Nr. 155 viertes Blatt_______________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)________________Samstag. b.Zuli 1955
Schaffende Hände in Giraffen und Gaffen.
Gassen und Straßen in unserer Stadt bedürfen der ständigen Unterhaltung und Reinigung: hier muß das Pflaster erneuert werden und dort'haben sich in der Asphaltdecke Schlaglöcher gebildet, die wieder ausgefüllt werden müssen; die Schienen- stränae der Straßenbahn müssen in viel beanspruchten Kurven von Zeit zu Zeit erneuert werden, die Kanäle, die wie ein unsichtbares Retz die Straßen durchziehen und so überaus wichtig sind für die Hygiene der menschlichen Lebenshaltung, bedürfen in verschiedenen zeitlichen Abständen der Reinigung. Und immer dann, wenn sich da und dort eine der erwähnten Notwendigkeit erweist, dann rücken die Arbeiter der Stadtverwaltung bzw. des Hoch- und Tiefbauamtes mit ihren Arbeitswagen an, laden ihre Werkzeuge ab, und stellen vor und hinter der Baustelle jene bekannten rot-weißen Sperrschranken auf, über denen in einer unmißverständlichen Sprache geschrieben steht, daß die betreffenden Straßen polizeilich gesperrt, gewissermaßen „tabu" sind. Da beginnt dann ein Hacken und Räumen, das Pflaster wird aufqerissen, Erdhaufen werden links und rechts immer höher, und es dauert geraume Zeit, bis sich alles wieder so darbietet, wie es vordem war, nur um den beabsichtigten Zweck besser.
Und diese Beschäftigung ist alltäglich, so alltäglich, daß kaum jemand darüber spricht. Bestenfalls nimmt man von all diesen Arbeitsvorhaben immer nur dann etwas eingehender Kenntnis, wenn man durch sie zu einem Umweg gezwungen wird und dann glaubt: „es wird andauernd gebaut". Aber wenn man sich schon vor Augen hält, daß diese Arbeit alltäglich ist, so soll man auch nicht versäumen, daran j|u denken, wie sehr notwendig sie ist, wie viele Volksgenossen hier ihre Arbeitsmöglichkeit haben und wieviele von ihnen auch mit dieser Art Arbeit sehr innig verbunden sind.
Tatsächlich bedeutet es eine stille und feine Freude, zu sehen, wie der Pflasterer einen Stein an den anderen fügt, wie der Hammer mit genau ausgewogener Kraft geführt wird, so, daß der eine
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Die Straßenkehrer bei ihrer wichtigen Beschäftigung.
dann fühlt man eine schöne Systematik, und das Sinnvolle im Gang der Dinge.
Ganz besonders interessant und schön zu nennen ist, um noch kurz bei der Arbeit der Pflasterer zu verweilen, wenn das neu gepflasterte Stück Straße mit den schweren eisernen oder hölzernen Stempeln bearbeitet wird, um jene gleichmäßige Oberfläche zu schaffen, wie sie der Fuhrwerkslenker, der Kraftfahrer und gar der Radfahrer wünschen. Wenn so etwa drei oder vier Mann beisammen stehen und im Takte, im gebundenen Rhythmus, ihre schweren Stempel heben und fallen lassen, dann verweilt man gerne einige Minuten. Unwillkürlich wenden sich die Gedanken auch jenen Arbeiten zu, bei denen dieser Takt die gleiche — arbeitsfördernde
wenn sie sagen: „es .stinkt' nach Teer!" In irgendeiner unbelebten Straßenecke stehen dann auch sicherlich jene fettigglänzenden Oefen, in denen die schwarze Masse brodelt. Jungens streichen hin und wieder darum, um einen Patzen der gefügigen Masse zu ergattern, die sich in alle möglichen Formen pressen läßt. Wenn eine Straße geteert wird, stehen aber auch die Erwachsenen gerne einmal dabei und verfolgen das Hantieren mit der heißen, flüssigen Masse, das Abfüllen in die Eimer, das Aufschütten oder Aufspritzen, das Beimengen von Sand oder Splitt, das Glätten und Kehren, kurzum den vielgestaltigen Arbeitsprozeß, der sich hier bietet. Die Verfahren sind ja heute bereits sehr vielfacher Art und je nach dem Ausmaß der Beanspruchung sehr verschieden.
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Mit dem Schweißgerät an der Straßenbahnschiene.
Stein nicht höher zu liegen kommt wie der andere. Und ebenso schön ist es, zu sehen, wie dieser Arbeiter unter den Steinen, die neben ihm liegen, kritisch wählt, ob er zu den bereits gesetzten Steinen gut paßt. Wenn man dieses Schaffen sieht, dann erinnert man sich vielleicht auch einmal jener Menschen vor unserer Zeit, die hohe Mauern aufführten, ohne Mörtel zu Hilfe zu nehmen. Und doch stehen diese Mauern heute noch. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man auch bei dieser einfach erscheinenden Arbeit von einer Vergeistigung des Schaffens spricht. Mit nicht weniger Aufmerksamkeit behaut ein anderer Arbeiter die Basaltsteine so, daß sie genau in den Winkel passen, der sich an einer Weiche ergibt. Wer wagte es, auch nur vor sich selbst, oder gar vor anderen geringschätzig von dieser Arbeit zu denken?!
Unser rascher Fag gibt uns nicht oft die Zeit, an solchen Arbeitsstellen stehen zu bleiben und den Arbeitsverlauf zu verfolgen. Immer aber dann, wenn man von Zeit zu Zeit daran vorübergeht und dabei Kenntnis nimmt vom Stand der Arbeiten,
— Wirkung tut: beim Schmieden oder bei der altväterlichen Form des Dreschens mit dem Dreschflegel.
Wenn der Unterbau einerStraße aufgeschüttet wird, dann läßt sich beobachten, wie bei der schweren körperlichen Arbeit, beim Sand- oder Steinschotterschippen, der ganze Körper des Menschen beteiligt ist. Die Schaufel wird kräftig angestoßen, die Hände schieben und drücken; das Knie hilft, das ganze Körpergewicht wird eingesetzt, bis dann die volle Schaufel gehoben und kraftvoll frei ausgeschwungen wird. Wenn je. einmal ein Film von dieser Arbeit gedreht werden sollte, dann dürfte die Darstellung dieses komplizierten Ablaufs schöner Bewegung in Zeitlupenaufnahmen nicht vergessen werden.
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Manchmal — wenn Asphaltstraßen den Schauplatz der Straßenarbeit darstellen — liegt über einem ganzen Stadtviertel der schwere Ruch des Teers. Es gibt eine stattliche Anzahl von Menschen, die den Geruch des Teers gut leiden können, auch
Ein nicht weniger interessantes Kapitel ist das Schweißen von Straßenbahnschienen, das man in letzter Zeit des öfteren in den Straßen der Stadt sehen konnte. Das Schweißen geschieht heute meist auf elektrischem Weg unter einer heftigen Lichtentwicklung. Dor dem Arbeiter, der das Schweißen durchzuführen hat, steht ein halbkreisförmiger Blechschirm, der die warnende Aufschrift trägt: „Nicht in die Flamme sehen!" Schwere Schädigungen der Augen könnten die Folge sein. So bleibt man denn in respektvoller Entfernung von diesen Strahlenbündeln, die dort willkürlich aufschießen, verlöschen und sich immer wieder ergänzen. Bestenfalls riskiert man einen Blick — tut es jedoch nur für Bruchteile von Sekunden. Der Arbeiter selbst schützt sich mit einem kräftigen Lichtfilter, das er sich während seiner Arbeit vor das Gesicht halten muß.
Neben der Straßenbauarbeit spielt die Straßenreinigung eine große Rolle. Jeden Morgen ziehen die Arbeitskolonnen der Straßenkehrer aus mit ihrem Wasserwagen und ihrem Karren. Systematisch nach einem festgelegten Plan werden die Straßen zuerst gesprengt und dann gekehrt. Das vollzieht sich in bekannten und einfachen Formen. Wie wichtig diese Arbeit ist, könnten wir aber in ihrem ganzen Ausmaß vielleicht erst dann ermessen, wenn die Straßen einmal 14 Tage lang keinen Besen zu sehen bekämen. —
Ebenso unvorstellbar wären wohl auch die Folgen, wenn einmal unsere Kanalisation für einen größeren Zeitraum vergessen werden würde. In die Verlegenheit, den in einem solchen Fall eintretenden Zustand kennenzulernen, kommt man in einem geordneten Gemeinwesen allerdings wohl kaum.
So stehen viele Menschen im Dienst an der Straße: der eine hat die Leitungsmasten mit Rostschutzfarbe zu streichen, der andere die elektrische Beleuchtung zu kontrollieren, dieser hat die Wasserleitung und jener die Gasleitung zu beargwöhnen, hier sind elektrische Anschlüsse von der Straße aus herzustellen und dort in den Randgebieten neue Kanalrohre zu legen. Wieder andere Arbeiter dienen der Erhaltung unserer Grünanlagen, sie pflanzen Blumen im Frühling, mähen das Gras und rechen im Herbst das dürre Laub.
Alle aber und immer dienen sie der Ordnung der Straße, dem guten Aussehen unseres Stadtbildes, und im letzten und tiefsten Sinne der gesamten Volksgemeinschaft.
So hat all diese Arbeit Sinn und Bedeutung, so verdient der Arbeiter, der auf der Straße in aller Bescheidenheit seines Wesens hart arbeitet, unser aller Wertschätzung, unsere Anerkennung und seinen Lohn.
(Aufnahmen [9]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Fugen zwischen den Steinen werden hier sorgfältig ausgesüllt ... Flüssiger Teer wird in Eimer gefüllt.
„Schipp-Schipp" für einen Straßenunterbau.
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Beim Abladen geteerter Schotter.
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Vor dem Kehren der Straße wird gesprengt.
Der Pflasterer fügt Stein an Stein.
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Arbeit im Takt.
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