Nr. 229 Erstes Blatt 185. Jahrgang Dienstag, V Oktober 1935
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Giehener Anzeiger
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neut, wie sicher sich der staatliche litauische Terrorismus in seinem so oft begründeten Vertrauen auf die Duldung durch die Garantiemächte fühlt. Die merkwürdige „Vertrauensseligkeit" de^ Garantiemächte konnte nicht peinlicher bloßgestellt werden als durch ihr Schreiben an die Reichsregierung und ihr weiteres Schreiben an den Genfer Ratspräsidenten, in dem sie sich selbst bescheinigen, daß die „Aufrichtigkeit" Litauens ihrer Auffassung entspricht!
Das von der litauischen Regierung raffiniert ausgeknobelte Wahlsystem galt der Sabotierung der Memelwahlen. Wie schon die letzten Vortage, so hat auch der Wahltag selbst dieses litauische Wahlsystem, das durch das neue Wahlgesetz vom 15. August eigens gegen das Memelland eingeführt war, zu einer öffentlichen Blamage der litauischen Regierung und des litauischen Staates gemacht, wie sie schlimmer nicht sein kann. Nur eine kleine Randglosse dazu: Noch in den späten Vormittagsstunden des Sonntags brüllt der Kownoer Sender es fortgesetzt in französischer Sprache in die Welt hinaus, wie schnell und ordnungsgemäß die Wahlen verliefen und wie gut sich das litauische Wahlsystem bewähre — und schon am Nachmittag muß die litauische Regierung mitten im Wahl- vorgang einen zweiten Wahltag verkünden, weil Zehntausende von Memeldeutschen durch das absichtlich komplizierte Wahloerfahren noch nicht einmal bis in die Wahllokale, geschweige denn bis in die Zellen gelangen konnten!
Der zweite Wahltag hat dann die skandalösen Erfahrungen des Sonntag, an dem die Mehrheit der Wahlberechtigten ihr Recht nicht ausüben konnte,
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Oer deutsche Bauer beteiligt sich | am 6. Oktober am Erntedanktag auf dem Bückeberg bei Hameln.
Memel, 1.Off. (DNL. Funkspruch). Seit 8 Uhr wurde am IHontag die Wahl im Wemelgebiet fortgesetzt, soweit nicht in ganz kleinen Bezirken bereits die letzten Wähler ihre Stimmen abgegeben hatten. In der Stadt Memel selbst herrschte auch am Montag von Anfang an in den Wahllokalen ein erheblicher Andrang; insbesondere in den Arbeitervierteln war dieser Andrang groß. Bewundernswürdig ist die Ruhe, mit der die Memelländer das langwierige Warten und alle Schikanen auf sich nehmen. Line alte Frau war am Sonntag um 9 Uhr zur Wahlurne gegangen und hatte bis 20 Uhr, also 11 Stunden, vergeblich gewartet; sie wckr aber pünktlich am Montag um 7 Uhr wieder zur Stelle und konnte dann mit Hilfe einer entschlossenen Frau nach etwa zwei Stunden endlich zur Wahl kommen. 3n vielen Fällen sind Frauen ohnmächtig geworden. Das Verhalten der litauischen Stimmbezirksvorsihenden gegenüber den Wählern ließ sehr viel zu wünschen übrig.
Obwohl die Wahl pünktlich um 18 Uhr ab- geschlossen werden sollte, standen teilweise noch so zahlreiche Wähler an, daß in den großen Wahlbezirken der Stadl Memel b i s gegen 23 Uhr gewählt werden mußte. Auch das A u s z ä h l e n der abgegebenen Stimmen nahm sehr große Zeit in Anspruch, so daß erst gegen 2 Uhr am Dienstag die Zahl der abgegebenen Stimmen in der Stabt Memel festgestellt werden konnte. Sie liegt bei 22 457. Wenn man die Wahlberechtigtenzahl von 24 273 zugrundelegt, die bisher feststeht, beträgt die Wahlbeteiligung etwa 92 v. h. Aehnlich liegt es im Landkreis M e m e l, wo von 13273 Wahlberechtigten 12160 Stimmen abgegeben mürben, so baß bie Beteiligung 91,7 v. h. beträgt. 3m kreise heibekrug sinb bis auf vier Bezirke aUe Wahlstimmen bereits in Memel eingegangen. Von 14 722 erfaßten Wählern haben 13 578, d.h. fast 93 v. h., ihre Stimme abgegeben.
Man kann bamit rechnen, bah bie Gesamtbeteiligung bei 92 bis 93 v. h. liegt, wenngleich ber vierte kreis, Pogegen, noch fast voll- stänbig aussteht. Insgesamt würben bisher bie Wahlberechtigtenzahlen aus 59 von 81 Bezirken (einfdjl. ber Militärbezirke) zusammengezählt. Diese ergeben 57 208 Wahlberechtigte, von benen 52 816, d. h. über 92 v. h. gewählt haben. Wie groß bie Zahl ber Stimmberechtigten insgesamt unb auch bie ber abgegebenen Stimmen ist, wirb sich erst ergeben, wenn sämtliche Wahlbezirke bie abgegebenen Stimmen an bie Wahlkreiskommision gefanbt haben. Die Wahlkreiskommission wirb am
verlangte ber litauische Wahlleiter von einer Blinden ein ärztliches Attest über ihre Blindheit — dieser litauische Wahlleiter ist wegen Urkundenfälschung mit Gefängnis vorbestraft und mußte auf Antrag der Memelländer von der Kandidatenliste gestrichen werden.
Daß die ungeheuerlichen Vorgänge bei den Memelwahlen unter den Augen von 60 ausländischen Journalisten und drei Vertretern der Signatarmächte erfolgten, beweist nur er-
So warteten die Memelländer acht bis zehn Stunden vor den Wahllokalen, ein Pild vom Gedränge vor dem Wahllokal in Pogegen im Memelland. — (Ptesft-Jllustration Hoffmann-M.)
Der zweite Wahltag im Memelland.
Auch am Montag hielt der Andrang zu den Wahllokalen und der schleppende Fortgang der Wahlhandlung an, sodaß in Memel bis zu spater Nachtstunde hinein gewählt werden mußte.
Wahlbeteiligung wird aus 93 Prozent geschätzt
Will man die Giimmenzähtung hinauszögern?
nur bestätigt. Inzwischen aber — und das ist für die Bewertung des Wahlausfalls von Bedeutung! — find im Gegensatz zu den bei der Saarabstimmung innegehaltenen korrekten Methoden die Wahlurnen ohne einwandfreie Ueberwa- ch u n g in der Nacht geblieben Es ist selbstverständlich, daß die litauische Polizei nicht nur den Zweck hatte, memelländische Wähler trotz ihrer bewundernswerten Disziplin verprügeln zu lassen; selbstverständlich wird diese litauische Polizei auch in der Nacht von Sonntag zu Montag für weitere „Wahlkorrekturen" eingesetzt worden sein.
Wie könnte man es anders erwarten von einem Staat, dessen „Staatsdruckerei" zum Teil völlig falsche und unbrauchbare Stimmblocks liefert, in denen eine ganze Anzahl memelländischer Kandidaten einfach herausgelassen und dafür Landfremde zum Teil doppelt enthalten sind. Von der liederlichen Perforierung der einzelnen Blätter ganz zu schweigen. Vor uns liegen zwei Abbildungen eines solchen Stimmblocks, wie sie die famose litauische „Staatsdruckerei" geliefert hat. Schon diese Abbildungen zeigen, daß die Blocks noch nicht einmal einheitlich hergestellt sind, sie sind teils seitlich, teils oben geheftet und können die Beobachtungen neutraler Augenzeugen nur bestätigen, daß eine ordnungsmäßige Stimmabgabe binnen wenigen Minuten ausgeschlossen war. Selbst der zweifellos bestens vorbereitete Fronvogt des Memellandes, der litauische Gouverneur K u r k a u s k a s , hat für seine Stimmabgabe nicht weniger als zehn Minuten gebraucht! Die Litauer haben infolgedessen in vielen Stimmlokalen memelländlsche Wähler ost schon nach einer Viertelstunde Anwesenheit m ber Wahlzelle einfach aus dem Lokal gewiesen.
Außer den zahllosen Zwischenfällen Schikanen und Sabotageakten, die bereits bekannt geworden find, sei nur noch kurz auf folgendes verwiesen: Die memelländischen Wähler haben m ber Mehrheit 10 bis 12 Stunden vergeb ich warten müssen, obwohl sie lange vor 8 Uhr morgens sich bereits in großen Mengen vor den Wahllokalen (nur noch 73 statt 200!) eingefunden hatten. Da es sich bei jenen überwiegend um Bauern handelt, die einen sehr weiten Anmarsch gehabt haben, sahen sich diese Heimattreuen Wähler gezwungen, während der kalten Nacht zum Montag in durstigster Weise auf ihren Wagen zu übernachten, die in den Ortschaften zusammengefahren waren. Wahrend aber die Massen der Memellander vergeblich draußen vor den Wahllokalen standen, wurden gleichzeitig die Litauer, darunter viele Tausende qar nicht berechtigter „Eingebürgerter", d u r ch d c e Hintertüre der Wahllokale eingelassen. Zum Teil wiesen sie als Begründung für ihre bevorzugte Behandlung „Krankheitsatteste" auf — während die litauischen Schergen zu gleicher Zeit kranke Memelländer, die sich zum Wahllokal fahren oder tragen lassen, trotz vollgültiger Berechtigungspapiere zurückwiesen!
Das Tollste aber hat sich wohl ein litauischer Polizeikommissar geleistet, der unter den Augen englischer Journalisten in Heydekrug plötzlich auf bie vor einem Wahllokal wartenden Memeldeut- schen mit dem Gummiknüppel losprügeln ließ und dazu erklärte: „Wenn sich die Leute wie Nied benehmen, dann muß man sie auch wie Vieh behandel n!" In der Tat ein wur- biaer Vertreter jenes kulturlosen Zwergstaates, dellen Behörden sich mit dem von ihnen importierten Janhagel auf eine Stufe gespellt haben, Im Kreise Pogegen hat der maßgeblich Litauer eigens für den Wahltag v i e r Verbrecher aus dem Zuchthaus beurlauben lassen mit dem Auf- trnn Schlägereien und sonstige Zwischenfalle zu verursacken^Fürjeden Fall erhielten diese Zucht- bäu“l'r420' Sit aiJUiNt -"'-m Stimmlokal
Heils schuld, ist in diesen Tagen oft zu hören. Den- noch ist sie ungenau. Sie übergeht den Anteil der Engländer in diesem Spiel. Mussolini hat denn auch mit dem bitteren Gefühl desjenigen, der sich hintergangen fühlt, den Sonderberichterstatter des „Petit Journal" auf jene englisch-italienischen Geheimabmachungen von 1925 hingewiesen, die Abessinien, nach den Worten des Duce, „praktifch gesehen, zerstückeln". Daß er in diesen Abmachungen einen Rechtstitel erblickt, daß ihm eine militärische Aktion in Abessinien nichts anderes ist als die Einlösung des damals von England ausgestellten Wechsels, — wer kann ihm das verdenken? Zumal doch Herr L a v a 1 noch im Januar — und darin besteht in Wirklichkeit der Inhalt der französisch-italienischen Abrede — seine Zustimmung zu diesem vor zehn Jahren getroffenen Arrangement gegeben hat!
Eine Frage ist bis heute ungeklärt: der hartnäckige Widerstand der Engländer gegen bas, was sie bamals selbst ausdrücklich zugesagt hatten. Hat der Duce sich jetzt, im Vollgefühl der Kraftentfaltung der faschistischen Großmachtspolitik, mehr nehmen wollen, als ihm ursprünglich zugestanden worden war? Oder hat, was unwahrscheinlicher ist, die englische Politik sich in der abessinischen Haltung verrechnet, galt ihre Zusage nur im Falle der „friedlichen Durchdringung", nicht aber, wenn kriegerische Konflikte drohten? Diese höchst wichtigen Dinge bleiben noch in Dunkel gehüllt; es bleibt aber auch so der nachhaltige Eindruck, mit welcher Bedenkenlosigkeit hier ein Spiel entfesselt wurde, bei dem jetzt keinem der Beteiligten wohl ist. Daß jedenfalls die englische Politik die Kehrtwendung vollzog und sich auf der Genfer Plattform zum Verfechter der Unabhängigkeit jenes Landes aufwarf, über dessen Aufteilung man sich vor zehn Jahren verständigt hatte, — das warf auch die Berechnungen über den Haufen, die Herr Laval bereits auf dem Gewinnkonto der französischen Vor- machtpolitik mit viel Vergnügen angestellt hatte. An diesem Punkt nun beginnt der zweite Teil des Spieles. Dieses Spiel allerdings geht nicht mehr auf Kosten Abessiniens; es geht aber uns an!
An seinem Beginn steht die Renaissance von Genf, die Auferstehung des Völkerbundes. Alle Loblieder der englischen Presse auf die wieder- gewonnene moralische und materielle Macht des Genfer Bundes, alle Begeisterung der französischen Presse über den nun klar erwiesenen Nutzen und Wert bet kollektiven Sicherheit können nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Aufwertung der Genfer Aktien ein zufälliges Produkt ist, geboren aus der selbstverschuldeten ^Verlegenheit der englischen und der französischen Politik. (Weshalb es allerdings nicht weniger real ist.) Es ist aber auch ein höchst gefährliches Produkt! Gefährlich, weil beide, England und Frankreich dasselbe sagen, Verschiedenes meinen, und jeder von beiden glaubt, sich gegenüber dem anderen durchsetzen zu können.
Auf Kosten Europas.
Äon Or. Hans von Malottki.
Tage höchster Spannung, da das europäische Schicksal ungewiß zwischen Frieden und Krieg pendelt! Es ist nicht allein die abessinische Frage, die die Welt in immer größere Unruhe und Sorge stürzt; es stehen noch andere, größere Dinge auf dem Spiel, und so wenig Deutschland an der Entfesselung dieser anderen Dinge teil hat, so sehr muß es, ohne Illusionen, ihren Auswirkungen Rechnung tragen.
Genf ist nach Wochen diplomatischen Ringens und nach dem ergebnislosen Ausgang aller freund- chaftlichen Schlichtungsversuche zum Handeln ibergegangen. Der Artikel 15 der Satzung pricht eine deutliche Sprache. „Kann eine Streitrage nicht geschlichtet werden, so erstattet der Rat einen Bericht, der die Einzelheiten der Streitfrage und die Vorschläge widergibt, die er als die zur Lösung der Frage gerechtesten und geeignetsten empfiehlt." Diese Empfehlungen auszuarbeiten, ist die Aufgabe des in der vorigen Woche gebildeten Dreizehnerausschusses. Zwischen der italienischen These und der von England durchgesetzten, von Frankreich schließlich unterstützten These des Völkerbundes ist, bei der Verhärtung der Standpunkte, ein Ausgleich in letzter Stunde höchst unwahrscheinlich; er setzt ein Maß von Nachgiebigkeit voraus, für das bisher weder auf der einen noch auf ber anberen Selte Anzeichen zu erblicken sind. Nimmt aber das Genfer Verfahren seinen Lauf, können Komplikationen kaum ausbleiben. Denn wenn der Rat die Empfehlungen des Dreizehner- ausschusses — unter Ausschluß der streitenden Parteien — einstimmig annimmt, haben sie d e n b i n» denben Charakter eines autoritativen Urteilsspruchs unb die Macht, die entgegen diesem Spruch zum Kriege schreitet, „wird ohne weiteres so angesehen, als hätte sie eine Kriegshandlung gegen alle anderen Ratsmitglieder begangen". Wird und kann Italien sich noch dem Genfer Spruch fügen und damit der Sanktionsgefahr entgehen? Oder wird die Einstimmigkeit im Rat durchbrochen, gewinnen die Mächte freie Hand, und wird bie Perspektive auf den „legalen", den „erlaubten" Krieg frei? Heute scheint weder das eine noch das andere im Bereich der Wahrscheinlichkeit zu liegen, scheint es mit der diplomatischen Niederlage Italiens nicht mehr sein Bewenden haben zu wollen.
Welch ein Wandel! Wie ist er zu erklären? Die Lesart, ber französische Ministerpräsident Laval habe bei seinem Januarbesuck in Rom Mussolini jene berühmte „freie Hand" in Abessinien gewährt, die als (Entgelt für das Einschwenken Italiens in bie französische Frontstellung gedacht war, und er fei also an der Entfesselung des ganzen Un-
Dlendfagvormiffag darüber beschließen, wann die Zählung einfehl. Es verlautet, daß man unter Umständen damit zu rechnen hat, daß die Zählung erst, dann beginnt, wenn die Nachwahl in dem Bezirk Wiehen-Iugnaten, die am 6. Oktober ftattfinbet, beendet ist.
Ein Zufall, wenn das Wahlergebnis unverfälscht ist.
Das Urteil des Sonderkorrespondenten der „Times".
L o n b o n, 1. Oft. (DNB. Funkspruch.) Der Sonderberichterstatter der „Times" in Memel sendet seinem Blatt einen Bericht, der Beachtung verdient, weil seinem Urheber keineswegs Mangel an Wohlwollen für die litauische Sache zugeschrieben werden kann. Der Bericht besagt u. a.: Die Erklärung der litauischen Regierung über eine künftig^ Aenderung des Wahlgesetzes wird die Entrüstung der Memeldeutschen schwer besänftigen. Die Deut- scheu glauben, daß es ein Zufall fein werde, wenn das Wahlergebnis die Wünsche ber Bevölkerung zum Ausdruck bringt. Wie das Ergebnis auch aussehen mag, Beobachter des Wahlgeschäfts konnten nicht umhin, das Ueberge- wicht des deutschen Elements und die Stärke feines Anhanges wahrzunehmen. Die Mehrzahl der Besucher wundert sich, daß es nicht in den meisten Wahllokalen des Memellandes zu ähnUchsn Zwischenfällen wie in Jugnaten kam. liebevoll mußten die Leute stundenlang, in einigen Fällen zehn Stunden lang warten. In manchen Fällen ging die Wahl ruhig und ordentlich vonstatten, in anderen scheint völlige Verwirrung geherrscht zu haben. Leute, die es fertig brachten, für die 29 Kandidaten zu stimmen, für die sie stimmen wollten, waren nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Da ber Vorsitzende überall ein Litauer war, war der Verdacht unvermeidlich, daß die Verwirrung den litaui- schen Kandidaten zugute kam. Vertrauens- würdige Beobachter erklären, daß sie sahen, wie litauische Wähler durch Hintertüren eingelassen wurden, während die Deut* schenvorderverschlossenenVordertür Schlange standen. Auf jeden Fall würde es jetzt unmöglich sein, falls die Wahl gegen die Ein- heitsliste ausfällt, die Memelländer davon zu überzeugen, daß das Ergebnis die Wünsche ber Bevölkerung zum Ausdruck bringt.
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