Ausgabe 
2.5.1935
 
Einzelbild herunterladen

nr yiert<s blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, 2. Mai i<?35

Das neue pharmakologische Institut in Ließen.

Schlichte EinVeihungsfeier. - Eine wertvolle Bereicherung der Universität.

ML

g

W

W

I H

Das chemische Laboratorium.

Der physiologische Arbeitsraum.

weilenden Oberbürgermeisters, Bürgermeister Dr. Hamm, den Landesärzteführer Dr. Ende den Vertreter der oberhessischen Aerzteschaft Dr. Kranz, den Vorstand des Kreisgesundheitsamtes Obermedizinalrat Dr. E n g a u, Oberfeldarzt Dr. O e l e m a n n von der Sanitätsabteilung Gießen den Vorsitzenden der Deutschen Pharmokologen-Ge- sellschaft aus Freiburg, die Fachkollegen von den Nachbaruniversitäten Marburg und Frankfurt, Se Magnifizenz den Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. Pfähler, den Kanzler unserer Universität und Führer der Dozentenschaft Prof. Dr. Hum-

Blick in den Hörsaal des Pharmakologischen Instituts.

__________________________ Aufnahmen: Neuner. Gießener Anzeiger)

An der Gaffkystraße, neben dem Lupusheim ist > in etwa zehnmonatiger Vauarbeit ein neue-' Heim für das Pharmakologische In- st < t u t der Universität Gießen geschaffen worden. Der Staat hatte dort durch Grundstücks- tausch nut der Stadt die frühere sog. städtische, Cholerabaracke erworben, während das zugehörige Hos. und Gartengelände dem Staat auf dem Wege oes Erbbaurechtes von der Stadt Gießen überlassen wurde. Das einstöckige Haus wurde ttn Innern für jctnen neuen Zweck gründlich umgebaut, außerdem wurde em Stockwerk aufgesetzt und es noch durch em Dachgeschoß erhöht. Als Neubau entstand m unmittelbarem Anschluß an das Haus der Hörsaal ein ansehnlicher Rundbau mit kuppelförmiger Decke, der für rund hundert Hörer Raum bietet. Die Pläne für den Um- und Neubau wurden im Einvernehmen mit dem Direktor des Pharmakologischen Instituts, Prof. Dr Hildebrandt, vom Hessischen Hoch- oauamt in Gießen ausgearbeitet, das auch die Durch­führung des Um- und Erweiterungsbaues leitete

Die neuen Räume des Instituts wurden am Dienstagnachmittag mit einer schlichten Feier im neugeschaffenen Hörsoal, den eine Büste des Führers inmitten von Blumen und Blattpflanzen zierte, ein- > geweiht. Zu dieser Feierstunde hatten sich zahlreiche

Instituts so zu gestalten, daß es allen Anforderungen neuzeitlicher Forschung gerecht werden kann. In diesem Zusammenhang begrüßte er von dem Vor» stand der Chemischen Fabriken Knoll AG. in Lud­wigshafen Direktor Daege und Professor Dr. Schmidt, von dem Vorstand der Chemischen Fabriken E. Merck in Darmstadt Dr. Karl Merck und Direktor Löw, zugleich dankte er diesen Fir- men für die großzügige Stiftung bedeutender Sum­men für die Inneneinrichtung des Instituts. Da die staatlichen Mittel zur Inneneinrichtung nicht entfernt ausgereicht hätten, seien die großzügigen und bereitwilligen Stiftungen auch im Sinne unse­res Führers gewesen, denn

durch diese Stiftungen konnte eine Reihe von Arbeitern während der wintermonate in Ar­beit und Brot gebracht werden.

Der Redner begrüßte weiter als Vertreter von Dr. L e i tz, Optische Werke in Wetzlar, Herrn Dumu r. Dr. Leitz, an der Landesuniversität schon seit vielen Jahren als großzügiger Förderer der Wissen­schaft bekannt, hat einen Projektionsapparat mo­dernster Prägung mit Spezialvorrichtung dem Insti­tut geschenkt; für dieses Geschenk stattete der Red­ner ebenfalls öffentlich herzlichen Dank ab. Hierauf sagte er u. o. weiter:

Es dürfte den meisten der Anwesenden unbe­kannt sein, daß der erste Begründer der modern-n experimentellen Pharmakologie, Rudolf B u ch - heim, hier in Gießen gewirkt hat, und zwar vom Jayre 1867 bis zu seinem Tode im Jahre 1879. <2chon eine Reihe von Jahren vor Buchheim gab es ein eigenes Pharmakologisches Institut, das von Phoebus von 1844 bis 1867 geleitet wurde. Es war damals in vier Zimmern des Kollegienhaufes untergebracht, war aber wegen der beim pharma­kologischen und chemischen Arbeiten auftretenden unvermeidlichen Beleidigung der Geruchsorgane

dort nicht sehr beliebt und wurde 1899 in das söge- nannte Schwesternhaus in der Lonystraße verlegt.

kologischen Instituts,

Prof. Dr. Hildebrandt, begrüßte die Festversammlung mit herzlichen Wor- ten. Besonderen Gruß entbot er dem Kreisleiter Pg. K l o st e r m a n n, der zugleich den Reichsstott- itc<LM.nb Gauleiter vertrat, ferner Ministerialbau- rat M u n k l e r und Regierungsrat Köhler von der Regierung, die er bat, Ministerialrat Kings- der sich persönlich um den Neubau des Pharmakologischen Instituts verdient gemacht hat, am Erscheinen aber verhindert war, zu grüßen. Weiter begrüßte er den Vertreter des auf Urlaub

m e l, die Dekane der Fakultäten, die Kollegen der Medizinischen und Veterinärmedizinischen Fakultät, den Führer der Studentenschaft, die Leiter der Me­dizinischen und Veterinärmedizinischen Fachschaft, die Beamten der Universität und der Verwaltung der Kliniken, den Betriebsobmann Keil und als Vertreter des Reichsstandes des deutschen Hand­werks den Kreishandwerksmeister S t ü h l e r - Gießen.

Mit besonderer Freude begrüßte er weiter eine Reihe von Herren, die durch aroßzügige Stiftungen es ermöglicht haben, die Inneneinrichtung oes

neue Heim des Pharmakologischen Instituts an der Gaffkystraße Im Bild links der angebaute Hörsaal.

MiMMM SU....

Vornan von Charlotte prenzel.

Urheberrechtsschutz.- Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.). 11 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Liane litt Qualen, trotzdem sagte sie tapfer:Wir werden keinen Empfang haben. Die Trauer ver­bietet es."

Aber Kind, deine nächsten Freunde werden es sich wohl kaum verbieten lassen, zu kommen. Darum braucht kein großes Fest abgehalten zu werden."

Er wird nicht da sein "

Wie? Er wird morgen nicht da sein?"

Nein, er ist verreist?

Die Tante schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.Das ist doch das ist unglaublich. Wenn er schon nicht den richtigen Einblick hat, was zu entschuldigen ist, da er von auswärts kommt, dann hättest du ihn doch auf unsere Sitten und Gebräuche aufmerksam machen müssen. Ja, seid ihr beide denn ganz kopflos? Er muß her er muß, und wenn ich ihn von wer weiß woher holen müßte."

Ich weiß seine Adresse nicht."

Dann wird es das Geschäft wissen."

Nein er wollte Montag wieder zurück sein." Liebes Kind, nimm es mir nicht übel aber das verstehe ich einfach nicht. Da werde ich selbst mal telephonisch anfragen."

Nur das nicht, Tante!"

Was ist denn dabei?"

Er will während der Geschäftsstunden nicht abgelenkt werden."

Nun, bann wird er mal eine Ausnahme machen! Uebrigens ist es fraglich, ob das Büro nicht schon geschlossen ist."

Sie rangen fast um den Hörer, schließlich ließ Frau Widemann die Hand sinken.Sag mal, Kind, da stimmt doch etwas nicht mit euch?"

Liane gab es auf, die Tante von ihrem Vorha­ben zurückzuhalten. Sie wandte sich ab, fühlte ihr Herz bis zum Hals hinauf schlagen und sagte so gleichgültig als möglich:Meinetwegen, so höre selbst, daß er nicht da ist."

Sie ging aus dem Zimmer. Diesem Gespräch zu lauschen, ging über ihre Kraft. Bald würde sie als Lügnerin entlarvt fein was dann?

Wenige Minuten später kam Frau Widemann nach.Er ist wirklich nicht da, und seine Adresse ist nicht bekannt. Ich verstehe euch einfach nicht, so unüberlegt zu handeln. Da hättest du mit dem Versenden der Karten wirklich noch warten können."

Liane atmete auf. Einmal war die Klippe glück­lich umschifft wie aber würde es weiter gehen?

Ach, es ging schlimm genug weiter Eine Verlo­bung ohne Bräutigam! Natürlich hatte Frau Widemann recht, natürlich kamen am Sonntagvor-

dem

noch noch

Dann wäre es fast ratsamer gewesen, ein wenig zu warten. Oder soll die Hochzeit vor Weihnachtenftattfinben9"

Sie traten in den Salon.

Ich weiß nicht, wie Liane es sich wünscht", nahm Fred das Gespräch wieder auf.Es ließe sich einrichten ah»r irh märe mehr für dos Früh­jahr."

"Ich halte -s auch für richtig, bann ist bas Trauerjahr abgelaufen, unb die Hochzeitsreise kann schöner ausfallen als im Winter."

Oh, Tante, wir werden keine Hochzeitsreise machen", warf Liane dazwischen

Warum sollen mir nicht verreisen?" wandte sich Fred an sie zu ihrem maßlosen Erstaunen.Ich werde mich schon vier Woch»n frei machen können vorausgesetzt, daß der Hochzeitstag nicht vor Mitte Avril gelegt wird."

Vier Wochen mit ihm allein! Liane fühlte ihr Herz vor Glück und Freude warm werden. Welch herrliche Zeit ftonb ihr bevor, immer an seiner Seite zu sein' Ob es ihr in den vier Wochen nicht gelang, sein Herz zu gewinnen»

Mit einem Male wurde ihr leichter zu Sinn. In ihr Gesicht kam leise Röte, sie blühte sichtlich auf. Während des ganzen Abends trafen sie keine spöt­tischen Blicke, kein höhnisches Wort fiel. In der Gegenwart ihrer Verwandten spielte Fred zwar nicht den verliebten, aber sehr 'ormeflen und auf, merksam"n Bräutigam

mittag die Freundinnen ßianes und nahestehende Freunde des Hauses. Blumen wurden geschickt, Telegramme flatterten ins Haus, der Briefträger brachte Gratulationen.

Wie sie die Stunden überstand, Liane wußte es selbst nicht. Sie fühlte bas ganze Beschämenbe ihrer Lage so tief, sie litt unter bem Lügenge­spinst, bas sie aufbaute, so sehr, baß sie am Rande ihrer Kräfte war, als außer Frau Widemann kein Gast mehr im Hause war.

Das hast du nun von deiner Unbedachtsamkeit", schalt die Tante.Blamabel war die ganze Ge­schichte, das kann ich dir sagen aber man ist ja dergleichen Dinge bei dir gewohnt. Nun, für den Nachmittag kannst du dich wenigstens aus­ruhen. Ich gehe jetzt, und ich hoffe, von dir zu hören, wann wir nun eigentlich ganz unter uns bei mir Verlobung feiern. Komm mir nicht wie­der mit dem Trauerjahr, das find doch lächerliche Ausreden. Ich denke, ich kann euch nächsten Samstag erwarten."

Eines Tages um die Mittagsstunde schrillte das Telephon.

Ja, hier ist Morland. Sie sind Verzeihuna, ich spreche hier zwar ohne Zeugen, aber es ist besser, man übt sich bereits im Unvermeidlichen. Also, du bist selbst am Apparat?"

Ja", entgegnete sie mit Anstrengung.

Ich wollte dir mitteilen daß du heute abend über mich verfügen kannst."

Schweigen, endlich ihre leise, fast demütige Stimme:Ginge es nicht am Samstag? Frau Widemann, meine Tante, hofft uns an dem Ab-md bei sich zu sehen."

Tut mir leid, Samstagabend habe ich keine Zeit. An jedem Abend der Woche meinetwegen nur nicht Samstag."

Dann dann könnten wir vielleicht heute?" Gewiß, ich werde um halb acht Uhr dort fein." Liane ließ den Hörer auf die Gabel fallen und sank auf den Sessel vor dem Schreibtisch nieder. Erst allmählich ebbte ihre Erregung zurück Freude, Jubel kam auf. Er kam, er kam er fühlte sich verpflichtet, zu kommen. Und wenn er auch nur die Form wahrte, sie war glücklich.

Frau Widemann war zwar nicht sehr erbaut von bem plötzlichen Besuch, richtete es selbstverstänb- lich boch ein.

Pünktlich um halb acht Uhr brachte ihn bas Auto. Lian^ lauschte von ihrem Zimmer nach un­ten, Frau Keppler sprach mit ihm.

Fräulein Liane wirb gleich fertig fein. Bitte, treten Sie einstweilen ein! Oh, bie schönen Blu­men' Wie wird sie sich freuen" *önte bie Stimme ber Hausbame herauf.

Liane schritt langsam nach unten, trat in bas Herrenzimmer unb ging ihm entgegen.Ich banke für die Blumen", sagte sie leise hört», wie hin­ter fhr bie Tür ging. Frau Keppler ließ sie allein.

Verzeihung!" sagte Freb.Es war mein Fehler, aber w'r haben uns eine schlechte Verlobungszeit ausgesucht. Vom Herbst bis zu Weihnachten ist Hochsaison, ich werbe immer sehr spät aus ' Geschäft kommen."

Mein Fräulein, Sie werfen bie ganze Komöbie über ben Haufen, wenn Sie weiter Sie sagen", wanbte er ein.Im übrigen haben Sie nicht zu banken. Ich werbe mich befleißigen, alle notwen- bigen Geschenke aus bem Geschäft Ihres Vaters zu ziehen."

Er sah, wie ihre Nasenflügel bebten, erwartete ein jähes Aufflackern ihres Zorns unb war er­staunt, als sie, ben Kopf fenfenb, schwieg.

Das Auto wartet wollen wir gehen?"

Er half ihr in ben Mantel, half ihr beim Ein­steigen. Stumm fuhren sie zu ber Tante.

Frau Wibemann kam ihnen entgegen, streckte ihnen beibe Hänbe hin.Welche Freube für mich, Liane mit Ihnen hier begrüßen zu können. Und baß Sie es gerabe sinb, ben sie sich erwählt hat, freut mich boppelt. Unb nun wünsche ich euch bei- ben recht viel Glück."

Freb verneigte sich stumm.

Leiber müßt ihr auf den Onkel noch warten. Das kommt davon, wenn man sich erst in letzter Minute anmeldet."

_ , . . Der gefürchtete Abend oerliei weit besser, als

,Und ich danke Ihnen auch für das Schmuckstück?"! Liane gedacht. Die Zukunft wurde bestimmt, der

Termin zur Hochzeit ungefähr festgelegt; die Aende- rungen im Hause, die Frau Widemann vorschlug und bie auch Freb zum Teil wünschte, würben besprochen.

Eigentlich konnte sich Liane in ber folgenben Zeit nicht betragen, immer würben frische Blumen von Fred abgegeben, immer ftanb er an einem Abend ber Woche zu ihrer Verfügung; aber seine eiskalte, formelle Ho,lichkeit schien ihr bald schwerer zu er­tragen, als sein offener Spott und Hohn, mit dem ertrf?sr behandelt. Mauern, undurchdringliche, glatte Mauern richtete er zwischen ihnen auf, an denen jeder Versuch einer Annäherung abprallen mußte.

Arbeit brachte sie über ihre Verlobungszeit hin- weg mit Arbeit betäubte sie sich, als er kurz ^.-Weihnachten Abschied von ihr nahm, von Ge­schäftsreisen sprach und ihr ein Wiedersehen erst kurz vor der Hochzeit ankündigte.

Es gab ja auch so viel zu besorgen, zu räumen, zu bedenken. Frau Widemann war eine Frau, bie nichts halb tat. Sie nahm sich bie verschiebensten Hanbwerker vor, besprach sich lang unb breit mit Schneiberin und Weißnäherin, schien überhaupt an nichts anderes mehr zu denken als an das Heim oes jungen Paares. Sie brachte Leb»n ms Haus: es wurde geräumt, Möbel wurden verschoben, ganze ^mmereinrichtungen wanderten in anb»re Räume, Handwerker kamen, versetzten Wänb», legten n ur elektrische Leitungen, klebten neue Tvveten auf, strichen sämtliche Türen und Fenster, schufen aus dem Haus ein wahres Tohuwabohu, krempelten das Unterste zuoberst.

Liane war froh, daß ihr Heim, in dem sie feder Winkel an den Vater erinnert hatte, ein neues Bild bekam. Weniger zufrieden war Frau Keppler mit den vielen fremden Menschen im Hause, ben immer neuen Plänen ber Tante und dem ewigw Durch­einander in den sonst so peinlich aufgeräumten Zimmern der Villa

Sie stellte denn auch der Tante heimlichen, darum sehr zähen Widerstand entgegen was zur Folge hatte, daß die beiden Damen derart an»manb»r ge­rieten, daß Frau Keppler für immer davonzog

Liane grämte sich nicht über den Verlust Sie wollte überhaupt keine Hausdame mehr. Köchin und Hausmädchen waren schon so lange im Haufe es mußte ein» Kleinigkeit fein allein fertig zu werden

Schon war das untere Stockwerk des Hausts völlig fertiggestellt, als Lian- bei einem Gana nach Besorgungen Irene traf.

Irene war auffallend elegant und kostbar ge­kleidet. Der helle Fehmantel war sehr schick die Koppe, die sie trug, wirkte kokett, ihr G"sicht war leicht ^evuturt, das Rot ihrer Lippen nicht ganz echt. Sie strahlte Liane förmlich entgegen.

(Fortsetzung folgt 1)