Ausgabe 
30.10.1933 Erstes Blatt
 
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Dr. Grude knöpfte den weißen Kittel, sah im Spiegel, daß er in Kragenhöhe einen Fleck aufwies und nahm einen anderen aus dem Schrank. Der war tadellos. Er liebte das. Vielleicht mit ein Grund, daß die Frauen das Hauptkontingent in seiner Sprechstunde ausmachten. Und das war gut so. Seine Patientinnen bestanden aus Frauen oller Stände, und jeden Alters und Berufes. Trotz sei­ner noch relativen Jugend von 32 Jahren war sein Wartezimmer zur Zeit der Sprechstunde immer überfüllt. Seine Praxis erlaubte es ohne weiteres,

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In tiefstem Schmerz gebe ich von dem plötzlichen und uner- warteden Hinscheiden meines innigstgellebten Mannes, unseres treusorgenden Vaters, Schwiegervaters, Großvaters, Schwagers und Onkels des

Herrn Alfred Fröhlich

Kenntnis.

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Mein Gott, Dick! Das Ist denn nur?*

Er hielt sie für einen Moment gegen sich gepreßt. Die Stifte schlingert ein bißchen, Christa." So viel er sich auch Haltung zu geben versuchte, es glückre nicht. Rückwärts taumelnd, schlug er gegen die Tür­füllung, daß sie in den Angeln quietschte. Lachend sah er nach ihr hinüber und wurde plötzlich ernst. Ihr Gesicht war grün und die Schatten unter den Augen wurden zu dunklen Flächen.

Vergebens mühte sich Christa, sich am Rand des Bettes fest zuhalten.Ach, Dick, mir ist so elend!"

Er stürzte aus der Ture, stieß auf dem Gang, der nach dem Speisesaal führte, zwei Stewards über den Haufen und kollerte plötzlich dem Mirer am Büfett vor die Füße.Einen Kognak bitte!" Eben neigte sich derMoltke" nach der rechten Seite. Der Mixer goß sich den Kognak zu Drei- viertel über die Finger, und balancierte Dick den Rest hinüber. Der war weniger geschickt und be­kam ihn auf den Revers seines Hellen Jackett- anzuges geschüttet. Verzweifelt sah er sich um.

Der große Saal war fast leer, und die wenigen Gesichter von arünlicher Färbung. Lord Hamstead, der irische Forscher, winkte ihm zu.Wie geht es?" Wie Sie sehen." Dick zeigte resigniert auf seine likörbegossene Weste.Und Miß Christa?"

Für sie wäre der Kognak gewesen!--" Er

reichte dem Mixer das Glas zum zweiten Male über den Rand des Büfetts.Noch einmal, bitte!"

Hamstead schob seine Hand beiseite.Eine Flasche einen Becher voll bringen Sie niemals"--

dann ein Stoß, daß Gläser und Teller zu Boden fielen. Die Flügeltüren sprangen angelweit zurück.

Der ,Moltke^ sinkt."

Unsinn!" Hamstead sprang aber doch nach vorne und sah den engen Korridor voll haftender Men­schen, die sich gegenseitig den Weg versperrten. Was ist los?" Der Tumult, welcher sich nach Deck zu fortpflanzte, war ungeheuer.

Der ,Moltke' sinkt."

Es ist so!* Hamstead rannte. Dick Montrey voran, nach Christa Wellenbergs Kajüte. Sie saß noch immer auf dem Rand des schmalen Bettes und hielt sich die Schläfen mit den Händen. Hamstead sagte nichts, riß sie nur auf und hob sie in die Arme.

ßorb!"_

Dick, grün im Gesicht, schrie ihr das Entsetzliche entgegen. Ihr Kopf sank unter der Plötzlichkeit, mit welcher das Schreckliche ihr zum Bewußtsein kam, gegen seine Schulter. Die Treppe war durch die lüchtenden Passagiere versperrt. Hamstead machte Kehrt und lief nach der Richtung, in welcher das große Musikzimmer lag. Auch hier dasselbe.

Don Deck kamen gellende Hilferufe. Dazwischen eine Kommandostimme, die allen Sturm- und Wel­lenschlag übertönte. DerMoltke" lag mit schwerer Schlagseite schief.

Ein Brecher kam von Backbord und spülte den ersten Offizier über die Reeling. Das Rettungs-

KAISERS^?,.

Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:

Malli Fröhlich

Gießen, den 29. Oktober 1933.

Die Beerdigung findet Dienstag, den 31. Oktober, nachmittags 3/, Uhr, vom Portal des israelitischen Friedhofes aus statt.

Blumenspenden dankend verbeten.

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boot, welches hlnabgelaffen wurde, verschwand In weißem Schaum und hinter graugrünen Wasser- mauern. Hamstead hiett Christa Wellenberg hoch über seine Schultern. «Kapitän, noch eine §rau!" schrie er, als zwei Männer sich in das nächstfolgende Boot schwingen wollten.

Montrey riß ihm das Mädchen aus den Armen und warf es in ein paar andere, die sich danach ousgestreckt hotten. DerMoltke" begann mit ra­sender Geschwindigkeit ,)u sinken.

Der Funker schickte bis zur letzten Sekunde seine SOS-!Rufe in den Aether.

Drei Schiffe gaben Antwort.

Aber von wem mochte Hilfe kommen? Dar bei diesem Nebel und bei diesen Wasserfluten, die jetzt herabrauschten, ein Finden möglich?

Der Kapitän stand mit abgenommener Mütze auf der Kommandobrücke und sah zu dem zweiten Offi­zier auf, der mit verfärbtem Gesicht nach dem letzten Boot sah, das eben hinabgelasien wurde. Warum gehen Sie nicht, Klersen? Es ist noch Platz."

Es kam keine Antwort.

Vorwärts!" gebot der Chef. ,Hch will es!--

Hören Sie, Klersen?"

Die Lippen aufeinandergepreßt, starrte der Offi­zier an ihm vorüber.

Sie sollen gehen, Ottmar!--Ich befehl es

Ihnen!--Grüßen Sie meine Tochter und

sagen Sie ihr, daß ich Sie statt meiner--"

3m selben Augenblicke fuhr ein Schlag über ihn hin zwei Arme rissen ihn von der Kommando­brücke. Das Boot wankte, als der schwere Körper besinnungslos hineingeschossen kam.

Ottmar Klersen stand mit aufeinandergeprehten Lippen und sah es in dem brandenden Gischt ver­schwinden. ,Leb wohl, Regine!" Ein würgendes Schluchzen kam aus seinem Munde.Ich schicke dir den Vater! Er wird dir sagen, daß ich statt seiner in den---"

Als wäre ein Berg aus Aetherfernen herunter- aestürzt und in den Rachen des Meeres geschossen, so spritzte es auf--gurgelte schlang und

sog alles, was sich in der Nähe desMoltke" be­fand, in sich hinein.

Als dieDeutschland" eine Viertelstunde später die Stelle passierte, war nichts mehr von dem Schwesterschiff zu sehen.

demnächst das Mädchen seiner Liebe helrnzuführri | Er besah sich noch einmal im Spiegel und läche^ I

Ewig lange hatte er Christas Mund und ihre blatd | Augen nicht mehr geküßt. Er fühlte, wie ihre Hör kl über sein brünettes Haar streichelten.Felitsche!" -I Niemand sagte so wie Christa:Fclinche!" Äl hörte es in feine Traume und wenn er des Moroe-,1 aus dem Bette stieg, hauchte es ihm wie ein KH entgegen.

Er hatte Sehnsucht nach ihr! Eine beinahe trän', hafte Sehnsucht. Sie war ihm Braut und hatte ii Zugleich bemuttert, sie, die Einundzwanzigjährig; ihn den Mann von zweiunddreißig.

Er nahm den Hörer ans Ohr, als die Klingel be Telephons hochsurrte und sprach automatisch ft 3 -Dr. Grude hier!"

Bist du beschäftigt, Felix?" fragte die Stimm von Christas Mutter.

Meine Sprechstunde hab eben begonnen, Mamr, aber ich stehe selbstverständlich zur Verfügung, wer., L bu mtd) dringend benötigst."

»Nein, danke. Ich rufe gegen fünf Uhr noch di mal an."

(Er wollte noch etwa» sagen, merkte, daß bertlü unterbrochen war und vergaß in den beiden nach sten -stunden den Anruf. Seine Assistentin hatte, o er gegen fünf Uhr den weißen Kittel ablegte, bereu, tum Tee gedeckt. Zeitungen und Briefe, welche tz Nachmittagspost gebracht hatte, lagen neben feier laffe. Er durchblätterte sie mit raschen Fingen und bekam ein jähes Rot der Freude auf d.: Wangen.

Sie kam! Christa kam zurück! Es war 112 eine Karte, die ihm das kündete.

Mein Felitsche! ... Bin am 18. Oktober it Calais. Arn andern Morgen bei Dir.

Deine Christa."

Er spürte, wie seine Hände zitterten. Weihnacht" würde sie seine Frau sein. Er hatte zuweilen se!- viel Plage mit feinen Patienten. Sie waren nidx, immer leicht zu behandeln. Aber jetzt, in diesen Augenbücke, verzieh er ihnen von Herzen jebmet« Unart. Sie ermöglichten es ihm ja, Christa heimzu führen.

Er sah sich um und fand, daß alle» gut war D, drei Räume, welche er für sich benutzte, waren nick gerade fürstlich, aber mit Geschmack eingeridjlc Nirgends, angefangen von den Bildern an ba Wänden bis zu den Kunstgegenftänden, die er noä und nach erworben hatte, war Kitsch zu sehen. Ach. und wenn sie erst das olles mit ihm teilte!

Er erinnerte sich plötzlich des Anrufes seiner Sroiegermutter und ging nach seinem Sprechzimme: hinüber. Seine Finger drehten die Nummern bc Scheibe.

Eine Mädchenstimme begrüßte ihn:Du, Felix! ...6s ist entsetzlich, nicht? ..

Was denn?"

Nun, das mit Christa!"

(Fortsetzung folgt)

zweifelt gegen den weißen Gischt, der über ihn hereinstürzte.

Ein Brecher schüttete dem Kapitän einen Sturz­bach über die Schultern. Er bog sich nach vorne und ließ ihn gleichmütig über den braunen Del- Mantel herablaufen.

Seine Auaen suchten über das Deck alles leer Die Stewards hatten die Lieyeftühle in Sicherheit !\ebrad)t und die letzten Passagiere nach den Kajüten «inabgejagt. Die Nordsee, die bullerte nun schon hre zehn ober zwölf Stunden so dahin. Immer in diesem weißgrünen Fahrwasser.Sagen Sie mal, Klersen, ist das nicht der Hauptmann Montrey, der sich dort noch herumtreibt?" wandte er sich an den zweiten Offizier, der eben die Kommandobrücke geraufftieg.

,Hst er ja! Unverschämt, was der Mensch für einen--* noch ehe er den Satz fertig gesprochen

hatte, spritzte ein Brecher über die Reeling, spülte Montrey die Füße unter dem Leib weg und schwemmte ihn die Treppe zu den Kajüten hinunter.

Der Sturm riß das Lachen des Kapitäns in S alternde Fetzen. Pläsier gab's immer, selbst bei iefem Teufelswetter fehlte es nicht an Spaß. Ver­dammt nur, daß nun auch der Nebel dichter wurde --. Rechts heulte eine Sirene auf und bellte,

wie ein heiseres Tier. Schattenhaft glitt ein Fracht­dampfer vorüber.--Bug an Bug.Donnerkiel

nochmal, war das knapp gegangen. Wäre wenig vergnüglich gewesen, zu den Fischen hinab zu fahren."

Das Deck war jetzt völlig leer. Montrey war etwas unsanft gegen eine Kabinentüre geschleudert worden, die sich hastig auftat.Dick, was ist denn?"

Er erhob sich sangsam.Ein Kniefall sollte das sein, kleine Christa."

Das junge Mädchen, welches die weiten Aermel seines Pyjamas nach hinten gleiten ließ, zog ihn herein. Man konnte das schon riskieren. Der Gang war leer und er tat ihr so leid. Das Wasser rann ihm von den Haaren bis zu den Strümpfen her­unter und sickerte nun über den spiegelnden Boden. Sie reichte ihm ein Handtuch und bann die Bürste, die sie von dem kleinen Toilettetisch genommen batte 'breitete plötzlich die Arme aus und fiel ihm wortlos entgegen.

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Die Beerdigung findet Dienstag, den 31. Oktober, nachmittags 21/, Uhr statt.