Ausgabe 
4.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

Ilr.206 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

Mittwoch, 4. September 1955

Aus der Provinzialhauptstadt.

Die Hausapotheke.

ftousfjatt, ob klein oder groß, ob auf feMen ufr?. Stadt, sollte ein- Apotheke L?r Schränkchen mit einigen Abteilungen «ch dazu verwenden. Sauber §äif j mit 8,rn15 oder Oelfarbe gestrichen, er- farirfit nph.Jk66!' ^^undliches Aussehen und ent- SeiSi* faiih.r' 6en Forderungen der Hygiene her K» gereinigt, ist es nun zur Ausnahme Weid una bereu Verbandzeuges für erste ta »ZJn»S ' Vtan raume es nach beftimm- menn man Pb1±n Sm'3tid,t5 ist ärgerlicher, als m l °der jenes Mittel braucht und

Auerft bur*Ä?eS Schränkchens in höchster Eile fneinem ® um bas Gesuchte endlich wenigftens uermutd & bem" « inmnMCmÄen seigert natürlich die Aufregung, sowohl auf selten des Helfers, wie der des Patien­ten und kann besonders in Fällen schwerer Der- letzungen bedenkliche Folgen nach sich ziehen weil das notige Verbandzeug nicht gleich zur Stelle ist.

Werberin

für den Gedanken des Luftschutzes muh jede Frau und jedes Mädchen werden!

Daher räume man diesem ein eigenes Fach ein E sehe darauf daß Mullbinden, Leinen- und Wollflicken in verschiedenen Größen vorhanden sind. Watte, gewöhnliche und blutstillende Gaze, sowie ?lJL rerld)leblIlen Fflaster gehören ebenfalls hier- her Gebrauchtes Verbandzeug darf immer nur w'H gewaschen wieder in das Schränkchen kommen! '

.^ac^ biene zur Aufnahme der ver­schiedenen Desinfektions-, d. h. Entseuchungsmittel, wie Jodtinktur, essigsaure Tonerde, Lysol, Wasser­stoffsuperoxyd; alle Fläschchen müssen gut verkorkt <5 deutlichen Aufschriften versehen sein. Auch Flaschen Mit Leinöl und Kalkwasser, den bewähr­ten Heil- und Linderungsmitteln bei Brandwunden, sowie anderen äußerlich anzuwendenden Arzneien gebe man hier ihren Platz.

Ein anderes Abteil wird die altbewährten Haus­mittel aufnehmen, die eingenommen werden, also meist den Vermerk:Innerlich;" tragen Es sind: Hoffmannstropfen, Rizinusöl, Baldrian- und Cho­leratropfen; auch die so oft beanspruchten Schäch­telchen mit Aspirin und Pyramidon bekommen hier ihren Platz.

Ein ganz eigenes Fach gebe man den verschie­denen Kräutertees; sie nehmen sonst den Geruch der scharfriechenden Medikamente an; sie verlieren dadurch zwar nicht die Wirkung, wohl aber das Aroma. Man kann zu ihrer Aufbewahrung auch Blech- oder Porzellandosen verwenden; mit gut leserlichen Aufschriften versehen, geben sie dem Schränkchen ein geordnetes Aussehen und bewahren den Kräutern ihren eigenen Geschmack.

Zu warnen ist davor, alle nur teilweise aufge­brauchten Medikamente und Pulver zur längeren Aufbewahrung wieder in die Hausapotheke zu stel­len, sie wird sonst im Laufe der Zeit überfüllt und dadurch unübersichtlich Da sich viele Arzneien nach gewisser Zeit zersetzen, können sie schädlich, ja sogar giftig bei neuerlichem Gebrauch wirken Man wird also besser daran tun, von einem erprobten Heil­mittel das Rezept frisch machen zu lassen.

Dann fehle auch nie ein Fach für das Fieber­thermometer. für die Pinzette, Schere und Sicher­heitsnadeln.

Man sehe strenge darauf, daß das Schränkchen stets verschlossen ist, um, falls Kinder in die Nähe kommen, ein Unglück zu verhindern.

Bei sachgemäßer Behandlung der Hausapotheke wird sie allen ein Trost und eine wertvolle Hilfe

Die Verkehrswerbung in Gießen.

Oer Verkehrs- und Derfchönerungsverein berichtet über seine Arbeit im Geschäftsjahr 1934/35.

Der Verkehrs- und Verschönerunas- oerein Gießen legt soeben seinen Bericht über das Geschäftsjahr 1934/35 vor, das die Zeit vom 1. Januar 1934 bis 31. März 1935 um­laßt. Dem Bericht entnehmen wir folgendes:

Mitgliederbestand.

Ende des Geschäftsjahres 1933 gehörten dem Verein 319 Mitglieder an. Durch Wegzug, Aufgabe des Geschäftes, Tod und Austrittserklärunaen war der Mitgliederbestand am Ende des Geschäftsjahres 1934/35 auf 254 Personen gesunken

Fremdenverkehr.

Der Fremdenverkehr weist im Jahre 1934 = 25452 Fremde mit 47 387 Uebernachtungen auf. Aus die- fen Zahlen ergibt sich, daß die Zahl der Fremden und Die Zahl der Uebernachtungen gegenüber dem Jahre 1933 zugenommen hat. Die Zahlen des Jahres 1933 waren 21761 Fremde mit 37 879 Uebernachtungen.

Verkehrswerbung.

Gemäß den für die Tätigkeit der Organe des Fremdenverkehrs neu gegebenen Weisungen galt die Tätigkeit des Vereins im Geschäftsjahr 1934/35 in erster Linie der Werbung des Fremdenverkehrs. Für diese Werbung stehen zur Verfügung: 1 kleiner und 1 großer Führer von Gießen, 1 Führer durch die Grünanlagen der Stadt, 1 Bildheft von Ober­hessen, 1 Bildyeft vom Lahntal, 1 Oberhessenführer, Hefte für Kultur und Wirtschaft im Rhein-Main- Gebiet, 1 Führer für Wanderungen, Reliefkarten von Oberhessen, vom Lahntal und vom Rhein- Main-Gebiet. Außerdem wird für den Besuch durch ansprechende Plakate geworben. Als weitere Werbe­schrift wird in Kürze ein Faltblatt vom Lahntal erscheinen. Ein Teil der genannten Werbeschriften wird von dem Landesverkehrsoerband, dem unser Verein als Mitglied angehört, herausgegeben und im In- und Ausland zum Versand gebracht. Die Werbungen des Vereins wurden noch unterstützt durch Aufgabe von Anzeigen usw.

Für den Besuch unserer Stadt durch die Bewoh­ner der näheren Umgebung wurde durch die im Frühjahr 1934 und 1935 im Anschluß an die Pferde­märkte stattgefundenen reitsportlichen Veranstaltun­gen, an denen Angehörige und Formationen des Reichsheeres in hervorragendem Maße beteiligt waren, in anerkannt guter Weise geworben. Die Veranstaltungen haben beide eine große Anziehungs­kraft auf die Bewohner der näheren Umgebung ausgeübt.

Verkehrswerbende Veranstaltungen Gießener Ver­eine ufw. wurden von dem Verein durch unent­geltliche Abgabe von Werbematerial, Druckstöcken und Photos unterstützt. Finanzielle Unterstützungen erfuhren einige Veranstaltungen, darunter auch das von der NS.-GemeinfchaftKraft durch Freude" veranstaltete Winzerfest.

In Gemeinschaft mit dem Hausbesitzerverein wur­den 2 Vorträge des Majors S ö d i n g und in Ge­meinschaft mit dem Stadttheater die Oberhessische Kulturwoche zur Durchführung gebracht.

Die Unterstützung des Vereins fanden ferner Ver­anstaltungen der Landes - Universität wie Wissen­schaftliche Kongresse usw

Das im Interesse der Fremdenverkehrswerbung

vor Jahren eingerichtete Auskunftsbüro unseres Ver­eins erfreut sich nach wie vor einer guten Inan­spruchnahme aller Kreise. Die im Jahre 1933 ge­troffene Regelung, wonach das Büro in Personal­union mit der NS.-Hago betrieben wurde, hat am 1. Juni 1934 eine Aenderung erfahren. Am 1. Juni 1934 übernahm der Inhaber des Hapag-Reisebüros, Herr Dr. K r e g e r die Leitung des Auskunftsbüros auf Grund einer mit ihm getroffenen vertraglichen Abmachung.

Die im Jahre 1933 erfolgte Neuorganisation der der Fremdenverkehrswerbung dienenden Organe im Rhein-Main - Gebiet hat inzwischen eine Aenderung dahingehend erfahren, daß die eingesetzten elf Ge­bietsausschüsse aufgelöst wurden. Das Rhein-Main- Gebiet wurde in sechs Gebiete aufgeteilt und für jedes Gebiet ein Gebietsreferent eingesetzt. Zum Ge­bietsreferenten für Oberheffen wurde Bürger­meister Dr. Hamm von dem Landesverkehrsver­band Rhein-Main eingesetzt.

Verschiedenes.

Der im Geschäftsjahr durchgeführte Blumen» schmuckwettbewerb brachte eine Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung. 76 Teilnehmer konn­ten mit Preisen bedacht werden. Dank gebührt an dieser Stelle den Herren Rehnelt, Schwarz und Ernst, die sich als Preisrichter für den Wett­bewerb zur Verfügung gestellt hatten.

Die dem Verein gehörige, am Bahnhofsplatz ange­brachte große Stadtplantafel wurde im Geschäfts­jahr auf den neuesten Stand ergänzt. Eine Anzahl der aufgestellten Ruhebänke wurde einer durchgrei­fenden Instandsetzung unterzogen.

Das Gaststättenverzeichnis wurde im Frühjahr 1934 und 1935 ebenfalls auf den neuesten Stand gebracht, in Neudruck gegeben und mit dem Werbe- material versandt.

Rechnungsbericht für das Geschäftsjahr 1934/35.

Die Einnahmen betrugen 7396,16 Mark, die Aus­gaben 6169,84 Mark, Ueberfchuß mithin 1226,32 Mark. Vorhanden war bei Abschluß des vorher­gehenden Geschäftsjahres ein laufendes Ver­mögen von 4257,83 Mark, fo daß sich am Schlüsse des Berichtsjahres ein laufendes Vermögen von 5484,15 Mark ergibt.

Die Rechnung mit den dazu gehörigen Belegen ist von den Herren Röder und Schulze geprüft worden. Der Prüfungsvermerk lautete:Die Bü­cher mit den Belegen geprüft und in Ordnung be­funden. Anstände haben sich nicht ergeben."

Dank für die Mitarbeit.

Der Verein dankt allxn Behörden, den Vertretern der Presse und den Privatversonen, die die Arbeit des Vereins im Laufe des Berichtsjahres unterstützt haben. Besonderen Dank spricht er der Stadt Gießen für das Interesse, das er stets bei der Ver­waltung gefunden hat, aus.

Der Verein dankt den Mitgliedern des Gesamt­vorstandes und den Rechnungsprüfern für die wert­volle Mitarbeit im abgelaufenen Geschäftsjahr.

Die ordentliche Mitgliederversammlung

findet im Laufe des Monats September statt. An­träge von Mitgliedern, die in der Mitgliederver­sammlung beraten werden sollen, müssen gemäß § 16 der Satzung rechtzeitig eingereicht roeroen.

bei Krankheit und Unfällen sein. Wenn, wie es auf dem Lande meist der Fall ist, Apotheke und Arzt weit entfernt sind, zählt sie zu den unentbehrlichsten Dingen eines geordneten Hauswesens.

Sicherung dss Schriftgutes der Handwerker-Znnungen.

Das Handwerk besitzt in großer Zahl Urkunden, Bücher und Akten aus alter Zeit, die nicht bloß für das Handwerk als stolze Traditionsgüter wichtig

find, sondern auch der Heimat-, Geschichts- und Sip­penforschung wertvolle Aufschlüsse geben. Dieses Schriftgut der Handwerker-Innungen ist jetzt unter öffentlichen Schutz gestellt worden. Der Reichswirt­schaftsminister hat den Handwerks- und Gewerbe­kammern genaue Vorschriften darüber zugeleitet, wie diese Jnnungsarchivalien gesammelt, gesichtet, ver­zeichnet und aufbewahrt werden sollen. Soweit die Innungen das Schriftgut nicht selbst aufbewahren, wird es in Staats-, Kreis- oder Stadtarchiven unter­gebracht.

Und morgen gehts in Urlaub.

Das Septemberheft der NS.-GemeinfchaftKraft durch Freude" vermittelt durch Te^te und Bilder die Vorfreude auf die letzten Urlaubstage.

Wir fahren nach dem Schwarzwald, zur Kieler Bucht, nach Büsum, nach Norwegen, in den Harz, ins Weserbergland, in den Bayrischen Wald, ins

-

4 <2? ft

Allgäu, zuletzt zum Münchner Oktoberfest vom 27. September bis 1. Oktober 1935.

Das Heft enthält eine Fülle von Mitteilungen über Wanderzüge und Fußwanderungen, über aller­lei Vorstellungen, wie Theater, Kino, Konzerte, Va­riete ufw. Das reich illustrierte Heftchen sagt auf den 40 Seiten alles, was man wissen muh, um im Monat September nicht nur den Urlaub, sondern auch die Feierabendstunden höchst angenehm und billig zu gestalten.

Jeder Betriebswart und jede Dienststelle der DAF. ist gern bereit, allen Volksgenossen das Monatsheft zu verkaufen.

Bund deutscher Mädel i. d. HL.

Untergau 116 Gießen.

Wir danken allen denen, die uns bei unserem Sportfest bereitwilligst geholfen haben, und beson­ders denen, die unseren auswärtigen Mädeln ein Quartier zur Verfügung gestellt hoben.

Heil Hitler!

Die Mädel- und Jungmädeluntergauführerinnen 116.

NGLB., Kreis Gießen.

Fachschaftkörperliche Erziehung".

Betr. Fuhschlagball- und Grenz­ballspiel 193 5.

Die Vorrunde der Spiele muß bis zum 12. Sep­tember beendet sein. Ort und Zeit der Spiele gehen den einzelnen Schulen durch die einzelnen Kreis­gebietsleiter in Kürze zu: Dies find:

Bezirk Gießen: Studienassessor Fontius, Ober­realschule Gießen; Bezirk Londorf: Lehrer Heil,

NIVEA

mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack

Kikiriki.

Eine Geschichte von Friedrich Ziffer.

Die Erziehung in einer deutschen Kadettenanstalt war kein Pappenstiel. Die jungen Leute sollten zu tüchtigen Offizieren herangebildet werden, und da­her wurden selbst kleinere Verstöße gegen die Man­neszucht scharf geahndet. Bei dem strengen Geist, der dort herrschte, muhten komische Begebenheiten naturgemäß desto stärker wirken. Man beeilte sich zu lachen zwar nur vorschriftsmäßig kurz und militärisch, dafür aber um so herzlicher.

So geschah es auch einige Jahre vor dem Kriege in einer rheinischen Anstalt unweit Kölns. Und das ging folgendermaßen zu:

Die Kadetten lernten eifrig und verrichteten stramm ihren Dienst, und abends suchten sie ehr­lich ermüdet zur festgesetzten Stunde dieFalle" auf.

Eines Morgens trat wie immer der diensttuende Offizier in den Schlafsaal, um zu wecken.

Aufstehen!", rief er mit kräftiger Stimme aewöhnt, sich alles wie am Schnürchen abspielen zu sehen.

Diesmal ereignete sich jedoch etwas noch nie Da­gewesenes.

Als Erwiderung stach ein zwar gedämpftes, doch deutlich hörbaresKikiriki" in die morgendliche Stille.

Der Offizier stutzteWer war das?"

Die jungen Leute hatten sich in ihren Betten auf­gerichtet und sahen sich stumm an.

Nun roirbs bald! Ich erwarte augenblicklich eine Antwort", brauste der Vorgesetzte.

Kikiriki Kikiriki!" ertönte es aufrührerisch.

Das ist ja unerhört! Wenn sich der Betreffende nicht sofort meldet ..."

Kikiriki" unterbrach die aufsässige Stimme.

Der Offizier rang nach Luft. Unter den Kerlen mußte ein Bauchredner fein. Eine solche freche Disziplinlosigkeit war feit Menschengedenken in der Anstalt nicht vorgekommen

Sofort anziehen! Das weitere wird sich finden", war alles, was der Gestrenge herauszubringen ver­mochte. Dann eilte er zornschnaubend hinweg.Ki­kiriki" jubelte es noch zuchtlos hinter ihm her.

Bald darauf mußte die Belegschaft des Saales zum Verhör antreten Sämtliche Lehrer und Offi­ziere hatten sich versammelt, und alle waren bleich vor Erregung. Wiederum blieb die Frage nach dem Missetäter ohne Antwort. ~rr. .

Das ist ja schmachvoll! Ihr wollt Offiziere wer­den, und trotzdem ist einer unter euch zu feige, sich als der Schuldige zu bekennen. Da sich niemanD

melden will, werdet ihr alle gemeinsam büßen. Und die Strafe kann angesichts dieser Verstocktheit nicht gering fein."

Wie Hammerschläge fielen die Worte des Direk­tors auf die jungen Leute nieder

Das Kollegium zog sich zur Beratung zurück, und betretenen Gesichts harrten die Unglücklichen des Urteilsfpnuhes. Mit todernsten Mienen erschienen nach einer Weile die hohen Herren wieder auf der Bildfläche. Bei ihrem Anblick überlief es die An­geklagten kalt.

Unheilkündend räusperte sich das Oberhaupt der Anstalt. Zum Reden kam es aber nicht; denn je­mand klopfte nachdrücklich an die Tür. Man öffnete, und zum Erstaunen aller schob sich mit freund­lichem Lächeln und sanfter Gewalt die Frau Direk­tor ins Zimmer. Ihr folgte ein Mädchen, das auf den Händen unter einem weißen Tuch ein geheim­nisvolles Etwas trug.

Mir scheint, ich komme gerade zuu rechten Zeit", erklärte die Dame mit Schalksgesicht,der Sünder will sich nicht melden? ... Das ist begreiflich. Da ist er."

Damit zog sie die Hülle weg, und auf einer Schüssel bot sich wohlgerupft em feistes Hähnchen gar anmutig den Blicken der Umstehenden dar.

Der Hahn", fuhr die Retterin in der Not fort, wurde gestern abend ziemlich spät bei uns abge­liefert und in der Eile vom Hausdiener in den Abstellraum gebracht, der zwischen unserer Woh­nung und dem Schlafsaal der Kadetten liegt. Am Morgen ließ das Tier pflichtschuldig seine Stimme vernehmen, ohne zu ahnen, welche Verwirrung es damit jenseits der Tür anrichtete."

Es währte einige Sekunden, bis sich Richter und Beklagte in die so unerwartete Lage gefunden hat­ten. Dann aber brandete erlösende Heiterkeit em­por.

Und sie lachten alle zwar nur vorschriftsmäßig kurz und militärisch, dafür aber um so inbrünstiger.

Wozu Famittenforschuna?

Lange Zeit hat man in alten Aufzeichnungen zur Familiengeschichte, in vergilbten Chroniken und schwer entzifferbaren Urkunden nur verstaubtes Ma­terial gesehen, das meistens achtlos in irgendeiner vererbten Truhe ober einem dunklen Winkel der Rumpelkammer liegenblieb, wenn es nicht gar einer Generalsäuberung zum Opfer fiel. Erst neuerdings ist das Verständnis für diesen Zeugen der Vergan­genheit wieder reger geworden, zum Teil aus ganz praktischen Erwägungen, zum Teil aber auch aus dem wachgewordenen Gefühl für die großen geistigen

Werte, die in dem Rückblick auf die Kette der Vor­fahren lebendig werden. Immer mehr werden wir uns bewußt, daß der einzelne nicht in selbstherr­licher Isoliertheit im gesellschaftlichen Raum steht, sondern daß er naturnotwendig und schicksalsmäßig mit der Reihe feiner Ahnen ebenso verbunden ist, wie er in feiner Gegenwart verpflichtet und ver­pflichtend im Kreise der Familie, der Freunde und des Volkes lebt. Jeder von uns trägt die Ueberliefe» rung von Jahrhunderten in sich und gibt sie an die Zukunft weiter. Wie wir unser Schicksal von Wohl und Wehe unserer Umgebung abhängig sehen, so be­sinnen wir uns auch auf die große Aufgabe, die wir der Nation und kommenden Geschlechtern gegenüber zu erfüllen haben. Das ist der tiefere Sinn der Fa- milienforfchung.

Zuerst möchten wir den Weg in die Vergangenheit unseres Geschlechts zurückgehen und das Bild unserer Vorfahren heraufbeschwören, vielleicht in der Hoff­nung, daraus Aufschlüsse über Gegenwärtiges zu er­halten. Dieser Wunsch liegt uns am nächsten. Aber wer mit Bedacht zu lesen versteht und hinter dem Einzelgeschehen die überperfönlichen historischen Zu­sammenhänge aufleuchten läßt, wird die Familien­kunde überhaupt mit viel Gewinn betreiben können. Manche bescheiden als Hauschronik angelegte Fa­miliengeschichte erweitert sich dann unserem Blick zu der Geschichte einer Stadt, eines Landes, ja des Reiches. Nehmen wir ein so aufschlußreiches Werk in die Hand wie das Deutsche Geschlechter- buch, so zieht mit dem Werdegang der Geschlechter der Geist der Jahrhunderte, der Auf- und Abstieg von Ständen und Berufsschichten an unserem Auge vorüber.

Der Urstand jedes Volkes ist der Bauernstand, und er ist die Grundlage der Volkskraft. An der Chronik der Bauernfamilien können wir eine wich­tige Beobachtung machen. Wenn sich ein Bauern­geschlecht vermehrt, muß der väterliche Erbhof ent­weder durch Austeilung an die Kinder zerstückelt werden ober die nachgeborenen Kinder müssen die Heimat verlassen, es sei denn, sie heiraten in ein anderes BauerngesMecht des Dorfes ober feiner nächsten Umgebung. Von hier aus beginnt bann eine häufig bis ins einzelne nicht mehr aufzufpürenbe Verzweigung in anbere Gegenben unb ßänber, ebenso in anbere Berufe. In manchen Fällen können wir auch verfolgen, baß ein Bauerngeschlecht, bas einst burch wirtschaftliche Not von ber Scholle ver- trieben würbe, später roieber in bie alte Heimat zu­rückkehrte. Die Geschlechterbücher erzählen uns, wie stark sich oft Berufe vererben, so baß sie einem gan­zen Geschlecht ihr Gepräge geben ober sie berichten vom Absterben alter Führergeschlechter im Man­nesstamm, die jahrhundertelang in leitenden Stellun­

gen waren. Dafür ist die Geschichte des Geschlechts Wetzell beispielhaft, die in dem oben erwähnten Geschlechterbuch ausführlich aufgezeichnet ist und die bemerkenswert viele Fälle von Akademikern und Pastoren aufweist. Nach der Matrikel der Universi­tät Marburg haben in der Zeit von 1580 bis 1644 allein über zwanzig Glieder der Wetzells auf die­ser Hochschule studiert, und auch in den folgenden Jahrhunderten stoßen wir immer wieder auf Profes­soren und Pastoren.

Versteht man es, die zuerst trocken anmutenbe Aufstellung solcher Geschlechtertafeln mit ihren kurz- gehaltenen Angaben über Geburt unb Tob, Stand unb Beruf mit Phantasie und einem geschulten Blick für die großen geschichtlichen Zusammenhänge zu beleben, so tut sich ein gewaltiges Panorama mensch­licher Schicksale auf, die aus dem Erbgang der Ver­gangenheit hervorwachsen und die selber wieder sofern sie nicht Endpunkt einer Geschlechterreihe sind Erbgut an die Zukunft vermitteln.Aussterben" undNiedergang" werden uns dann mit einem Mal ju inhaltsschweren Begriffen, die zu Besinnung und Aufschwung mahnen.

Sochschulnachrichien.

Aus den feit dem 1. April 1935 verwaisten Lehr- stuhl für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt ist der ordentliche Professor an ber Universität Greif swalb unb Direktor ber bor­kigen Kinberklinik Dr. b e Rubber berufen wor­den. Zugleich ist er zum Direktor der Kinderklinik und Poliklinik ber Universität. Frankfurt ernannt worben; er wirb feine neue Tätigkeit am 1. Oktober 1935 aufnehmen.

Professor Dr. Herbert Siegmunb in Stutt­gart hat einen Ruf auf ben orbentlichen Lehrstuhl für Pathologie an ber Universität Kiel erhalten und zum 1. Oktober d. I. angenommen.

Professor Dr. Max K. A. Henkel, Ordina- rius für Geburtshilfe und Gynäkologie an der Uni­versität Jena, tritt am 1. Oktober d. I. wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand.

An der Unversität Göttingen wurden mit Ablauf des Sommersemesters die folgenden Profes­soren von den amtlichen Verpflichtungen entbun­den: Dr Max Borp (Theoretische Physik), Dr. Robert v. Hippel (Straf- und Prozeßrecht), Dr. Jahann Meyer (Praktische Theologie), Dr. Er- Hard Ri ecke (Haut- und Geschlechtskrankheiten) und Geh. Justizrat Dr Paul Schoen (Oeffent- liches Recht). J k