Ausgabe 
4.10.1935
 
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Ur.232 Drittes Blatt

Gietzener Anzeiger General-Anzeiger für Gberheffen)

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Aus der Provinzialhauptstadt.

nach seiner erfolgreichen Sommerverpflichtung als Kurorchester in Bad Homburg. Die Spielleitung dieser Oper hat Paul Wrede. Es wirken mit: die Damen Fornallaz, Hagemann und Wacker sowie die Herren Bley, Greif und Hille. Die Aufführung dauert von 20 bis 23 Uhr. Erste Vorstellung im Freitag-Abonnement.

Oie Witze deines Mannes.....

Manche Männer denken, daß das einzige Mittel ewiger Jugend darin besteht, Witze zu erzählen und das Herz in ständiger Bewegung zu halten. Allzu viele Witze indessen führen stets zur Wieder­holung, und allzu viel Herzklopfen führt zu Blut­leere des Gefühls.

So lange eine Frau die Kunst versteht, dem Manne mit ungeheuchelter Aufmerksamkeit zuzu­hören, so lange ist sie seiner sicher! So lange ist man derSonntag des Mannes", wie Michelet von den Frauen zu einer Zeit sagte, als es noch kein Wochenende gab.

Wenn man aber mit wachen Sinnen und hellen Ohren dem Manne ein paar Jahre lang zugehört hat, besteht die Gefahr, daß man zumMontag Morgen" vorrückt, dem niemand mehr Reize abzu­gewinnen vermag.

Wann werden die Frauen lernen, daß alle Schön­heit vergänglich ist, wie das schillernde Kleid der Libelle! Daß nur der innere Gleichklang, das gegen­seitige Erkennen und das liebevolle Hinweggleiten über die Schwächen des Andern dauerndes 'Glück verbürgen!

Und zu den Schwächen des Mannes gehört es, daß er vor allem seiner Frau gern Witze erzählt, die er auf den rauhen Pfaden des Stammtisches, der Kegelbahn oder im Geschäft gehört hat.

Und wenn du als brave Ehefrau ehrlich bist, und wenn die Witze gut sind, mußt du zugeben, daß du nicht ungern zuhörst. Aber vom zehnten Male ab wird der Witz langweilig.

Wenn du einen Mann einen rosenumsäumten Weg in eine herrliche Landschaft hineinführst, wird er seine Zigarre rauchen und wird dir, nach kurzem Genießen des Bildes, einen Witz zum elften Male erzählen. Und dann mußt du zuhören!

Wenn du ihn aber darauf aufmerksam machst, daß gerade dieser Witz dir erstens nicht unbekannt ist, und daß er zweitens auch gar nicht in die Land­schaft und in den stillen Hauch der Stunde paßt, dann setzt der Gefahrenpunkt ein, bei dem der Mann fühlt, daß duihn nicht mehr verstehst". Darum höre zu!

Und wenn du nicht lachst, besteht die weitere Ge­fahr, daß er sich nach einer anderen Frau sehnt, die voller Andacht seinen Geist, sein Gedächtnis, und seine Kunst beftaunt, Witze erzählen zu können!

Darum höre auf deinen Mann selbst dann, wenn er dir Witze erzählt, die anläßlich der Eröffnungs­feierlichkeiten der Cheops-Pyramide schon als ver­altet abgelehnt worden sind, und die, wie man heutzutage sagt, einen solchen Bart haben, den man im Keller auf eine Walze wickeln muß!

M. A.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.45 bis 22 Uhr Allgemeine Körperschule im Lyzeum, Dammstraße; 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.15 Uhr, nur für Frauen, Schwimmen im Volksbad; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. Stadttheater: 20 bis 23 UhrCosi fan tutte". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Epi­sode".

Erste Opernvorstellung im Stadtthealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Das neuverpflichtete Opernensemble stellt sich in der heutigen Vorstellung erstmalig dem Gießener Publikum vor. Am heutigen Abend kommt Mozarts graziös beschwingte und humorvoll-galante komische OperCosi fan tutte" erstmalig zur Aufführung. Gleichzeitig mit den neuen Opernkräften stellt sich der neuverpflichtete erste Kapellmeister Paul Wal­ter als musikalischer Leiter vor, mit ihm das nun­mehr städtische Orchester erstmalig wieder in Gießen

Uraufführung des lustigen Volksstückes:Holz­appel" von h. A. Weber im Stadtthealer Gießen am Sonntag des Erntedankfestes, 6. Oktober.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Das ganze deutsche Volk sieht an diesem Tage voll Dankbarkeit und Stolz auf den deutschen Bauern, der heute wieder seine verdiente Chrenstellung im Volksganzen einnimmt. Als schönster Dank der Stadt an das Land kommt im Stadttheater Gießen an diesem festlichen Sonntag erstmalig ein junger Dichter zu Worte, dessen künstlerische Persönlichkeit aus der breiten und sicheren Grundlage von Volks­tum und Kultur seiner engeren hessischen Heimat ruht. Der Hesse H. A. Weder, in dessen Anwesenheit sein lustiges Volksstück:Holzappel", unter der Spielleitung von Intendant Schultze-Gries­heim, uraufgeführt wird, verbindet in diesem Stücke, wie wir's uns nur immer wünschen mögen, die Kunst mit dem Volkhaften und bringt das Menschliche seiner Dichtung an der volkhaftesten Stelle des Volkes, in der Mundart, zum Ausdruck. Dieses lustige Bauernstück ist einePfundssache", bei der einem das Herz aufgeht vor lauter Freude über den kräftigen und derben Humor dieser Bauerntypen, die fest mit dem Boden unserer hes­sischen Landschaft verbunden sind. Lachend verneh­men wir des Dichters zwingendes Bekenntnis zu deutschbewußter Kraft, die im schollenfesten Bauern­tum ihre tiefsten Wurzeln hat. Dauer von 20 bis 22,50 Uhr; Preise von 0,50 bis 2,50 Mark.

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Ab 4. Oktober gibt die Deutsche Reichspost zu­gunsten der Deutschen Nothilfe neue Wohlfahrts­wertzeichen heraus. Es sind zehn Wertzeichen zu 3, 4, 5, 6, 8, 12, 15, 25, 30 und 40 Rpf. vorgesehen, die mit einem Wohlfahrtszuschlag für die Deutsche Nothilfe abgegeben werden. Daneben wird je eine Postkarte zum Erntedanktag und zur Eröffnung des Museums für Deutsche Volkskunde in Berlin aus-

Oie Gießener Erntedankfestbesuche auf dem Lande.

Zur Erntedankfestfeier der Ortsgruppe Gießen- O st fährt der Sonoerzug nach Großen-Buseck am nächsten Sonntag in Gießen Bhf. um 12.20 Uhr, an der Haltestelle Licher Straße um 12.25 Uhr ab. Rückfahrt ab Großen-Buseck um 22.10 Uhr. Fahr­preis für Hin- und Rückfahrt 40 Pf., für Kinder vom 4. bis 10. Lebensjahr 20 Pf. Die Fahrkarten werden gegen Bezahlung des Fahrpreises am heu­tigen Freitag von 18 bis 22 Uhr und am rnoraigen Samstag von 14 bis 20 Uhr in der Gastwirtschaft Germania", Kaiserallee, ausgegeben. Fahrkarten für diesen Sonderzug sind an der Bahn nicht er­hältlich.

Die Fahrkartenausgabe für den Sonderzug der Ortsgruppe Gießen-Süd nach Lang-Göns zur dortigen Erntedankfestfeier erfolgt von heute, Frei- tagmittag, ab in dem Zigarrengeschäft M ä n n ch e, Liebigstraße 83. Die Benutzung des Sonder^uges ohne vorher gelöste Fahrkarten ist nicht möglich. Anmeldungen können nur noch in beschränktem Umfange angenommen werden, da der Zug fast ausverkauft ist. Die Fahrzeiten des Zuges werden noch bekanntgegeben.

NGOAp., Gießen-Nord.

Velr.: Erntedankfest am 6.10. in Grohen-Linden.

Die Abfahrt des Sonderzuges zum Erntedankfest erfolgt um 12.45 Uhr ab Bahnhof Gießen, die Rück­fahrt um 22.25 Uhr ab Grohen-Linden.

Der Fahrpreis betragt 0,20 R2U. hin und zurück. Kinder von sechs bis zehn Jahren zahlen die Hälfte, während Kinder unter sechs Jahren kostenlos mit­genommen werden können.

Die Fahrkarten werden den Teilnehmern durch die Blockleiter ausgehändigt.

Rachmeldungen zur Teilnahme werden auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 16, entgegengenommen.

gegeben, und zwar die letztere in Berlin bereits am 1. Oktober. Der Verkauf der Wohlfahrtswertzeichen durch die Postanstalten und die Deutsche Nothilfe dauert bis Ende Februar 1936, ihre Gültigkeit hört Ende Juni 1936 auf.

Die neuen Marken bringen Frauenbilder mit den Trachten verschiedener deutscher Volksstämme, und zwar von Ostpreußen, Schlesien, Rheinland, Nieder-

Winterhilfswerk des deutschen Volkes ^933/36

Ortsgruppe Gießen-Süd.

Am Montag, 7. Oktober, Dienstag, 8. Oktober, und Mittwoch, 9. Oktober, findet in der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die WH W. - Pfundsammlung statt. Es wird ge­beten, die Lebensmittelspenden (Pfundpakete) zur Abholung bereithalten zu wollen.

OiepreisefürSchweinefleischundWmst

In einer Bekanntmachung betreffend die Durch­führung der Reichsoerordnung über Fleisch- und Wurstpreise vom 31. August 1935 bestimmt der Reichsstatthalter in Hessen Landesregierung mit sofortiger Wirkung folgendes:

Die Kleinhandelspreise für Schweinefleisch und Schweineschmalz sind unverzüglich auf die Preise zurückzuführen, die Ende März 1935 ortsüblich waren. Als Schweinefleisch gelten sowohl die ein­fachen wie die besseren Stücke des Tieres, einschließ­lich Schweinespeck und Flomen (Liesen).

Bei nachfolgenden Wurstsorten sind die derzeitig geltenden Preise ebenfalls auf den Stand der orts­üblichen Preise von Ende März 1935 unverzüglich zurückzuführen, soweit sie heute diesen Stand über­schritten haben: 1. Einfache und Hausmacher-Leber­wurst, 2. einfache und Hausmacher-Blutwurst, 3. Fleischwurst, 4. weißer und roter Schwarte­magen, 5. landesübliche Bratwurst. Metzgereien, die diese Wurstsorten seither geführt haben, sind verpflichtet, sie weiter zu führen.

Die Preisüberwachungsstelle bestimmt in Zwei­felsfällen, welche Preise Ende März 1935 in den hessischen Gemeinden ortsüblich waren. Vorstehende Preisanordnungen gelten als Höchstpreisbestim­mung hinsichtlich der Verhängung von Ordnungs­strafen.

Für Rindfleisch ergeht demnächst eine besondere Bekanntmachung.

sachsen, Kurmark, Schwarzwald, Hessen, Ober­bayern, Friesland und Franken. Die beiden Post­karten tragen die Abbildung eines BDM.-Mädels, bzw. das Trachtenbild aus Niedersachsen (wie auf der Freimarke zu 6 Rpf.). Die Entwürfe stammen von dem Maler Karl Diebitsch in München, dem als Unterlagen für die Trachten Aufnahmen des Trachtenphotographen Hans R e tz l a f f in Ber­lin-Charlottenburg dienten.

Neue Wohlfahrtsbriesmarkeu der Deutschen Reichspost.

Gültig bis zum 30. Juni 1936.

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Merkwürdige Wett.

Von $. Ioster.

Die seltsamste Namensgleichheit, die je be­achtet wurde, knüpft sich an eine Reihe von Schiffs­katastrophen in der Menai-Straße bei Neusüdwales. Im Jahre 1664 ging dort ein Schiff mit 81 Passa­giere» unter, im Jahre 1765 eins mit 60 Passagie­ren, und wiederum im Jahre 1820 eines mit 25 Passagieren. Bei jedem dieser Unglücksfälle wurde ein einziger Passagier gerettet, und jedesmal war der Name dieses ©erretteten Hugh Williams.

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DerK irchenwecker" war eine wichtige Gestalt in den englischen Gotteshäusern des sieb­zehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Seine Auf­gabe war es, diejenigen Kirchenbesucher aufzu­wecken, die im Verlaufe des Gottesdienstes einge­nickt waren. Er ging beständig zwischen den Bank­reihen auf und ab, bewaffnet mit einem langen Stock, der an einem Ende einen Fuchsschwanz, am anderen einen schweren Türknauf trug. War eine Frau eingeschlafen, so kitzelte der Kirchenwecker sie mit dem Fuchsschwanz an der Nase, während er die Männer mit dem Knauf auf den Kopf schlug.

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In Guayaquil, der Hauptstadt von Ecuador, steht ein Denkmal Lord Byrons, das für ein Standbild des Nationakdichters Olmeda ausgegeben wird. Das Komitee, das seinerzeit das Monument des ecuadorianischen Poeten in Europa bestellen sollte, fand es nämlich billiger, eine in London vor­gefundene, fix und fertige Statue Lord Byrons zu kaufen und lediglich den Sockel mit einer neuen Inschrift zu versehen.

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Tausend Dramen für das Puppentheater bilden das literarische Material, aus denen ein ja­panischer Puppentheater-Direktor seinen Spielplan zusammenstellen kann. Seit dreihundert Jahren ist diese Art von Schauspiel das Lieblingsvergnügen des japanischen Volkes, und im Laufe dieser Zeit haben zweihundert Dichter eine gewaltige Literatur für das Puppentheater geschaffen. Die Puppen sind auf diesen Bühnen nahezu lebensgroß und werden von Männern bewegt, die in schwarzer Kleidung auf der Bühne stehen und die Puppen in ihren Händen halten. Die Figuren können Augen, Mund und Augenbrauen bewegen, rauchen und Musik­instrumente spielen.

Eine Familie besitzt hundertfünfzigtau- j e n d S i ü h l ö und zwar ist dies jene Familie, die

seit langem in London das Monopol auf sämtliche Sitzgelegenheiten in den öffentlichen Parks der Stadt innehat. Diese wurden gegen geringes Ent­gelt an die Passanten vermietet, und das Billett gilt für den ganzen Tag, so daß es seinen Inhaber dazu berechtigt, sich durch ganz London von einem Stuhl zum anderen zu bewegen und überall nach Belieben Platz zu nehmen.

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Wahrsagen aus den Fußlinien ist in China ebenso beliebt und weit verbreitet wie das Handlesen und wird auch nach denselben Grund­sätzen vorgenommen.

Der Jäger

und sein Schutzpatron.

Von Or. Jürgen Schäfer.

Auf einem kleinen Bahnhof im Thüringer Wald war es. Dort stieg ein alter Jäger zu uns in das Wagenabteil, in Begleitung eines großen zottigen Hundes, der sich mit viel Umsicht und Bedacht zu unseren Füßen einen Platz suchte. Mit seinen gro­ßen schwarzen Augen sah uns der vierbeinige Fährtenleser aufmerksam an, um sich alsdann, aller Sorgen und Pflichten ledig, zum Schlaf auszu­strecken, während sein Herr sich behaglich eine Pfeife anzündete. Unser Blick hing voll Bewunderung an dem sonnenverbrannten offenen Gesicht des bärtigen Mannes, über das das Licht des Streichholzes hin- huschte und das dann in dicke Rauchwolken gehüllt war. Dann betrachteten wir die Jagdtasche, die seine reiche Beute nicht fassen konnte. Da waren die Rebhühner mit hängenden Köpfchen aufgereiht, und ein braunfelliger Meister Lampe war sachkundig über den Rucksack geschnallt. Unsere Blicke fragten so viel, daß wir bald mit dem alten Nimrod ins Gespräch kamen. Wie im Wind verflogen uns da einige Stunden Fahrt, bis der Jäger wieder Tasche und Flinte umhängte und uns nach herzlichen Ab­schiedsgrüßen mit seinem treuen Begleiter wieder verließ, um in den Abend hinein der wohlverdien­ten Ruhe nach langen Jagdtagen entgegenzu­wandern.

Was war denn besonderes an unserem Reisebe­gleiter gewesen, der nicht wie wir ungeduldig die Stunden gezählt, sondern bedächtig und gelassen mik- hellen Augen in die vorbeifliegende Welt gesehen und insgeheim über unser Reisefieber gelächelt hatte. Wilhelm Müllers Verse kamen uns in den Sinn, als wir dem Alten nachjannen.

Es lebe, was auf Erden, Stolziert in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder, Der Jäger und die Jagd!"

Ja, fürwahr, der alte Weidmann hatte uns wie­der bewiesen, daß die richtigen Jäger eine beson­dere Zunft bilden, die nicht nur im Jägerlatein eine eigene, oft verspottete Sprache haben, sondern die auch vieler Geheimnisse kundig sind, die uns an­deren Sterblichen meist verschlossen bleiben. So sind sie, wie wir aus den bescheidenen, gar nichtla­teinischen", sondern gut deutschen Worten des alten Weidmanns entnahmen, sogar der Vogelsprache kundig. Jeden Laut im Wald vernimmt das Ohr des Jägers, und so kennt er bald jeden Vogel und seinen Gesang, und weiß auch, ob es ein Ruf der Angst ist, mit dem er aus dem Blätterwald auf­fliegt oder ob ihm die Freude am Flug in dje himmelhohe Welt ein frohes Lied eingibt Aber auch Baum und Strauch kennt der Jägersmann besser als wir, die wir so stolz auf unsere Natur­kunde sind. Und wenn er auf den Fährten des Wildes, die er zu lesen versteht, immer tiefer in die Waldeinsamkeit einbringt, dann wird er auch dort noch manchen Wunders der Natur teilhaftig, die in dieser Unberührtheit aus der Hand des Schöp­fers hervorging.

Aber nicht nur Gottes Gegenwart im tiefen Wald wird ihm spürbar, daneben weiß er auch von einem seltsamen ungreifbaren Leben und Weben geheim­nisvoller Waldgeister und Holzfrauen zu berichten, und er kennt Sagen und Märchen von ihren guten und bösen Taten, wie sie einem Jäger geheime Wege in die Gefilde eines seltenen Wildes wiesen, und wie sie jenen Uebeltäter, der gegen die Gesetze weidgerechten Jagens verstieß, bestraften und irre» ftihrten, daß er, der zuvor geprahlt hatte, ohne Beute heimkehren mußte. Auch von wundersamen Tieren werden dem Weidmann zuweilen Jagdge­filde aufgetgn, die er nie zuvor gesehen hatte und die er nachdem auch nie wieder betreten durfte. Aber wenn der Jäger auch diesen Märchen und Sagen im Waldweben nachhängt, sobald ihm ein Wild vor die Flinte kommt, ist er von höchster Wachsamkeit. Dann ist der Spuk verweht, unb mit klarem Blick unb sicherer Flinte wirb bas Wilb ver­folgt unb weibgerecht erlegt.

Wir haben ben Alten im Zuge nach altem Jäger­aberglauben befragt, unb er hat über unsere Fra- aen ein wenig gelächelt. Dann aber hat er sich zu feinem Schutzpatron bekannt. Von bem Heiligen Hubertus hat er allerbings nichts wissen wol­len; ber solle burchaus nicht ein besonberer Freunb des Weibwerks gewesen jein. Um jo mehr verdiene

es jener Eustachius, ber als Hauptmann Placibus im Heere Trajans gebient haben soll. Von ihm wirb erzählt unb unser Reisebegleiter hat bie Geschichte in seiner stillen gemessenen Sprache wie- berholt, baß er eines Tages auf bem Jagbzug auf ein ganzes Rubel Hirsche gestoßen sei. Als er es verfolgte, löste sich ein befonbers kapitaler Bock von ihm ab, bem ber Hauptmann mit erwachter Jagbleibenschaft auf ben Spuren blieb, obwohl er immer tiefer in ben ihm unbekannten Jagbgrunb verlockt würbe. Schon glaubte Placibus ben Hirsch aus ben Augen verloren zu haben, als sich ihm plötzlich ein seltsamer Anblick bot. Dicht vor seinen Augen erhob sich ein mächtiger Felsen, auf besten Höhe ber verfolgte Hirsch ftanb, unbeweglich unb ohne Furcht ben ihn versolgenben Jäger andlickenb. Unb zwischen seinem Geweih trug ber Hirsch nun ein Kruzifix, bas strahlenber als bie Sonne war! Placibus ließ vor Erstaunen feine Waffe finken unb beugte sich ehrfürchtig.

Da vernahm er, wie ber Hirsch mit Menschen­stimme zu ihm sprach:Placibus, warum verfolgst bu mich? Aus Güte gegen bich erscheine ich bir auf biesem Tiere. Ich bin Christus unb mich jagtest bu, als bu biesem Hirsch folgtest". Von biesem Tage an war Placibus bekehrt, unb er würbe unter bem Namen Eustachius ein Märtyrer bes Glaubens, ber ihm burch jene wunbersame Erscheinung in ber Walbeinsamkeit geoffenbart worben war. War bie- ser Eustachius, so fragte uns ber alte Jägersmann, nicht bester zum Schutzpatron ber Jägerei geeignet als Hubertus, von bem nur berichtet werbe, baß er sich gegen bie Jagb ausgesprochen habe? Denn jener Begegnung mit bem kreuztragenben Hirsch lasse sich wohl auch noch bie anbere Deutung geben, baß sich bssm weibgerechten Jäger Wunber in ber Wal- besstille auftun, bie ihn für sein ganzes Leben zum glücklichen Menschen machen, ber an bie Allmacht bes Schöpfers glaubt.

Da wir anbächtig ben Erzählungen bes alten Weibmannes lauschten, bie nichts von einem Prah­len mit großer Jagbbeute an sich hatten, berichtete er uns noch von anberen Sagen unb Geschichten, in benen ber wilbe Jäger mit seinen Gefährten ein­herbrauste, hoch über ben Wolken, um seine Herr- schäft über bem beutschen Walb zu erweisen. Unb uns alle auch wenn wir es nicht aussprachen, verrieten es doch die Blicke, mit denen wir dem Jäger folgten, als er uns verließ und vom Bahn­steig aus uns noch einmal nachwinkte, faßte ein schwer bezwingbares Verlangen, ihn zu bitten, an feiner Seite einmal in das Waldesdunkel streifen zu dürfen, um dort all jener Wunder teilhaftig zu werden, die sich ihm dort auftaten und von denen er uns erzählt hatte.