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Die Flucht war furchtbar. Mitleidige Menschen ohne mich zu besinnen.
nahmen uns dann im Wagen mit an irgendeine Da langte sie ohne em weiteres Wort wr Die Xa $e Bahnstation. Der Zug war überfüllt mit Flucht- zog zwei in Papier gewickelte Rollen heraus und lingen-, man stand eng aneinandergepreßt. Zu essen legte sie vor mich auf den Tisch. ___
,Da sind fünfhundert Mark brin', sagte sie in ihrem gewohnt barschen Ton, ,alles in lauter Zwan- zig-Mark-Stücken. Ich war nicht so dumm, mein gutes Geld auf die Bank zu geben, hab's heute noch versteckt, wo es keiner findet außer mir. Das nehmen Sie, fahren nach Berlin und gehen dort sofort in die Beratungsstube des Frauenschuhes. Hier, der Herr Pastor hat mir alles aufgeschrieben. Ich sagte, es wäre für eine Nichte. Da können Sie wohnen, und die helfen Ihnen, daß Sie was Ordentliches lernen und dann auf eigenen Füßen stehen können. Wenn Sie noch länger hierbleiben, gibt's ein Unglück. Die Karte nach Berlin besorge ich Ihnen, morgen hab' ich frei. Sie armes Wurm können ja nie weg. Wenn Sie reich werden, geben Sie mir das Geld wieder, wenn nicht, ift's auch gut. Ich hab' meine Altersrente sicher, und noch mehr von dem Zeug da; man ist nicht umsonst sechsundzwanzig Jahre in einem guten Hause in Dienst gewesen. Werden Sie gehen?'
Ich starrte auf das Gold, dann auf die dicke Frau mit dem roten Gesicht im Kattunkleid — und wieder auf das Gold. Und dann sprang ich auf, streckte ihr beide Hände hin, wortlos vor tiefster Dankbarkeit und Erregung. Sie nahm sie nicht einmal, nickte nur befriedigt: ,Dann ift's gut. Morgen abend finden Sie die Fahrkarte unter Ihrem Kopfkissen. Schnell weg mit dem Geld — jemand kommt!' Und damit eilte sie hinaus, ehe ich auch nur ein Wort hatte sagen können. —
Zwei Tage später saß ich im Heim des Frauenschuhes — allein, aber frei! Zwei Jahre blieb ich dort und lernte. Dan bot sich die erste Stellung, ich stand auf eigenen Füßen; zwar noch recht unsicher, aber ich stand! Seitdem war ich Buchhalterin, Tippfräulein, Sekretärin, Verkäuferin, überall abgebaut, frisch angefangen. Der Brief an meine Verwandten, im Zuge nach Berlin geschrieben, wurde nicht beantwortet. Ich hatte es nicht anders erwartet, denn was ich getan, war ihnen ebenso unverständlich wie unverzeihlich.
Dreimal sandte ich einige Zeilen und Abzahlungsraten an Mamsell. Die Briefe behielt sie, das Geld kam zurück mit dem Vermerk: »Adressatin verweigert Annahme.' Da schrieb ich an den Pastor. Auch er schickte das Geld zurück. Daß ich die fünfhundert Mark als Geschenk behalten solle, sei der letzte Wunsch Mamsells gewesen, ehe sie nach kurzem Unwohlsein verschieden. Wieder eine Tote! Es ist furchtbar, immer nur an Tote denken zu können."
Georg von Dandro hörte die ganze Qual eines gehetzten, heimatlosen Menschen aus der wunden Stimme. Und er suchte nach einem guten Wort.
„Nun sind wir Lurch die Nacht gewandert", sagte er behutsam, wie zu einer Kranken, „aber vor uns liegt der Tag und all.feine Schönheit! Das Dunkel ist vorüber, und die Sonne lacht; sie weiß wohl, daß sie die Siegerin ist und bleibt, denn Sonne ist Leben, und Leben ist Ewigkeit."
Ganz still saß das Mädchen, trank die herzlichen Worte in sich und grübelte über ihren Sinn; dann lächelte sie den Mann an mit feuchten Augen: „Sie. verstehen zu trösten, Herr von Vandro. Dante!*
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lieben Glück, das die Erwachsenen wohl schon lange nicht mehr geteilt." Ein tiefes Atemholen.
„Gerüchte von einem Zusammenbruch drangen zu meiner Mutter — sie glaubte ihnen nicht. Wer hätte denn eine derartig furchtbare Katastrophe für möglich gehalten! Rußland konnte den Krieg verlieren, dann gab es vielleicht Unruhen; aber waren sie bisher nicht stets von der Armee unterdrückt worden? Schwarmgeister, die die Unzufriedenheit schürten, halle es in dem großen Reich immer gegeben. Die vielen Dienstboten, fast alles ältere Leute, hielten treu zur Herrschaft, spotteten über das Geraune vom Nahen einer neuen Zeit. Sie brauchten sie nicht, es ging ihnen gut.
Erst als Prinz Trubetzkoi, Oberst in einem Garde- Kavallerieregiment, der auf kurzem Urlaub m Moskau gewesen, meiner Mutter dringend zur Abreise riet, entschloß sie sich, Großmama aufzuklaren und alles vorzubereiten. Dem Prinzen glaubte sie, denn er kam von der Front. Er liebte meine Mutter — nach Beendigung des Krieges wollten sie heiraten. Es kam anders." Die Augen des Mädchens waren starr geradeaus gerichtet. Sie schien die Gegenwart des schweigenden Zuhörers auf der Bank neben ihr ganz vergessen zu haben.
„Großmama sträubte sich zuerst heftig gegen ine Reise nach Finnland. »Wer wird mir alten, kranken Frau denn etwas tun?' meinte sie ungläubig, »und ihr seid ja Deutsche!' Aber als des Prinzen treuer Bursche die Nachricht brachte, daß fein Herr von den eigenen Soldaten erschossen worden war, wurde unsere sofortige Abreise beschlossen. Der Kutscher und die gute, alte Katja, unsere Kinderfrau, sollten uns begleiten; die andere Dienerschaft wurde nach Hause entlassen. .
Sie trugen Großmama in den Schlitten, die Pferde jagten dahin, ohne das fröhliche Schellengeläut von einst, unnötiges Geräusch sollte vermieden werden. Die Frauen schwiegen; auch wir Kinder saßen stumm und bedrückt, als ahnten wir die nahende Gefahr.
In einer Straße der Vorstadt kam uns ein Trupp halbberauschter Soldaten entgegen. Es war zu spät zur Umkehr. Im Nu waren wir umzingelt, aus dem Schlitten gezerrt. Umsonst rief meine Mutter, daß wir alle Deutsche seien, wies unsere Pässe. Einer der Burschen, ein von ihr entlassener junger Hilfs- gärtner, hatte Großmama erkannt. Sie war doch Russin von Geburt! Und leugnete es nicht. Sie wurde an einen Laternenpfahl geschleift. Den umschlang sie mit ihrem gesunden Arm, richtete sich plötzlich ganz gerade auf und sah erhobenen Hauptes ihre Mörder an. »Gott segne Rußland', sagte sie laut und fest. Da krachten Schüsse ...
Die Kerls fuhren in unserem Schlitten lachend und johlend davon, Katja und den alten Anton in ihrer Mitte. Wir knieten neben Großmamas Leiche im Schnee, küßten ihre Hände — Mama sprach ein Gebet. Dann zog sie uns an sich, wir rannten weiter, immer weiter--
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gab es nichts. Dann die Jagd nach dem Schiff — nur um Jesu willen nicht zurückgelassen werden —
Da schrie Mama plötzlich den Namen meines Bruders. Er war in dem fürchterlichen Gedränge von ihrer Seite gerissen worden! Sie wollte zurück ans Land; doch war das ganz unmöglich. Die Massen rissen sie mit sich aufs Schiff. Auch hier die lebensgefährliche UeberfüUe. Man stand, weil kein Raum zum Umfallen war. Erst nach der Landung konnte an ein Suchen nach dem Vermißten gedacht werden. Aber Kolja war und blieb verschwunden — wir haben ihn nie wiedergesehen."
Die Stimme der Erzählerin brach in jäh aufschluchzendem Laut. Der Mann neben ihr griff nach den zujammengefalteten Händen, streichelte die eiskalten behutsam. Auch ihn würgte es in der Kehle. Großer Gott, was hatten all diese Menschen gelitten! Wie klein war seine eigene Not dagegen.
Minutenlang saßen sie schweigend nebeneinander. „Und dann —?" fragte von Vandro endlich leise.
„Im Flüchtlingslager brach Mama infolge der erlittenen Aufregung und Strapazen zusammen — drei Wochen später wurde sie dort auf dem kleinen Kirchhof beerdigt. Und mich schob man mit einem der großen Züge nach Deutschland ab zu meinen Verwandten. Die waren wenig erbaut ob des Gastes. In den guten Zeiten hatten wir sie gemieden, nun sollten sie mich erhalten, die ihnen innerlich und äußerlich völlig fremd. Dazu die schweren Sorgen, der politische Umsturz, die Inflation — hatte da nicht jeder genug mit sich zu tuq?"
Wera Wetterns Stimme schwankte nicht mehr. Hart und voll Kälte war sie. „In jenen fünf Jahren habe ich gelernt, was es heißt, als unwillkommener Gast das Gnadenbrot zu essen. Jeder Bissen davon hat mich gewürgt. Ich half, wo ich konnte, lehrte die Kinder Russisch und Französisch; aber meinen Kopf trug ich hoch. Und das verziehen sie mir nicht." Sie saß steil aufgerichtet, die feinen Nasenflügel bebten.
Nein, dachte von Vandro, sie betrachtend, du lernst das Ducken nie, du dienst nur freiwillig, als Gnade, die deine schönen, schmalen Hände verschenken.
„Nur ein Mensch, eine einfache Frau aus dem Volke, erriet meine Not. Es war die Mamsell, die derbe, grobknochige Köchin; im Schloß wegen ihrer raffinierten Kochkünste ebenso geschätzt wie gefürchtet wegen ihres Jähzorns und ihrer bösen Zunge. Die kam eines Abends herauf in meine Stube, in der ich strümpfestopfend saß.
»Warum bleiben Sie eigentlich hier, Komtesse Wera?' fragte sie mich ohne jede Einleitung.
,Weil ich nicht fort kann', erwiderte ich, sie erstaunt ansehend. Noch nie hatte sie ein freundliches Wort an mich gerichtet — unb^oef) spürte ich sofort, daß mir hier Teilnahme entgegengebracht wurde.
»Ader wenn Ihnen nun jemand dazu verhülfe,' forschte sie weiter.
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Roman von Helma von Hellermann.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
7. Kapitel.
„Die Wettern stammen aus der Mark. Unruhiges Blut und Abenteurerlust trieb manche von ihnen in die Ferne. Die hierblieben, wurden reich und angesehen, denn sie heirateten gern unter sich; so blieb alles in der Familie. Nur mein Großvater, den der große Friedrich in diplomatischer Mission an den russischen Kaiserhos gesandt, machte darin eine Ausnahme. Er lernte dort die Tochter eines Grafen Sukefkoi kennen, und da seine Neigung erwidert wurde, heirateten die beiden sich bald. Das einzige Kind aus dieser Ehe war mein Vater.
Die ganze Verwandtschaft schloß sich zusammen in frostiger Abwehr gegen das fremde Element, das nun in ihrer Mitte auftauchte und trotz aller Hindernisse bald zum strahlenden Mittelpunkt der Gesellschaft wurde. Wie oft hörte ich darüber als Kind! Großmama muß in ihrer Jugend entzückend gewesen sein, schön, liebenswürdig und beweglichen Geistes, an große Verhältnisse, Reisen und 2Ibroed)|lung gewöhnt Noch nach zwanzig Jahren nannten |ie sie ,die Russin', und freuten sich, als Großmama nach dem Tode ihres Gatten wieder nach Rußland zog. Sie hatte sich nie so recht wohl im steifen Milieu gefühlt, und auch ihr Sohn, mein Vater, der die Regierungskarriere eingeschlagen, verbrachte feine ganze Urlaubszeit bei ihr, statt auf den Gütern der Verwandten, was jene sehr verstimmte. So kam es, daß er auch als Ehemann — er heiratete eine Baltin — seine Familie oft zu Besuch nach Rußland brachte und Mutter mit mir und meinem Bruder Kolja ganz zu ihrer Schwiegermutter zog, als Papa im Jahre 1912 einer Lungenentzündung erlag.
Das waren herrliche Jahre! Großmama besaß em kleines Juwel von Palais in Moskau, es kam viel Besuch Meine schöne Mama wurde sehr gefeiert. Es gab köstliche Schlittenfahrten, Kinderfeste von märchenhafter Pracht. Im Winter reisten wir mit dem ganzen Troß der Dienerschaft nach der Krim, im Sommer auf die Newainsel Yeragm, wo Großmama eine Datsche (Landhaus) besaß, und wo wir uns nach Herzenslust tummelten. 1914 fam mein Bruder in die Privatschule eines französischen Professors.
Da brach der Weltkrieg aus. Im Begriff, mit uns yllen nach der Schweiz zu reifen, erlitt Großmama vor Aufregung einen Schlaganfall, der sie halb läbmte Um keinen Preis hätte Mama sie nun verlassen besonders da sie durch einflußreiche Freunde bei Hof und der Armee die Erlaubnis erhielt, mit ihren beiden Kindern in Rußland zu bleiben. Dom Kriege spürten wir so gut wie nichts. Man lebte wohl ein wenig stiller und einfacher, aber sonst ging alles seinen gewohnten Gang — bis die Revolution ausbrach. Da war es zu Ende mit unserem fried-
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