Ausgabe 
2.4.1935
 
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Kr.78 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Dienstag, 2. April (935

Die Schwestern Jackson.

Geschichte zweier Tänzerinnen. Leben, abenteuerlicher als jeder Roman.

Der Farmer Jeftris Jackson lebte seit Jahren mit seiner Frau allein in Kanada. Die älteren Kinder gingen längst ihren Berufen nach, als ihm, der nicht mehr auf Nachkommen zu hoffen wagte, ein Zwillingspaar, zwei Mädchen, geschenkt wurden. Vater Jackson war davon überzeugt, daß im Um­kreis von vielen Meilen niemand so hübsche kleine Töchter habe wie er, und seine Frau stimmte ihm bei. Die Zwillinge waren blond und blauäugig wie alle Kinder in dieser von Angelsachsen bevölkerten Gegend, doch schien es wirklich, als ob Marion und Gladys Jackson das hellste Haar und die größten Augen hätten.

Die Schwestern schienen unzertrennlich. Wer kannte sie auseinander? Nicht einmal der Vater. Erst als sie größer wurden und Marion nach einem Sturz eine kleine Narbe auf der Stirn trug, war ein Erkennungszeichen da. Die Zwillinge empfanden niemals, daß sie zwei Wesen waren sie lebten wie eines, sie konnten ohne einander nicht sein, sie erkrankten zur gleichen Zeit, sie gesundeten am selben Tag, sie dachten das gleiche, sie sprachen auch das gleiche. Miteinander unterhielten sie sich selten genug, ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, ein Blick, ein Druck ihrer Hände genügte, um sie davon zu überzeugen, daß Marion empfand wie Gladys und Gladys wie Marion.

Vater Jackson ging es gut. Der Weizen stand hoch im Preis, da konnte er die Mädels in die Stadt auf die Schule schicken, ja konnte sie aus­bilden lassen in allerlei Künsten, im Singen, Tan­zen, Malen. Und eines Tages kehrten sie heim und erklärten: sie wollten Tänzerinnen werden, viel­mehr sie seien es schon. In Winnipeg wisse es .jedermann, daß ihrem Talent die Welt offenstehe.

Es fiel dem einfachen Landwirt und -seiner Frau nicht leicht, die Mädchen in einem fremden Beruf zu wissen. Tänzerin? Was war das eigentlich? Aber war es möglich, Marion und Gladys einen Wunsch nicht zu erfüllen?

Eine Künstlerin, die, aus Rußland vertrieben, nach Kanada verschlagen worden war, bildete die Mädchen aus. Manchmal wußte sie nicht mehr, ob sie ein Wunder erlebte, ob sie träumte oder wachte. Die Zwillinge waren wirklich ein Wesen, ein Geist, e i n Fleisch. Was die eine lernte, konnte die andere. Niemand brauchte sie zu lehren, wie man miteinander tanzt, sich bewegt. Sie kannten gar nichts anderes als diesen Gleichklang sie waren zwei Gestalten und schienen im Tanz zu einer zu verwachsen. Beide waren klug, doch nicht schöpfe­risch, sie würden es nie zu den höchsten Ehren ihrer Kunst bringen. Sie vermochten nicht ihr Empfinden im Tanz durch die Gebärde zu gestalten, es mußte ihnen anerzogen werden. Sie schienen nur tanzen zu wollen, um sich aneinander' zu erleben, um den Einklang ihrer Körper zu spüren, den gleichen Takt des Blutes, das gleiche Schwingen und Gleiten. Das aber war Vollkommenheit, ohne Inhalt zwar und ganz Form, aber es war wirkliche technische Vollkommenheit.

Sie tanzten in Kanada, in den Staaten, sie er­oberten die Variet^bühnen, sie traten in London auf, erfreuten Paris und die anderen Hauptstädte des Kontinentes. Sie kehrten zurück, lebttzn auf dem Gut, schliefen, träumten, aßen und tranken wie müde und gehetzte Tiere. Sie schenkten den Eltern und Geschwistern, was diese nur zu wün­schen wagten, dann zogen sie wieder in die großen Städte.

Man sprach von ihnen, wohin sie kamen, man erzählte von Geheimnissen um ihre Herkunft, man versuchte ihr Leben zu erforschen. Es war vergeb­lich, sie duldeten niemand außer ihren Garderoben­frauen um sich, sie waren immer allein. Keiner trat ihnen näher, sie waren höflich, aber kühl und abweisend. Sie tanzten und schritten, glitten dahin,

die Menschen jubelten ihnen zu, betroffen über das Wunder der Gleichheit.

In London begegnete ihnen das Schicksal. Ein junger großer Offizier der Garde, wohlhabend und aus guter Familie, saß in einer Gesellschaft lange Zeit bei ihnen ohne ein Wort zu sprechen. Er starrte nur Marion an, über deren linker Braue jenes kleine rote Mal von dem Sturz zu sehen war. Als Gladys sich daheim über den Riesen lustig machte, gebot ihr Marion heftig Schweigen.

Die Schwester war wie vernichtet. Was war mit Marion geschehen? Bald wußte sie, wie es um sie stand. Marion ging allein aus, kehrte spät heim, sprach wenig mit der Schwester und wurde auch

Es sind in diesen Tagen 35 Jahre her, seit in Hamburg der O st asiatische Verein gegrün­det wurde. Es war die Zeit, in der die deutsche Wirtschaft, die bis gegen das Ende des 19. Jahr­hunderts im wesentlichen eine Binnenwirtschaft war, unter dem Schutze des erstarkenden Reiches in zunehmendem Maße sich zur Weltwirt­schaft entwickelte, in der die Länder Ostasiens und der Südsee wohl die erste Rolle spielen. Da­mals traten die führenden Männer des Export­handels, namentlich in Hamburg und Bremen, mit amtlichen und wissenschaftlichen Kennern jener fernen Länder zusammen, um durch eine plan­mäßige Organisation die Aufgabe des deutschen Kaufmannes systematisch zu unterstützen, sich neben der viel älteren Konkurrenz der seefahrenden Na­tionen Geltung und Ausbreitung zu verschaffen. Das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts brachte eine erstaunliche Fruchtbarkeit dieser Teilnahme Deutschlands an der engeren wirtschaftlichen, aber auch geistigen Verbindung des Fernen Ostens mit der westlichen Handels- und Kulturwelt. Die deut­sche Ware trat in jenen Ländern neben der eng­lischen und amerikanischen an die vorderste Stelle, die Flagge des Reiches wehte in allen ostasiatischen Häfen, und ein reger Austausch wissenschaftlicher und künstlerischer Art stellte Deutschland in die vorderste Linie der Nationen, von denen sich die zur Teilnahme an der modernen westlichen Zivi­lisation erwachende Welt des Ostens Anregung und Belehrung holte. Die in jener Zeit gegründete deut­sche Herrschaft in K i a u t s ch o u auf chinesischem Boden wurde im ganzen Fernen Osten als ein Musterwerk europäischen Schaffens angesehen, und die deutschen Kolonien in der S ü d s e e fingen an, neben den afrikanischen Besitzungen des Reiches, nicht nur die aufgewendete Mühe und Arbeit heim- zuzahlen, sondern auch eine wachsende Anzahl deut­scher unternehmender Menschen an sich zu ziehen und so langsam den Typus des Ueberseedeut- s ch e n zu schaffen, jenes Menschenschlags, mit dem uns England um Jahrhunderte voraus war und mit dem es seinen wirtschaftlichen und zivilisato­rischen Siegeszug über die Welt angetreten hat.

Der Weltkrieg brachte, noch ehe diir Ent­scheidung in Europa gefallen war, die schmerzliche Liquidation dieses Fleißes und Aufstieges. Die Wegnahme des Pachtgebietes Kiau- tschou und der Südseekolonien löschte für lange Zeit die deutsche Hoheitsflagge in den fernöstlichen Gewässern, und die gewaltsame Reduzie­rung der deutschen Handelsflotte lieferte das ganze große Wirtschaftsgebiet jener Länder unbestritten der Konkurrenz der Gegner aus. Der fast gänzliche Ausfall des o st asiatischen Handels hat am meisten zu dem wirtschaftlichen Niedergang der großen deutschen Ausfuhrhäfen, namentlich

unaufmerksam beim Tanz. Das Publikum merkte nichts doch Gladys spürte es voll Erschütterung: der Gleichtakt des Blutes war dahin. Das war kein Suchen, Sichfinden und beglücktes Schreiten mehr, das war Technik, Erfahrung und Gewöhnung.

Marion heiratete den Offizier, Gladys kehrte nach Kanada zurück. Sie schien geistesgestört. Manchmal suchte sie mit starrem Blick etwas, was niemand sah, sie suchte die Ergänzung ihres Wesens. Viele Monate war sie auf dem elterlichen Gut, dann trieb die Unrast sie wieder auf die Bühne. Sie wurde ausgelacht. Was war denn eine Schwester Jack­son? Eine mittelmäßig begabte Tänzerin gut genug für ein Ballettkorps zwei Schwestern Jackson waren die Vollendung aewesen.

Als Gladys das Gelächter hörte, zerriß etwas in ihr. Noch in der Nacht stürzte sie sich vor einen Zug. Es war dieselbe Nacht, in der ihre Zwillings­schwester Marion in England an der Geburt eines Kindes starb. I. Vogel.

Hamburgs, und zu dem teilweisen Untergang eines stolzen alten Handelsgeschlechtes beigetragen. Es ist aber ein Zeichen der bewährten Zähigkeit des han­seatischen Unternehmungsgeistes, daß diese Schicksals­schläge nicht zu einer völligen Lähmung und zu einem endgültigen Verzicht geführt haben. Der oben erwähnte O st a s i a t i s ch e Verein hat auch in den Zeiten, in denen er auf eine fast rein theo­retische Arbeit beschränkt war, seine Aufgabe im Auge behalten, die Organisation der deutschen lieber« seewirtschaft in künftige bessere Zeiten herüberzuret­ten und einem kommenden deutschen Kaufmanns­geschlecht die Erfahrungen der Vergangenheit zur Verfügung zu stellen. Wenn das deutsche Ostasien- geschäft auch heute noch einen fast trostlosen Tief­stand zeigt, so liegt das gewiß nicht an dem Ver­sagen des deutschen Kaufmannes, sondern an den Veränderungen, die in den Nachkriegsjahren in der Weltwirtschaft überhaupt und in den inne­ren Verhältnissen Ostasiens im Beson­deren vor sich gegangen sind.

Auf der Tagung der Ostasien-Gesellschaft in Ham­burg hat dieser Tage ihr Vorsitzender, Staatsrat H e l f f e r i ch , in einer großen Rede die Wider­stände auseinandergesetzt, die einem Wiederaufbau des deutschen Überseehandels im allgemeinen und besonders in Ostasien entgegenstehen. Sie liegen in der Weltwirtschaftskrise und in der immer mehr zu einer Entscheidung drängenden politischen

Die Pressestelle des Landesarbeitsamts Heffen teilt mit:

Wenn im Rahmen der Erzeugungsschlacht das gesteckte Ziel, die Ernährung des deutschen Volkes aus eigener Scholle sicherzustellen, erreicht werden soll, ist es vor allem notwendig, der La ndw iri­sch ast in ausreichendem Maße die von ihr benö­tigten Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Hierauf ist in der letzten Zeit in der Presse wieder­holt hingewiesen worden. Die hierzu notwendigen Maßnahmen hat die Reichsregierung mit dem Ge­setz zur Bestedigung des Bedarfs der Landwirt­schaft an Arbeitskräften vom 26. Februar 1935 ge­troffen. Auf Grund dieses Gesetzes hat der Präsi­dent der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung unter dem 29. März 1935 folgendes angeordnet:

Die Vorsitzenden der Arbeitsämter können verlangen, daß Personen, die in der Zeit vom 1. Januar 1932 bis zum Inkrafttreten dieser Anordnung als landwirtschaftliche Arbeiter,

Entwicklung des Fernen Ostens,die un­ter der Führung Japans den Charakter eines Zu­sammenschlusses der asiatischen Welt in betonter Gegensätzlichkeit zum Westen angenommen hat. Beide Ursachen lassen sich von Deutschland aus allein nicht beseitigen, sondern erfordern die ver­ständige Zusammenarbeit aller Wirtschafts­völker, die von der nun sechs Jahre währenden Weltkrise gemeinsam erfaßt sind und noch immer nicht die Kraft zu befreienden Entschlüssen gefunden haben. Der heutige Zustand, in dem die aufeinan­der wirtschaftlich angewiesenen Völker in einem gegenseitigen Blockadezustand verharren und die freie Tätigkeit des Kaufmanns durch bürokra­tische Regelung des Warenaustausches erschweren, hat erst die Voraussetzungen dafür geschaffen, auf denen sich das Bestreben Japans entwickeln konnte, mit dem Aufbau einer ungeheuren und billig ar­beitenden Industrie den westlichen Handel immer mehr aus Ostasien zu verdrängen und die asiatische Welt nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu einem geschlossenen, von Japan geführten Welt­gebiet zu machen. Wenn kürzlich der holländische Ministerpräsident den Aufstieg der japani­schen Produktion zwischen 1914 und 1929 an drei Beispielen aufzeigte, in der Metallindustrie von 100 auf 1300 Millionen Mark, in der chemi­schen von 250 auf 1150 und in der Textilindustrie von 1 Milliarde auf 4,16 Milliarden Mark, so zei­gen diese Ziffern, bis zu welchem Grade diese, die ganze alte Organisation der Weltwirtschaft umstür­zende Entwicklung bereits vorgeschritten ist.

In den psychologischen Ursachen, die den Zu­sammenschluß fast der ganzen Welt zu gemeinsamer Niederwerfung Deutschlands herbeiführten, spielten Neid und Furcht wegen der deutschen wirtschaft­lichen Erstarkung, namentlich auf englischer Seite eine hervorragende Rolle. Aber wie England den Sieg mit dem Niedergang seiner politi­schen Weltstellung bezahlen mußte, so ist es auch in der Hoffnung enttäuscht worden, aus der Beseitigung des deutschen Konkurrenten welt­wirtschaftliche Vorteile zu ziehen. Aber weder in der Politik, noch in der Wirtschaft hat es sich bis dahin entschließen können, die Folgerungen aus diesem seinem großen Irrtum zu ziehen. Die Verhandlungen über die künftige Gestaltung des europäischen Politik sind die eine Seite dieser großen prinzipiellen Frage, die völlige Beseitigung der wirtschaftlichen Fesseln, in die der Güteraus­tausch der Welt gelegt ist, die andere Seite. Der englische Politiker und der englische Kaufmann haben, wenn sie es recht verstehen, dieselbe Auf­gabe.

ländliches Gesinde, Wanderarbeiter (Schnitter!, Melker, oder als Familienangehörige bes Un­ternehmers in der Landwirtschaft wenigstens zwei Jahre tätig waren, aber in anderen als landwirtschaftlichen Betrieben oder Berufen mit anderen als landwirtschaftliche Arbeiten beschäftigt sind, vom Unternehmer (Arbeitgeber) ihres Betriebes entlassen werden."

Die Anordnung ist am 1. April in Kraft getreten. Soweit landwirtschaftliche Arbeitskräfte in nicht- landwirtschaftliche Betriebe oder Berufe abgewan- bert sind und die Voraussetzungen dieser Anordnung zutreffen, müssen sie vom Arbeitsamt zurückberufe» werden, wenn ein ungedeckter Bedarf an lanbmirt* schaftlichen Arbeitskräften vorliegt. Die Abberufung kann auch in Frage kommen, wenn landwirtschaft­liche Arbeitskräfte im zwischenbezirklichen Ausgleich, also für andere Arbeitsamtsbezirke, unbedingt ge­stellt werden müssen. Die Arbeitsämter sind mit den notwendigen Weisungen bereits versehen.

Bei der Durchführung der Anordnung muß da-

Deutschland aus dem asiatischen Markt.

Mehr schaffende Hände aufs Land!

Oie Befriedigung des Bedarfs der Landwirtschaft an Arbeitskräften.

Der alle und der junge König." Festvorstellung im Lichtspielhaus.

Ein großer, berühmter und volkstümlicher Stoff der preußischen, der deutschen und der europäischen Geschichte; ein Schauspiel, das historisch und staats­politisch so bedeutsam und lehrreich wie menschlich anziehend und ergreifend auf den Beschauer ein­wirkt. Will man seinen Sinn und Inhalt auf eine knappe Formel bringen, so kann sie nur besagen, daß hier- der Nachwelt gezeigt werden soll, wie in der Kronprinzentragödie Friedrichs II. die Ge­burt einer neuen Großmacht sich vollzieht, wie der Staat Preußen erwächst, auf dessen Fundamenten auch unser gegenwärtiger Staat noch immer ruht, und zu dessen stärksten Lebenskräften wir heute be­wußt zurückkehren. *

Es würde viel zu weit führen, wollte man auf­zählen, wie oft und in wie verschiedenen Formen dieser Stoff immer aufs neue gestaltet und ab­gewandelt worden ist: in Erzählungen und m Schauspielen und auch bereits im Film. Das ist nun freilich schon gut zehn Jahre her, und estft lehrreich, von jenem ersten Fridencus-Film aus diesen hier zu betrachten. Wenn wir uns zu er­innern versuchen und beide nebeneinander rucken, dann ist, merkwürdigerweise, der auffälligste Un­terschied nicht der, daß jener erste Film^na tur- gemäß noch stumm war und also Dteler Möglich­keiten ermangelte, die uns heute langst selbstve stündlich und geläufig sind. ... ... .

Es sind, soweit im Ablauf der Ereignisse em Vergleich gestattet ist, sogar im wesentlichen die­selben Motive, die gleichen Bilder und Szenen die hier und dort als wichtig ergriffen und gezeigt wurden; der' Unterschied ist aber vor allem Dieser, der erste Fridericus-Film gab nur die Kronprinzen­tragödie; alles, was geschah, war vom jungen Friedrich aus gesehen und begriffen, auf den volles Licht fiel, während das Bild des Vaters eng, klein und beschattet blieb. Es ist nicht nur eine Frage der Besetzung und der Darstellung, wenn hier nun, im neuen Film, die Gewichte sich gewaltig verscho­ben haben: was hier gezeigt wird, ist ganz über­wiegend ein Bild des alten Königs. Von ihm aus, in erster Linie, wird die Entwicklung deutlich und begriffen, die hier geschildert werden sollte.

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Damit soll beileibe kein Wort gegen die pracht­volle Gestaltung des verstorbenen Steinrück ge­sagt sein, der damals den Friedrich Wilhelm spielte. Aber damals war der Film grundsätzlich anders angelegt und aufgebaut. Das Bild war damals mehr auf äußere Wirkung angelegt; heute wird die inner» Linie des Dramas verfolgt und aufge­

wiesen. Das Drehbuch schrieben Thea v. H a r b o u und der Dramatiker Rolf L a u ck n e r. Die Grund­züge der Fabel sind ja bekannt genug und brau­chen also nicht rekapituliert zu werden. Es soll auch nicht untersucht werden, ob alles und jedes genau so, wie es hier gezeigt wird, im Sinne Rankes wirklich gewesen ist. Das wird nicht ein­mal in allen Einzelzügen zu ermitteln sein und ist auch nicht wichtig, denn der Film ist kein Ge­schichtsbuch. Wesentlich ist und bleibt das Gesamt­bild und die Idee, die sich aus diesem Bilde für die Nachlebenden gewinnen läßt.

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Die großen Stationen in der Bilderfolge sind die gleichen geblieben: der in immer schärferen Formen sich ausprägende Konflikt zwischen Vater und Sohn; das englische Heiratsprojekt; das Tabaks­kollegium; die Züchtigung des Kronprinzen; die mißglückte Flucht; die Hinrichtung Kaltes; dies ist der dramatische Scheitelpunkt, hier setzt mit der Unter­werfung Friedrichs unter den väterlichen Willen jene entscheidende Wendung ein, die über das Rheinsberger Zwischenspiel an den Ausgangspunkt zurückführt: der Kronprinz, der in Potsdam an das Lager des sterbenden Königs tritt, hat die innere Notwendigkeit des grausam harten Weges be­griffen, der hinter ihm liegt; er erkennt den Vater und den König zugleich und er sieht die Aufgabe, die vor ihm liegt, als er aus den Händen des Sterbenden, im Angesicht der versammelten Gene­ralität, das Vermächtnis eines aufsteigenden Staa­tes empfängt:Mach Preußen groß!" das sind die letzten Worte des Alten, dann sinkt er zurück. Aber der Junge steht aufrecht, und hinter ihm er­scheinen, in ein paar flüchtigen, traumhaften, visio­nären Bildern unter den mächtig heraufdringenden Klängen der preußischen Feldmusik die Namen Hohenfriedberg und Leuthen. Diese Namen be­zeichnen den Weg, der in Potsdam beginnt, der über Küstrin und über Rheinsberg hinausweist, und der in Sanssouci endet .

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Von Sanssouci freilich ist hier noch nicht die Rede; Potsdam aber, Küstrin und Rheinsberg, das ist die preußische Welt, in der Friedrich groß ge­worden ist. Diese einmalige und unvergeßliche Welt in ihrer Klarheit und oft fast schmerzhaften Gegen- sätzlichkeit sichtbar gemacht zu haben, ist das Ver­dienst des Regisseurs Hans Steinhoff. Ihm kam es, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, nicht so sehr auf die äußere Wirkung an, die freilich hier leicht zu haben war; sondern es sollten die Schau­plätze nicht nur als malerisches 'Bild und historlsche. Szenerie begriffen werden, vielmehr als Ausdruck einer inneren Form und Haltung: sehr sinnfällig heben sich also zum Beispiel Lärm und Oualm der Tabagie von der zarten Flötenmusik im Kron­

prinzenzimmer, die Grazie und Kultur eines Rheins­berger Festes von der spartanischen Einfachheit des königlichen Nachtlagers in der Scheune ab.

*

So formt sich aus vielen Einzelzügen ein in sich geschloffenes und übrigens sehr figurenreiches Bild. Aber dieses Bild wird mit großartiger Ausschließ­lichkeit von einer Gestalt beherrscht von Anfang bis zu Ende: das ist der alte König, Friedrich Wilhelm L, das ist Emil I a n n i n g s. Man hat ihn lange Zeit nicht mehr im Film gesehen, aber man spürt schon in seiner ersten Szene, daß auch diese neue Gestaltung getragen und ausgeformt wird mit jener wunderbaren und oft überwältigen­den menschlichen Fülle und Lebenskraft, die so viele seiner früheren Leistungen unvergeßlich nuidjte.

Was Jannings darstellt, ist genau der König, der hier gemeint war und einmal gezeigt werden sollte: ein wirklicher König, eine bedeutende, in vielem geniale Persönlichkeit von überlegenem Geist und unerschütterlichem Willen; nicht der Gamaschen- knopf und cholerische Haustyrann, wie er oft ge­malt wurde, sondern die Verkörperung eines klassi- fchen Preußentums, eines Pflichtbegriffes und einer Staatsräson, die in die Zukunft schaut und die spätere Entwicklung formt.

Aber das ist nicht nur ein König, den Jan­nings hier darstellt, sondern auch ein Vater. Vater seiner Kinder, dieses ältesten Sohnes vor allem, und seines Landes; nicht nur ein Mann der Pflicht, der Strenge, der Härte, des Staatsbegrif­fes, sondern auch ein Mann mit Herz, voll tiefer, sorgender, versteckter Liebe zu seinem Sohn, der so gar nicht sein Ebenbild zu sein scheint. Ein Mann mit Bonhommie sogar und mit Humor; ein Mensch, der nicht immer königlich anzusehen ist, aber immer doch König bleibt, auch in Hemdärmeln und Schreibschürze, und auch dann noch, wenn er selber die Kerzen ausbläst im Schloß, um das teure Wachs zu sparen. *

Neben solcher Fülle einer reichen Menschlichkeit mußten die andern Gestalten verblassen. Werner Hinz ist der Kronprinz; er hat es anfangs be­sonders schwer, neben Jannings zu bestehen, zu­mal ihm die Rolle hier kaum eine Entfaltung ge­stattet; aber er wächst in die Aufgabe hinein, wächst mit der Entwicklung, die er durchläuft und die er auf den Beschauer übertragen muß. Am stärksten und lebendigsten wirkt er vielleicht in den kurzen Szenen in Rheinsberg.

Don den vielen andern können nur ein paar der wichtigsten Namen herausgegriffen werden: Marie- luife Claudius, zart und anmutig als Prin- zessin Wilhelmine. Georg Alexander gibt über- raschend sicher und mit scharfen Kontur-m den jungen Erbprinzen von Bayreuth. Friedrich

K a y ß l e r formt mit herber Schlichtheit die kleine Szene des alten Katte; den jungen gibt Claus Clausen knapp und straff in preußischer Hal­tung. Die Konstantin als Königin; Theodor Loos als Rachow; O d e m a r als Hotham; Eugen Rex als Kammerdiener Eversmann; Harry Hardt als Seckendorfs seien noch genannt

Der Film, eine Produktion des Neuen Deutschen Lichtspiel-Syndikats, erschien gestern abend zum erstenmal als Festvorstellung vor einem sehr zahl­reichen Publikum. Der Musikzug der Standarte 116 unter Leitung von Musikzugführer Herrmann bereicherte das Vorprogramm mit einigen ausge­zeichneten Darbietungen, von denen besonders der Fridericus Rex" und zwei schneidige Fanfaren- märsche stürmischen Anklang fanden. Aus der neuen Wochenschau sind die eindrucksvollen, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bilder vom Heldengedenk­tag in Berlin hervorzuheben.r

Hochschulnachrichten.

An der Universität F r a n k f u r t ist der bisherige Rektor, der Professor der Neueren und Mittleren Geschichte Dr. phil. Walter Platzhoff von dem Herrn Reichs- und Preußischen Minister für Wissen­schaft, Erziehung und Volksbildung für die am 1. April beginnende Amtszeit aufs neue zum Rektor ernannt worden.

Professor Dr. Erich Genzmer, Ordinarius für Römisches und Deutsches Bürgerliches Recht an der Universität Königsberg, hat zum 1. Oktober einen Rus an die Universität Frankfurt an­genommen, wo er Nachfolger des nach Marburg berufenen Professors Boehmer wird.

Dem Leiter der Abteilung für menschliche Erb- lehre am Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Anthropologie in Berlin-Dahlem, Professor Dr. Otmar Freiherr von V e r s ch u e r, ist der Lehrstuhl für Erbbiologie und Rassenhygiene an der Universität Frankfurt übertragen worden. Gleichzeitig übernimmt er die Leitung des neugegründeten Erbbiologischen Instituts der Universität Frankfurt.

Der Lehrstuhl für angewandte Physik an der Universität Frankfurt ist dem ordentlichen Pro­fessor Dr. Max Seddig in Frankfurt übertragen worden. Gleichzeitig ist er zum Direktor des Insti­tuts für angewandte Physik ernannt worden.

Professor Dr. Johannes R e i n m ö 11 e r , Ordi­narius für Zahnheilkunde an der Universität E r - langen, ist zum 1. April in gleicher Eigenschaft an die Universität Würzburg berufen worden. Sein Nachfolger auf dem Erlanger Lehrstuhl wird Professor Dr. Wustrow von der Universität W iPr zburg. 1