Ausgabe 
4.6.1935
 
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Er. 128 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 4. Juni 1955

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Darmstadt.

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hob den Fahrermantel in die Höhe. A u f d e r Sitz­fl ä ch e thronte, mit Riemen festgeschnallt, das Kissen.

Da die Ausrüstung des Fahrers eine weitere Ausrüstung des Wagens unnötig machte, war den Bestimmungen Genüge getan und die Lage gerettet.

Kamps um den Kilometer.

Der sportliche Erfolg des Rennens, in dem I e - n a tz k y den zweiten Platz belegte, führte bald darauf zur Gründung des Kaiserlichen Automobilklubs. Run war der letzte Bann gebrochen. Der Autosport in Deutschland nahm einen ungeahnten Aufschwung. Fast alle großen Rennen auf dem Kontinent, in England und Amerika wur­den von deutschen Wagen gewonnen.

Im Fahre 1909 stellte ein Benz-Wagen am Strande von Daytona-Beach in Amerika mit einer für damalige Zeiten phantastischen und für unmög­lich gehaltenen Geschwindigkeit mit 2 0 2 Stun­denkilometer den Weltrekord für denflie­genden Kilometer" auf, der vierzehn Fahre lang nicht gebrochen werden konnte. Niemand in Europa wollte den Berichten glauben. Es kam zu ausge­dehnten Auseinandersetzungen zwischen den Fach­leuten aller Länder. Ein Pariser Dozent der Sor­bonne, der medizinische Kollegs abhielt, verfaßte

Die Abenteuer des Autos.

Oie aufregenden Erlebnisse seiner Erfinder und seiner ersten Meister. Don der Benzinkutsche bis zum Grand pog 1914.

Don UVo Wolter.

M NESTLE

KINDER NAHRUNG

Deutsches Erzeugnis

eine große Anzahl der schlimmsten Verstöße wider den guten Geschmack, wider dje elementarsten Gebote des Naturschutzes und der Landschaftspflege verzeichnet und mit den ihnen zukommenden Rand­bemerkungen versehen.

Eine betrübende Ergänzung zum Eingangskapitel von dergraphischen Kunst" bringt mit zahlreichen Beispielen, die fick leider Gottes von überallher mühelos ins Unendliche vermehren ließen, der Ab­schnitt vom Baumfrevel; Motto:Ich schnitt es gern in alle Rinden ein". Unter der Ueberschrift: Wir haben alle Geld" lesen wir besonders be­herzigenswerte Worte über die Albernheiten, Ge­schmacklosigkeiten und Eitelkeiten ahnungsloser Wanderer, Ausflügler und angeblicher Natur­freunde; auch hierzu bringt die Bildersammlung im Anhang eine paar erschütternde Belege, etwa den Raubvogel als Glühbirnenhalter oder die Eule am Scheunentor.

Ach, und wie steht es mit demSchweigen im Walde"? Wir denken jetzt nicht an Böcklin, sondern an den singenden KegelklubKalte Acht" auf der Landpartie, den Schoenichen unterwegs belauscht und beschrieben hat, und an die große Zahl anderer Zeitgenossen, deren Naturgefühl sich mehr laut als melodisch Luft macht, und die weder auf das Wild und die brütenden Vögel, noch auf ihre Mitmen­schen Rücksicht zu nehmen gelernt haben. Aber Was der Mensch braucht, das muß er haben" das Schlußkapitel ist besonders gut geraten; es handelt vomAutomatenzauber^ inmitten der Landschaft und allerhand anderen Entgleisungen, deren schlimmste ebenfalls als abschreckende Bei­spiele im Bilde festgehalten sind, wie zum Beispiel das Richard-Wagner-Porträt, mit weißer Oelfarbe aus den Boden einer Waldschlucht nahe der Wart­burg gezeichnet, oder Max und Moritz im Weser­lande; nicht zu vergessen die allerletzte Tafel im Anhang mit der Unterschrift: herzergreifendes Erinnerungsbild an die Besteigung des Drachen­felsens.

Diese kleinen Proben mögen genügen. Es wird jeder gemerkt haben, wie es gemeint ist und worauf es ankommt. Wer ein Herz für die vielfältige Schönheit der deutschen Landschaft hat, der muß dem kleinen Buche des um die Naturschutzbewegung sehr verdienten Verfassers eine recht weite Verbrei­tung wünschen. Es will und soll zu seinem Teil dazu beitragen, das Gefühl der Verantwortlichkeit für das Bild unserer Heimatnatur zu wecken und zu festigen, und ein nützliches Hilfsmittel für die Kulturbestrebungen des neuen Staates fein.

Mehr deutsche Wolle!

Don Karl Burgdorff, Berlin

Die deutsche Volkswirtschaft ist in eine schwierige Lage geraten. Die führenden Männer des Dritten Reiches haben wiederholt mit schonungsloser Offen­heit zu dem deutschen Roh st off- und Devi­senproblem Stellung genommen und haben Wege aufgezeigt, die geeignet sind, dieser Schwie­rigkeiten Herr zu werden. Insbesondere hat der Reichsbauernführer im November 1934, anläßlich des Reichsbauerntages in Goslar zur Erzeugungs- fchlacht aufgerufen, um die einheimische Erzeugung derjenigen Rohstoffe zu erhöhen, die wir bisher aus dem Auslands einführen muhten.

Im Rahmen der großen Erzeugungsschlacht spielt die Hebung der deutsche nZ8ollerzeu- g u n g eine große Rolle. Das Mißverhältnis zwi-

teilt, dürfte bis auf weiteres ihresgleichen suchen. Jeder weiß, was auf diesem Gebiet gesündigt wird, und jeder wird selber Beispiele dafür liefern können mehr als ihm und uns allen lieb ist. Auch heute gibt es noch eine Unzahl kulturloser Zeitgenossen, die keinen Spaziergang, keine Wanderung, keinen Ausflug machen können, ohne sich an mehr oder minder sichtbarer Stelle zu verewigen, obwohl es doch wahrhaftta niemanden interessieren kann, wann HerrKrause mit Familie" oder Herr Zumpe mit Gemahlin" hier geweilt und sich so sinnfällig vorbeibenommen haben. (Einzelheiten von besonderer Scheußlichkeit sind im Bilderteil mit Schaudern zu betrachten.)

Ein überaus beherzigenswertes Kapitel vom praktischen Naturschutz ist überschrieben:Das ist seine Beute, was da kreucht und fleugt". Was da über Roheiten und Gedankenlosigkeiten beim Schmetterlingsfang, beim Blumenpflücken, bei der Begegnung mit einer harmlosen Ringelnatter, die für eine Kreuzotter gehalten wird, mit Eidechsen und Vögeln berichtet wird, ist traurige Wahrheit; wie sehr das Büchlein da helfen und belehren könnte, ist jedem Naturfreunde bekannt genug, hoffentlich lesen es alle, die es angeht. Wie nötig es ist, die wehrlose Natur vor den Verschandelun­gen durch unerzogene Ausflügler, Wochenendler und Reisende zu schützen, beweist eine ganze Serie von Originalaufnahmen, die das unwürdige und beschämende Verhalten banausischer Zeitgenossen mit grotesker Deutlichkeit festhalten. Ueberschriften: Berliner Edelweiß" im Grünewald; große Erbsen- fuppenfanfare zum Einzug der Gäste auf der Wartburg; das Warenhaus im Walde; Wochenend­idyll; gotisches Kapellenfenster als Fremdenbuch. Und so weiter; auch das böse Kapitel der Reklame­schilder in der offenen Landschaft, der Werbesünden von Gastwirtschaften, Ausflugslokalen und Kur­orten gehört hierher und wird in Wort und Bild nach Gebühr gewürdigt. Fn dem Abschnitt:Bei einer Frau Wirttn, da kehrten sie ein" findet man

wir sahen, vor uns, sondern zugleich Entwicklung, Geschehen und Geschichte: die Wandlung, die wir feststellen, zeigt uns, inwieweit sich in einem Jahr­hundert Stadt oder Landschaft verändert, urnge- bildet hat; zeigt uns damit aber auch, wo ihr Wesentliches, ihr Unveränderliches liegt.

Da ist denn ein großer Genuß, immer wieder festzustellen, wie sehr an der Oberfläche und wie unbedeutend all die merkbaren Veränderungen sind und wie das Wesen der Landschaften und Städte gewaltig fest und beruhend ist! Was macht es aus, ob in Brunnen am Vierwaldstätter See neue Ufer­schutzmauern gebaut sind und statt der alten Fischer­hütten große Gasthäuser dastehen wenn sich der Blick nur hebt, ist der Mythenstein, der Nieder- und der Oberbauen, der Bristenstock und das Gttschi- horn, ist jeder Felsabsturz und jede Uferlmie so wie auf dem idyllischen Blatt, welches das da- malige beschauliche Leben des kleinen Ortes wider­spiegelt und den Betrachter seltsam rührt, ihm das Gefühl gibt, auch ein wenig in Zett und Ver­gangenheit gereift zu sein. Oder wenn man gegen die Zeit, da Goethe in seinem gepriesenenSchwert das übrigens heute das kantonale Steueramt ist wohnte, und gegen die Blätter, die das dama­lige Zürich schildern, die Gestade der Limmat mit festen Kais geschützt findet: das Bild der alten Wasserstadt Zürich mit Rathaus, Helmhaus, Wasser­kirche, mit dem hohen Lindenhof und der Schipfe ist in allen wesentlichen Teilen unverändert; deut­lich erkennbar in feinem Kennzeichnenden sogar schon auf den Gemälden oder Kupferstichen des 16. oder 17. Jahrhunderts. ,

Da erwacht denn in dem, der so auf alten Land- schaftsblättern seine Reise nachgenießt, ein merk­würdiges Gefühl davon: wie er selbst, der Ver­gängliche, flüchtig und doch Glückes voll hmglettet durch all dies Mächtige, Dauernde, Große: diese Felslandschaften der Schweiz, diese Paradiessichten der italienischen Seen, diese festgemauerten deutschen Reichsstädte mit ihrer zinnengekrönten Wehrhaftig­keit Aus den Reise-Eindrücken wird ihm an der fjanb der alten Bilder mit ihrem festgehaltenen Zeitoergehen das Bewußtsein der ßebensreqe.

Oichieriag in Babenhausen.

Unter dem MottoDie Heimat ruft" hat die Stadt Babenhausen in Hessen die hessischen und hessen- nassauischen Schriftsteller zu einem Dichter tag 2U sich eingeladen. In Zusammenarbeit der Stadt mit dem Reichsoerband Deutscher Schriftsteller ist ein reiches und abwechslungsvolles Programm auf- gestellt worden. In einer Feierstunde werden die Dichter und Schriftsteller selber aus eigenen Werken

In diesen Wochen, wo die Begriffe Wandern und Reisen wieder ganz groß geschrieben werden, und wo zahllose Menschen einen beträchtlichen Teil ihrer freien Zeit draußen in der freien Natur ver­bringen, scheint es uns angebracht, noch einmal mit Nachdruck auf ein Buch hinzuweisen, dessen vor längerer Zeit bereits einmal an dieser Stelle ge­dacht worden ist, und das nun schon in zweiter Auflage vorliegt*. Es ist in diesem Buche, wie der Titel anbeutet, vom rechten Benehmen in Wald und Feld die Rede, und wenn es auch im Unter­titel als ein Sünden- und Sittenbuch für jeder­mann bezeichnet wird, so wird hier dennoch nicht in die Moraltrompete gestoßen und der Leser nicht gleichsam mit erhobenem Zeigefinger eines Besseren belehrt; vielmehr wird alles, was zu diesem Thema zu sagen ist, und es ist nicht wenig dazu zu sagen, in einer angenehm lesbaren, amüsanten Form vor- gebracht, mit Humor und vor allem mit einem stellenweise überwältigend eindringlichen Bildmate­rial bekräfttgt.

Und zwar in acht Kapiteln. Das erste handelt von denJüngern der graphischen Kunst" und be­ginnt mit den berühmten Worten:Schon die alten Römer"; allerdings und mit Recht, denn die Wissenschaft bietet eine Reihe unwiderleglicher Dokumente dafür, daß es schon vor zweitausend Jahren jeneNarrenhände" gegeben hat, an denen wir uns noch heute ärgern, weil sie nicht nur Tisch und Wände beschmieren, sondern auch schamlos und gedankenlos die wehrlose Landschaft verschandeln und dem Wanderer die Freude am Naturgenuh verkümmern. Die Jnschriftensammlung, von der Schoenichen hier einige der saftigsten Proben mit-

* Walther Schoenichen: Der Umgang mit Mutter Grün. Ein Sünden- und Sitten­buch für jedermann. 104 Seiten mit 63 Abbildun­gen auf 48 Tafeln. Zweite, durchgesehene Auflage. Naturschutz-Bücherei Band 11. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. (183)__________

Großen fast zu viel Zu haben", und beginnt in den sechzehn Tagen, die er noch in Zürich ist, schon mit dem Nachgenießen, mit dem Sichzueigenmachen der eben vollendeten, richtiger: eben abgebrochenen Reise. Zürich ist ihm jetzt deutlich erste Station der Heimfahrt und, in dem behaglichenSchwert", in dem man es sich anstrengungslos gemütlich fein läßt, Vorwegnahme des wirklichen Zuhause. Goethe schreibt an Knebel nach Weimar:So wohl mir's geht, so mannigfaltig das Leben ist, sehn' ich mich wieder nach Hause, und ausdrücken kann ich Dir nicht, wie lieb Ihr mir täglich werdet!" Und an Fritsch schreibt er fast gleichzeitig, daß er die Zeit dieser Reiseunter die glücklichsten seines Lebens rechnet". Das alles ist Ausdruck des beschaulichen Nachgenießens.

Und was tut Goethe vor allem in diesen ruhe­vollen angeregten Züricher Tagen? Er besiehtalle Cabinets, Zeichnungen und Kupfer".

D?enn eine Reife vollendet ist, dann tritt das Bild in fein Recht, dann hält das Bild den Schlüffe! zu den Erinnerungen.

Und nun möchte ich ein Wort für das alte Bild sprechen, für den weich und tonig gedruckten oder farbig getönten Stich vor allem, als für den besten Begleiter, an dessen Hand wir daheim unsere Reise wiederholen und bis zur Tiefe ihres möglichen Ge- nuffes ausschöpfen können.

Nicht aus irgendeiner romantischen Stimmung heraus bevorzuge ich diese alten Blätter ober doch nur um einer sehr mittelbaren Beziehung zur Romantik willen: daß die Romantik zu wandern verstand und wohl zum erstenmal in der Entwick­lung der Jahrhunderte mit ganz offenem Kunstler- auge Landschaft und Städte um ihrer selbst willen sah; daß sie alles in einem angeregten Zeiten- und Kulturengefühl wiederzugeben verstand.

Trotz der wunderbaren Höhe, die das Lichtbild unter heutigen Meistern erreichte, müssen wir unfer Auge doch zumindest da, wo wir selbst gesehen haben, von ihm lösen, wenn wir das Geschaute auch innerlich, wesentlich und über dem Zufälligen erfassen wollen. Der kleine Abstand von rund hun­dert Jahren, den die gestochenen Blätter des Malerischen und romantischen Deutschland , der Bilderfolgen englischer Stecher, rote sie Tomblesons Ober-Rhein" zeigt, derVues Pittoresques de la Suisse von I. Wetzel, der MeyerschenUnwer- sum"-Bünde, die Bilder der ganzen Erde brachten, und mancher anderen Veröffentlichung von unserem Heute haben, vertieft und bereichert nur ihren Reiz, ohne ihnen im geringsten den Wert einer guten Erinnerungshllfe zu nehmen. Wir haben in ihnen nicht das nackte Abbild dessen, was

^Reifen und alte Landschastsbilder.

Von Wilhelm von Scholz.

Keine andere Art von Erleben hat so sehr im Nachgenuß erst ihre Vollendung wie gerade Reisen! Gewiß ist die Vorfreude auf eine Reise, wenn man im Kursbuch blättert, im Baedeker liest und Karten studiert, etwas sehr Schönes, das unser Herz und alle Räume um uns weitet. Gewiß ist die Freiheit und Ungebundenheit des Auf-der-Reise-Seins, des Fahrens und Wanderns durch wechselnde neue Um­gebung, jeden Tag mit einem anderen Blick aus dem Fenster, immer wieder für Wochen und selbst Monate einer der angenehmsten, erträglichsten, reich- ften Daseinszustände, die uns geschenkt werden ton« nen. Und doch ist der Nachgenuß einer Reise, bas Sich-zu-eigen-machen ihrer vielfältigen Eindrücke wie ihres einheitlichen Ergebnisses, worin Aurich das Einordnen der Reise in unseren Lebensbesttz, in unser dauerndes, von Fahrt und Wanderung un­abhängiges, stilles, seelisches und leibliches Zuhause sich vollzieht, noch höher, noch herrlicher.

Das Heimwärtsdrängen, das Reifende gelegentlich wie Zwang überfällt, ist nichts als die Sehnsucht, in diese höchste Erfüllung der Reise zu kommen, m den Nachgenuß, die Sammlung, die Ueberschau. Die plötzliche Sehnsucht nach Hause ist zugleich das An- zeichen, daß Auge und Seele nun nicht mehr au - nehmen können, daß man sich das. besehene erst innerlich vergegenwärtigt haben mochte, ehe man wieder von außen aufzunehmen bereit ist.

Jeder, der verdient, Reisen machen zu dürfen, hat das erlebt. Will man es einmal m gefchicht- lichenZeugniffen bei einem bedeutenden großen ^ei­senden erfühlen, so braucht man sich nur mit Auf­merksamkeit die Briefe und Tagebuchaufzelchnun- gen vom Schluß der zweiten Goetheschen Schwelzer­reise wieder anzusehen und ein wenig zwischen Den Zeilen zu lesen. ...

Es ist November. Der Herzog und Goethe sind nach einer höchst eindrucksvollen Wanderung unü Fahrt durch die Westschweiz, am Montblanc vor­über, zum St. Gotthard hinauf und über den Vier­waldstätter See von Luzern nach Zürich geritten und hausen für etwa zwei Wochen imSchwer! __einem allerschönsten Wirtshause, das an per Brücke steht, die die Stadt zusammenhängt, eine liebliche Aussicht auf den Fluß, See und Gebirge hat- wo es trefflich zu essen gibt und die Betten aut sind und alles da ist, was sonst in bezauberten Schlössern, um Ritter zu erquicken, herbeigewinkt wird" Goethe ist mit dem Gefühl gekommen,des

Vom Umgang mit Mutter Grün

Ein zeitgemäßes, heiteres und beherzigenswertes Buch.

lesen. Volkstänze, bodenständige Volkslieder, Füh­rung durch die sehenswerte historische Stabt, Kon­zerte usw. füllen den Tag aus.

Aufforderung zum Tanz."

Musik- und Musikerfilme sind gegenwärtig wieder große Mode: nach Lanner und Strauß, Chopin und Liszt ist es diesmal, wie schon der Titel verrät, Carl Maria von Weber, der im Mittelpunkt der Ereignisse steht. Wenn der Film ein Erfolg wird, bann ist bas ohne Zweifel in allererster Linie dem unvergänglichen Melodienreichtum desFreischütz"- Komponisten zu verdanken, den die musikalischen Bearbeiter Franz Grothe und Kurt Stiebitz aus Webers Partituren zusammengeholt und ver­schwenderisch ausgebreitet haben. Das Drehbuch schrieb für das Neue Deutsche Lichtspielsyndikat Hans Martin Cremer. Hier werden die Grenzen und die Gefahren dieser Art von Verfilmungen deutlich. Die Handlung muß einigermaßen dürftig genannt werden und gibt im Grunde nicht sehr viel mehr als lebende Bilder zu einer von uns geliebten und uns sehr vertrauten klassischen Musik. Das ist, auch wenn die Bilder stilvoll und malerisch gestellt sind, filmisch ein bißchen wenig; zumal der Kernpunkt Webers Kapellmeister-Kampf um einen neuen deutschen Opernstil ziemlich episodisch oder allenfalls melodramatisch behandelt ist, wäh­rend die unvermeidliche Liebesgeschichte, Theater­krach und Primabonnengezänk viel breiter aus- gespielt werben. Rubols van b e r Noß führt Regie: hübsche Gruppen im Kostüm, saubere Pho­tographie, einige malerische Freilichtszenen und schöne Architekturgruppen aus Prag und Dresden. Domgraf-Fatzbaender bringt für die Haupt­rolle eine entfernte Porträtähnlichkeit und ein nobel verhaltenes Temperament mit, singt auch mit Schwung und vollem Einsatz diedeutsche Koloratur" aus demFreischütz". Elisa Illiard, die wir kürzlich in einer ähnlichen Umgebung sahen, gibt die mit üppigen Theaterlaunen begabte Prager Prima- bonna Mabame Brunetti. Margot K o e ch l i n singt mit schönem, warmen Sopran die Karoline Brandt. Vom Ensemble: Ernst R o t m u n b , Anton Pointner unb Eugen Rex. Der Film läuft seit gestern im Lichtspielhaus. Im Vor­programm sahen wir anmutige Kinberbilber in einem Kulturfilm unb bie Ankünbigung zu ber qrofeen HistorieDas Mädchen Johanna". Aus der neuen Wochenschau interessieren besonders die Aus- nahmen von der Führer-Rede im Reichstag und von der Einweihung der Autobahn Frankfurt

eine Denkschrift, in der er nachwies, daß eine der­artige Geschwindigkeit unmöglich sei, da der menschliche Organismus sie nie und nimmer ver­tragen würde. Trotz aller wissenschaftlichen Funda­mentierung seiner Bedenken aber stand der Rekord und hielt eine ganze Welt in Atem. Kamen schon die ersten Wagen überhaupt, die in den Vereinigten Staaten liefen, aus den Werkstätten von Benz, so brachte der neue Erfolg erneut eine riesige Serie amerikanischer Aufträge mit sich.

In Europa hatte inzwischen Frankreich den Grand Prix geschaffen, eines der schwersten Rennen überhaupt, das dann auch immer Hun - d erttaus ende von Zuschauern anlockte, ein Zustrom, der bei keinem anderen Rennen er­reicht wurde. Es war von höchster Wichtigkeit und wirtschaftlicher Bedeutung für die deutsche Auto­industrie, sich in diesem Rennen, das bisher nur den französischen Wagen gehört hatte, durchzusetzen.

1908 glückte es zum erstenmal! Vor 300 000 Zu­schauern erreichte ein deutscher Wagen mit einem Stundenmittel von über 111 km als Erster das Zielband. Es war eine unerhörte Ge­schwindigkeit für die lange Strecke.

Gewaltig war der Widerhall, den diese automobi» listische Großtat in der ganzen Welt fand. Die ganze französische Nation, aus der heraus noch immer der Anspruch erhoben wurde, das eigentliche Vaterland der neuen Erfindung zu fein, fühlte sich getroffen. Die französische Presse griff ein. Ein Zufallssieg! Die endgültige Entscheidung stand noch aus.

Die deutschen Konstrukteure nahmen die Heraus­forderung an. Das Wettrüsten der Moto- re n, der Kampf um den Kilometer, begann. Lange blieb es auf beiden Seiten still.

Das Sihkissen.

Der Kampf um die Geschwindigkeit nahm feinen Fortgang. Die besten Konstrukteure arbeiteten an dem Ausbau der Motoren, deren Linie jetzt endgültig bestimmt war. Die besten Fahrer eines Werkes wurden für die Erprobung eingesetzt. Unmerklich, beinahe selbstverständlich bil­dete sich ein neuer Berus heraus, dessen Männer vom ersten Tage auf stetem Pivnierposten für die kommende Entwicklung stehen sollten.

Alle bekannten Rennfahrer um die Jahrhundert­wende errangen ihre Erfolge auf deutschen Wagen. 1900 brachten die Daimlerwerke einen neuen Motor auf den Markt, der zu Ehren eines der besten Kun­den und Geldgeber des Werkes, des österreichisch- ungarischen Generalkonsuls in Nizza I e 11 i n e f, nach dessen Tochter den NamenMercedes" erhielt. Zugleich mit dieser Neukonstruktion ging das Werk, eine umwälzende Anordnung von weittragender Bedeutung, von dem alten Kutschenchassis ab und brachte ein eigens für den Motor paffendes Fahr­gestell, die erste moderne Karosserie her­aus. Das moderne Auto war geboren.

Hatte man bisher bet 42 Stundenkilometer Ge­schwindigkeit die Grenze des überhaupt Möglichen gesehen, so ging jetzt die Entwicklung sprungweise voran. 1903 gewann Deutschland das große Gor- don-Bennett-Rennen, das in Irland aus- getragen wurde. Gemäß den Bestimmungen fand das gleiche Rennen im nächsten Jahre im Lande des Siegers statt. Eine Strecke im Taunus wurde gewählt. Der größte Teil der kaiserlichen Hofgesell­schaft nahm als Zuschauer an dem Rennen teil. Das große sportliche Ereignis lockte eine unüber­sehbare Zuschauermenge an.

Wenige Stunden vor dem Rennen wurden die Wagen auf die Waage gebracht. Jenatzky, ein berühmter belgischer Fahrer, der jedoch für die Daimler Werke fuhr und bereits das vorjährige Gordon-Bennett-Rennen gewonnen hatte, machte ein verwundertes Gesicht, als man ihm die Ab­nahme seines Wagens verweigerte.

Der Delegierte der Sportkommission zuckte die Achseln.

Der Wagen wiegt zwei Kilogramm zu- v i e l."

Jenatzky ging zu der Waage hinüber. Sie zeigte auf 1002 Kilo Auf der Waage der Fabrik war er um zwei Kilo unter dem Höchstgewicht ge­blieben.

Kein Protestieren und Erklären half.Sehen Sie zu, was Sie machen können, und kommen Sie in einigen Stunden wieder", erklärte man dem ver­zweifelten Fahrer

Allzu lange Zeit bis zum Rennen blieb nicht mehr. Der Wagen war schon bis auf das Aeußerste erleichtert. Nirgends war eine Möglichkeit vorhan­den, das Uebergewicht einzusparen.

Jenatzky überlegte fieberhaft. An den paar Pfund hing die Teilnahme an dem Rennen. Die Bestim­mungen waren streng. Ratlos standen die Mecha­niker herum.

Endlich hatte jemand dann die richtige Idee.

In letzter Stunde erschien Jenatzky mit seinem Wagen erneut bei der Waage. Auf dem Führersitz fehlten die Sitzkissen.

Die Herren von der Kommission schüttelten den Kopf.

Ohne Sitzkifsen dürfen wir den Wagen nicht ab­nehmen. Wie sollen sie denn so fahren?"

Stimmt das Gewicht?" beharrte Jenatzky.

Noch immer war die Kommission uneinig, ob der Wagen nach den Bestimmungen des Rennens ohne Sitzkifsen als vollständig ausgerüstet galt. Da ge­schah das Ueberrafchende, Jenatzky bückte sich. Er