Nr. 82 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Samstag, 6. April {935
Textilbetriebe in Oberhessen.
(Spinnereien uni) Webereien in Grünberg. — Die mechanische Meiderfabnkation in Alsfeld.
Es lohnt sich, hin und wieder den Blick auf unsere oberhessischen Industrien zu werfen. So still die Landschaft unserer engeren Heimat ist und so sehr sich die nicht allzu zahlreiche Industriewerke in die Landschaft einfügen, so sehr sind sie doch bedeutungsvoll für die Bevölkerung der betreffenden Städte oder Orte und — führen im Geiste gleichzeitig hinaus in die weite Welt.
Diesmal soll von den Spinnereien und Webereien in Grünberg und anschließend von einer mechanischen Kleiderfabrik in Alsfeld die Rede sein
Die Spinnereien und Webereien in Grünberg bestimmen den Charakter der Stadt nicht wesentlich, fügen sich vielmehr in das äußere Bild unauffällig ein. Grünberg ist ein Landstädtchen. Wenn man von Industrie spricht, muß man ja nicht immer gleich an das Ruhrgebiet denken.
Ein solcher Spinnerei- bzw Webereibetrieb ist, wie man ihn bei den Firmen Spinnerei und Weberei Allmendinger, Spinnerei und Weberei Heinrich Schmidt I. und in der Weberei von K. Repp vorfindet, ob seiner Vielfältigkeit hochinteressant. Die Eindrücke, die der Besucher gewinnt, sind sehr unterschiedlich und stark. Ganz abgesehen davon, daß ein Gang durch die Betriebs- räume sehr lehrreich ist. Besuch in diesen Betrieben ist deshalb nichts Seltenes. Schulen wird öfters Gelegenheit gegeben, hier praktischen Anschauungsunterricht zu pflegen; auch von feiten der Gießener Schulen wurde den Webereien schon mancher Beuch abgestattet.
In Grünberg beschäftigt man sich in der Haupt- ache mit der Herstellung ganz bestimmter Stoffe. So wird in der Hauptsache der sogenannte „Buck- ’ fin" und „Tirtey" gewebt, ein Anzugstoff aus einer Mischung von Wolle und Baumwolle. Stoffe für Trachten, die in Art und Farbe jeweils genau iestqelegt und immer wieder in der gleichen Art verlangt sind, werden ebenfalls hergestellt; die An- ertigung von Schlafdecken, Decken für Tiere usw.
Die hohen Stosflagen werden geschnitten.
gehört ebenfalls zum Arbeitsbereich'der Grünberger Webereien.
Wolle und Baumwolle sind das hauptsächlichste Rohmaterial. Leinengarne und Kunstseide werden je nach dem Zweck auch verarbeitet. Sehr wesentlich stützen sich aber die Grünberger -Spinnereien und Webereien auf Kunstwolle als Rohmaterial, die aus Lumpen wiedergewonnen wird. Der Ar
bracht oder umgefpult dann „gefcheert" und „gebäumt", das heißt, Faden an Faden zur „Kette" nebeneinandergebracht.
Die übrige Arbeit leistet der mechansiche Webstuhl, in dem die Kette befestigt wird und jeder einzelne Faden seine besondere Führung erhält, je nachdem der Stoff glatt, gestreift oder kariert sein soll, Fischgrät- oder irgendein anderes Muster er
Blick in den geräumigen Nähmaschinensaal.
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beitsgang von Kunstwolle bzw. der Wolle oder Baumwolle sei hier kurz geschildert.
Die Lumpen werden gewaschen oder entstaubt und — mit Anilinfarbstoffen — gefärbt. Nach dem Trocknen gelangen sie in den „Reißwolf", der die Lumpen völlig auflöst, und wie Flaum werden sie aus dieser Maschine herausgeweht. Um das Rohmaterial zum Spinnen vorzubereiten und um einen bestimmten Farbeffekt zu erreichen, müssen verschiedene Farben gemischt werden; das geschieht im sogenannten „Melierwolf". Der Name kennzeichnet die Tätigkeit der Maschine.
Die nächste Bearbeitungsstation ist bte „Krempel", in der das Material zwischen vielen mit Tausenden von Nadeln besetzten Walzen hindurchläuft und auf den ersten Maschinen als ein feiner zarter Flor erscheint, der dann in dem dritten Maschinensatz weiterbehandelt, streifenweise aufgeteilt, leicht angedreht wird und zum Schluß auf einer Walze bereits als Faden aufgerollt wird. Dieser Dorgarnfaden ist noch ohne Festigkeit. (Im übrigen hat das Rohmaterial einen Zusatz von Spinn-Oel bekommen, der allein das nun folgende Spinnen möglich macht.) Das eigentliche Spinnen geschieht auf dem „Selfaktor", der mit Hunderten von Spindeln besetzt ist und auf mechanischem Woge die Wolle zu festen Fäden dreht. Die auf dem Selfaktor entstandenen Wollfäden werden je nach ihrer Verwendung als „Kette" oder „Schuß" entweder aus der Spule in den „Schützen" oder „Schiffchen" („Schuß") ge
halten foll. Durch die Vereinigung verschiedenfarbiger Fäden, sowohl in der „Kette", als auch in der Verwendung verschiedener Farben in dem Schiffen für den Schuß werden die mannigfaltigsten Muster und Farbwirkungen erreicht.
Der Stoff, wie er den Webstuhl verläßt, ist damit aber nicht fertig. Er wird zunächst auf etwaige Fehler geprüft und wandert dann in die Walkerei. Eine Walkerei, in der die Grünberger Betriebe arbeiten lassen, befindet sich in Lauter. Dort wird der Stoff appretiert, gewaschen, gewalkt, aufgerauht, gepreßt und noch mancher anderen Prozedur unterzogen, wie sie der Charakter des Stoffes verlangt. In sauberen Ballen wird der Stoff dann den Händlern zugefuhrt.
Interessant ist die Geschichte der mechanischen Webereien in Grünberg, die teils über 60 Jahre bestehen: Bis zur Jahrhundertwende gab es in den Orten Freienseen, Groß- und Klein-Eichen, Lardenbach und in noch mindestens zehn anderen Orten der Umgebung zahlreiche Handweber, die als Heimarbeiter das Garn erhielten und die gewebten Stoffe gegen entsprechenden Lohn zurückgaben. Als in der dortigen Gegend die Eisensteingruben eröffnet wurden, ging mancher Weber in diese Gruben, und der Nachwuchs der Handweber widmete sich dem Handwerk der Väter nicht mehr. Die Unternehmer kamen in der Folge in Druck, konnten die Wünsche ihrer Kunden nicht mehr befriedigen und mußten sich nach anderen Möglichkeiten umsehen.
Die Spindeln in der Spinnmaschine (Selfaktor).
So kam die mechanische Weberei nach Grünberg. Heute arbeiten in den einzelnen Betrieben 40 bis 50 große Webstühle. Hunderte von Volksgenossen haben Arbeit. Die Erzeugnisse der Grünberger Webereien gehen weit hinaus und sind wohl in allen Gegenden Deutschlands zu finden.
Die unzweifelhaft bedeutendste Firma auf dem Gebiete der mechanischen Kleiderfabrikation in Hoffen und eine der bedeutendsten in Deutschland ist die Mechanische Kleiderfabrik Alsfeld, Georg Dietrich Bücking in Alsfeld. Mite des vorigen Jahres konnte die ehrwürdige Firma bereits ihr 200jähriges Bestehen feiern. Dem Zuge der Zeit folgend, hat sich aus dem alten, 1734 gegründeten Manufakturwarengeschäft am Markt, das damals allerdings schon weit über die Bedeutung eines gewöhnlichen Kramladens herausragte, Anfang des 20. Jahrhunderts ein Fabrikbetrieb entwickelt, der einer der leistungsfähigsten in Deutschland geworden ist und Stadt und Land der näherenUmgebungArbeit undBrot gibt. In Hellen zweckmäßigen Räumen, die vorbildlich genannt werden können, sind Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen im Hauptwerk wie in den beiden Nebenbetrieben zu Alsfeld und außerdem im Werk Grebenau beschäftigt. Ueberall trifft man nicht nur vorbildliche technische, sondern auch gute soziale Einrichtungen. Schon nach Beendigung des großen Krieges hat die Firma Bücking das Problem, Männer an Stelle von Frauen zu'beschäftigen, aufgegriffen und in die Tat umgesetzt, um dadurch die
An den Bügelmaschinen.
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Die „Krempel", in der der Wollfaden zum Spinnen vorbereitet wird.
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Am mechanischen Webstuhl.
An der Spinnmaschine. Auf vielen Spindeln wird der Faden gedrebl.
Aus „Kette" und „Schuß" wird das Tuch. Im Vordergrund das Schiffchen.
Teilansicht des Lagers der Firma Bücking.
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Frau ihrem eigentlichen Beruf als Hausfrau und Mutter wieder zuzuführen. Sie hat hierdurch dem Wunsche des Führers weitestgehend Rechnung getragen.
In der Hauptsache widmet man sich in dem Betriebe der Herstellung von Berufskleidung. Der Aerztekittel und der Anzug des Monteurs, der Mantel des Friseurs und der des Lageristen, der Ueber- anzug des Mechanikers oder des Schlossers, wie auch die typische Bekleidung des Koches und die Arbeitstracht vieler anderer Berufe gehen aus diesen Werkstätten hervor und finden den Weg in die Welt. Außerdem werden Sportartikel, wie Seppelhosen, Trachtenjanker usw. in großen Massen hergestellt. Um für die zahlreiche Belegschaft ständige und laufende Arbeit zu haben, ist die Firma dazu übergegangen, Lodenmäntel und Lodenjoppen her- zustellen, die die stille Geschäftszeit in den Wintermonaten überbrücken helfen
Die Arbeit vollzieht sich wie es in einem modernen Industriebetrieb selbstverständliche Voraussetzung sein muß, in einem genau festgelegten und in der Praxis betätigten Rhythmus. Der Modellschneider entwickelt die Form des jeweiligen Kleidungsstückes (sofern es neu zu gestalten ist); er fertigt'auch die Schnitte an, die den verschiedene^


