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Nr. 254 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GderWen)
Montag, 30. Oktober 1935
Der Dollar zwischen Scylla und Sharybdis.
Don unserem H.W.v.O.-Äerichterstatier.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
N e u y 0 r k, Mitte Oktober 1933.
Als Roosevelt bereits vor seinem Regierungsantritt das ungeheure Wiederaufbau- Programm entwarf, dessen Durchführung gegenwärtig das amerikanische Wirtschaftsleben erschüttern läßt, bildete eine begrenzte Inflation des Dollars nur einen der zahlreichen Programmpunkte, durch die man die Ankurbelung in die Wege leiten wollte. Der Gedanke, zu dessen Ausführung der Kongreß Roosevelt weitgehende Vollmachten erteilte, war lediglich, das Wertverhältnis etwa vom Jahre 1926 wieder herzustellen, d. h. den gleich- gebli ebenen Wert des Golddollars dem seitdem beträchtlich gesunkenen Preis- Niveau der hauptsächlichen Rohprodukte wie Weizen, Baumwolle, Eisen, Kohle usw. wieder anzupassen. Dabei spielte wohl die Hoffnung mit, daß sich ein künstlich gesenkter Dollar mit den künstlich stimulierten Rohstoffpreisen a u f halbem Wege begegnen und sich von da ab gegenseitig stützen würden. Diese Hoffnungen haben sich nicht oder doch nur in ungenügendem Grade bewahrheitet, und die Frage einer Inflation, der ursprünglich sekundäre Bedeutung beigemessen wurde, ist auf dem besten Wege, zum ausschlaggebenden Faktor der amerikanischen Ankurbelungsrechnung zu werden. Es folgert hieraus, daß man schon heute die Einzelfrage der Währung nicht mehr gesondert aus dem Gesamtrahmen des amerikanischen Wirtschaftsbildes herausheben kann.
Die Maßnahmen, die die Roosevelt-Regierung bisher unter «er Flagge der NRA. (Nationale Wiederaufbau Verwaltung) getroffen hat, find gigan- tisch, aber doch großenteils von fraglichem Werte. Die gefamteWirtschaft ist bekanntlich auf sogenannte „C o b e s" verpflichtet worden, so daß sämtliche Betriebe der einzelnen Jndustriegruppen unter den gleichen, den örtlichen Verhältnissen angepaßten Bedingungen arbeiten, um durch verringerte Arbeitszeit und verhältnismäßig höhere Lohne nicht nur vermehrte Arbeits st eilen zu schaffen, sondern auch die Kaufkraft der Gesamtheit zu heben. Der stimulierende Effekt einer Arbeitsaufteilung ist fraglich, aber immerhin haben seit März d. Js 2*/i Millionen Menschen wieder
Der irische Völkerbundsdelegierte Lester wurde yom Völkerbundsrat als Nachfolger des Dänen Rosting zum Hohen Kommissar für die Freie Stadt Danzig ernannt.
Arbeit gefunden und die wöchentlichen Lohnzahlungen sind um 40 Millionen Dollars gestiegen. Weitere elf Millionen Menschen dagegen warten noch heute auf eine Existenzmöglichkeit und sehen sich einem strengen Winter ohne Erwerbsmöglichkeit gegenüber, während eine steigende Streikwelle und Meinungsverschiedenheiten innerhalb gewisser Verwaltungsbehörden mehr als Kinderkrankheiten des neuen Systems anzusehen sind.
Die Industrie erhielt neuen Anreiz durch die großzügige Bereitstellung von 3,3 Milliarden Dollars für öffentliche Bauten, von denen etwa ein Drittel zum Ankauf von Material Verwendung finden soll, aber die Schwierigkeiten für die Bundesstaaten bestehen darin, genügend Projekte zu finden, die den Bedingungen gemäß hinreichend Sicherheit für Rentabilität und Amortisation gewähren. Aufträge für die Schwerindustrie wie z. B. derjenige über 600 000 Tonnen Eisenbahnschienen und riesige Waggonlieferungcn pumpen weitere 50 Millionen Dollars in eine zehnfach überentwickelte I n d u st r i e und werden auch wohl von der Bundesregierung kreditmäßia finanziert, müssen aber doch letzten Endes von den Eisenbahngesellschaften bezahlt werden, die schon bis über das Jahr 2000 hinaus bis über sämtliche Ohren in Schulden st e ck e n. Industrie und Geschäftswelt, hoffnungsvoll angeregt durch die ersten Ankündigungen der NRA., haben in den letzten wenigen Wochen ihre Tätigkeit, die bei Roosevelts Amtsantritt index- gemäß etwa 63 betrug, und im Juli infolge künstlicher Stimulierung auf 87 stieg, wegen Ausbleibens der erwarteten Kaufwelle bereits wieder in beunruhigender Weise eingeschränkt (Indexziffer Ende September 77), und es ist ein offenes Geheimnis, daß zahlreiche große Werke ihre Produktion trotz aller von Regierungsseite ausgehender Anregungen und Versprechungen enttäuscht auf ein Produktionsminimum eingeschränkt haben. Die mit allen Mitteln propagierte Kaufwelle konnte nicht einsetzen, weil man vom Verbraucher Ausgaben verlangte, bevor man ihm erhöhte Verdien st Möglichkeiten gab. Auch die in den letzten Wochen angebahnten Exportverhandlungen mit Rußland und Südamerika können angesichts der untergeordneten Rolle, die der Export im amerikanischen Wirtschaftsbetricb spielt, das Allgemeinbild nicht ändern
Die Landwirtschaft erhielt erhebliche direkte und indirekte Zuwendungen in Gestalt von 150 Millionen Dollars zur Re-Finanzierung bedrohter Hypotheken, durch 75 Millionen zum Ankauf von La- gerbeständen an Getreide seitens der Regierung, durch 400 Millionen zur Reorganisierung des Baumwollmarktes und Einschränkung der nächstjährigen Anbaufläche um 40 v. Sy; die Landwirtschaft teilt sich mit der Industrie in die 700 Millionen Dollars, die die Nothilfe zum Ankauf von Nahrungsmitteln, Kleidung und Kohle für die Erwerbslosen im kommenden Winter bereitgestellt hat. — Aber die H y - pothekenschulden der Landwirtschaft von über acht Milliarden Dollars werden auch durch diese Maßnahmen nicht geringer, und können es auch solange nicht, solange der Farmer für seine Produkte einen Jndexpreis von 7 5 erhält, dagegen für seine notwendigen industriellen Produkte einen solchen oon115bezahlen muß und solange man von ihm erwartet, mit einem Bruchteil seiner früheren Einnahmen Hypothekenschulden zu bezahlen, die ihrem Goldwert nach um 50 0. H. gestiegen sind, während der Wert seiner Farm u m 75 v. H. g e s u n k e n ist.
Zusammen mit der Landwirtschaft kranken aber auch die Banken an diesen acht Milliarden, die sie trotz deren zweifelhaften Wertes noch vielfach auf der „Aktiv"-Seite ihrer Bücher führen. Rechnet man hierzu noch die gesunkenen Werte der städti
schen Grund st ückshypotheken, deren Wert- vermmderung sich in konkreten Zahlen überhaupt
a .a"9eben läßt, sowie eine öffentliche „ v" d allein der Bundesregierung von 23 Milliarden Dollars, so erhält man schließlich eine Mi- nusbllanz die sich an europäischen Maßstäben überhaupt nicht messen läßt.
Die von Roosevelt in die Wege geleitete Auf- tauung eingefrorener Kredite in not- leidenden Banken wird zwar den Geldmarkt zu- nächst um etwa eine Milliarde flüssiger gestalten. Aber damit ist nicht geholfen. Denn erstens wird der größere Teil dieses Geldes nicht, wie erhofft, ausgegeben, sondern in Regierungsanleihen angelegt werden (und dadurch die schwebende Schuld erhöhen) und zweitens fehlt es nicht an flüssigem Geld, sondern an kreditwürdigen Schuldnern. Die Großbanken fordern ihre Depositäre zur Aufnahme von Darlehen auf, und die Depositen der Mitglie- derbanken des Federal-Reseroe-Systems sind großer als je zuvor. Daß sich die Bankwelt trotz Roosevelts eindringlicher Aufforderung nicht zu der geforderten Kreditexpansion herbeiläßt, ist nur ein Beweis dafür, daß die Wirtschaftspolitik, die Roosevelt selber als ein gigantisches Experiment bezeichnete, keine Maßnahme eines Wiederaufbaus, sondern des Wiederabbaus (ober im günstigsten Falle bes Wieberumbaus) eines zu unnatürlichen Demensionen aufgeblasenen Wirtschaftsgebildes ist.
Präsident Roosevelt ist in den letzten Wochen von Jnflationsgegnern und -freunden mit Ratschlägen bestürmt worden, ohne bisher eine eindeutige Entscheidung zu treffen, und er ist offensichtlich bemüht, eine D 0 l l a r i n f l a t i 0 n unter allen Umständen zu vermeiden, falls sich im Laufe der nächsten drei Monate, d. h. bis zum Zusammentritt des Kongresses am 3. Januar 1934 die bisher getroffenen Sanierungsmaßnahmen als ausreichend erweisen sollten. Ob dies aber der Fall ist, kann nur die Erfahrung der nächsten Monate lehren. Festzustehen scheint dagegen, daß der Präsident nicht geneigt ist, die Verantwortung für eine Inflation persönlich zu übernehmen, sondern es dem Kongreß überlassen wird, die weitgehenden, bisher unausgenutzten Vollmachten, die dieser ihm durch den Thomas-Zusatz zum Farm- Hilfsgesetz erteilte, in einen direkten Auftrag zu
einer weitaehenden Währungsinflation als dem einzigen Ausweg, der ungeheuren Verschuldung Herr zu werden, umzuwandeln.
Oer Außenminister der Sowjet -Llnion auf der Durchreise in Berlin.
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Auf feiner Reise nach USA. traf der russische Außen» kommissar Litwinow in der Reichshauptstadt ein, in der er sich kurze Zeit aufhielt. — Unser Bild zeigt Litwinow (links) im Gespräch mit dem Sowjet- Botschafter Chintschuk auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin.
Die evangelische Landeskirche Hessens imZahre *1932.
Aus der soeben erschienenen Statistik der evangelischen Landeskirche Hessens sind folgende Angabe und Zahlen von allgemeiner Bedeutung:
Ende 1932 standen von der evangelischen Landeskirche getrennt 1984 Freiprotestanten, 9431 Deutsch- Katholiken und Freireligiöse, 1083 Altlutheraner, Freilutherische, Separiert-Lutherische, 2501 Neuapostolische, 1182 Methodisten, Baptisten, Darby- ften und Adventisten, 728 Dissidenten, sowie 1196 andere evangelische Christen. Es traten 762 Personen zur evangelischen Kirche über, davon von der katholischen Kirche 422, von sonstigen christlichen Gemeinschaften. 56, von nichtchristuchen Gemeinschaften, ober aus ber Religionslosigkeit 273, von den Juden 11. Dagegen traten 3001 Personen aus, davon zur katholischen Kirche 45, zu sonstigen christlichen Gemeinschaften ober ohne Uebertritt 2651, zu ben Juben 1.
von 6209 standesamtlich geschlossenen evangelischen Ehen wurden 5765 (92,85 v. h.) in der evangelischen Kirche getraut,
444 Paare schlossen nur bürgerlich die Ehe. Von 1849 Mischehen zwischen Römisch-Katholischen und Evangelischen wurden 759 evangelisch getraut, in
303 Fällen waren es Eheschließungen zwischen Evangelischen und anderen als Römisch-Katholischen, 48 davon wurden evangelisch-kirchlich ge» traut. Die Trauung wurde in 227 Fällen verweigert und sechsmal versagt. Es wurden 2357 Kinder aus Mischehen mit Römisch-Katholischen ermittelt und 1321 davon evangelisch getauft, 248 Kinder wurden von 325, die aus Mischehen mit anderen als Römisch-Katholischen geboren wurden, evangelisch getauft. 1024 Kinder wurden unehelich geboren, 951 davon evangelisch getauft, Taufversagungen brauchten nicht ausgesprochen zu werden. Von den 8026 Konfirmierten stammten 7218 aus evangelischen, 808 aus Mischehen. In 2 Fällen mußte die Konfirmation versagt werden.
von 9515 verstorbenen Evangelischen wurden in hessischen Gemeinden 9161 kirchlich beerdigt, die anderen in außerhessischen Gemeinden, 179 Kinder wurden nach dem Herkommen ohne Mitwirkung des Geistlichen begraben. Die Durchschnittszahlen für den Kirchenbesuch betrugen in ben fünf größten Stabten bes ßanbes, ausgewogen auf bie Zahl ber lanbeskirchlichen Evangelischen bzw. ber Erwachsenen, in Offenbach 7,62 (5,71) v. H., in Darmstabt 8,02 (7,51) o. H., in
Am Weiher.
Von Paul Ernst.
Bei der Erkunbung einer französischen Groben- stellung würben bie beutschen Solbaten von ben Feinden bemerkt unb erhielten heftiges Feuer. Sie mußten eilig zurückgehen unb konnten einen Käme- raben nicht mitnehmen, ber einen Schuß burch das Knie erhalten hatte.
Der Verwundete lag am Rande eines dunklen Weihers, der von hohen Pappeln umsäumt war. Leuchtkuaeln von beiden Seiten erhellten in kurzen Pausen die Nacht, und es wurde ununterbrochen geschossen. Der Verwundete lag still; das zerschmetterte Knie schmerzte ihn heftig.
Nach langen Stunden rötete sich im Morgen der Himmel. Der Widerschein der Röte erglänzte in dem ruhigen Weiher zwischen den Pappeln. Die Schmerzen des Verwundeten waren jetzt so heftig, daß er ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. Auf seinen Kleidern, im Rajen um ihn war es feucht unb kalt vorn Tau.
Die Sonne hob sich lcuchtenb am Ranbe bes Himmels. Der Verwundete zog fein Taschenbuch vor und schrieb: „Acht Stunden habe ich schon mit meiner schweren Verwundung gelegen. Meine Kameraden haben mir nicht helfen können. Vielleicht können sie mich in der nächsten Nacht holen. Das Bein wird steif bleiben."
Die Sonne stieg langsam höher am Himmel; bas Gras, die Uniform wurden trocken; das Frieren verschwand* ein heftiger Durst quälte den Verwundeten. Er nahm den Helm ab, schleppte sich an den Rand des Weihers, schöpfte Wasser und trank.
Die Hitze stieg. Er ühlte die Hitze, und es fröstelte ihn innerlich trotzdem. Er überlegte, wie er sein Leben nun als Krüppel einrichten konnte. Er war Dachdecker, vielleicht konnte er bei einem Buchbinder in die Lehre gehen.
Die Stunden des Tages gingen sehr langsam hin. Zuletzt wurde es Abend, die Dunkelheit stieg lang- Jam.
Aber als es so finster war, daß er Hilfe von den Kameraden erwarten konnte, da fliegen wieder die Leuchtkugeln auf und erhellten das ganze Gelände.
Nun wurde der Hunger stärker bemerkbar. Er dachte, daß die Wunde eitern konnte, wenn keine Hilfe kam. Er überlegte es sich, daß man ihm letzt keinen Vorwurf machen durfte, wenn er in Gefangenschaft kam; für den Dienst war er ja ohnehin nicht mehr brauchbar. Deshalb rief er um Hilfe.
aber auch bie Franzosen konnten nicht ihren Graben verlassen.
Ein junger Freiwilliger auf ber französischen Seite war zum erstenmal im Graben. Er stammte aus ber Gegenb. Seine Eltern waren rechtzeitig geflohen: er hatte bie Stelle gesehen, wo bas Dorf gestanden; nur einige niedrige Mauerreste waren noch, in den Straßen häuften sich Steine, Balken und Ziegel; ein Eimer ohne Boden lag inmitten der Trümmer seines Vaterhauses. Seitdem er dielen Anblick gehabt, blieb nur noch ein Gedanke in ihm, ein wilder Haß auf die Deutschen. Er sprach nur in den abscheulichsten Schimpfworten, mit den gemeinsten Ausdrücken von den Feinden. Ein älterer Kamerad neben ihm sagte: „Wenn du erst eine Weile hier gestanden hast, bann sprichst bu anbers."
Ein Schreien, wie von einer Ziege, bann ein lautes Rufen kam von vorn. Der Freiwillige erschrak und fragte feinen Nebenmann. Der erzählte ihm, da liege seit fünf Tagen ein verwundeter Deutscher und schreie, man könne ihm keine Hilfe bringen. Die Leute im Graben taten ihren Dienst, die Sonne brannte heiß nieder, es war da auch Schatten; Essen kam; es wurde gesprochen; das Schreien und Rufen wurde immer wieder gehört. „Man wird ganz krank davon", sagte einer der Soldaten. Der Freiwillige wollte eine Schimpfrede gegen die Deutschen ausstoßen, aber er vermochte die Worte nicht über die Lippen zu bringen.
Gegen Abend wurde das deutsche Feuer still; auch die Franzosen waren ruhig. Die Sonne ging eilig unter, Schollen und Erdhügel, welche durch das feindliche Feuer aufgeworfen waren, warfen lange Schatten. Das Rufen und Schreien dauerte an.
Der Freiwillige kroch vorsichtig aus dem Graben, eilte dem Weiher zu; da fand er den Deutschen liegen mit abgezehrtem Gesicht, großen, flackernden Augen. Ein Lächeln ging über seine Züge, er sagte aus Französisch: „Guter Kamerad." Der Freiwillige nahm ihn auf den Rücken; der Verwundete schrie unb wimmerte unb entschuldigte sich bazwischen, er sei sonst nicht so feig, aber er habe lange nicht gegessen unb geschlafen, da werde die Natur schwach.
So kam der Freiwillige zurück in seinen Graben. Der Deutsche wurde auf die Erde gelegt, man flößte ihm etwas Branntwein ein, wollte ihm Brot zwischen die Zähne geben. Er reichte schwach die Hand zu dem Freiwilligen und sagte leise auf französisch: „Guter Kamerad, danke." Der Andere nahm die Hand nicht und wendete sich ab.
Der Deutsche schüttelte Den Kopf zu ben Bemühungen ber Franzosen, ihm Brot zu geben, seine Zähne gingen nicht von einander, mit einem Male veränderte sich sein Gesicht, es wurde still und schön, er sagte leise: „In deine Hände befehle ich meinen Geist." Einer legte ihm die Hand auf das Herz; die Augen brachen; mit leisem Finger drückte
ihm der Mann die Augen zu, dann faltete er ihm die Hände über ber Brust. Man fanb bei bem Toten bas Taschenbuch. Der Mann hatte täglich mehrmals über seinen Zustand, über seine Gebauten Auszeichnungen gemacht. Viele Seiten des Buches waren beschrieben.
Einmal stand da: „Ich bin ungläubig gewesen. Ich habe mir nie Gedanken über die Lehren unserer Religion gemacht. Jetzt weiß ich, daß ich meine Wünsche auf Wohlergehen in diesem Leben nicht aufgeben mochte. Dieses Unglück jetzt hat mich zur Besinnung gebracht. Wenn ich noch gerettet werden sollte, so will ich in meinem Berus ordentlich arbeiten, aber ich weiß nun, daß es noch Etwas gibt, das wichtiger ist. Deshalb ist das Unglück gut für mich. Heute ist der Abend des vierten Tages." Die letzte Aufzeichnung lautete: „Es scheint des Allmächtigen Wille zu sein, daß ich sterben und Euch das letzte Lebewohl zurufen soll. Heute ist ber Abend des fünften Tages. Heute früh habe ich noch ben Herrn um Hilfe angefleht. Ich tue es nicht mehr, beim ich weiß nun, baß bas nicht recht ist. Seit ich das weiß, bin ich ruhig unb getrost. Der Hunger tut ja wohl noch weh unb bie Wunde schmerzt sehr, aber bas alles ist nichts, denn ich weiß, baß Gott bei mir ist."
Der Offizier, bem bie Leute bas Taschenbuch gegeben, hatte bie letzten Seiten in französischer Sprache vorgelesen. Die Leute hörten still zu. Der Freiwillige aber meinte, er war noch ein ganz junger Mensch. Er ftanb still auf unb ging zu bem Toten; bem waren bie Augen geschlossen unb bie Hänbe auf ber Brust gefaltet.
Wie man Volkstänze sammelt.
Die Sßieberbelebung bes beutschen Tanzes stützt sich zum großen Teil auf bas alte Volksgut, bas sich noch in ber Ueberlieferung bes Landvolkes erhalten hat. Vieles ist freilich verloren gegangen; doch gelang es, manches noch in letzter Stunde vor dem Untergang zu retten. So hat Prof. Wilhelm Stahl die niederdeutschen Volkstänze in einer vortrefflichen Sammlung erst vor einigen Jahren zusammen- gestellt und beim Sammeln mancherlei Erfahrungen und Erlebnisse gehabt, über die er interessant berichtet. „Zu meinen Gewährsmännern", schreibt er, „gehörten notenunkundige Handharmonika-Spie- ler, denen ich nachschrieb, was sie mir vorspielten. Größere Ausbeute fand ich bet den zünftigen alten Dorfmusikanten. Sie überließen mir ihre Fichtel- bücher, kleine, unansehnliche, durch vielfachen unb langjährigen Gebrauch, verschüttetes Bier usw. unsauber geworbene Notenhefte in Taschenformat zur Durchsicht, vereinzelt auch als Eigentum. Wieder- holt würbe mir von alten Musikern auf meine
Frage nach Tänzen bie Antwort: „Da fünf siet Dtertig Johr nid) mehr föbbert (gewünscht) worben; be heft ick all vergüten/ Für den künstlerischen und geschichtlichen Wert ber alten Volkstänze fehlt in der Regel das Verständnis. In den Notenbüchern stehen sie vielfach mit den Erzeugnissen der musi» kalischen Schundliteratur zusammen. Ein alter Musiker aus dem Fürstentum Ratzeburg hatte beim Umzug in die Stadt dicke Notenbücher mit allen Tänzen als lästigen platzraubenden Plunder verbrannt. Noch schwieriger als die Musik ist die Ausführung der Volkstänze zu erfassen. Die alten Leute, die davon noch Kunde geben können, sterben allmählich aus. Für die mancherlei Enttäuschungen wird der Sammler aber durch wertvolle Mitteilungen von künstlerischem und kulturgeschichtlichem Wert entschädigt. Die alte, derbe, ausdauernde Festesfreude ber Bauern steigt aus ben Erzählun- gen ber Dorfmusikanten auf, die in ber Fastnachtszeit eine volle Woche ober gar mehrere Wochen hintereinander ununterbrochen zum Tanz aufspie- len mußten. Was hatten sie dabei von ber Kälte auszustehen! Getanzt würbe auf ber großen Diels bes Bauernhauses. Die Musikanten saßen bei ber großen Tür, durch deren Ritzen der Nordost pfiff und der Schnee hereintrieb. Da mußten sie die Beine und Unterleib in „Häckselsäcke" stecken, mit Handschuhen spielen und in den Pausen „bat Geschirr", b. h. bie Blasinstrumente, an bie wärmende Brust brücken, um bas Einfrieren zu verhinbern. Die Stallaterne lieferte ein so schwaches Licht, baß die Noten kaum zu lesen waren. Vielfach ging es bei diesen Tanzvergnügen „na Vördanz". Einer legte einen Doppelschilling auf den Musikanlenlisch, bestellte sein Lieblingsstllck und rief: „Nu kümmt mien Danz!" Dann tanzte er mit feiner Auserwählten vor, und bie Uebrigen schloffen sich an. Wer für seinen Tanz „Blasmusik" haben wollte, mußte mehr zahlen; weitere Zuschläge würben ver- langt, wenn bie Musikanten „upstiegen", b. h. auf ben Tisch steigen ober wohl gar auf ben Heuboden klettern unb von ber Luke auf bie Diele herunter- blasen sollten. Das war ein halsbrecherisches Unternehmen, befonbers wenn bie Musiker schon etwas „viel geloben" hotten. Der Handharmonikafpieler, ber bei kleineren Festen zum Tanz aufspielte, Halts es leichter; er würbe aber bafür von ben „zünftigen Musikern" über die Achsel angesehen. Die Leistun- gen der Dorfmusikanten dürfen nicht unterschätzt werden, und verdienen um so mehr Beachtung, als sie durchweg genötigt sind, nebenher ober eigentlich als Hauptberuf ein Hanbwerk zu treiben. Nur zu bestimmten Zeitcn bes Jahres wirb ihre Kunst sehe in Anspruch genommen: zu Fastnacht, bei ben Erntefesten und bei großen Bauernhochzeiten.


