Ausgabe 
6.4.1935
 
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Nr. 82 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag. 6. April (935

Wehr und Waffen.

Wettlauf um die schnellsten Flugzeuge.

DieRoyal Air Force", oder allgemein abge­kürzt RAF, sind mitten in der beschleunigten Auf­rüstung, die bis 1938 spätestens beendet sein soll. DieKgl. Luftstreitkräfte", welche immer über ganz hervorragendes fliegendes Material verfügt haben, sollen auch in diesem Ausbauprozeß mit dem Besten ausgerüstet werden, was die englische Luftrüstungsindustrie hervorbringen kann, und es wird schon deswegen so gut sein, weil die englische Flugzeugtechnik auf einer ganz be­sonders hohen Stufe steht. Da die Stei- gerung der Geschwindigkeit eine bedeu­tende Rolle in der Luftwaffe spielt, hat man die­sem Problem ganz besondere Beachtung geschenkt. Neben schnellen, weitreichenden Bombern mit möglichst hoher Bombenlast sind vor allem Jagd- und Verfolgungsflugzeuge erforderlich, deren Schnelligkeit es ermöglicht, die Bomber zu erreichen und zu bekämpfen, ebenso wie natürlich auch schnelle Begleitflugzeuge erforderlich sind. Nachdem sich die Geschwindigkeit der Bomber im­mer mehr derjenigen der Jagdflugzeuge, ihrer ge­fährlichsten Gegner, genähert hat,' ist diese Frage stark in den Vordergrund getreten. Und man sucht daher nach denjenigen Konstruktionsformen, welche am besten geeignet sind, die Aufgabe zu er­füllen. Kürzlich hat sich das englische Luftministe­rium durch seine berufenen Vertreter öffentlich ge­äußert und dabei auf die Absicht hingewiesen, wie­der dem Eindecker mehr Beachtung zu schenken. Gerade in England waren bisher die hervor­ragendsten Jagdflugzeuge, wie der zur Zeit beste Jagdeinsitzer H a w k e rHigh Speed Fury", als Doppeldecker gebaut, weil diese Bauform infolge ihrer hohen Wendigkeit sich besonders für' den Luftkampf eignet.

In anderen Ländern sind in den letzten Jah­ren mehrfach Jagdflugzeuge wieder als Eindecker oder auch Anderthalbdecker konstruiert worden. So ist z. B. der ausgezeichnete polnischePZL-24" ebenfalls ein Eindecker, auch in Frankreich und USA. sind derartige Eindecker-Jagd-Flugzeuge ent­standen. Bei diesen Flugzeugen kann meist das Fahrgestell eingezogen werden, was in­folge der Verminderung des Widerstandes zur Be­schleunigung beiträgt, wie überhaupt das ganze Bestreben der Technik darauf hinausgeht, alle irgendwie den Luftwiderstand steigernde Elemente hereinzunehmen. Erzielt der genannte englische JagdeinsitzerHigh Speed Fury" bereits eine Geschwindigkeit von über 440 Kilo- meter st unden, so sollen die neuen Eindecker zu noch höheren Leistungen gelangen, und es ist deutlich zu erkennen, wie auch die Er­folge anderer Länder bewiesen, daß die Schnellig­keit der Jagdflugzeuge bereits stark auf 500 Kilo­meterstunden hinstrebt: Hierbei ist zu bemerken, daß mit besonderen Spezialmaschinen, die nur für Rekordzwecke gebaut wurden, in Italien bereits 700 Kilometerstunden als Welthöchstleistung erzielt worden sind. Das sind natürlich Werte, die noch keine praktische Bedeutung für die Luftwaffe haben können, die aber immerhin die Möglichkeit derartig phantastischer Leistungen aufzeigt, und es ist ja im- mer fo gewesen, daß die Rekordleistungen im

Laufe einer gewissen Entwicklungszeit praktisch I fahrtministeriums stark darauf gedrängt, die erreicht und auch Überboten wurden. Neben der Schnelligkeit der für England besonders wichtigen Erhöhung der Geschwindigkeit der Jagdflugzeuge Flugboote zu erhöhen; denn Geschwindigkeit be­wirb von den Engländern auch diejenige deutet auch Reichweite und damit die Möglichkeit, der Bomber und Aufklärer weiter zu er- die Räume, über denen Luftoperationen stattfin- höhen gesucht, und man hat von feiten des Luft- den sollen, ganz erheblich zu erweitern. GvM.

SMG-Zug fährt in Stellung

Verstärkung der Feuerkraft der Infanterie war schon vor dem Kriege eine allgemeine Forderung. So wurden um die Jahrhundertwende die ersten Maschinengewehrkompanien aufgestellt. Während vor dem Kriege nur jedes Regiment über eine MGK. verfügte, gilt heute in allen neuzeitlichen Heeren der Grundsatz, daß jedes Bataillon mit einer MGK.

ausgerüstet fein muß. Zwei Züge der MGK. sind mit zwei Pferden bespannt; ein Zug ist vierspännig. Wie man im Bilde sieht, ist bei ihm die Bedienungs­mannschaft beritten oder aufgesessen. Dieser Züg ist daher besonders beweglich. Die schweren MG. unter­stützen im Angriff das Vorgehen der Schützen durch Einsatz ihrer starken Feuerkraft.

An die Geschütze!Feindliche Flieger"!

Was war uns die Flugabwehr (Flakwaffe) im Weltkriege?

3a, liebe Kamera-den, da streitet ihr euch schon wieder, wer von euch das w i ch t i g st e Kampf­glied im Weltkriege war, wer von euch den größten Anteil bzw. Verdienst an den gewonnenen Schlach­ten, an den erfolgreichen Stellungskämpfen und raffiniert ausgefüh'rten Rückzugsgefechten im We­sten, Osten und Süden der Risfenfront gehabt hat!" Ihr lobt euch alle, wie ihr da seid, über den Schellen-König hinaus und tut genau so, wie in jener bekannten Fabel steht:Die Glieder bzw. Or­gane des menschlichen Körpers stritten sich eines Tages, wer von ihnen die wichtigste Funktion im Körper habe. Und da sie sich nicht einigen konn­ten, sollte eines nach dem andern streiken, um als­

dann seine Wichtigkeit zu beweisen. Ihr wißt ja, wie dieser Streit ausging und wie sehr die ein­zelnen Teile des menschlichen Körpers durch ihr eigenes irriges Verhalten sich selbst schädigten und §roh waren, als sie wieder gemeinsam arbeiten konnten, zu ihrem eigenen Wohle." Und so war und ist es auch mit allen Waffengattungen, die wir im Weltkrieg hatten und die gemeinsam halfen, den Bein von unserer Heimat, von Haus und Hof fernzuhalten?

Hahaha , tönt es da in der Runde, und damit willst du Flak-Schorsch sagen und beroeifen, daß ihr von der Flugabwehr-Waffe auch ein wichtiges Glied im Weltkrieg gewesen seid? Wo

seid ihr denn gewesen? Ihr habt ja nur Löcher in die Lust geschossen, aber getroffen? Nichts?!

Und doch, bemerkte Flak-Schorsch, haben wir von der Flugabwehr große Erfolge aufzuweisen. Ja­wohl, unsere Waffe war bei den feindlichen Flie- gern gefürchtet! Warum denn glaubt ihr wohl, haben unsere Feinde im Weltkriege gerade un­sere Waffe im Versailler Vertrage verbo­ten? Warum wachen sie ängstlich darüber, daß an unseren Feldgeschützen kein Zahnkranz für die zum Flakschießen nötige Rohrerhöhung angebracht ist? Warum ist unserer Wehrmacht das Aufstellen von Flak-Regimentern verboten? Weil unsere Flaks ihnen besonders 1917 und 1918 derartig zugesetzt haben, daß sie, wenn es ihnen mal wieder behagt, über Deutschland herzufallen, für ihre Flieger die Sicherheit haben wollen, vom deutschen Flak nicht abgeschossen zu werden.

So ist es! Unsere Feinde haben diese Spezialwaffe fürchten gelernt, denn die Flaks haben starke Lücken in ihre Fliegerreihen gerissen. Die Bilanz der Feindmächte bei ihrem Flieger-Einsatz im Welt­krieg ist: Nachweisbar ab geschossen durch deutsche Flaks = ca. 1800 Flieger, davon 1918 allein fast die Hälfte. Beschädigt und dadurch vorübergehend außer Gefecht gesetzt durch deutsche Flaks, lt. Statistiken der Feindmächte und unseren Feststellungen, fast das fünffache = ca. 9000 Flieger.

Und dazu kommt die erfolgreiche Abwehr von Angriffen auf unsere Fesselballons, Munitionsde­pots, Proviantämter, Pionierparks, Eisenbahnen» Brücken, für unsere Verteidigung lebenswichtige Fa­briken in der Heimat und Etappe, ganz zu schwei­gen von der Zusammenarbeit zwischen Flieger und Flak durch Abgeben von Warnungs- und Örientie- rungsschüssen an unsere Artillerie- oder Kampfflieger und Schutz der Infanterie gegen Schlachtflieger und Tanks. Jawohl, auch gegen Tanks! Z. B. war es eine K-Flakbatterie, die am 20. No­vember 1917, als die Engländer mit ihren 300 Tanks den Durchbruch forcieren wollten, diesen ge­panzerten Ungetümen das erste Halt gebot und in kurzer Zeit drei zusommenschoß. den andern der­artig eins vor die Nase gab, daß sie sich darüber verstimmt zurückzogen. Doch was die Tanks nicht erreichen konnten, das sollte die Kavallerie erzwingen. Zwei englische Schwadronen sollten unter Ausnützung des Geländes im forschen Drauf­gängertum die unangenehme Batterie überraschen. Auf 100 Meter an diese herangeprescht, empfing sie aber ein derartiges Schnellfeuer, daß es nur weni­gen von Albions stolzer Reiterschar möglich war, sich in toller Flucht in den nahen La-Folie-Park zu retten.

Als am 2. August 1914 die deutsche Armee ins Feld rückte, ahnte noch niemand, welche Bedeutung die Fliegerei und damit auch ihre Erdabwehr im Laufe des Krieges gewinnen würde. Mit 18 im Frieden zu Versuchszwecken entwickelten Kraft- wagengoschützen, die zudem noch auf die West- und Ostgrenze verteilt waren und mit wenig Erfahrung im Bekämpfen von Luftzielen trat die Erdabwehr als Spezialwaffe in den Kampf. Die neue Waffe erhielt zuerst die Bezeichnung: BAK. Ballon-Ab­wehr-Kanonen. Beim Beschießen von Luftzie­len hielt man sich zuerst an die Schießvorschrift der Feldartillerie, um aber dann festzustellen, daß man bei diesem Schießverfahren nicht zu einem Erfolge kommen kann, denn das Charakteristische beim Be­schießen von Flugzeugen war, daß das Ziel in der

Einstellung in den Heeresdienst.

Nun, da die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland wieder Gesetz geworden ist, lebt die Erinnerung an die alte Armee, deren Bestes jetzt im deutschen Volk wieder erstehen soll, doppelt stark in uns auf. So kommt uns das neue Werk, das General von Eisen- hart-Rothe und Franz Schauwecker im Frundsberg-Verlag GmbH., Berlin, Preis geb. 24 Mark (105) herausgebracht haben, S o war die alte Armee" gerade recht auf den Tisch. In lebensvollen Schilde­rungen, ergänzt durch Hunderte, heute oft seltener Aufnahmen aus dem Leben des deutschen Soldaten der Vorkriegszeit, läßt das Buch uns die Armee der Vorkriegszeit entstehen, von der Generalfeldmarschall v o n Mackensen in dem Vorwort zu dem Buch sagt:Die alte Armee war als Erziehungs- ftätte und Fortbildungsschule der männlichen Jugend Deutschlands zugleich Quelle und Vollstreckerin der inneren Kräfte feiner Sohne in Waffen, deren Dasein und Wirkung im Weltkriege die Feinde überraschte und das Erstaunen der Welt erregte. Nicht die Waffe allein macht den Soldaten, sondern erst der Geist." Das sind Worte, die heute, da das deutsche Volksheer wieder ersteht, besonders hell in uns nachklingen. Wir bringen nach­stehend das erste Kapitel dieses Buches, das jedem alten Soldaten eine Freude, jedem jungen Soldaten ein lebendiger Spiegel sei­nes Vorbildes ist.

Jeder Deutsche ist wehrpflichtig und kann sich in Ausübung dieser Pflicht nicht vertreten lassen." Dieser Satz enthält ein Gesetz und ist eindeutig. Es begründet die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes. Wer in dem jeweiligen Jahr sein zwan­zigstes Lebensjahr vollendete, hatte sich bei der vor­gesetzten Behörde zur Vervollständigung und Be­richtigung der Grundliste mit allen nötigen Papieren empfinden

Bald danach kam die M u st e r u n g. Da saß die Ersatzkommission, ein Stabsoffizier, der Landrat und noch einige. Und dann war da der Stabsarzt, der die körperliche Untersuchung auf Diensttauglichkeit vornahm Das war sozusagen die Voruntersuchung. Bald danach kam die Oberersatzkommission. Sie überprüfte die Listen, die Untauglichen, den Land­sturm, die Ersatzreserve und die Diensttauglichen. Hier wurden die Diensttauglichen auf Waffengat­tung und Truppenteil eingestellt. Persönliche Wünsche wurden berücksichtigt. Da kam die alte Tra­dition innerhalb einer Familie zum Vorschein. Der Vater und der Großvater hatten schon immer bei der Artillerie gedient, und es war Ehrensache, daß der Sohn gleichfalls bei der Artillerie eintrat. Dar- mjf wurde Rücksicht genommen, wenn Ber'.U und verbeschasfe'chcit es zuließen. Und bann f-*m her Tag nach der Aushebung für de., bestimmten 7 .up- penteil, der Tag, crn dem man sich dem jeweiligen

Bezirkskommando zum Abtransport nach dem Trup­penteil zu melden hatte. Bis dahin gehörte man dem Beurlaubtenstande an und war der Kontrolle des Hauptmeldeamts, des Meldeamts oder des Be­zirksfeldwebels unterworfen.

Dann kam der Abschied von zu Hause. Der Zivilhut und der Stock wurden mit bunten Blumen geschmückt. Vom Aufschlag des Rockes hin­gen lange bunte Bänder. Man war vergnügt und munter, die Alten erzählten von ihrer Dienstzeit und blinzelten dem Neuling zu:Nun paß man auf, wie das bei den Preußen ist. Sie werden dir die Hammelbeine schon langziehen. Aber das tut gut. Paß mal auf, wie du aussiehst, wenn du nach­her zurückkommst. Du bist jetzt schon ein strammer Junge, aber nachher sollst du mal sehen, wie die Mädels sich nach dir umgucken." Und die Mädels guckten jetzt schon, denn er war in ihrer Achtung bereits um einige Leitersprossen gestiegen und außer­dem ging er jetzt weg, und er war immer ein netter Junge gewesen. So gingen sie zu zweien und zu dreien durch die Dorfstraße oder die Gassen der kleinen Stadt, und die Leute kamen aus den Häusern gelaufen oder rissen die Fenster auf und sahen ihnen nach:Na, die kommen jetzt auch ran, dem Berndt tut das auch not, der ist ja viel zu spillerig für fein Alter, und der Horn kriegt all­mählich einen krummen Rücken, wenn sie ihm den nicht rechtzeitig gerade biegen, und der Wagner, der ist schon viel zu lange viel zu sehr hinter den Mädels her, vor dem ist ja keine sicher. Nun wer­den sie endlich mal zur Ordnung gebracht werden." Abends fanden sich bann noch viele mit den Eltern und manche mit ihren Mädchen im Gasthaus zusammen, und da wurde erzählt und Abschied genommen. Vor allen Dingen die Väter wurden ganz lebendig und gingen aus sich heraus. Sie dachten an ihre Dienstzeit, denn das war mit das größte Erlebnis ihres Lebens als Mann. Und manche erzählten vom Kriege, von Düppel oder Königgrätz oder Vionville. Die Söhne hörten zu, manche mit gemischten Gefühlen, denn nicht alle waren außer sich vor Freude, nun endlich Soldat werden zu dürfen. Und als es dann losging, klopfte der Vater ihm auf die Schulter und sagte:Halt die Ohren steif, Junge, und mach uns keine Schande. Es ist keiner von der Familie außer der Reihe ge­tanzt, und du wirst das ja wohl auch nicht tun. Na, und", und der schlug ihm noch einmal derb auf die Schulter,und im übrigen habe ich es ja gar nicht nötig, dir das noch extra zu sagen." Da­mit fuhr der Sohn mit dem Rekrutentransport ab.

Sie fuhren alle zusammen, lauter Bekannte, und sahen vom Zug aus noch lange auf die Heimat zu­rück und sahen sich allerhand Photographien an und sprachen von zu Hause und dachten an die Zukunft und wurden müde und dösten ein bißchen. Mit einem Male war der Zug an Ort und Stelle. Da wurden sie nach den Waffengattungen eingeteift: Artillerie, Infanterie. Kavallerie. Sie musterten sich untereinpnber, denn da waren pH'» Ge­sichtet Na 7 es würde schöp werdf' ..

gleich einigt 'Umesossiziere ' unö Gefreite zu den eingeteilten Gruppen, um sie heil und sicher dort­

hin zu führen, wohin sie gehörten. Gleich waren sie eingerahmt von Uniform und Waffe. Das militä­rische Leben fing an ernsthaft zu werden. Koffer in der einen, Stock in der anderen Hand, ging es in Kolonne unter militärischer Führung mitten durch die Stadt zur Kaserne. Die Zivilisten blieben stehen und sahen ihnen nach. Halb fühlten sie sich, halb waren sie unsicher Manche sahen bedenklich aus, aber die meisten nahmen sich vor, sich unter gar keinen Umständen imponieren zu lassen.

Und dann kam die Kaserne. Sie sah voll­kommen nüchtern aus, ein gelbroter Backsteinbau, streng und sachlich. Das war für zwei Jahre die neue Heimat. Na ja. Sie wurden eingeteilt in Bataillone und Kompanien. Dann ging es in die Kaserne hinein. Lange, hallende Gänge nahmen sie auf, Bilder von Heerführern und Soldaten sahen sie an. Alles war fast abweisend gemessen und sach­lich. Hier herrschte eine Gesetzlichkeit, die ihnen noch nie begegnet war. Soldatentum und Disziplin schie­nen eine unerbittliche und schwierige Sache zu sein. Frauen gab es hier nicht. Mutter war zu Hause geblieben und die Braut hatte hier nichts zu suchen. Der Leutnant, der da an ihnen vorbeiging, sah sie mit einer kühlen Wißbegier an, und sie fühlten sofort den Abstand und die Zucht, die hier herrschte. Hier mußte man sich e r ft bewähren, wenn man anerkannt werden wollte. Und die Bewährung war nicht einfach. Hier hieß es: selbst i ft der Mann. Aber dazu sollte einem wohl verhalfen werden. Und dazu waren die' Vorgesetzten da, vom Gefreiten an aufwärts. Die würden das schon be­sorgen. Mal sehen.

Sie kamen in die M a n n s ch a f t s st u b e, sozu­sagen in ihre Wohnung. Da standen die Betten übereinander und die Schränke nebeneinander. Alles war ausgerichtet wie mit der Schnur. Alles war vorwiegend sauber und einfach, exakt und praktisch. Die Wände waren weiß getüncht. Schöne Tapeten gab es nicht. Teppiche waren nicht vor­handen. Tischdecken auch nicht. Jedem gehörte ein Bett und ein Schrank. Sie starrten sich diese vor­schriftsmäßige, kühle, fast ausdruckslose Stube an, und diese Stube, die im Deutschen Reich Zehn­tausende ihresgleichen hatte, starrte sie an, sah gewissermaßen durch sie hindurch und nahm sie gleichmütig auf, wie sie vorher schon Tausende von Soldaten empfangen, beherbergt und entlassen hatte. Die Spinde nahmen ungerührt den Inhalt der kleinen Köfferchen auf und sahen genau so vor­schriftsmäßig aus wie immer. Noch hatten sie die verschiedensten Kleidungsstücke an: blauer Anzug, braune Joppe, Schnürstiefel, Halbschuhe, alles bunt durcheinander. Der eine hatte eine Mähne, die ihm in den Nacken wallte, der andere trug die Haare gekräuselt, der. dritte zeigte einen Scheitel. Man konnte sie alle auseinanderhalten und schon auf hundert Meter deutlich unterscheiden Sie paßten schlecht in diese gleichförmige Stube.

Aber das wurde rasch anders. Es kam ein Befehl, der "rste Be^hl im neuen Leben. .Antreten ! Wnü U rt.t f 0 r m *> m p.v 0 n a'-!. 1 D'-' -b Mfcnbc i Korridore und über dröhnende Treppen ging es tzum Kammerunteroffizier. Da wurde Wäsche ver­

paßt, Drillichzeug, Uniformhosen und Waffenröcke und Halsbinden, Stiefel und Feldmütze. Es war ein Gefluche und Gewürge, ein Gezwänge und Gefchwitze es gab Leute, die in keine Hose paßten aber schließlich war alles notdürftig ein­gekleidet. Jeder hatte seine Sachen. Der Kammer­unteroffizier verstand sich darauf, seine Sachen bet den Rekruten unterzubringen und die Rekruten in die Sachen reinzustopfen. Er hatte eine einzigartige Begabung darin, seine Leute anzuziehen. Dann ging es wieder zurück in die neue Wohnung.

Und als sie nun allesamt neu bekleidet waren, gleichmäßig uniformiert, als der vorschriftsmäßige Haarschnitt die obere Hälfte des Kopfes umgab, da waren sie auf hundert Meter nicht mehr vonein­ander zu unterscheiden, höchstens an der Größe, da war mit dem blauen Anzug der angehende Kauf­mann, mit der braunen Joppe der Bauernsohn, mit dem grauen Jackett der Schmied verschwunden. Da waren sie plötzlich eins: Soldaten. Das heißt: sie wollten es erst werden. Mit einem Male waren sie alte, ob lang oder kurz, bläßlich oder sonnverbrannt, schmal oder breit, eine Einheit aus Vielen. Mit einem Male wurde in ihnen allen zusammen, vorläufig nur schwach durchschimmernd, etwas bemerkbar, das vorher nicht dagewesen zu sein schien: das Volk, das Nation werden wollt e. Plötzlich begann ein auf Aeckern und in Kaufläden, in Werkstätten und Büros verstreutes und feiner selbst kaum bewußtes Volk sich zu sam­meln und zu ordnen; es fing an, sich feiner bewußt ZU werden, und ging daran, in Bewegung und Gefühl, Denken und Leben einem einheitlichen Gesetz Zu gehorchen und einen großen geschlossenen Körper zu bilden.

Diese große Ordnung sah sie überall an. Sie begann schon mit dem vorschriftsmäßig gelegten Bettzeug, sie drückte sich schon aus in den ausgerich­teten Bettstellen und Spinden, sie betätigte sich in der ersten Frühe beim Stubendienst, sie herrschte beim gemeinsamen Essen, beim Exerzieren, in der Putz- und Flickstunde, sie war überall und jederzeit. Alle Mützen waren gleich, alle Mäntel waren die­selben, die Stiefel waren nicht voneinander zu unter­scheiden. Ein Befehl galt allen, und alle gehorchten ein und demselben Anruf. Heimat und Eltern, Wald und Universität, Kolonialwarenladen und Tischlerei waren noch da, aber die Kasernenhofmauer war ihre Grenze. Hier herrschte eine andere Welt: Männlichkeit und Zucht, Befehl und Gehorsam, Dienst und Waffe.

Und hinter all dem, hinter Scheunen und Städten, hinter Eltern und Großstadt erhob sich aus dem neuen Leben des Dienstes und der Nation schwei­gend und nur fühlbar der Krieg. Dafür standen sie letzten Endes da, traten sie an, richteten sie sich aus, rissen sie die Hacken zusammen und legten die Hand an die Hosennaht, brachten sie Kimme und Korn zusammen und machten sie ftunhenlanae Märsche». Es konnte irgendwann einmal sein, daß dieser hinter den Himmelsrä ad^rn und Wäld".rn -nsichU'ir gelagerte Krieg plötzlich erwachte und ausstand, riesengroß, den ganzen Horizont erfüUentk lein ungeheures Gebirge bi» in die Bollen.