Nr. 257 viertes Blatt
Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Zamstag, 2. November (935
Auf derIagd nach Vogelstimmen.
Mit Mikrophon und Wachsplatte unterwegs. — Vogelkunde - Unterricht in neuer Gestalt Das Qed der Nachtigall in naturgetreuer Aufnahme.
Das empnnbliche Spezialmikrophon aut dem Stativ.
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Wir wijjen meist recht genau, was mir — mit oder ohne eigene Schuld — in unserer Schulzeit versäumt haben Häufig genug spüren wir im täglichen Leben die Lücken in unserem Wissen Meist ist es schwer, das Fehlende zu ergänzen und Zusammenhänge herzustellen Bei dem einen sind diese Lücken bedenklicher denn beim anderen Auf einem Gebiete aber wissen wir fast alle nur sehr wenig auj dem Gebiet der Vogelkunde' Wir unterscheiden Fink und Sperling, Lerche und Bachstelze, Raben und Dohlen. Häher und Specht und andere Vögel, soweit sie sich ständig in unserer Umgebung Herumtreiben Bei den eigentlichen Singvögeln in Feld und Wald hapert es aber meist schon bedenklich Hand aufs H-rz wer vermag aut Anhieb Sperber- grasmücke, Gartengrasmücke und Mönchsgrasmücke voneinander zu unterscheiden? Ober die Feld- von der Heidelerche, den Stieglitz, ba* Gartenrotschwanz chen, den Gelbspötter die Kohlmeise usw.? Dem Aussehen nach mag der eine oder andere diese Vögel noch einigermaßen bestimmen können — dem Gesang nach aber sicherlich nur die wenigsten.
Daß wir es nicht können, liegt weniger an uns selbst, sondern vielmehr an der bisher unzulänglichen Methode des Unterrichts. Es gab schlechterdings bisher keine befriedigende Möglichkeit, den einzelnen Vogel in seinen Lautäußerungen überzeugend darzustellen Der Lehrer im Raturkunde- Un^rricbt hätte schon em ganz ausgezcichnet-r Vogelkenner und Tierstimmen-Imitator fein müssen, wenn er seinen Schülern auch nur einigermaßen die hauptsächlichsten Vogelstimmen hätte darstellen wollen. Eine Unmöglichkeit' Man stelle sich vor der Lehrer mimt vor 40 halbwüchsigen B ngels den Vogelstimmen-Imitator! Dom Erhabenen zum Lächerlichen wäre nur ein Schritt!
So saß man denn stur vor den bunten Tafeln, auf denen eine ganze Korona von bunten Vögeln abgebildet war, die willkürlich auf den gemalten Aesten saßen Jeder erinnert sich dieser Tafeln Es war gräßlich langweilig. Auch der Lehrer fühlte sich selten wohl bei dieser Art Unterricht Unsympathisch waren auch die ausaestovften Vögel, die man vom
Eine der Wachsplatten, aut Die Das Vogellied übertragen wurde
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Zeichenunterricht her in unseligem Andenken hatte Interessanter wurden die Vogeltafeln erst, als wir sie in unbewachten Augenblicken zur Zielscheibe für unsere aus Stahlfeder und oierfachgesaltetem Papier gefertigten Wurfpfeile machten
Aus den beabsichtigten Exkursionen in Wald und Feld wurde nie etwas. Bei den etatmäßigen Ausflügen dachten Lehrer und Schüler nur selten an die Vögel Das Indianer- und Trapperfpiel war
Aber unvorstellbar groß waren die Schwierigkeiten, die sich dem Werk entgegenftellten Man muhte mit der bisherigen Aufnahmetechnik brechen Man mußte hinaus ins Freie!
Das wesentliche technische Hilfsmittel war der Tonwagen IA 50 000, der mit allen nur denkbaren modernen Einrichtungen ausgestattet war und mit dem eine Expedition von Wissenschaftlern und Technikern in die verlassensten Winkel von Wald und Feld, von Moor und Heide Vordringen mußte
Die Vogelstimmenforscher zogen nicht auf Geratewohl in den Wald hinaus Die Ausnahmen konnten vielmehr nur gemacht werden weitab von den Geräuschen der Stadt und den großen Straßen Keine Starkstromleitung, kein noch so traulich murmelndes Bächlein durften in der Nähe sein. Es durfte nicht regnen, nicht schneien, durfte kein Wind wehen — das alles forderte das unendlich empfindsame M'kro- phon' 'Nur der Vogelstimme sollte es lauschen sie weitergeben über Kabel und Verstärker zur Wachsplatte, auf der der Saphir nachzuzeichnen hatte, was das Mikrophon an Schwingungen empfing.
auch solche, die sich, ein Zpfall, unmittelbar vor das Mikrophon setzten Einige Male geschah es, Daß, als alle Vorbereitungen getroffen waren, Der Vogel fang, die Wachsplatte lief, plötzlich Kurzschluß die weitere Ausnahme gebieterisch unterbrach Drei teure Mikrophone blieben bei lolcher Gelegenheit auf der Strecke
So wurde eine Vogelstimme nach Der anderen in mühevollster Arbeit erkämpft Erkämpft unter immer wieder anders gearteten Schwierigkeiten Wie schwer war es, das leise Schnalzen des Staren und seinen plötzlichen lauten Pfiff gut anemanderzu- bringen Ganz plötzlich mußte in einem solchen Falle die Verstärkung abgewandelt werden, wenn das Schnalzen vernehmbar genug und der Pfiff nicht „übersteuert" erscheinen sollte Mancher Vogel war wegen seiner hohen Tonlage überhaupt nicht faßbar. Wie groß aber war immer wieder die Freude, wenn es z. B. gelang, zu einer mitternächtlichen Stunde den Gesang der Heidelerche einzusangen, bei anderer Gelegenheit den edlen Schlag des Plattmönches und seinen zarten Vorgesang, den vielfältigen Rus des Pirols ober den Strophenreichtum einer besonders phantasievollen Amsel auf die Platte zu bannen. Wie lustig war es für die
Schwierige Kabelverlegung über eine weite Wasserfläche zu einer Insel. — (Aufnahmen |7|: Archiv.)
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Es war sicherlich nicht leicht, die geeigneten Aufnahmeplätze zu finden Volkmar Graumüller — ein Mitglied der wissenschaftlichen Expedition — hatte diese ’Ziuigabe übernommen Wochenlang strich er landaus landab in verschiedensten Landschasten unserer deutschen Heimat herum Dabei galt es nicht nur, die stillen Plätze auszusuchen, sondern auch mit Sicherheit auszukundschasten zu welcher Zeit, auf welchem Baum oder Busch, ja, aus welchem Ast die Nachtigall, die Amsel, die Drossel ober ber Gelbspötter zu fingen pflegten Aber er mußte auch sein Augenmerk barauf richten, ob ber gesuchte unb belauschte Vogel fein Lieb auch richtig, also charakteristisch unb allgemeingültig für feine Art sang, ob er sein Lied schön fang, ob er Phantasie befaß, feinen Gesang abzuwandeln verstand, oder ob er stur immer nur die gleiche Tonsolge pfiff. Denn auch in der Dogelwelt gibt es Stümper unb Meister. Ieber singt, wie ihm ber Schnabel gewachsen ist Man kann es sich benken, baß es eine zeit- raubcnbe Arbeit unb harte Gebulbsvrobe war b:c „Meister" auszukunbschaften Unb selbst wenn sie bann noch Zeit unb Stcmbort festgestellt hatten, blieben bie Ueberrafdjungen nicht aus
Wochenlang war ber Tonwagen bann unterwegs Kabel waren über Moor unb Bruch, über Bäche unb Teiche zu legen. Wie oft mußte ab.er auch biefe Arbeit vergeblich geleistet werben, wenn ber Vogel, bem man nachging, ausgerechnet an biesem Morgen 300 Meter weiter an einer ganz anberen Stelle fein Morgenlieb schmetterte?!
Wertvolle Stunben vergingen ungenützt, mancher Tropfen Schweiß floß vergeblich Wie schwer war es oft, zu ben Vögeln oorzubringen, bie irgenbwo im Schilf fangen* Dabei mußte bas Mikrophon auf 3 bis 8 Meter nahe an ben Vogel herangebracht werben Häufig hing es in Bäumen ober Büschen, verschiebentlich konnte auch bas Stativ verwanbt werben Oftmals war zu tarnen, wenn bie Vögel vor bem blitzenben Instrument scheuten Es gab aber
Forscher, als sie einmal ein Kuckuckmännchen stottern hörten, bas bann vom Weibchen ausgelacht würbe, ober — wie sich ein anbermal ein Kuckuck im Eifer seiner Liebeswerbung versprach unb „Kuckück" rief. Die 'Wachsplatte nahm es getreulich auf. Hier begegnete ben Forschern im Erlenwaldbruch ber Zeisig mit feinem kornischen „Dä-ih" am Schlüsse seines lieblichen Liebchens, ein anbermal, im Schilf ber Drosselrohrsänger mit seinem rauhen „Karr-karr- kiet" Der Volksmunb übersetzt sich ja häufig bas Vogellieb in bie menschliche Sprache Da wirb bem Männchen ber Sinabrofsel angebichtet, baß er feine
Mit 1000 Meier Kcwel orang man in Die verborgensten Winkel vor
Liebste immer mit Deren Vornamen ruft: „Hilbe- garb, Hilbegarb!" Manchmal gibt er auch seinen eigenen Namen bekannt: „Philipp, Philipp!" Unb was ruft bas Schwarzplättchen feinem Liebchen zu? .',Hast bu benn noch nicht gefrühstückt?" — Die Goldammer singt mit Ausdauer „Wie hab ich dich so liiieeb —I" Der Stieglitz stellt sich gerne selbst
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Das Mikrophon am Nest ber Kohlmeise.
vor: „Stielitt, Stielitt!" Der Gelbspötter, ber viele Vogelstimmen nachmachen kann, beschätigt sich gern mit Herrn Schmitt unb seinen sieben Töchtern: „Schmitt hatte sieben Töchter — Töchter sieben. Töchter sieben — wer heiratet sie?" Bescheiben ruft die Kohlmeise: „Sitz i ba! Sitz i da!" Es gibt Men« schen, bie bem gelbschwarzen Pirol unterschieben, er riefe immer: „Bier holn, Bier holn, aussaufen, mehr holn!"
Nun, bas Mikrophon hört ben Vogel etwas an« bers, sachlicher' Man wirb ja auch nicht erwarten, baß auf ben Schallplatten zum tönenben Dogeibuch bie Vogellaute in Die menschliche Sprache übersetzt smb! *
Den großen Höhepunkt für alle, bie im Dienste ber schönen Sache zu wirken hatten, war bie gelungene Ausnahme bes Liebes ber Nachtigall Lassen wir einmal Volkmar Graumüller selbst erzählen:
„Mehrere Nächte waren wir braußen. Schwüle, feuchte Luft hing in Busch unb Baum. Zwei Nächte harrten wir vergeblich. Die Nachtigall fang nicht, wo wir es haben wollten. Wir mußten ben Stanb- ort änbern. An einer entfernten Walbecke in einem Tal würbe also neu aufgebaut. Eine vorzügliche Akkustik ließ einen guten Erfolg erhoffen. Nachbem auigebaut war, gingen mir für einige Stunben schlafen. Gespenstisch, schwarz unb brohenb blieben bie Wagen im Walbe allein zurück Um Mitternacht waren wir bann wieder unterwegs. Ein Hunb dellte in bem nahen Dorfe, ber Himmel war bewölkt, bis Nacht unendlich warm — so recht für Nachtigallen! Alles wurde peinlich vorbereitet. Wir mußten bereit sein. Langsam, bleiern verging bie Zeit! Wie lange warteten wir boch schon roieber?! Ja — ringsum, weit im Umkreis schlugen Nachtigallen genug, sieben, acht, neun konnte ich unterscheiben. Aber unsere war nicht im Konzert! Es würbe zwei Uhr. Mitternacht war längst vorbei! Nichts regte sich'
Da ... leise — (wir lauschten angespannt) — ein Ton — mehrere gleiche Töne aneinanbergereiht, wie Perlen auf einer Schnur, leise zunächst, allmählich lauter bann, heller, leuchtenber unb bann I — ging bas Krescenbo in ben Schlag über ! Längst hatte ich eingeschaltet unb saß atemlos am Lautsprecher Es schien mir, als sänge ber Vogel im Wagen. Ein Schlag wechselte ben anberen ab, verschieben an Tonstärke, verschieben in ber Tonhöhe in immer roieber anberer Tonfolge, in immer roieber anberer Melodie! Unerhört voll unb schön schlug sie bann, vollkommen klar klang ihr Lieb im Lautsprecher — es mußte uns erscheinen, als sitze sie unmittelbar vor bem M'krovh'- ' Ich saß am Lautsprecher, lauschte mit allen Fasern ...
Die Wachsplatte läuft unb zeichnet, was hier jubelt unb klingt, lückenlos unb naturgetreu, wie wir es nur je wünschen konnten! Die erste Platte lief ab, bie zweite würbe rasch aufgelegt, die Nachtigall schlug weiter, schlug mit Eifer unb Selben- schäft, als wollte sie uns belohnen für alle unsere Mühe mir ihrem schönsten Lieb.
Alles in mir jubelt unb klingt mit! Wir haben es! Wir haben bas Lieb ber Nachtigall!"
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Don Tag zu Tag, von Woche zu Woche würbe die Ausbeute größer, reicher, vollkommener, fügte sich zum Ganzen Allen Schwierigkeiten zum Trotz wurde die Aufgabe gelöst Das Lied vieler Vögel ist festgehalten für alle Zeit!
weitaus wichtiger' Unser lückenhaftes Wissen um die heimische Singoogelwelt blieb ein Mangel! Literatur einschlägiger Art, gut und schlecht gibt es zwar genug, aber es fehlte immer noch das 23 o g e l (i c b 1 Wissenschaftler haben es mit Noten versucht, mii phonetischen Umschriften, mit Laut- runen — volkstümlich konnten biefe Hilfsmittel ber Erkennung bes Vogelliebes nicht werben
Als ber Phonograph erfunben würbe, glaubte man eine neue Möglichkeit zu sehen Die Technik reichte aber noch nicht aus, bie Ergebnisse blieben unbefriebigenD Mit ber Schallplatte würben neue Versuche gemacht — aber bei aller Mühe, bie auf- geroanbt mürbe gelang keine Vogelstimme charakteristisch Meist roaren biefe Versuche in Ateliers unternommen roorben Die Schallplatte mar ben unerhört hohen Schroingungszahlen ber Bogelstim- M"N nicht a-'wachk-n Der 23oa°Uon im aefctVnffen‘’n Raum würbe hallenb, oerrte (schwang in sich) unb bekam Den ,Raumton" So ging es also nicht! j
Run hat in aller Stille bie Kulturabteilung ber । Carl-Linbftröm-AG es unternommen, sich mit am! bern Mitteln um bie Erschließung ber Vogelstimme für bie Schallplatte zu bemühen Im Zusammenwirken vieler Kräfte sollte ein „tönenbes Vogel- buch" herausgebracht werben, em Buch also, bas Wort, Bilb unb Ton in sich vereinigte Das Werk gelang, das Buch ist ba. Dem ->rfolgc"ich->rcn oogel- tundlichen Unterricht sind Die Wege geebnet.
Mit dem schweren Tonwagen 1A 50 UÜU in Wald unb Feld.
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