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Nr.5 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 7. Zanuar 1935

Die große Erziehungsausgabe der Hiiler-Zugend

Gtabsführer Hartmann Lauterbacher vor 6000 HZ.-Führem und Führerinnen in der Mainzer Stadthaile.

LPD. Mainz, 5. Jan. 6000 Führer und Führerinnen der Hitler-Jugend des Gebietes 13 Hessen-Nassau versammelten sich am Samstag in Mainz, um in mehreren Svndertagun- gen die großen Aufgaben zu beraten, die ihnen das Jahr 1935 bei der Erziehung der deutschen Jugend im Geiste des Führers stellt. Die F ü h - rertagung in der Stadthalle am Abend erhielt ihre besondere Note durch die Anwesenheit des Ver­treters des Reichsjugendführers, Stabsführer der RIF. Hartmann Lauterbacher, der im Kur­fürstlichen Schloß von Oberbürgermeister, Kreis­leiter Dr. Barth in Anwesenheit von Vertretern der Partei und ihrer Gliederungen, insbesondere der HI., sowie von Behördenvertretern feierlich empfangen wurde. Dem Empfang wohnten auch Regierungspräsident Z i n t s ch (Wiesbaden) und Provinzialdirektor Wehner (Mainz) bei. Ober­bürgermeister Dr. Barth hieß Stabsführer Lau­terbacher und seine Mitarbeiter im Namen der Stadt und des Kreises Mainz der NSDAP, herz­lich willkommen und betonte das Interesse aller für die großen Aufgaben, die der HI. gestellt seien. Don der Art, wie die HI. ihre Erziehung auffasse und anpacke, hänge das weitere Schicksal der Nation für die andere Generation ab. Am Schluß seiner An­sprache bot Oberbürgermeister Dr. Barth dem Gast einen Willkommenstrunk.

Mit herzlichen Worten des Dankes erwiderte Stabsführer Lauterbacher. Er sehe in dem herzlichen Empfang ein Bekenntnis der engen Ver­bundenheit der Stadt Mainz mit der Hitler-Jugend. Die Führer der Hitler-Jugend seien sich ihrer hohen Aufgabe und Verantwortung bewußt und wüßten, daß der Erfolg nur durch Lei st ungen und nie erlahmende Arbeitskraft zu errin­gen sei. Zum Schluß übermittelt er die Grüße des Reichsjugendführers und die besten Wünsche der HI. Nachdem sich Stabsführer Lauterbacher in das Goldene Buch der Stadt Mainz eingetragen hatte, besichtigte er die angrenzenden historischen

Räume. Dann schritt er unter den Klängen von Märschen der HI. mit seiner Begleitung durch ein Spalier von Fahnenabordnungen der Hitler- Jugend zur Stadthalle, wo die große Füh­rerkundgebung begann.

In Anwesenheit von Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger, des stellvertretenden Gauleiters Re­gierungsrat Reiner, des Ministerialrats Rings­hausen und des Oberbürgermeisters Dr. Barth sprach der Stellvertreter des / Reichsjugendführers Stabsführer Hartmann Lauterbacher in der Mainzer Stadthalle vor über 5000 Führern und Führerinnen der HI. Nach einem Rückblick über die geleistete Arbeit der beiden letzten Jahre unter­strich er, daß im neuen Jahr der S ch u l u n g s - arbeit in den Zeltlagern erhöhte Auf­merksamkeit gewidmet werde. Jedem Jungen und jedem Mädchen sei in der Hitlerjugend die Mög­lichkeit gegeben, feinem Glauben zu leben und sei­nen kirchlichen Pflichten nachzukommen. Die HI. werde jeden Versuch, die deutsche Jugend wieder zu zersplittern, mit allen Mitteln bekämpfen. Die Ausführungen des Redners fanden mehrfach stür­mischen Beifall. Unter Mitwirkung von 700 Jun­gen fand dann das weihevolle SpielDer Or­den der Zucht" von Wilhelm Maria Mund statt, das in dem Mahnwort der Gestalt Adolf Hitlers ausklang:Ich habe nicht versagt, jetzt versage du nicht, junger Orden der Zucha, dann wird unser Reich für alle Zeiten bestehen!"

Die Arbeitstagung der HJ.-Führerschaft des Gebiets Hessen-Nassau fand ihren Auftakt in einer Sondertagung der Abteilungsleiter Rundfunk im Sitzungssaal des Kurfürstlichen Valais. 70 Rundfunkreferenten und Referentinnen Der Banne und Jungbanne sowie des BdM. konnte der Abteilungsleiter R des Gebiets, Mund, dem Gebietsführer C e r f f, dem Abteilungsleiter R der Reichsjugendführung, melden. Die BdM.-Referen- tin, Gauführerin Hilde Freitag, berichtete über die bisherige Arbeit des Mädelfunks und der

Aus dem Schicksalsspiel vom deutschen FührertumDer Orden der Zucht" von Wilhelm Maria Mund.

Schwierigkeiten auf technischem, organisatorischem und schulischem Gebiet, die nach und nach über­wunden werden müßten. Dann ergriff Gebiets­führer Cer ff das Wort. Er sprach zunächst über Emzelfragen der Sendung, die technische Durch­führung usw. Der Rundfunk habe objektiv über der gesamten HJ.-Arbeit zu stehen und sich i n d e n Dien st aller Arbeitsgebiete der HI. zu stellen. Für diese verantwortungsvolle Arbeit seien alle jungen Kräfte, die der deutschen Nation etwas zu sagen hätten, zu gewinnen, um ihr Werk und ihr Können der Allgemeinheit dienstbar zu machen. Zum Schluß behandelte er die Aufgaben­gebiete des Rundfunks. Anschließend machte der Musikreferent W. Stumm die Abteilungsleiter mit den Liederblättern und den Musikblättern der Reichsjugendführung bekannt. Der technische Mit­arbeiter P a n n e ck machte auf die in Göttingen errichtete Reichsfunkschule der HI. auf­

merksam. Auch vom Gebiet Hessen-Nassau erwarte er eine starke Beschickung dieser Schule.

Im Rahmen der Führertagung fand ferner eine Morgenfeier des BdM. statt. Eine Bach- kantate leitete über zum chorischen SpielWir Mädel und die Zeit", das verfaßt von der Schu­lungsreferentin des Obergaues, Käthe Türk, von über 200 BdM.-Mädels'des Untergaues Mainz auf­geführt wurde. Zu den Führerinnen des BdM. sprach dann die Obergauführerin Therese Walcher. Sie stellte den harten Weg des Volkes, das sich selbst und sein Vaterland dank der Idee des Natio­nalsozialismus wiedergefunden habe, dar und sprach von der neuen Jugend, die bewußt ihren eigenen Dom Führer vorgelebten Weg gehe. Ihre Eigenart gewinnt Ausdruck in einer neuen Fest- und Feier­gestaltung, die Zeugnis eines neuen Kunstschaffens ablege, gespeist aus der Quelle des Volkstums und der völkischen Gesinnung.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Ballast über Bord!

Niemals wird soviel Ballast über Bord geworfen, als in den ersten Tagen eines neuen Jahres. Jun­gen Leuten soll man nicht zuviel Lasten aufbürden. Also fort mit dem Krimskrams, der uns im vorigen Jahr begleitete und mit der Zeit wertlos geworden ist! Der alte Taschenkalender mit seinen vielen Notizen und den eingelegten Zetteln und Zettelchen hat ausgedient. Säuberlich schreiben wir in seinen Nachfolger hinein, was wir ins neue Jahr über­nehmen wollen: Adressen, Telephonnummern, Ge­burtstage. Aber die Weihnachtsbesorgungen für deine Familie und die Verabredung von ehemals ist nicht mehr aktuell. Papierkorb!

Was hängt da an der Wand? Wahrhaftig, der 31. Dezember 1934. Hartnäckig hat er sich bis jetzt da behauptet. Her mit dem neuen Kalender! Wir wollen nicht mehr so rückständig sein. Liebevoll ist jedem Blatt ein weisheitstriefender Spruch und darunter ein Vorschlag für das Mittagessen bei­gegeben. Das kennen wir vom alten Jahr, und das wird sich wohl niemals ändern.

Eigentlich sollte man jetzt auch in seiner Schreib­tischschublade Ordnung machen. Die Feriengrüße deiner Freunde dürften ebenfalls für den Papier­korb reif sein, und es findet sich gewiß noch so manches Geschreibsel, das einer sorgfältigen Prü­fung nicht standhält. Einmal im Jahr darf man alle Tradition und Pietät beiseiteschieben, einmal sich die allzutreuenlieben" Dinge vom Herzen reißen, die eigentlich schon längst alles Leben aus­gehaucht haben und zerknittert, verschmiert und durch und durcherledigt" sind. Wir werden sehen, wie leicht uns danach zumute ist!

Gemeinschaft und Einsamkeit.

Daß die Gemeinschaft viel Wertvolles in sich birgt, wird gerade heute, da wir uns vom Jch- Menschen zum Wir-Menschen hinwenden, wieder stark betont. Kulturelle Veranstaltungen, nicht dem Einzelnen, sondern einer Gemeinschaft, einer Ge­meinde kunsthungriger Volksgenossen geschenkt, be­reichern doppelt durch das Zusammenschlagen be­geisterter ober bewegter Herzen, durch das allen gemeinsame starke Erlebnis. Oder denken wir an Arbeitsgemeinschaften, an Ausspracheabende, bei denen jeder seinen Mund auftun und feine eigenen Gedanken in die große Jdeenkette einfügen darf, die gemeinschaftlich geschmiedet wird. Ein Hin und Her, ein Nehmen und Geben, ein Sichbeschenken, ein Miteinandertragen und ein Miteinanderschaffen das ist der Sinn der Gemeinschaft.

Ueber allem diesen wollen wir aber den Wert der einsamen Stunden nicht verschmähen. Was sich im Gespräch angesponnen hat, kann in der Stille ausreifen, kann sich bewähren am Leben und sich bereichern durch eigene Erlebnisse. Denn viele Vor­

gänge des Lebens und der Natur verschließen sich den Vielen und bringen sich nur dem Einzelnen dar, der, aufnahmebereit, ganz Auge, ganz Ohr dem Geschehen keinen Eigenwillen entgegenbringt, sondern es einfach auf sich wirken lassen kann. Eine Gemeinschaft, und wären es auch nur wenige Menschen, beeinflußt sich gegenseitig zu stark, sie tritt nicht mehr ganz vorurteilslos dem Leben gegenüber. Was man in diesen stillen, einsamen Stunden erlebt, ober was man in sich Entwickelt, soll man nicht in sich einkapseln. Es muß wieder für die Gemeinschaft bestimmt fein. Es kann ein neues Licht auf den Gesprächsstoff werfen, es kann eine Unterhaltuncpberoegter und reicher machen, es kann, da es schon etwas geschlossener, fertiger ist als die Gedanken, die das Gespräch erst weckt, den aderen wesentlich mehr geben und sie anregen, ihrerseits jeder für sich in der Stille und in seinem eigenen Tagesablauf der Sache nachzu­gehen.

Gemeinschaft und Einsamkeit eines soll mit dem anderen Hand in Hand gehen!

Fortbildung nach Feierabend.

Achtet auf die Vorträge

des Deutschen Volksbildungswerkes.

So wie in der Natur noch kaum bemerkbar neues Leben wird, so regen sich auch in unserem Volke neue Kräfte, die impulsiv nach außen drängen und Altes und Morsches abstoßen, um die ein» engenden Grenzen einer überlebten Anschauung zu sprengen und den Weg frei zu machen für eine neue Weltanschauung. Neues will werden.

Der schaffende deutsche Mensch sucht auf allen Gebieten Bereicherung und Vertiefung seiner Kennt­nisse. Er will das, was er täglich erlebt, auch ver­stehen lernen und sucht mit faustischem Drängen m die Tiefen der Erkenntnis hinabzusteigen.

Hier will das Volksbildungswerk Weg­bereiter fein und den suchenden Menschen an die Quellen heranführen, die ihm die reine Erkenntnis und das Wissen um die inneren Zusammenhänge vermitteln, durch die Einführung in die weltanschau­lichen Grundlagen unserer Zeit und in die lebens­wichtigen Fragen unseres Volkstums. Es läßt ihn besinnen auf die kulturellen Leistungen und führt ein in die reiche Welt unserer Kunst, führt ihn zurück an den ewigen Jungborn die Natur. Durch eigenes Singen und Musizieren wird Gelegenheit gegeben, die große Kunst unserer deutschen Meister verstehen und lieben zu lernen. In Vorträgen, die eine praktische Auswertung zulassen, hat der Hörer die Möglichkeit, die erwor­benen Kenntnisse sofort weiter zu verwenden. Wer also nach vorwärts strebt und nicht stehen bleiben will, sondern das köstliche Gut des schaffenden Menschen, die Freizeit, richtig verwerten will, der

Gießener Konzertverein.

Zweites Solistenkonzert: AdelheidArmhold.

Der Eindruck des hiesigen Liederabends von Adel­heid A r m h o l d zeigte offensichtlich, daß die Künstlerin, bei aller Anerkennung ihrer bedeuten­den Werte, nicht gänzlich frei ist von einem Rest der Erdenschwere technischer Probleme. Zweifellos liegt bei Adelheid Armhold eine sehr große stimm­liche Begabung vor. Wenn es der Künstlerin ge­lingen würde, diese beneidenswerten Mittel völlig zur Entfaltung zu bringen, dann könnte sie eine unserer Allerersten [ein. Der augenblickliche Stand ihrer Entwicklung läßt einwandfrei erkennen, daß Körperlichkeit und Gesangsapparat noch nicht zum idealen Ausgleich geführt worben finb.

Wer die Sängerin vor Beginn eines Liedes auf dem Podium beobachtet hat, der wurde durch eine harmonisch ausgeglichene Erscheinung, die sich zu­mal in den Gesichtszügen ausprägte, gefesselt. So­bald sie aber zum Darstellen kam, da schien es, als legten sich dem Ausdruckswillen gewisse Hemmnisse :n den Weg. Man hatte jedenfalls den Eindruck,- daß die Stimme noch nicht ihren höchsten resonanz- lichen Sitz erreicht hat. Zu dieser Annahme berech­tigt der etwas schroffe Uebergang zu den äußeren Stimmgrenzen.

Was bei der Sängerin den Hörer aber von vorn­herein gefangen inmmt und bestrickt, bas ist ihr schwebendes Piano, das sich seidenweich ausspinnt und bei der überaus geschickten und angemessenen Anwendung, die ihm die Künstlerin zuteil werden läßt, immer wieder seine Reize ausübt.

Denn Adelheid Armhold ist eine hochmusika­lische Vortragsgestalterin, die durch die natürliche, warm empfundene Ausdrucksgebung Bewunderung hervorruft. Und dieses Moment war ausschlaggebend, den hiesigen Liederabend zu einem außerordent­lichen Erfolg werden zu lassen. Das Schlichte, innig Angegebene gewinnt gerade durch seine Unver­fälschtheit an Unmittelbarkeit. (Minnelied undIn stiller Nacht" von Brahms.) Wo sie neckische Töne anschlägt, da ist sie voll Charme (Storchenbotschaft" von Hugo Wolf). Ebenso aber fängt sie intime Stimmungen mit Zartheit ein wie in Schu­mannsMondnacht" und SchubertsIm Freien". Es ist aber auch ebenso ihrem Gestal­tungswillen ermöglicht, den weiten Bogen einer Arie zu spannen wie in Händels Arie der Kleopatra ausJulius Cäsar", mit der Gegensätz­lichkeit des Mittelsatzes. Impulsiver Lyrik gibt sie überzeugenden Ausdruck (Schubert:Gretchen am Spinnrade" und SchumannsFrühlings­nacht", die bei den Hörern das Verlangen nach Wiederholung ausläfte). Von ganz besonderer Note zeigte fie sich in dem zugegebenen norwegischen

Volkslied durch die Naturnähe des Echospiels. Immer wieder mußte die Sängerin auf dem Po­dium erscheinen, und stets gewann man ihr neue Zugaben ab. (Richard Strauß:Freundliche Vision", Brahms:Wiegenlied".)

Albert Hofmann (Wiesbaden) unterstützte die Sängerin am Flügel, sich dabei im Laufe des Abends immer mehr musikälifch erschließend. Mit Beet­hovens Ls-Dur-Sonate op. 31 Nr. 3 schal­tete er sich zwischen die Gesangsvorträge. Er ließ hier eine gesunde, durchgebildete Technik erkennen, die den Anforderungen des Werkes zweifellos ge­wachsen war. Anderseits aber stellt diese Sonate, so verhältnismäßig durchsichtig fie in ihrem Aufbau zunächst erscheinen mag, die musikalischen Gestal­tungskräfte vor Aufgaben, die manchem unserer Kla­vierspieler nicht restlos erreichbar sind. Im Großen und Ganzen konnte man der Auffassung Albert Hofmanns wohl zustimmen. Dr. H.

Oie Sache von Malabar Hill.

Don Lindy.

Colonel Rutherton beugte sich über den Tisch und goß den Whisky persönlich ein. Es machte ihm anscheinend Spaß, seinen Gästen zu beweisen, daß sie hier, in der entlegenen Garnison an der Grenze von Sikkim durchaus nicht auf die kleinen An­nehmlichkeiten zu verzichten brauchten, die das Leben für einen echten Engländer erst lebenswert machen. Seine Cocktails z. B. standen denen in der Bar im May Fair-Hotel in nichts nach, und dafür, daß bet Drink hier seine Portion Eis hatte, war auch ge­sorgt worden, trotz der Gluthitze.

Fällt Ihnen das nun eigentlich schwer, Oberst, von Indien Abschied zu nehmen?"

Rutherton lachte und wandte sein tiefbraunes Gesicht, zu dem die ergrauten Haare einen eigen­artigen Kontrast bildeten, der Sprecherin zu.

Noch bin ich nicht fort, Mrs. Pale..."

Die kleine Frau protestierte.Aber doch schon halb! Soll es nicht morgen losgehen? Hat sich etwas geändert?"

Der Oberst schüttelte den Kopf.

Nein es bleibt schon dabei ich gehe morgen früh mit den Trägern nach unten, aber Sie kennen Indien nicht..." er war ernst geworden man soll in diesem Lande keine Pläne machen..."

Mrs. Pale verzog den Mund zu einem reizenden Lächeln.

Abergläubisch etwa? Lassen Sie sich nicht auslachen, Oberst! Ich bin noch nicht lange hier, das stimmt wohl, aber was ich bisher von diesem Lande sah, hatte leider wenig Romantisches an sich. D-Züge und Radio, Tennis und Golf, Bridge und Flirt wenn Sie also nicht gerade die alten Zeiten

meinen, in denen das Land erst erobert werden mußte, und die Sie ja noch erlebt haben..."

Der Dritte am Tisch, Captain Bells, der sich bis dahin schweigend mit seinem Glase beschäftigt hatte, fand es nun an der Zeit einzugreifen. Wenn er etwas haßte, dann waren es jene alten Erzäh­lungen von Nena Sahib, Malabar Hill und wie die anderen Marksteine anglo-indischer Geschichte noch heißen mochten und das Gespräch schien ihm jetzt gefährlich nahe darauf zuzusteuern.

Laß die die Anspielung auf dein Alter nicht gefallen, Eddie," warf er dazwischen, worauf Mrs. Pale einen roten Kopf bekam, was ihr sehr gut stand, und lebhaft versicherte, daß sie das auf keinen Fall so gemeint hätte.

Alles mußte lachen, und Bells stellte mit Befrie­digung fest, daß die Klippe glücklich umschifft sei.

In diesem Moment kam der braune Boy und flüsterte dem Obersten etwas ins Ohr.

Einen Moment..." er bedeutete dem Diener, zu warten,Ladies und ©entfernen haben Sie Lust, einen Schlangenbeschwörer zu sehen?"

Mrs. Pale war sofort Feuer und Flamme, wäh­rend der Hauptmann geringschätzig den Mund verzog.

Also dann schicke den Mann hierher auf die Veranda!"

Die kleine Frau konnte sich einer gewissen Span­nung nicht erwehren. Sie batte schon so viel von indischen Gauklern und Schlangenbändigern gehört und bisher doch noch keine Gelegenheit gehabt, einen Vertreter dieser Gilde aus der Nähe zu sehen, ob­wohl sie nun schon vier Wochen im Lande war. Voller Interesse betrachtete sie also die hagere Ge­stalt des Inders, der jetzt die Veranda des Bunga­lows betrat und sich auf einen kleinen Teppich fetzte, den er mitgebracht hatte.

Das schmale, ausgemergelte Gesicht unter dem großen Turban ausdruckslos zu Boden gesenkt, stellte er einen Korb aus Rohrgeflecht vor sich hin und zog aus feinem Gürtel eine einfache Flöte hervor, der er eine langsame, seltsam einschläfernde Melodie entlockte.

Ein Schauer überlief die Frau gebannt starrte sie auf den Deckel des Korbes, der sich plötzlich, wie von Geisterhänden bewegt, zu heben begann. Der flache, häßliche Kopf einer Schlange wurde sichtbar, dem gleich darauf in raschen Windungen der schlanke Körper folgte.

Rutherton beugte sich Herüber.Eine Kobra ... Mrs. Pale..." flüsterte er,ihr Biß tötet in wenigen Minuten!"

Die Engländerin zuckte zusammen,Um Gottes­willen ist das wahr?"

Der Oberst lächelte.Nur keine Angst haben allen diesen Tieren sind die Giftzähne ausgebro­chen, man kann fie getrost anfassen. Wollen Sie es nicht einmal versuchen?"

Die Frau schüttelte sich vor Ekel.Nicht um alles in der Welt! Aber was tun Sie da"

Der Oberst war aufgestanden und trat auf den Schlangenbeschwörer zu. Irgendwas, worüber er sich selbst nicht klar war, zwang ihn zu dieser ganz lächerlichen Handlung.

,Wer hat es denn von mir verlangt, meinen Mut zu beweisen* sagte er zu sich selbst und setzte dennoch einen Schritt vor den anderen, immer näher auf das Tier zu, das sich aufgerichtet hatte und seinen aufgeblähten Hals langsam im Takte der Melodie hin und her wiegte.

Diese Melodie diese verdammte Melodie- warum hörte denn der Kerl da nicht auf! Wie schnell diese dreckigen Finger über die Löcher der Flöte glitten als ob es nicht zehn, sondern hundert Finger wären!!

.Zehn Finger ... hundert Finger .. .* murmelte er, ,tausend Finger .. .* aber der Kerl hatte doch nur sieben Finger...!

Colonel Rutherton wurde plötzlich hell wach wo hatte er denn diese verstümmelte Hand, der drei Finger fehlten, schon einmal gesehen...

Die alten Tage von Malabar Hill tauchten vor seinen Augen auf... was hatte doch damals jener Spion mit der verstümmelten Hand zu feinem Zelt herübergerufen, bevor er, kurz vor der Hinrichtung, in das Dschungel entfloh... ,Shiwa wird dich holen, bevor du dieses Land verlassen kannst...*

Und dieses tückische Glitzern in den Augen des Gauklers... plötzlich wußte er es: das bedeutet« Tod!

Er sprang einen Schritt zurück und riß die Pistols aus der Tasche... schon bäumte sich das Reptil zum tödlichen Biß... deutlich waren die beiden langen Giftzähne in dem aufgerissenen Rachen zu erkennen... da krachte der Schuß!

Mrs. Pale schrie auf und preßte die Hände vor die Augen Bells fuhr hoch.

Um Gotteswillen was ist los?!"

Die Schlange krümmte sich mit zerschmettertem Kopf am Baden.

Rutherton keuchte und versuchte, die Gestalt des Schlangenbändigers aufs Korn zu nehmen, der iw weiten Sprüngen auf das schützende Dschungel zu­rannte ... aber der Schuß war ungenau nur ein höhnisches Lachen schallte herüber, dann schloß sich die grüne Wildnis hinter dem Entflohenen.

Erschöpft ließ sich der Oberst in den Sessel fallen und stürzte seinen Whisky hinunter.

Sagte ichs nicht vorhin", lächelte er, und ein grimmiger Humor klang aus feinen Worten,man soll in diesem Lande feine Pläne machen?"

Und es wurde zu Captain Bells Unbehagen doch noch eine Story erzählt an diesem Nachmittag: die Geschichte des Spions von Malabar Hill.