Ausgabe 
1.3.1935
 
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greitag.I.Marz 1935

185. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Stan^rt ?Äin 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche llniverfitälrvuch- und Steindruckerei R.Lange in Stehen. Schriftleitung und Seschäslrftelle: Schulstratze 1 M-Ngenabichiüsi-Staff-Ib

Des deutschen Saarlandes Heimkehr.

Mr grüßen die befreite Saar

gehen. Es hat aber auch weiter der Welt bewiesen, daß Völker keine Schachfiguren sind, die man ver­schieben kann, wie es gerade dem Spieler gefällt.

So war der glänzende Abstimmungssieg vom 13. Januar nicht nur ein Bekenntnis zu Deutsch­land, er war darüber hinaus auch eine Brücke, über die der Wille zur Verständigung zwischen zwei großen Völkern ungehindert gehen kann. Wenn es möglich war, die Verhandlungen zwischen Deutsch­land und Frankreich über die mit der Rückgliede­rung des Saarlandes sich ergebenden Fragen ver­hältnismäßig freundlich und darum erfolgreich zu gestalten, so gebührt ein Verdienst daran auch dem überwältigenden Bekenntnis der Saarländer zum Deutschtum. Wenn alle Staatsmännner, die zur Zeit in Europa damit beschäftigt sind, den Frieden zu sichern, auch dafür sorgen, daß die Völker selbst und vor allem ihre öffentliche Meinung sich auf Frieden und Verständigung einstellen, so wird das dem Frieden wie auch der Wohlfahrt der Völker besser dienen, als alle Sicherheitsoer­träge. Voraussetzung dafür ist, daß kein Stachel zurückbleibt, daß auch nichts geschieht, um neue Hindernisse aufzubauen.

Das deutsche Volk freut sich ehrlich und aufrichtig über die Heimkehr der Saarländer; aber es will auch in dieser Heimkehr nichts anderes sehen, als einen Fortschritt und eine Bürgschaft für den Frieden. So ist das auch in der Wechsel­rede gesehen, die der Führer und Reichskanzler am 15. Januar mit dem Gauleiter Bürckel hielt. Es kommt auf die Völker an, ob sie diese auch ver­stehen. Das deutsche Volk aber erhebt sich am 1. März, um mit den Saarländern das Gelöbnis zu erneuern, daß wir wieder frei sein wollen wie das die Väter waren.

Du schönes, fröhliches Saarland!

Von Zosef Magnus Wehner.

Wenn wir im deutschen Süden dem heimkehrenden Saarländer zum 1. März unseren Willkommgruß sagen, dann gilt er einem Bruder, der eine zeitlang auf seinem Hofe einem fremden Bauern gedient hat und nun selber dort Bauer geworden ist. Es wird ein fröhlicher Gruß sein einem ebenbürtigen, gleich­blütigen Bruder gegenüber, dessen Scholle an die unsere stößt. _

Wir kennen uns schon lange, Saarland und Bayern. Manche von uns verwechseln den Saar­länder mit dem Rheinpfälzer, aber das wäre kein chlechter Tausch, denn gerade den Rheinpfalzern verdanken wir Bayern die Freilegung vieler Gold­adern in den Schächten unserer Kultur. Die Ver­wechslung rührt daher, daß die Mundarten der beiden so nahe verwandt sind und daß sie auch in ihrem Auftreten einander gleichen. Es ist dieselbe urfröhliche, wirbelnde, gärende und brausende Lebendigkeit an der Hardt wie an der Warndt, eine hell hinlärmende Herzlichkeit, wie sie die Geschöpfe der Weinländer äußern. Diese Herzlichkeit, die sehr wohl mit prickelnder Ironie gewürzt sein kann, steckt an. Saarländer und Pfälzer wirken, wenn sie in eine Gesellschaft kommen, wie Quirle; bald schäumt das vorher so lässig dahinschleichende Ge­spräch in tausend Witzen, Anspielungen, Lachsalven über Die ungeheuerliche mimische Beweglichkeit der Gesichter grenzt ans Schauspielerische. Ja, die Saar­länder teilen diese Kunst in hervorragendem Maße mit dem spielfreudigen bayerisch - österreichischen Stamme. Sie sind fast in jeder Gesellschaft die springlebendigen Wortführer und heute, am ersten März, sind sie die Festführer des ganzen deutschen Volkes.

Jahren wieder heimkehrt ins Reich, mit der Heimat wieder verbunden ist, mit ihr Leid und Freuden teilt, mit ihr sich in eine neue Ordnung hinein­kämpft. Ein neuer Anfang aber auch in dem Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Solange die Saarfrage nicht be­reinigt war, stand zwischen den beiden Völkern ein Unruheherd, der zu immer neuen Konflikten Anlaß gab. Das Saarland steckte zwischen den beiden Völkern wie der Splitter in der Hand. Ein inter­nationaler Klüngel stellte sich zwischen die beiden Völker und deutete dieSaarfrage" für seine Zwecke um. Jetzt, wo wir ein wenig Abstand haben von der Zeit, in der dieser Klüngel die Völker gegeneinander hetzte, wissen wir, was für ein Berg von künstlichen Gegensätzen von diesen aufgetürmt worden ist. Dieser Berg ist in sich zusammen­gefallen; die Kreise, die an ihm Interesse hatten, sind in alle Winde zerstoben; sie mißbrauchen das Gastrecht der Völker, bei denen sie anmaßend und frech Ansprüche stellen, und schüren im geheimen weiter. Aber, und das ist das Entscheidende: e s gibt keine Saarfrage mehr! So sind die Stöße dieser Leute Luftstöße, sie richten zwischen den Völkern kein Unheil mehr an. Das Saarland i st deutsch, und damit ist zwischen Frankreich und Deutschland die Trennungsmauer ge­fallen. Beide Völker werden nicht mehr durch einen unnatürlichen Fragenkomplex getrennt. Was nunmehr noch trennend zwischen ihnen steht, wird leichter und einfacher zu lösen sein. Daß wir heute soweit sind, haben wir ewig dem Saarvolk zu danken, das in unwandelbarer Treue seinen schweren einsamen Kampf geführt hat. Es hat der Welt bewiesen, wie groß und mächtig die Bande des Blutes sind, und welche Kräfte von ihnen aus-

Unzählige Feuer grüßen heute von unseren Ber­gen zu ihnen hinüber. In Almen und Berghütten lodern die Juhuschreie zum Himmel, von einem Hof zum anderen schlagen die Wogen eines Festes, das uns im Süden besonders nahe geht. Denn um ehrlich zu fein: unter der sprudelnden Lebensfülle des wein- und liedfrohen Saarlandes ist auch die braune Stille, die Jäheit und Melancholie zu finden, die sich im heiligen Strome der Saarländer spiegelt. Manchmal schwillt sie heftig über ihre Ufer, oft aber auch zieht sie langsam, verdunkelt und war­tend ihres Weges. In den Saarländern ist vielleicht stärker als in uns anderen Deutschen das Gefühl einer Zukunft lebendig, für die wir noch nicht reif waren. Sie fühlen, vielleicht heißer als wir, unsere deutsche Aufgabe unb daß wir schon viele, viele Jahrhunderte von Gott keine Aufgabe mehr er­halten haben, die unserer Kraft, unserer Ordnung und unserer tiefsten Schönheit würdig gewesen wäre. Unb vielleicht ist gerade bie überquellenbe Lebens­laune unserer westlichen Brüber nur ber Versuch, zuweilen mit tollkühnen Sprüngen über biese unsere innerliche Gehemmtheit hinwegzukommen.

Aber wir sinb auf bem Wege, meine herzlieben Saarlänber, unb ihr seib nach bem großen Zu­sammenbruch bie ersten, bie uns Mut zu unserer Zukunft im Großen gemacht haben. Weil ihr uns treu wart, beshalb glauben wir an unsere Aufgabe, beren erste Forderungen langsam, langsam Gestalt werben.

Aber wir wollen nicht allzu ernst sein. Wir grüßen vom ©üben herauf zu allererst die braven Kumpels unter der Erde, die das Schwerste aller Arbeitslose freiwillig, ja freudig gewählt haben. Wir grüßen die vielen alten Soldaten der großen Armee des Weltkrieges, die in den bayerischen Regi- meutern gestanden sind unb so tapfer gekämpft ! haben, daß es eine Helle Freude war, ihnen zu-

Mit der Uebergabe der Regierungsgeschäfte des ! Saarlandes an den Beauftragten des Reichskanz- i lers, den Gauleiter Josef Bürckel, wird ein : Zwischenspiel zu Ende gehen, das in Anlage und Auswirkung mit zu dem Abscheulichsten der vielen Abscheulichkeiten der Versailler Politik gehört. Die Urheber dieses Zwischenspiels müssen heute erken­nen, daß es unmöglich ist, einen Teil des deutschen Volkes wider seinen Willen abzusplittern, um so weniger, als das ganze deutsche Volk in schicksal­hafter Verbundenheit entschlossen ist, die Schöpfer­tat der Volkwerbung, die Gestaltung zur Ration zu vollenden. Die Saarländer haben in den fünfzehn Jahren, in denen sie, vom Reiche getrennt, den schwersten Belastungsproben ausgesetzt waren, nie­mals in ber Treue gewankt. Die fünfzehn Jahre der Frembherrschaft haben sich für die Saarlänber wie ein Schmiedfeuer bewährt, in diesem Feuer wurde nicht nur bie Treue zum Volkstum hart­gehämmert, es wurde auch bie beutsche Gesinnung geläutert unb gestählt, bie im Siea des National­sozialismus ihren unzerstörbaren Ausdruck gefun­den hat.

Das Saarland sollte wegen seiner Kohlenschätze unter Beugung des SelLstbestimmungsrechtes vom Reiche gewaltsam getrennt werden, obschon das Saarland unb erst recht bas Saarvolk seit über einem Jahrtausenb immer zum Reiche gehört haben. Das Saarland war schon deutsches Kernland zu einer Zeit, in ber England unb Frankreich über­haupt noch keine Rationen waren. Was aber ge­schehen wäre, wenn nicht ber Nationalsozialismus dem deutschen Volke wieder einen stahlharten Le­benswillen eingeprägt hätte, das läßt sich heute nur wie in einer Unheilswolke erkennen, die an uns vorübergezogen ist. Der Abstimmungssieg, den die Saarländer dem deutschen Volke am 13. Ja­nuar geschenkt haben, hat wie eine Befreiung unb wie eine Erhebung gewirkt. Vor biesern Bekennt­nis beutscher Treue beugten sich selbst bie Trager unb Nutznießer ber Versailler Politik.

Wie tief sinkt dagegen ab, daß die böse Absicht, das Saarland vorn Reich zu trennen, nicht durch die Rücksicht aus bie Saarländer bestimmt war, sondern durch die Gier nach der Saarkohle. Fünf­zehn Jahre lang haben sich bie Saarländer Vor­reden lassen müssen, daß die Angliederung an Frankreich oder gar der Status quo das Saarland wie aus einem Füllhorn mit eitel Glanz und Glück überschütten würbe. Alles wurde getan, nichts wurde unterlassen, um das Saarland zunächst wenigstens einmal wirtschaftlich nach dem Westen abzudrehen, weil andere Möglichkeiten, bie Saarländer zu gewinnen, nicht gegeben waren. Auch davor schreckte die Werbung für Frankreich nicht zurück, die Saarländer darauf aufmerksam zu machen, daß bei der Rückgliederung nach Deutsch­land für bie Saarkohle sowie für anbere Erzeugnisse des Saargebietes keine Absatzmärkte vorhanden wären. Als ob das Saarland bei der mehr als tausendjährigen Verbundenheit mit dem Reiche nicht auch wirtschaftliche Fäden und Bindungen geknüpft hätte, die sich zwar unter­brechen, aber auf die Dauer nicht zerstören

lassen!

Nun sind alle diese Nebel zerstreut, die Schlag­bäume sind gefallen, die noch vor wenigen Wochen das urdeutsche Saarland und seine Wirtschaft vom Reiche trennten. Wenn nun heute in den Morgen hinein über das Saarland hinweg die Glocken läuten und ihren ehernen Klang weitergeben hin­über zur deutschen Heimat und dann durch Dors und Stadt, landauf, landab in den Glockenstuhlen der Willkommgruß widerklingt, dann ist in ganz Deutschland nur ein Gedanke, nur ein Gefühl, nur ein Gelöbnis:Wir wollen sein em einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns tren­nen und Gefahr." Die Bahn ist frei jur einen neuen Anfang, EM-Eer Anfang des Saarlandes, das nun endlich nach langen

zusehen. Wir grüßen eure Toten, ihr Saarleute, beren Geist so sichtlich am Wahltage mit uns war. Wir grüßen bie Verwundeten bes Krieges unb ber Bewegung. Wir grüßen bie Bauern, bie Hand- werker unb bie Bürger, bie Fabrikherrn unb Wein­bergbesitzer. Wir grüßen bie sonnenheißen Täler, bie schönen grünen Wölber unb eure schönen unb anmutigen Frauen, bie blauäugigen unb bie schlan­ken unb bie braunäugigen. Wir grüßen bas Saar- lieb, bas Wunber ber Einigung gewirkt hat. Es ist zum Volkslieb geworben.

Wir grüßen dich als Ganzes, bu schönes, fröh­liches, lebenbiqes Saarland. Wir küssen beine Trau­ben unb bie Sippen beiner Menschen.

Auhrkumpel, Saarkumpel Hand in Hand.

Von Erich Grisar.

Die Saar kehrt heim. Unb. bie Fahnen wehen über bas Lanb, unb es ist keine Grenze mehr zwischen euch, Brüber an ber Saar, unb uns, Brüber an ber Ruhr. Unb ber Rheinstrom fließt unb strömt zum Meere. Unb er bringt bas schwarze Wasser mit aus ben Bergwerken an ber Saar, bas ben Moselstrom herabrinnt unb mit ben schwarzen Wassern ber Ruhr sich eint im breiten Rheinstrom. Im Strom Deutschlands. So fließt nun unser Blut wieber zusammen. Unb unsere Fäuste packen bie Pickel fester, unb tiefer graben wir uns hinein in ben schwarzen Berg, Kohle zu schlagen. Ruhrkohle wir unb Saarkohle ihr. Unb wir alle schaffen für Deutschland. Unser einziges Vaterland. Unser ein­ziges Vaterlanb, geeint burch soviel Kämpfe. Unb boch, trotz aller Zerrissenheit in ber Vergangenheit, wir kämpften unfern Kampf wie ihr ihn gekämpft habt. Wir an ber Ruhr. Damals als ber Gegner mit 100 000 Mann in unserm Lanb stanb unb jetzt, ba er euch irre zu machen versuchte an bem tiefsten Gefühl eures Herzens. Wir haben ihn gewonnen, ben Kampf. Wie ihr ihn gewonnen habt.

Unb so grüßen euch Kumpels an ber Saar benn bie Kumpels an ber Ruhr. Jeben Tag, wenn wir in bie Grube hineinfahren, benken wir an euch, wie ihr an uns benkt; benn eine Arbeit verrichten wir, ein Stolz beseelt uns: Für Deutschlanb. Unb jeben Tag, wenn wir mit frohem Glückauf aus ber bunflen Nacht unserer Gruben emporsteigen ans Licht, grüßt uns e i n Himmel: Deutschlands Him­mel. Unb bie ewigen Sterne leuchten unb binden uns mit unserm Geschick. Binden uns mit unserer Losung: Alles für Deutschland. Dort wie hier.

Und dort wie hier klingt das alte Bergmannslieb, bas seine Melobie abgegeben hat an bas Lieb von ber Saar. Unb wo es nun klingt, ba klingt bie Er­innerung auf an bie Zeit eures Kampfes unb ben stolzen Tag eures Sieges. Der auch unser Sieg war. Denn wir alle haben ihn mitgekämpft. Wir alle haben ihn mitgesehnt. Wir in ben Schächten unter ber Erbe, wir in ben Fabriken über ber Erbe, wir an ben Feuern ber Hochöfen unb in ben Schrnieben. Wir alle, bie wir uns Deutsche nennen unb stolz auf biefen Namen sinb.

Unb so sollen bie Pickhämmer wieber bonnern. Unb bie Kohle soll bersten im Berg und die Hoch­öfen sollen glühen unb ben Himmel erfüllen mit bem flammenben Rot ihrer Glut. Unb es soll ein Leuchten sein in unseren Herzen. Unb ein Gefühl soll unsere Herzen burchwogen: Gefühl ber Gemein­samkeit. Unb wie in vergangenen Tagen bes Kamp­fes wollen wir zusammenstehen, ihr bort, wir hier auf ben Schlachtfelbern ber Arbeit. Unb wollen gemeinsam kämpfen für Deutschland Ruhm unb Deutschland Ansehen in ber ganzen Welt. Unb ben Frieben wahren gegen jeben, Der ihn bebroht. Denn bafür schlägt unser Herz, bafür schafft unser Arm, dafür wirbt unser Lied: Deutsch ist bie Ruhr, beutsch ist die Saar unb einig bas Volk in jeber Gefahr.

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fiier wurde die Rückgliederung des Saargebiets vollzogen. Das Kreisständehaus zu Saarbrücken, in $ dem heute nmrrittag 9.30 Uhr der Äaatsakt der Srückgliedenmg des Saargebiets erfolgte.

Aul dem Platz vor dem Gebäude der Regierungskomrmssion wurden heute vormittag 10.15 Ubr bie Bahnen des Deutschen Reiches gehißt. Am Abend findet hier die Befrelungskundgebung statt, die über o 1 ßll- deutschen Sender übertrage» wird.