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bekannter Politiker. Von Beruf Rechtsanwalt und vielseitig journalistisch tätig gewesen, wurde er 1903 in die Kammer und 1920 in den Senat ge­wählt. 1932 wurde er Präsident des Finanz­komitees der Autonomen Amortisierungskasse. Im Kabinett Flandin hat er den Posten des Innenminister bekleidet und in dieser Eigen­schaft eine viel beachtete Besichtigungsreise nach Algerien und Tunis durchgeführt, und im Auftrag der Regierung die dortigen krisenhafte Zustände zu untersuchen. Regnier gehört der radikalsozialistischen Partei an. Er steht im 67. Lebensjahre.

Ein markanter Kopf der neuen Regierung ist Kriegsmini st er Fabry. Von Beruf Offizier, war er 1916 und 1917 im großen Hauptquartier ein Mitarbeiter des Marschalls Joftr6. Seit 1919 gehört er der Kammer an. Unter Poincare und Fran?ois-Marsal verwaltete er das Kolonial- Ministerium. Dem zweiten Kabinett Daladier gehörte er als Minister der Landesver­teidigung an, bis die blutigen Februar-Ereig­nisse 1934 ihn mit dem Kabinett zum Rücktritt ver­anlaßten. Er steht der Gruppe Tardieu nahe und hat als Vorsitzender des Heeresaus- s ch u s s e s der Kammer in Wort und Schrift für eine starke Heerespolitik geworben.

Der neue Unterrichtsminister Marcombes ist Radikalsozialist. Von Beruf Arzt, hat er als Unter­staatssekretär in vielen linksgerichteten Kabinetten mitgearbeitet. Er zählt 58 Jahre.

Der neue Justizminister Dörard ist eine als Rechtswissenschaftler und Gelehrter bekannte Persön­lichkeit. Jahre hindurch war er der Sekretär Poincarös. Er war bereits öfter Unterrichts­und Justizminister und gehört der Acadömie Fran- ^aise an. Berard steht im 59. Lebensjahr.

Ein unbeschriebenes Blatt ist der Pensionsmini­ster M a u p o i l, der von Beruf Weinbergsbesitzer ist. Er wurde 1924 zum ersten Mal in die Kammer gewählt. Er ist 44 Jahre alt und bei den Radikal­sozialisten eingeschrieben.

Handelsminister Bonnet, geboren 1889, ist als Parlamentarier und Minister schon öfters hervor-

getreten. Er ist überzeugter Radikalsozialist und hat verschiedenen Regierungen des Linkskartells als Handels- oder Finanzminister angehört.

Protest der Steuerzahler gegen hemmungslose Ausgabenwirtschaft der Parteien.

Paris, 7. Juni. (DRB.-Funkspruch.) Der Ver­band der Steuerzahler hat am Donnerstagabend die angekündigte Massenprotestversamm­lung in einem-, der größten Pariser Säle abgehalten. Tausende von Flugzetteln waren im Laufe des Tages durch Flugzeuge über der Hauptstadt abgeworfen worden. Eine Ma­schine, die auf dem Flugplatz Orly mit einer neuen Ladung von Flugschriften aufsteigen wollte, ist beschlagnahmt und der Flugzeugführer in Haft genommen worden. Die Blätter der marxisti­schen Front protestieren gegen diese Flugzeugwer­bung mit der Behauptung, die Flugzeuge seien von den rechts st ehenden Verbänden g e st e l l t worden. Der Verband der Steuerzahler hat jedenfalls 4000 Personen auf die Beine ge­bracht, die folgende Entschließung angenom­men haben:

Der Ernst der wirtschaftlichen und politischen Lage erfordert entschiedene Lösungen. Wir erkennen an, daß in einer geordneten Gesellschaft alle Bürger Steuern zahlen müssen, damit die Nation leben kann. Wir weigern uns aber, eine Politik zu finanzieren, die dazu dient, die Parteien zu unterhalten. Wir bitten den Präsidenten der Republik, dafür zu sor­gen, daß die Autorität wiederherge- st e l l t, das parlamentarische Vorrecht, die öffent­lichen Ausgaben zu beschließen beseitigt, der Haushalt durch Einschränkung der Aus­gaben ins Gleichgewicht gebracht, die Wäh­rung gehalten und jeder Betrüger und Spe­kulation unerbittlich verfolgt werde."

Wie Stanley Baldwins Kabinett vermutlich aussehen wird.

Deutschlands Aufgabe in der Weltwirtschaft.

Keichsbankpräsident Dr. Schacht begrüßt die Internationale Wollkonferenz.

Berlin, 6. Juni. (DNB.) Die 11. Internatio­nale Wollkonferenz, die am 6. und 7. Juni in Berlin tagt, wurde in Anwesenheit zahlreicher in» und ausländischer Delegierter von dem Vorsitzenden der Internationalen Wollvereinigung Maurice D u- brülle eröffnet. Dubrulle begrüßte die zahlreichen Gäste und Delegierten, ferner den Reichsbankprä­sidenten Dr. Schacht, der im Anschluß daran das Wort nahm.

Dr. Schacht überbrachte die Grüße des Füh- rers und Reichskanzlers. Dr. Schacht ver­wies auf die ungeheure Unsicherheit, die in allen Ländern in die Wirtschaft hineingetragen worden sei durch die politischen Fehler der Ver­gangenheit. Er appellierte an die Delegierten, sich für die internationale wirtschaftliche Arbeit der be'^ teiligten Länder einzufetzen und damit das Ihrige zur Befriedung der Völker beizutragen. Internatio­naler Güteraustausch sei ohne Inanspruchnahme von Vertrauen und Kredit nicht möglich. Die über­mäßige internationale politische Verschul­dung, die ein Ueberbleibsel des Krieges sei, und die die Unmöglichkeit ihrer Bezahlung praktisch er­wiesen habe, verhindere das Wiederin- gangkommen der internationalen Kreditmaschi­nerie und damit des normalen Güteraus­tausches. Wie ein vernünftiger Kaufmann seinem unverschuldet in Not geratenen ehrenhaften Schuld­ner Hilfe zur Wiederherstellung seiner Existenz und damit aur Verbesserung seiner Zahlungsfähigkeit angedeihen lasse, so müsse auch in den mternatio- nalen Schuldenbeziehungen verfahren werden. Das internationale politische Schuldengebäude müsse a b- getragen werden, bevor der internationale Han­del wieder in Gang kommen könne. Man bewege sich zur Zeit in einem circulus vitiosus, in dem man Schuldforderungen einzutreiben sucht, die nur bei blühendem Geschäft bezahlt werden könnten, während andererseits das Auf­

blühen der Geschäfte durch dieses Schuldgebäude selbst verhindert werde. In Deutschland herrsche ein einheitlicher Wille von der obersten bis zur unter­sten Stelle und dieser Wille sei darauf gerichtet, durch die Störungen seitens der internationalen Politik nicht auch das innere Wirt­schaftsgebäude zerstören zu lassen. Deutsch­land müsse sich mit dem Außenhandel so recht und so schlecht wie möglich abfinden, aber es richte sich im Innern so ein, datz d i e Arbeitslosigkeit beseitigt werde und Ruhe und Ordnung m der Wirtschaft herrsche.

Diese unsere Politik auf Aufrechterhaltung sta­biler wirtschaftlicher Verhältnisse und das Freihal­ten der deutschen Wirtschaft von den Erschütterun­gen, die heute durch die ganze Welt gingen, sei die größte Garantie für den privaten Geschäftsmann, der mit festen Faktoren und mit der Aufrechterhaltung der traditionellen kaufmännischen Ehrenhaftigkeit rechnen könne. Wenn wir zur Aufrechterhaltung dieser Situation manche Wege beschreiten mußten, die ungewohnt seien, wie z. B. die unmittelbaren Warenaus­tauschgeschäfte und die einstweilige Nichttransferie­rung von gewissen Auslandsverpflichtungen, so seien dies zwangsläufige Erscheinun­gen, die sich für uns aus der Weltlage ergäben, deren Strudel wir von unserem eigenen Lande fernzuhalten wünschten. Wolle man ein 60-Mil» lionen-Volk von hoher Lebensführung als Ver­braucher entbehren ober nicht. Es habe sich gezeigt, daß die Welt, soweit sie wirtschaftlich denke, diesen Markt nicht zu verlieren wünsche. Die Reichsreaieruna wünsche die deutsche Wirt­schaft, ihre Konsumkraft und das deutsche kauf­männische Empfinden für eine bessere Zukunft in­takt zu erhalten und den Wert internationaler kaufmännischer Beziehungen zu demonstrieren.

Wie sieht es in der Wirtschaft aus?

C o n b o n, 7. Juni (DltB. Funkspruch). Englanb steht heute im Zeichen der Kabinettsumbildung. Ramsay Macbonalb tritt nach genau sechs­jähriger ununterbrochener Amtstätigkeit als Mlnisier- präsibenl von der Führung der nationalen Regie­rung zurück und räumt seinen Platz dem Führer der konservativen Partei, Stanley Baldwin, ein. Die Umbesetzungen sind so vorgenommen roor-

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den, daß der Charakter dernationalen", d. h. alle Partei st römungen umfassen­den Regierung, gewahrt bleibt. Die wich­tigste Aenderung besteht darin, daß ein Kon­servativer anstatt eines Arbeiter- p a r t e i l e r s an die Spitze der Ration tritt.

Die gesamte Morgenpresse veröfsentlicht bereits vollständige Kabinettslisten, die in allen Punkten übereinstimmen und mit einigen wenigen Ausnahmen den bisherigen Boraussagen entsprechen. Rach Informationen derEvening Rews" würde Baldwin heute dem König folgende Minislerlisle unterbreiten:

Ministerpräsident: Baldwin.

Lordpräsident des Geheimen Rates: Ramsay Macbonalb.

Schahkanzler: Revitle Chamberlain (un­verändert).

Lordkanzler: Lord h a i l s h a m (bisher Kriegs­minister).

Innenminister und Stellvertreter des Minisler- präsidenten im Unterhaus: Sir John Si­mon (bisher Außenminister).

Außenminister: Sir Samuel Hoare (bisher Jndienminister).

Dominienminister: Thomas (unverändert).

Kolonialminisler: Malcolm Macdonald.

Erster Lord der Admiralität: Sir Bolton

Eyres Monfell (unverändert).

Luflfahrtminister: Sir Philipp Cunllffe-

L i st e r , der zum Rang eines Peer erhoben wird (bisher Kolonialminister).

Unterrichtsminister: Sir Oliver Stanley (bisher Arbeitsminisler).

Arbeitsminister: Erne st Brown.

Landwirtschaftsminister: Walter Elliol (un­verändert).

Gesundheitsmlnister: Sir Hilton Young (unverändert).

Wirtschaftsminister: WalterRunciman (un­verändert).

Postminister: Sir Kingsley Wood (unver- ändert).

Minister für Schottland: Sir Godfrey Col­lins (unverändert).

Staatskommissar für öffentliche Arbeiten: Sir Ormsby Core (unverändert).

Berkehrsminister: höre Belisha (unver­ändert).

Zum Staatssekretär für Indien wird voraussichtlich Lord Linlithgow ernannt wer­den. Als neuer Kriegsmini st er wird Lord Halifax, der bisherige Kultusminister, genannt. Der bisherige Lordsiegelbewahrer Eden wird vor­aussichtlich zum Mini st er ohne Geschäfts­bereich ernannt und dadurch Mitglied des Kabi­

netts werden. Er wird feine Tätigkeit im Aus­wärtigen Amt fortsehen und sich wie bisher haupt­sächlich mit Bölkerbundsfragen befassen. Der bisherige Luftfahrtminister Lord London- derry wird Führer des Oberhauses und erhält, wie die Presse meldet, gleichzeitig das Amt des Lordsiegelbewahrers. Aus dem Kabinett Macdonalds würden also ausscheiden der Lord­kanzler Lord Sankey und der Innenminister Sir John Gilmour.

Dank an Mcdonaid.

London, 7. Juni. (DNB. Funkspruch.) B a I b » w i n wirb am Sarnstagabenb in seiner Eigenschaft als neuer Ministerpräsibent Englanbs von Hirnley Hall aus eine Runbfunkbotschaft an bas englische Volk richten, bie auch nach Amerika übertragen werben wirb. Macbonalb wohnte am Donnerstagabenb einer Versammlung ber na­tionalen Arbeitergruppe bei unb bat sie, bie nationa le Regierung unter ber Führung Balb- win mit berselben Begeisterung zu unter ft ü^en, bie sie in ber Vergangenheit ge­zeigt habe.Times" schreibt, Englanb habe eine wirkliche Dankesschulb an Macbo­nalb, bie im Hinblick auf bie vergangenen Ge­schehnisse eher wachsen als abnehmen werbe. Er habe bie Voraussicht gezeigt, einen großen Versuch z u unternehmen, unb bie Weisheit und Selbstbeherrschung, bie zur Durch­führung bieses Versuches erforberlich waren. Seine Einsamkeit habe ihn vielleicht manchmal unnötig mißtrauisch gemacht, aber in ber Öffentlichkeit habe er auf {eben Fall unfehlbar Takt unb Dulbsamkeit gezeigt. Er habe ferner bei Gelegenheit wirkungsvoll, aber niemals zu viel ein» gegriffen, um ber Außenpolitik eine Richtung zu geben.

pariser Hoffnungen.

Paris, 7. Juni (DNB. Funkspruch). Die Um» bilbung bes englischen Kabinetts ist in Paris feit Wochen erwartet gewesen. Die Ablösung Mac- bonalbs burch Balbwin wirb mit Genugtuung ausgenommen, ebenso bie Uebernahme bes Außenamtes burch Sir Samuel Hoare. Ob­wohl man keine allzu großen Veränbe- rungen in ber allgemein-politischen Einstellung Englanbs zu erwarten scheint, rechnet man offen­sichtlich boch mit einer kräftigeren Beto­nung ber französisch-englischen I n - teressenverbunbenheit. Deshalb wirb es einem Pertinax imEcho be Paris" nicht schwer, Macbonalb einen Eselstritt zu versetzen. Er wirft bem bisherigen Premierminister vor, sich auf allen Gebieten verrechnet zu haben. Der Artikel besEcho be Paris" gipfelt ebenfalls in abfälligen Bemer­kungen über Macbonalb.ßorbre" legt beförderen Nachdruck auf bie Entfernung Sir John Simons, besten Politik niemals einbeutig genug auf Frankreich eingestellt ge­wesen sei. Es bestehe also große Aussicht, baß weder Frankreich noch alle übrigen friedlichen europäischen Länder viel mit ihm verlören.

Gowjelrußland und der Lustpakt.

London, 7. Juni. (DNB. - Funkspruch.) Der Londoner sowjetrussische Botschafter M a i s k i hatte eine Besprechung mit Sir Robert Vansittart vom Auswärtigen Amt überlaufende europäische Angelegenheiten".Moming Post" meint, daß die Unterhaltung sich um den östlichen Sicher­heit s p a k t gedreht habe. Sowjetrußland zeige eine gewisseNervosität" wegen des westeuro­päischen Luftpaktes. Es fürchte, daß die West­mächte im Falle des getrennten Abschlusses des Luftpaktes ihr Interesse an Osteuropa verlieren und Sowjetrußland allein mit Deutschland verhandeln lassen würden.

In London glaube man, daß dieGefahr" an- pesichts des sowjetrussisch-französischen unb bes sowietrussisch - tschechoslowakischen Paktes mehr auf Embilbung als auf Wirklichkeit beruhe. Auf jeben Fall sei man ber Ansicht, es sei kern Grunb vorhanben, warum bie Verhanb- lungen für bie oerschiebenen Pakte nicht gleichzeitig, wenn auch notwenbigerweise in ge­trennten Kanälen, vor sich gehen sollten, bis em enbguüiges Abkommen in Sicht sei.

In Genf würbe am 4. Juni bie 19. Inter­nationale Arbeitskonferenz eröffnet. Von ben 62 Mitgliebstaaten ber Internationalen Arbeitsorganisation waren nur 48 vertreten, unb unter biefen nur 31 burch vollständige Abordnungen. Das Interesse für diese Tagungen ist also offenbar recht gering. Die Referate, die gehalten wurden, boten viel Theorie, aber wenig praktische Vorschläge. Einiges Aufsehen erregte eine Abordnung jugendlicher Arbeitsloser aus sechs Ländern, die in Genf eine Petition überreichte und Maßnahmen zur Behebung der Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen forderte. Das Auftreten die­ser Abordnung wirft ein Helles Licht auf die Ver­geblichkeit aller bisherigen Versuche, durch interna­tionale Abmachungen und Maßnahmen die Welt­gefahr der Arbeitslosigkeit zu bannen. Man ist über theoretische Erörterungen und einseitige Forderun­gen niemals hinausgekommen. Im Gegensatz hierzu ist in Deutschland durch die Maßnahmen einer autoritären Regierung eine starke Ver­minderung der Arbeitslosigkeit erreicht worden. Das Institut für Konjunkturforschung hat erst in diesen Tagen wieder feftgefteöt, daß die Ar­beitslosigkeit in Deutschland ständig weiter abnimmt, unb baß sie bie Zweimillionengrenze sehr bald unterschreiten wirb. Die beutsche Industrie beschäftigt nach ben Berechnungen bes Konjunktur-Instituts gegenwärtig runb acht Millio­nen Arbeiter. Diese Zahl übersteigt.bereits roieber ben Stanb vom Herbst vorigen Jahres. Auch hin­sichtlich ber Beschäftigung ber Iugeüb­lich e n finb in Deutschlanb Leistungen festzustellen, bie fein anderes Land aufzuweisen vermag. Der stattliche Jahrgang Jugendlicher, die in ben letzten Monaten bas erwerbsfähige Alter erreicht haben, konnte zum größten Teil in Lehrstellen unb an sonstigen Arbeitsplätzen untergebracht werben. Es ist bemerkenswert, baß biefer Rückgang ber Ar- beitslosigkeit vor allem burch Vermehrung ber regulären Beschäftigung eingetreten ist, währenb bie Ziffer ber zusätzlich Beschäftigten stabil blieb. Mit anderen Worten: die Privatwirt­schaft nimmt in immer steigendem Maße die bisherigen Arbeitslosen auf, und damit ist die Rich­tigkeit des Grundsatzes bewiesen, wonach durch eine Ankurbelung der Wirtschaft durch ben Staat schließ- sich alle Privatbetriebe mehr unb mehr ihre Pro­duktion erhöhen.

erreicht hat, bie sich von ber möglichen Verzinsung zu entfernen broht. Es liegen eine ganze Anzahl Momente, zum Teil psychologischer Art, bafür vor, baß bas Publikum an seinem Aktienbesitz festhält unb bie vorhanbene Kaufneigung auf eine Markt- enae stoßt, bie immer neue Kurssteigerungen ver­ursacht Zunächst einmal haben burch bie gewalti­gen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ber Reichs­regierung bie Mehrzahl ber deutschen Unterneh­mungen einen st a r k erhöhten Beschäfti­gungsgrab aufzuweisen unb finb baburch auch imftanbe gewesen, bessere Erträge zu er­zielen. Viele Gesellschaften, bie jahrelang keine Ueberschüsse zu erzielen vermochten, haben die Ge­winnausschüttung roieber aufnehmen können. Auch bas neue Einkommensteuergesetz vom Oktober 1934 scheint sich in ber Richtung auszu­wirken, baß ber Verkauf ber Aktien hinausgescho­ben wirb. Nach bem Gesetz finb Kursgewinne nur bann nicht Spekulationsgewinne unb nicht zu ver­steuern, wenn ber Besitzer bie Aktie zwölf Mo­nate lang behalten hat gegenüber nur brei Monaten nach ber früher geltenben Regelung. Wenn auch biefe Steuerfrage nicht überschätzt wer­ben barf, so werben boch sicherlich viele Aktien­besitzer sich aus biefem Grunde zu einem längeren Festhalten ihres Aktienbesitzes entschließen. Vor allem aber darf nicht übersehen werben, baß in ben letzten Jahren praktisch keine Neuemissionen in Aktien ftattgefunben haben. Im Gegenteil haben recht umfangreiche Zusammenlegungen ftattgefun» ben, so baß bas gesamte Aktienkapital heute erheb­lich geringer ist als vor einigen Jahren. Die wach- senbe Kapitalbilbung bes letzten Jahres hat aber auch ein fteigenbes Anlagebebürfnis hervorgebracht. Die Neuemissionen finb heute gesetz­lich nicht nur von ber Zulassungsstelle, fonbern auch von ber Reichsbank unb vom Reichswirtschafts- minifterium abhängig. Diese Erschwerung verhin- bert Kapitalserhöhungen, zu benen vielleicht eine Anzahl Gesellschaften sich im anberen Falle ent» schließen mürben, um ihre Bankschulben in Eigen- kapital umzuwanbeln. Diese verschobenen Grünbe haben sicherlich ihre Bebeutung für bie Entwick- Jung an ben Aktienmärkten. Hinzu kommt noch, baß bas psychologische Moment einer länger an- haltenben Aufwärtsbewegung erfahrungsgemäß zu neuen Anlagen ben Anreiz gibt.

Am 13. Oktober 1934 hatte ber Botschafter in Washington ben beutsch - amerikanischen Han b e l s v e r t r a g vom 8. Dezember 1923 g e kubigt, unb zwar mußten wir unter bem Zwang her Lage bie M e i st b eg ü n st i g u n g s k l a u s e l, ben Artikel VII bieses Vertrages zu entfernen ver­suchen, weil bei ber Passivität unseres Warenaus­tausches mit ben USA. bie Vorteile lebiglich auf jener Seite lagen. Wenn zuerst bas norbamerifa- nasche Hanbelsamt von einer Diskriminierung ameri­kanischer Waren sprach, so hat man sich doch im taufe ber Verhandlungen bavon überzeugt, baß eine solche Diskriminierung nicht vorliegt unb man hat sich bewogen gefühlt, bem beutschen Stanbpunkt nachzugeben. Der Warenaustausch mit ben Ver­einigten Staaten ist für biefe sehr günstig, für uns aber ungünstig gewesen. In ber Vorkriegszeit waren bie Vereinigten Staaten bie Hauptlieferanten Deutschlanbs, in ber Nachkriegszeit blieb zunächst biefe Tatsache bestehen, aber bie Amerikaner haben oon vornherein bieses Verhältnis nicht erkannt, ba sie auf beutsche Probukte gewaltige Zölle legten, fo auf Chemikalien, Farben usw. unb bamit bireft ben Austausch beutsch-amerikanischer Waren auf bie Dauer unmöglich machten. Wir haben allein von 1900 bis 1913 insgesamt für 8,9 Milliarden Mark aus den Vereinigten Staaten mehr eingeführt, als dorthin ausgeführt. Seit 1924 betrug ber Ein­fuhrüberschuß Deutschlanbs weitere 8,75 Milliarben, jo baß also bas Prinzip bes Austausches von Roh» stoffen gegen Fertigwaren sich zu unseren Ungunsten entwickelte unb Amerika ein immer schlechterer Äunbe würbe. Wir haben uns gezwungen gesehen, bie Getreibeeinfuhr fast völlig einzustellen unb bie Einfuhr von Baumwolle, bie im Jahre 1929 fast bie Aälste ber Rohstoff-Einfuhr ausmachte, abzubrosseln. Im Vorjahre bezogen wir sehr viel weniger als in früheren Zeiten, unb zwar ist bie amerikanische (Be- famtausfuhr nach Deutschlanb um volle 22,3 Prozent gesunken. Diese Ziffern haben auch brüben ernste Beachtung gefunben, ba man schließlich immer mehr erkannte, baß nur berjenige Rohstoffe abnehmen kann, bem man seinerseits Fertigwaren dafür ab»

Die beutsche Wirtschaftspolitik, bie auf eine Der- felbftänbigung ber inlänbischen Märkte gerichtet ist, ist durch bie Vorgänge in Frankreich unb Amerika aufs neue gerechtfertigt worden. Die große Stol­berger Zink- unb Blei-Erzeugungs­gesellschaft betont in ihrem soeben veröffent­lichten Jahresbericht, baß sich bie Maßnahmen zur Steigerung ber beutschen Erzprobuktion schon in ber zweiten Hälfte bes laufenben Jahres kräftig auswirken unb uns von Auslanbsbezügen w e - entlief) unabhängiger machen werben. Dieser Neuaufbau eines aus einheimischen Roh- toffquellen gespeisten beutschen Metallmarktes, so wirb weiter ausgeführt, ist freilich nur möglich, wenn man sich- von ber Preisbilbung an ben aus- länbifchen Metallmärkten freimacht unb ber beut» chen Erzeugung einen gerechten Preis zu­billigt. Eine solche Binnenmarkt-Dersorgungswirt- chaft steht mit ben Bemühungen um eine Aus­weitung ber beutschen E x p o r t m ä'r k t e keineswegs in Wiberspruch. Reichsbankpräsibent Dr. Schacht hat in biefen Tagen in einem Telegramm an bie Deutsche Weltwirtschaftliche Gesellschaft er­neut an ben von ihm schon auf ber Lonboner Welt- wirtschaftskonferenz im Jahre 1933 vertretenen Grunbsatz erinert, baß eine Ausgeglichenheit inner­halb ber einzelnen Nationalwirtschaften bie Vor­aussetzung für eine erfolgreiche internationale Zu­sammenarbeit ist. Wenn man heute bas heillose Durcheinanber in Frankreich, in ben Vereinigten Staaten unb in manchen anberen ßänbern betrach­tet, so wirb man sich erst recht ber Bebeutung ber Tatsache bewußt, baß Deutschlanb seine eigene Nationalwirtschaft auf ein neues, festes unb gefunbes Funbament gestellt hat.

In Deutschlanb hat sich nach einer am Montag eingetretenen vorübergehenben Abschwächung ber Aufstieg ber Aktienkurse an ben Börsen erneut fortgesetzt. Vereinzelt werben bereits Stirn- men laut, bie barauf Hinweisen, baß bas Kurs- <«»», »cm mun nroeau ber beutschen Aktien inzwischen eine Höhe I zunehmen pflegt.

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