Feuer im Bauernhof.
Zu dem unter dieser Ueberschrift in unserer Ausgabe von Mittwoch. 30. Oktober, aus Ruppertsburg vcröffenttichten Bericht über das B r a n d u n glück auf dem Henrietten Hof bei Rupperlsbura ist eine Berichtigung erforderlich In jenem Bericht mar gesagt worden, die herbci- aeeitte I e u c > w e h r u o n Bitlingcn sei ebenfalls rasch erschienen, sie habe aber nicht mehr in Tätigkeit zu treten brauchen. Diese Angabe des Berimts ist unZutreffend. Richtig ist vielmehr, daß die Feui rwebr lon Villingen zwar zulegt auf dem Lranbplotz eintraf, ihren außerordentlich flinken Wehrmännern es aber gelang, noch vor der Laubacher Motorspritze Wasser zu geben und dann etwa 2 Stunden lang das angrenzende Gebäude unter Wasser zu halten, um weitere Brandschäden zu verhüten. Für den vortrefflichen Geist der Vil- linger Feuerwehr spricht auch die Tatsache, daß die Villingcr Feuerwehrmänner auf die Meldung von dem Brand hin einem in Villingen gerade daherkommenden Fuhrwerk kurzerhand die Pferde aus- spannten, sie vor der Spritze einschirrten und nun in größter Eile nach der Brandstelle fuhren, wo sie, wie gesagt, ihre Aufgabe in bester Weise erfüllte.
Landkreis Gießen
Heuchelheim, 31. Okt. Der I a h r g a n g 1884/85 feierte am 27. Oktober seinen 5 0. G e - b u r t 5 t a g. Die Teilnahme, auch von außerhalb wohnenden Klassenkameraden, war fast vollständig. Die Feier hatte am Vormittag einen ernsten Charakter. Die 50er beteiligten' sich am Gottesdienst und dem heiligen Abendmahl. Die eine Seite des Kirchenschiffes war ihnen völlig reserviert. Der Kirchenchor verschönerte den Gottesdienst durch zwei Lieder. Wort und Lied waren einheitlich gestimmt auf die Feier des Tages. Pfarrer Weisel legte feiner Predigt Psalm 115, Vers 14, zugrunde: „Der Herr segne euch je mehr und mehr, euch und eure Kinder!" Weißt du's noch? Wie ein roter Faden zog diese Frage immer wieder durch den ersten Teil der Predigt, um im zweiten Teil aus- zukühren, daß es der Herr ist, der die Iubilare gesegnet hat, gesegnet auch in Schmerz und Leid, und um in einem dritten Teil von Gottes Segen an den Kindern zu reden. Die Teilnahme der Kirchgänger am heiligen Abendmahl war eine vollständige. Im Anschluß an den Kirchgang fand auf dem Friedhof eine kurze Andacht für die toten Schulkameraden statt, lieber ihr stand das Psalmwort 95 Vers 4: „In seiner Hand ist, was unten in der Erde ist." Der Nachmittag und Abend trugen frohen Charakter. Mit den Ehegatten versammelten sich 54 Personen in der Gastwirtschaft von V o l k m a n n. Der Saal war von dem Gärtner schön hergerichtet, lieber dem Podium an der Wand leuchtete die Zahl 50 mit der Jahreszahl 84/85. An hufeisenförmig gestellten Tischen nahmen die Iubilare mit ihren Ehegatten Platz. Gemeinsamer Kaffee mit Kuchen machte den Auftakt. Schulkamerad Landwirt Ludwig Schmidt begrüßte die Anwesenden herzlich. Zu Ehren der toten Schulkameraden verharrten die Kameraden eine Minute in Schweigen, während das Orchester das Lied vom guten Kameraden spielte. Ein Sieg- Heil auf den Führer und unser Volk und der Gesang des Deutschland- und des Horst-Wessel-Lie- AUNWU
Vornan von Anny von panhuys
Urheberrechtsschutz Auswärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
33 Fortsetzung. Nachdruck oerbotenl
32. Kapitel.
Glücklich weberBruber noch Schwester Auch im Hause des Goldschmiedemeisters Hochwald ging man nach der Heimkehr nicht gleich schlafen wie es wohl eigentlich die Zeit erfordert hätte. Ohne unterwegs mehr als das Notwendigste miteinander zu sprechen, hatte man den kurzen Weg quer über den Ritterplatz gemacht. In der Wohnung angekommen, sagte Johannes Hochwald, die Tochter ins Wohnzimmer führend: „Ich glaube, Bettina, wir müssen uns noch auseinandersetzen über das Befremdende deiner Verlobung mit Graf Syden."
Frau Hochwald, die den beiden ins Wohnzimmer gefolgt war, gähnte verstohlen und meinte lächelnd: „Aber Hannes, darüber kannst du doch mit Bettina reden, nachdem wir ausgeschlafen haben und es Tag geworden ist. Der Graf wird ja wahrscheinlich gegen Mittag selbst antreten, um sich unsere Erlaubnis und unseren Segen zu der etwas plötzlichen Verlobung zu holen, die übrigens vollkommen begreiflich ist. Er hat sich eben über das Betragen des Barons Hammerschmied geärgert und ihm eins ausgewischt. Natürlich liebt er Bettina und ist sicher, daß Bettina ihn wiederliebt, sonst hätte er nicht riskiert, die Geschichte mit der Verlobung vom Zaun zu brechen. Der Baron hat eins darauf gekriegt, und unsere Bettina ist Braut, das zu wissen, genügt mir vorläufig nicht nur, es macht mich auch sehr glücklich."
Johannes Hochwald hatte eine Menge Fragen für Bettina bereit gehalten, aber ein trauriger Blick von ihr schien zu bitten: Frage mich nicht zuviel, Vater! Da stellte er nur die eine Frage, die ihm die wichtigste schien: „Hast du Hans Syden lieb, Bettina?"
„Ja, Vater," erwiderte sie laut und klar, „ich habe Hans Syden sehr lieb."
Der grauhaarige Mann atmete tief auf und dachte, schließlich kam es doch nur auf d i e Frage an, die Bettina eben beantwortet. Zu seiner Zufriedenheit beantwortet.
Frau Hochwald lachte: „Der Himmel mag wissen, wie lange die beiden sich schon liebhaben! Ich muß allerdings bekennen, der Gedanke, Graf Hans könnte einmal mein Schwiegersohn werden, ist mir bisher noch niemals gekommen, um so rascher habe ich mich daran gewöhnt."
Bettina konnte nur mit Mühe ihre Tränen zu- rückhalten, doch quälte sie ein Lächeln um ihren Mund, als sie sagte: „Ich bin schrecklich müde und möchte gern schlafen gehen."
Ihre Mutter nickte. „Natürlich, geh du nur schlafen, Mädelchen, sonst siehst du schlecht aus, wenn morgen der Herzallerliebste kommt."
Bettina reichte den Eltern die Hand und stieg die Treppe hinauf, war froh, als sie sich in den vier Wänden ihres Stübchens befand und ihren Zügen keine Gewalt mehr anzutun brauchte. Wie woyl das tat, sich so geben zu dürfen, wie ihr zumute war. Sie brach in die Knie und heiße Tränen überströmten ihr Gesicht, Tränen, die aus schmerzlich klopfendem Herzen kamen. Oh, der unselige Abdnd. Wozu die Komödie der Verlobung, die ja doch nur ein
| die von der NS.-Frauenschaft und dem BDM. durchgeführt wurde, hatte ein schönes Ergebnis.
' Voller Freude und mit Stolz zogen die helfenden ; Glieder des Jungvolks ihre hochbeladenen Wägelchen zur Sammelstelle des Winterhilfswerks.
* Bettenhausen, 31. Okt. Der hiesige öljährige Landwirt Heinrich Dietz erlitt einen schweren Unfall. Ein schwerer Gegenstand fiel ihm auf den rechten Fuß, so daß er schwere Verletzungen erlitt, die feine Ueberführung in die Klinik nach Gießen notwendig machten.
ch Hungen, 31. Okt. Dieser Tage fand durch Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier- Gießen eine Besichtigung der hiesigen Freiw. und der Kommunalpolitische
]) *211 s f e l b , 29. Okt. Unter dem Vorsitz von Bürgermeister Dr. Völsiyg tagte im „Deutschen Haus" dahier die Kreisabteilung Alsfeld des Deutschen Gemeindetages, zu der fast alle Bürgermeister des Kreises erschienen waren. Nach einleitenden Begrüßungsworten des Kreisobmannes Dr. V öl sing sprach Geschäftsführer Dr. G ö b vom Deutschen Gemeindetag, Landesdienststelle Hessen-Nassau in Frankfurt a. M. über die
Deutsche Gemeindeordnung.
Er gab zunächst einen Ueberblitf über die Entwicklung des Selbstoerantwortungsrechtes der Gemeinden seit dem Freiherrn vom Stein, ausgehend von dessen großem Reformwerk, das den Grundstein zur Selbstverwaltung legte. Bis zum 30. Januar 1935, dem Tage der Verkündung der Deutschen Gemeindeordnung, habe es in Deutschland 30 verschiedene Gemeindeordnungen gegeben. Die neue Reichsgewalt habe durch ihr Eingreifen eine große geschichtliche Tat vollbracht und eine völlige Vereinfachung der Gemeindeverfassungen geschaffen. Die deutsche Gemeindeordnung sei ein Rahmengesetz, das nur die großen Richtlinien gebe. Dr. Göb behandelte bann bie wichtigsten (Brunbgebanfen bes G e- setzes. Hierzu gehöre in erster Linie bie Zusammenarbeit zwischen Partei, Staat unb Gemeinde. Der Einfluß ber Partei sei gewahrt burch die Einführung des Beauftragten ber NSDAP, in ber Deutschen Oemeinbeorbnung. Seine Mitwirkung biene ber Sicherung des Einklanges ber Gemeindeverwaltung mit ber Partei. Der Redner erläuterte sodann die Befugnisse unb Ausgaben bes Beauftragten ber NSDAP, im Rahmen ber DGO. Als weiteren Grunbgebanken ber DGO. behanbelte der Referent die Wiederherstellung der Selbstverwaltung im Geiste des Freiherrn vom Stein, ausgehend von dem grundlegenden Paragraph 1 der DGO.: „Die Gemeinden verwalten sich selbst unter eigener Verantwortung". Ein weiterer Grundgedanke der DGO. sei die Stellung der Gemeinschaft vor das Einzelfchicksal. Die Gemeinden feien bas Funbament bes Staates, bewußt habe ber Führer das große Reformwerk unten bei den Gemeinden angefangen. Er habe die Gemeinden von dem drohenden Abgrund zurückgeriffen. Sein Ziel fei, die Gemeinden wieder gesund zu machen. Gewaltiges fei auf diesem Wege bereits geleistet worden, insbesondere auf dem Gebiete der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.
Pflichtfeuerwehr statt. Die Besichtigung begann mit Geräteexerzieren, .an das sich ein Brandangriff schloß. Als Brandobjekt waren die Land- Wirtschaftsgebäude von zwei aneinander grenzenden Hofraiten in ber Altstabt angenommen worben. Bereits 3 Minuten nach bem Alarm waren bie beiden Spritzen zum Wassergeben fertig, während die Motorspritze, die das Wasser aus einem Privatbrunnen zu saugen hatte, schon nach 4 Minuten zum Spritzen bereit war. Diese Schlagfertigkeit ber Wehren würbe bei ber Kritik als hervorragenb bezeichnet. Die seit ber letzten Besichtigung im Jahre 1933 erzielten Fortschritte ber Wehren unb bie Disziplin ber Mannschaften würben anerkannt. In Tagung in Alsfeld.
Der Redner ging dann über zur Behandlung einer Reihe von Einzelfragen aus ber beutfdjen Gemeindeorbnung. Er erörterte insbesondere ben Begriff bes Staatsbürgers, ber Selbstverwaltung unb ber Auftragsangelegenheiten. Auf bem Gebiet ber Selbstverwaltung sei ein wichtiges Recht ber Gemeinben bas „Satzungsrecht". Heber die Neugliederung ber Gemeinben machte ber Rebner bemerkenswerte Ausführungen. Danach ist eine Zusammenlegung von Gemeinben in größerem Stile nach bem Muster der Verwaltungsreform in Oldenburg bis auf weiteres zurückgestellt worden. Von besonderem Interesse waren die Ausführungen über ben Begriff unb bie Stellung bes Bürgermeisters. Nicht der Titel sei ausschlaggebend, sondern die Persönlichkeit. Das Führerprinzip in ' der Gemeindeverwaltung dürfe nicht zur Diktatur werden. Deshalb bringe die DGO. eine Verbindung bes Führerprinzips mit dem Beratungsprinzip. lieber die Staatsaufsicht bemerkte der Redner, daß diese die Gemeinde und den Steuerzahler schützen solle, jedoch sei eine kleinliche Bevormundung ausgeschlossen. Der tiefgründige Vortrag fand starken Beifall.
Als nächster Vortragender sprach Abteilungsleiter Keller vom Arbeitsamt Gießen über die
Förderung von Hotstandsarbellen,
wobei er einen Bericht gab über die seither von den Gemeinden des Kreises Alsfeld ausgeführten Notstandsarbeiten unb ihnen für biefe Arbeitsbeschaffung im Auftrag des Arbeitsamtes Gießen bankte. Der Referent bat um weitere Förderung der Not- ftanbsarbeiten durch die Gemeinden.
Regierungsrat Selz er Dom Arbeitsamt Gießen behandelte dann das Thema
die Hilfsbebiirfligkeilspriifung bei der Arbetts- lofenunterstühung.
Er erläuterte in ausführlicher Weife an Hand eines vorgelegten Musters durch praktische Beispiele das Verfahren unb bie Grundsätze für bie Berechnung ber Einkommensverhältnisse.
Am Schlüsse ber bis in den Nachmittag andauern- ben Arbeitstagung bankte Bürgermeister Dr. D ö l - sing ber Versammlung für ihre rege Anteilnahme und schloß bie sehr lehrreiche Tagung in der üblichen Weise.
Sorgen um Herz und Nerven?
.. auf Kaffee Hag umstellen 1
bes beendigten biejen Teil. Bei Patenwein, der eine feuchtfröhliche Stimmung in echter Kameradschaft schaffte, ließ Pfarrer Weisel, dessen Frau auch unter ben Jubilaren war, bie Zelle ber Volksgemeinschaft, bie wir bie Schullamerabschaft nennen, hochleben. Die Feier erfuhr keine Unterbrechung. Das Abenbessen würbe gemeinsam eingenommen. Die Töchter ber Iubilare waren bas Bedienungspersonal. Die Musik unter Leitung von Jubilar Pusch war unermüdlich tätig. Stunde um Stunde rückte voran. An ausführenden Amateurkünstlern aus bem Kreise ber 50er fehlte es nicht. Dabei kam auch bas Volkslied, daran wir ja so unendlich reich sind, zu seinem Recht. Es war schon lange nach Mitternacht, — wär's Sommer gewesen, hätte es fast schon getagt — als bie Ju- bilare burch bie regenscywere Nacht ihre Schritte heimwärts lenkten. Einmütig war das Urteil über bie Feier: sie war schön gewesen. Die 50- Jahrseier in Heuchelheim ist alt. Sie würbe schon begangen vor bem Krieg, war währenb bes Krieges eingestellt, um nach bem Kriege roieber aufzuleben. Vor 6 Jahren, unter bem Mangel an Teilnehmern, würbe sie abermals eingestellt. Pfarrer Weisel hat sie neu belebt, unb ber Erfolg hat bewiesen, baß bie Heuchelheimer nach wie vor dazu zu haben sind. Vivant sequentes!
§ Heuchelheim, 31. Oktober. Auf dem sog. Kreuz, in der Mitte unseres Dorfes, ist man gegenwärtig mit dem Abbruch ber alten Stall- gebäube bes früheren Fafelstalles beschäftigt. Die seit einigen Jahren schwebende Faselstallfrage hat vor einiger Zeit eine gute Lösung dadurch erfahren, daß die Gemeinde das Anwesen des Ludwig Rinn erworben hat unb es zum G e - meinbefafelftall umbauen ließ. Nachbem vor einigen Wochen bie Tiere in ihre neue Unterkunft übergefiebelt finb, kommen jetzt bie alten Ge- bäube zum Abbruch. Es wirb baburch mitten im Dors ein schöner, freier Platz geschaffen, ber zu einem Dorfanger angelegt werben soll. — Das Rathaus ist jetzt neu hergerichtet worben. Vor einigen Jahren würbe in bem Rathaus bie Bürgermeisterei eingerichtet, nachdem diese Räume vorher einem Schulsaal Platz gegeben hatten. Nur das Glockentürmchen des Rathauses sieht etwas leer aus, weil bie kleine Glocke, bie barin hing, fehlt; sie ist im Kriege eingeschmolzen worben.
T Großen-Linben, 31. Okt. Die Gewerkschaft Gießener Braun st einbergwerke hat guten Absatz. Die Belegschaft konnte weiter erhöht werben. Zur Zeit werben in bem angrenzenden Wiesengelände Bohrungen vorgenommen, wobei bas Erz stellenweise sehr hoch liegt. — Die Dickwurzernte ist beenbet und ist als gut zu bezeichnen. Der Landwirt L. Keßler erntete Dickwurz im Gewicht von 24 bis 26 unb 31 Pfunb, eine große Seltenheit. — Emer befonberen Gesunb- heit erfreut sich ber im 82. Lebensjahr stehenbe Weißbinber Hch. Degen. Er arbeitet noch täglich in seinem Beruf, im Geschäft seines Sohnes unb besteigt noch alle Gerüste.
D L i ch , 31. Okt. Der Sammlung von Kinderwäsche unb Kinberkleibchen, bie von den JungnHdels ber hiesigen Jungmäbelschar für bas Winterhilfswerk vorgenommen würbe, war ein schöner Erfolg beschieben. Auch bie in biefer Woche durchgeführte Sammlung von Kleidern unb Wäsche für ältere Kinber unb Erwachsene,
Weilchen aufrechterhalten werden konnte, weil zwischen Hans Syden unb ihr eine Tote ftanb. Eine Tote, bie über bas Grab hinaus ben Mann feft- hielt, ber sie einem anberen weggenommen unb sich schulbig fühlte an ihrem Tobe.
Bettina weinte lange — ihr Kopf begann zu schmerzen unb bie Augen brannten, als sie sich enb- lich zur Ruhe nieberlegte. Doch fanb sie keinen Schlaf, ihre Gebauten waren bei Hans Syben unb sie grübelte, wie hätte ihr Leben so wunderschön werden können, wenn der Schatten jener Toten nicht gewesen wäre.
Endlich, es war schon ganz hell draußen, schlief sie endlich ein und erwachte erst, als es an ihre Tür klopfte. Die Mutter stand draußen. Ihre Stimme klang freudig bewegt: „Steh auf, Bettina, Graf Syden war schon hier, er hat einen Strauß gebracht und beim Vater eure Ringe bestellt. Er wird in einer halben Stunde wiederkommen."
Aber sie öffnete die Tür nicht, weil sie fürchtete, die Mutter müsse ihr noch ansehen, wieviel sie geweint hatte.
Sie trat jetzt vor den Schrankspiegel und sann, es war doch seltsam, man sah ihr nichts, gar nichts von alledem an, was sie quälte und ihr wehe tat. Wenn man so jung war wie sie, genügte wohl schon ein kurzer Schlaf, um auch die stärksten Tränenspuren zu verwischen.
Sie wusch sich und das kühle Wasser erquickte sie. Dann zog sie ein einfaches schwarzes Kleid an und ging hinunter, fand bie Eltern am Frühstückstisch, im Zimmer hinter bem Laben.
Ein Strauß köstlicher Rosen ftanb auf einem Seitentischchen unb ihr Vater zeigte darauf hin: „Wo er die nur aufgetrieben haben mag? Heute am Sonntag!" Er drückte zärtlich Bettinas Hand. „Also wir, Mutter unb ich, finb mit ihm einig, Kinb, nun trinke ein Täßchen Kaffee, ber wirb btt gut tun."
Kaum hatte Bettina ihren Kaffee getrunken, kam Hans Syben schon. Er küßte Bettinas Rechte, fragte leise: „Hast du gut geschlafen?"
Sie nickte unb log: „Ausgezeichnet!"
Der Eltern wegen sagte sie bie Unwahrheit. Aber bann verließen bie Eltern bas Zimmer unb beibe brauchten sich nicht mehr zu verstellen.
Bettina fragte leise, aber sehr erregt: „Warum haben Sie bas aeftern getan?"
Er gab zurück: „Weil bie Unverschämtheit Baron Hammerschcküebs bich unb deine Eltern beleidigen mußte. Dazu bist du mir zu schade. Ich habe dich doch lieb, sehr lieb sogar." Er streckte ihr die Arme entgegen. „Wally Walb hat mich durch ihre Schönheit verhext unb ich begreife mich längst nicht mehr. Dich aber habe ich wohl schon je unb je geliebt. Vielleicht schon damals, als du noch ein ganz winziges Menschenkind gewesen. Ich bitte dich, Bettina, wir wollen fest Zusammenhalten in unserer Liebe und den Kampf gegen einen Schatten aufnehmen."
In ihren Augen leuchtete es auf und ihr blasses Gesicht färbte sich rosig. Sie tat einen Schritt auf ihn zu unb seine Arme umschlossen sie.
Aber mit Befremben beobachtete sie, wie es plötzlich um seine Lippen zuckte unb er zusammenschauerte.
„Was ist dir?" wollte sie fragen, doch mit einem Male begriff sie unb nun gab er sie auch schon frei, stöhnte auf: „Dich hab' ich im Arm gehalten unb boch drängte sich vor dein Gesicht das andere — ich konnte dich nicht küssen, ihre Lippen verdrängten die deinen."
Bettina überlief es eisig. Sie sagte erzwungen ruhig: „Unb glaubst bu, daß der Schatten zwischen uns beiden einmal weichen roirb?/Z
Er zuckte bie Achseln.
„Ich fürchte, es kann lange bauern, bis es geschieht, ober es geschieht nie. Vielleicht gewöhne ich mich allmählich sogar so baran, baß mich der Schatten nicht mehr stört. Schließlich stumpft ja Gewohnheit ab."
Sie zitterte, er sah es deutlich, als sie. erwiderte: „Nein, Hans, daraufhin dürfen wir es nicht miteinander wagen." Sie blickte ihn ernst an. „Sie haben das von gestern sofort in Ordnung gebracht, haben die abscheulichen Worte des Barons zunichte gemacht unb bamit ist ber Zweck erfüllt. Ich glaube übrigens, niemanb hat in bem Lärm der Musik und des Tages das geringste davon gehört, was Baron Hammerschmied gesagt. Gehen Sie jetzt wieder nach Hause, Hans, unb reisen Sie ab, überlassen Sie es mir, meinen Eltern bas Geschehene zu erklären. Ich werbe bestimmt mit ihnen einig werben, denn sie haben ja nie daran gedacht, es könnte einmal aus uns beiden ein Paar werden."
Er unterbrach sie: „Warum nennst du mich andauernd ,Sie'? Das solltest du nicht tun und die Verlobung bleibt bestehen, muß bestehen bleiben." Sein scharfgeschnittenes bräunliches Gesicht färbte sich dunkler. „Davon gehe ich nicht ab, Bettina, und bas mußt du mir glauben, ich fjabe dich unendlich lieb. Ich bin mir auch dessen voll unb ganz bewußt, es gäbe für mich kein größeres Glück auf Erben, als wenn bu meine Frau würbest. Ich begreife ja selbst nicht, daß ich nicht längst gewußt, wie lieb ich dich fjabe. Nein, Bettina, ich lasse dich nicht!"
Er zog sie wieder an sich und sie hatte keine Kraft mehr zu kämpfen gegen ihre Liebe. Sie blickte mit zärtlichem Lächeln zu ihm auf und er fühlte, das Herz Bettinas gehörte ihm für« immer. Er sah das mattschimmernde Haar dich vor sich unb so nahe waren ihm bie schöngeschwungenen Lippen.
Er zwang sich mit aller Gewalt Bettina zu küssen, aber er fühlte selbst, sein Kuß war kalt, bas Grauen machte ihn kalt.
Bettina aber spürte ganz beutlich, der geliebte Mann sah wieder den Schatten der anderen.
Es klopfte. Johannes Hochwald trat ein.
„Jetzt wollen wir die Ringe aussuchen, die besten, die ich habe, sind gerade gut genug für mein Mädel und ihren Liebsten." Er strahlte — er hatte sich schnell an ben Gedanken gewöhnt, daß ihm die Tochter keinen Schwiegersohn ins Haus brachte, ber bie alte Geschäftsfirma nach ihm weitführen konnte. „Die Ringe schenke ich euch, Kinber", lächelte er glücklich, ünb ein paar Augenblicke später glänzte am Golbfinger ber Linken von Hans Syben unb Bettina ein schmaler golbener Reif.
Ungefähr zu berfelben Stunbe hielt Rudolf Hammerschmied, der die Nacht im „Hotel zur Krone" verbracht, bei ben beiben Großchens um Gretels Hanb an. Gräfin Jutta bachte an feinen Onkel, ben man im weiten Umkreis ben „roilben Reiter" nannte. Der wünschte, baß aus den beiden ein Paar würde und hier im Waldschlößchen hätte man auch nichts dagegen gehabt. Gretel war sich nicht klar über ihre Liebe zu Dr. Diendorf unb würbe wahrscheinlich bie Werbung Rubolf Hammerschmiebs annehmen. Und bas wäre gut, bumm aber war es, daß der Baron gestern nacht bie Bemerkung zu Bettina gemacht. Bettina unb ihre Eltern gehörten jetzt zu ben Sybens.
Großmutter Leonore war noch betäubt von der Neuigkeit der Verlobung bes Enkels mit Bettina. Sie hatte Bettina sehr gern, aber sie mußte ein bißchen schlucken, um bie Neuigkeit herunterzubekommen.
Nun sollte sich auch Gretel verloben. — Die Verlobung war ihr sofort recht, weil man seit langer Zeit daraus vorbereitet war.
Gretel wurde gerufen. Sie war mit Tyras im Park gewesen, unb beibe waren durch die Schneewege gelaufen, man sah es ihnen an.
„Komm, Leonore", bat Gräfin Jutta, „wir wollen die jungen Leute allein lassen, sie sollen allein miteinander ausmachen, ob sie sich heiraten wollen."
Gretel hatte Rudolf Hammerschmied die Hand gegeben unb lächelte ihn freundlich an, als er sich danach von Tyras die Pfote geben ließ. Die beiden alten Damen hatten sich entfernt und der Baron steuerte gleich auf sein Ziel los.
„Gretel, ich sagte dir schon gestern beim Tanz, ich würde heute kommen, um dich etwas Wichtiges zu fragen. Machen wir es kurz: Ich habe dich lieb unb du hast mich auch lieb, also werbe, bitte, recht halb meine Frau."
Sein frisches Gesicht sah dabei jungenhaft vergnügt aus, es schien ihm völlig sicher, daß er ein frohes Ja als Antwort erhalten würde.
Und beinahe wäre cs auch geschehen, doch da zwang plötzlich eine fremde unb starke unsichtbare Macht bie zierliche Gretel Syben zu schweigen unb auf eine seltsame innere Stimme zu lauschen. Unb bie Stimme sagte äu ihr:
Rubolf Hammerschmieb ist ein guter Freunb von dir, weil er der Freund von Hans ist, und weil du ihn schon lange kennst unb er immer nett zu bir gewesen ist, aber bu liebst ihn nicht. Liebe ist bas, was bu für Gerharb Dienborf fühlst.
Ganz blaß unb benommen von ber jähen Erkenntnis, daß sie Gerhard Diendorf liebte, ftanb Komtesse Gretel da unb blickte ins Leere, schien völlig vergessen zu haben, baß Rubolf Hammerschmieb auf eine Antwort won ihr wartete.
Er verstaub sie nicht. Gretel sah ja aus, als ob sie mit ihren Gedanken meilenweit von ihm entfernt war.
Hatte sie feine Frage so durcheinandergebracht, trotzdem sie doch darauf vorbereitet gewesen sein mußte?
Gretel hatte einen fremden Zug im Gesicht, den er nicht an ihr kannte, sie schien älter als vorhin.
Er hüstelte, fragte besorgt: „Was ist dir nur, Gretel? Hat dich meine Frage so erschreckt?"
Sie blickte ihn groß an, unb es kam ihr erst jetzt roieber zum Bewußtsein, weshalb Rubolf Hammerschmieb gekommen war.
In ihr reizenbes Gesicht schoß helle Röte.
„Verzeih, baß ich dich warten ließ, aber —"
Sie stockte. Sie war sich jetzt darüber klar, sie durfte nicht Rudolfs Frau werden, weil sie ihn nicht so liebte, wie man den Mann lieben muß, mit bem man ein ganzes Leben zusammenbleiben will. Aber es würbe ihr schwer, ihm bas zu sagen.
Er brängte, noch immer seiner Sache völlig sicher: „Kleine Gretel, meine Frage ist ja nur eine Formsache, sage ja unb alles ist in schönster Orb- nung.'
Er hätte sie an sich reißen, den reinen Jung- mädchenmund küssen mögen unb wagte es doch nicht. Es war jetzt da ein Etwas um die kleine Gretel herum, was ihm den Mut dazu nahm.
Sie schüttelte langsam den Kops.
„Nein, Rudolf, es ist nicht alles in schönster Ordnung." Sie versuchte zu scherzen. „Eher ist alles in schönster Unordnung! Alles! Denn bei deiner Frage, ob ich deine Frau werden will, ist mir ganz urplötzlich klar geworden, ich kann nicht deine Frau werden, weil ich einen anderen lieb habe."
So, jetzt war es heraus, nun wußte er, was sie auch erst feit ein paar Minuten wußte.
Er wollte lachen, denn es konnte sich ja nur um einen kindlichen Scherz Gretels handeln, aber ihr Gesicht war sehr ernst unb ihre Augen schimmerten feucht. (Schluß folgt)


