Nr. 126 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, l.Zuni 1955
lands äußern, war es für die kommenden Londoner Verhandlungen besonders wichtig, daß der für den Willen der deutschen Politik verantwortliche und maßgebende Mann neben der Festigkeit der deutschen Forderung auch ihre weise Beschränkung auf das historische Maß betonte. Man möchte also annehmen, daß die Londoner Verhandlungen höchstens auf technische Schwierigkeiten stoßen werden, zu deren Beseitigung man ja eben in Verhandlungen geht, daß sie aber von einer politischen Atmosphäre umgeben sind, die eine Einigung for-
sie an den Gendarmen vorüber. Benz bestrafte jeden Verkehrssünder mit vierzehn Tagen Arbeit am Schraubstock, doch das half nicht viel. Immer wieder kam der „G e s ch w i n d i g k e i t s r a u s ch" über
fung, 10 Centesimi Quittungsstempel, alles sofort zu berappen — hält die Autos und manchmal sogar die Fußgänger in Schach. Rom besteht jetzt aber bereits aus dreizehn bebauten Hügeln, und wer über die alte Ringmauer hinauskommt, sagen wir etwa beim Lateran, kriegt das Kopfschütteln. Die Lastwagen machen sich ein Vergnügen daraus, den Privatwagen nicht vorzulassen, der Herr darin darf ja nicht hupen! Also raus mit den Auspuffgasen, was der Topf hält. Unter hundert Radfahrern haben vielleicht zehn abends eine Laterne, drei einen Rückstrahler. Die Fußgänger, durch das Hupen früher auf dem Gehsteig festgehalten, lassen sich jetzt wieder heruntergleiten, ohne sich umzusehen, sie bummeln in Ketten über die Straßen, wie sie es aus ihrem Heimatdorf gewohnt sind. Da lernt man entweder die Geduld oder fährt aus der Haut, schreit auf jeden Fall nach einer Signalvorrichtung.
Die Zeitungen aber, die den Feldzug gegen das Hupen eingeleitet haben, wollen sich noch nicht geschlagen geben. Sie geben jetzt unter dem Druck der Statistik zwar zu, daß die Zusammenstöße zwischen Automobilen und mit Radfahrern erheblich zugenommen haben, finden aber die Schuld ausschließlich in der Schnellfahrerei. Und richtig ist es jedenfalls, daß es in Rom an Autolümmeln nicht mangelt, daß noch vielfach zuchtlos gefahren wird, rechts vorgefahren, sinnlos überholt. Nun, das ist das Neueste, werden die Wagen von Geheimpolizei verfolgt und kontrolliert, es regnet Strafzettel, in wenigen Tagen wurden Hunderte von Führerscheinen entzogen, inan hofft, auf diesem Wege des Verkehrsteufels Herr zu werden.
Aber auch diese Hoffnung findet ihre Grenzen an der rasend um sich greifenden Motorisierung und dem römischen Platzmangel. Ist es doch schon eine wirkliche Kunst geworden, sich einen Parkplatz zu erschleichen. Jedenfalls drängt sich einem, der sowohl Fahrer wie Fußgänger ist, die Meinung auf, daß dem unbedingten Hupverbot das englische System vorzuziehen wäre: Nur dann hupen, wenn es unbedingt notwendig ist.
Benz nickte. Langsam erhob er sich. Drüben in der Werkstatt war es bitterkalt. Sie stellten die Lampe dicht neben den Motor und begannen zu arbeiten.
Nirgends wurde ein Fehler entdeckt. Die Berechnungen mußten stimmen. Doch der Motor wehrte sich gegen alle Berechnungen. Er machte nicht mit. Draußen klangen noch immer die Glocken. Sie läuteten das neue Jahr ein. Hier, im flackernden Halbdämmer kämpften zwei Menschen darum, einer Maschine Leben einzuhauchen.
„Nutzlos", sagte Benz. „Vielleicht finde ich später den Fehler. Wenn ich wieder mehr Zeit für das Ding hier habe." Seine Frau schwieg. Auch sie hatte alle Hoffnung aufgegeben.
Der Werkmeister begann erneut die Teile zusammenzusetzen. Sein Atem stand in dem kalten Raum. Nur die Lampe verbreitete ein wenig Wärme. Dicht neben dem Motor warf sie ungewisses Licht in den Raum.
Wie aus letzter Verzweiflung heraus, warf der Mann, bevor er sich zum Gehen wandte, noch einmal die Maschine an. Plötzlich erstarrte er. Er hörte nicht den Aufschrei seiner Frau. Unbeweglich sah er auf den Motor, der in ruhigem und gleichmäßigem Lauf mit kurzem tackendem Geräusch ratternd den Raum erfüllte. Hatte es die Wärme der Lampe bewirkt, war es ein Wunder? Der Motor lief. Stetig und gleichmäßig. Ununterbrochen.
Hand in Hand standen zwei Glückliche vor ihm und wußten, daß sie sich nach dem Wunder dieser Stunde die Zukunft erkämpfen würden.
Wettrennen MtdemW'kchwaE.
Im gleichen Jahre, in dem Daimler sein Motorboot auf dem Neckar laufen ließ, erhielt Benz das Patent auf den er st en Motorwagen. Erst von diesem Tage an gab er seine heimlichen, weitab von der Stadt unternommenen Versuchsfahrten auf und begann seine Fahrten auch in Mannheim selbst durchzuführen.
Benz selbst fuhr sehr vorsichtig. Seine Mechaniker, die er manchmal auf den Wagen ließ, nahmen es damit weniger genau. Im schnellsten Tempo jagten
dert und begünstigt.
Die Verhandlungen mit England gehen zunächst nur unsere beiden Länder an und stehen in keinem direkten Zusammenhang mit den übrigen europäischen Problemen und mit der nach dem Scheitern der letzten großen allgemeinen Flottenkonferenz in London noch flüssigen Frage eines internationalen Rüstungsabkommens zur See. An diesen Versuchen ist Deutschland in den Jahren nach dem Kriege nicht beteiligt worden und nicht beteiligt gewesen. Seine Wiederaufrüstung zur See, die man als eine vollzogene Tatsache ansehen muß, führt es wieder in den Kreis der Seemächte zurück. Die bevorstehenden Londoner Verhandlungen sind eine Anerkennung dieser Tatsache durch die Macht, der das erste Wort in diesem politischen Bereich zusteht und der Deutschland dieses
Die Abenteuer des Autos.
Oie aufregenden Erlebnisse seiner Erfinder und seiner ersten Meister. — Don der Benzinkutsche bis zum Grand prt?1914.
Don lldo Wolter
deutsche Flotte 35 Prozent Oer englischen in Anspruch nehme und somit noch 15 Prozent unter der Gesamttonnage der französischen Flotte bleibt, kann weder eine Bedrohung Englands noch eine wesentliche Verschiebung des gesamten Rüstungsverhältnisses zur See erblickt werden. Darüber hinaus aber hat der Führer und Reichskanzler die politisch bedeutsame Erklärung abgegeben, daß diese deutsche Forderung keine augenblickliche ist, die etwa nach Ablauf von einigen Jahren oder vielleicht nach dem Erwerb von Kolonien erhöht werden soll, sondern daß sie den einmaligen und dauern- d e n, freilich auch unbeirrbaren Rüstungswillen Deutschlands zur See bedeutet und die Anerkennung der englischen Vormachtstellung auf dem Meere in sich schließt, die sich aus der englischen Geschichte und Lage ergibt.
Damit hat das neue Deutschland sich deutlich und verbindlich von der Marinepolitik der letzten Kaiserzeit losgesagt, die für England der hauptsächliche Grund für die gegen Deutschland gerichtete Orientierung seiner Politik auf dem Kontinent und für seinen Eintritt in den Weltkrieg gewesen ist. Da dem Ausland im allgemeinen die tiefen Unterschiede noch nicht klar geworden sind, die zwischen dem neuen Reich und dem Vorkriegs-Deutschland be-
iämfme Gtädre?
Don unserem römischen E.-Korrespondenien.
Rom, Ende Mai.
So schwer es ist, keine Satire zu schreiben, das Thema scheint doch zu ernst, um es mit ein paar Witzen, schönen Worten oder einem Achselzucken abzutun. Lärmfreie Städte! Ein Gedanke, aufs innigste zu wünschen, ein Traum unserer gereizten Nerven. Doch leider, leider — hart im Raume stoßen sich die Sachen. Zumal wenn es Fußgänger und Kraftwagen sind.
Man muß anerkennen, daß Mussolini den Stier bei den Hörnern packte, als er über Nacht ein allgemeines Hupverbot für die größeren Städte erließ, und noch anerkennenswerter ist die Tatsache, daß der angeblich so undisziplinierte Südländer den Befehl befolgte wie ein Soldat. Ein einziger Seufzer der Erleichterung ging durch Rom, als die lärrn- gequälteste aller Städte, das war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk seit vielen Jahren, auf einmal sozusagen in den Zeitenschoß zurücksank, m die Epoche des Spazierengehens, der stillen Büros und des süßen Schlendrians. Man wachte auf und traute seinen Ohren nicht. Wo waren die Ungetüme der Autobusse, deren Führer nur einmal auf den Knopf drückte, weil er den Handballen lieber gleich darauf ruhen ließ? Wo die endlosen Autoketten in den verstopften Straßenschluchten mft ihrem Höllenkonzert? Denn man muh wissen, daß jeder Fahrer, dem das Warten vor der Verkehrsampel zu langweilig wurde, das Recht zu haben glaubte, den Lichtwechsel durch platzheischendes Getute zu beschleunigen, worauf die ganze Meute einsiel und sich austobte, bis tatsächlich der ängstlich werdende Polizist den Tüchtigen freie Bahn verschaffte, sofern er sich nicht seitlich in die Büsche schlug. Zuerst staunten die Fremden, dann ärgerten sie sich, dann blieben sie aus.
Nun, wir wollen die seltsamen Bilder der Vergangenheit nicht heraufbeschwören, die Sache änderte sich ja. Jetzt trompeteten nur noch die Zeitungen Viktoria, die Menschen in den Häusern drehten sich wghlig auf die andere Seite, und alle fremden Pressemänner schrieben über das Wunder. Wie durch einen Zauberschlag sei Rom die Stadt der Stille geworden, die Unfälle hätten völlig aufgehört und so weiter. Sie haben das sicher auch gelesen.
Hier beginnt nun der Ernst der Angelegenheit. Es muß leider festgestellt werden, daß alle diese begeisterten Berichterstatter keine Fahrer waren. Das ist das eine. Die Fußgänger kriegten dann, zweitens, ihre Bedenken, als nach der ersten angenehmen Ueberraschung plötzlich ein lautloser moderner Wagen haardicht an ihnen vorbeiflitzte ober
Frauenleben am Rande der Arktis.
Die Tschuktschen-Halbinsel, die im Norden des asiatischen Kontinents gelegen ist, verdankt ihren Namen dem altsibirischen Volk der Tschuktschen, von dem heute noch Reste, etwa zwölftausend Angehörige, hier anzutreffen sind. Während einige von ihnen seßhafte Küstenbewohner sind, die von Jagd und Fischfang leben, ziehen die anderen als nomadische Renntierbesitzer durch das Land. In runden Zelten, mit Kuppeldach, deren Gerüste aus Treibholz oder Wal-Bein verfertigt sind, wohnen sie mit ihren Familien. Der Tschuktschenhaushalt ist sehr
II.
Wunderbare Mujchrsmcht
Es war eine schlimme Silvesternacht, die der Werkmeister Benz in Mannheim um die Jahreswende 1878 erlebte. Die Kinder waren längst zur Ruhe gebracht. Mit seiner Frau saß er in dem kalten Zimmer und starrte vor sich hin. Niemand wußte, was das nächste Jahr bringen würde. Wahrscheinlich den vollständigen Ruin. Vor kurzer Zeit erst waren alle Werkzeuge und Drehbänke gepfändet und weggeholt worden. Um eine kleine Schuld, für die nur augenblicklich keine Deckung vorhanden gewesen. Nicht eine Bohrmaschine war in der Werkstatt geblieben. Seit Wochen wurde nur mit der Brustleier gearbeitet. Seit Wochen hungerte man. Es war unmöglich, einen größeren Auftrag auszuführen, selbst wenn man ihn erhalten hätte. Drüben, in der Werkstatt aber stand der Motor, an dem Jahre hindurch bereits gearbeitet war und wollte nicht anspringen. Eine Fehlkonstruk- t i o n. Noch war der Fehler nicht gefunden. Und noch war es ungewiß, ob unterdessen bei der Vielfalt der Versuche nicht bereits von anderer Seite ein Patent angemeldet war, das alle Arbeit zunichte machte.
Draußen begannnen die Glocken zu läuten. Machtvoll klangen sie durch die Stille. Die beiden Menschen sahen sich an. Die ganzen Jahre hindurch hatten sie zusammen gearbeitet, hatte die Frau geholfen. Und nun schien alles vergeblich. Jetzt hieß es, alle Versuche abbrechen und um die Existenz kämpfen. Es waren bittere Stunden, die man hier unter dem Glockenklang erlebte. Die Frau erhob sich. Sie trat an das Fenster. Dunkel hob sich die Werkstätte gegen die Schneelandschaft ab. Hinter ihr saß der Mann. Unbeweglich. Niemand hatte die ganze Zeit ein Wort gesprochen.
„Wir wollen hinübergehen", sagte die Frau. „Vielleicht springt er doch noch an. Wenn er einmal zündet, muß er immer zünden." Aber sie glaubte selbst nicht recht daran. Tagelang hatte man bereits probiert. Aber diese Stille, dieses Warten hier war unerträglich. Irgendetwas mußte geschehen.
Kristallisation.
Aus dem schier unübersehbaren Gewirr von Pro- ble<nen, Plänen und Anregungen, die aus dem nervösen und uneinheitlichen Betrieb der europäischen Politik im Verlauf des letzten Jahres entstanden sind, beginnt sich ein fester Kern herauszukristallisieren, der nach Lage der Verhältnisse und nach der Ueberzeugung einiger führender Staatsmänner zur Verhandlung reif ist und Aussicht zu einer Einigung bietet. Der stellvertretende englische Minister- präsid'ent Baldwin hat diese Methode, an die schwierige Aufgabe der europäischen Einigung heranzugehen, mit dem drastischen Bilde empfohlen, daß man „nicht mehr abbeißen soll, als man schlucken kann". Dies scheint uns ein sehr gesunder und realpolitischer Gesichtspunkt zu sein, der im übrigen die vorausschauende deutsche Politik der letzten Zeit durchaus rechtfertigt, die darauf bedacht war, das deutsche Gebiß so kräftig zu machen, daß es soviel abbeißen kann, als die Lebensbedingungen des deutschen Volkes an notwendiger Nahrung bedürfen. In diesem Maße also wird sich Deutschland an dem allgemeinen europäischen Schmaus beteiligen.
Cs deckt sich auch durchaus mit der deutschen Anschauung, daß zunächst eine Verhandlung der am Locarnooertrag beteiligten Westmächte über ein Luftabkommen nicht nur bei gutem Willen der Beteiligten ein verhältnismäßig leicht zu erreichendes Ziel ist, sondern auch die europäische Unruhe und Kriegsangst gerade dort anpacken würde, wo sie am tiefsten begründet ist: nämlich an der Ungewißheit, welche neuen schrecklichen Veränderungen ein Krieg mit dieser neuen Waffe über Länder und Völker bringen würde. Die in allen Saaten, jetzt auch in England empfundene Notwendigkeit, die Zivilbevölkerung durch Organisation, Belehrung und Ausrüstung mit Geräten für einen Krieg vorzubereiten, in dem Frauen, Kinder und Greise ebenso bedroht wären, wie der Infanterist im Schützengraben, zeigt ja nur allzu deutlich, wo das tatsächliche und psychische Zentrum des über Europa stehenden Gewitters zu suchen ist. Wir können deshalb nur wünschen und hoffen, daß die durch die Rede des Führers ausgelöste englische Initiative in dieser Richtung sich möglichst schnell und ergiebig vorwärtsbewegt.
Daß die englische Regierung, deren neue Zusammensetzung mit Baldwin als Ministerpräsident und Eden als Außenminister schon als ziemlich sicher angesehen werden kann, die ihr zugefallene Pflicht zur europäischen Führung ernsthaft und energisch wahrnehmen wird, darf heute als sicher gelten und wird von Deutschland begrüßt, nicht weil es hofft, das Gefüge der engen Zusam- menheit der Westmächte damit zu lockern, sondern weil es in England die Macht sieht, die wegen ihrer besonderen geographischen Lage und wegen der gleichmäßigen Verteilung ihrer Interessen a m heften in der Lage ist, die europäischen Dinge vom Standpunkte des Ganzen und ohne nationale Beschränktheiten wirklich europäisch zu sehen. Wenn die Meldung richtig ist, daß sich nun auch Paris entschlossen hat, den französischen Standpunkt zu dem in den letzten großen europäischen Kundgebungen zur Diskussion gestellten neuen Anregungen öffentlich bekannt zu geben, so wird man bald Klarheit darüber haben, ob das, war wir hier als Knstallifationsprozeß der europäischen Politik bezeichneten, überall in diesem positiven Sinne verstanden wird.
Der Entschluß der englischen Regierung, nun keine Zeit mehr zu verlieren und resolut an die Dinge heranzugehen, zeigt sich auch darin, daß sofort die Verhandlungen mit Deutschland über das gegenseitige Verhältnis der Rüstung zur See aufgenommen werden sollen. Die deutsche Grundlage für diese Verhandlungen ist in der Rede des Führers und Kanzlers sowohl nach der technischen wie nach der politischen Seite in deutlichen und festen Umrissen enthalten. In der Forderung, daß die künftige
stehen und die trotz vielfacher traditionsmäßiger Uebereinftimmungen sich in einer grundsätzlich an= ------------- .
dem Auffassung der außenpolitischen Ziele Deutsch- * erste Wort für heute und für die Zukunft zugesteht.
die Mechaniker.
Schon bei der ersten Fahrt in der Stadt war der Wagen gegen einen Bordstein geprallt und stehengeblieben. Der Magistrat hatte weitere Fahrten verboten und einen Landtagsbeschluß durchgedrückt, nach dem das „Fahren mit elementarer Kraft" für ganz Baden verboten war. Trotzdem war man anfänglich, als Benz und seine Leute sich wenig um das Verbot kümmerten, nachsichtig. Erst das schnelle Fahren der Mechaniker brachte eine polizeiliche Vorladung mit sich.
Der Amtmann Bierbaum, mit dem Benz verhandelte, war ein verständiger Mann. Nachdem Benz in ausführlichem Vortrag die Vorzüge seines Wagens erläutert hatte, gab er den Amtsbezirk Mannheim für die Versuchsfahrten frei. Darüber hinaus mußte der Erfinder aber für eine lieber- landfahrt erst die Genehmigung des Ministeriums einholen. Als er es wirklich tat, erhielt er die Erlaubnis nur unter der Bedingung, daß er „f echs Kilometer Geschwindigkeit innerhalb der Stadt und zwölf Kilometer außerhalb" nicht überschreiten dürfe. Das war eine Unmöglichkeit. Unter diesen Umständen konnte man auch zu Fuß gehen oder zur Postkutsche zurückkehren.
Benz wußte sich zu helfen. Er lud einige Herren vom Landtag ein, sich selber von der Betriebssicherheit und Ungefährlichkeit seines Wagens zu über» ’eugen. Wenige Tage darauf erhielt der Erfinder ein Schreiben, in dem die Herren den Zug mitteil- ten, mit dem sie in Mannheim eintreffen würden.
Benz ließ den Fahrmeister Tum rufen.
„Sie werden die Herren abholen. Und zwar mit dem Wagen selbst. Natürlich fahren sie auf keinen Fall schneller, als der Beschluß des Landtags es erlaubt."
Tum nickte und brauste mit sechs Kilometer Geschwindigkeit davon, zum Bahnhof hinunter. Mit einigen Minuten Verspätung trafen der Zug und mit ihm die Herren vom Landtag ein.
Tum stellte sich vor. Ein wenig neugierig betrachteten die Herren den Wagen. Dann gaben sie sich sichtlich einen Ruck und stiegen ein. Wie immer in solchen Fällen, wenn die „T e u f e l s k u t s ch e" auftauchte, sammelten sich die Leute an. Tum gab Signal. Alles wich respektvoll vor dem fauchenden und ratternden Ding zurück.
Nach den ersten beklemmenden Augenblicken begann den Herren von der Regierung die Fahrt sichtlich Spaß zu machen. Interessiert erkundigten sie sich nach dieser oder jener Einzelheit.
Da tauchte hinter ihnen ein Milchwagen auf. Der Kutscher besaß sportlichen Ehrgeiz. Er spornte seine Rösser an. In wildem Tempo rückten sie heran, in den nächsten Augenblicken mußten sie den Motorwagen überholen.
Die Herren wurden unruhig. Sie starrten zu dem Milchwagen hinüber. Tum behielt das oorgeschrie- bene Tempo bei.
Jetzt waren die Gäule bereits neben dem Wagen.
Da hielt es ein Ministerialrat nicht mehr aus. 1 Er beugte sich zu Tum hinüber.
„He, Sie! Können Sie nicht schneller fahren?" „Können schon", grinste Tum. „Aber ich barf’s i nicht, laut Beschluß des Landtags. Es ist polizei- ■ l i ch verböte n."
„Ach, was, fahren Sie nur zu, sonst fährt uns ja jede Milchkutsche davon", war die Antwort. Tum , ließ sich nicht weiter bitten. Er drehte auf. In kurzer Zeit blieb der Gegner mit abgekeuchten Gäulen ’ weit zurück. Bald darauf hob der Landtag jede Ge- 1 schwindigkeitsgrenze für die Motorwagen auf...
Gme MuWelk.
i Zu den älteren Freunden von Benz' Söhnen ge- hörte auch der später als Rennfahrer bekannt ge- , wordene Held. 'Schon zu Beginn der Autoentwick- > hing trat er in das Werk von Benz ein. Ihm fiel i die Aufgabe zu, die neuen Wagen einzufahren. Aber
sparsam, wenn auch die Frauen Pelzkleider tragen, die in zivilisierten Ländern ein Vermögen kosten würden. Eigenartig ist das Schönheitsideal der Tschuktschen. Eine Frau ist nach ihrer Ansicht schön, wenn sie ein Gesicht hat „so rot wie Blut und wie Feuer brennend". Auch die Werbung ist recht eigentümlich. Zwar kauft sich der junge Tschuktsche feine Frau um etwa zehn bis dreißig Renntiere, aber zuvor muß er zwei Jahre für ihre Familie arbeiten, und erst wenn er alle Arten schwerer Arbeiten zur Zufriedenheit gemacht hat, kommt der Frauenkauf zustande. Bei der Heirat schmieren die Männer den Frauen das Gesicht mit Renntier-Blut ein, was bedeuten soll: „Mit allen meinen weltlichen Gütern statte ich dich aus". Sie sind Schamanisten, Angehörige einer Religionsform, die auf Vorstellungen von dämonischen Geistern, Schattenseelen Verstorbener und Tiergeistern beruht. Auch ihre Nachbarn, die Jakuten, die 250 000 Köpfe zählen und die, ursprünglich aus dem Sojanischen Gebirge stammend, nach einer Ansiedlung in der Gegend von Irkutsk in ihr heutiges Wohngebiet an der mittleren und unteren Lena und deren Nebenflüsse wanderte, sind Anhänger des Schamanismus, obwohl sie sich äußerlich zur russischen Kirche bekennen. Es handelt sich um ein überaus reiches Volk. So ist die Tracht einer Jakutin viele tausend Mark wert. Ihre Pelzkleider sind vorne und hinten mit kostbaren Silberornamenten geschmückt, und auch die Hals- und Schulterbänder sind echte Silberfiligranarbeit. Das Halsband ist mit einem großen Brustschild aus Silber versehen, von dessen Enden silberne Glöckchen herabhängen. Auch die Manschetten, Taschen und der untere Rand des Pelzrockes sind mit viereckigen Platten aus Silberfiligran geschmückt. Die Nückenseite ihrer Gewänder trägt ein breites Muster dieser kostbaren Verzierung. In ihrer Haushaltsführung find auch die Jakutinnen sehr einfach. Wenn ihre Männer eine lange Schlittenreise machen, um von fernen Stämmen Pelze zu holen, werden die ablaufenden Tage jeweils durch Abstecken von Pflöcken in dafür bestimmten Löchern einer runden Birkenstammscheibe gekennzeichnet. Die Priesterinnen nehmen eine ähnliche Stellung ein wie die Medizinmänner der Indianer. Sie sollen durch ihren Zauber Krankheiten abwehren und durch Worte und Zeremonien die bösen Geister, die unsichtbar auf der Erde gehen sollen, von den Zelten fernhalten. Der Silberschmuck der Frauen wird von den Jakuten, die geschickte Eisen- und Silberschmiede sind, selbst oerferrigt. Die Frauen leben von roh-m Fischen, Beeren, Wurzeln und Blättern, die sie mit Rennlierblut vermischen. Während die Männer ihrem Jagdwerk nachgehen, bereiten die Frauen den Kumys, ein Getränk aus Renntiermilch, dem eine besondere Heilwirkung zugeschrieben wird.
unerwartet aus einer Seitengasse herausschoß. Die Osterpilger fielen von einer Angst in die andere. Die ausländischen Fahrer fühlten sich unsicherer als auf nassem Asphalt. Die vermeintlich schon gelungene Verkehrsregelung wurde wieder ein Problem.
Wie soll sich ein Auto bemerkbar machen? Nicht jeder Lenker hat zum Beispiel so viel Zeit und Humor wie jener Herr, der zu dem Pärchen, das eine Gasse im Zentrum versperrte, liebenswürdig hinging, den Hut lüftete und sich die ergebene Anfrage gestattete, ob es den Herrschaften etwas ausmachen würde, ihre Unterhaltung hin - t e r seinem Wagen fortzusetzen. Die meisten Fahrer nahmen vielmehr zu allerhand Listen ihre Zuflucht, um das Hupverbot in strenger Befolgung -u umgehen. Das heißt, sie ließen ihr Signalhorn abnehmen, um ja nicht in straffällige Versuchung zu fallen, und kamen dafür auf anachronistische Ideen. Der eine machte es den Droschkenkutschern nach, indem er das berühmte römische „Ehhh — oppp!" lernte, das manchen Fußgänger zum Ausweichen bewegt, der andere ließ den Motor im Leerlauf surren, was einfach notwendig ist, wenn man um eine Ecke biegen und den Passantenstrom unterbrechen muß — (denn welcher Fußgänger bliebe freiwillig stehen?), der dritte verlegte sich aufs Pfeifen oder auf die Schnalzlaute der glockenlosen Radfahrer. Manche verfielen in Tiefsinn und gerieten damit unter die Erfinder. Wäre es nicht wunderbar, blitzte es durch ihr Gehirn, wenn man einen Apparat erfinden würde, der einem die «Stimm» laute und die Gebärden abnimmt? Man könne zum Beispiel, abgesehen von Kinderklappern, Kastagnetten oder Pfeifchen, einen angenehm gedämpften Ton erzeugen, indem man nach dem Muster des sterbenden Schweinchens auf einen Gummiball drückt. Oder man nimmt die Elektrizität zu Hilfe, drückt einfach auf einen Knops! Einfach und wunderbar.
In Mailand erlitt das große Experiment den ersten Schiffbruch, als abends Nebel einfiel. Forza maggiore, sagten sich die autisti, die Männer der Taxen, und hupten wild barauflos. Eine solche Entschuldigung hat nun Rom nicht so leicht aufzutreiben, dafür ist die Sadt hoffnungslos verbaut, teils aus der Römerzeit her, wo sich alles im Zentrum zusammendrängte, teils aus jenen Jahrhunderten, wo die Sonnenfurcht herrschte und infolgedessen ein schreckliches Gassengewinkel entstand. Mussolini fuhr mit kühnen Straßendurchbrüchen dazwischen, er stellte ein Heer von Verkehrsreglern auf, dennoch ist der Wagenstrom einfach nicht zu bewältigen. Es gibt ja keine Untergrundbahnen, es gibt vielfach nicht einmal Gehsteige. Immerhin, innerhalb der alten sieben Hügel geht es noch an, denn die Furcht vor der Polizeistrafe — in der Regel 11,10 Lire: 10 Lire Buße, 1 Lira für die Tuberkulosebekämp


