ltr.235 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen) 8amstag/5onntag. 5./6. Oktober 1935
Aus der Provinzialhauptstadt
Gatten-
D.
unserem
Volksstücks „Holzappel" von , „ .
Weber statt. Der Autor wird der Premiere bei- wohnen; wir hatten gestern bereits Gelegenheit, uns mit dem Dichter, den wir hier auch im Bilde zeigen, zwanglos zu unterhalten — über das wirkliche Holzappel, wo H. A. Weber jetzt wohnt, und über das Stück „Holzappel", über Herkunft und
Haltung und Abführung der Bürgersteuer seiner Arbeitnehmer hastet und, falls er seiner Verpflich- tung nicht nachkommt, die Steuer von ihm durch
Theater, wie wir denken, davon überzeugen können.
Das Volksstück nun, das wir zu sehen bekommen werden, ist weder die erste noch die letzte von Webers dramatischen Arbeiten. Schon um 1920 wurde sein „Fackelträger" in Höchst aufgeführt, 1930 brachte das Frankfurter Künstlertheater ein anderes Stück unter dem Titel „Vorposten in Schanghai" heraus; beide sind inzwischen vergriffen. Großen Erfolg und weite Verbreitung hatte das Buch „Besetztes Gebiet, das halb novellistisch, halb als Reportage geschrieben ist. Dagegen fanden, wie der Autor selber meint, seine Gedichte viel weniger Widerhall; zwei Bände, „Ueberfahrt" und „Gedichte", sind erschienen. Ein neuer Band ist geplant, ein Roman „Das Bauernjahr" ist fertig, ein Novellenband soll erscheinen.
Man sieht, es sind allerlei Dinge im Werden. H. A. Weber erzählt uns von alledem, auch von
Morgen abend findet, zum Erntedankfest, im Stadttheater die Uraufführung des dreiaktigen Hermann August
Lebensweg des Autors, über seine literarische Arbeit und über seine Pläne für die kommende Zeit. Hermann August Weber ist in St. Goarshausen am Rhein geboren; beide Eltern entstammen
Rhythmus.
Wenn der pflügende Bauer hinter seinen bein- drchenden Rindern mühsam seinen Acker in lange Furchen legt, während gleichzeitig hin und her Autos, Lastzüge und Krafträder knatternd in rasendem Schwung durch die breite Talmulde an ihm vorbeiflitzen, wird unwillkürlich, bewußt oder unbewußt, auch jeder des anderen Zeitnehmer. Es mag hart klingen, wenn der Bauer mit den fast täglichen Zusammenstößen im Verkehr der Städte und Landstraßen einmal kurz fertig wird: „Geschitt's en nätt räächt? Etz hu' se Zeit!" Wird er selbst doch schon von Jugend auf m strenge Zucht genommen durch seinen Arbeitsraum, in dem sich hart die Sachen stoßen. Wie er sein springlebendiges Rind im Zwiegespann mit der gemessen schreitenden Kuh in oft tollen Uebungsfahrten „einfährt", so erlebt auch er rhythmisierende Mächte im schweren Schritt über die harten Schollen, im Kampf seiner Arbeitsgeräte mit der felsigen Verwitterungskrume, im täglichen Aufblick zum freien Spiel der Wolken, Luft und Winde, bei der Betreuung organischen Lebens in Stall und Flur, in der Haus- und Arbeitsgemeinschaft von drei, oft vier Generationen. Er lernt nicht in Kilometern, Stunden oder gar Minuten denken, wie seine Arbeitskameraden hinter den knatternden Motoren oder am laufenden Band, sondern Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht sind ihm zum Zeitmaß gesetzt, seine Arbeit vollendet sich im Kreislauf des Jahres, oft erst in Jahren, und diese ungebändigten Naturgewalten geben seinem ganzen Mesen allmählich und unentrinnbar das rhythmische Gepräge.
Der durchrhythmisierte Bauer läßt sich bei seiner Arbeit nicht „irre" machen, die Zuwenden aber läßt er gelegentlich auch nicht ungeschoren durchkommen. „No, Philipp", rief da einer seinem Nachbarn zu, der im Sonntagsstaat zum nahen Städtchen eilte, . woas lääfst de denn so? De glaabst aach, dei'n Geald wär' haur naut mi all!" Der aber entschuldigte verlegen lachend seine rhythmische Entgleisung: „Aich hatt' woas vergeasse! Woas mer näit eam Kopp hoat, muß mr ean de Baa'n hu'n!"
Und wenn einer immer „eam Trapp eas unn o'n aam Stoack erim rennt wäi näit räächt gescheit, bluus weil e immer voarn sei'n will", dann läßt man ihn eben laufen. „Der ärwet wäi e Narr!" Ab-
Tageskalender für Sonntag.
NSDAP.: Erntedankfestfeiern der einzelnen Ortsgruppen. — NSG. „Kraft durch Freude": 8 bis 9 Uhr und 9 bis 10 Uhr: Tennis auf den städtischen Plätzen am Schützenhaus. — Stadttheater: 11 bis 13.30 Uhr: „Prinz von Homburg"; 20 bis 22.15 Uhr: „Holzappel". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Episode".
Spielplan des Stadttheaters vom 6. bis 12. Oktober.
Aus dem Stdttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 6. Oktober, anläßlich des Erntedankfestes findet die Uraufführung des lustigen Volksstücke» „Holzappel" von H. A. Weber statt. Spielleitung dieses echten Heimatstückes hat Intendant Schultze- Griesheim. Die Uraufführung findet in Anwesenheit des Dichters statt. Die Vorstellung ist außer Abonnement. Dauer von 20 bis 22.15 Uhr. — Dienstag, 8. Oktober, 2. Vorstellung im Dienstag- Abonnement; Wiederholung der Oper: „Cosi fan tutte" von Mozart; musikalische Leitung PaulW alter, Spielleitung Paul W r e d e. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr. — Mittwoch, 9. Oktober, 2. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement; Wiederholung des Schauspiels: „Der Prinz von Homburg" von Kleist; in der Besetzung der Spielzeit-Eröffnungsvorstellung und unter der Spielleitung des Intendanten. Dauer von 19.30 bis 22 Uhr. — Freitag, 11. Oktober, 2. Vorstellung im Freitag-Abonnement mit einer Wiederholung des erfolgreichen Lustspiels: „Hau — ruck!" von Vulpius und Roberts. Spielleitung hat Kurt Lüpke. Dauer von 20 bis 22.15 Uhr. — Samstag, 12. Oktober, einmaliges Gastspiel des besten deutschen Tänzers, Tanzgastspiel Harald Kreutzberg. Das Gastspiel ist außer Abonnement und beginnt 20 Uhr.
©er nächtliche Besuch.
Da sitze ich gestern abend am Schreibtisch. Ich suche das Schicksal einer Stammutter zu klären. Sie heißt Gertraud, ein Name, der heute auf dem Dorf nicht mehr üblich ist. Ein merkwürdiges Geräusch am Fenster reißt mich aus meinem Sinnen. Jetzt wieder dies Klopfen. Ich öffne das Fenster, und herein fliegt ein Vöglein. Aengstlich schwirrt es umher und setzt sich schließlich auf den Rundfunkapparat, der oben auf dem Bücherschrank steht. Aber da ertönt von neuem am Fenster das Klopfen. Diesmal ist's sicherlich der Gatte, er will wohl ebenfalls Schutz. „Piep, piep", so geht Frage und Antwort. Als ich öffne, kommt er nicht herein. Ich mache dunkel, der Schutzflehende soll Ruhe haben.
Am Morgen fange ich den Gast. Es ist ein — Spatz! Ich bringe ihn meiner Frau. „Sieh, es ist ein ganz gewöhnlicher Spatz!" Ich spreche von Halsherumdrehen. Da komme ich aber schlecht an. Erstes heiliges Gesetz der Gastlichkeit gegenüber dem Schutzflehenden, außerdem der trauernde Gatte... Sie öffnet das Fenster und in einem Husch ist der nächtliche Gast in der Freiheit, „Piep", ruft er. Richtig, „zwilch" antwortet es. Der Gatte, oder wars die Gattin, ist da. Soll ich mich ärgern.
Gespräch mit Hermann August Weber
Zur Uraufführung seines Volksstücks „Holzappel"' am Stadttheater.
Die Bürgermeisterei veröffentlicht in heutigen Blatte eine Bekanntmachung über die Erhebung der Bürgersteuer für 1935. Es fei dazu besonders betont, daß der Arbeitgeber für die Ein
beiten zu widmen.
H. A. Weber hat, wie er uns erzählt, draußen im Ausland manches gelernt, hat Erfahrungen und Eindrücke gesammelt und ist doch gerade auf weiten Reisen immer wieder auf die starken Wurzeln seiner und unser aller Kraft zurückoerwiesen worden, ist heimgekehrt, mit neuer und tieferer Liebe zu Deutschland, in die engere Heimat zwischen Rheln und Lahn. Da ist er nun also fürs erste zu Hause und ansässig, in Holzappel, wo „die Originale nur _ so wachsen". Man wird sich morgen abend im I aber
daß sie nun wieder zum Dank meine Weintrauben stehlen werden? Nein denn: Freistatt, "
Wandlungen dieser Spielart finden sich vereinzelt in jedem Dorf, sie unterscheiden aber auch ganze Familien, ja, ganze Dörfer voneinander. Wem sich I aber das Geheimnis eines Arbeitsrhythmus' nicht
erschließt, der ist ein „Dabsch", und wenn ein solcher Zustand chronisch wird, ein „Drehpeter", der manchen Stoßseufzer gequälter Mitarbeiter über sich ergehen lassen muß.
Auflockernd dagegen wirkt ein gesteigerter Rhythmus. „Däi rooa'r dr groab wäi e Beulsche voll Läus", berichtete in immer neuer freudiger Aufwallung lachend eine behäbige Bauersfrau, als ihr die Kirmes unter anderem auch ein lebenslustiges Fräulein aus der Stadt in ihr gastliches Haus gespült hatte.
Rhythmischer Glanz durchzieht den harten Arbeitstag mit dem flotten Marschtritt singender Kolonnen oder den volkstümlichen Weisen wandernder Dorfmusikanten. Umgekehrt sucht der oft überrhythmisierte Städter besinnlichen Ausgleich in der Ruhe lichtdurchwirkter Landschaft, stiller Wälder, heimlicher Täler oder hoher Berge. Denn mag auch die Symphonie der Stadt in Wort und Schrift ihre Verehrer haben, der allernächste Kreis ihrer Dauer- Hörer ist dankbar für „lärmfreie Wochen". Drohen auch die motorisierten Geschwindigkeiten wie ein Rauschgift die Sinne der Fahrer mit sich fortzureißen, so legen doch Berkehrsschilder aller Art und aller Warnungsgrade wache Minuten ein, und der freundlich-ernste Verkehrsschutzmann erzwingt schon durch sein Dasein richtungweisend die vorschriftsmäßige Rundung gefährlicher Kurven. Und wenn der Rundfunk seine regelmäßigen statistischen Unfallmeldungen mit feiner Gliederung nach der Art der Fahrzeuge, der Zahl der Toten, Verletzten und mit warmer Anteilnahme für die in Not und Elend Trauernden immer wieder beschließt mit der bangen Schicksalsfrage: „Willst du der nächste sein?", so steht in Feld und Flur, in Haus und Hof und auf der Landstraße der Bauer als Symbol eines Arbeits- und Lebensrhythmus', der seine letzte Tiefe hernimmt von den ewigen Mächten der Natur, und der sich fortpflanzt vom Großvater in das Spiel und die Arbeit des Enkels mit der schlichten Warnung: „Dou met Rouh!" R. B.
Vornotizen
Tageskalender für Samstag.
(das erscheint in unserem Zusammenhang nicht ohne Belang) alten, zwischen Rhein und Lahn ansässigen Bauernfamilien. Der Junge kam bald mit den Eltern vom Rhein nach Höchst bet Frankfurt, fing ungewöhnlich früh an zu „schreiben", für Zeitungen und Zeitschriften zunächst, besuchte in Montabaur das Lehrerseminar und begann etwa 1921 zu studieren: Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie in München, Würzburg und Frankfurt, war 1924/25 Schauspieler in Dresden und hatte hier die erste praktische Begegnung mit der Bühne.
Eine Zeitlang lebte Weber als freier Schriftsteller, doch mußte er vorübergehend auch in ganz anderen Berufen, als Stiefelputzer, Zeitungsträger und Fabrikarbeiter fein Brot verdienen. Dazwischen hat er weite Reisen gemacht, war in Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn und Rumänien, und lebt heute, nachdem er so ein schönes Stück von der Welt gesehen hat, als Schulmeister in dem kleinen hessen-nassauischen Ort Holzappel, wo er nebenher genügend Zeit findet, sich seinen dichterischen Ar-
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■463' D
HH Seltersweg 67 M1BÄ Telephon 3170
NSG. „Kraft durch Freude": 17—19 Uhr: Leichtathletik auf dem Universitätssportplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Episode". — Landschaftsbund Volkstum und Heimat: Pilzgang und Führung von Universitäts - Garteninspektor R e h n e l t, Treffpunkt 14.30 Uhr an der dritten Schneise auf der Straße Gießen—Annerod. — Kavallerie-Verein: 20.30 Uhr Kameradschaftsabend im „Hessischen Hof".1
treue...
©ie Bürgersteuer.
einem geplanten Drama, einer Charakterkomödie aus dem Umkreise des Theaters, und damit kommen wir wieder zum Ausgangspunkt zurück, zum Volksstück, das wir morgen sehen sollen, und das, wenn man es pathetisch ausdrücken will, wie der Autor meint, seinen Dank an die Landschaft, an die Menschen dort, an die Heimat darstellen soll.
Aus der starken Bindung an diese Landschaft ist das Stück hervorgegangen, ohne Tendenz, aber mit Anspruch und Ehrgeiz geschrieben. Dramatische Dinge formen sich ihm, wie Weber erzählt, meist ganz unmittelbar und, im Gegensatz zu seinen Prosaarbeiten, leicht. „Auf den ersten Satz kommt es bei mir an —", wenn der da ist, bilden sich schnell ganze Szenen, Figuren wachsen hervor, aus Frage und Antwort, oft zum erstenmal laut gesprochen, entwickelt sich ein aktiver, vortreibender Dialog . . Und es wird da nicht nur, wie Weder betont, auf wirklich, „gesehene" Figuren Wert gelegt, sondern auch, in ausgesprochen dramaturgischer Absicht, quf „große" Rollen und insgesamt auf eine ensemblebildende Wirkung ... Das soll sich morgen Abend in der Feuerprobe der Uraufführung bewähren.
Gießener Giadiiheater.
Mozart: „Cosi fan tutte“.
Durch die starken Eindrücke des „Figaro" sah sich Kaiser Joseph II. veranlaßt, Mozart den Auftrag für eine neue Oper zu erteilen: „Cosi fan tutte“. Auf Wunsch des Kaisers soll der Textdichter da Ponte dem Libretto eine wirkliche Begebenheit zugrunde gelegt haben.
Zwei Offiziere werden durch einen alten „Frauenkenner" zu einer Wette veranlaßt; sie wollen sich ihren Verlobten, einem Geschwisterpaar, in Verkleidung nähern und so deren Treue auf die Probe stellen. Es gelingt jedem von ihnen, die Braut des andern für sich zu gewinnen, und durch die Mithilfe der Kammerzofe des Schwesternpaares erreichen sie sog,ar die Unterzeichnung des notariellen Ehekontraktes. Da geben sich die beiden Liebhaber zu erkennen; der alte Hagestolz hat Recht behalten; aber dennoch beendet verzeihendes Versöhnen das Spiel.
Wenn auch da Ponte bei den Textbüchern für . „Figaros Hochzeit" und „Don Giovanni" unver- kennbares Geschick und sichern Bühneninstinkt gezeigt hatte, so bereitete ihm der Aufbau dieses Stosses unüberwindliche Schwierigkeiten. Bei den zwei vorausgegangenen Opern konnte er bühnenerprobte Bearbeitungen heranziehen. Zur dramatisch lebendigen Durchgestaltung des neuen Stoffes reichten .feine Fähigkeiten nicht aus. Wohl gelingt es ihm, für diesen Fall die Moral des Stückes herauszustellen: „Cosi fan tutte“ — so machen es alle (Frauen)'; aber dem Ganzen fehlt in feinem Verlauf die innere zwingende Fügung. Es zeigt sich mehr als eine Folge von komischen Szenen, ohne auf irgendeine innere charakterliche Entwicklung hinzudeuten. Als ein heiteres, fast marionettenhaftes Maskenspiel zieht das Stück vorüber. Ohne die Frage der psychologischen Glaubwürdigkeit der Handlung in Betracht ziehen zu wollen, wird man die Schwächen des Textbuches nicht verleugnen können, und kaum hat ein Opernstoff eine derartig große Zahl von mehr und minder einschneidenden Umarbeitungen erfahren wie gerade „Cosi fan tutte“.
Dennoch übernahm Mozart die Vertonung. Anscheinend war es ihm wohl nicht möglich, einen ihm übertragenen Text abzulehnen. Sicher bestimmte ihn das zu erwartende Honorar angesichts seiner wirtschaftlichen Not zu einer Zusage. Anderseits aber mochte ihn dieser Stoff doch zu reizen als ein künstlerisches heiteres Spiel nach dem tiefen menschlichen Erleben des „Don Giovanni". Dort hatte er dem Problem der Liebe bis an die letzten seelischen Hintergründe nachspüren können; Gestalten von übermenschlichem Format hatten seiize Phantasie gefesselt. „Cosi fan tutte“ erwachst dagegen aus dem galanten Treiben der Situation
ohne größere tragische Konflikte. Alltagsnaturen geben sich in ursprünglicher Einfachheit ohne Hintergründigkeit. In ihrem Handeln folgen sie der gefühlsbetonten Augenblickseingebung mehr als charakterlicher Gebundenheit. Fast ausnahmslos ohne tiefere seelische Regungen, lassen sie sich von der Situation treiben und werden so von den beiden Nützlichkeitstypen, dem Hagestolz und der Kammerzofe, für die beabsichtigten Zwecke dienstbar gemacht.
Mit diesen Gestalten stellt sich Mozart nicht auf die gleiche Plattform, sondern er begleitet sie von höherer Warte aus mit feingeistiger Ironie, er verfällt dabei weder der Karikatur noch der Parodie und hebt so den Text durch die Musik in eine höhere Sphäre. Oft scheint es so. als bereite ihm die ßaunigfeit der Szene besondere Freude und ließe die ganze Vielseitigkeit und Schlagfertigkeit seiner künstlerischen, schöpferischen Kräfte sich veredelnd ausbreiten. Da gießt seine Musik in gesteigertster Ausdrucksfähigkeit eine Fülle melodischer Anmut und reicher Schönheit in die Form des Textes. Da werden in dem Entfalten der Schaffenskraft über das Maskenhafte hinaus naturhafte, echte herzliche Töne angeschlagen, aber stets edel, frei von Profanierung des AllzUmenfchlichen. Dann erst zeigen sich die im Texte nur schwach angebeuteten Charaktere deutlicher, bestimmter, so z. B. das Schwesternpaar, die eine tiefer veranlagt, beständiger in der Treue, die andere mit leichter erregbarem Temperament, weniger standhaft den Liebesverführern gegenüber. Trefflich ist der alte, erfahrene Junggeselle gekennzeichnet, dem kecken, raffinierten Kammerkätzchen legt die Musik vor allem Uebermaß Zügel an
Mozarts unerschöpfliche Charakterisierungsgabe entzündet sich vornehmlich an der Vielfältigkeit der Situationen in ihrem Wechsel, in der Gegenüberstellung neuer Personengruppen. Daher ist gerade diese Oper neben schönen Arien reich an musikalischer Ensemblekunst, die treffend, schlaglichtartig jeden in seinen individuellen Zügen beleuchtet, die fein differenziert, pointiert und den Andeutungen des Textes ffreifbare Nähe verleiht. Davon zeugen die beiden Finales mit ihren Gegensätzen der einzelnen Stimmungen, das Abschiedsquintett, wie auch das von Naturromantik getragene Terzettino.
Ueberaus fein abgetönt gibt sich dabei Mozarts Orchesterfarbe, namentlich die Holzbläser erhalten besondere Aufgaben. Die Moral des Stückes: „Cosi fan tutte“, die der Hagestolz in der Cavatine des zweiten Aktes ausspricht, läßt Mozart thematisch in der Ouvertüre Bedeutung gewinnen.
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Die Aufführung folgt einer Einrichtung durch Paul Wrede; auch hier bewies die Spielleitung wie schon in früheren Fällen durch originelle Ein
fälle ihr besonderes Geschick. Das Spiel war durchpulst von sprühender Laune bis zum Uebermut, hielt sich aber frei von Uebertreibungen. In ihrer bunten Beweglichkeit weckte die Handlung stärkste Anteilnahme des Zuhörers. Jeder mögliche Kontakt zwischen Orchester und Szene wurde wahrgenommen; jede Gebärde und jede Bewegung in ihrer Plastik aus dem Musikalischen entwickelt. Farbprächtige Kostüme (Sophie Buchner) kamen der Auswirkung der Bühnengestalten ebenso zugute, wie die sorgfältig gewählten und geschmackvoll ausgestatteten Bühnenbilder (Löffler) in ihrem malerischen Reiz, im Reflex der abgestimmten Beleuchtung (Keim) den Eindruck der Szene verstärkten.
Das Orchester folgte mit Grazie, Beschwingtheit und feinem Nachgeben dem Stabe Paul Walters, der mit feiner klanglicher Abtönung und liebevoller thematischer Durcharbeitung die fast unerschöpflichen Schönheiten der Partitur in leuchtender Klarheit aufleben ließ. Dabei half jeder an seinem Pult nach besten Kräften; außerordentlich waren die Holzbläser; auch das Hornsolo sei nicht vergessen. Die Rezitative wurden in der Originalgestalt wiedergegeben. Das Neupart-Cembalo verlieh dem Eindruck der Stilechtheit die letzte Rundung. Die Chöre waren sorgfältig vorbereitet und von klanglicher Frische.
Die Anforderungen an die Solisten in diesem Stück entsprechen dem Hochstande der Gesangskultur des Mozartschen Zeitalters. Neben großer Beweglichkeit müssen die Stimmen eine feine Ausprägung der dynamischen Grade erweisen können. In all ihren Vertretern vermochten diesmal die beteiligten Künstler den gestellten Ansprüchen nachzukommen. Durchweg sind sie sympathisch timbriert; schmiegsam und sauber in der musikalischen Artikulation. Wenn sie auch nicht völlig in der Größe einander entsprachen, so entbehrt doch keiner von ihnen beachtliche Eigenwerte. So waren die Ensembleeinsätze voll Wohlklang; ein jeder schmiegte sich diskret an, und dennoch ermöglichte die Geschlossenheit des Gesamtklanges fein differenzierte Ausdrucksfähigkeit.
Ein Kabinettstück darstellerischer Durcharbeitung und gesanglicher Feinarbeit war der Don Alfonso Wilhelm Greifs. Seine resolute Gegenspielerin Friedel Fornallaz (Despina, Kammerzofe) gestaltete mit herzhafter Frische, zumal auch in den Arien. Stimmlich und musikalisch ist sie für ihr Sonderfach befähigt, nur dürfte sie ihrem geräuschvollen Atmen etwas Aufmerksamkeit zuwenden. Das Ge- schwisterpaar Fiordiligi (Helene Wacker) und Dorabella (Emmy Hagemann) kontrastierte bei gleichwertigem Können durch Stimmfarbe und Temperamentsausdruck der Darstellung. Das Organ Helene Wackers beherrschte bei fast silbrigem innigem Klang die Koloratur, während Emmy Hage- mann über größere Expansionsfähigkeit verfügt.
Die beiden Liebhaber Guglielmo (Gustav Bley) und Ferrando (Rudolf Hille)' waren im Spiel aufeinander eingestimmt. Rudolf Hilles Tenor ist nicht übermäßig groß, entspricht dafür aber durch die vornehme musikalische Haltung Mozarts Aufgaben. Volltönig fand Gustav Bley besonders mit seiner Arie Wiederhall im Publikum.
Die erste Opernaufführung der beginnenden Saison hat die auf sie gesetzten Erwartungen voll erfüllt, und man wird den weiteren Aufführungen mit besonderem Interesse entgegensetzen können.
Dr. H.
Zeitschritten.
— „Das Innere Reich." Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben. Herausgeber: Paul Alverdes und Karl Benno von Mechow. Vierteljährlich 4,80 Mark, Einzelheft 1,80 Mark. Verlag Albert Langen-Georg Müller, München.— Im Oktoberhest setzt K. B. v. Mechow seinen Bericht von einer italienischen Reise fort mit einem Kapitel „Sizilien — Umschau und Besitznahme". Rudolf G. Binding steuert einen schönen dichterischen Bericht „Das Heiligtum der Pferde" bei, der im Trakehner, das preußischste Erzeugnis des Landes, das festeste Bild feines Wesens erkennt. Von den dichterischen Beiträgen nennen wir noch eine stille, rührende Erzählung Otto Gmelins, eine Funkdichtung „Gespräch mit den Vätern" von Martin Raschke und einige herbstliche Gedichte von Fischer-Gravelius und Peter Hüchel, zwei Beiträge von Siebenbürger Sachsen: Heinrich Zillichs Hymnus „Siebenbürqische Landschaft" und Harald Treffers Aufsatz über „Die deutsche Kunstprovinz Siebenbürgen". Die bildende Kunst vertritt der Bildhauer Arno Breker mit sechs Wiedergaben feiner Plastiken. Karl Oerftberger, der Bremer Komponist, spricht knapp und treffend vom Wesen der Musik. Einen besonderen Genuß bedeutet die neue Bekanntschaft mit dem fast verschollenen Wilhelm-Busch-Aufsatz des verstorbenen bedeutenden Essayisten Josef Hofmiller.
6od)fd>ulnad)rid)fen.
Professor Dr. Gustav Ehrismann, der emeritierte Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Greifswald, vollendete dieser Tage sein 8 0. Lebensjahr. Ehrismann, einer der Senioren der Germanistik, ist bekannt geworden vor allem durch sein dreibändiges Handbuch der Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgana des Mittelalters.
Professor Dr. Viktor T l i n g m ü 11 e r, Ordinarius für Dermatologie und Direktor der Hautklinik an der Universität Kiel, ist von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


