Revanche, Eliaß-Lothringen, erreicht hat? Wird das fran­zösische Volk sich mit dem Besitze von Straßburg und Metz zufrieden geben und seine Hauptkraft dem überseeischen Gebiete zuwenden? Oder wird es unter der Einwirkung der solange gepflegten deutsch­feindlichen Tradition das Ziel Der französischen Re­volution, die Rheingrenze und Zerstückelung Deutsch­lands, weiter anstreben und deinentsprechend die überseeischen Möglichkeiten beschränken? Welches Moment mag die französische Politik in der gegen­wärtigen Weltkrisis am stärken bestimmen?

Rückkehr des Gelben Flusses in sein altes Rett?

Berichte aus Schantung geben der Befürchtung Ausdruck, daß eine einzigartige Naturkata­strophe bevorsteht. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Gelbe Fluß in sein Mitte des vorigen Jahrhunderts verlassenes Bett zurückkehren wird. Die Mündung des alten Flußbettes liegt zwischen Tsingtau und Schanghai. Die Folge die­ses Naturereignisses wäre die Zerstörung besonders fruchtbarer Gebiete im Nordteil der Kiangsu-Pro- vinz. Nach Ansicht leitender Wasserbau-Ingenieure liegt heute bereits die Hauptwassermenge südost­wärts.

Oer Führer im Manöver.

OerKrieg" in der Lüneburger Heide geht weiter.

(Scherl-Bilderdienst-M.)

«»KV

Munsterlager, (Lü­neburger Heide), 6. Sept. (DNB.) Der Führer, der am Freitagfrüh im Munsterlager zu den Ma- növern des VI. A.-K. ein­getroffen war, begab sich vom Lager aus sofort in Begleitung des Ober­befehlshabers des Heeres, General der Artillerie, Freiherr o. Fritsch, ins Uebungsgelände. Der Führer besuchte dabei u. a. die Uebungsleitung und ließ sich vom Kom- mandierenden General des VI. Armeekorps, Ge­neralleutnant v. Kluge, und bei den Stäben der beiden kämpfenden Par­teien, Rot und Blau, von den Parteien - Füh­rern über die jeweilige Gefechtslage Dortrag hal­ten. Der Führer wurde im Manövergelände auch vom Reichskriegsminister Generaloberst v. B l o m - berg und vom Ober­befehlshaber der Kriegs­marine, Admiral Dr. h. c. Raeder, begrüßt. Fer­ner sah man den Chef des Wehrmachtsamtes im Reichskriegsministerium, Generalmajorv o nRei­ch e n a u. Im Manöver­gelände hatte der Führer Gelegenheit, eine Reihe von bekannten Führern der nationalsozialistischen Bewegung zu begrüßen. Der Führer wurde über­all, wo er im Manövergelände erkannt wurde, be­geistert begrüßt, ganz besonders auch von den jun­gen Soldaten der deutschen Wehrmacht.

Dem zweiten Teil der Herbstübungen lag fol­gende Ausgangslage zugrunde: Blaue Streit­kräfte hatten im Angriff die feindliche Front an der Elbe durchbrochen und befanden sich am frühen Morgen des Uebungstages in wei­terem Vordringen in südwestlicher Richtung. Im Verlauf der Kämpfe war in der Gegend nordwest­lich der Stadt Munster in der Nähe von Bispingen eine breite Lücke in der feindlichen roten Front entstanden, in die weitere neu herangeführte blaue Kräfte in der allgemeinen Richtung auf Sol­tau hineinstoßen sollten.

Mit der Aufgabe wurde die zunächst verfügbare 6. Division des VI. Armeekorps unter Führung des Generalmajors Keitel betraut, die nun auf mehreren Marschstraßen beiderseits von Bispingen in der Richtung SoltauWalsrode, also von Nord­osten nach Südwesten vorgeht. Die rote Partei hatte, in dem Bestreben, die entstandene Lücke in der Front zu schließen, ihre noch verfügbaren Kräfte unter Führung des Generalmajors Kunze aus der Gegend südwestlich Uelzen in nordwestlicher Richtung in Marsch gesetzt, um das Vorgehen der blauen Partei zu unterbrechen. Dieser Vormarsch der roten Partei zwang den Führer von Blau etwa um 11 Uhr sich dahin zu entscheiden, seine Division auf Grund der ihr in der linken Flanke drohenden Gefahr plötzlich in völlig anderer Rich­tung fast rechtwinklig zu der bisherigen Vvr- marschrichtung abzudrängen, um den neuen Feind anzugreifen und zu schlagen. Beide Par­teien hatten das Bestreben, sich in den Besitz der zwischen ihnen liegenden und für den weiteren Kampf außerordentlich wichtigen Höhe westlich des Munsterlagers zu setzen, um das sich unter Einsatz aller Mittel äußerst erbitterte Kämpfe entspannen.

Bis zum Abend hatte Rot diese Höhenlinie in seiner Hand.

Der Aufmarsch der beiden Kolonnen, die in Marschordnung ihrem Ziele zustrebten, vollzog sich keineswegs ungestört. Beide Parteien arbeiteten mit ungewöhnlich starkem Einsatz der Fliegerkräfte, vornehmlich der Tiefflie­ger, die in geringer Höhe Über den Kolonnen Bomben abwarfen und die Truppen mit Maschinen­gewehrfeuer belegten. Dor allem die große Schwen­kung der blauen Partei veranlaßte den Gegner zu verstärktem Einsatz seiner Flieger. Ein wundervolles Kampfbild bot sich dann am Abend, als Rot von allen Punkten seiner Front aus die Höhen angriff, deren Besitz für den Ausgang der Schlacht wahr­scheinlich von entscheidender Bedeutung fein wird.

Zwei ftanzösische Grohbomber zusammengestohen und abgestürzt.

Zwei an den Manöoern in der Champagne teil­nehmende ftanzösifche Großbomber stießen bei Chateau-Porcien zusammen und stürzten ab. Sämtliche zehn Mann der Besatzung der beiden Flugzeuge kamen ums Leben. Es handelt sich um zwei Apparate der zweiten Staffel des 21. Flugzeuggefchwaders in Nancy. Nach dem Zu­sammenstoß stürzte das eine Flugzeug brennend neben dem Rathaus von St. Jean-au-Bois ab und übertrug den Brand auf eine Baracke. Die fünf Mann Besatzung verbrannten. Der andere Apparat stürzte 1500 Meter vom Rathaus entfernt aufs Feld. Die fünfköpfige Besatzung fand ebenfalls den Tod. Man nimmt an, daß der Unfall auf die durch starke Wolkenbildung behinderte Sicht zu- rückzuführen ist. Die Trümmer der beiden Mili­tärflugzeuge werden bis zur genauen Aufklärung des Vorfalles streng bewacht. Der Luftfahrtminister D e n a i n hat sich an die Unfallstelle begeben.

Geschichten aus aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Zwei Brüder sehen sich zum ersten Male, (z) Sidney.

Daß man 62 bzw. 51 Jahre braucht, um den eigenen Bruder endlich einmal kennenzulernen. Durfte zu den Seltenheiten in diesem Leben gehören Es ist aber soeben Der Fall gewesen mit Den betDen BrüDern Davis, Die sich ln Dem genannten Alter befinDen unD kürzlich sich zum ersten Male im Leben im StäDtischen Cumnock im australischen Neu^SüD-Wales um Den Hals fielen. ___

Der ältere BruDer war im Alter von fünf Satyren von einem wohlhabenden Onkel an Shnbes Statt an* genommen und nach Queensland gebracht worden, sechs Jahre, bevor der jüngere Bruder John ge- boren wurde. Beide Brüder haben nie miteinan­der korrespondiert, und nur durch einen Zufall er­fuhr der Queenslänber neulich, daß ein Bruder von ihm in Neu-Süd-Wales lebe. Er machte ihm einen Ueberrafchungsbefuch, und ein merkwürdiger Zufall will es, daß beide wohlbestallte Bäcker­meister sind.

Das Nashorn beschert langes Leben.

(ur) Peking.

Mit Strafen und Aufklärungen geht man manchen Lastern und Unsitten im Reiche des Drachens zu Leibe. Aber in einer Hinsicht wird man vorläufig mit allen Bemühungen versagen: beim Aberglau­ben. Die alten chinesischen Aerzte werden noch auf Jahrzehnte viel zu tun haben. Und auch jene, die pulverisiertes Rhinozeroshorn verkaufen, wer­den nach wie vor ihr Geschäft machen. Der augen­blickliche Preis für ein Kubikzentimeter Rhino- zeroshorn beträgt rund 40 Dollar. Man verkauft diesesMedikament", das schon seit Hunderten von Jahren gehandelt wird, besonders solchen Chinesen, die ins Ausland gehen. Sie nehmen fern der Hei­mat Tag für Tag einige winzige Staubkörnchen des Rhinozeroshornes zu sich und sind überzeugt, daß dieses Mittel ihr Leben in einer Weise zu verlängern vermag, die sie die alte Heimat noch einmal Wiedersehen läßt...

Grober Unfug im Affenkäfig.

(th) Neuyork.

Die Leitung des Neuyorker Zoologischen Gartens führte bittere Klage über die Unbotrnäßigkeit ihrer Affen und zugleich auch der Zoobesucher, die mit einer geradezu böwilligen Beharrlichkeit ihre Zigar­ren- und Zigarettenstummel in die Affenkäfige schleudern, wo sie von den Tieren ergriffen und kunstvoll zu Ende geraucht werden. Ein junger Drang Utan ist sogar ein großer Liebhaber von Kautabak und verschmäht selbst sein Essen, wenn er einenStift" bekommen kann. Ost sieht man ins­besondere die Schimpansen in ihrem Gemeinschafts­käfig stillvergnügt im Kreise sitzen und einen bren­nenden Zigarrenstummel von Hand zu Hand und Mund zu Mund gehen lassen. Sie vergessen darüber völlig die übrige Welt. Die leidenschaftlichste Rau­cherin ist eine ältliche Schimpansin, die früher auf Der Varietöbühne aufgetreten ist. Zierlich hält sie Die Zigarre oder Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und knipst mit dem Mittelfinger die Asche ab.

Die Leitung des Neuyorker Zoo geht allen Ern­stes mit dem Gedanken um, ihren Besuchern das Rauchen zu verbieten.

DerehrgeizigePolizistunddiegarstigcBraut

Da. Chicago.

Der Schutzmann Mac Calmon ist aus der Poli­zei ausgestoßen worden. Er war ein nüchterner, anständiger, fleißiger Mensch und hatte nur den einen Fehler: er war krankhaft ehrgeizig. Mac Calmon hatte das ausgesprochene Pech, sich nie­mals auszeichnen zu können. Wenn er Dienst hatte, war nie etwas los kaum daß er gelegentlich mal einen Betrunkenen von der Straße her aufs Revier brachte. Und dabei standen viele Kollegen alle Augenblicke lobend erwähnt in der Zeitung ...! Mac Calmon hielt das nicht mehr aus. Er mußte den Bann brechen, der auf ihm lastete. Also ging er hin und schrieb einen prächtigen Bericht für eine Zei-

Ein kleiner Leutnant und ein großer General.

Eine wahre Manövergeschichte mit Hindenburg.

feiner Mannschaft hatte auf eine imaginäre Helm­spitze geschossen, die angeblich zwischen den Baum­stämmen aufgetaucht fein sollte.

Der Leutnant schimpfte und fluchte zwar herz­haft, aber im Innern gab er doch dem Infanteri­sten, der nach dem Gespenst geschossen hatte, recht. Das Warten fiel ihm selber auf die Nerven. Der

Hindenburg war damals noch Kommandie­render General des IV. Armeekorps in Magdeburg, als sich folgende wahre Begebenheit bei einer großen Hebung zugetragen hat.

Die Gefechtsaufaabe war nicht gerade schwer ausgefallen, aber sie gab doch an einigen, schein­bar nebensächlichen Punkten harte Nüsse zu knacken. Man konnte da so oder so handeln, abwarten ober angreifen, eins war so richtig wie bas anbere. Nur wenn bas nötige Glück fehlte, konnte gerabe bas, was man tat, falsch sein. Solch einen wunden Punkt hatte ein Hauptmann mit Strategenblick erspäht. Es war ein Eisenbahndamm zu besetzen, vor dem sich tückisch dichter Wald ausbreitete und die Sicht zum Feinde versperrte. Obendrein konnte man nur wenig Truppen für den Damm verwen­den, um sie nicht an wichtigeren Stellen entbehren zu müssen.

Der Hauptmann befahl einem jungen Leutnant, den Bahndamm mit einer Anzahl von Leuten zu be­setzen und zu halten; nötigenfalls habe er zu han­deln, wie es Klugheit und Gebot der Lage erfor­derten. Da aber Klugheit und Gebot der Lage reichlich abstrakte Begriffe sind, mochte Leutnant v. Gerald ahnen, daß er bei der Niederlage feiner Partei unter Umständen einen prächtigen Sünden­bock abgeben würde. Allein feine Bedenken wurden einigermaßen zerstreut, als ihm der Hauptmann versprach, ihn durch Meldereiter auf dem Laufen­den zu halten.

Die kriegerischen Operationen nahmen ihren An­fang. Leutnant v. Gerald und seine Leute hörten von ferne Platzpatronen krachen, aber für sie war es trotzdem eine recht (angeroeilige Angelegenheit, auf dem Bauch zu liegen, während die Sonne mit hochsommerlicher Glut und Güte die Rücken schmo­ren ließ. Die Luft flimmerte so eigenartig, daß man allerlei Dinge in sie hineinsehen konnte, die man gern decken wollte: Helmspitzen von der feind- lichen Partei.

Eine Erlösung war es für den Leutnant, als der Meldereiter kam. Aber der wußte auch weiter nichts zu berichten, als daß der Wald vor dem Bahndamm noch vom Feinde frei war.

Dann versickerte wieder eine Stunde. Die Hitze steigerte sich mittäglich, und mancher brave Mus- feiler hatte Mühe, die Augen offenzuhalten. In das allgemeine Dösen hinein krachte plötzlich ein Schuß. ' Leutnant v Gerald sprang auf. Einer

größte Schlamassel kann das werden, dachte er, noch eine Stunde, und wir sind in Schweiß zer­flossen und sehen weiße Mäuje. lieber ihnen lastete die Sonnenglut, vor ihnen lockte der Wald mit seiner schattigen Frische.

Inzwischen kam wieder die Meldung: der Wald noch frei vom Feinde!

Leutnant v. Gerald dachte angestrengt nach: Man könnte also den Wald durchschwärmen und an dessen jenseitigem Rand den Feind erwarten, der auf freiem Felde ohne Deckung angreifen müßte. Ueberbies wäre man nicht mehr biefer Bullenhitze ausgesetzt, unb bie Leute könnten ihre fünf Sinne besser beieinanberhalten. Der Eisenbahnbamm würbe in der neuen Stellung besser, mindestens ebenso gut zu halten sein wie hier.

Der Leutnant faßte sich ein Herz und ging mit seiner Mannschaft in Schützenlinie, durch das Ge­hölz vor. Man wurde wieder munter, und die Hebung fing an, ein wenig Spaß zu machen... Als die Linie aber etwa zweihundert Schritt vor­gerückt war, wurde sie durch feindliche Kavallerie von links und rechts zusammengerollt. Die Beweg­lichkeit der Reiter war zwar im Gehölz beeinträch­tigt, aber die Plötzlichkeit des Angriffs ließ ihnen den Sieg zufallen. Leutnant v. Gerald wurde jamt feinen Infanteristen nach tapferer Gegenwehr ge­fangengenommen.

Der junge Offizier nahm in Gedanken schon seinen Abschied aus der Armee. Unb seine finsteren Ah­nungen verwirklichten sich auch: seine Partei würbe besiegt! Da warb es bem Leutnant gewiß, baß er ber Sünbenbock fürs halbe Armeekorps sein würde, weil er eigenmächtig seine Stellung gewechselt hatte und alles schief gegangen war. Eine Höllen­wut hatte er auf den Meldereiter, der ihn durch sein Der Wald ist frei!" in Sicherheit gelullt hatte. Kurz: Leutnant v. Gerald zerfiel mit sich und der Welt.

Wie ein armer Irrer stand er dann bei ber Kri­tik auf bemFelbherrnhügel". Er hörte wohl, baß bie hohen Chargen seiner Partei wetterten, was bas Zeug hielt, unb baß ber Vorgesetzte immer bie Schutt» bem nächsten Untergebenen weiterreichte. So ging es burch bie ganze Rangliste. So oft sich bas drohenbe Unheil eine Stufe tiefer wälzte, sank Leutnant v. Geralb ein Stück weiter in seine Stie­felschäfte. Eben sprach sich ber Major kernig unb kraftvoll aus Der Leutnant fuhr auf, weil enblich

sein Name genannt würbe. Aber der Major rich­tete seine bitteren Anklagen vorläufig erst gegen den Hauptmann, und der Schluß feiner Rede lautete:

Ich hoffe, daß Sie, Herr Hauptmann, in näch­ster Zeit dem jungen Leutnant durch Felddienst- übungen reichlich Gelegenheit geben werden, zu ler­nen, wie man sich im Kriege zu benehmen hat!"

Den Leutnant v. Gerald hatten Not und Bammel inzwischen so aufgemutzt, daß er fähig war, einige triftige Gründe für seinverantwortungsloses" Handeln zusammenzuklauben. In feine Gedanken hinein donnerte der Hauptmann viel vonboden­loser Unkenntnis", auch die fälligen Felddienstübun­gen übertrug er weiter. Nach dieser Kritik trat be­ängstigende Stille ein. Alle Offiziere blickten er­wartungsvoll auf den General von Hindenburg, der bis jetzt noch kein Wort gesagt hatte.

Hindenburg strich sich Den Bart nach beiden Seiten und begann in seinem ruhigen Baß zu sprechen:

Ja, meine Herren, Sie haben da Ihre Meinung ziemlich eindeutig gesagt, ich kann eigentlich nicht mehr viel hinzusetzen. Ich habe von diesem Hügel aus die Gefechtslage klar überblicken können und habe auch bemerkt, daß Leutnant v. Gerald den Bahndamm mit feiner Abteilung verließ. Dabei jing's mir durch den Kops: du mußt doch nachher den Leutnant mal fragen, was der sich wohl jedacht haben muß. Na, Herr Leutnant, wollen Sie uns das nicht mal verraten?"

Wieder trat Stille ein. Aller Augen richteten sich nun auf den jungen Offizier, der erst geraume Zeit druckste, bann aus ber Reihe feiner Kame- raben trat unb Haltung annahm. Froh war er, daß ihn wenigstens einer endlich nach seiner Mei­nung fragte. Und bann brachte er alles vor: un­günstige Stellung, Sonnenglut, ben Schuß aufs Hirngespinst, bie Melbungen des Reiters, kurz, alles, was er schon bei sich selber überlegte hatte.

Aus diesen Gründen formulierte er, ermutigt durch Hindenburgs Kopfnicken, eine geschickte Recht­fertigung seiner Tat. Als er geendet hatte, sagte Hindenburg:

Ich will dazu noch'n Wort bemerken: wenn Sie, junger Freund, wieder mal in so eine Lage kom­men sollten, handeln Sie wieder so! Ich hätte es, weiß Gott, selber nicht anders gemacht. Für mich ist's immer die Hauptfach gewesen, daß meine Her- ren Offiziere denken können unb sich nicht blinb- lings auf bie Befehle ihrer Vorgesetzten verlassen. Hat einer wichtige Grünbe für eigenmächtiges Han­deln, und's jeht trotzdem schief, bann ist bas Pech, unb bafür kann keiner was. Besonbere Situatio­nen rechtfertigen befonbre Handlungen!"

I Der Leutnant wuchs wieder zu feiner natür»

lichen Größe empor, unb ein wenig mochte er sich auch barüber yinausrecken. Seine Kameraben blickten mit Stolz auf ihn, ba er bie Ehre ber Charge gerettet hatte. Den höheren Dorgefetzten vorn Hauptmann ab aufwärts gab es vollenbs ben Rest, als Hinbenburg bie Hebung fchmunzelnb schloß:

Unb Felbbienstübungen werben mir, meine Her­ren, ben Leutnant von Geralb nicht mehr tun lassen, als es üblich ist."

Zwar war bie Kritik nun zu Enbe, aber bas große Erlebnis bes kleinen Leutnants noch nicht. Das fanb erst adenbs im Kasino feinen glänzenben Abschluß. Als ber General v. Hinbenburg ben Saal betrat, blickte er suchenb zum Leutnants­tisch hinüber unb rief ben jungen Offizier zu sich. Er führte ihn väterlich wvhlwvllenb an bie Tafel ber hohen Chargen, bie sehr besetzt war.

Hinbenburg sagte zu einem reichbetreßten, älteren Herrn:

Exzellenz rücken wohl'n Stückchen nach? Ich möchte gern meinen jungen Freunb hier an ber Seite haben."

Der kleine Leutnant v. Geratt» aber fanb, als er mit bem General v. Hinbenburg eine Flasche Wein zusammen leerte, baß fein Äommanbeur nicht nur ein gerechter Vorgesetzter, fonbern auch ein präch­tiger Mensch war.

Arthur-Heinz Lehmann.

Sie heirateten ihren Chef.

Eine englische Wochenzeitunq erließ kürzlich eine Runbfrage an ihre Leserinnen, auf welche Weife sie ihren Mann tennengelernt hätten. Dabei erklärten nicht weniger als 2000 Stenotypistinnen ihren C h e f geheiratet zu haben. Es war aber, wie bie Mehrzahl ber Damen erläutert, nicht immer ganz einfach, bas Augenmerk bes Gestrengen auf ihre weiblichen Reize zu lenken. So haben sich 756 Büro- bamen brei volle Jahre anstrengen müssen, bis sie bas Herz ihres Vorgesetzten eroberten, unb 431 Damen haben nach ber Statistik zwei Jahre bis zum Derlobungskuß arbeiten müssen. Ganz befon- bers talentiert müssen bie 908 Mäbchen gewesen fein, benen ber Chef schon im ersten Jahre ihrer Zusammenarbeit fein Herz antrug. Don biefen 908 Damen haben 167 sogar nur zwei Monate ge­braucht, bis sie mit ihrem Chef zum Stanbesamt gehen konnten. Tüchtig, tüchtig, biefe Mäbchen, und sicher waren sie es auch auf ber Schreibmaschine, denn heutzutage kann kein Betrieb ein Mäbchen ge­brauten, bas mit Puberbose unb Lippenstift besser Bescheib weiß, als mit Stenogrammblock unb Ma­schine ...