185. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Ur. 205 Erster Blatt 185. Jahrgang Dienstag, 5. September 1955
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grantfurt am Main 1168« Druck und Verlag: vrühl'sche UnivcrsttStsvuch- und Steindruckerei R.Lange in Sichen. Schrifileilung uni» SeschSsirftelle: Schulftrahe 7 MengenabschiüsseStaffel»
Ein System zerbricht.
Von Dr. Hans von Malottki.
Hochspannung in Europa, Hochspannung in Gens! Während die Völker mit Sorge das Schauspiel kriegerischer Vorbereitungen im Mittelmeerraum verfolgen, tritt der Rat zusammen, um zur Gesamtheit der italienisch-abessinischen Streitfragen Stellung zu nehmen. Wird die Genfer Instanz, da sich die Waagschale des Krieges endgültig zu neigen scheint, noch Frieden und Recht sichern können? Seit jenem verlegenen Genfer Vertagungskompromiß vom 3. August ist nichts eingetreten, was Anlaß zu einem auch nur bescheidenen Optimismus geben könnte. Die Pariser Dreieroerhandlungen, weit davon entfernt, eine weitere Zuspitzung zu verhindern, beseitigten nur die letzten Zweifel über die Schärfe der Gegensätze. Während noch in Paris Herr L a - v a l tagtäglich die Botschafter empfing, um die Situation noch in letzter Stunde zu meistern, ging man in London und Rom schon zum Handeln über. Die italienischen Kriegsoorbereitungen erreichten den Zustand völliger militärischer und wirtschaftlicher Mobilmachung. Die Bewegungen der englischen Flotte, die Verstärkung der strategisch wichtigen Punkte auf dem Seeweg nach Indien und das sensationell wirkende Konzessionsgeschäft zeigten England auf der Plattform seiner eigenen Interessen: nur die Manöver am Brenner erinnerten noch an jene Stre- faer „Friedenskonzeption", über deren Sinn wir uns auch ohne das leutselige Händeschütteln Mussolinis mit den österreichischen Grenzern klar gewesen sind.
Nun hat sich in Paris neue Hoffnung geregt, weil Italien der Ratssitzung nicht fernbleibt und im Gegensatz zu seiner früheren Weigerung vor der Genfer Instanz erscheint. Aus der Tatsache, daß Rom seinen Widerstand gegen die Befassung des Nates mit dem Streitgegenstand aufgegeben und sogar eine eigene Initiative angekündigt hat, wollte man in Paris auf ein Einlenken der italienischen Politik schließen. Davon kann, der Sache nach, keine Rede sein, viel eher ist damit zu rechnen, daß gerade an diesem Punkt sich der italienisch- englische Gegensatz in voller Schärfe entzündet, denn in dem äußerlichen Eingehen Roms auf die Genfer Prozedur liegt schwerlich eine Anerkennung auch der Genfer Grundsätze. Selbst wenn Italiens Anklagematerial gegen Abessinien ausreichend wäre, um die rechtliche Unterlage für eine Intervention der Mächte in Abessinien oder gar für den Ausschluß des afrikanischen Kaiserreiches aus dem Genfer Bunde abzugeben, — die zwangsläufig langwierige Prozedur, die vorhergehen müßte, könnte von Mussolini nur als unbequeme und untragbare Störung seines festumrisse- nen Aktionsprogramms angesehen werden. Wenn überdies die „Times" mit aller Ruhe schreibt: „Der Völkerbund wird die Pflicht haben, über die italienischen und abessinischen Ansprüche zu entscheiden", so öffnet sich hier die Perspektive auf ein Verfahren, das unter Umständen den Ankläger in die Rolle des Angeklagten dränge, in jedem Falle aber hinsichtlich feines Ausganges durchaus offen sein könnte.
Im übrigen hält England ein anderes Eisen im Feuer: jene englisch-französischen Vorschläge, die auf der Pariser Dreierkonferenz Baron A l o i s i vorgelegt und von Mussolini nicht einmal eines genauen Studiums gewürdigt, geschweige denn als ersprießliche Derhandlungsgrundlage angesehen wurden. Die tiefe Verstimmung feit diesem Tag jst kaum zu überschätzen. „Mussolini würde enttäuscht sein, wenn er seine Absichten in Abessinien ohne Krieg erreichen könnte", vermerkte noch dieser Tage ein großes englisches Blatt. Daß die britische Diplomatie die brüske Behandlung ohne weiteres vergessen würde, war nicht zu erwarten. Der Gegenzug erfolgt jetzt. Herr Eden, der über die Dreierbesprechungen dem Rat Bericht zu erstatten hat, wird die Gelegenheit benutzen, das Geheimnis zu lüften und das englisch-französische A ngebot zu enthüllen. Der Sinn dieser Aktion ift ebenso klar, wie für Italien gefährlich. Sind die Vorschläge wirklich so weitgehend, wie allgemein angenommen wird, handelt es sich um ein „faires Angebot, das geeignet war, alle berechtigten Italienischen Bestrebungen in Abessinien zu befriedigen", dann wird das auf die Ratsmächte nicht ohne Eindruck bleiben und eine für Italien höchst ungünstige Problemstellung zur Folge haben. Jedenfalls wäre die Diskussion an den Punkt herangerückt, auf den es London zweifellos ankommt, nämlich auf den Nachweis, daß Italien eben nicht alle Mittel friedlicher Regelung ausgeschöpft hätte.
Diese englische Taktik läßt eines mit Sicherheit erkennen: den entschlossenen Willen, die Genfer Verhandlungen nicht zur bloßen Formsache und tragikomischen Komödie zu degradieren, sondern von der Genfer Satzung wirklich Gebrauch zu machen. Man kann diesen Willen nicht allein aus dem Umstand erklären, daß der Genfer Mechanismus im Falle einer italienischen Angriffshandlung zugunsten der englischen Interessen spielen würde. Die Sorge um das Gebäude der kollektiven Friedenssicherung ist echt und der Völkerbund ist immer noch der Angelpunkt der englischen Politik. Die famosen Pariser Ratschläge, die Satzung sei elastisch und an Möglichkeiten reich genug, auch den Rechtsbruch noch mit dem Schein des Rechtes zu verhüllen, sind allzu verlogen und erwecken jenseits des Kanals keine Begeisterung. Das Gefühl, daß am Ende dieses Weges nicht die Rettung Genfs, sondern ein endgültiger Zusammenbruch stehen wurde, ist sehr ausgeprägt. Was aber dann? „Sanktionen bedeuten Krieg", ließ Mussolini in Bozen verkünden, und überdies hat Frankreich es tn der Hand, die Ingangsetzung des Artikels 16 zu verhindern.
Die Situation ist grotesk. Die Macht, deren ge-
Edens Besuch in Paris.
Noch keine Klärung bei derBefpr echung miiLaval./EinVermitilungsvorschlagLavals in Genf?
P a r i s, 3. Sept (DNB.) Die Unterredung, die Lden am Pionlagnachmittag mit Plinisterprä- sident Laval in Gegenwart des englischen Botschafters in paris und des Unterstaats- fekretärs B a n f i t t a r d hatte, dauerte fast anderthalb Stunden.
Nach der Besprechung erklärte man an zuständiger Stelle, es seien die verschiedenen Möglichkeiten für die Abwickelung der bevorstehenden Genfer Beratungen geprüft worden. Außerdem habe man eingehend die Frage behandelt, in welcher Form dem Völkerbundsrat der Bericht über den Verlauf der pariser Dreierkonferenz vorgelegt werden solle.
Der französische Ministerpräsident und Außenminister Laval empfing am Montagabend den italienischen Botschafter Cerrutti. Obgleich eine amtliche Verlautbarung nicht heraus- gegeben worden ist, steht es außer Zweifel, daß die Besprechung der bevorstehenden Genfer Ratstagung galt. 3m Anschluß an den Besuch des italienischen Botschafters sprach auch der spanische Botschafter bei Laval vor.
Ministerpräsident Laval und der englische Minister für Völkerbundsfragen Eden haben paris am Montag um 23.25 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zuge nach Genf verlassen. Sie trafen zu gleicher Zeit auf dem Bahnhof ein und bestiegen, begleitet von den übrigen Mitgliedern der französischen und der englischen Abordnung, den Zug. Außer einer Reihe französischer Minister hatten sich der englische und der italienische Botschafter auf dem Bahnsteig eingefunden.
3n französischen diplomatischen Kreisen hat man nach der Unterredung zwischen Laval und Eden am Montag den Eindruck, daß eine endgültige Klärung der angeschnittenen Frage nicht erfolgt fei. Man betont ferner, daß die beiden Minister noch während ihrer gemeinsamen Reise nach Genf dort selbst Gelegenheit haben werden, den Meinungsaustausch fortzusehen.
Gleichzeitig wird auf einen gewissen Wider- spruch hingewiesen, der zwischen der englischen und der französischen Darstellung der heutigen Unterredung besteht. Während man nämlich englisch e r s e i t s betont, daß Frankreich und England einen gemeinsamen Bericht in Genf Vorbringen würden, spricht eine halbamtliche französische Verlautbarung davon, daß nur die Frage der Einbringung des Berichts geprüft worden fei, wobei nicht gesagt ist, daß es sich um einen gern e i n f a m e n Bericht handeln soll.
Von gut unterrichteter englischer Seite in paris erklärt man, Eden habe bei der Unterredung mit Laval nachdrücklichst daraus hingewiesen, daß d i e englische Regierung nichts mit dem Konzessionsvertrag zu tun habe. Eden habe im Gegenteil darauf hingewlesen, daß der englische Vertreter in Addis Abeba angewiesen worden fei, dem Kaiser freundschaftlich anzuralen, dieses Abkommen wieder aufzuheben.
Aloisi unterwegs nach Genf.
Rom, 3. Sept. (DNB.) Baron Aloisi, der ständige Vertreter Italiens bei allen Völkerbunds- tagungen, ist Montagabend mit den Mitgliedern der italienischen Abordnung nach Genf abgereist, um an der bevorstehenden Ratssitzung teilzunehmen.
Unterredung Mussolini - de Chambrun
Rom, 3. Sept. (DNB.) Ministerpräsident Mussolini hatte am Montag nach seiner Rückkehr von den Manöoern in Norditalien eine längere Unterredung mit dem französischen Botschafter de Chambrun.
Reuter meldet Einmarsch.
London, 2. Sept. (DNB.) Reuter meldet am Montag aus Diredawa: „Ein unbestätigter Bericht besagt, daß eine Vorhut von 10 0 0 italienischen Truppen und 1500 Mann Eingeborenentruppen die abessinische Grenze westlich von A s s a b überschritten hat und in die Provinz Danakil einmarschiert. Dem Bericht zufolge verlassen die Abessinier fluchtartig ihre Dörfer." Eine Bestätigung dieser sehr unbestimmt gehaltenen Reutermeldung liegt noch nicht vor.
Rom dementiert.
Rom, 2. Sept. (DNB.) Von zuständiger italienischer Seite wird das in einer Reutermeldung verzeichnete Gerücht entschieden in Abrede gestellt, wonach stärkere italienische Truppenkontingente nach einem kurzen Zwischenfall, bei dem ein kleiner italienischer Wachposten von Abessiniern überfallen worden war, in abessinisches Gebiet eingedrungen seien. Im gegenwärtigen Augenblick seien keinerlei derartige Vorfälle in irgendwelchen Gebieten zwischen
Paris, 3. Sept. (DNB. Funkspruch.) Obwohl man in französischen Kreisen der Auffassung ist, daß die Unterredung Laval-Eden am Montag nichts entscheidend Neues gebracht hat, rechnet der „Platin“ damit, daß Laval in Genf einen neuen Ausgleichsversuch unternehmen werde. Möglicherweise werde sein in Genf zur Sprache kommender Vergleichsvorschlag die erwünschte Lösung bringen, denn er scheine die Würde Italiens zu wahren, Großbritannien zufrledenzustellen und das Ansehen des Völkerbundes zu schonen.
In einem langen Leitartikel umreiht der „petit parisien“ die französische Politik der nächsten Zukunft: Frankreich könne sich gegenwärtig nicht zu einer feindlichen Einstellung gegenüber Italien entschließen, denn es habe die früheren Mißverständnisse mit Italien aus dem Wege geräumt. Italien müsse als treuer und wirksamer Mitarbeiter am großen gemeinsamen Werk des europäischen Friedens bestätigt werden, denn es habe seit Stresa diese Rolle übernommen. Nicht weniger bedeutungsvoll sei es aber, die fr a nz ö si sch-en g- lische Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten und auszubauen. Die deutsche Aufrüstung mache das notwendig. Italien könnte nach einigem Zögern wieder in die Reihe der revisionslüsternen Völker treten und sich nötigenfalls zu kriegerischen Revisionen entschließen, wenn es nicht in der kolonialen Betätigung den notwendigen und vielleicht unerläßlichen Ausgleich finde. Das Ziel des Völkerbundes oder wenigstens fein wesentlichstes Mittel, in die europäischen Angelegenheiten wirksam einzugreifen, fei daher, die Gruppe der Völker zu stärken, die mit ihren Grenzen in Europa zufrieden seien.
Der „Platin“ schreibt, Frankreich wolle vor allem keinen Krieg. Die einzige Verlegenheit bestehe darin, daß sich zwei befreundete Mächte st reiten. Frankreich wolle (eine Völkerbunds - Sühnemaßnahmen,
1. weil der Völkerbund bei allen früheren Fällen
den italienischen Kolonien und Abessinien zu verzeichnen.
Englische Kreuzer in Haifa.
London, 2. Sept. (DNB.) In Haifa, der Endstation der Oelleitung aus dem Irak, sind am Montag die drei englischen leichten Kreuzer „Arethusa“, „Delhi“ und „Durban“ eingetroffen. Außerdem wird die Ankunft von 8 Zerstörern erwartet.
Der „Star“ berichtet in diesem Zusammenhang, daß zum Schuhe dieses wichtigen Hafens besondere Vorsichtsmaßnahmen gegen über-* raschende Angriffe aus der Luft oder von der See her getroffen worden sind.
Neservisteu-E n eru ung auf Matta.
London, 3. Sept. (DNB. Funkspruch.) Reuter meldet aus Malta, daß die Reservisten der Artillerie von Malta einberufen werden und daß die Pioniere und Miliz Rekruten anwerben.
in den letzten 15 Jahren nie Straf- und Sühne maßnahmen angewandt habe;
2. weil der Völkerbund nicht einmal fähig gewesen sei, in den 15 Jahren seines Bestehens ein bestimmtes Sühnemahnahmen - Gesetz auszuarbeiten;
3. weil Sühnemaßnahmen im gegenwärtigen Falle entweder ein Witz wären, der des Völkerbundes unwürdig sei, ober im Ernstfall den allgemeinen Krieg herbeiführen würden, und
4. weil Frankreich vor allem keine Sühnemahnahmen zugun st enAbessiniens wolle.
Zugunsten eines kleinen europäischen Landes, das feinem zivilisatorischen Kreis angehöre, würde Frankreich vielleicht gezwungen sein können, den Weg zu ziehen. Es werde das aber niemals tun, wenn es sich um einen Haufen wilder Stämme handele.
„Excelsivr“ wünscht eine vorsichtige französische Gleichgewichtspolitik in Genf. Das „Oeuvre“ weift gleichfalls etwaige englische Vorslöhe in Genf zur Bejahung von Sühnemahnah- m e n gegen Italien zurück.
Neue ägyptische Vorschristen für fremde Militärflugzeuge.
London, 2. Sept. (DNB.) Aus Kairo wird berichtet: Die ägyptische Regierung hat den fremden Mächten eine Note zugestellt, in der daraus hingewiefen wird, daß jedes Gesuch für eine Ueberfliegung ägyptischen Gebietes durch Militärflugzeuge mindestens fünfzehn Tage vor dem Antritt des beabsichtigten Fluges im Besitz der ägyptischen Regierung sein müsse.
Bittgottesdienst in der Westminster Abtei.
London, 3. Sept (DNB. Funkspr.) In der Westminster Abtei wird am Dienstagabend anläßlich des Zusammentritts des Völkerbundsrates ein besonderer B i t t g o t t e s - dienst zur Erhaltung des Friedens unter den Völkern abgehalten werden.
„Die mit ihren Grenzen in Europa zufrieden sind."
Ein neuer Vorschlag Lavals und warum er gemacht werden soll.
samte Nachkriegspolitik von dem Willen beherrscht war, noch über die Verpflichtungen des Sanktionsartikels hinauszugehen, die über Genfer Protokoll und Generalakte bis zur Barthoufchen Pakt- und Bündnispolitik nur das eine Ziel verfolgte, den Frieden durch einen automatisch funktionierenden Sanktionsapparat gegen jeden Angreifer zu sichern, — dieselbe Macht verleugnet heute das, was sie 15 Jahre lang angebetet hat. Ironie der Geschichte, daß der fortschreitende Verfall der Versailler Methodik gerade von dieser Seite her unfreiwillig demonstriert werden muß. Genauer gesehen handelt es sich allerdings um eine geschichtliche Konsequenz. Dieses ganze von Frankreich der europäischen Staatenwelt aufgezwungene kollektive Sicherheitssystem basiert auf einer irrigen Voraussetzung: auf der Annahme, daß der Frieden lediglich von Deutschland bedroht sei. Weil die französische Politik sich mit dem Status quo geradezu indentifizierte, also nie der Angreifer gegen die bestehende „Ordnung" sein kann, diesen Angriff lediglich und allein von Deutschland erwartet, deshalb schuf sie bedenkenlos jenes starre System, das den Angreifer (also Deutschland) sofort dem gesammelten Widerstand der übrigen Welt ausliefern sollte. Deshalb der ständige Ruf nach Sanktionen, nach automatischen Beistandsverpflichtungen, deshalb der fanatische Widerstand gegen jeden Versuch, Europa durch eine Politik lebendigen Ausgleiches aus der Versailler Erstarrung zu befreien.
Heute ist der Widersinn dieser sogenannten Friedenskonstruktion in voller Schärfe sichtbar geworden, und auch England büßt heute für die Schuld, daß es Frankreich gewähren ließ. Nichts demonstriert diesen Widersinn mehr, als die absolute Hilflosigkeit der Pariser Politik in den letzten Tagen. Was nützt es, wenn der „Temps" das Unrecht beklagt, daß Italiens koloniale Ausdehnungsbedürfnisse dem Genfer Formalismus zum Opfer fallen würden? Man hat ja selbst alles getan, Europa jedes Mittel, jedes Instrument zu nehmen, das Spannungen und Ungerechtigkeiten beseitigen könnte. Jetzt rächt sich, daß die französische Vormachtspolitik in Wahrheit darauf gerichtet war, den Versailler Unfrieden als „europäische Ordnung" in Permanenz zu erklären. Jetzt, da Italien aufbegehrt, ist man der Gefangene feines eigenen Systems. Freilich, solange es sich um deutsche Lebensrechte handelte, war alles in bester Ordnung, und keine Stimme regte sich in Paris, den Widersinn der „Verurteilung" Deutschlands in Stresa und Genf zu beklagen. Im Gegenteil, unter Italiens Mitwirkung vollzog sich jenes unwürdige Schauspiel, in dem Anklage und Urteil nur eines bewiesen: die Fähigkeit, die Rollen des Klägers und Angeklagten virtuos zu vertauschen — und den Willen, Deutschland elementare Lebensrechte auch weiterhin vorzuenthalten. Daß England sich zu diesem Schauspiel hergab, wird
wahrscheinlich in London schon mehr als einmal bedauert worden sein.
Währenddessen sieht man die italienische Politik bei dem erstaunlichen Versuch, in Afrika gegen das französische Friedens- und Sicherheitssystem Sturm zu laufen und gleichzeitig sich ihm in Europa zur Verfügung zu stellen. Revision dort, Status quo hier — diese mit Leidenschaft verfochtene These gehört zu den vielen Unbegreiflichkeiten der Stunde und zeigt, welche phantastischen Vorstellungen noch immer der klaren Erkenntnis der Zeiterfordernisse im Wege stehen. Auf diesem Wege ist der Völkerbund gewiß nicht zu retten. Welche Formeln deshalb auch eine wortgewandte Diplomatie noch finden wird, ob zuletzt Abessinien sich behaupten oder untergehen mag — ein Opfer wird in jedem Falle aiq dem Kampfplatz der europäischen Politik bleiben: das Ansehen des Genfer Bundes und das durch ihn gesetzte Recht. Es wird die Aufgabe der positiven und schöpferischen Kräfte fein, in diesem notwendige» Zusammenbruch nicht auch Europa untergehen zu lassen, sondern ein neues, besseres Recht zu schaffen, das nicht mit dem Signum Versailles gezeichnet ist und das der lebendigen und natürlichen Entfaltung der Völker Raum gibt. Es scheint, daß sich in London der Blick für diese Notwendigkeiten gerade in den Wirren und Fährnissen dieser Tage geschärft hat.


