Ausgabe 
5.12.1935
 
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Nr. 284 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 5. Dezember 1935

Deutsche Weihnachtsschau am Funkturm.

(Sin Rundgang durch die neue große Berliner Ausstellung.

Wenn der Weihnachtsmann selbst als Torwächter einer Ausstellung Posten saßt, dann kann man ge­trost vermuten,' daß winterliches Behagen und adventliche Freude die Besucher erwarten. Was der unermüdliche Nikolaus aber auf derDeutschen Weihnachtsschau am Funkturm Ber­lin 1935" an Ueberraschungen ausgepackt und auf­gebaut hat, das kann nur aus der Riesenspielzeug- Schachtel modernster Ausstellungstechnik stammen Mit einer weiten Handbewegung hat der gute Niko­laus die Halle I des Berliner Messegeländes ver­wandelt und verzaubert. Der Besucher reibt sich die Augen. Eben ging er noch über den Asphalt breiter Großstadtstraßen und hörte das Hupen der Auto­mobile, jetzt steht er mitten in deutscher Dorfroman­tik, und an sein Ohr dringen die uralten Lieder der Julsänger".

Weihnachten im Waide

Es ist ein seltsames Dorf, dessen Dächer da schnee­beladen leuchten. Die einzelnen Häuser mit ihren Giebeln und Stuben tragen d.as Gesicht der ver­schiedensten deutschen Gaue. Ein Stelldichein der Architektur, der Geographie und der Arbeit. Denn in den Häusern führen nicht stumme Märchenfiguren das Regiment, sondern schaffende Menschen zeigen hier gestaltendes Leben. Sie sind von weit und nah mit dem tausendfältigen Gut ihrer Weihnachtsbräuche, aber auch mit der Alltagslast ihres Handwerkszeuges gekommen. Sie wollen beides zeigen: ihren Werktag und ihr Fest.

Jedes Häuschen hat zwei stimmungsvolle, licht­durchflutete Räume, eine Weihnachtsstube und eine W e r k st a t t. Adventliche Sitten und Ar­beit in deutschen Landen tragen und runden das Bild weihnachtlicher Gemeinschaft. Dinge, die der Berliner, die der Großstädter nie gesehen und ge­ahnt hat, stehen hier in bescheidenem Glanz vor seinen Augen.

Weihnachtsabend in deutschen Gauen.

In dem kleinen Hause der Bayerischen O st - mark -sitzen über ihrem Arbeitsgerät Holzschnitzer und Glasschleifer, Töpfer und Porzellanmaler. Unter erzgebirgischem Dache schaffen Spiel- zeugmaler und Spielzeugmacher im Verein mit vier Klöpplerinnen.

Baden zeigt das mühselige Tagewerk der Spin­nerinnen, der Strohflechterinnen und Trachtensticke­rinnen, K u r h e s s e n die Arbeit am Webstuhl und an der Töpferscheibe. In Nürnberg gibt es einen Zweig der Heimarbeit, der stzine flimmernden Strahlen in die ganze Welt hinaussendet: das Blatt­goldengelmachen. Aus gleißendem, papierdünnem Material entstehen Flügel und Röckchen, glitzernde Köpfe und flimmernde Kerzen.

Hessen-Nassau hat aus der Stille des Odcnwaldes Schnitzer, Schlesien hat aus seinen dunklen Tälern Töpfer geschickt. Schwaben, Thü­ringen und Ostpreußen, sie alle zeigen ihr festliches Handwerk. Und auch die Kurmark ist zur Stelle mit ihren Holzschuhmachern und Geschirrtöpfern.

Weihnachten im alten Berlin.

Als auf Urgroßvaters Weihnachtstisch eine kleine Postkutsche stand, da spielte er mit ihr nicht unter dem brennenden Lichterbaum, sondern unter dem kunstvollen Gefüge einerW eihnachts- Pyramid e". So, wie Chodowiecki sie uns in liebevollem Stich überliefert hat, ist eine Christ­feststube des alten Berlin aufgebaut worden, mit buntem Flügelrad auf Oer Spitze der Weihnachts­pyramide und allerlei schillerndem Behang an den metallenen Stäben. Eine der Pyramiden zeigt die große Spielzeug-Sensation der Jugend des vorigen Jahrhunderts: eine Eisenbahn. Ihr Temperament wurde noch nicht durch die geheime Triebkraft" einer Stahlfederauf dem Laufenden"

gehalten, und sie hatte erst recht keinen elektrischen Atem. Sie kroch, sanft geschoben, im Schnecken­tempo über holprige Schienen und flitzte keines­wegs alsFliegender Hamburger" zwischen Wohn­stube und Eßzimmer hin und her ...

Oer Weihnachtsberg.

Zum ersten Male hat die Weihnachtsschau einen W eihnachtsberg" aus Sachsen nach Berlin gebracht. In den kleinen Hütten, in den abgelegenen Tälern des Erzgebirges kennt man eine selt­same, rührendfeierliche Sitte: eines Tages nimmt ein Familienhaupt das Schnitzmesser zur Hand, sucht ein wenig Holz zusammen und beginnt, einen Weihnachtsberg" zu bauen. Mit Kerbmesser und Säge und Pinsel werden die ersten Figuren ge­schaffen: Bergknappen und Jäger, Bauern und Bürgermeister, vertraute Gestalten der Umwelt. Dann kommt der Sohn und arbeitet weiter an dem Berg", bastelt neue Figuren und Gipfel, neue Häuschen und Bäume dazu. Enkel und Urenkel führen das Werk fort, das sich nie vollendet. Denn es wächst rund um die Krippendarstellung, von Jahr zu Jahr. Tief im Innern derWeihnachts­berge" ruht eine geheimnisvolle Mechanik. Auf ein unmerkliches Kommando läßt sie den Jäger die Büchse heben, den Bauer durch das Dorf schreiten, Gondeln über silberne Teiche schwimmen, Berg­knappen in den Stollen fahren oder als heimatliche Stellvertreter der Heiligen drei Könige zur Krippe wandern.

Oer Krippenstoll

Im Hintergründe des Weihnachtsdorfes steht un­ter schützendem, niedrigen Dache ein großer,,^rip- pen-Stal l". Eine ' Sonderschau jener einfachen oder mit zarter Pracht ausgestatteten Arbeiten, die vielleicht am hellsten deutsche Weihnachtssehnsucht ausstrahlen: Krippen mit dem Christkind und den Hirten. Immer sind diese Szenen hineingestellt in das Bild heimatlicher Landschaft und Bräuche. Nichts mehr von der Ferne exotischen Landes, alles ist unserem Begreifen und Empfinden nahe­gerückt. Hier steht die' Krippe auf der Waldlichtung neben dem rauchenden Meiler, dort hat sie ihren Platz in der Barock-Kirche einer deutschen Klein­stadt gefunden, ganz so, wie ein im besten Sinne einfältiges und zugleich dichtendes häusliches Hand­werk feine Welt sieht. Die Gestalten, die da vor dem Christkinde der Krippen aus Westfalen und Bayern, aus Sachsen und Schlesien und dem Erz­gebirge ihre Knie beugen, sind Gestalten von unser aller Blut und Leben.

Weihnachtsbaumschmuck als Wettbewerb.

Noch im verebbenden Schimmer der Fenster des Weihnachtsdorfes fdeht ein Tannenbaum-Wald. Die Sterne, die aus seinem dunklen Gezweigs zittern, find unzählbar. Sie sind leuchtende Schlußpunkte unter einer Arbeit, wie sie die Berliner Jugend nie freudiger und eifriger verrichtet hat. Es ging hier um einen Wettbewerb im Weihnachts- baum-Schmücken, an dem sich rund 400 Jungens und Mädels beteiligt haben. In drei Gruppen haben Abgangsklassen der Volks- und Mittelschulen, der Berufs- und Fach-Schulen und schließlich die Frauenschule, das Pestalozzi-Fröbel- Haus, der Lette-Verein und das städtische Werk- lehrerinnen-Seminar die Baume geputzt. Es wurde ihnen die Bedingung gestellt, nach Möglichkeit nur Material zu verwenden, das wenig Unkosten ver­ursacht und seinen Reiz durch die Art der Verarbei­tung und Anordnung erhält. Auch hier sollte das landschaftliche Brauchtum der deutschen Gaue sinn­fälligen Ausdruck finden. Es läßt sich denken, daß sich die Berliner Jugend mit bedeutend größerem Be-

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In Anwesenheit von etwa 1000 Ehrengästen eröffnete Staatskommissar Dr. Lippert in Berlin btd Deutsche Weihnachtsschau am Funkturm". Hier betrachten Kinder erzgebirgische Spielsachen, die ihnen offenbar viel Freude machen. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Hagen in das Studium des Tannenbaum-Schmuckes, als in die Erforschung des Lehrsatzes vom recht­winkligen Dreieck oder der Schallgeschwindigkeit versenkt hat. Jetzt strahlen die Lichterbäume tausend weihnachtliche Anregungen hinaus in zahllose Fa­milien.

Oie Spielstube.

Die Weihnachtsschau am Funkturm will kein Schaufen st erpanorama der Spielwaren- Geschäfte geben, aber sie kann dennoch am Spiel­zeug nicht wort- und bildlos vorübergehen. So hat das Amt für weltanschauliche Schulung der Reichs- jugendsührung eine kleine Sonderschau emp­fehlenswerter Heim - und Brettspiele zusammengetragen, die sich in erster Linie an die Eltern wendet. Es soll einmal gezeigt werden, wie man selbst Spielzeug anfertigen kann. Man kann von dem zur Weihnachtszeit ohnehin einigermaßen in Anspruch genommenen Vater schlecht verlangen, daß er des Abends noch Nachhilfeunterricht in Physik nimmt und knifflige Probleme der Technik löst. Das mag den vielfältigen Stätten deutscher Spielzeugherstellung vorbehalten bleiben. Aber es gibt eine Fülle von alten und neuen Heim- und Brettspielen, die man teils selbst anfertigen kann, oder deren Herstellung notleidenden Volksgenossen Heimarbeit gibt. Die brauchbaren und erzieherisch wertvollen Spiele dieser Art sind hier zusammen­gefaßt, und in einerSpielstube" hat man Ge­legenheit, sie kennenzulernen und zu versuchen.

OaS gute Buch

Zum deutschen Weihnachtsfest gehört das deut­sche Buch. Auch ihm hat die Schau ein weites Reich eingeräumt. Unter Förderung der Reichsschrifttumskammer haben die Reichsarbeitsgemeinschaft für Deutsche Buchwer­bung, Reichsschrifttumsstelle, und der Reichsbund Deutscher Buchhändler, Gau Berlin, die Sonder­schau geschaffen. Mit modernsten ausstellungstech­nischen Mitteln, mit einem stilvollen Feuerwerk von Farbe, Licht und Architektur haben sie das Material so gegliedert, daß es Reiz und Lockung wird. Hinter jeder Gruppe, hinter jedem Buchtitel steht die Ahnung: hier liegt auch für dich ein Reich­tum, den du in ruhevoller Stunde nur zu heben brauchst ... VomStruwwelpeter" bis zumF a u st", von den Zusammenstellungen

Der Roman in der deutschen Landschaft" und Wir reisen mit dem Buch in alle Welt" bis zu den grundlegenden Geistes-Werken des neuen Deutsch­land: eine Parade der besten Köpfe und Federm

Oie Budenstadt der deutschen Gaue.

Was wäre eine Weihnachtsschau ohne den freu, digen Trubel einer rechten, bunten Buden­stadt?! Menschen aus allen deutschen Gauen werden hier heimatliche Bilder wiedererkennen. Als greifbare Wirklichkeit stehen da die Figuren des Nürnberger Christkindelmarkte s", aus nächster Nähe hört man den alten RufHallo, hallo, an Zwetschgamoh!" Hier stehen erzgebirgische Weihnachtswaren, dort zeigt Bayern seine farb­frohen Schnitzereien. Krüge und Puppen, Glas­kugeln und Engel, Weihnachtsmänner und Schim­mel, Gebrauchgegenstände und Kinderspielzeug, handgewebte Tücher und geklöppelte Spitzen, was immer in deutschen Werkstuben für die Ad­ventszeit geschaffen wird, 'ist hier unter lustigen Budendächern aufmurschiert ...

Tag der Briefmarke": 7. Januar 1936.

Der Reichsverband der Philatelisten hat allö deutschen philatelistischen Verbände, Vereine und die Briefmarkensammler aufgesordert, sich am Tag der Briefmarke" am 7. Januar 1936 mit dem Vertrieb von Wohlfahrtsbriefmarken in den Dienst der deutschen Nothilfe und damit des Winterhilfswerkes zu stellen. Die Deutsche Reichspost wird diese Bestrebungen durch eine Reihe von Maßnahmen unterstützen. So wird sie u. a. überall genügende Bestände an Wohlfahrtswert­zeichen, insbesondere auch an Wohlfahrtsmarken­heftchen bereit halten. Die Verkäufer der Wohl­fahrtsmarken werden von der Post mit Ausweisen versehen, die sie u. a. am 7. Januar auch zur freien Benutzung der Kraftposten der Deutschen Reichspost berechtigen, soweit es sich darum handelt, den Mar­kenabsatz auf dem Lande zu fördern.

T-octseUeM - - Reife. - - SwUeekeit:

Körting-Radio

Oer Dichter August v. piafcn.

Zum 100. Todestage am 5. Dezember

Unser Volk beoeht das Gedächtnis von P l a t e n s 100. Todestage mit zahlreichen Feiern, und mit ihm feiert die italienische Nation, die den Dichter als einen der ihrigen betrachtet, nachdem er fast ein Jahrzehnt in Italien gelebt und das Land in un­sterblichen Dichtungen verherrlicht hat

Noch nicht dreißig Jahre war Platen alt, als er Deutschland für immer verließ und sich nach seiner Wahlheimat südlich der Alpen wandte und wieviel lag schon hinter dem Scheidenden! Kadetten­zeit in München-, Dienst in der bayerischen Pagen­anstalt; der tatenlose Feldzug 1815 in Frankreich; Studium des beurlaubten Leutnants in Würzburg und Erlangen. Die Tagebücher legen ein beredtes Zeugnis davon ab, welche Unsumme von geistiger Arbeit Platen in so jungen Jahren bewältigt hat. Zwölf Sprächen erlernt' ich", sagt er selber m einem Epigramm; und in all diesen Sprachen darunter das Persische las er unermüdlich. Der Neunundzwanzigjährige hatte die wichtigsten Werke der Weltliteratur in der Ursprache in sich ausgenom­men. Und diese unablässige Arbeit an seiner geisti­gen Vervollkommnung vollzog sich unter wahren Gewitterstürmen schmerzvoller Erlebnisse, zu denen die leidenschaftliche Seele ihn verurteilte.

Auch die innere Existenz ward mit diesem ent-I scheidenden Schritte umgestoßen. Der Platen, ben | wir in Italien sehen, ist ein durchaus anderer, als der, der sieben Jahre in der kleinen deutschen Uni­versitätsstadt zubrachte. Das Tagebuch, fast zwan­zig Jahre der getreue Begleiter des Jünglings, ver­stummt mehr und mehr, weil die Schmerzen, Kla­gen, Enttäuschungen verstummen, deren Echo es war. Sind oie Aufzeichnungen aus Deutschland bis zum Rande gefüllt mit Aufschreien einer ge­peinigten öeele, so erklingt in denen aus Italien nur selten noch ein Laut aus der Tiefe der Brust.

Als ob von dem talienischen Boden, kaum daß er ihn betreten, magische Kräfte ausgingen, wird des Dichters Herz stille nach all den Kämpfen und Krämpfen qualvoller Jünglingszeit. Die Heiterkeit der Landschaft und des italienischen Lebens hat es gestillt, die Fülle der Kunst, die verschwenderisch über den alten Kulturboden ausgestreut ist, hat ihm einen überpersönlichen Inhalt aegeben. Klage und Aufschrei ist zur Schwermut gebändigt: Schwermut des Spätgeborenen, des Nachgeborenen, der zwi­schen den erhabenen Trümmern seiner Welt um­herwandelt; die Trauer über dieverlorene Schöne" strömt ihm fortan in den Maßen jener Urheimat seiner antikischen Seele von den Lippen, den Maßen der sapphischen Ode und des pindari­schen Festgesanges, die für die deutsche Sprache zu erobern seine Sendung bleibt.

Von Platens lauterem Künstlertum angezogen, schloß sich ein Kreis von Männern an ihn an, deren Namen noch heute vollen Klang besitzt: der Bild­hauer Rauch, der Historiker R a n k e d e r KunsP Historiker R u m o h r , der Dichter August K o p l s ch sowie Bayerns König und Bayerns Kronprinz, die beide damals in Italien reisten; der König sandte ihm nach Neapel jenen berühmten Brief, der mit den Worten beginnt:Ausgezeichnet unter des Vaterlandes jungen Dichtern erheben Sie sich Auch Preußens Kronprinz und nachmaliger König Friedrich Wilhelm IV. ward durch seine Dichtung so gefesselt, daß er ihm preußische Dienste antrug. Aber es gelang nicht, Platen zur Heimkehr zu be­wegen; zu tief hatte er erkannt, daß sein Leben und Lebenswerk sich in Italien vollenden muss. Zweimal nur kam er nach München, die alte MuP ter xu besuchen; doch immer wieder ging er nach Llk-n zurL/d°. °r wandernd °°n der. Alpen bis nach Sizilien mehr als einmal durchquerte, arm und anspruchslos, dem Gotte dienend, dem er sich verschworen. Langsam, ein geduldiger Bildner, meißelte er aus dem körnigen Marmor der spröden deutschen Sprache die vollendeten Formen semer Odem Elegien, Epigramme, Hymnen und Festge­lsänge heraus, nie bedacht auf den Beifall der ltte-

Jn bittren Lebenserfahrungen läuterte sich eine Dichtung, die hinfort zu dem Edelsten gehören sollte, was in deutscher Sprache je geschaffen wurde Der , Neunundzwanzigjährige hatte in seiner ärmlichen j Klause am Markt zu Erlangen bereits die Sonette , geschaffen, die ihn für alle Zeiten als den Meister deutscher Sonettdichtung bestätigen; hatte bereits Balladen geschrieben, die heute in allen Schul- ; lesebüchern stehen. Aber in dem Klima, das zu Be- , ginn des vorigen Jahrhundert, in Deutschland \ herrschte, konnte auf die Dauer weder ein Men­schentum noch ein Dichtertum, wie das Platensche, gedeihen und sich zur Blüte entwickeln. Im Jahre 1824 hatte der Dichter eine Reise nach Venedig unternommen die unsterblichenSonette aus Venedig" waren die künstlerische Frucht; und seitdem lebte in seiner Seele nur der eine Ge­danke- sein Leben, soviel ihm davon noch zugemessen war unter dem Himmel Italiens zu verbringen. -Dorthin zoa es fortan diesen letzten Nachfahren der Antike mit unwiderstehlicher Leidenschaft. Und wie besessen von diesem Traum, stieß er ferne ganze Existenz um, schnürte sein Ranzel und begab sich auf bierastlose Wanderschaft", die rote em Ju­gendfreund ihm einmal geschriebendemiemgen ge­ziemt, der sich in allen Dingen zu den Entsagenden rechnet".

rarischen Tagesmode, die sich in Deutschland im wilden Treiben der Romantik austobte.

Früh nahten sie sich ihm beide, Hand in Hand, der Todesengel und der Ruhm. Vor der in Ita­lien wütenden Cholera fliehend, schiffte sich Platen im Spätsommer 1835 von Neapel nach Sizilien ein es sollte seine letzte Reise werden. Er durchwanderte die ganze Insel, um sein Winter­quartier in Syrakus zu nehmen. Am 22. November erkrankte er dort an einer Kolik. In der Furcht, von der Seuche befallen zu sein, nahm er Arzenei gegen die Cholera in solchem Uebermaß, daß sein Zustand rasch bedenklich wurde. Am 5. Dezember nachmittags 3 Uhr starb er in den Armen seines Gastfreundes Don Mario L a n d o l i n a, der ihm, dem Protestanten, dem die Kirche kein Grab ge­währte, in seinem Garten die letzte Ruhestätte rüstete.

Tausende und aber Tausende von Deutschen ha­ben in dem nun verstrichenen Jahrhundert an die­sem Hügel gestanden, den Ferdinand G r e g o r o - Dius dasschönste Dichtergrab der Erde" nennt, und den ein von Freunden und Verehrern gestif­tetes schönes Marmordenkmal schmückt. Und heute, da Platen hundert Jahre in der Erde schlummert, die er so geliebt hat, bereitet ihm das italienische Volk auf Anordnung M u s f o l i n i s , der sich selbst als großer Bewunderer und Verehrer seiner Kunst bekennt, eine würdige Totenehrung. Auch wir Deutsche gedenken an seinem 100. Todestag seiner als eines unsrer edelsten Dichter, dessen Wirkun­gen auf unser Schrifttum heute noch fortdauern und dessen geistiges Erbe kein Geringerer als Stefan George ausgenommen und fortgesetzt hat.

Hans von Hülsen.

Gin neuer San Dyck.

Ein bisher völlig unbekannter und außerordentlich wertvoller Van Dyck, der erst kürzlich in einem Landhaus in Nordengland entdeckt worden ist, wird jetzt in London ausgestellt. Die bisherigen Besitzer hatten keine Ahnung, über welche Kostbarkeit sie verfügten. Die Schönheit des Bildes war aller­dings unter einer dicken Schmutzschicht verborgen. Nach der inzwischen vorgenommenen gründlichen Säuberung erstrahlen die Farben jedoch in einer Reinheit, als ob das Gemälde neu wäre. Das Bild ist eine der wenigen Arbeiten Van Dycks mit einem religiösen Motiv, es stellt die Flucht nach Aegypten dar. Während aber die Jungfrau Maria bei der sonst üblichen Gestaltung dieses Vorwurfs das hei­lige Kind auf den Armen trägt, erscheint sie hier müde und erschöpft und wird von dem Knaben ge­führt, dessen aufwärts gewendetes Gesicht von Liebe erstrahlt. Der heilige Joseph drängt sie in Wort

und Geste sanft zur Weiterwanderung. lieber Palmen fliegt ein weißer Ibis mit einer Schlange im Schnabel, das Zeichen der Besiegung des Bö­sen durch das Gute. Kunstgeschichtlich ist das Werk von besonderem Interesse, weil es eine Ab­wandlung eines ähnlichen Motivs ist, das Rubens einst gemalt hat. Van Dyck war in den Jahren 1616 und 1617 Schüler und Mitarbeiter des großen Meisters. Der Esel, der in dem Bild von Rubens stark Hexvortritt, ist bei Van Dyck gänzlich ver­schwunden. Die Haltung des Kopfes bei dem hei­ligen Kind wirkt bei Van Dyck anmutiger und ge­löster, und die Landschaft ist impressionistischer empfunden. Van Dyck malte dieseFlucht nach Aegypten", nachdem er die Werkstatt von Rubens verlassen hatte, und bevor er nach England ging, wo er der beliebteste Porträtist des Hofes wurde.

Zeitschriften.

In der Weihnachtsfolge beginnen Weste r - manns Monatshefte mit der Veröffentli­chung des neuen Romans von Ludwig Tügel Lerke". Weitere Beiträge haben ausgesprochen weihnachtlichen Charakter, z< B.Adventsterne und Nachbarzeichen",Zweckvoll und schön",Kinder­spielzeug hölzern und ungekünstelt" undSchen­ken hei^t Freudegeben". Alle Beiträge sind mit vielen Abbildungen geschmückt, und wollen dem Leser die Wahl von Weihnachtsgeschenken für große und kleine Leute leicht machen, lieberLothar Windsperger" schreibt Friedrich Stichtenoth; eines seiner schönsten Lieder, die Vertonung von Lenaus Primula veris" ist mit Noten beigefügt. Bruno Brehm ist mit einer NovelleDie Pferde" vertreten, Dr. Gustav Wichern berichtet über die Wirkungen der geheimnisvollen Stoffe Hormone Fermente Vitamine und Katalysatoren. Ein besonders interessanter Beitrag nennt sichUnbekanntes von Adolph von Menzel". Die Erstveröffentlichungen der in diesem Aufsatz wiedergegebenen Werke Men­zels geben dem Beitrag eine besondere Bedeutung.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Ottokar Tesar, Ordinarius für Strafrecht, Straf- und Zivilprozeßrecht, Konkurs­recht und Rechtsphilosophie an der Universität Königsberg, erhielt einen Ruf an die Uni­versität Hamburg an Stelle des nach Leip- z i g berufenen Strafrechtlers und Kriminalpolitikers Professor Dr. Eberhard Schmidt.

Der ordentliche Professor der Philosophie und Pädagogik Dr. Ernst Hoffmann an der Uni­versität Heidelberg wurde auf Ansuchen von den amtlichen Verpflichtungen enthoben.