Ur. 206 Drittes Blatt
Lietzener Anzeiger (Seimal-Anzeiger für (überhetzen, Mittwoch, 4. September 1935
Caroline von Linsingen.
Oie Geschichte einer heimlichen Prinzen-Ehe.
Von Ludwig vom Eichsseld.
Romantische Begegnung.
Am 31. Januar 1815 verstarb in Blansko in Mähren die Frau eines Arztes Dr. M e i n e k e , angeblich an Entkräftung. Dem Ehegatten war N"r bekannt, daß feine Frau vor der Verheiratung mit ihm eine unglückliche Liebe gehabt hatte. Die Tatsache, daß seine Frau vier Jahre vor seiner Eheschließung die geheime Gattin des Prinzen William, Herzogs von Clarence, des fpä- teren Königs Wilhelm IV. von England (gest. 20. Juni 1837) gewesen war, entzog sich seiner Kenntnis.
Caroline von Linsingen, aus einem alten Adelsgeschlecht stammend, war am 27. November 1768 als zweite Tochter des General-Lieutnants Wilhelm von Linsingen geboren. Caroline hatte nock sieben Geschwister, aber nur ihr Lieblingsbruder Ernst war in das Geheimnis der heimlichen Ehe eingeweiht. Der Vater Carolinens, innigst be- freundet mit dem Mecklenburg-Strelitz'schen Für- stenhause, begleitete die Prinzessin Sophie Charlotte au ihrer Vermählung mit dem König Ge- org III. nach England, wo er auf Wunsch des Königs drei Jahre verblieb. Die Königin hatte Carolinens Vater das Versprechen abgenommen, ihr seine jüngste Tochter ganz zu überlassen. Als Caroline das 14. Lebensjahr vollendet hatte, drang die Königin auf Erfüllung des Versprechens. Dagegen erhob jedoch Carolinens Großmutter, die die Erziehung des körperlich und geistig sehr entwickelten Mädchens leitete, Einspruch unter der Begründung, ihre Enkelin erst dann nach England geben Au können, wenn ihre Erziehung restlos abgeschlossen wäre. Diesen Einwand ließ die Königin gelten. Anscheinend ist der Plan, Caroline an den englischen Hof zu verpflanzen, von der Königin später fallen gelassen worden. Caroline ist nie nach England gekommen.
Dagegen wurde ihr Vater im Jahre 1790 mit der Mission betraut, die drei Söhne des englischen Königspaares von England nach Hannover zu geleiten, um den Prinzen Gelegenheit zu geben, sowohl das Land kennen zu lernen wie auch die Kenntnisse in der deutschen Sprache zu vertiefen. In ihrer Begleitung befanden sich außer Carolinens Vater, noch dessen jüngster Bruder (Carolinens Oheim) sowie ein englischer Lord Dutton, während einige englische und hannoversche Edle als Ehrenkavaliere beigegeben waren. Den Söhnen des Landesfürsten wurde ein festlicher Empfang bereitet. Caroline, die nunmehr im 22. Lebensjahre ftanb, beteiligte sich an den Feierlichkeiten mehr, als sie dieses sonst bei ähnlichen Anlässen gewohnt war.
Der drittjüngste Sohn der Königin, Wilhelm- Heinrich — nur William genannt — war von seiner königlichen Mutter beauftragt worden, einen Brief sowie eine Brillantnadel an Caroline zu überreichen. Dies geschah am 13. April 1790. Dieser Tag entschied das Lebensglück der Caroline. Nur kurze Zeit verstrich und beide erkannten, daß sie einander glühend liebten und nie voneinander lassen würden. Caroline sagt darüber: „daß nur der Tod unsere Liebe enden könnte!".
Heimliche Trauung.
Da die Liebenden tagtäglich beisammen waren, wenn auch meistens in Gegenwart des Lords Dutton oder des Bruders Ernst, die das Liebesbündnis begünstigten, so war es unvermeidlich, daß
Carolinens Vater von dem zärtlichen Verhältnis Kenntnis erhielt. Von der Erwägung ausaehend, daß eine Ehe des Prinzen mit seiner dem niederen Adel entstammenden Tochter niemals die Billigung der könialichen Eltern finden würde, bot der Vater alles auf, eine Trennung der Liebenden herbeizuführen. Er berichtete der Königin umgehend. Doch oie Königin zeigte für die Besorgnisse des Vaters nicht das Verständnis, das er erwartet hatte. Sie tadelte keineswegs das Verhalten des Prinzen, sondern riet vielmehr, die jungen Leute ruhig weiter „tändeln" zu lassen. Sie schrieb: „Solch eine ideale Neigung werde den Prinzen der Tugend erhalten, ihn vor den Klippen, welche der Unschuld eines so hoch gestellten Sterblichen nur zu oft den Untergang drohten, bewahren".
Ein Jahr war verstrichen, seit sich die Liebenden ewig Treue geschworen hatten, als es den „unwiderstehlichen" Bitten des Prinzen William gelang, Caroline zu bestimmen, sich ohne Kenntnis und Zustimmung der beiderseitigen Eltern ge- heim trauen zu lassen. Ein schottischer Geist- licher, namens P a r s o n s , der dem Prinzen in freundschaftlicher Verehrung zugetan war, legte in einer einsamen Waldkapelle in der Nähe Pyr- monts (im Sennerwald), das damals ein Tummelplatz der Fürstlichkeiten und des hohen Adels war, die Hände der Liebenden ineinander zum Bunde für Zeit und Ewigkeit, der geheiligt war durch die reinste Liebe, untrennbar durch die Erfüllung gesetzlicher Vorschriften und durch den Schwur unwandelbarer Treue.
Die Trauung fand am 21. August 1791 (dem Geburtstage des Prinzen) in der Frühe zwischen 5 und 6 Uhr statt. Als Zeugen waren Lord Dutton und Carolinens Bruder Ernst zugezogen, während Georg, Carolinens treu ergebener Diener und Jackson, des Prinzen Kammerdiener, der heiligen Handlung beiwohnen durften.
Interessant ist die Tatsache, daß Caroline dem Prinzen das feierliche Versprechen abaenommen hatte, auf ein ganzes Jahr ihre Jungfräulichkeit au schonen. Beide Teile haben das Versprechen gehalten, wenn auch unter Tantalusqualen. Als Caroline dem Prinzen die Trauung nur unter Einhaltung des feierlichen Schwures zugestand, zeigte sich ihre Charakterstärke, der sich die Dinge der Welt unterordneten, offenbarte sich ein Geist von seltener Energie, die eine Größe in sich faßt, die des Aufschwunges zu jeder Erhabenheit mächtig ist.
Krank vor Glück....
Am 5. August 1792 gab Graf Schwicheldt der Pyrmonter „beau monde“ ein Dejeuner im Freien. Auf einer Wiese in der Nähe des Sennerwaldes war ein fürstliches Arrangement getroffen. Hier fanden sich alle Geladenen zu Pferde. Graf Schwicheldt machte den Vorschlag, vor Beginn der Festlichkeiten einen weiteren Spazierritt zu unternehmen, was auch allgemeine Zustimmung fand. Der Ritt führte an der Kapelle vorbei, wo vor Jahresfrist die Trauung ftattgefunben hatte. Der Prinz ließ sich von feinem Gefühl überwältigen und betrat das Gotteshaus. Sein Verhalten war aber so sonderbar, daß Lord Dutton ernstlich daran dachte, das Geheimnis des pingen Paares den Eltern zu enthüllen. Denn schon begann ein Raunen im vertrauten Kreise, und Anspielungen wurden laut, die erkennen ließen, day man Verdacht schöpfte, Caroline sei die Geliebte des Prinzen.
' Die Aufregungen aller Art, selbst das lieber
maß des Glückes machten Caroline krank. Doch als sie am Jahrestag ihrer ehelichen Vereinigung den Prinzen von dem seinerzeit gegebenen Versprechen entband, entrückt der Welt und dem starren Gesetz der Etikette, da schwand auch die Krankheit, sie fühlte sich gesund und wünschte nichts sehnlicher, als daß dieses Glück von Dauer bleiben möchte. „Wonnigliches Pyrmont!" ruft Caroline aus, „das mir sonst so langweilig schien, was bist du mir geworden? — Bäume, Sträucher, Steine, alles in ir ist belebt. Ewig bleibst du mir ein Götterlitz. Möge deine Heilquelle Leben und Gesundheit Der ganzen leidenden Menschheit geben!"
Carolinens Vater erhielt erst Kenntnis von der ganzen Sachlage, als der Ehebund bereits über 14 Monate währte und seine Tochter sich Mutter
fühlte. Er schrieb sofort nach England, um eine Ents cheiduna der Königin herbeizuführen und die Abberufung des Prinzen zu veranlassen, die auch umaehend erfolgte. Der Prinz sollte die Entscheioung Der königlichen Eltern in London ent« gegennehmen.
Die Königin greift ein.
Caroline wurde gemütsleidend. Um sie zu zerstreuen, reifte sie mit ihrem Vater über Paderborn, Höxter nach Kassel. In Driburg erkrankte sie aber so heftig und plötzlich, daß die Weiterreise unterbleiben mußte. Lord Dutton hatte den Prinzen über die Erkrankuna benachrichtigt, und mit Zustimmung der königlichen Mutter fuhr derPnnz
Fallobst gehört in die Marmelade.
Die Hauptvereinigung der Deutschen Gartenbauwirtschaft hat soeben eine Anordnung erlassen, in der bestimmt wird, daß die Hersteller von Apfelwein, schwäb. Most laus württembergiichem und »rm Most sowie Frischmost, süßem Apfelwein) pfelsüßmost (auch Dicksäften) nicht vor dem 14. September d. I. mit der Kelterung dieser genannten Erzeugnisse beginnen dürfen. Diese Maßnahme soll der Marmeladenindusttie ausreichende Beschaffungsmöglichkeiten des für sie besonders wertvollen Frühobstes sichern.
Das Frühobst gehört wegen feiner für die Marmeladenherstellung hochwertigen Eigenschaften nicht in die Kelter. Es wäre eine Vergeudung, wenn man das Pektin- und faure- reiche Frühobst auf Most oder Saft verarbeiten wollte.
Apfelweine, Apfelmoste und Apfelsäfte verlangen eine vollausgereifte, vollsüße und hocharomatische Frucht. Dagegen ist das Frühobst wegen seines hohen Gehaltes an Konservierungsstoffen (Pektine) eine wichtige Grundlage der Marmeladenherstellung.
Nach den Erfahrungen der letzten Saison können wir im kommenden Wirtschaftsjahr wiederum mit einem ziemlich hohen Verbrauch an Marmelade als beliebtes und billiges Brotaufstrichmittel rechnen. Dazu wird vor allem die Wiederholung der Verbilligungsaktion beitragen, die gerade den weniger begüterten Volksgenossen eine vollwertige Mehrfruchtmarmelade zu einem fühlbar gesenkten Preise zur Verfügung stellt. Diese Preisermäßigung wird fast ausschließlich von der Zuckerwirtschaft getragen und bedeutet insofern eine nicht unerhebliche indirekte Senkung des Zuckerpreises.
Durch die Koppelung der Zuckerverbilligung mil der Marmeladenherstellung wird zugleich dafür gesorgt, daß die nach Maßgabe der Ver- haltniffe überhaupt mögliche Preissenkung für Zucker auch wirklich den Volksschichten zugute kommt, die den ersten Anspruch darauf haben.
So gestattet die Marktordnung des Reichsnährstandes auch eine soziale Preis st euerung, Die auf die unterschiedliche Kaufkraft der Verbraucherschichten die notwendige Rücksicht nimmt.
Die Anordnung der Hauptvereinigung der Deutschen Gartenbauwirtschaft soll sicherstellen, daß bei der Aufnahme des Frühobstes zuerst die Marmeladenindustrie zum Zuge kommt. Obstanbauer und Obsthändler sowie die Hersteller von Apfelwein, schwäbischem Most (auch württembergischem und badischem Most sowie Frischmost, süßem Apfelwein) und Apfelsüßmost (auch Dicksäften) dürfen daher keine Verträge über die Lieferung von Aepseln zur gewerblichen Kelterung der vorgenannten Erzeugnisse abschließen, in denen eine frühere Aus-
lieferungsfrift als der 14. September dieses Jahres vereinbart wird.
Das heißt ganz allgemein, daß vor dem 14. September Aepfel, auch Fallobst, nicht zum Zwecke der Kelterung verkauft oder erworben werden dürfen.
Dieses Verbot umfaßt auch die Belieferung vor Gastwirten, die zum spateren Ausschank im eigenen Betrieb keltern. Alle bisher bereits abgeschlossenen Verträge fallen unter dieses Verbot. Ausgenommen von dieser Vorschrift ist lediglich die Herstellung von Apfelsüßmost im Lohnverfahren, soweit das Erzeugnis zur Deckung des eigenen Hausbedarfes von Dbftanbauern dient.
Der Vorsitzende der Hauptvereinigung der Deutschen Gartenbauwirtschaft hat gegenüber den Apfel« wein- und Mostkeltereien ausgesprochen, in dieser Zeit, in der es auf unbedingte Pflichterfüllung jedes einzelnen gegenüber der Allgemeinheit an kommt, Disziplin zu wahren. Obstvorräte, die bei Inkrafttreten dieser Anordnung (27. August 1935) noch nicht verarbeitet sind, dürfen nicht in die Kelter kommen bzw. darf Obst, das während der Verbots- zett auf Grund von abgeschlossenen Verträgen geliefert werden soll, den Keltereien und Mostereien nicht geliefert und zugeführt werden.
Diese Anordnung der Hauptvereinigung der Deutschen Gartenbauwlrtschaft ist in dem großen Rahmen der Bemühungen der Rohstoff- steuerung nach nationalwirtschaftlichen Grund- sähen zu betrachten. Sie sichert die beste Verwertung und den größten Nutzeffekt der Frühobsternte durch ihre Ueberweisung an die Marmeladenindustrie.
Wir können es uns nicht leisten, auch nur den geringsten Teil der in Deutschland anfallenden Rohstoffe zu vergeuden. Leider schenkte man in früheren Jahren dem für die Volkse rnährung außerordentlich wichtigen Rohstoff Obst nicht Die notwendige Beachtung und ließ z. T. recht erhebliche Mengen der Früh- und Fallobsternte umkommen. Heute wird von den zuständigen Stellen in Ergänzung der Anordnung der Hauptvereinigung der Deutschen Gartenbauwirtschaft erwartet, daß jeder Besitzer von Obstbäumen alle von ihm selbst nicht« benötigten Mengen der Ernte für die Rohstoffbe- schasfung zur Herstellung von Marmelade gegen angemessene Vergütung abliefert. Jeder Zentner angeliefertes Fallobst ist ein Schritt, um das gr« stellte soziale Ziel zu erreichen, billige Brotaufstrich- mittel aus Obst zur Verfügung zu stellen. Hier kommt es nicht zuletzt auf Die Bauerngärten an. In jeder Ortschaft werden Sammelstellen eingerichtet, bei denen Aepfel und Pflaumen (Zwetschen), auch Schüttelbirnen, ab geliefert werden können.
Zu jedem kommt einmal das Glölk.
Vornan von Ellen Kulm
Urhoberrechtsschutz: Fünf -Türme - Verlag, Halle (6.)
11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
7. Kapitel.
Am Abend desselben Tages erschien Shirley Preston im Speisesaal des Hotels. Sie hatte einen Tisch in der Nähe der Klinkes. Sie trug ein sehr einfaches dunkles Kleid, hatte ihre Haare glatt gestrichen und hatte nur ein wenig Puder aufgelegt.
Als sie Frau Klinke erblickte, näherte sie sich ihr mit höflichem Gruß und erkundigte sich nach ihrem Befinden.
„Ich hörte von Ihrer Gesellschaftsdame, daß Sie krank waren, gnädige Frau! Es freut mich doppelt, Sie wieder gesund zu sehen!"
„Sehr liebenswürdig, Frau Preston! Das kommt so manchmal bet mir vor, aber es dauert nicht lange. Ich erfreue mich ja einer ausgezeichneten Gesundheit im allgemeinen. — Wollen Sie bei uns Platz nehmen? Ich werde zwar heute bald mein Zimmer aufsuchen, aber Sie könnten doch mit der Jugend zusammenbleiben und vielleicht mit ihnen in die Bar gehen. Ich weiß, Fräulein Jnnemann tut es so gern, und ich bin altmodisch genug, um ein junges Mädchen nicht gern am Abend ohne Schutz zu lassen. — Sie sind war auch noch sehr jung, Frau Preston...!" fügte sie schnell hinzu, denn sie hatte wohl den Schatten gesehen, der über Shirleys Gesicht flog. „Ader wie ich weiß, waren Sie schon verheiratet und können daher selbständiger auftreten."
Shirley zwang sich zu einem verbindlichen Lächeln.
"äch werde gern über Fräulein Jnnemann wachen und schließe mich gern an. Sie haben recht, gnädige Frau, wenn ich auch noch an Jahren jung bin; ich habe schon sehr viel im Leben durchgemacht und schon sehr viel Trauriges erfahren. Um so mehr freue ich mich, wenn ich ein junges Mädchen sehe. Das sich noch so des Ledens freuen kann wie Ihre Gesellschafterin."
„Monika ist mir mehr als eine Gesellschafterin", sagte Frau Klinke herzlich. „Ich habe niemals eine Tochter gehabt, und trotzdem ich sie noch nicht lange hei mir habe, so habe ich sie doch sehr liebgewonnen. Uebrigens hat auch Monika von Jnnemann kein leichtes Leben hinter sich. Sie steht ganz allein in der Welt, und ich freue mich gerade besiegen, daß ich ihr die leichten Seiten Des Lebens zeigen kann."
Shirley Preston hörte diese Worte sehr ungern. Die tarnen wirklich von Herzen. Und diese reiche
alte Frau war vielleicht sogar imstande, dieser Monika ihren Sohn zu geben.
Ein Blick voll Haß flog unter den gesenkten Wimpern Shirleys zu Monika hinüber, die gerade mit Gerling in einem eifrigen Gespräch war. Das fehlte noch, daß ihr dieses blonde, einfältige Ding ihren Plan verdarb! Und wie dieser Herr von Gerling wieder mit ihr sprach! Ihr hatte er nach der Begrüßung noch keinen Blick geschenkt!! Wie blendend schön er aussah! Sie mußte sich zwingen, wegzusehen. Das würde noch fehlen, daß sie sich in diesen interessanten Riesen verliebte! Sie kannte ihr eigenes Temperament wohl und wußte, daß sie dann alle Vernunft beiseite warf. Diesmal aber durfte das nicht geschehen, da war es besser, daß Monika ihn behielt. Die war ja wohl auch wirklich imstande, mit ihm nach Persien zu gehen und sich dort in der Einsamkeit zu begraben. Nein, für sie, Shirley, kam doch nur Johnie Klinke in Betracht.
Sie setzte ihr bezauberndes Lächeln auf und sagte:
„So ein schönes Mädchen wie Fräulein Jnnemann wird ja auch bestimmt ihr Glück machen. Wenn sie es nicht bereits gemacht hat? Mir wenigstens scheint es so, als hätte Herr von Gerling bereits sein Herz an sie verloren. Und sie passen ja auch so wunderbar zusammen. Wenn sie tanzen, sieht sie jeder an."
Frau Klinke antwortete nicht. Der Gedanke, den Shirley soeben ausgesprochen hatte, war ihr auch schon gekommen. Und sie war eine resolute, lebenserfahrene Frau. Sie hatte keine Scheuklap- pen vor den Augen, und so gern sie auch Monika gewonnen hatte, sie gönnte sie auch diesem sympa- thischen Herrn von Gerling, der ja anscheinend wirklich nichts anderes in München zu tun hatte, als mit Monika beisammen zu fein. Aber jedenfalls waren die beiden trotz aller Sympathie heute noch nicht so weit. Freilich, bei jungen Menschen kann das schnell kommen. Ein bißchen Stimmung und — nein, sie verwarf diesen Gedanken wieder. Weder Monika noch Herr von Gerling waren Menschen, die sich so schnell entschlossen, wenn sie auch nicht so schwerfällig waren wie ihr Johnie. —
Sie erhob sich und verabschiedete sich von der Jugend, die sie bis in die Halle begleitete.
Dann entschlossen sich die jungen Leute nach kurzer Besprechung, die Bar aufzusuchen, in der sie am ersten Abend gewesen waren.
Es war noch ftüh, als sie kamen, und sie konnten sich einen besonders guten Platz aussuchen, von wo aus sie den ganzen Betrieb überblicken konnten.
Monika war eine begeisterte Tänzerin geworden. Aber Johnie Klinke hatte seit jenem ersten Abend nicht mehr getanzt. Er erklärte, daß er es wieder einmal habe versuchen wollen, aber es sei doch eigentlich nichts für ihn. Er komme sich wie ein plumper Pär vor.
Shirley hatte immer mit Herrn von Gerling getanzt. Es war ihr eine besondere Freude gewesen, sich in seine starken Arme zu schmiegen. Sie tanzte sehr gut mit den biegsamen Bewegungen einer Katze und mit den schmalen, halb geschlossenen Augen eines Raubtiers.
Selbst Gerling, der sie viel zu gut durchschaute, um sich nicht abgestoßen zu fühlen, konnte sich beim Tanzen ihrem seltsamen Zauber nicht ganz ent- ziehen. Er fühlte, daß dies eine Frau war, mit Der man berauschende Stunden erleben konnte Aber selbst wenn nicht Monika zwischen ihm und ihr gestanden, wäre er ihr ausgewichen. Denn er wußte, wie schnell solchen Stunden des Rauschs der Ekel und die Ernüchterung gefolgt waren, wenn er als junger Mensch diesen Lockungen gefolgt war. Trotzdem yolte er sie nicht nur pflichtmäßig, weil sie mit in der Gesellschaft war, zum Tanz, sondern ihr offensichtlicher Flirt mit ihm machte ihm Spaß.
Doch heute lehnte Shirley jede Aufforderung ab.
„Ich danke, Herr von Gerling! Ich tanze nicht. Ich bin sehr gern mitgekommen, weil ich mich offen gestanden, heute fürchtete, allein zu bleiben. Aber ich könnte nicht tanzen."
Sie lehnte sich melancholisch in ihre Ecke und schloß die Augen.
Ach, es sollte niemand ahnen, wie schwer es ihr fiel, Gerling einen Korb zu geben. Aber es mußte fein. Nun würde also Monika den ganzen Abend mit ihm tanzen können. Aber es mußte eben sein.
Als die beiden den Tisch wieder verlassen hatten, wandte sie sich an Johnie:
„Es tut mir so wohl, mit Ihnen hier zu sitzen. Sie ahnen gar nicht, wie trübselig der Abend sonst geworden wäre."
„Nun, ich bin ja auch gerade kein unterhaltender Gesellschafter, Frau Preston!"
„Sie, ach — Sie wissen nicht, wie glücklich ich bin, gerade mit Ihnen zusammen sein zu dürfen. Ich weiß ja so wenig von Ihnen, Herr Klinke! Aber ich habe immer das Gefühl, daß Sie mich und mein Schicksal verstehen würden, daß wir vielleicht sogar ein ähnliches Schicksal gehabt haben, das uns beiden die Lebensfreude geraubt hat."
Johnie Klinke hatte sich bisher noch sehr wenig mit Frau Preston beschäftigt; er kannte solche Frauen wie sie von Amerika genug und schätzte sie als oberflächlich und genußsüchtig ein. Und er hatte nie Grund gehabt, von Frau Preston anders zu denken.
Jetzt sah er sie aber doch an und konstatierte überrascht, daß sie recht nett aussah. Er hatte immer gedacht, daß sie stark geschminkt sei, heute aber sah sie recht natürlich aus. Und auch so traurig wie heute hatte er sie noch nie gesehen. Er war gutherzig genug, um ein wenig Mitleid zu empfinden.
,Lch hoffe, Sie haben keinen Grund, traurig zu
sein!" sagte er. „Oder haben Sie am Ende schlechte Nachrichten erhalten?"
„Ach nein, es sind keine schlechten Nachrichten! Es sind nur die traurigen Erinnerungen!"
Sie hob die Augen und konstatierte, daß er gerade Monika und Gerling, die oorübertanzten, ansah. Auch er!, dachte sie wütend. Und alles um jo eine unbedeutende kleine Frau, die nicht ein Gran Verstand besaß!
Aber sie verstand auch diese Chance zu nützen.
„Sehen Sie", sagte sie und beugte sich vor, „diese beiden an. Wie ihnen das Glück aus den Augen lacht. Ja, Fräulein von Jnnemann ist jung, und auch Herr von Gerling hat wohl stets bei den Frauen Glück gehabt und niemals kenne.nlemen müssen, was es heißt, verlassen und verraten zu werden. Welch herrliches Paar werden die beiden sein! Ich wette, daß sie schon heimlich verloht sind. Sie nicht auch, Herr Klinke?"
Johnie sah Shirley an. Er wirkte ja eigentlich immer ein bißchen hilflos, aber jetzt erschien er es besonders.
„Ja — glauben Sie das? Ich hab' es noch nicht bemerkt."
„Das überlassen Sie nur ruhig einer Frau, Herr Klinke! Wir haben ein gutes Auge dafür. Ich bin meiner Sache ganz sicher. Und wenn ich dieser kleinen Monika die Freude an ihrem Ge« beimnis zerstören wollte, so würde ich es\ ihr auf den Kopf zusagen. Aber ich denke, wir stören ihr stilles Glück nicht und warten, bis sie es uns selber mitteilt."
Sie legte schnell noch den Finger an den Mund, da Monika gerade wieder an den Tisch zurückkam.
Sie hatte eigentlich den ganzen Abend hindurch ein unangenehmes Gefühl gehabt. Was ging digs.e fremde Frau Johnie Klinkes Liebesgeschichte an? Wie hatte sie nur, die doch stets zur Verschwiegenheit erzogen war, so unüberlegt sprechen können? Sie mochte doch wirklich Johnie Klinke gut leiden und hatte von ihm nur Gutes und Liebes erfahren. Sie war überzeugt, daß es ihm sehr peinlich gewesen wäre, wüßte er von ihrer Erzählung. Nun, Shirley Preston würde es ihm wohl nicht wieder sagen; sie hatte sie doch selbst gebeten, von ihrer Unterredung heute nachmittag nichts zu ermähnen. Sie hatte ihr sogar das Wort abgenommen. Aber warum eigentlich? Darüber konnte Monika keine Klarheit gewinnen.
Sie waren doch schon wirklich gute Freunde, fle "nd Johnie. Aber heute abend mich fie seinen Blicken aus. Sie konnte ihn nicht ansehen. 6i< hatte ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber.
Johnie Klinke aber dachte im Laufe des Abends: Wo habe ich denn meine Augen gehabt? Natur* lich, Monika ist verändert. Sie hat ein Geheimnis, und wahrscheinlich fürchtet sie, daß ich es ihr <m den Augen ablesen konnte.
i - i (Fortsetzung folgt!)


