nr.26O Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffenj
Mittwoch, 6. November (935
Aus der Provinzialhauptstadt. Generalleutnant Lüdke.
Das Bild zeigt General L ü d k e bei der diesfährtgen Feier des 1. Mai auf Oswaldsgarten.
(Ausnahme: Moto-Pfaff, Gießen.)
Durch Erlaß des Führers und Reichskanzlers wurde der Kommandeur der 9. Division, Generalmajor Lüdke, mit Wirkung vom 1. November 1935 ab zum Generalleutnant befördert.
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Generalleutnant Lüdke trat am 19. Sept. 1900 beim J.-R. 71 als Fahnenjunker ein. Am 27. Jan. 1902 wurde er zum Leutnant befördert, dann war er u. a. als Bataillons- und Regimentsadjutant tätig. Am 1. April 1914 wurde er zur Dienstleistung in den Großen Generalstab kommandiert. Im August 1914 wurde er Kompanie-Führer im Jnf.- Regiment71. Das Jahr 1915 brachte seine endgültige Versetzung in den Generalstab, hierauf war er im Generalstab des I. Res.-Korps und der 36. Res.- Division tätig. Ende 1917 erfolgte seine Versetzung in die Mobilmachungsabteilung des Kriegsministeriums. Nach dem Kriegsende blieb er im Reichswehrministerium kommandiert. Am 1. April 1923 erfolgte seine Beförderung zum Major. Am 1. Februar 1927 wurde er Kommandeur des II. Bataillons des Jnf.-Regts. 11. Am 1. März 1929 erhielt er seine Versetzung zum Gruppenkommando II in Kassel. Vom 1. März 1930 ab war er Chef des Stabes der III. Kavallerie-Division in Weimar, vom 1. Februar 1932 ab Kommandeur des Infanterie- Regiments 12 in Halberstadt. Am 1. Oktober 1934 kam er als Infanterie-Führer V nach Gießen.
Kein Der Lln v^rsität Ziehen
Don der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Dem Rektor ist amtlich von der Regierung mitgeteilt worden, daß weder an den Abbau der Gesamtuniversität noch an den einzelner Fakultäten gedacht ist.
Qebihdau
Von der Bürgermeisterei Gießen wird uns mit« geteilt: Das städtische Gebäude Liebigstraße 16, früher Alte Klinik, wird ab 1. November 1935 als „Liebigbau" bezeichnet.
Tanzstunde.
„Zwei — drei! kurz — kurz — lang ..
Mitten zwischen zwei Dutzend Paaren Jugendlicher steht der Tanzlehrer oder die Tanzlehrerin und gibt mit leisem Händeklatschen den Takt an. Die Musik spielt, vorerst absichtlich etwas langsam, betont nachhelfend. Ein Schurren, mitunter ein Stampfen, setzt ein. Hier und da leises Kichern, ein verlegenes Lächeln, aber es geht schon ganz gut!
Tanzstunde! Allüberall in Deutschland ertönt jetzt wieder dieses „zwei — drei — kurz — kurz — lang!" Ein neuer Jahrgang lernt tanzen-, ein neuer Jahrgang versucht, hinter die Geheimnisse der rhythmischen Tanzschritte, hinter das Rätsel der vielgestaltigen Figuren und Drehungen zu kommen, schwingt sich im Kreise und müht sich redlich ab. Denn auch hier in der Tanzstunde gilt das Wort „Kein Meister fällt vom Himmel!" Der eine lernt und begreift es schnell, der andere langsamer, gar mancher lernt's nimmer! Neidisch blickt so mancher, der sich bislang als Herr der Schöpfung und der Welt dünkte, auf die Vertreterinnen des „schwachen" Geschlechts, die — es war immer so! — am ehesten den „Dreh" heraus haben.
Paßt die Tanzstunde noch in unsere Zeit? Ist sie nicht vielleicht etwas Ueberholtes, etwas lieber« flüssiges, etwas Aeußerliches? Wer nur etwas Aeußerliches im Tanze sieht, nur oberflächlich über die mancherlei „Anstandsregeln" urteilt, der mag vielleicht den Wert der Tanzstunde verneinen und in ihr nur spielerisches Getändel sehen.
Forschungsarbeiten in
In der Naturwissenschaftlichen Abteilung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde hielt der Zoologe unserer Universität Professor Merker am gestrigen Dienstagabend in einer Sitzung im Zoologischen Institut einen interessanten Vortrag über „Die Lebensbedingungen in Öen oberhessischen Fischteichen und die Fischzucht."
Einleitend bemerkte der Vortragende, daß seine Forschungen in engem Zusammenhang mit der biologisch-klimatologischen Arbeit zur Erforschung des Vogelsberges stehen. Er hob weiter hervor, daß nicht das Klima im Vogelsberg eigentlich die landwirtschaftlichen Schwierigkeiten so sehr bedingt, wie man bisher glaubte, sondern daß schlechte Bodenbearbeitung — der Boden ist vielfach sauer und deshalb schlecht im Ertrag — die Ursache dieser landwirtschaftlichen Schwierigkeiten ist. Wenn dieser Zustand — was nach der Ansicht des Redners leicht möglich ist — aeändert wird, könnten auch im Vogelsberg für die Landwirtschaft bessere Ergebnisse erwartet werden. Beweis dafür feien die Erträge bei der Bearbeitung gut gepflegter Gärten und solcher Aecker unter dem Pflug, die ebenfalls eine gute Bearbeitung erfahren.
Nach diesen bemerkenswerten allgemeinen Hinweisen auf dringende Notwendigkeiten des Vogelsberges wandte sich der Redner feinem eigentlichen Vortragsthema zu. Er berichtete dabei, daß er für feine Forschungsarbeit die Teiche auserwählt habe, weil sie gewissermaßen „Töpfe der Natur" darstellen und auch für seine Versuche „Töpfe" sind. In diesen Teichen sind die Forschungen des Vortre^enden durchgeführt worden bzw. noch im Gange. Es handelt sich dabei um den großen Albacher Teich, den oberhalb davon gelegenen fog. oberen oder neuen Albacher Teich, die Mengelshäu- f e r Teiche, den Erlesberger Teich an der Straße von Lich nach Laubach, um den Gederner Teich, den Obermoofer und den N i e- derrnoofer Teich, schließlich noch um den Rodebacher Teich. In der Hauptsache hat Professor Merker den Großen Albacher Teich, den Erlesberger Teich (den er als fog. „Himmelsteich" bezeichnete, weil er feine Wasfermenge nur aus Re- genniederfchlägen empfängt), den Obermoofer und den Rodebacher Teich für feine Forschungen benutzt.
Eingehend machte der Vortragende mit den Der»
Aber so ist es in Wirklichkeit nicht! Auch die „Anstandsregeln", das Verbeugen, das Verneigen, das „Auffordern" und der Tanz selbst, alles hat wohl seinen Zweck und seinen tieferen Sinn. Den Sinn nämlich: zunächst einmal dem Körper Haltung zu geben! Es ist durchaus nicht gleichgültig, wie wir uns im Leben „halten", wie wir uns benehmen und bewegen; denn zuletzt ist auch unsere äußere Haltung Spiegelbild unserer inneren Haltung! Gewiß gibt es Menschen, die einer solchen Schulung nicht bedürfen; gibt es Menschen, die das Tanzen nicht zu erlernen brauchen; wie es auch sonst im Leben Seldstlehrer (Autodidakten) gibt. Das alles spricht aber nicht gegen den Tanzunter- richt und eine gute geleitete Tanzstunde.
Zumal die Tanzstunde über das rein Formale des Tanzunterrichtes hinaus heute noch eine besondere Aufgabe hat! Wir haben alle die Abarten, Verzerrungen und Verirrungen des Tanzes mit- erlebt, die sich in einer Zeit äußerer und innerer Verwahrlosung in den Ballsaal, auf die Tanzstättesi, ja bis in den Kreis der Familienfestlichkeiten hinein- gedrängt Haden. Wir brauchen hier nur das Wort „Niggertanz" auszusprechen, um verstanden zu werden.
Wenn dieser Ausartung des Begriffes Tanzen heute durch die deutschen Tanzlehrer und Tanzlehrerinnen bewußt entgegengearbeitet, wenn in der Tanzstunde auf den künstlerischen Wert des Rundtanzes, des Reigentanzes, des Figurentanzes, des deutschen Tanzes hingearbeitet, wenn alles „Wackeln", alles „Schieben" mit Recht gebrand- oberhessischen Teichen, schiedenen Lebewesen in diesen Teichen bekannt. Eine große Anzahl Lichtbilder veranschaulichte dabei das gesprochene Wort in bester Weise. Er ordnete die Tierwelt dieser Teiche in drei Gruppen ein: die Tiere, die am Ufer leben, die Tiere, die im freien Wasser existieren, und die Tiere, die am Grunde der Teiche ihr Dasein führen. Man hörte dann vielerlei, interessante Einzelheiten aus dem Leben der Daphnien, der Hüpferlinge, der Rädertiere usw., die wohl in großer Zahl, aber nur in wenigen Arten in den Teichen leben, ferner lernte man interessante Beobachtungen über die in den erforschten Teichen hauptsächlich vorkommenden Fische (Karpfen, Schleien), die Wildfische, $. B. Stichling, Steinbeißer, Schmerle, Schlammbeitzger, Gründling, sowie über die Lebensbeziehungen der Fischarten zu den Lebewesen der sog. Schwebewelt, d. h. der Daphnien usw., kennen. Für die Praxis der Fischzüchter war der Hinweis wichtig, daß der in unseren heimischen Teichen vorkommenoe Flohkrebs besonders geeignet ist zur Beurteilung der praktt- schen Brauchbarkeit der mit Fischen besetzten Gewässer, weil man an der Beschaffenheit der Kiemen des Flohkrebses den Sauerstoffgehalt der Gewässer erkennen kann.
Am Schlüsse seines Vortrages machte Professor Merker noch mit zahlreichen Einzelheiten der bisherigen vergleichenden Studien in den oben erwähnten Teichen bekannt, wobei er insbesondere auch auf die Lebensverhältnisse der Daphnien, ihr zeitweiliges Verschwinden unter dem Einfluß besonders starker Lichtwirkung, Sauerstoffmangel nach schwülen Nächten mit nur geringer Abkühlung der Wasseroberfläche usw. berichtete. Er betonte in diesem Zusammenhänge, daß im Rahmen seines Forschungsprogramms gegenwärtig noch Versuche im Gange sind, über deren Ergebnis heute noch keine abschließenden Mitteilungen gemacht werden können, von denen er aber manche lehrreiche Aufschlüsse erwartet.
Im Anschluß an den mit starkem Interesse verfolgten Vortrag fand eine kurze Aussprache statt, an der sich berufene Fachwissenschaftler beteiligten. Eine Ausstellung von mancherlei Stücken der bisherigen Forschungsarbeiten innerhalb der Tierwelt dieser Teiche trug in hohem Maße zum Verständnis der Erkenntnisse dieser interessanten Forschungsarbeit bei.
markt und unterbunden wird, bann hat die Tanzstunde nicht nur ihre große Bedeutung, dann ist sie im Hinblick auf den Stil unseres Gemeinschaft-- lebens im deutschen Sinne sogar eine Notwendigkeit!
Bejahen wir also die Tanzstunde! Und denken wir dabei getrost ein wenig an d i e Zeit, als wir selbst noch, mühsam und unbeholfen zwar, aber dennoch glücklich und selig, das Tanzen lernten nach dem Takt „Zwei — drei — kurz — kurz — lang ..." H. Dy.
Dornoinen
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr Allgemeine Körperschule im Lyzeum, Dammstraße; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — NSLB., Kreis Gießen: 15.30 Uhr in der Neuen Pestalozzischule Kreisversammlung; es spricht Ministerialrat Rings Hausen. — Stadttheater: 19.30 bis 21.30 Uhr „Komödie der Irrungen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Werft zum Grauen Hecht". — Goethe- bund Gießen, Kaufmännischer Verein Gießen: 20 Uhr in der Neuen Aula Dichter-Abend, Heinrich L e r s ch lieft aus eigenen Werken. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart, Kleintierplastik von Lily König.
Sladtthectter Gießen.
Heute, 19.30 Uhr, als 6. Vorstellung im Mittwoch- Abonnement Wiederholung des großen Shakespeare- Erfolges „Komödie der Irrungen" in der deutschen Bearbeitung von Hans Rothe. Spielleitung: der Intendant. Ende 21.30 Uhr.
Hitler-Lugend Anterbann 1/116.
Der Unterbann 1/116 einschließlich Marine-Hitler- Jugend tritt am Samstag, 9. November, pünktlich um 19.55 Uhr am Heim der Gefolgschaft 2/116 an. Der Unterbann 1/116 nimmt geschlossen an der Feierstunde der für das neue Deutschland am 9. November 1923 in München gefallenen Helden der Bewegung teil.
Die Gefolgschaften führen sämtliche Fahnen mit. Uniform: Großer Dienstanzug.
f/X Die deutsche Rrbcitsfront ;, n.9.=6emeinf(haft ;firan durch freute"
Dlchlerabend Heinrich Lersch.
Am Mittwoch, 6. November, veranstaltet der Goethe-Bund Gießen in der Neuen Aula einen Dichterabend. Der Dichter und Arbeiter Heinrich Lersch liest aus eigenen Werken. Zu diesem Abend hat uns der Goethe-Bund verbilligte Eintrittskarten zum Preise von 40 Pf. zur Verfügung gestellt. Die Karten sind auf der Kreisdienststelle „KdF.", Schanzenstraße 18, erhältlich.
Vortrag über Abessinien.
Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in Gießen hat uns für den Vortrag über Abessinien verbilligte Eintrittskarten zum Preise von 40 Pf. zur fügung gestellt. Die Karten sind auf der Kreisdienst, stelle „KdF.", Schanzenstraße 18, erhältlich.
Ausführung von „Holzappel" am 10. November im Gießener Sladtthcaler.
Um vielfachen Wünschen gerecht zu werden, bringen wir am Sonntag, 10. November, 15 Uhr, eine Wiederholung des lustigen Volksstückes „Holzappel" von H. A. Weber. Wir haben die Vorstellung auf
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Klemes Menschenkind.
Von E. £. Stoltenberg, Gießen.
Brigitte ist ein kleines Mädchen, das, helläuaig und mit wehenden blonden Haaren, fröhlich ins Leben stapft. Was gibt es da alles zu sehen und zu erproben!
Morgens steht sie nackt am Waschtisch und will sich mit Mutters großem Schwamm waschen. Zuerst stößt sie kleine Schreie aus, weil das Wasser so kalt ist, dann aber erklärt sie lachend: „Ich bin ja aanz oerfeiat!" Als dann das Abtrocknen etwas unsanft geschieht, sagt sie entrüstet: „Mutti, du bist aber eine olle Wehtu-Dame!" Nachdem nun die Reinigung beendet, bindet ihr Mutti eine neue rote Schleife ins Haar. Da niemand sonst im Zimmer ist, guckt sie plötzlich zum Fenster hinaus und sagt stolz: „Sieh mal, Leute!"
Spazierengehen mit der Mama ist herrlich, mit dem Papi tobt sie am liebsten. „Du bist doch so n schrecklich feiner Kerl!" schmeichelt sie, und dann wird geritten, geschaukelt oder geturnt. Wenn der Papi nicht gerade seinen besten Anzug anhat, muß er auch mal auf allen Vieren um den Tisch krabbeln, Brigittch stolz auf seinem Rücken, wobei helle Schreie des Entzückens oder der Angst ertönen, denn das böse Reittier stößt auch manchmal ober sucht sie abzuschütteln.
Dann wird mit den Puppen gespielt: „Das Baby ist doch einfach eine Wonne! Gelt, Mutti?" Aber es kann auch ein Stück Papier oder das Gieß- kännchen fein, das in den Schubkarren gelegt und herumgefahren oder zärtlich in den Arm genommen wird. Oder sie spielt „Weihnachten": die größte Puppe bekommt ein Kopftuch um, sie ist die Maria und das kleine nackte Badepüppchen das Jesuskind Der Teddybär sitzt ernst als Josef dabei.
Wie schön läßt es sich auch in der Sandkiste im Garten spielen! Dort sitzt sie mit ihren kleinen Freundinnen stundenlang. Einmal haben sie, trotz des mütterlichen Verbotes, Wasser geholt und hineingeschüttet und auch einander Sand auf die Köpfchen gestreut. Nach einer ernsten Vermahnung meint Brigitte treuherzig: „Weiß du, Mutti, wenn es der liebe Gott sieht, das schadet ja nix, aber d u kannst hauen!"
Oft ziehen sie morgens mit dem Opa aufs „Feld , angetan mit ihrem blauen Dirndlkleid, ihre große Schüppe über die Schulter gelegt und das Gieß- Sännchen in der Hand. Dort ist es herrlich still die Lerchen tirilieren, und, oh Wonne, es gibt Erdbeeren oder Himbeeren zu naschen. Irgendein
Unheil stellt sie dann meistens an, oder ist das nur die verkehrte Ansicht der Erwachsenen? Brigitte bat doch so eifrig „gearbeitet", und mit roten Bäckchen und einem Riesenhunger kehrt sie heim.
Viel Freude spendet auch der Tonkasten, es wird dann getanzt und gehüpft, und man kann schrecklich luftig fein. Da singt eine „Tante" so wunderschön das „Ave Maria" — Brigitte kennt alle Platten sofort — aber eine andere, nein, wie ist die komisch! „Weißt du, Mutti, die hat sicher gelbe Haare und ein rotes Kleid und einen grünen Mantel!"
„Schnucki", das Meerschweinchen, wird heiß geliebt. Es wohnt auf dem Balkon in einem hübschen Ställchen, und Brigitte holt jeden Tag Futter neben dem Haus auf der Wiese. Morgens piepst es so laut und fordernd und sucht mit seinem rosa Mäulchen am Gitter, bis es feine Rübe bekommen hat. Brigitte spricht dann in den zärtlichsten Tönen mit ihm und läßt sich ein Pfötchen geben, d. h. sie nimmt es einfach. Im Zoo, in den sie mal mit der Mutti gehen darf, hat sie auch große Freude an allen Tieren, nur — der Rüssel des Elefanten ist zum Fürchten, und das Stück Zucker fällt daneben. Die Affen sind doch das Netteste, und mit großer Anteilnahme wird ihnen zugesehen. Noch abends im Bett hat es der Fragen kein Ende: „Mutti, wo wischt das Aeffchen seine Hände ab, wenn es seine Banane gegessen hat?" „Mutti, macht der rote Papagei auch rote Geschäfte?" „Mutti, gelt, Kakadu ist aber ein komischer Name?"
Endlich aber steht doch das Mäulchen still, nachdem sie noch „Gute Nacht, Welt!" zum Fenster hinausgerufen hat, und sie ist eingeschlafen, um am anderen Morgen fröhlich zu einem neuen Tagewerk zu erwachen.
Oie junge Oame im Schlafwagen.
In Jeurnont, an der französischen Grenze, ist Zollkontrolle. Der Nachtexpreß Lütttch—Paris wird hier von Beamten durchsucht. Höflich klopfen sie an die Abteile des Schlafwagens und lassen den Reisenden genügend Zeit, sich anzukleiden. An einem Abteil aber pocht der junge Zollbeamte mehrmals vergebens. Der Zugführer erklärt, daß der Wagen besetzt ist, und der Zollbeamte versucht noch einmal sein Glück. Jetzt vernimmt er ein schlaftrunkenes herein'" Doch als er die Tür öffnet, blickt er schnell gefaßt zu Boden. Das untere Bett ist unbesetzt, im oberen aber befindet sich eine entzückende junge Dame, die offenbar durch das Klopfen aus
tiefem Schlaf geschreckt wurde. „Haben Sie irgendetwas zu verzollen, mein Fräulein?" fragt der Beamte höflich und wagt nicht die Augen zu erheben. „Verzollen, wieso verzollen? O nein, natürlich nicht! Verzeihen Sie, ich wußte im Augenblick gar nicht, wo ich mich befand." Als der Zollbeamte jetzt zu der jungen Dame aufschaut, sieht er ein so bezauberndes Lächeln, daß er auf eine Durchsuchung des Wagens verzichtet. Er legt die Hand an die Mütze und sagt höflich: „Danke sehr!" Und die junge Dame kann wieder in Morpheus Arme sinken. Der Zollbeamte verrät nichts von dieser Begegnung, bei der er so viel Mühe hatte, seine Amtsmiene zu wahren. Aber einer seiner Kollegen ist weniger zurückhaltend und erzählt ein paar Tage später, daß er bei der Schlafwagenkontrolle eine entzückende Dame aus dem Schlaf geschreckt habe. Sie sei so verwirrt gewesen, daß sie seine Frage nach zollpflichtiger Ware zunächst gar nicht begriffen habe. Da macht unser junger Zollbeamter verwunderte Augen, aber auch ein dritter Kollege ist bestürzt; denn auch er traf mit der hübschen jungen Dame im Schlafwagen zusammen. In der Nacht, die nun folgte, wiederholte sich die schon dreimal gespielte Szene zum viertenmal: Bei der Zollkontrolle in Jeurnont wird ein Schlafwagenabteil nicht geöffnet, erst nach längerem Anklopfen ertönt ein schlaftrunkenes „Herein!" Aber heute ist der Zollbeamte kein Kavalier, der sich mit einem bezaubernden Lächeln begnügt und sich mit geflüstertem „Danke sehr!" sofort wieder zurückzieht. Es hilft der jungen Dame nichts, daß sie lebhaft bekundet, wie sehr sie noch vom Schlaf befangen ist und wie ruhebedürf- tig. Sie muß sich ankleiden und ihre Ausweispapiere zeigen. Man stellt fachlich fest, daß es sich um die fünfundzwanzigjährige Rense-Jeanne Bar- dia handelt, die, wie sich bei der Durchsuchung des Abteils zeigt, über zwölfhundert Päckchen Zigaretten und mehrere Flaschen Parfüm geschmuggelt hat. Vergeblich beteuert die Schlafwagen-Schönheit: ihre Unschuld. „Ich habe nicht gewußt, daß sich Kontrebande in meinem Abteil befindet", erklärte sie unter Tränen, „ein fremder Mann hat mich gebeten, ein wenig auf die Pakete acht zu haben, und so habe ich sie mit in mein Abteil genommen." Man schenkt der Geschichte von dem unbekannten Mann keimn Glauben und bringt die junge Dame ins Gefängnis, wo sie wohl eine Zeitlang bleiben muß. Es ist anzunehmen, daß die Zollbeamten in nächster Zeit weniger liebenswürdig gegenüber jungen Damen sind, die es sich zur Gewohnheit machen, bei der Zollkontrolle aus so tiefem Schlaf zu erwachen
Die zärtlichen Tauben.
In Nr. 243 des Gießener Anzeigers vom 17. Oktober d. I. erschien ein Aufsatz „Xanthippe war gar nicht so übel!" von Dr. H. Schäfer, in welchem von „Irrtümern, die die Wissenschaft berichtigte", die Rede war. Der Artikel begann mit einer kleinen Betrachtung über das fog. Schnäbeln der Tauben, als dessen Ursache der Verfasser — entgegen der landläufigen Meinung — nicht die Liebe der Taube zum Tauber, sondern den Hunger der Taube bezeichnete. Dagegen erhebt nun (leider erst heute) Herr H. Schmidt, Gießen, auf Grund feiner Beobachtungen während einer mehr als vierzigjährigen Züchtertätigkeit als alter Taubenliebhaber Einspruch. Wir entnehmen seinen Ausführungen, die übrigens auch von zwei andern Fachleuten, Herrn Apotheker S ch w i e d e r, dem Vorsitzenden der hiesigen Brieftauben- Reisevereinigung, und von Herrn Dr. Lang vom Tierzuchtamt als zutreffend bestätigt wurden, das Folgende:
Jeder aufmerksam beobachtende Taubenzüchter wird bestätigen, daß das Schnäbeln tatsächlich das Liebesspiel der Tauben schlechthin ist. Das Schnäbeln findet nämlich nur, wie der Züchter sagt, während der Heck- und Paarzeit statt, wo also das Geschlechts- und Liebesleben der Tauben am stärksten ist. Das Schnäbeln ist eben der Ausdruck der stärksten physischen Liebe. Denn nach dem Schnäbeln findet regelmäßig, wie der Fachausdruck heißt, das „Treten" der Tauben durch den Tauber statt. Wohl hat das Schnäbeln der alten Tauben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Atzung, der Fütterung der jungen Tauben durch die (Elterntiere, wobei das Jungtier seinen Schnabel gerade und tief in den Schnabel der Eltern steckt und so durch Würgen der Alten die im Kropf erweichten Körner aufnimmt. Wer genau beobachtet, wird mir bestätigen, daß beim Schnäbeln der alten Tiere der Tauber den geschlossenen Schnabel der Täubin seitlich erfaßt, so daß schon aus diesem Grunde keine Nahrungsaufnahme stattfinden kann. Das Schnäbeln findet nur in der Zeit statt, wenn die Tauben zu einer neuen Brut schreiten und ist für den Züchter immer das Zeichen, daß ein neues Gelege in nächster Zeit erfolgt. Während der Bebrütung der Eier, der Aufzucht der Jungen, ja monatelang während der Herbst- und Winterzeit, wo das Brutgeschäft ruht, findet das Schnäbeln überhaupt nicht statt. Äuf welche Weise bekommt denn da die Täubin ihr Futter?


