lUoniag, öU. Januar 1935
185. Jahrgang
Nr. 2'> Erstes Vlatt
DiedeuMeKnseimSpiegeldesAuslandes
Oie Kabinettskrise in Frankreich
einflussungsversuchen.
zu steuern. I Reihe von emacht, als I
nicht mehr anschlagen. ..
Es ist durchaus möglich, daß die Verärgerung des Senates diesmal nicht wieder im Sande verlauft, sondern sich zu Forderungen und Taten verdichtet Sollte dies nicht geschehen, kann sich die akute Steife in ein chronisches Leiden verwandeln, das noch mehrere Kabinette, m mehr oder weniger rascher Folge und in der „Blüte ihres Daseins" ins Grab bringt. Der Schrei nach einer starken Führung ist dos Losungswort, das auch in Paris nicht mehr verstummen wird.
Oaladiers Bemühungen.
Keine großen Veränderungen.
P a r i s . 30. Ian. (023. Funkspruch.) Nach einer Auslassung der „haoas" über die Regierungskrise wird D a l a d i e r aller Wahrscheinlichkeit nach e l n fast ausschließlich radikales Mini st e rium bilden, wesentlich sei, daß Daladier die Unterstützung Herr io ts erhalten habe, der viel- leicht dos Luftfahrtministerium übernehmen werde, da er den Wunsch geäußert habe, in diesem Augen- blick noch nicht als Außenminister in den Quai d'Orsay znrückzukehreu. Außenminister würde
Reichskanzler a. D. von Popen wurde zum Stellvertreter des Reichskanzlers und zum Reich» rowmifsar für das Land Preußen berufen;
Arelherr von Reurath wird Reichsaußeu- «luister;
Staatsminister a. D. Dr. Z r i ck. M. d. 2t, Reichs- Innenminister.
Generalleutnant von Blomberg Reichswehr- Minister;
Graf Schwerin von Krosigk Reichsfinonz- »inisier.
Geheimrat Vr. hugenberg,M d. R.. Reichs- wirt,chaftsminister und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft;
Fran; S e l d t e Reichsarbeitsminister;
Frei her von Elh-Rübenach Reichspost- wiuisler und Reichsverkehcsminister;
Reichstagsprösident Göring Reichsminister ohne Geschäftsbereich und Reichskommissar für den Luftverkehr. Göring wurde gleichzeitig mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußischen Innenministers betraut;
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
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Chefredakteur
Vr. Friede. Wilh. Lange. Derantworilich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und llr denAn« zeigenteil i.D.TH.Kümmel iämtlich >n Gieren
Der Reichspräsident hat h i t l e r ; u m R e' ch * - konzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Leichsregierung wie folgt neu gebildet:
Oie Kabinetisliste.
Berlin, 30. Januar. (OB. Funkfprnch.) Der Reichspräsident empfing heule vormittag Aoolf Hitler sowie den Reichskanzler v. Popen ju einer längeren Besprechung.
plötzlich eine Protestabordnung des Allgemeinen Arbeiterverband es auf der Bildfläche erschien und im Namen „Seiner Majestät des Wählers" alles wieder umwarf. Die Regierungsmehrheit platzte daraufhin mit hörbarem Knall und das Ergebnis war das Ginschwenken der Sozia 11sten zur Rechtsopposition. Man muß ganz ausdrücklich feststellcn. daß Paul-Boncour letzten Endes nicht an seinen Feinden, sondern a n
einen wankelmütigen Freunden von Links gescheitert ist. Angesichts der mitz- billigenden Haltung der Straße verlor auch Leon Blum jeden Geschmack an der „trockenen politischen Vernunft" und lieh die Zugel schleifen. Einen Fraktionszwang gibt es m Frankreich nicht doch war cs nur natürlich, dah die mühsam gebändigte Gruppe w.e ein Bienenschwarm aus» brach und dem Kabinett das Vertrauen ver-
(Erl<t)eim «»glich, aufoei Lonniays und ,>eieriags Betiogen V,e Illustriert. (Bienenr. Fomilienblotte, Heimat mBild D,e Scholl.
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ganzen Nacht schwankte die Waagschale auf und ab und bis zur sechsten Vertra,:ensfrage hatte es fast den Anschein, a's ob das Kabinett siegreich bleiben würde. Hinter den Kulissen des Plenar- saalcs. d. h. in der Wandelhalle und m den Konferenzzimmern, tagten ununterbrochen Par- teipolitische ^Konventikel und selbst von außen her fehlte es nicht an energischen Be-
GietzenerAMger
General-Anzeiger für Oberhessen
sei verantwortlich für den Sturz des Kabinetts Brüning und Hindenburg werde es kaum >emals vergessen, dah er Popen als Ersatz eines von Schleicher gegen ihn gerichteten politischen Angriffes habe fallen lassen müssen.
„Morning Post" macht die wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die schwankende politische Lage in Deutschland verantwortlich. -Die Amtszeit Schleichers sei zu surz gewesen, um die Entwicklung einer weitsichtigen KAchaftspolttik zu erlauben, die er vielleicht beabsichtigte. „Morning Post" bezeichnet die Lage als äußerst verworren und bezweifelt, daß Hugenberg und Hitler imstande sein werden, sich eine Mehrheit zu sichern.
Times" erklärt, Schleicher sei behindert gewesen durch die populäre deutsche Vorstellung, daß ein General mit Schnelligkeit und S i ch e r - h c i t handeln muß. Er habe es nicht verhindern können, daß der Plan einer Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und Gregor Straßer vor seinem Reifwerden bekannt wurde. Eine Hitler-Regierung mit einer R e i ch s t a g s m e h r- heit sei die am wenigsten gefährliche Losung. Auch News Chronicle" hält eine Regierung mit nationalsozialistischen Ministern früher ober fpa er für unvermeidlich. „Daily Expreß dagegen glaubt an eine Diktatur Popen, die einen sozialistisch- kommunistischen Generalstreik zur Folge haben würde.
Der Reichskommiffar für die Arbeitsbeschaffung Dr. (Betete wurde in seinem Amte bestätigt. Das Justizministerium bleibt vorläufig noch offen.
Reichskanzler Hitler wird, wie wir hören, noch heute Verhandlung en mit dem Zentrum und der Bayerischen Volksparte, auf- nehmen. Vas neue Kabinett tritt zu seiner e r st e n Sitzung heute nachmittag 5 Uhr zusammen.
Or. Lammers - Staatssekretär der Reichskanzlei.
Berlin, 30. Jan. (ERB. Funkspruch.) Wie wir erfahren wird der Ministerialrat im Reich^mimste- rium des Innern, Dr. L a m m e r s , zum Staatssekretär der Reichskanzlei und der natio- nalsozialistische Reichstagsabgeordnete Funk zum > Leiter der P r e s s e a b t e l l u n g der Reichs reqierung ernannt werden. Die Ernennungen sind aus rein formalen Gründen noch nicht im Zusammenhang mit der Kabinettsbildung erfolgt, stehen aber bevor. Funk war früher führendes Mitglied der Schriftleitung der „Berliner Borsenzellung .
Die Besprechung bei Hindenburg
Berlin, 30. Ian. (CND.-Funkspruch ) Der Ernennung des Kabinetts ging eine gemeinsame Besprechung beim Reichspräsidenten voraus, an der vor allem Herr vonPapen, Adolf Hit«
Paul-Boncour und Finanzminister CHeron muhten von Zeit zu Zeit in den Hinter- arunden verschwinden, um die Lage in der Etappe" zu prüfen und den Sozialisten gut zuzureden. Leon Blum bemühte sich im Schweiße feines Angesichts, seine Gefolgschaft bei der Stange zu halten und sie ganz sachte auf den Weg des Kompromisses zu Schon hatten die Sozialisten eine Zugeständnissen an die Legierung gemacht, _
1 er und Geheimrat Hugenberg Teilnahmen. Die Besprechung begann in der zwölften Mit- tagsstunde: sie hatte das Ziel, einen Ausgleich zwischen den Ansprüchen der Gruppen der Harzburger Front zu finden, über die heute vormittag eine Einigung noch nicht vorhanden war. Schwierige Fragen waren nach Auflassung politischer Kreise zum Beispiel die Einglie- deruna der SA., die Lösung der Preu- henfrage und die Besetzung einiger Reichsmini st erien.
Vereidigung des Kabinetts Hitler.
B e r l i n , 30. Jan. (WTB. Funkspruch.) Der Herr Reichspräsident hat heute die durch das Reichsministergesetz vorgeschnebene Vereid.- gu nq des Reichskanzlers Adolf Hltler und der Mitglieder der neugebilbeten Regierung vorgenommen.
Eine Erklärung des Zentrums.
Berlin, 30. Jan. (ERB. Funkspruch.) Von feiten der Zentrumspartei wird parteiamtlich fest- aestellt, daß der Beauftragte des Reichspräsidenten, Herr vonPapen.mitihrin keiner Weise in Verhandlungen cingetreten ist, und daß auch zwischen den Nationalsozialisten und der Zentrumspartei keinerlei Verhandlungen wegen der nunmehrigen Regierungsbildung stattgefunden haben.
weigerte.
Nachträglich erklärte man, daß die Regierung Paul-Boncour ohnehin nur eine Verlegen heitslösung gewesen sei, doch wird es sich vermutlich Herausstellen, daß der ''Scrle9eubeiten und Uebergänge kein Ende ist. Jeder zukünftige Finanzminister muß ungefähr dort ansangen, wo Cheron aushörte und muß sich dazu noch un wesentlichen der gleichen Mittel bedienen, wie sein ebenso mutiger wie unpopulärer .Vorgänger. -Die parlamentarische Zusammensetzung ändert sich nicht, die zur Verfügung stehenden Manner bleiben di gleichen und das Defizit ändert sich nur inso ern, als es von Stunde zu Stunde anwachst. Die Millionen rollen in den Abgrund und icder Haushalt bleibt eine offenkundige Farce. wenn man die Locher in den Staatsstrümpfen nicht stopft. Chöron »st zunächst einmal „abgcwruckt.", doch es geht leider nicht um den Mann, sondern um die Sache Man wird vermullich versuchen, den Generalberichterstat ter ßamoureuj (vielleicht auch Vonnet, Professor Rist oder Flandin) für den verwaisten Posten zu gewinnen — cs ist aber kein Geheimnis, daß niemand danach lechzt, sich an den verfahrenen Finanzen das politische Genick zu brechen.
Auch die Schar der Bewerber um das Amt de, Ministerpräsidenten ist so klein, wie man das in der dritten Republik noch nie erlebt hat. Vielleicht gelingt es dem Präsidenten der Republik den Führer des linken Flügels der Rabikalsozialisten, D a j lädier, zur Uebernahme der Verantworckung zu keilen", doch kann dieser Mann — nach seiner politischen Vergangenheit — eigentlich nur mit dem Linkskartell, d.h. der eben geplatzten Kombination, regieren. Es ist ihm kaum zuzu- trauen, daß er — im --inne des Staatspräsidenten und des Senats - die Wendung nach rechts findet und mit einem Kabinett der nationalen Konzentration an der parlamentarischen Oberslache auf- taucht. Im Hintergründe stehen einige Senatoren und vielleicht auch H e r r i o t und man muß allem Anschein nach mit einer langen Krise rechnen. _
Bezeichnenderweise hat der fast gleichzeitige R u ck- tritt der deutschen Regierung m Pan» zu Komentaren geführt, die °on gewissen „Parallelerscheinungen" sprechen. Besonders tn Kreisen des Senats ärgert man sich über die Haltung d" Kam mer und redet ganz offen von einem Versa aen d c s Parlamentarismus. Die Kammer habe bewiesen, daß sie ernsten Schwierigkeiten überhaupt nicht gewachsen sei und - bildlich gesprochen - wie ein Klotz die Bewegungen des staatsorganlsmus hcmmc. In diesem Zinne handele es^sich gor Nicht mehr um eine Krise der verantwortlichen poltt schen Leitung, sondern um eine Krise des Parlamentarismus, in feiner überspitzten ausgearteten Form. Wenn es nicht gelinge, die S t a a t d a u^o r 11 a t zu stärken und die Demagogie in ihre schranken zu verweisen, dann seien zum Beispiel inanzpoll- tische Fragen überhaupt nicht mehr zu losen. Selbst der parlamentarische Führer der Rechten, T a r - bleu, forbert eine Verfassungsreform unb weiß dem oppositionellen Zuzug von links, aus grundsätzlichen Erwägungen, keinen Dank, auch in der alten Republik Frankreich liegt die „Demokratie auf dem Krankenbett unb bie üblichen Heiltranklein wollen
Pariser Betrachtungen.
Paris. 29.San. (WTB.) Zur Regierungs» krise in Deutschland äußert sich der TemPs, der Rücktritt des Reichskanzlers v. Schleicher habe niemanden überrascht. Nichtsdestoweniger seien die Bedingungen und Umstände, unter denen die deutsche Regierungskrise sich äußere, ein Beweis für einen tiefgreifenden Wirrwarr innerhalb der deutschen Politischen Kreise. Die politischen Aussichten senseits des Rheins blieben dunkel. Fast täglich verloren die Elemente mit denen man die großen mter- nationalen Probleme nutzbringend prüfen konnte, an Einfluß. Mit welcher Reichsregierung werde man es morgen zu tun haben, und was wurden die Abkommen wert sein, die man mit ihr in Genf abschliehen könnte? — „Journal d e s Debats" benutzt den Anlaß, um seiner Einstellung entsprechend gegen Deutschland Stimmung zu machen. Deutschland sei von einem offenen verfassungsmäßigen Regime weiter ent- fernt als je. Deshalb sei es em Storungselement in Europa. Im Schatten von Berlin konnten die schlimmsten Komplotte geschmiedet werden. -
I Daris Soir" schreibt uw. Die französische I Regierungskrise ist vielleicht nicht leicht zu lofcn, aber viel schwieriger ist die Lage m Berlin. Das
I Blatt wirft die Frage auf, ob die Ministerkrisc in Deutschland sich nicht in eine Prasidenten-
I krise umwandeln werde.
Oie Meinung in England.
London, 29. Ian. (TU.) Die englische Presse stellt bie Frage, ob es $ a p en gelingen wirb cm neues Kabinett mit einer ReAstagsmehrheit zu bilden, ober ob es zu einer Regierung H11 (er kommt. Die Bilbung einer Koalitionsregierung oon Zentrum, Deutschnationalen unb ^°twna soziallsten wirb zwar vom „Evemng etanbarb all, äußerst unglaubhaft bezeichnet, aber im letzten ^ugenMick fei in Deutschland alles möglich- Der iberale „Star" begrüßt es, daß Hindenburg eine Diktatur Schleicher verhindert habe und sagt. Hindenburg hat wieder einmal wie em Zeisen die beut’ - sche republikanische Verfassung verteidigt --^uter melbet, bah Schleicher d e n se Iben Met Hobe »um Opfer gefallen sei, bie er selbst g e g e n ^eine Vorgänger angeroanbt habe. Schleicher
Drahtbericht unseres i.-Berichterstatters Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Paris, 29. Januar 1933.
Rach sechswöchigen finanzpolitischen Leiden ist ä ® , hinett Vau 1 - Boncour am Samstag 6 ilbr eines unsanften Todes gestorben. Die treffendste Bezeichnung wäre in diesem Falle wohl verblichen", denn die Herren aus der Re- oierungsbank - die in Pans die erste Reihe der Abgeordnetensitze einnehmen - sahennach 2Qstun- diger Dauervcrhandlung und unzähligen nerven aufreibenden Abstimmungen so bleich aus, wie eine gekalkte Wand. 3a, man hatte fast bas Gefühl dah Paul-Boncour nach der froh war, die Stätte seiner Leiden und fruchUosen rednerischen Bemühungen zu verlassen. Auch ein hart getroffener Ehrgeiz halt der körperlichen Er müdmig auf die Dauer nia-t stand. Wahrend der
Italienische Blätterstimmen.
Rom. 29. Ian. (ERD.) Die gleichzeitige Regierungskrise in Deutschland und in Frankreich Habet m Italien stärkste Beachtung. Man sieht darin weniger eine Regierungskrise als vielmehr eine Krise des Regimes wenn nicht sogar eine Staatskrise. Freilich seien die Ursachen des Zerfalls der demokratischen und parlamentarischen Regierungsform m Deutschland und in Frankreich grundverschieden. — „Eorriere della Sera" schreibt, das parlamentarische System biete trotz seiner vielgerühmten Elastizität keine, weitere Entwicklungsmöglichkeit. — „Stampa bedauert, daß nicht fch°n zur Zeit Bruni n g s eingesehen worden sei, daß ohne Eütler oder gar gegen ihn in Berlin nicht regiert werden könne Man habe so m Deutschland für Monate und Jahre Aufbaumoglichkelten verpaßt. um immer wieder zum gleichen Aus- gangspunkt zurückzukehren.
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Hitter zum Reichskanzler ernannt
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und Ernährungsministerium, (Seihte das Arbeitsminiftenum


