Ausgabe 
30.9.1933 Erstes Blatt
 
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Deutschland in Gens.

Die politische Herbstsaison am Genfer See hat be­gonnen. Die 14. Völkerbundsoersammlung ist auf am» Mengetreten und müht sich redlich, ihre politische Be­deutungslosigkeit hinter übergroßer Geschäftigkeit zu verbergen. Wesentliche Dinge werden nach wie vor in dem kleinen Gremium des Völkerbundsrats ver­handelt und gelangen entweder überhaupt nicht oder erst sorgfältig zugeschnitten und mundgerecht ge­macht vor bas Forum der Versammlung. So vergeht immer erst eine Weile, bis die Arbeiten der Ver­sammlung überhaupt einmal in Fluß kommen. Das wurde diesmalig besonders sinnfällig, da nicht ein­mal die politische Generalaussprache, die sonst einen jeden Tagungsabschnitt der Völkerbunds­versammlung einzuleiten pflegt, ohne wiederholte Ankurbelungen in Gang kommen wollte. Dazu brach- ten die Delegierten ihre fertigen Manuskripte von daheim mit und füllten damit die Spanne, bis die diplomatische Fühlungnahme hinter den Kulissen die aktuellen politischen Fragen debattereif gemacht hatte. Traditionsgemäß hat denn auch der Präsident des Völkerbundsrats, Norwegens Außenminister M o - winkel, die Versammlung mit einer Ansprache über grundsätzliche Probleme der Weltpolitik eröff­net. Mit nachdrücklichem Ernst wies er auf die gro­ßen Sorgen hin, die namentlich die kleinen Staaten wegen der offenbaren Zuspitzung der weltpolitischen Lage bewegen, und mit anerkennenswertem Mut nannte er das Kind beim Namen, wenn er das un­geklärte deutsch-französische Verhältnis, namentlich in der Abrüstungsfrage, als eine der wesentlichen Ur­sachen der politischen Unsicherheit und damit auch des Darniederliegens der europäischen Wirtschaft hin-' stellte. Die Aussprache ist dann allerdings über- raschend schnell ins Stocken geraten. Man wählte einen britischen Kolonialen, den Südafrikaner Ter Water zum Präsidenten, die Aufstellung der Red­nerliste machte aber schon Schwierigkeiten. Erst nach einer Pause raffte sich der britische Staatssekretär Sir John Simon auf, den Bann zu brechen. Der österreichische Bundeskanzler Dollfuß folgte ihm bemerkenswert sachlich und zurückhaltend, dann fiel die Versammlung wieder in tiefes Schweigen. Die gespannte Atmosphäre der Dölkerbundsstadt, das Ahnen um entscheidende Verhandlungen hinter den Kulissen läßt es niemandem ratsam erscheinen, aus der Reserve herauszutreten, bevor nach irgendeiner Richtung hin Klarheit geschaffen worden ist. Nichts illustriert besser als dieses Verstummen, wie sehr der Meinungsaustausch der Großmächte alle reinen Völkerbundsangelegenheiten zurückdrängt.

Von diesen sind einige immerhin recht wichtig. Danzig, seit Bestehen der Dölkerbundsinstitution ständig Kläger in Genf, kann diesmal eine Verein­barung mit Polen über die Ausnutzung des Dan­ziger Hafens durch die polnische Wirtschaft vorlegen, die in freier Vereinbarung beider Staaten zustande- gekommen ist. Ein Erfolg des neuen nationalsozia­listischen Kurses in der Freien Stadt, der zwar nur durch großes Entgegenkommen möglich wurde und noch sehr viele berechtigte und in den Verträgen wohlbegründete Wünsche offen läßt, aber doch ein erster Schritt ist, mit Polen zu einem modus vivendi zu kommen. Für den von seinem Posten zurückge­tretenen Danziger Dölkerbundskommissar R o st i n g der seiner Zeit für den verstorbenen Grafen Gra­nina nur aushilfsweise eingesprungen war, ist in­dessen noch kein Nachfolger gefunden. Don der fran­zösischen Mächtegruppe wird anscheinend erbittert gekämpft, um diesen wichtigen Posten in die Hand zu bekommen, während Danzig, das mit dem Ita­liener Gravina und dem Dänen Rosting gut gefah- ren ist, begreiflicherweise danach strebt, einenneu­tralen" Kommissar zu erhalten, von dem es einen wirklichen Schutz feiner ihm vertraglich gewährten Rechte erwarten kann.

Die Organisation des Völkerbundes selbst berührt die Frage der Zusammensetzung des Völ­kerbundsrats. Sie hat ja schon einmal beim Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu einer regelrechten Krisis geführt, als damals auch Spanien und Brasilien einen ständigen Ratssitz für sich be­anspruchten. Man hat sich Dann mit einem Mittel­ding, den zwei halbstündigen Sitzen, be­holfen, die zwar auch nur auf drei Jahre besetzt werden, aber sofort wieder wählbar sind! augen­blicklich werden sie von Polen und Schweden eingenommen. Die fünf ständigen Sitze haben nach Artikel 4 der Völkerbundssatzungdie Vertreter der alliierten und assoziiertenHauptmächte" einzu- nehmen. An Stelle der Vereinigten Staaten, die ja bis heute noch dem Völkerbund ferngeblieben sind, hat Deutschland den fünften ständigen Ratssitz inne. Die Zahl der n i ch t st ä n d i g e n Ratssitze, ursprünglich vier, ist auf sieben erhöht. Ihre Besetzung geschieht satzungsgemäß durch Wahl der Völkerbundsver­sammlung, aber nun keineswegs in freier Wohl, sondern nach stillschweigend beachteter Regel in der Weise, daß sie unter bestimmte Staatengruppen aus- geteilt werden. L-atHn-Amerika erhielt bisher drei Ratssitze, die Kleine Entente, die britischen Domi­nions, die asiatischen Staaten und dieneutralen" Mächte je einen Ratssitz. Dieser Schlüssel läßt eine Reihe Mitgliedsstaaten, die keiner der genannten Gruppen angehören, unberücksichtigt, sie haben keine Aussicht, jemals in den Rot gewählt zu werden. Da­gegen hat vor allem Portugal Sturm gelaufen und auch durchgesetzt, daß ein Ausschuß der Versamm- lung nunmehr vorschlägt, vorerst provisorisch für die -neue Periode von 1933 bis 1936 einen neuen nicht ständigen Ratssitz zu schaffen, eine endgültige Rege­lung aber noch aufzuschieben, bis das Verhältnis Japans zum Völkerbund geklärt ist, dos jo seinen Austritt erklärt Hot, aber noch der Satzung noch zwei Jahre Bedenkzeit hat.

So hat auch der Völkerbund seine Sorgen, aber bas laute Klappern des groß aufgezogenen Appa­rats kann nicht darüber Hinwegtäuschen, daß er im Grunde nur die Folie abgibt für eine ständige zwanglose Fühlungnahme der Groß­mächte, deren Außenminister hier in den Hal­len und Teezimmern der Genfer Hotels die großen gemeinsamen Probleme vertraulich und unverbind­lich durchsprechen, während in der Völkerbunds- Versammlung die Reden der Kleinen plätschern. Deutschland hat diesmal dem großen Diplomaten- treffen durch die Entsendung seines Pro- pagandaministers eine besondere Note ge­geben. Die nationalsozialistische Regierung, die fast überall in der Welt auf einen Wall von unverhoh­lenem Mißtrauen und eiskalter Abneigung gestoßen ist, hat die erste Gelegenheit benützt, um den Stier bei den Hörnern zu packen. Als erster national- sozialistischer Minister hat Herr Dr. Goebbels neben den andern deutschen Delegierten in der Dolloersammluna Platz genommen, und sein selbst­verständliches Auftreten ließ nirgendwo die Lust zu Anfeindungen aufkommen. Der Reichspropa­gandaminister trat dann schnell an seine eigent- liche Aufgabe heran. Mit Mut und Entschlossenheit hat er sich der internationalen Presse gestellt und die Sache des neuen Deutschland ht einem Gremium

Gleiche hechle und gleiche Pflichten für alle Mächte.

Abrüstung von allen unter der Kontrolle aller." Keine Nationen zweiten Ranges. . Keine Ausnahmegesetze.

Gegen venGeistvonVersailles

Eine Stimme der Vernunft in Frankreich.

Paris, 30. Sept. (IDIB. Funl'spruch.) In der radikalenBolonte findet sich heute ein auffehen- erreigender Artikel über die Entwicklung der poli­tischen Verhältnisse in Europa in der Nachkriegszeit. In dem Artikel heißt es u. a.:

Die Deutschen haben, von ihrem Stand­punkt aus sehr gute Gründe, um den Geist von Versailles zu verfluchen. Aber der Euro­päer, der eine wirkliche und dauerhafte v e r - ständigung wünscht, hat noch besseren Grund, den Geist von Versailles zu verfluchen. Der ungeheure Fehler derer, die diesen Geist ge­wollt und aufgezwungen haben, bestand darin, zu glauben, daß man sowohl für den Frieden arbeiten und dabei doch die Gewinne aus dem Kriege behalten könnte. Was könne man von der Abrüstungsdebatte erwarten, solange der Ver­sailler Geist noch die Atmosphäre vergiftet. Ist es eigentlich auf Grund entscheidender Beweisstücke und durch übereinstimmende Schlußfolgerungen von Ge­schichtsforschern aller Länder erwiesen, daß man Deutschland dieallelnigeSchuldamKriege zuschieben kann? Deshalb sollte sich dann Deutsch­land einem Ausnahmegesetz fügen? Wes­halb sollte es nicht die moralische und materielle Gl e i ch h e i t verlangen, die man ihm, streng ge­nommen, schuldig ist? Wenn Deutschland es ab­lehnt, auf der Grundlage einer Unterscheidung zwi­schen Siegern und Besiegten weiter zu verhandeln, dann wird es bei der kommenden Debatte eine Stel­lung einnehmen, aus der es niemand vertteiben kann. Die einzige Lösung, so schließt der Ar­tikel, ist: Keine Ausnahmegesetze mehr, keine Kationen zweiten Ranges mehr, weder Sieger noch Besiegte, gleiches Recht für alle Staaten, gleiche Pflichten für alle, Abrüstung von allen unter der Kontrolle aller.

Figaro" wendet sich gegen die Möglichkeit einer Rüstungskontrolle. Das Blatt schreibt, die Kontrolle spiele nur darauf an, Frankreich von seinen Alliierten zu trennen und Zwischenfälle heraufzubeschwören, aus denen Deutschland bann Ruhen ziehen würde. Könne man sich etwa vorstellen, daß Vertreter des nationalsozialistischen Deutschlands ei ne Inspektionsreise durch die französischenkasernen unternähmen? könne man sich vorstellen, daß französische Offiziere in nationalsozialistischen Arsenalen eine Inspektion vornehmen werden? Man finde wohl, daß es nicht genügend konsliktsmög- l i ch k e 11 e n zwischen den beiden Ländern gebe, und man habe^wohl das Bedürfnis, künstlich Gele­genheiten für einen casus belli zu kultivieren? Dazu ist zu sagen, daß die Einrichtung einer per­manenten Kontrolle selbstverständlich für Deutsch­land das Recht einschließt, auch die französischen Rüstungen zu kontrollieren. Wenn eine Kontrolle in Frage kommt, bann nur in gleicher Form für alle unb in voller Gegenseitigkeit.

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Der ausführliche Kommentar, den dasJournal" den Genfer Ausführungen von Dr. Goebbels widmete, konnte gestern nur verstümmelt roieber- aegeben werben. Das Blatt schreibt: Das letzte Wort Dr. Goebbels vor feiner Abreife aus Frank­furt a. M. fei gewesen, baß man jetzt in Genf sehen werde, was ein Leutnant Hitlers an Stelle Strefe- manns machen könne. DerJournal-Berichterstat­ter erklärt, dieser Leutnant Hitlers habe genau dasselbe gesagt, was Stresemann gesagt

hätte. Wie hätte es auch anders fein können? s Stresemann habe es auf Revisionen abgesehen, und niemand werde glauben, daß die Revolution stattfand, um einen Umschwung in entgegengesetztem Sinne herbeizuführen. Stresemann habe der List vor der Gewalt den Vorzug gegeben. Niemand werde behaupten, daß Deutschland zur Gewalt seine Zuflucht nehmen könne, wenn es sich als entwaff­net und von einer Welt von Feinden umgeben proklamiere. Dr. Goebbels greife also auf die List zurück. Die charakteristischste Formel seiner Rede sei eine Zweideutigkeit. Nach der französischen Fassung sagte er:Das neue Deutschland könne keinen Vertrag unterzeichnen, der unmöglich d u r ch z u f ü h r e n ist. Dagegen ist es entschlossen, die Verträge, die es unterzeichnet hat, zu erfüllen, wenn sie durchführbar sind." Diese Uebersetzung verrate den Sinn des deutschen Textes, in dem er­klärt werde, daß Deutschland entschlossen sie, die

m -»räge, die es unterzeichnet habe, zu achten, aber ienn es sie a l s durchführbar ansehe, lance sei sehr scharfsinnig: Das neue Deutsch, nne nur die Zukunft und ignoriere die frühe- Verpflichtungen. Der Versailler Vertrag werde als durch Sie Ereignisse überholt ange­sehen. Es handele sich also darum, das neue Ab­rüstungsabkommen auf d e m Fuße der Gleich- h e i t abzuschließen. Jetzt wisse Frankreich Bescheid.

Die Korrespondentin desO e u v r e" schreibt, der­jenige, den die Deutschen den deutschen Richelieu nennen, habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Die ,T)euvre"-Korrespondentin beschreibt Dr. Goeb­bels als einen Menschen des deutsch-italienischen Typs, als gewiegten Redner, als klassischenTypus des revolutionären Intellektuellen. Sie vergleicht seine Beredsamkeit mit der eines Savonarola und eines Marat.

Oie deutsche Forderung in Genf.

Oer Reichsaußenminister berichtet in Berlin über seine Besprechungen.

Genf, 29. Sept. (ERB.) Reichsaußenminister Freiherr von Neurath hat sich nach Ber- l i n begeben, um über die Ergebnisse seiner Gen­fer Besprechungen dem Reichskanzler und den Ka­binettsmitgliedern Bericht zu erstatten. In dem seit der vorigen Woche hier geführten Gedankenaus­tausch zwischen den fünf beteiligten Großmächten über die Vorbereitungen für den Abschluß einer Abrüstungskonoention sind einige erhebliche Fortschritte erzielt worden. Im Vorder­gründe der Auseinandersetzungen steht die deutsche Forderung, daß dem Deutschen Reich d i e Gleichberechtigung hinsichtlich der Verteidigungswaffen bereits w ä h r en d der ersten Laufzeit der Konvention zu- aestanden werden mülle. Deutschland verlangt die Abrüstung der schweren Waffen. Soweit die Abschaffung dieser Waffen nicht in einem ge­wissen Zeitraum erfolgt, besteht Deutschland darauf, daß die von den anderen Mächten zu ihrer Ver­teidigung für notwendig gehaltenen Waffen auch Deutschland zugestanden werden. Die Hauptdifferenz besteht darin, daß Frankreich und England diese Forderung in der er st en Pe­riode der abzuschließenden Konvention nicht erfüllen wollen. Deutschland sieht in diesem Punkte keine Möglichkeit eines Nachgebens. Der deut­sche Außenminister hat diese Auffassung den Ver- tretern der anderen Möchte gegenüber deutlich zum Ausdruck gebracht. Deutschland kann nicht zugemu- tet werden, die praktische Verwirklichung der Gleich­berechtigung erneut hinausgeschoben zu sehen. Un­beschadet aller Vereinbarungen, die etwa hinsicht­lich der Laufzeit der Konvention getroffen werden könnten, bleibt der Anspruch Deutschlands als ge­rechtfertigt besteben, die effektive Gleichbe» rechtiguna yinsichtlich der Verteidi­gungswaffen bereits in der ersten Laufzeit zu erhalten.

Dieser eindeutige und dem Sinn und Wortlaut der Verträge entsprechende deutsche Standpunkt er- fährt naturgemäß besonders in der französischen Presse die gewohnte Ablehnung. Dabei wird hier und da die Taktik angewendet, durch Veröffentlichung an­geblicher Einzelheiten derdeutschenFor. öerungen Stimmung zu machen. So wird davon gesprochen, Deutschland wünsche Erkunbungsflug- zeuge, Jagdflugzeuge und Fliegerabwehrgeschütze zu besitzen. Der Sinn dieser im gegenwärtigen Zeit­punkt präliminarer Erörterungen erfolgenden Ver­öffentlichungen besteht nur darin, über d i e grundlegenden Tatsachen hinwegzu- täuschen. Nicht auf angebliche Details, nicht auf Einzelheiten in der Kontrollfrage, nicht auf völlig unmögliche Sanktionsforderungen kommt es an,

sondern einzig und allein darauf, daß der Welt mit Der endlich erfolgenden Durchführung der Gleich- berechtigung und dem Abschluß einer tatsächlichen Abrüstungskonoention jenes Bewußtsein ruhiger Sicherheit wiedergegeben wird, des­sen sie im Augenblick einer schweren Wirtschaftskrisis mher denn je bedarf.

Or. Goebbels erstattet dem Reichskanzler Bericht. Berlin, 30. Sept. (IDIB. Funkspruch.) Reichs­minister Dr. Goebbels erstattete gestern abend gleich nach seiner Rückkehr dem Herrn Reichs­kanzler einen ausführlichen Bericht über die Lage in Genf, über seine dort geführten Be­sprechungen und über die dabei gewonnenen Ein­drücke.

Enge Verbindung -er Armeen

-er Kleinen Eniente.

London, 29. Sept. (121.) Anläßlich des Besuchs des französischen Generalstabschefs General w e y - g a n d in Prag schreibt derLvening Standard" zu der angeblich beabsichtigten engen Verbindung der Armeen der Tschechoslowakei, Rumä­niens und Südslawiens, daß diese eine grundlegende Aenderung des militärischen Gleichgewichts in Europa bedeuten würde. Die kleine Entente würde dadurch eine Armee er­halten, die sogar größer als die franzö­sische fein werde. Das Blatt berechnet die stehenden Armeen Südslawiens, Rumäniens und der Tschecho­slowakei zusammen auf 593 504 Mann, während die stehende französische Armee 578 900 Wann betrage. Außerdem hätten alle drei Staaten der kleinen En­tente die allgemeine Dien st pflicht, ihre ausgebildeten Reserven seien somit nur durch die Zahl der kriegsfähigen Männer begrenzt. Die Heere seien wohlausgerüstet mit Tanks und moderner Artillerie und verfügten zusam­men über 1887 Kriegsflugzeuge.

Oollsuß spricht mit Benesch unb Titulesm.

Innsbruck, 29. S^pt. (TU.) Auf dem Bahn­hof Wörgl hatte Bundeskanzler Dollfuß, der sich auf der Rückreise aus Genf be- findet, am Freitagfrüh eine längere Unterredung mit dem tschechoslowakischen Außenminister

verfochten, das mit wenigen Ausnahmen bis zum heutigen Tage aus Uebelwollen ober Verständnis­losigkeit das deutsche Volk und seine national­sozialistische Regierung maßlos berleumdet hat. Herr Dr. Goebbels wird der letzte sein, der sich der trügerischen Hoffnung hingibt, als ob feine Rede nun den Eisblock geschmolzen hätte, der Deutsch­land in der öffentlichen Meinung der Welt um­gibt. Aber es wäre schon ein außerordentlicher Er­folg, wenn die in Genf versammelten Journa­listen aller Länder eingesehen hätten, daß die natio­nalsozialistische Idee als Staatsprinzip des neuen Deutschland sich nicht mit einer Handbewegung ab­tun läßt, daß die Wucht der Ereignisse in Deutsch­land, der seelische Wandel im deutschen Volk und die gewaltigen, jedem unvoreingenommenen Zu­schauer in die Augen springenden Anstrengungen von Volk und Regierung, aus eigener Kraft sich wieder hochzureißen und ein neues, dem deutschen Volkscharakter eigentümliches Haus zu errichten, schon eines sorgfältigen Studiums wert sind.

Herr Dr. Goebbels hat nicht unterlassen, der Welt sehr eindringlich die Gefahren vor Augen zu führen, vor die der Nationalsozialismus den Westen be­wahrt hat, als er die kommunistische Seuche in Deutschland mit Stumpf und Stiel ausrottete. Schon um dieses für die gesamte abendländische Kultur geführten Kampfes willen hätte das neue Deutsch­land die Achtung und Anerkennung der Welt ver­dient, die ihm stattdessen mit Argwohn, Mißtrauen und Ablehnung begegnet. Und weiter hat der Mi­nister darauf hingewiesen, daß Deutschland nach dieser Auseinandersetzung für seine innere Gesun­dung den Frieden braucht, aber auch den Frieden will, weil es nur im Frieden die Möglichkeit eines gesamteuropäischen Wiederaufbaus aus den Ruinen des Krieges und der Wirtschaftskatastrophe sieht. Und grabe bas nationalsozialistische Deutschland dessen autoritäres Regierungsprinzip stabile 23er- höltnisse im Innern garantiert, muß der Welt,als zuverlässiger Mitarbeiter willkommen sein, wenn die Welt es ehrlich mit ihm meint unb ihm im Rat ber Völker die gleichberechtigte Stellung gibt, auf bic es feiner geschichtlichen Leistungen, seiner Größe unb seiner Bedeutung für ben gesamten Erdball nach ein Anrecht hat. Der Reichspropaganba- minifter hat auch bie Gelegenheit genützt, in einer Besprechung mit bem schweizerischen Bunbesrat Motta bie gänzlich unsinnige Fabel von ben pangermanistischen Zielen ber beutschen national­sozialistischen Revolution richtig zu stellen. Die Bemerkung, daß die europäische Politik ohne die

Schweiz In ihrer gegenwärtigen Form zugleich als Bindeglied und Eckpfeiler dreier großer Nationen gar nicht mehr auskommen könnte, trifft tatsächlich den Nagel auf ben Kopf. Die starke Beunruhigung, bie einige Grenzzwischenfälle, noch mehr vielleicht aber bie volitische Tätigkeit ber neu entftanbenen Fronten in ber Schweiz hervorgerufen haben, wirb mit ber ganz einbeutigen Erklärung bes beut­schen Propagandaministers wohl bald abklingen. Das junge Deutschland hatte mit Dr. Goebbels in Genf feinen beredtesten Anwalt sprechen lassen. Wir wissen, Rom wurde nicht an einem Tage erbaut und die um Deutschland getürmte Mauer von Neid, Haß und Unverstand, wird nicht mit einem Schlage in Schutt und Trümmer sinkens aber wenn die offenen unb ehrlichen Worte bes Ministers hier unb ba zum Nachdenken unb Ueberprüfen angeregt haben, ist für uns schon viel gewonnen.

Dr. Goebbels beutete auch in einigen Sätzen bas Problem an, um bas, wie so oft schon in Genf, auch biesmal sich alles breht: bie Abrüftungs- frage. Sie ist ja zum Grunbproblem des euro­päischen Friedens überhaupt geworden, ohne sicht­bare Fortschritte einer großzügigen Lösung ent­gegen gibt es für den von Fiebern geschüttelten Erdteil keine Vertrauensbasis, auf der sich ein wirt­schaftlicher Neubau gründen ließe. Die Abrüstungs­frage ist stehen geglichen bei der grundsätzlichen Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung in dem Fünfmächteabkommen vom 11. Dezember 1932 und dem in Genf als Grundlage der künftigen ersten Abrüstungs-Konvention einstimmig ange­nommenen Macdonald-Plan vom März dieses Jah­res. Auch Deutschland hatte ihm zugestimmt, ob­wohl er mit der für Deutschlandbarin vorgesehenen fünfjährigen Uebergangsperiobe von Deutschland ein außerordentliches Entgegenkommen verlangte. Der Plan sah weiter sofortige Begrenzungen unb Herabsetzungen ber Heeresstärken unb bes Kriegs­materials, sowie bie Einführung bes gleichen Heeresfystems einer kurzfristig bienenben Miliz für alle kontinentaleuropäischen Armeen vor. Um ber Uebernahme binbenber Abrüstungsverpfllchtungen sich weiterhin zu entziehen, ist bann Frankreich auf den Dreh verfallen, mit deutlichem Hinweis auf die politische Umwälzung in Deutschland eine einseitig auf Deutschland abgestellte Kontrolle zu ver­langen, bie nachzuprüfen hätte, ob Deutschlanb tat­sächlich seinen ihm im Versailler Diktat auferlegten Entwaffnungsverpflichtungen nachgekommen ist was ja schon bie Pariser Botschafterkonferenz 1926 festgestellt hat unb inzwischen auch nicht heimlich

ausgerüstet hat was eine unverschämte, durch nichts zu beweisende Verdächtigung ist. Erst nach­dem diese Kontrolle vier Jahre wirksam gewesen ist, soll für die erste Etappe ber Abrüstung ber Grab der Herabsetzung ber Rüstungen bestimmt werben. Das ist Frankreichs Plan, für ben es in ben be­kannten Pariser Besprechungen bie Zustimmung Englanbs, Amerikas^ unb Italiens zu gewinnen suchte. Das ist ihm nicht gelungen, in Paris ist bie von Herrn Paul-Boncour gewünschte Einheitsfront nicht zustanbe gekommen, mit bereu Hilfe man bann in Genf Deutschlanb isolieren unb unter Druck setzen wollte.

Das ist nicht gelungen. Wenn auch Englanb wohl sich bem französischen Stanbpunkt recht weit- gehenb genähert zu haben scheint, so hat man sich in ßonbon boch wohl nicht verhehlen können, baß an einem solchen für Deutschland ganz untrag­baren Ultimatum, bas allen früheren Zusagen Hohn sprechen würbe, bie ganze Abrüstungskonfe- renz zwangsläufig scheitern muß. Die Briten haben stch also ben Gebauten einer Kontrolle während einer vierjährigen Probezeit zu eigen gemacht, bie hochgerüsteten Mächte sollen inbessen bie Verpflich­tung übernehmen, währenb biefer Frist nicht weiter zu rüsten, unb sollen sich der Kontrolle ebenfalls unterwerfen. Nach dieser Probezeit soll dann die etappenweise Abrüstung, wie sie ber Macbonalb- Plan ziffernmäßig festgelegt hat, einsetzen. Deutsch­lanb soll sofort eine gewisse Erhöhung ber Effektiv- beftänbe seiner Verteidigungswaffen gestattet sein, unter ber Voraussetzung, baß bie Kontrolle keine Verstöße gegen bie Versailler Entwaffnungsbestim­mungen ergibt unb im Einklang mit ber Verein­heitlichung ber Heeressysteme. Es ist nicht klar, wie weit über biese neue Lesart nun eine Einigung zwischen Frankreich unb Englanb erzielt ist, von Italien unb ben Vereinigten Staaten ganz zu schweigen. Paul-Boncour hat kurz vor Baron Neu­raths Rückkehr nach Berlin mit biefem eine Unter­haltung gehabt, aber über einen Austausch der beiderseitigen Ansichten dürfte man nicht hinaus­gelangt sein. Der deutsche Grundsatz kann nur immer wieder der sein, wie ihn der Reichskanzler in seiner großen Friebensrede vor bem Reichstag einbeutig formulierte: Zustimmung zu jebem Maß ber Abrüstung,unb Kontrolle, bas gleich­mäßig auf alle Mächte angewendet wird. Gleiches Recht, gleiche Sicherheit unb Freiheit für Deutsch­land sind die unverrückbaren Ziele der deutschen Politik.