Ausgabe 
3.4.1935
 
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Nr. 79 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Mittwoch, Z. April 1935

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Goebbels spricht in der Festhalte zu Frankfurt a. M.

Donnerstag, den 11. April 1935, 20.30 Uhr, be­ginnt in der Festhalte in Frankfurt a. 21L eine politische Riesenkundgebung mit Dr. Goebbels. Dr. Goebbels hat seit Jahren nicht mehr in Frankfurt in einer öffentlichen Kundgebung gesprochen. Seine letzte Rede hielt er auf dem Gautag 1933 im Stadion.

Es find Vorbereitungen getroffen, die Kund­gebung fo zu gestalten, dah fie in der Reihe der Frankfurter Großkundgebungen eine erneute Steigerung bedeutet.

Karten zu 1 Mark (forme eine beschränkte Anzahl zu 3 Mark) find bei allen Ortsgruppen des Kreises Groß-Frankfurt der RSDAP^ an den Tageskassen des Opern- und Schauspielhauses (täglich von 11 bis 13 Uhr) sowie Gärtnerweg 8 (RS.-Kultur- gemeinbe, Abt. Deutsche Bühne) erhältlich.

Da der Andrang voraussichtlich un­geheuer fein wird, empfiehlt es sich, für die übrigen Kreisleitungen der RSDAp. im Gau foroie für Vereine und Verbände umgehend Sammelbestellungen an den Gaufchahmeisier zu richten.

Kultur und Wehrpflicht.

Von Or. Paul Karmel.

Das parlamentarische Zwischenreich liebte es, den Gegensatz des Geistes von Weimar zum Geiste von Potsdam zu betonen. Nicht allein, um dem Druck der Massen in der Hauptstadt weniger aus­gesetzt zu sein, sondern vor allem um diesen Gegen­satz herauszuheben, hatte man die National­versammlung nach Weimar einbe­rufen. Seht, wir sind nicht so sollte das heißen wir kehren uns ab von dem kriegerischen Geiste, der die Heimat vier Jahre und länger gegen feind­lichen Einbruch behütet hat; wir begeben uns in den Schutz des Geistes, der einst den Weimarer Musenhof weltberühmt gemacht hatte.

Das war die Kurzsichtigkeit von Männern, die nur als unversöhnlichen Gegensatz zu erkennen vermochten, was in Wahrheit zwei Seiten der gleichen Sache waren. Einer, der als Sach­verständiger nicht gut abgelehnt werden kann, Goethe s e l b st, hat hier keinen Gegensatz emp­funden. Ihm waren Potsdam und Weimar nicht Gegensätze, die nichts miteinander zu tun haben konnten und wollten, sondern die beiden, un­löslich aneinander gebundenen Pole, um die sich das deutsche Wesen der Zeit drehte. Goethe ist sich wohl bewußt gewesen, daß der Geist von Potsdam erst jenen anderen Geist' zur Hoch­blüte geweckt hatte, der dann im klassischen Wei­mar seine ruhmreichste Pflegstätte fand. Der könig­liche Philosoph von Sanssouci hat den deutschen Namen in der Welt wieder zu Ehren gebracht, nicht dadurch, daß er emsig französische Verse drechselte, sondern dadurch, daß er als sein eigener Kronfeld­herr die Lebensrechte seines Staates noch gegen zehnfache Uebermacht verteidigt hatte. Von diesem Seift von Potsdam" war die gesamtdeutsche Kul­tur derart befruchtet worden, daß ihre zurückge­drängte Kraft mit Macht in die Halme schoß. Klop- stock und Lessing, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, sie sind ohne den Geist von Pots­dam, der als unsichtbare Triebkraft hinter ihrem Wirken stand, g a r n i ch t d e n k-b a r.

Und der große König selbst? War er nicht in Person die vollkommenste Synthese dessen, was man später als Geist von Potsdam und Geist von Weimar auseinanderzutreiben versucht hat? In seiner freudlosen Jünglingszeit, die uns gerade jetzt durch den Jannings-Film vom al­ten und jungen König wieder nahegebracht wird, hatte auch er gemeint, zwischen der friedlichen Pflege von Künsten und Wissenschaft und der pfleg- lichen Entwicklung kriegerischer Fahcgketten einen unüberbrückbaren Gegensatz sehen zu müssen Und die heftigen und eigenwilligen Erziehungsmethoden des Vaters hatten es ihm nicht eben leicht gemacht, die Dinge anders zu sehen. Friedrich Wilhelm, der die französische Oberflächen-Kultur haßte, hatte gleichwohl, der Zeitmode folgend, seinem Sohn in den Knabenjahren eine französische Erziehung geben lassen! Die unverlöschlichen Eindrücke, die dadurch dem Kindergemüt ausgeprägt worden waren, wollte der König dann mit der Fuchtel aus dem Jüng­ling wieder herausprügeln. Das führte zum ge­fährlichen Zusammenstoß eines jungen mit einem alten Feuerkopf und zu jener erzieherischen Pferde- kur, die heil nur überstehen konnte, wer von Mut ter Natur aus dem besten und feinsten Werkstos gebildet war, woraus sie ihre Ausnahme-Menschen zu bilden pflegt.

Die Welt glaubte, Friedrich II. würde nach seiner Thronbesteigung seinen ganzen Ehrgeiz darin setzen, jenes Ideal eines Friedenskönigs zu ver­wirklichen, das der Franzose Fsnslon in seinem Telemach gezeichnet hatte, einem vielgelesenen Er­ziehungsroman, der auch von dem preußischen Kron­prinzen in jungen Jahren verschlungen worden war. Aber siehe da, der pazifistische Kronprinz ward als König der erste Kriegsfürst seiner Zeit, und durch seine Taten frischte er den un­politisch gewordenen Deutschen die alte Lehre wieder auf: daß inmitten mächtiger Nachbarn ein Staat nur so viel bedeute, als er Macht habe, sein Lebens­recht zu schützen. Und doch hatten sieben wilde

Edens Unterredung mii pilsudski.

Keine Aussicht auf eine Zustimmung polens zum Ostpakt.

Warschau, 2. April. (DNB.) Nach dem Austausch eines Höflichkeitsbesuches zwischen Lord- iegelbewahrer Eden und dem polnischen Mi­nisterpräsidenten Oberst S l a w e k begannen am Dienstagvormittag um 11 Uhr die e r ft e n B e - prechungen Edens mit Außenminister Beck, die bis kurz vor 1 Uhr dauerten. Um 1 Uhr wurde Eden in Begleitung Becks vom Staats­präsidenten in Audienz empfangen. Der Audienz schloß sich ein Frühstück an. Am Nach­mittag wurden die Besprechungen zwischen Eden und Minister Beck fortgesetzt. Im Anschluß daran wurde Eden zu einer Unterredung beim Marschall Pilsudski empfangen. Die Unter­redung dauerte mehr als eine Stunde. An der Unterredung nahmen der Geschäftsträger Avening und der Abteilungschef im englischen Außenministerium, Strang, teil, ferner Außen­minister Beck und der Dizeminister des Auswärti­gen Graf Szembek.

Tnnkfpmche.

Bei dem sich anschließenden Festessen sagte Außenminister Beck in einem Trinkspruch, die polnische öffentliche Meinung verfolgt mit lebhaf­testem Interesse die englischen Bemühungen, den besten Weg zur Gesundung Der internationalen Be­ziehungen und zur Festigung des Vertrauens zu finden. Ich wünschte, daß Sie aus unseren Unter­redungen und aus Der persönlichen Fühlungnahme mit unserem Lande Eindrücke und Beobachtungen mitnähmen, die Ihrer Regierung die Abschät­zung der praktischen Möglichkeiten erleichtern, in der gegenwärtig schwierigen internationalen Lage aus dem grade st en Wege nach Der Festigung Des FrieDens unD har­monischer Zusammenarbeit zwischen Den Nationen zu suchen. Ich hoffe, Daß Der aufrichtige vollständige Gedankenaustausch zwischen uns in bescheidenem Maße Dazu beiträgt; dieses Ziel zu erreichen.

Lordsiegelbewahrer Eden erwiderte, er habe das Vertrauen, daß sein Besuch in Warschau Dazu beitragen werbe, eine noch engere Verständigung zwischen Polen unD England herbeizuführen. Seine freundschaftlichen Besprechungen mit Minister Beck und Marschall Pilsudski würden es jedem der beiden Länder ermöglichen, diejenige Rolle noch besser ab­zuschätzen, die dem anderen bei dem großen Werk der internationalen Organisation Des Friedens zu­falle.

Zur Unterstreichung der immer wieder hervor- gehobenen Feststellung, daß bei den Warschauer Gesprächen selbstverständlich keinerlei Ent- fcheidungen fallen, wird auch auf Die Ein­ladung Lavals nach Warschau hingewie- fen. Alle Entscheidungen über die gegenwärtig be­handelten Fragen können s r ü h e st e n s b e i Der Konferenz in Streifa greifbare Gestalt an- nehmen. Gerüchte wollen wissen, bei dem andert- h albstündigen Tee-Empfang bei Marschall Pil- sudfki fei es zu sehr lebhaften Unterhaltungen über die aktuellen politischen Fragen gekommen. Sehr hartnäckig behaupten sich in Warschau Ge­rüchte über einen neuen KompromißVor­schlag zum Ostpakt, aus dem die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung gestrichen und Dafür eine Beratung Der Mächte eingesetzt würde. Erst nach einer solchen Beratung könnten Dann Die Unterzeichner Des Ost Paktes über Die Stellung von Waffenhilfe beschließen. In amtlichen Kreisen hört man, Daß Polens politischer Standpunkt unver­ändert sei. Polen sehe in seinen Verträgen mit

Deutschland und Sowjetrußland immer noch eine bessere Sicherung als in vielseitigen Abkommen, Die die Gefahr in sich bergen, daß Polen in eine deutsch­feindliche oder rußlandfeindliche Gruppierung ein­bezogen wird.

pilsudskis Bedenken.

Polen verspricht keine Erhöhung seiner Sicherheit.

London, 3. April. (DNB. Funkspruch.) Der Sonderkorrespondent derTimes" in Warschau be­faßt sich besonders mit der Unterredung zwischen Eden und Marschall Pilsudski, dem einzigen Mann, der endgültige Entscheidungen treffen könne. Die Hauptfrage Edens fei gewesen, welche Haltung Polen gegenüber dem O ft p a k t einnehme. Mar­schall Pilsudski konnte nur die entschiedene Weigerung Polens wiederholen, sich an einem Pakt, zum mindesten in seiner jetzigen Form, zu beteiligen. In Marschall Pilsudski, dessen Leben dem Kampf für die polnische Unabhängigkeit gegolten habe, sei d i e Furcht vor einer neuen Teilung Polens lebendig verkörpert. Eine freie Volksabstimmung würde für ihn nach Ansicht urteilsfähiger Leute eine überwältigende

Mißstimmung gegen Polen.

Paris, 3. April. (DNB. Funkspruch) Der Petit Parisien" hatte bereits angekündigt, daß man am Quai d'Orsay mit der Prüfung von Fra­gen beschäftigt fei, die dem urfprünglich geplanten O st p a k t Den regionalen Charakter nehmen soll­ten, um ihn einmal dem Völkerbundspakt besser anzupassen und zum anderen Den Charakter eines europäischen Paktes zu geben. Gut unterrichtete Kreise erklären, daß die Unnachgiebigkeit der Reichsregierung" die Unter­händler verpflichte, eine neue Formel zu fin­den. Man gehe dabei von dem Grundgedanken aus, daß Der Pakt nur im Rahmen De? Völke'rbundspaktes abgeschlossen werden könne. Er müsse aber außerdem dem Locarno­pakt Rechnung tragen. Unter diesen Umstünden erscheine ein kollektives Abkommen, so wie es ur­sprünglich geplant sei, ohne die Beteiligung Deutschlands und Polens schwer zu verwirklichen. Man sei deshalb gezwungen gewesen, eine Formel zu suchen, die durch ihre Geschmeidigkeit alle früher getroffenen Abkommen u n - berührt lasse und die gleichzeitig Deutsch­land die Möglichkeit gebe, auch noch später beizutreten. Außenminister Beck soll ähnliche Vor­schläge gemacht haben, die aber jede Bei- standsklausel ausschlössen.

Die französische Presse zeigt sich angesichts der unnachgiebigen Haltung Polens gegenüber dem Ost­pakt sehr verstimmt.Echo De Paris" wirft Der polnischen Regierung vor, wie einB u n - Desgenosse" DeutschlanDs zu handeln.Le Jour" schreibt u. a., Polen weigere sich, zwischen den beiden europäischen Blocks zu wählen.Petit Parisien" erklärt, es sei den englisch-polnischen Un­terhändlern nicht gelungen, irgendeine Kompromißformel zu finden.Oeuvre" erklärt, die angebliche Neuorientierung der polni­schen Regierung nach der Bekanntgabe der deut­schen Aufrüstung habe sich nicht vollzogen Mar-

Vertrauenskundgebung bringen. Der Ostpakt werde Polen nicht sehr viel mehr an Sicherheit bieten können, als es schon besitze. Er verspreche Polen zwar die Unterstützung der baltischen Staaten und Der Tschechoslowakei. In Polen erinnere man sich aber noch sehr lebhaft Daran, Daß im Jahre 1920 währenD Des Krieges mit Der Sowjet­union Die Tschechoslowakei Den Polen D i e Waffenhilfe versagt habe. Vor etwas mehr als einem Jahr fei Die Bevölkerung von Weftpolen noch tief beunruhigt gewesen, weil man an Die Gefahr einer deutschen Invasion glaubte. Der deutsch-polnische Pakt habe diese Be­fürchtungen beseitigt. Aus diesem Grunde sei er volkstümlich. Nachdem es soviel erreicht habe, wolle Polen jetzt nichts tun, um zu Deutschland in Gegensatz zu treten. Einen Ostpakt allerdings, der mit der Garantie Großbritanniens ausgeftattet sei, würde Polen zweifellos mit Freude annehmen, denn es würde dann wissen, daß es keinen Krieg in Europ a geben würde, aber an eine solcheMöglichkeit glaube wohl niemand. Aus jeden Fall warte Europa besorgt daraus, welche Gestalt die britische Politik anneh­men werde, wenn Eden in London seinen Bericht erstattet hat.

schall Pilsudski und Außenminister Beckschwäm­men mehr denn je im Fahrwasser der deutschen Politik". DasPetit Journal" stellt fest, daß die diplomatischen Bemühungen, die von den verschie­denen Großmächten und der Kleinen Entente seit Januar gemacht worden seien, um die Sicherheit zu gewährleisten, in einer Sackgasse endeten.

Italien warnt vor Illusionen.

R o m, 2. April. (DNB.)Popolo d'Jtalia" bringt einen Leitaufsatz, der von maßgebender Stelle stammen soll. Nach der englischen Er- kundungsfahrt, so wird ausgeführt, richten sich die Hoffnungen vieler auf S t r e f a. Bereits jetzt baut man Die üblichen Luftschlösser. In Stresa solle e i n Wunder vor sich gehen, das Ende Des AlbDruckes, Der Anfang Des Wiederaufblühens. Es ist unbedingt notwendig, in Den Wein dieses übertriebenen Opti­mismus ein gut Teil Wasser zu gießen. Wir müssen vor außergewöhnlichen Illusio­nen warnen, da nichts trauriger ist als die Ent­täuschung, die auf rosige, von edlen Wünschen ge­borene Illusionen folgen. Wir wollen Damit nicht von vornherein Die Konferenz von Stresa entwer­ten, sondern sie nur in das politisch-diplomatisch­militärische Bild Europas einreihen, ein Bild, das allerdings auf endgültige Lösungen zu hoffen nicht erlaubt. Schon von den drei Regierungen Frankreichs, Englands und Italiens, die im Stresa zusammenkommen werden, kann man nicht fü­gen, daß sie gegenüber der deutschen Geste vom 16. März vollkommeng l e i ch g e st i m m t" ge­wesen sind. Jetzt aber sollte in Stresa eine ge­meinsame Aktionslinie festgelegt werden. Stresa sollte einen ruhenden Punkt in dem be­wegten Meer der europäischen Politik bilden, einen Ruhepunkt, der vor allem den Verzicht auf die ge­fährlichen Abrüstungsutopien bedeuten muß. Das faschistische Italien hat seit 1922 diese Utopien auf­gegeben.

Frankreich aus der Suche nach einer neuen Formel

Kriegsjahre in diesem Fürsten nicht das leiden­schaftliche Bedürfnis Des Jünglings ertöten können nach Den verfeinerten Geistesgenüssen, Die er nur am Born französischer Hvchkultur glaubte befrieDigen zu können! Da war es Denn ein Glück, daß der Geist von Potsdam" neben Dem König auch einen so streitbaren Kopf auf Den Plan gerufen hatte, wie Den jungen Gotthold Ephraim Lessing, der sich das Lebensziel gesetzt hatte: der deutschen Geistes­kultur'die Gleichberechtigung zu erftreiten neben Der französischen Mobekuttur der Zeit.

Immerhin, es scheint ein biologisches Gesetz der geschichtlichen Persönlichkeit zu sein, daß die den stärksten Eindruck auf Zeitgenosse^ und Nachfahren macht, Die nicht einseitig nach der politisch-militäri­schen, oder nach der literarisch-künstlerischen Rich­tung ausgebildet ist, sondern die beide Seiten zu einer mehr oder minder harmonischen Einheit verschmilzt. Und dieses biologische Gesetz gilt nicht nur für die Persönlichkeit des Einzelmenschen, es gilt auch für b i e Volkspersönlichkeit. Die deutsche Volkspersönlichkeit hat sich aus dem Universalismus Des Mittelalters herausgeschält in jener gewaltigen Bewegung Der Geister, die wir als Reformation und Gegenreformation kennen. An Der Wiege Dieser Volkspersönlichkeit hat Das Griechentum gestanden, so wie es uns Der Hu­manismus Des 16 unD Der Neu-Humanismus Des 18. bis 19. JahrhunDert vermittelt haben. UnD was erscheint uns als Die höchste Blüte Dieses Griechen­tums? Das perikleische Zeitalter in Athen! Ein Zeitalter, geführt von einem Staats­mann, Der beiDe Seiten Der Volkspersönlichkeit, die politisch-wehrhafte sowohl wie die geistig-künstle­rische, harmonisch in seiner Erscheinung vereinigte. Wo aber liegen die Wurzeln dieses vieldewun- Derten Zeitatters? In jener Gesinnung, die das Volk von Achen durch Die schweren Zeiten Der

Perser-Kriege getragen hatte, einer Gesin­nung, für Die jeder freie Bürger zugleich der ge­borene Verteidiger Des VaterlanDes war.

Griechische Geisteskultur hat, als Hellenismus, Die Zeiten griechischer, politischer Wehrhaftigkeit unD Selbständigkeit freilich noch lange überlebt. Aber doch nur, weil es innerhalb Der lockeren grie­chischen Volkspersönlichkeit immer noch ein Glied gab. Dem die Wehrhaftigkeit erste Bürgertugend mar. Ohne Die Waffentaten Des großen Alexan­der und feiner Makedonier hätte die hellenistische Kultur sich doch schwerlich das ganze östliche Mittel- meer und bas vorbere Asien erobert. Unb bann, als bas Alexanberreich sich in seine Teilstaaten auf­gelöst hatte, stieg im westlichen Mittelmeer bereits ber Stern bes Äolkes auf, bas wie kein anberes vor ihm ben Gebanken ber allgemeinen Wehrpflicht seiner Bürger gepflegt hat. Unter bie Fittiche römischer Staatlichkeit flüchtete sich, was noch von Eigenleben in ber hellenistischen Kul­tur vorhanben war und würbe Kulturbünger für frembe Völker. So hat am starken Baum ber wehrhaften preußischen Staatlichkeit bie beut» s ch e Kultur im 18. Jahrhunbert bie Stütze ge­habt, bie sie befähigte, ein starkes Eigenleben zu entfalten, unb zwar zum Nutzen des eignen Volks­tums.

Flüchtige Rückblicke dieser Art können nicht wohl erschöpfend sein. Sie haben ihren Zweck erfüllt, wenn sie Menschen Der Deutschen Gegenwart Daran erinnern, was für eine Sinnwidrigkeit es war, einmal zwischen dem Geist von Potsdam und dem Geist von Weimar, Dem Geist Deutscher Wehrhaftigkeit und dem Geist literarisch-künstle­rischer Bildung Feindschaft setzen zu wollen; so zu tun, als winke uns Deutschen eine menschenwür- dige Zukunft auch dann noch, wenn wir enbgülti' unsere Ablchr vom Geisie der Wehrhaftigkeit voll»

zögen. Auch ber flüchtigste Runbblick burch die uns zugängliche Geschichte ber Menschheit kann uns barüber belehren, daß ein Volk, solange es gesund und triebkräftig ist, diese Trennung als den Gesetzen seiner Natur zuwider a d l e h n t. Eine harmonische Volkspersönlichkeit kann es nur geben, wenn beide Seiten des völkischen Lebewesens, die wehrhafte und die künstlerische, sich ungehemmt ausbilben können. Daher hat es auf ber deutschen Volkspersönlichkeit wie ein bumofer Druck gelastet, seit ihr bie freie Pflege ihrer Wehrhaftigkeit durch bas Versailler Diktat gehemmt war. Unb unter biefem Druck wäre langsam aber sicher auch bie beutsche Kultur verkümmert wie bas benn auch bie letzte Absicht jenes Diktats gewesen ist wenn wir ben Druck nicht zu gegebener Zeit roieber ab­geschüttelt hätten.

Höchstes Glück ber Erbenkinber ist boch die Per­sönlichkeit" biefes seherische Dichterwort gilt nicht nur vom Einzelmenschen, es gilt ebensosehr von ben Kulturvölkern. Auch ihnen schreibt bas Gesetz ihres Lebens vor: ihre Persönlichkeit so vollkommen auszubilben, wie es ihnen ihr ge­schichtliches Erbgut unb bie ledenbige Umwelt, in bie fie hineingestellt find, möglich machen. Gibt es einen Deutschen, der da zweifelt, baß unter dieses Lebensaesetz unseres Volkes auch die allge­meine Wehrpflicht fällt, die uns der 16. Mürz, als Antrieb und Schutz für unsere völkische Eigen« kultur, endlich zurückgegeben hat? Nur Vol­ker von Höch st er Kultur waren imstande, die Ueberanftrengung, die der Weltkrieg ihnen zu­mutete und unter Der Naturvölker zehnmal zusam­mengebrochen wären, jahrelang auszuhalten. Sollte das ein biologischer Zufall gewesen sein? Beweist es nicht vielmehr, wie eng Äuttur imb Wehrpflicht einander verbunden sind?