Ilr.206 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Mittwoch, 4. September 1955
Aus der Provinzialhauptstadt.
Die Hausapotheke.
ftousfjatt, ob klein oder groß, ob auf feMen ufr?. Stadt, sollte ein- Apotheke L?„r Schränkchen mit einigen Abteilungen «ch dazu verwenden. Sauber §äif j mit 8,rn15 oder Oelfarbe gestrichen, er- farirfit nph.Jk6“6!' ^^undliches Aussehen und ent- SeiSi* faiih.r' 6en Forderungen der Hygiene her K» gereinigt, ist es nun zur Ausnahme Weid una bereu Verbandzeuges für erste ta »ZJn»S ' Vtan raume es nach beftimm- menn man Pb1±n Sm' •3tid,t5 ist ärgerlicher, als m l °der jenes Mittel braucht und
Auerft bur*Ä?eS Schränkchens in höchster Eile fneinem ® um bas Gesuchte endlich wenigftens uermutd & bem ™" « ™ inmnMCmÄen seigert natürlich die Aufregung, sowohl auf selten des Helfers, wie der des Patienten und kann besonders in Fällen schwerer Der- letzungen bedenkliche Folgen nach sich ziehen weil das notige Verbandzeug nicht gleich zur Stelle ist.
Werberin
für den Gedanken des Luftschutzes muh jede Frau und jedes Mädchen werden!
Daher räume man diesem ein eigenes Fach ein E sehe darauf daß Mullbinden, Leinen- und Wollflicken in verschiedenen Größen vorhanden sind. Watte, gewöhnliche und blutstillende Gaze, sowie ?lJL rerld)leblIlen Fflaster gehören ebenfalls hier- her Gebrauchtes Verbandzeug darf immer nur w'H gewaschen wieder in das Schränkchen kommen! ' ’
.^ac^ biene zur Aufnahme der verschiedenen Desinfektions-, d. h. Entseuchungsmittel, wie Jodtinktur, essigsaure Tonerde, Lysol, Wasserstoffsuperoxyd; alle Fläschchen müssen gut verkorkt <5 deutlichen Aufschriften versehen sein. Auch Flaschen Mit Leinöl und Kalkwasser, den bewährten Heil- und Linderungsmitteln bei Brandwunden, sowie anderen äußerlich anzuwendenden Arzneien gebe man hier ihren Platz.
Ein anderes Abteil wird die altbewährten Hausmittel aufnehmen, die eingenommen werden, also meist den Vermerk: „Innerlich;" tragen Es sind: Hoffmannstropfen, Rizinusöl, Baldrian- und Choleratropfen; auch die so oft beanspruchten Schächtelchen mit Aspirin und Pyramidon bekommen hier ihren Platz.
Ein ganz eigenes Fach gebe man den verschiedenen Kräutertees; sie nehmen sonst den Geruch der scharfriechenden Medikamente an; sie verlieren dadurch zwar nicht die Wirkung, wohl aber das Aroma. Man kann zu ihrer Aufbewahrung auch Blech- oder Porzellandosen verwenden; mit gut leserlichen Aufschriften versehen, geben sie dem Schränkchen ein geordnetes Aussehen und bewahren den Kräutern ihren eigenen Geschmack.
Zu warnen ist davor, alle nur teilweise aufgebrauchten Medikamente und Pulver zur längeren Aufbewahrung wieder in die Hausapotheke zu stellen, sie wird sonst im Laufe der Zeit überfüllt und dadurch unübersichtlich Da sich viele Arzneien nach gewisser Zeit zersetzen, können sie schädlich, ja sogar giftig bei neuerlichem Gebrauch wirken Man wird also besser daran tun, von einem erprobten Heilmittel das Rezept frisch machen zu lassen.
Dann fehle auch nie ein Fach für das Fieberthermometer. für die Pinzette, Schere und Sicherheitsnadeln.
Man sehe strenge darauf, daß das Schränkchen stets verschlossen ist, um, falls Kinder in die Nähe kommen, ein Unglück zu verhindern.
Bei sachgemäßer Behandlung der Hausapotheke wird sie allen ein Trost und eine wertvolle Hilfe
Die Verkehrswerbung in Gießen.
Oer Verkehrs- und Derfchönerungsverein berichtet über seine Arbeit im Geschäftsjahr 1934/35.
Der Verkehrs- und Verschönerunas- oerein Gießen legt soeben seinen Bericht über das Geschäftsjahr 1934/35 vor, das die Zeit vom 1. Januar 1934 bis 31. März 1935 umlaßt. Dem Bericht entnehmen wir folgendes:
Mitgliederbestand.
Ende des Geschäftsjahres 1933 gehörten dem Verein 319 Mitglieder an. Durch Wegzug, Aufgabe des Geschäftes, Tod und Austrittserklärunaen war der Mitgliederbestand am Ende des Geschäftsjahres 1934/35 auf 254 Personen gesunken
Fremdenverkehr.
Der Fremdenverkehr weist im Jahre 1934 = 25452 Fremde mit 47 387 Uebernachtungen auf. Aus die- fen Zahlen ergibt sich, daß die Zahl der Fremden und Die Zahl der Uebernachtungen gegenüber dem Jahre 1933 zugenommen hat. Die Zahlen des Jahres 1933 waren 21761 Fremde mit 37 879 Uebernachtungen.
Verkehrswerbung.
Gemäß den für die Tätigkeit der Organe des Fremdenverkehrs neu gegebenen Weisungen galt die Tätigkeit des Vereins im Geschäftsjahr 1934/35 in erster Linie der Werbung des Fremdenverkehrs. Für diese Werbung stehen zur Verfügung: 1 kleiner und 1 großer Führer von Gießen, 1 Führer durch die Grünanlagen der Stadt, 1 Bildheft von Oberhessen, 1 Bildyeft vom Lahntal, 1 Oberhessenführer, Hefte für Kultur und Wirtschaft im Rhein-Main- Gebiet, 1 Führer für Wanderungen, Reliefkarten von Oberhessen, vom Lahntal und vom Rhein- Main-Gebiet. Außerdem wird für den Besuch durch ansprechende Plakate geworben. Als weitere Werbeschrift wird in Kürze ein Faltblatt vom Lahntal erscheinen. Ein Teil der genannten Werbeschriften wird von dem Landesverkehrsoerband, dem unser Verein als Mitglied angehört, herausgegeben und im In- und Ausland zum Versand gebracht. Die Werbungen des Vereins wurden noch unterstützt durch Aufgabe von Anzeigen usw.
Für den Besuch unserer Stadt durch die Bewohner der näheren Umgebung wurde durch die im Frühjahr 1934 und 1935 im Anschluß an die Pferdemärkte stattgefundenen reitsportlichen Veranstaltungen, an denen Angehörige und Formationen des Reichsheeres in hervorragendem Maße beteiligt waren, in anerkannt guter Weise geworben. Die Veranstaltungen haben beide eine große Anziehungskraft auf die Bewohner der näheren Umgebung ausgeübt.
Verkehrswerbende Veranstaltungen Gießener Vereine ufw. wurden von dem Verein durch unentgeltliche Abgabe von Werbematerial, Druckstöcken und Photos unterstützt. Finanzielle Unterstützungen erfuhren einige Veranstaltungen, darunter auch das von der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" veranstaltete Winzerfest.
In Gemeinschaft mit dem Hausbesitzerverein wurden 2 Vorträge des Majors S ö d i n g und in Gemeinschaft mit dem Stadttheater die Oberhessische Kulturwoche zur Durchführung gebracht.
Die Unterstützung des Vereins fanden ferner Veranstaltungen der Landes - Universität wie Wissenschaftliche Kongresse usw
Das im Interesse der Fremdenverkehrswerbung
vor Jahren eingerichtete Auskunftsbüro unseres Vereins erfreut sich nach wie vor einer guten Inanspruchnahme aller Kreise. Die im Jahre 1933 getroffene Regelung, wonach das Büro in Personalunion mit der NS.-Hago betrieben wurde, hat am 1. Juni 1934 eine Aenderung erfahren. Am 1. Juni 1934 übernahm der Inhaber des Hapag-Reisebüros, Herr Dr. K r e g e r die Leitung des Auskunftsbüros auf Grund einer mit ihm getroffenen vertraglichen Abmachung.
Die im Jahre 1933 erfolgte Neuorganisation der der Fremdenverkehrswerbung dienenden Organe im Rhein-Main - Gebiet hat inzwischen eine Aenderung dahingehend erfahren, daß die eingesetzten elf Gebietsausschüsse aufgelöst wurden. Das Rhein-Main- Gebiet wurde in sechs Gebiete aufgeteilt und für jedes Gebiet ein Gebietsreferent eingesetzt. Zum Gebietsreferenten für Oberheffen wurde Bürgermeister Dr. Hamm von dem Landesverkehrsverband Rhein-Main eingesetzt.
Verschiedenes.
Der im Geschäftsjahr durchgeführte Blumen» schmuckwettbewerb brachte eine Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung. 76 Teilnehmer konnten mit Preisen bedacht werden. Dank gebührt an dieser Stelle den Herren Rehnelt, Schwarz und Ernst, die sich als Preisrichter für den Wettbewerb zur Verfügung gestellt hatten.
Die dem Verein gehörige, am Bahnhofsplatz angebrachte große Stadtplantafel wurde im Geschäftsjahr auf den neuesten Stand ergänzt. Eine Anzahl der aufgestellten Ruhebänke wurde einer durchgreifenden Instandsetzung unterzogen.
Das Gaststättenverzeichnis wurde im Frühjahr 1934 und 1935 ebenfalls auf den neuesten Stand gebracht, in Neudruck gegeben und mit dem Werbe- material versandt.
Rechnungsbericht für das Geschäftsjahr 1934/35.
Die Einnahmen betrugen 7396,16 Mark, die Ausgaben 6169,84 Mark, Ueberfchuß mithin 1226,32 Mark. Vorhanden war bei Abschluß des vorhergehenden Geschäftsjahres ein laufendes Vermögen von 4257,83 Mark, fo daß sich am Schlüsse des Berichtsjahres ein laufendes Vermögen von 5484,15 Mark ergibt.
Die Rechnung mit den dazu gehörigen Belegen ist von den Herren Röder und Schulze geprüft worden. Der Prüfungsvermerk lautete: „Die Bücher mit den Belegen geprüft und in Ordnung befunden. Anstände haben sich nicht ergeben."
Dank für die Mitarbeit.
Der Verein dankt allxn Behörden, den Vertretern der Presse und den Privatversonen, die die Arbeit des Vereins im Laufe des Berichtsjahres unterstützt haben. Besonderen Dank spricht er der Stadt Gießen für das Interesse, das er stets bei der Verwaltung gefunden hat, aus.
Der Verein dankt den Mitgliedern des Gesamtvorstandes und den Rechnungsprüfern für die wertvolle Mitarbeit im abgelaufenen Geschäftsjahr.
Die ordentliche Mitgliederversammlung
findet im Laufe des Monats September statt. Anträge von Mitgliedern, die in der Mitgliederversammlung beraten werden sollen, müssen gemäß § 16 der Satzung rechtzeitig eingereicht roeroen.
bei Krankheit und Unfällen sein. Wenn, wie es auf dem Lande meist der Fall ist, Apotheke und Arzt weit entfernt sind, zählt sie zu den unentbehrlichsten Dingen eines geordneten Hauswesens.
Sicherung dss Schriftgutes der Handwerker-Znnungen.
Das Handwerk besitzt in großer Zahl Urkunden, Bücher und Akten aus alter Zeit, die nicht bloß für das Handwerk als stolze Traditionsgüter wichtig
find, sondern auch der Heimat-, Geschichts- und Sippenforschung wertvolle Aufschlüsse geben. Dieses Schriftgut der Handwerker-Innungen ist jetzt unter öffentlichen Schutz gestellt worden. Der Reichswirtschaftsminister hat den Handwerks- und Gewerbekammern genaue Vorschriften darüber zugeleitet, wie diese Jnnungsarchivalien gesammelt, gesichtet, verzeichnet und aufbewahrt werden sollen. Soweit die Innungen das Schriftgut nicht selbst aufbewahren, wird es in Staats-, Kreis- oder Stadtarchiven untergebracht.
Und morgen gehts in Urlaub.
Das Septemberheft der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" vermittelt durch Te^te und Bilder die Vorfreude auf die letzten Urlaubstage.
Wir fahren nach dem Schwarzwald, zur Kieler Bucht, nach Büsum, nach Norwegen, in den Harz, ins Weserbergland, in den Bayrischen Wald, ins
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Allgäu, zuletzt zum Münchner Oktoberfest vom 27. September bis 1. Oktober 1935.
Das Heft enthält eine Fülle von Mitteilungen über Wanderzüge und Fußwanderungen, über allerlei Vorstellungen, wie Theater, Kino, Konzerte, Variete ufw. Das reich illustrierte Heftchen sagt auf den 40 Seiten alles, was man wissen muh, um im Monat September nicht nur den Urlaub, sondern auch die Feierabendstunden höchst angenehm und billig zu gestalten.
Jeder Betriebswart und jede Dienststelle der DAF. ist gern bereit, allen Volksgenossen das Monatsheft zu verkaufen.
Bund deutscher Mädel i. d. HL.
Untergau 116 Gießen.
Wir danken allen denen, die uns bei unserem Sportfest bereitwilligst geholfen haben, und besonders denen, die unseren auswärtigen Mädeln ein Quartier zur Verfügung gestellt hoben.
Heil Hitler!
Die Mädel- und Jungmädeluntergauführerinnen 116.
NGLB., Kreis Gießen.
Fachschaft „körperliche Erziehung".
Betr. Fuhschlagball- und Grenzballspiel 193 5.
Die Vorrunde der Spiele muß bis zum 12. September beendet sein. Ort und Zeit der Spiele gehen den einzelnen Schulen durch die einzelnen Kreisgebietsleiter in Kürze zu: Dies find:
Bezirk Gießen: Studienassessor Fontius, Oberrealschule Gießen; Bezirk Londorf: Lehrer Heil,
NIVEA
mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack
Kikiriki.
Eine Geschichte von Friedrich Ziffer.
Die Erziehung in einer deutschen Kadettenanstalt war kein Pappenstiel. Die jungen Leute sollten zu tüchtigen Offizieren herangebildet werden, und daher wurden selbst kleinere Verstöße gegen die Manneszucht scharf geahndet. Bei dem strengen Geist, der dort herrschte, muhten komische Begebenheiten naturgemäß desto stärker wirken. Man beeilte sich zu lachen — zwar nur vorschriftsmäßig kurz und militärisch, dafür aber um so herzlicher.
So geschah es auch einige Jahre vor dem Kriege in einer rheinischen Anstalt unweit Kölns. Und das ging folgendermaßen zu:
Die Kadetten lernten eifrig und verrichteten stramm ihren Dienst, und abends suchten sie ehrlich ermüdet zur festgesetzten Stunde die „Falle" auf.
Eines Morgens trat wie immer der diensttuende Offizier in den Schlafsaal, um zu wecken.
„Aufstehen!", rief er mit kräftiger Stimme — aewöhnt, sich alles wie am Schnürchen abspielen zu sehen.
Diesmal ereignete sich jedoch etwas noch nie Dagewesenes.
Als Erwiderung stach ein zwar gedämpftes, doch deutlich hörbares „Kikiriki" in die morgendliche Stille.
Der Offizier stutzte „Wer war das?"
Die jungen Leute hatten sich in ihren Betten aufgerichtet und sahen sich stumm an.
„Nun roirb’s bald! Ich erwarte augenblicklich eine Antwort", brauste der Vorgesetzte.
„Kikiriki — Kikiriki!" ertönte es aufrührerisch.
„Das ist ja unerhört! Wenn sich der Betreffende nicht sofort meldet ..."
„Kikiriki" unterbrach die aufsässige Stimme.
Der Offizier rang nach Luft. Unter den Kerlen mußte ein Bauchredner fein. Eine solche freche Disziplinlosigkeit war feit Menschengedenken in der Anstalt nicht vorgekommen
„Sofort anziehen! Das weitere wird sich finden", war alles, was der Gestrenge herauszubringen vermochte. Dann eilte er zornschnaubend hinweg. „Kikiriki" jubelte es noch zuchtlos hinter ihm her.
Bald darauf mußte die Belegschaft des Saales zum Verhör antreten Sämtliche Lehrer und Offiziere hatten sich versammelt, und alle waren bleich vor Erregung. Wiederum blieb die Frage nach dem Missetäter ohne Antwort. ~rr. .
„Das ist ja schmachvoll! Ihr wollt Offiziere werden, und trotzdem ist einer unter euch zu feige, sich als der Schuldige zu bekennen. Da sich niemanD
melden will, werdet ihr alle gemeinsam büßen. Und die Strafe kann angesichts dieser Verstocktheit nicht gering fein."
Wie Hammerschläge fielen die Worte des Direktors auf die jungen Leute nieder
Das Kollegium zog sich zur Beratung zurück, und betretenen Gesichts harrten die Unglücklichen des Urteilsfpnuhes. Mit todernsten Mienen erschienen nach einer Weile die hohen Herren wieder auf der Bildfläche. Bei ihrem Anblick überlief es die Angeklagten kalt.
Unheilkündend räusperte sich das Oberhaupt der Anstalt. Zum Reden kam es aber nicht; denn jemand klopfte nachdrücklich an die Tür. Man öffnete, und zum Erstaunen aller schob sich mit freundlichem Lächeln und sanfter Gewalt die Frau Direktor ins Zimmer. Ihr folgte ein Mädchen, das auf den Händen unter einem weißen Tuch ein geheimnisvolles Etwas trug.
„Mir scheint, ich komme gerade zuu rechten Zeit", erklärte die Dame mit Schalksgesicht, „der Sünder will sich nicht melden? ... Das ist begreiflich. Da ist er."
Damit zog sie die Hülle weg, und auf einer Schüssel bot sich wohlgerupft em feistes Hähnchen gar anmutig den Blicken der Umstehenden dar.
„Der Hahn", fuhr die Retterin in der Not fort, „wurde gestern abend ziemlich spät bei uns abgeliefert und in der Eile vom Hausdiener in den Abstellraum gebracht, der zwischen unserer Wohnung und dem Schlafsaal der Kadetten liegt. Am Morgen ließ das Tier pflichtschuldig seine Stimme vernehmen, ohne zu ahnen, welche Verwirrung es damit jenseits der Tür anrichtete."
Es währte einige Sekunden, bis sich Richter und Beklagte in die so unerwartete Lage gefunden hatten. Dann aber brandete erlösende Heiterkeit empor.
Und sie lachten alle — zwar nur vorschriftsmäßig kurz und militärisch, dafür aber um so inbrünstiger.
Wozu Famittenforschuna?
Lange Zeit hat man in alten Aufzeichnungen zur Familiengeschichte, in vergilbten Chroniken und schwer entzifferbaren Urkunden nur verstaubtes Material gesehen, das meistens achtlos in irgendeiner vererbten Truhe ober einem dunklen Winkel der Rumpelkammer liegenblieb, wenn es nicht gar einer Generalsäuberung zum Opfer fiel. Erst neuerdings ist das Verständnis für diesen Zeugen der Vergangenheit wieder reger geworden, zum Teil aus ganz praktischen Erwägungen, zum Teil aber auch aus dem wachgewordenen Gefühl für die großen geistigen
Werte, die in dem Rückblick auf die Kette der Vorfahren lebendig werden. Immer mehr werden wir uns bewußt, daß der einzelne nicht in selbstherrlicher Isoliertheit im gesellschaftlichen Raum steht, sondern daß er naturnotwendig und schicksalsmäßig mit der Reihe feiner Ahnen ebenso verbunden ist, wie er in feiner Gegenwart verpflichtet und verpflichtend im Kreise der Familie, der Freunde und des Volkes lebt. Jeder von uns trägt die Ueberliefe» rung von Jahrhunderten in sich und gibt sie an die Zukunft weiter. Wie wir unser Schicksal von Wohl und Wehe unserer Umgebung abhängig sehen, so besinnen wir uns auch auf die große Aufgabe, die wir der Nation und kommenden Geschlechtern gegenüber zu erfüllen haben. Das ist der tiefere Sinn der Fa- milienforfchung.
Zuerst möchten wir den Weg in die Vergangenheit unseres Geschlechts zurückgehen und das Bild unserer Vorfahren heraufbeschwören, vielleicht in der Hoffnung, daraus Aufschlüsse über Gegenwärtiges zu erhalten. Dieser Wunsch liegt uns am nächsten. Aber wer mit Bedacht zu lesen versteht und hinter dem Einzelgeschehen die überperfönlichen historischen Zusammenhänge aufleuchten läßt, wird die Familienkunde überhaupt mit viel Gewinn betreiben können. Manche bescheiden als Hauschronik angelegte Familiengeschichte erweitert sich dann unserem Blick zu der Geschichte einer Stadt, eines Landes, ja des Reiches. Nehmen wir ein so aufschlußreiches Werk in die Hand wie das Deutsche Geschlechter- buch, so zieht mit dem Werdegang der Geschlechter der Geist der Jahrhunderte, der Auf- und Abstieg von Ständen und Berufsschichten an unserem Auge vorüber.
Der Urstand jedes Volkes ist der Bauernstand, und er ist die Grundlage der Volkskraft. An der Chronik der Bauernfamilien können wir eine wichtige Beobachtung machen. Wenn sich ein Bauerngeschlecht vermehrt, muß der väterliche Erbhof entweder durch Austeilung an die Kinder zerstückelt werden ober die nachgeborenen Kinder müssen die Heimat verlassen, es sei denn, sie heiraten in ein anderes BauerngesMecht des Dorfes ober feiner nächsten Umgebung. Von hier aus beginnt bann eine häufig bis ins einzelne nicht mehr aufzufpürenbe Verzweigung in anbere Gegenben unb ßänber, ebenso in anbere Berufe. In manchen Fällen können wir auch verfolgen, baß ein Bauerngeschlecht, bas einst burch wirtschaftliche Not von ber Scholle ver- trieben würbe, später roieber in bie alte Heimat zurückkehrte. Die Geschlechterbücher erzählen uns, wie stark sich oft Berufe vererben, so baß sie einem ganzen Geschlecht ihr Gepräge geben ober sie berichten vom Absterben alter Führergeschlechter im Mannesstamm, die jahrhundertelang in leitenden Stellun
gen waren. Dafür ist die Geschichte des Geschlechts Wetzell beispielhaft, die in dem oben erwähnten Geschlechterbuch ausführlich aufgezeichnet ist und die bemerkenswert viele Fälle von Akademikern und Pastoren aufweist. Nach der Matrikel der Universität Marburg haben in der Zeit von 1580 bis 1644 allein über zwanzig Glieder der Wetzells auf dieser Hochschule studiert, und auch in den folgenden Jahrhunderten stoßen wir immer wieder auf Professoren und Pastoren.
Versteht man es, die zuerst trocken anmutenbe Aufstellung solcher Geschlechtertafeln mit ihren kurz- gehaltenen Angaben über Geburt unb Tob, Stand unb Beruf mit Phantasie und einem geschulten Blick für die großen geschichtlichen Zusammenhänge zu beleben, so tut sich ein gewaltiges Panorama menschlicher Schicksale auf, die aus dem Erbgang der Vergangenheit hervorwachsen und die selber wieder — sofern sie nicht Endpunkt einer Geschlechterreihe sind — Erbgut an die Zukunft vermitteln. „Aussterben" und „Niedergang" werden uns dann mit einem Mal ju inhaltsschweren Begriffen, die zu Besinnung und Aufschwung mahnen.
Sochschulnachrichien.
Aus den feit dem 1. April 1935 verwaisten Lehr- stuhl für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt ist der ordentliche Professor an ber Universität Greif swalb unb Direktor ber borkigen Kinberklinik Dr. b e Rubber berufen worden. Zugleich ist er zum Direktor der Kinderklinik und Poliklinik ber Universität. Frankfurt ernannt worben; er wirb feine neue Tätigkeit am 1. Oktober 1935 aufnehmen.
Professor Dr. Herbert Siegmunb in Stuttgart hat einen Ruf auf ben orbentlichen Lehrstuhl für Pathologie an ber Universität Kiel erhalten und zum 1. Oktober d. I. angenommen.
Professor Dr. Max K. A. Henkel, Ordina- rius für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Jena, tritt am 1. Oktober d. I. wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand.
An der Unversität Göttingen wurden mit Ablauf des Sommersemesters die folgenden Professoren von den amtlichen Verpflichtungen entbunden: Dr Max Borp (Theoretische Physik), Dr. Robert v. Hippel (Straf- und Prozeßrecht), Dr. Jahann Meyer (Praktische Theologie), Dr. Er- Hard Ri ecke (Haut- und Geschlechtskrankheiten) und Geh. Justizrat Dr Paul Schoen (Oeffent- liches Recht). J k ”


