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Mittwoch, 7.AugustM5

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Nr.l82 Dritter Blatt

Kür den Büchertisch.

Epische Dichtung

reich entgegenkommt, tung ihre Gestalten <

y

Bücher für die Frau

IMe-Briefe

Erlebnis der Tiaiur

Kultur der Griechen

I o van Ammers-Küller. Bedeu­tende Frauen der Gegenwart. Carl Schünemann, Verlag, Bremen. (205) Zehn Frauenbildnisse, die jedes in sich eine besondere Welt von Kampf, Tatkraft und Erfolg verkörpern, jedes auf einem andern Gebiet des kuturellen, künst­lerischen aber sozialen Lebens, jedes ein Sinnbild für viele als Sachwalterin einer Idee, als Kämpfe­rin für ein hohes Ziel, als Phänomen künstlerischen

Buch besonders anheimelnd. Wer wandert, wer wenigstens Sonntags ins Freie geht, der tut es nach der Lektüre dieses Buches mit anderen Augen. Er sieht und hört tausend Dinge, die ihm bis­her verborgen blieben. Und ist dankbar und froh.

Bruno Melissen Haken: Herrn Schmidt sein DackelHaidjer". Mit 86 Federzeichnungen und farbigem Einband von Hans Speidel. Verlag Gerhard Stalling, Ol­denburg i. O./Berlin. Geb. 3,20 Mark. (173) Dies ist die Komödie zwischen Herrn und Hund, und es ist zugleich auch die liebenswerte Komodie eines stillen Lebens draußen in der Lüneburger Heide: zwischen Herrn Schmidt und Frau Schmidt und dem dritten im BundeHaidjer", dem rauhhaarigen Rabautzerdackel, der zur kleinen Fa­milie und zum kleinen Schicksal gehört. Ein Buch unter vielen Büchern, anspruchslos und unehrgeizig, von den kleinen, ganz kleinen Freuden, von den unwichtigen, ganz unwichtigen Dingen, von den harmlosen, ganz harmlosen und nebensächlichen Dingen unseres Lebens und unserer Alltage die doch so große Wichtigkeiten, so große Freuden, so große Hauptsachen für uns alle sind, wenn wir es recht bedenken.

_ Der indirekte Löwe und andere Tier­geschichten. Don Otto P a u st. 128 Seiten. Brosch. 2 60 Mark, Leinen 3,60 Mark. Brunnen-Verlag. Willi Bischoff, Berlin. - (171) - Wie die Maus Friederike durch eine Notlüge den Kater Weißbart los wird, der sie schon packen und fressen will, wie der Dackel sich für einen Bruder des Löwen halt, wie die Fliege Cornelia nicht überwintern, sondern lieber Eier legen und dann selig sterben will, rote die Schnecke sich unüberfahrbar dünkt, wie der aus­gehungerte Wolf Bonifacius an den Trog im Schweinestall gerät, wie das Kälbchen Genoveva seiner klagenden Mutter Kuh entrissen und zum Schlachthof geschleppt wird, wie die Spinne Eulalia Dielbein die Fliege heranlockt und sonst alle riet wird hier in anspruchslos unterhaltenden Plaude-

überzeugende und, soweit es sein kann, auch er­schöpfende und umfassende Weise gelungen sei. Hier ist der Begriff der Kultur groß und wettschtchttg gefaßt, und wer, betrachtend und lesend, an Hand dieses Werks in das Wesen des griechischen Altertums einzudrinqen sich bemüht, wird nicht nur unterrichtet über Dichtung, bildende Kunst und Musik, über Re­ligion und Philosophie, nicht nur über Pindar und Homer, über Plato und Aristoteles, sondern etwa auch über Staatssormen und äußeres Leben, über Sport und Geldwesen, über die Stellung der Frau, über Trachten und Familiensitten, über Gastmahler und Märkte. Diese Darstellung Scheffers wird mit großartiger Anschaulichkeit und Eindringlichkeit be­gleitet, belebt und vertieft durch den anschließenden Bilderteil, der in vortrefflich ausgewählten und zu­sammengestellten, hervorragend wiedergegebenen Kupfertiefdrucktafeln ein wundervolles Bild helleni­scher Kultur vor dem Beschauer entrollt. Der biblio­graphische Aufriß, Anmerkungen, Register und eine große Uebersichtskarte von Altgriechenland geben . dem Leser willkommene Hilfen und erleichtern ihm

Rainer Maria Rilke: Briefe aus Mu zot. 1921 bis 1926. Herausgegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Siebe r. 410 Seiten. In Leinen 7 Mk., in Halbleder 9 Mk. Insel-Verlag zu Leipzig, 1935. - (227) - Die Ausgabe der Briefe Rilkes, deren bisher erschienene Bande früher bereits an dieser Stelle angezeigt worden sind, muß als eine wesentliche Ergänzung seiner Werke, seines dichterisch-menschlichen Gesamtbildes gelten; diese Briefreihe findet ihre Krönung mit dem vorliegenden Bande, welcher eine Auswahl von Briefen aus den letzten Lebensjahren des Dichters enthält. Die Briefe aus dem kleinen schweizerischen Bergschlößchen Muzot, wo Rilke vom Herbst 1921 bis zu seinem Tode (1926) lebte, sind erfüllt sowohl vom Bewußtsein der dichterischen Aufgabe und Der- antwortung als auch vom lebendigen Austaufch und einer herzlichen Anteilnahme am Dasein der anderen, Gleichgesinnten und Befreundeten Die Briefe, die da geschrieben worden sind, sind fast alle mit einem außerordentlichen Anspruch und aus einer tiefen Verpflichtung niedergeschrleben, sind Ausdruck einer Geisteshaltung und einer Ent- Wicklung zur letzten Reife, die nicht Zufälliges oder Belangloses mehr äußert, die oft genug einen Brief zum Essai, zum kleinen Kunstwerk erhebt. Im ein­zelnen wäre etwa besonders hervorzuheben, wie hier und dort die Vollendung der letzten Arbeiten sich spiegelt; wie Rilke sich zu jungen Menschen äußert, die sich an ihn wenden; wie er aus eine ebenso noble wie entschiedene Art Kritik ubt; wie er sich zu der Kritik am eigenen Werk stellt; wie er über Zeitgenossen denkt; wie er gewisse Fragebogen beantwortet (sehr aufschlußreich!) und ganz zuletzt, wie er, unendlich schmerzhaft erkrankt, das unabwendbare Ende schon zu ahnen scheint. Die Herausgeber haben auch dieser Sammlung nut Anmerkungen, Namenverzeichnis und Nachwort verständnisvoll die notwendige Rundung und Klä­rung verliehen; der Verlag hat den Band so vor­nehm und pfleglich ausgestattet wie alle vorher­gehenden. y

oder organisatorischen Wollens. Durch die persönliche Aussprache von Frau zu Frau entstehen Bilder von unmittelbarer Lebensnähe. Aus der Umwelt und dem Wirkungsbereich der Persönlichkeit wird das Lebenswerk gedeutet. Das Buch legt auf besondere Weise vom Streben der Verfasserin Zeugnis ab, die Frau als Mitgestalterin der Welt in hoher geistiger und sozialer Verpflichtung zu zeigen.

Frieda HauSwirth: Schleier vor Indiens Frauengemächern. 340 Seiten. Leinen 6,25 RM. Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zu­rich (248) Frieda Hauswirth beginnt mit einer Schilderung der Abschließung der indischen Frau und der damit zusammenhängenden beklagens­werten Mißstände, wie Kinderehen, Witwenverbren­nung und dergleichen mehr. Die Lage der indischen Frau war bis in die letzte Zeit beklagenswert und übte eine unheilvolle Wirkung auf das ganze in­dische Leben aus. Die Ursachen erblickt Frieda Haus­wirt im System der Abschliehung und im Bramah- nentum. Sie schildert die Auswirkung aus die Frauen selber, auf die Einstellung der Männer, auf die Familie, die Erziehung und die Politik. Dann aber beschreibt die Verfasserin auch die erstaunliche Erhebung, die im Laufe der letzten Jahrzehnte er­folgte. Die Tatsachen sind ermittelt von einer Frau, die selber mitten drin steht in dem Leben, das sie schildert.

Sophie la Roche, die Großmutter der Brentanos. Don Dr. Werner Milch. 269 Tertseiten und 24 Bildseiten. Preis Ganzleinen 5,40 Mark. Societäts-Derlag Frankfurt a. M. (221) Hier wird das Leben einer klugen und ungewöhn­lichen deutschen Frau geschildert und im Rahmen aller Zusammenhänge und vielfältigen Beziehungen zu einem fesselnden Zeitbilde erweitert. Sophie la Roche, die Jugendfreundin Wielands, die Verfasserin des ersten deutschen Frauenromans, die kluge Ge­fährtin ihres Mannes in dem diplomatischen Spiel geistlicher Höfe hält die Fäden eines schöngeistigen Kreises zusammen, dem Goethe ebenso angehört wie Schiller, die Brüder Jacobi und Grimm, Herder und Wieland, Lenz und Merk. Was ihre Zeit bewegte, bewegte auch sie, die rastlos Tätige, Anregende, selbst Schaffende. Bis der Kreis sich schließt und Bettina Brentano auf die Geschichten lauscht, die ihr die Großmutter vom Glanz und von der Fragwür­digkeit des großen Lebens erzählt.

Curt Strohmeyer: Meister Bok- 5 tert, ber Herr d e r Wasserburgen. Mit i 40 Aufnahmen. Preis in Ganzleinen 5 Mk. Der- i lag Ullstein, Berlin. (127) Am mittleren Lauf < der Elbe zwischen Magdeburg und Aken befindet 1 sich ein Urroaldgebiet, wie es inmitten der deutschen Kulturlandschaft eine große Seltenheit ist. Und ( nicht minder selten sind seine Bewohner: die Biber. : Wir kennen dies ungewöhnliche, in Europa fast , ausgestorbene Nagetier, das wie ein Fisch die ; Kunst des Schwimmens beherrscht und dessen : Lebenselement das Wasser ist, fast nur aus den amerikanischen Jäger- und Trapperromanen unserer Kindheit. Nun wird uns dieses sagenhafte Tier, dessen kostbarer Pelz der Existenz ferner Art so verhängnisvoll geworden ist, von einem ebenso feinsinnigen Naturbeobachter wie Schilderer in einem besonders prächtigen Exemplar, dem Meister Bockert vom Hardegsee, vorgeführt. Das Lebens­schicksal eines deutschen Bibers inmitten der wild- wüchsigen deutschen Wald- und Wasserlandschaft in ihrer grandiosen Einsamkeit und Unberührtheit, rote sie sich samt ihren Bewohnern nur den Auserwahl- ten unter den Jägern erschließt. Strohmeyer, der chon Elch und Wisent uns in fesselnden Buchern nahegebracht hat, hat den überaus scheuen Biber belauscht, wie er sein Gebiet durchstreift, eine Familie gründet, Wasserburgen baut und große Dämme zur Regulierung des Wasserspiegels und damit zum Schutz seiner Unterschlüpfe Auch andere Tiere kreuzen seine Fährte: Fuchs und Igel, Mich- reiher und Eule, Wildente und Rohrdommel, Dachs und Reh, aber leider ab und zu auch em hab* gieriger Mensch, obwohl Förster und Gendarm ge­rade hier im Urwald mit seinem geschützten Getter den Wilderern scharf auf die Finger sehen. Die prächtigen Bilder zeigen die urwüchsige Landschaft und das Treiben ihres seltsamsten Bewohners, sie ergänzen die anschauliche, von echter Naturliebe und feiner Beobachtung zeugende Schilderung Strobmeyers. . .T-6"

EgonvonKapherr: Hinnerk M u m° mel. Eine Hasen- und Menschenge- schichte. Mit 33 Abbildungen nach Ortginalaus- nahmen von Hermann Fischer, Braunschweig, u a Preis broschiert 3,60 Mk., in FaroUnleinen 4 80 Mk Brunnen-Verlag, Willi Bischoff, Berlin SW 68. __ (199) Bei einer Umfrage in den Volksschulen von Neuyork stellte es sich.heraus daß mehr als die Hälfte der Kinder nie em Pferd gesehen hatte Nur Autos. In unseren deutschen Großstädten ist die Tierwelt zwar noch nicht so ausgestorben, aber eine Naturoerbundenheit wie in den Zetten unserer Eltern gibt es auch bei uns nicht mehr. Wie mit tausend Armen werden wir wieder zur Mutter Natur hingezogen, wenn wir sie so sehen, wie sie uns in KapherrsHinnerk Mummel" gezeiH wird. Es ist die knapp drei Jahre umfassende Lebensge- schichte eines Hasen, eine so köstliche Geschichte, daß man gleich hinaus auf Entdeckungsfahrt gehen und H Reto und Wald und Wiest alles beobachten möchte was Kaph-rr st lebendig Mdert Schnepfe. Eichhörnchen. Specht, Amerst. Fuchs, Zaunkomg, Igel Storch, Schmetterling, Keiler, Reh, 3'E9en melier Karnickel, Lerch-, Maus, Bujstrd und Dutzende anderer Tiere Häufchen mtr m ihrem ^nmilienleben auf ihren Ratsver ammlungen, bei k-r Jagd um da! tägliche Brot, auf der Fluch, vor den Zweibeinern, di- aus langen Rohren den

knallenden Schmerz" entsenden. Auch Daum und Strauch und Halm, auch Fluß und Graben und Tümpel bekommen Seele. Das gelegentlich elnge- ! streute Plattdeutsch der Haj-njprach- macht das

reien erzählt.

Reifen und Abenteuer. ,

BestieIchinMeriko. Wahre Erlebnisse von Ernst F. L ö h n d o r f f. (Verlag Karl Schüne­mann, Bremen.) - (293) - In diesem fesselnden Buche schildert der Verfasser sein Schicksal m der mexikanischen Revolution. Fünfzehn Jahre ist er alt, als er in einem kleinen Hafen Mexikos seinem deut­schen Segler, mit dem er die Ueberfahrt gemacht hat, ausrückt. Hier in Mexiko wütet die Revolution. Er wird Plantagenarbeiter, Verwalter, ßabenbtener, Holzfäller unb Küstenschiffer, er leibet Schiffbruch und wankt, krank, in die Hafenstadt zuruck. Da er bei feinen Volksgenossen keine Unterstützung findet, wirft er sich den indianischen Revolutionären den Baquis, in die Arme. Mit diesen wilden Bergsohnen kämpft er, wird Hauptmann, Vertrauter des Revo- lutionshelden Ponchos Villa, zieht nut diesem in Mexiko-City ein, wird Major unb ist babei -- 20 Jahre alt. Schließlich wendet sich aber das Blat; Villa wird geschlagen und muh fliehen. Lohndorff bleibt bei ihm, zieht sich zunächst mit einigen Ban- biten in bie Berge zurück, um später an ber amen- konischen Küste als angeblicher Pirat von einem amerikanischen Hilfskreuzer gefangengesetzt zu wer- den Das ist etwa ber Rahmen ber Ereignisse dieses Buches, ein Rahmen, ber ausgefüllt ist von unglaublichem Tempo unb atemberaubenbem Ge­schehen.

Politik und Geschichte !

R H Bruce Lock hart.Als Diplomat, I Bankmann unb Journalist imNach- kriegseurop a." Deutsche Derlagsanstalt, Stutt- 1 gart (196) Der Verfasser ist ein junger eng- 1 (Heber Diplomat, ber uns schon in einem früheren ' Memoirenbuch einen Blick hinter die Kulissen ber russischen Revolution hat tun lassen. Nach Beenbi- gung seiner Mission in Rußlanb, b. h. ber gewalt­samen Entfernung aus Petersburg burch die Bol­schewiken wirb er britischer Hanbelsattachö in Prag unb erlebt nun als unmittelbarer Zeuge ben Auf- bau der jungen Staaten auf den Trümmern der zer­schlagenen Donaumonarchie mit. Er kommt mit allen damals unb zum Teil auch heute noch maßgeblichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ber Tsche­choslowakei in persönliche Beziehung und gibt in der uns schon aus seinem ersten Buch her bekann­ten, sehr offenherzigen unb anschaulichen Art ein reizvolles, an nachhaltigen Eindrücken reiches Bild von dem Werden der Gesellschaft und dem Wer­den des Staates in der alten unb boch nun wieder sehr jungen tschechischen Metropole. Lockhart bleibt babei nicht an ber Oberfläche hasten, so buntschil- lernb biefe auch gemalt wirb, wir lernen auch die ernsten Schwierigkeiten des Neubaues kennen, die Fieberkurven des Jnflationswahnsinnes unb bie langsame Konsolibierung. Lockhart hat zu viel kel­tisches Blut in sich, um bas für bie Diplomaten- laufbahn notroenbige Sitzfleisch zu haben. Kostspie­lige Passionen, in einer Zeit hemmungslosen Sich- auslebens und schwankender Geldwerte besonders gefährlich, stürzen ihn in immer neue Schulden. Zum Zweck einer großzügigen Sanierung sattelt er ins Baukfach über und bereift als Experte eines internationalen Bankentrusts den Balkan. Schließ­lich landet er als Journalist beim Beaverbrook- Konzern. Und hier ist er feiner ganzen Begabung nach endlich an der richtigen Stelle. Was feinen Tatsachenbericht so en sprechend macht unb aus der Fülle ähnlicher Bücher heraushebt, ist bas Perfom liche, bas Menschliche, ber Freimut, mit bem er sich selbst wie bie anberen schildert, die Liebe zur Natur und schließlich bie Angelpassion, ber er viele Tage seines Lebens unb fast ebenso viele Seiten seines Buches geroibmet Für einen interessanten Forellen­bach hat er bie größten biplomatischen Schwierig­keiten unb bie längsten Anmarschwege in Kauf ge­nommen. Er plaubert darüber so enthusiastisch, daß nicht nur Fachleute des Angelsports gerade an die- | sen Schilderungen ihre reine Freude haben werden.

So ist es alles in allem wieder ein ungemein fes- ! selndes Buch, das so anschaulich wie wenige die fiebernden Nachkriegsjahre festgehalten hat.e.

Georg Schwarz: Der Diamanten­herzog. Geschichte eines Prätendenten. Frunbsberg Verlag EGmdH., Berlin SW 11. Preis in Ganz­leinen 3,70 Mark. - (217) Es ist ein sonder­barerHeld", dieser späte Weifensproß, Sohn des berühmten Herzogs von Oels, ber mit seiner schwar­zen Schar ben Freiheitskampf gegen Napoleon ent­fesseln zu können glaubte, bann aber nach bem den- würdigen Husarenritt quer durch Deutschland in Die Verbannung gehen muhte. Der Sohn ist tn allen Zügen eine Karikatur des bewunderungswürdigen Vaters, und man sieht eigentlich nicht die Grunde ein, ihn aus der wohlverdienten Vergessenheit wie­der hervorzuholen. Denn es ist ja nicht so, daß Karl von Braunschweig lediglich ein Opfer der In­trigen seines englischen Vormundes, des berüchtigten vierten Georg geworden ist. Schlechte Erziehung hatte gewiß viel verdorben, aber seine Selbstuber- heblichkeit unb Herrschsucht, bie ihn ben kleinen deut­schen Tyrannen des 18. Jahrhunderts würdig gnsse- reiht hätten, waren nach den Befreiungskriegen selbst in ber Aera Metternich unerträglich. Sein eigenes Verhalten machte diesen mißratenen Sproß eines ber ältesten unb stolzesten deutschen Fürsten­häuser in seinem angestammten Lande unmöglich. Das eigene Volk entledigte sich dieses unwürdigen Welfen und berief feinen Bruder Wilhelm zur Re- gierung. Ein skrupelloser Abenteurer zieht in die Welt hinaus, überall mit feinen unermeßlichen Geldmitteln Konspirationen anzettelnd und wahn- wißige Pläne schmiedend, die ihm mit ausländischer Hilf/ wieder jur Macht o-rh-ls-n stll-m Aber d,° politische Entwicklung ging über ihn hmweg. Das protzige Monument Brunswick am 2uai Wilson in Genf das ihm die Stadt für eine SrbfMt non 20 Millionen Franken errichten mußte, halt die Er­innerung an eine ber trübsten Seiten im Buch beut- scher Fürstengeschichte wach. Ein Prozeß, ber in diesen Tagen ein Nachkomme des D'amant^herzog wegen dieser Erbschaft gegen bie Stadt Genf an gestrengt unb verloren hat, war wohl der äußere Anlaß zu diesem Buch, das aus der Geschichte die- ses dunklenHelden" einen regelrechten Sensatwns- roman gemacht hat.

Gustav Walbt: Saurin. Epische Dich­tung. Lebensweiser-Derlag Gettenbach bei Geln­hausen 1934. Preis brosch. 3,50 Mark, geb. 5,00 Mark. (251) Können mir heute noch ein Epos lesen? Das Maschinenzeitalter hat uns bie Ruhe unb Spannung zerrissen, bie eine schwingende Handlung und weitgespannte Verse von uns oer- langen. Wir beginnen, uns unseres Verlustes be­wußt zu werden. Hier ist ein Buch, das uns hilf­reich entgegenkommt. Wer hört, daß diese Dich­tung ihre Gestalten aus b<m Sagenkreis Dietrichs von Bern genommen hat, mag fürchten, nur alte Geschichten wiederzufinden. Aber was em Blick in das Buch sehen läßt, ist neu und locfcnb rote das farbige Glänzen des Taus auf den Blattern der sommerlichen Bäume, anregend für Auge und Gedanken. Der Verfasser ist ein Dichter wie selten ist das! Erstaunlich und beglückend ist die Macht, mit ber er uns bie Lanbschaft bes Hochge­birges und der südlichen Küsten heraufruft glaub- haft wie unsere buntesten Träume. Zugleich aber wirkt hier ein tiefer Sinn für die unb bie Zwischenreiche bieser schimmernben Welt. Unb so ist bie Fahrt bes Helben Ture eine äußere unb innere zugleich, burch Lanbschaften unb Weis­heiten des Morgen- und des Abendlandes. Der junge wie der reife Leser, beide werden ihre Welt in diesem reinen Werke finden. Nur stille unb wache Stunben können ein rourbiger Bob en für diese dichte Sprache sein. So ist bas Buch sehr geeignet für Tage ber Ruhe und Erholung. Ader auch in Arbeitszeiten können sich immer wieder solche Stunden finden und von dieser Dichtung erfüllen lassen. Dr- M-

'Romane.

WarwickDeeping: Außenseiterber Gesellschaft, Roman. Verlag Carl Schune- mann, Bremen. (147) Ein einsamer Mensch, körperlich verkümmert, seelisch verbittert, ringt sich nur durch eigene Leistung empor. Aus persönlichem Leid wächst ihm das große Verständnis für andere Leidenden. Wie sehr er selbst sich nach Liebe sehnt, vermag er auch Liebe zu spenden namentlich den Kindern, denen feine ganze Arbeit als Arzt unb Forscher gilt. Aber er wäre zerbrochen an ber bru­talen Eigensucht unb Herzlosigkeit ber Gesellschaft, bie arrogant unb bünkelhaft ihm, bem Außenseiter, nicht bie Stellung gönnt, auf bie er feinen Leistun­gen nach Anspruch hätte. Zwei Frauen glauben an ihn unb geben ihm bie Lebenszuversicht, bie ihn stark macht. Die Mutter, eine schlickte Bauersfrau, aber voll Stolz unb Selbstbewuhtsein, strömt bis zum letzten Atemzuge bie eigene Kraft in ihn über. Unb ein armes Mäbchen, bas später seine Frau wirb, ringt mit ihrem Glauben an bas Gute, mit ihrer selbstsicheren Ruhe bie Wiberstänbe nieber, die bem genialen Arzt bas ihm zukommenbe Ar- beitsfelb versperren wollen. Sie, bie Arztfrau, ist die wirkliche Heldin dieses Romans, der neben ber feinen psychologischen Schilberung bieser Menschen auch tiefe Einblicke in bas ärztliche Berufsleben in Englanb gibt. e-

Korfiz HolmHerz ist Trumpf . Der Roman eines starken Mannes. Verbilligte Neu­ausgabe. Broschiert 4, Mark, in Leinen gebun­den 5,50 Mark. Verlag Albert Langen'Georg Müller, München. - (203) Diese Lebensge- schichte des Oberammergauer Bauernsohnes, ber in München ein .Kunstmaler" wirb, stellt bas alte fröhliche Jsarathen ber Vorkriegszeit mit unerhör­ter Frische vor uns hin. Wir sehen biesen Na- turmenschen Toni, basUrviech", wie seine Kunstgenossen ihn nennen, zuerst in seinen ver- qnügt leichtsinnigen Junggesellentagen vor uns, sehen bann, wie ber trotz aller Muskelkraft bem sogenannten schwachen Geschlecht gegenüber burch- aus nicht starke Mann von zwei Frauen nachein- anber in ben Hafen ber Ehe gelotst wirb, wie bie erste bavon, bas etwas hausbackene Trautchen, sei­ner Arbeit zum Segen wirb, so baß sein künstle­risches Ansehen von Jahr zu Jahr wächst unb bie Summe auf seinem Bankkonto begleichen. Aber Trautchen spinnt ihn in ein zu billiges bürger­liches Behagen ein, als baß bas bei feiner Künst­lernatur auf bie Dauer gut tun könnte. So ge­schieht es, baß auf einer Sommerreife nach

faffung bes Begriffes einer Kulturgeschichteben l Akzent einseitig auf eine bestimmte Erschemunys- form bes antiken Lebens legt, anbere ebenso wichtige Gebiete baneben aber vernachlässigt. Liegen doch sogar aus berufener Hanb hellenische Kulturgeschich­ten vor, bie nicht einmal ben Namen Homer er- wähnen" ... Demgegenüber nimmt Scheffers Werk eine eigene unb auch neuartige Stellung ein, inbem er unter Verzicht auf eine bloß archäologische ober philosophische Methobe, wohl aber mit allem Rüst­zeug moberner Wissenschaft unb mit Verarbeitung einer riesigen Literatur von einer peripherischen Betrachtung unb Einzelbarstellung zu einer Gesamt­schau ber hellenischen Welt vorzubringen unb zum Kernpunkt ber Antike zurückzuführen versucht, zur Wiebergewinnung jener klassischen Anschauung Goethes unb Winkelmanns,ber allein sie bie Große jenes ungeheuren Kulturraumes erfassen, genießen unb schöpferisch nachgestalten ließ". Wir haben den Eindruck, als ob das so begründete und gerichtete Unternehmen, ben Deutschen unserer Zeit noch ein­mal in Wort unb Bilb ben ganzen Reichtum ber, oem uejei wiuiuuiu«»« "

griechischen Welt zu erschließen, auf eine roürbige, | bas Einbringen in ben Stoff erheblich.

_T h a H i l o von Scheffer: Die K ul tu r b e r (3 r i e d) e n. 414 Seiten. Groß 8° Text Biwer- teil: 233 Rupfertiefbructtafeln m.t W'-dergab-kl°sfi ssssssS

Wien anschließt wir nennen nur bie früher hier besprochenen Bücher über Shakespeare unb über ftrana Don Assisi unb bie Kunst ber italienischen Renaissance, die sich ebenso burch Gehalt unb Um­fang, wie burch gebiegene Ausstattung unb einen im Verhältnis dazu erstaunlich geringen Preis aus­zeichnen. Thasfilo von Scheffer, als vorzüglicher Ken- ner bes großen antiken Kulturkreifes, tnsbefonbere als Ueberfefcer unb Erklärer Homers wie burch feine Neubelebung ber alten Helbenfagen rühmlich de- fannt war wohl wie wenige in Deutfchlanb bazu berufen, ein Werk in Angriff zu nehmen, das - von allen sonstigen Schwierigkeiten zu schweigen schon durch bie entmutigenbe unb kaum überschau­bare Fülle des Stoffes abschrecken mußte. Niemanb kann sich barüber besser im klaren gewesen sein als Scheffer selbst; bavon ist im Vorwort so emleuchtenb w^ bescheiben bie Rebe. Eine Arbeit wie bie vor- lieaenbe erscheint, wie ber Verfasser bemerkt, auf eine doppelte Weise gerechtfertigt oder sogar not- has berühmte Werk Jakob Burckhardts °7Le7dach vi-lstch üb-rha-t ist. jeder der bereits orhanbenen, anderen Gesamtdarstellungen aber wegen ihrer völlig voneinander abweichenden Aus-