Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag,!. September 1935
Nr. 209 Zweites Blatt
Nandgloffen zurkleinenZeitgeschichte.
Von Ernst v. Niebelschüh.
In der vom Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste herausgeaebenen Zeitschrift „D i e K u n st k a m m e r" hat sich vor kurzem Wil Kelter mit der Frage der Kunstausstellungen beschäftigt und dabei die „Ueberwindung" einer Institution gefordert, die künstlerisch keinen Sinn mehr hat und selbst ihre wirtschaftliche Zweck- bestimmung nur noch in ganz geringem Maße erfüllt. Warum? Weil die großen Monster-Ausstellungen, in denen man auffallen muß, um überhaupt beachtet zu werden, zu einem schrankenlosen Subjektivismus geradezu verführen, und weil zweitens zwischen der Fülle des Dargebotenen und der Aufnahmefähigkeit des Publikums ein von Tag zu Tag größer werdendes Mißverhältnis besteht. Aber der Verfasser bleibt nicht im Negativen stecken, er sucht Mittel und Wege zur Herbeiführung gesünderer Zustände, die er kommen sieht, wenn erst einmal eine gut organisierte Arbeitsbeschaffung den Künstler von den Zufälligkeiten des Marktes, also der Kunstausstellungen unabhängig macht.
Das ist nun zwar keine neue, aber doch eine immer wieder neu zu erhebende Forderung: Zuweisung größerer Aufgaben durch den Architekten, den privaten und öffentlichen Auftraggeber. Allerdings: das Problem ist damit noch nicht gelöst, denn die Viel-zu-vielen, die Unberufenen, an deren Ueber- zcchl unser heutiger Kunstbetrieb so leidet, werden damit nicht einfach ausgeschaltet werden. Immerhin dürfte das wohl der Weg sein, um „den schreienden kunstfremden Experimenten, denen die Kunst- ousstellungen seit einem halben Jahrhundert ihr Dasein verdanken", den üppigen Nährboden zu entziehen, ohne daß wir nun bleich das Nahen eines goldenen Zeitalters zu erhoffen wagen. Denn nun entsteht die entscheidende Frage: wird sich der Auftraggeber der Größe und Verantwortung seiner Aufgabe auch gewachsen zeigen? Wird der bevorzugte Künstler auch immer der würdigste sein? Das Problem ist also nicht so einfach, auch wenn man die allerbesten Absichten voraussetzen darf. Inzwischen wird es aber in der Tat darauf ankommen, die Qualität der Ausstellungen, wie in der „Kunstkammer" vorgeschlagen wird, durch Beschränkung auf das wirklich Wertvolle zu heben. Wer aber bestimmt dieses Wertvolle? Ejn Einzelner? Eine Kommission? Man sieht — Fragen über Fragen.
Während die Staatsmänner Europas sich über die Mittel zur Beilegung des italienisch-abessinischen Konfliktes den Kopf zerbrechen, ist eine kluge englische Frau, Lady Frida Harris, auf einen Ausweg verfallen, von dem sie sich nichts geringeres als die Verhinderung von Kriegen überhaupt verspricht. Sie wendet sich nämlich mit einem Aufruf an sämtliche Hausfrauen d e r W e l t, in dem diese dazu aufgefordert werden, sich feierlich zur Boykottierung aller Waren kriegführender Staaten zu verpflichten. Wenn das, so argumentiert Lady Harris, auch nur eine Reihe von Monaten hindurch geschähe, so müsse das einen solchen wirtschaftlichen Druck auf den Angreifer ausüben, daß sich seine kriegerische Leidenschaft bald abkühlen werde. — Wer erinnerte sich hier nicht jener einfallsreichen Athenerin Lyfist r a t a , die in einer der ergötzlichsten Komödien des Aristophanes ihre Geschlechtsgenossinen in ganz Hellas zu einem allgemeinen Eyestreit ermunterte in dem sie das probateste Mittel sieht, dem männermordenden Krieg ein rasches Ende zu bereiten. Bekanntlich hatte schon besagte Lysistrata mit schnödem Verrat in ihren eigenen Reihen zu kämpfen, dieweil einige Damen etwas versprachen, was zu halten nicht in ihrer Macht stand; und auch untere Lady dürfte mit ähnlichen Schwachen der weiblichen Natur zu rechnen haben, wenn es erst darauf ankommt, der Verlockung der duftenden Drangen auch praktisch zu widerstehen. Gleichwohl: das durch
bittere Erfahrungen skeptisch gewordene Europa hat sich so daran gewöhnt, den völkerkundlichen Bemühungen zu mißtrauen, daß es von der Mobilmachung der Hausfrauen durch Lady Harris mit jenem stillen Wohlgefallen Notiz nimmt, das fast einer Zustimmung gleichkommt.
Die Dummen werden nicht alle — das war das übereinstimmende, wenn auch nicht übermäßig geistreiche Urteil, mit dem die deutsche Presse das unsaubere Treiben des Sektengründers Weißenberg und die Leichtgläubigkeit feiner Opfer kommentiert hat. Die Frage nach den tieferen Hintergründen ist kaum je gestellt, geschweige denn beantwortet worden. Wie war es möglich, daß in einer so aufgeklärten Zeit wie der unserigen so viele Menschen auf den unsagbar groben Schwindel hineinfallen konnten? Sollten es wirklich nur Schwachsinnige gewesen sein? Es genügt eben doch nicht, eine Kulturgroteske lächerlich zu machen, so sehr sie es, oberflächlich betrachtet, auch verdienen mag. Weit aufschlußreicher ist doch ihre tragische Kehrseite. Denn im Grunde war es wohl doch eine unbefriedigte Sehnsucht, ein metaphysischer Hunger, der viele zu Anhängern des „Propheten" machte — Manschen, die sich religiös entwurzelt fühlten und instinktiv etwas suchten, was ihrem sinnlos gewordenen Leben irgendeinen tragenden Inhalt zu geben versprach. Man wird fürchten müssen, daß sich der Fall Weißenberg unter anderen Namen noch wiederholt, denn es ist eine geschichtlich zu belegende Tatsache, daß der Mensch, der die vernunftgemäße Verbindung mit einer übersinnlichen Ordnung verloren hat, diese Verbindung, ohne die er nicht leben kann, in unvernünftiger und krankhafter Weise wieder herzustellen sucht. Es ist mit der geistigen Nahrung wie mit der physischen:
der Hunaer macht die Ersatzmittel-Industrie doppelt erfinoerisch, und wo es an Geist fehlt, da spuken die Geister.
Wie sich die Zeiten doch ändern, und mit den Zeiten auch die Sitten und Gewohnheiten der Menschen! Man spürt das besonders, wenn man auf Dinge stößt, die einmal für heilig gehalten wurden, mit dem Fortschreiten der Zivilisation aber so viele Metamorphosen durchgemacht haben, daß heute wohl die meisten mitleidig lächeln würden, wollte man sich unterfangen, auf ihren ursprünglich nicht profanen Sinn hinzuweisen. Die N a - mengebung etwa. Aus den Geschichten der Bibel wissen wir, daß sie in alten Zeiten keineswegs in das Belieben der Eltern gestellt war, sondern daß der Engel des Herrn vor der Geburt des Kindes dem Vater oder der Mutter im Traum erschien und den Namen als den Willen Gottes verkündigte. Heute hat längst das Namenlexikon die Engel über- S gemacht: man sucht sich unter tausenden einen passend scheinenden Namen heraus, unbekümmert darum, ob Name und Charakter auch übereinftimmen werden. Aber auch das ist in einer Zeit, die für nichts mehr Zeit hat, schon beschwerlich, denn wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Jedenfalls war das kürzlich bei einem amerikanischen Dollarkönig der Fall, dem bei der Geburt einer Tochher absolut kein für die künftige Dollarprinzessin passender Vorname einsallen wollte. Allein, unser Nabob half sich auf echt amerikanische Weise: er wandte sich an d i e Oefsentlichkeit und schrieb einen Preis von 5000 Dollars für denjenigen aus, der ihm den schönsten Mädchennamen nennen könne. Wer möchte daran zweifeln, daß sich für solche Summe ein rettender Engel gefunden hat?
Werbungen mit großem Geräusch fortzusetzen, um der französischen Regierung zu imponieren, aber Ferry traute dem Wort des Kanzlers mehr als der chinesischen Prahlerei, und als die französische Presse anfing, sich zu beunruhigen, ließ Bismarck auf Ferrys Wunsch jene Versicherung, die er zunächst nur vertraulich abgegeben hatte, sogleich durch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" öffentlich wiederholen.
Auch nach einer anderen Seite suchte Bismarck beruhigend zu wirken. Da England die Vergrößerung des französischen Kolonialreichs in Ostaiien ungern sah, lag der Verdacht in Paris nahe, daß Bismarck durch die Mahnung, kräftig gegen China aufzutreten, einen Konflikt zwischen England und Frankreich Hervorrufen wolle: die Meinung, daß er auf Frankreichs Verderben sinne, lebte nun einmal in den meisten Franzosen. Bismarck fand sogleich das rechte Wort gegen diese ihm wohlbekannte Stimmung. Durch seinen intimsten Untergebenen, seinen Sohn Herbert, ließ er dem Minister Ferry, wie dieser unmittelbar danach aufzeichnete, sagen, ein solcher schwarzer Verdacht verkenne völlig die Interessen Deutschlands, denn für Deutschland sei ein Krieg zwischen England und Frankreich nicht weniger schädlich als ein Krieg zwischen Oesterreich und Rußland.
Bei Ferry hatte diese Sprache in der Tat Erfolg. Er führte den ostasiatifchen Krieg in der festen Zuversicht, von Deutschland nicht gestört zu werden, und in anderen schwebenden internationalen kolonialen Fragen, in der Einrichtung des Kongostaa- tes und der Regelung ägyptischer Finanzfragen, gingen Deutschland und Frankreich vielfach zusammen; schon sprach man unter den Diplomaten von der offenkundigen Entspannung zwischen den beiden bisherigen Gegnern. Welche Aussicht für die Welt, wenn der koloniale Ehrgeiz den Sieg über den kontinentalen davontrug und ein dauerndes deutsch-französisches Vertrauensverhältnis herge» stellt wurde!
Aber das Verhängnis war, daß die französische Nation sich versagte. Gerade die guten Beziehungen zu Deutschland, die die große Expansion ermöglichten, wurden der Regierung als Verbrechen angerechnet: Clömenceau warf Ferry vor, sich in die Abhängigkeit von Bismarck begeben zu haben, und stellte die ostasiatische Politik in Gegensatz zur Revanchepolitik, und damit schlug er durch: es gelang ihm, Ferry zu stürzen (30. März 1885). Natürlich mußte sein Nachfolger F r e y c i - n e t die ostasiatische Politik im Sinne Ferrys fortsetzen, weil schon zu viele Werte in Tongking und Annam festgelegt waren, aber mit der Annäherung an Deutschland war es vorbei: jede Regierung, die nur den Schein eines engeren Zusammengehens mit Deutschland auf sich nahm, war seitdem ihres Sturzes durch die Kammer gewiß. Selbst Ferry mußte nach seinem Sturz auf Angriffe gegen seine Politik erwidern, keine französische Regierung könne die Erwerbung irgendeiner Kolonie als Kompensation für 1871 betrachten. Eine andere Haltung hätte ihm für immer den Rückweg in die Regierung verschlossen.
Bismarck zog sofort die Folgerung aus diesen Vorgängen. Keineswegs schlug er eine feindselige Politik gegen Frankreich ein; er sagte dem französischen Botschafter immer wieder, daß er keine Forderung an Frankreich habe und ihm den besten Erfolg in seinen überseeischen Plänen wünsche, aber er hielt sich systematisch zurück, wenn ein diplomatisches Zusammenwirken gegen England in Frage kam. Denn, schrieb er dem deutschen Botschafter in Paris, der Revanchegedanke fei, wie Ferrys Schicksal zeige, immer noch das beste Mittel, die Franzosen zu interessieren und fortzureißen, also habe es England immer in der Hand, durch Begünstigung der Revanche Frankreich von Deutschland zu trennen und Deutschland zu isolieren. Diese Erkenntnis führe nicht zur Preisgabe Frankreichs, Deutschland habe vielmehr stets ein Interesse an der Erhaltung eines französischen Gegengewichts gegen England; Deutschland werde daher nicht selten Frankreich unterstützen können, aber in solchen Fällen müsse Frankreich die Spitze haben und Deutsch-
Bismarcks Versuch einer Verständigung mit Frankreich vor fünfzig Jahren.
Von llniverfiiatsprofessor Dr. Gustav Wolost.
Frankreich ist mehr als jedes andere europäische Land zugleich mit dem Fe st lande und dem Meere verbunden. Daher seine wechsel- reiche Geschichte. Der Ausbildung des französischen Nationalstaats im 16. und 17. Jahrhundert folgt das Streben nach der Hegemonie in Europa mit der Eroberung deutschen und anderen Gebiets und zugleich eine weitausgreifende überseeische Politik, die Gründung eines Kolonialreiches, das zeitweilig dem englischen gewachsen oder gar überlegen war. Auch im 19. Jahrhundert bewährte sich die doppelte Fundierung des französischen Staates. Nach der Niederlage seiner europäischen Politik im Jahre 1870 setzte eine überseeische Expansion ein, die der französischen Nation einen gewaltigen wirtschaftlichen und moralischen Aufschwung ermöglichte.
Ihr Gegner war im allgemeinen England, aber das Glück der Franzosen war, daß ihr Besieger ihre überseeische Tätigkeit begünstigte. Weit entfernt, die französische Nation zu knebeln, wünschte Bismarck, der besser als die Verfertiger des Versailler Diktats wußte, daß ein großes ehrgeiziges Volk auf hie Dauer nicht in Fesseln zu halten ist, ihr gerade koloniale Erfolge, um ihre Gedanken vom Rhein und von den Vogesen abzulenken. „Meine beständige Sorge ist", sagte er dem französischen Botschafter im Jahre 1884, „Frankreich dahin zu bringen, daß es Sedan verzeiht, wie es nach 1815 Waterloo verziehen hat. Ich wünsche deshalb, daß es Befriedigung nach allen möglichen Richtungen erhält, ausgenommen in der Richtung nach dem Rhein." Nach diesem Grundsatz hat Bismarck gehandelt. Den Beweis erbringen nicht nur die schon längere Zeit vorliegenden deutschen Dokumente, sondern auch die jetzt neu erschienenen französischen Akten aus dieser Epoche.
Bei der Besetzung von Tunis (1881) gewährte Bismarck den Franzosen moralische Unter
stützung und hielt die Opposition der Türken und Italiener im Zaum, in Aegypten stand er ihnen häufig gegen die überlegenen englischen Rivalen zur Seite, vor allem begünstigte er die Vergrößerung des französischen Kolonialreichs in O st a s i e n. Hier hatte schon Napoleon III. eine bedeutende Stellung in Annam und dem Nachbargebiet erobert, und die Natur der Dinge drängte darauf hin, die benachbarten füdchinefischen Provinzen, von wo aus die französischen Besitzungen dauernd beunruhigt wurden, zu unterwerfen. Aber ein Jahrzehnt lang wagte sich die Republik nicht an diese Aufgabe heran, weil sie von Deutschland einen Ueberfall befürchtete, sobald sie starke Kräfte in Ostasien engagiert habe. Aus dem Verlauf der tunesischen Angelegenheit erkannte der Minister Ferry die Grundlosigkeit dieses Argwohns und wagte deshalb eine größere Unternehmung zur Sicherung und Erweiterung der französischen Sphäre (1884/85).
Bismarck wünschte zwar einen Krieg zwischen China und Frankreich nicht, weil er den deutschen Handel schädigte, aber als er unvermeidlich wurde, empfghl er den Franzosen ein kräftiges Vorgehen: in dem Konflikt zwischen der Zivilisation und der halben Barbarei, sagte er dem französischen Botschafter, stehe Deutschland natürlich auf Seite der Zivilisation; Frankreich möge ohne Besorgnis vor einer europäischen Einmischung den Krieg mit großen Mitteln führen, um ihn bald zum gewünschten Ende zu bringen. Unbedingt verwarf er jede Unterstützung Chinas. Als die Pekinger Regierung versuchte, deutsche Offiziere und Unteroffiziere unter hohen oefuniären Versprechungen — 18 000 Mark Jahressold für den Leutnant neben hohen lieber- fahrtsspefen — anzuwerben, teilte Bismarck sofort dem französischen Botschafter mit, daß kein aktiver oder Reserveoffizier die Erlaubnis zum Eintritt in den chinesischen Dienst erhalten werde. Trotz dieser Haltung der deeutschen Regierung suchte China seine
Bildnis des Vaters.
Von Felix Timmermans
In dem von Adolf von Hatzfeld im Rembrandt-Verlag, Berlin, herausgegebenen Werk über den flämischen Dichter und Zeichner Felix Timmermans finden sich Worte des Dichters, mit denen er feinem Vater den Dank abftattet, den er ihm schuldig ist. Wir entnehmen dem Buch dies Zeugnis der Dankbarkeit, weil sich in ihm auch das Wesen des Sohnes widerspiegelt.
Wenn ich Ihnen jetzt von meinem Vater erzähle, so geschieht es nicht, weil es mein Vater ist, sondern weil er mich das Erzählen gelehrt und so mitgearbeitet hat an meinen Büchern, ohne daß er es wußte.
Als ich hier in Lier geboren wurde, jetzt vor fast fünfzig Jahren/ war ich das dreizehnte Kind von vierzehn. Ich war eine Zugabe. Für mich war kein Blatz mehr im Familienstammbuch, und deshalb schrieb man mich dann einfach auf den Umschlag. Mein Vater war der Sohn eines Spitzenhändlers, meine Mutter die Tochter eines Schmiedes, und so wuchsen wir heran in lauter Spitzen. Auch mein Großvater handelte in Spitzen. Meine Schwestern und Brüder ebenfalls. Ich, ich auch. Meine Eltern muhten hart arbeiten, um die zwölf Münder, die am Leben waren, zu füllen. Mein Vater ging Spitzenhauben verkaufen in Kempen und Seeland. Damals waren die Verbindungen ganz miserabel auf dieser Strecke, und um schneller von Dorf zu Dorf zu kommen, fuhr er in einem Hundekarren, mit fünf Hunden bespannt. So sehe ich ihn heute noch abfahren. Er stand aufrecht in feinem Wagen, er hielt die fünf Zügel in der Hand, knallte mit der Peitsche, sang dabei ein Lied, der Wind blies in seinen blauen Kittel, und so fuhr er weg wie ein echter römischer Triumphator.
Mein Vater verkaufte seine Spitzenhauben auf bem Lande an die Bäuerinnen und war dann immer wie ein Bauer gekleidet, mit einem langen blauen Kittel, einem roten Halstuch und einer hohen seidenen Mütze. Denn die Bäuerinnen kaufen nicht gern von einem Herrn; denn dann werden sie betrogen. Darum kleidete sich mein Vater wie ein Bauer, und dann wurden sie nicht betrogen.
Wenn in meinen Büchern Humor ist, so verdanke ich das meinem flämischen Volk, das angefullt von Humor ist, und meinem Vater. Unter Humor ver
stehe ich keinen flachen Optimismus, sondern das, was unter dem Optimismus, unter dem Lebensverdruß und unter der Lebenstragik zu vernehmen ist und was aus jedem Verdruß und jeder Tragik als Freude oben herausblüht. Das flämische Volk war durch die Jahrhunderte hin ein tragisches Volk, das um fein Leben und feinen Bestand kämpfen mußte, doch das dank feines Glaubens froh an Geist und Herz geblieben ist. Vergessen Sie nicht, daß die Derleiblichunb von Flanderns hartem Kampf der größte Spötter und Lacher der Welt (Eulenfpiegel ist.
Ich will Ihnen ein Beispiel vom Humor meines Vaters geben. Ich war ein sehr schlechter Schüler in meiner Klasse, war meistens einer der Letzten, aber zur Freude meiner Mutter war ich noch nie der Allerletzte gewesen. Jetzt wurde ich es aber doch. Und bei der Preisverteilung wurde mir keine Prämie überreicht. Traurig verließ ich das langweilige Gebäude. Aber draußen vor der Tür stand mein Vater, eine Bismarckfigur, nur viel geschmeidiger. Ich fürchtete Prügel zu bekommen, aber sieh, er holte ein Bündel von acht Preisen hervor und sagte, daß der Direktor sie ihm soeben gebracht habe, die Verlesung der Namen sei falsch gewesen und ich sei in Wirklichkeit der Fünfte in der Klasse. Stolz zeigte ich mich nun bei allen Verwandten, die mir als Belohnung Geld gaben für meine Sparbüchse und viele Süßigkeiten schenkten. Doch als ich nach Hause kam und meine Schwester das Geld sah, sagte sie, daß sie die Hälfte davon mithaben wolle. „Warum?" fragte ich erstaunt, und sie antwortete: „Das sind doch alles meine Preise vom vorigen Jahr!"
War mein Vater auf Reisen, dann blieb meine Mutter allein zu Haus, um die ganze Zwiebelschnur von Kindern zu füttern, zu kleiden und zu betreuen und mußte dann noch den Tüll schneiden, mußte zeichnen und die Arbeiterinnen bedienen. Ich saß dabei und zeichnete die Märchenblumen nach und erfand neue, und ich lauschte den armen Arbeiterinnen, die die schlohweißen Spitzen ablieferten, ihrer saftigen Sprache, ihren farbigen Gesprächen und derben Geschichten.
Wenn es Abend wurde, schickte meine Mutter uns schnell mit einem Kreuzchen zu Bett, um ruhig und ungestört zu arbeiten. Ungern gingen wir dann schlafen. Aber kam der Vater nach Haus, dann baten wir, möglichst schnell zu Bett gehen zu dürfen. Denn bann holte er hervor, was er von der Reise mitgebracht hatte, und das waren dann die nichtigsten Dinge, aber er schrieb ihnen einen besonderen Wert zu... Einmal war er nachts nach Hause gekommen und hatte eine ganze Hutschachtel
Maikäfer mitgebracht. Doch während alles schlief, hatten die Tierchen dagegen gedrückt und den Deckel fortgefchoben und hatten in dem dunklen Zimmer herumzufliegen begonnen, daß wir alle auffpran- gen und im Hemd herumliefen und die ganze Nacht Jagd auf die Maikäfer machten.
Doch am liebsten gingen wir schlafen, wenn er zu Hause war, weil er uns zu Bett brachte und bann Geschichten erzählte, Lieber fang unb 'uns Rätsel aufgab. Unser Vater war unser größter unb bester Spielkamerad. Er zeichnete Männchen, schnitt Figuren aus Obstkernen, tanzte und spielte die Kinderspiele mit. Er machte ein Puppentheater, spielte die Stücke und wir waren Zuschauer. Selbst noch später bei Festen und Hochzeiten gab mein Vater das Beispiel der Lust, unb er war als erster babei, zu fingen, und meine Mutter war dann sehr stolz auf ihn. Nie war er pedantisch oder auf feine Autorität erpicht, und doch hat nie einer von uns ein ungehorsames Wort gegen ihn gesprochen.
Das Zubettgehen war die reinste Kirmes. Ich sehe uns noch alle nach oben klettern in unserem Nachthemd, eine ganze Rotte Kinder, dahinter der Vater mit einem Kerzenlicht in der Hand und ich auf seinem Rücken. Oh, diese Erzählungen. Marzipan ist nichts dagegen. Es waren die gewöhnlichen Erzählungen vom Däumling, aus Tausend und einer Nacht, Genoveva, die vier Haimonskinder, aber sie wurden von seiner heftigen Phantasie verwandelt. Er erzählte abends ganz langsam, langsamer als am Tag, und das tat er, um uns in den Schlaf zu kriegen, doch wir tranken feine Worte wie Süßmilch und fragten immer mehr. Auch feine Lieder waren abends langsamer, aber wir fangen sie mit. Oester konnte es mehr als eine Stunde dauern, bis wir schliefen und er nach unten ging. Aber er war geduldig. Nie wurde er böse, unb er tat uns nie etwas Böses. Er besiegte uns burch seine Gebulb.
Seltenes Vergnügen.
Zu L e n b a ch kam einmal ein sehr reicher Berliner Bankier, um sich zu erkundigen, wieviel er für sein Porträt verlangen würde. Der Meister sah sich den Auftraggeber an und forderte eine Riesensumme. Entsetzt rief der Herr: „Aber das ist ja ein ungeheurer Preis! Kürzlich habe ich ein von Ihnen gemaltes Bild B i s m a r ck s für die Hälfte gekauft!" Darauf erwiderte Lenbach ruhig: „Das kann schon sein. Aber den Furien Bismarck zu malen, war für mich ein großes Vergnügen. Unb bas hat man feiten beim Malen — Vergnügen!".
Zeitschriften.
— „Der Naturforsche r", vereint mit „Natur unb Technik". Preis vierteljährlich 2,50 Mark, Einzelheft 1 Mark. Hugo Bermühler Verlag, 23er- lin-Lichterfelbe. — Im Septemberheft biefer füh- renben naturkunblichen Zeitschrift beansprucht ber Aufsatz des bebeutenben Kieler Anthropologen Dr. Hans Weinert über bas Thema „Gibt es einen Stammbaum ber heutigen Menschen?" besonbere Aufmerksamkeit. An Hand von zahlreichen Skizzen und Bildern von den verschiedenen Menschenrassen erörterte der Verfasser die Frage nach der Herkunft und Entwicklung der Menschheit und der Entstehung der einzelnen Rassen, wobei er die Ergebnisse ber neuzeitlichen Rassenforschung und die heutige Rassenbewertung durchaus vertritt. Ebenfalls große Anteilnahme wecken die Ausführungen von Dr. H. Mann über „Biologisches und Wirtschaftliches der deutschen Forellenzucht". Auf Grund vieler Versuche und an Hand von einleuchtenden Skizzen berichtet Dr. Wilhelm Ludwig „lieber Bedeutung unb Entstehung der Lichtkompaßbewegung" unb trägt bamit Licht in bas merkwürdige, bisher noch nicht erklärte Verhalten der Tiere, besonders der Insekten in ihrer Einstellung zum Licht. Wetter- kundliche Tatsachen und Merkwürdigkeiten vereinigt Dr. R. Spitaler zu Gesetzmäßigkeiten in seiner Abhandlung „Zahlenmäßige Beurteilung des Wetters". — Tierpsychologische unb tierkunbliche Ausführungen finben wir in den Aufsätzen „Neue Beobachtungen an unserem Fuchs" von Dr. Bastian Schmid unb „Brutbiologisches vom Talegallahuhn" von Dr. H. Steinmetz. Beiben Aufsätzen sind aus- gezeichnete Aufnahmen beigegeben. Der bekannte Geologe Karl Krejci-Graf gibt einen Ausschnitt aus seinen Forschungen im Erdölgebiet Rumäniens und berichtet unter* Veröffentlichung ausgezeichneter Naturaufnahmen über die merkwürdigen „Vulkanartigen Schlammbauten in Erdölgebieten". Dr. I. Plaßmann, der bedeutende Astronom, gibt einen Ueberblick über die neuesten Tatsachen unb Ansichten zu ber Frage ber „Ober- unb unterirbischen Sternschnuppensteine" Bemerkenswert finb auch bi« allgemeinverstänblichen Untersuchungen von Pros. Dr. Hans Schnell über „Beugungserscheinungen an schwingenben Kristallen". Zahlreiche Beiträge und Forschungsergebnisse, Anregungen zur Naturbeobachtung („Vogelzug im Herbstmond" und „Die „Pilze im September"), die Bücherschau und eint Preisfrage beschließen das Heft, das wiederum Zeugnis von der Leistungsfähigkeit dieser Zeitschrift ablegt.


