Ausgabe 
29.12.1933 Drittes Blatt
 
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Zreitag, 29. Dezember (933

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 304 Dritter Blatt

Das Saus der Deutschen Rechtsftont.

Das Haus Regentenstraße 4 in Berlin wird in Zukunft Sik der Deutschen Rechtsfront sein, in der alle am Rechtsleben beteiligten Personen organisatorisch zusammengefaßt sind.

NapoleonsBerlins" in Berlin.

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Napoleons Reisewagen, nach dem Ort der Erfindung seiner KonstruktionBerlins" genannt, ist jetzt im Hof des Zeughauses in der Reichshauptstadt aufgestellt worden. Der Wagen, der für die Verhältnisse vor 120 Jahren überaus schnell war, wurde in der Schlacht bei Belle Alliance samt den Orden und dem Degen Napoleons erbeutet. Die Nachkommen des Fürsten Blücher stellten das historische Erinne­rungsstück dem Zeughaus zur Verfügung

Aus der provinzialhaupistadt.

Kirchenrat Strack t-

Am Mittwochabend verstarb im Alter von nahe­zu 88 Jahren der Dekan und Pfarrer i. R. Kirchen­rat Karl Strack in Gießen. Mit seinem Heim­gang verliert unsere Stadt einen Bürger, dem in weitesten Kreisen aufrichtige Verehrung wegen seiner vielfachen Verdienste um die Allgemeinheit und wegen seines allezeit hilfsbereiten und von vorbildlicher' christlicher Nächstenliebe geleiteten Wirkens entgegengebracht wurde.

Kirchenrat Karl Strack wurde am 18. Februar 1846 in Ober-Rosbach als Sohn des dortigen Pfar­rers Dr. Karl Strack, der später Pfarrer in Großen- Buseck und in Lang-Göns und Dekan des Dekanats Gießen war, geboren. Seine erste pfarramtliche Verwendung fand Kirchenrat Strack in Langstadt (Starkenburg), hierauf war er in Londorf tätig. Im Jahre 1873 wurde er Pfarrer in Obbornhofen, wo er bis zum Jahre 1886 wirkte. Dann wurde er Pfarrer in Leeheim. Von 1890 ab war er Pfarrer in Leihgestern, wo er bis zu seinem lieber- tritt in den Ruhestand im Jahre 1914 eine reich- gesegnete pfarramtliche Tätigkeit entfaltete. Von 1900 bis 1912 stand er als Dekan an der Spitze des Dekanats Gießen. Bei der Wahrnehmung der Dekanatsgeschäfte kamen ihm seine hervorragende verwaltungstechnische Begabung, seine vortrefflichen Eigenschaften als Seelsorger, sowie sein edler Charak­ter in Verbindung mit ausrichtigem Wohlwollen und großer Herzensgüte gegenüber allen, die mit ihm in Berührung kamen, sehr zu statten Unbe­schränktes Vertrauen und herzliche Zuneigung seiner Gemeinden und Amtsbrüder erleichterten ihm , überall die Erfüllung seiner mit größter Gewissen­haftigkeit wahrgeno. .menen Pflichten. Seine viel­fachen Verdienste fanden im Jahre 1910 durch seine Ernennung zum Kirchenrat die nach außen hin bekundete Anerkennung seiner oorgefehten Behörde.

Als herzensguter und treuer Mensch, der seinen Nächsten stets mit gutem Rat und selbstloser Tat be­hilflich war, beschränkte er fein Wirken nicht nur auf die Geschäfte des Pfarramts, sondern er war darüber hinaus auch in wirtschaftlichen und sozialen Fragen eifrig um seine Gemeinden bemüht. Bis in die jüngste Zeit hinein bekundete sich das Vertrauen, das er sich auch in seinem letzten pfarramtlichen Wir- kungsorte Leihgestern erworben hatte, noch häufig darin, daß er von seinen Leihaesterner Gemeinde- angehörigen als gewissenhafter Berater in Anspruch genommen wurde Seine soziale Hilfsbereitschaft ent­faltete er auch während seines Ruhestandes in reger Weile zum Besten vieler Mitbürger in Stadt und Land. In jahrelanger Tätigkeit stellte er als Mit­glied der Kreisschulkommission, als Vorstandsmit- alied der Bezirkssparkasse Gießen, als Rechner des Oberhessischen Vereins für Innere Mission und als

Vorsitzender des Vereins Oberhessisches Damenheim in Gießen seine Kraft uneigennützig und vorbildlich in den Dienst der Allgemeinheit. Seine Gießener Burschenschaft Germania zeichnete ihn schon vor vie­len Jahren durch die Ernennung zum Ehrenmitglied aus.

Von schwerem Leid wurde der von bestem natio­nalen Geist erfüllte Mann während des Weltkrieges heimgesucht. Zwei Söhne und ein Schwiegersohn wurden ihm als Opfer des Krieges entrissen Trotz dieser schweren Schicksalsschläge lebte er ungebeugt und allezeit tatbereit der Erfüllung seiner Pflichten zum Besten feiner deutschen Volksgenossen weiter Mit reger Anteilnahme stand er namentlich auch noch im hohen Alter im kirchlichen Leben unserer Gemeinde und der hessischen Evangelischen Landes­kirche, wie er auch auf außerkirchlichem Gebiet stets ein tatfroher und opferbereiter Volksgenosse blieb. Dabei war der ehrwürdige Mann, der durch sein wallendes weißes Haar eine charakteristische Erschei- nung im Straßenbild unserer Stadt war, stets von herzlicher Freundlichkeit und vorbildlicher Beschei­denheit des Wesens erfüllt, die ihm neben seinen Werken viele weitere Freunde und Verehrer ge­wannen.

Das Andenken an den nach reich gesegnetem Wir­ken in die Ewigkeit abberufenen Seelsorger wird in Gießen und in seinen früheren Wirkungsorten für immer in besten Ehren fortleben.

Veränderungen in der medizinischen Fakultät der Universität Gießen.

Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:

Wegen Erreichens der Altersgrenze mußten in den letzten Monaten nicht weniger als fünf Lehr­stühle neu besetzt werden.

Die Chirurgie vertritt jetzt Professor Dr. A. Fischer, geb. 1892 in Berlin, zuletzt a. o. Professor in Frankfurt. Er ist vor allem durch seine Arbeiten über die Chirurgie der Bauchorgane, sowie über Unsallverletzungen bekannt.

Der neue Direktor der Medizinischen Kli­nik ist Professor Dr. H. B o h n e n f a m p , geb. 1892 in Windischholzhausen bei Erfurt, zuletzt a. o Professor für physikalische Therapie und patholo­gische Physiologie in Würzburg, der sich durch physikalisch und mathematisch begründete Arbeiten über den Stoffwechselumsatz des Gesamtkörpers, insbesondere des Herzens, ausgezeichnet hat.

Die Kinderklinik hat Professor Dr. WI. Duken übernommen, geb 1889 in Brake in Oldenburg, zuletzt a. o. Professor in Jena; er hat sich vor allem mit den Fragen der kindlichen Tuber­kulose beschäftigt, hat in Jena mit felbftgemorbcnen Mitteln eine vorbildliche Kindertuberkulose-Klinik

Die Beisetzung der Todesopfer von Lagny.

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In der Empfangshalle des Pariser Ostbahnhofs fand in Gegenwart des Präsidenten der Republik eine ergreifende Trauerfeier für die am Weihnachtsvorabend so furchtbar ums Leben gekommenen Opfer der Eifenbahnkatastrophe von Lagny statt.

gegründet, hat sich außerdem auf dem Gebiete der Jugend- und Gefundheitsfürforge große Verdienste erworben. Er war zuletzt Leiter der Neuorganisa­tion der Erwachsenenbildung in Thüringen und hat jetzt die Leitung des Lehramts für politische Er- ziehung in Gießen übernommen.

In die Psychiatrische Klinik ist Professor Dr. H. Hoffmann eingezogen, geb. 1892 zu Leer (Ostsriesland), zuletzt a. o. Professor in Tü­bingen. Er beschäftigte sich vorzugsweise auf dem Gebiet der Dererbungsforfchung und Konstitutions- lehre. Seine Untersuchungen über die Nachkommen­schaft von Geisteskranken sind grundlegend für die Sterilisationsgesetzgebung.

Endlich hat auch die Anatomie in Professor Dr. H. Becher, geb. 1896 in Remscheid, einen neuen Leiter gefunden, der schon bisher als Pro- feftor in Gießen tätig war. Seine Arbeiten über Entwicklungsgeschichte und Feinbau des Körpers zeigen das Bestreben, die allgemein-biologischen Zu­sammenhänge zu erfassen und die praktisch-medizi­nische Verwertbarkeit anatomischer Befunde her­auszuheben.

Die genannten jungen Lehrkräfte, zusammen mit den altbewährten Lehrern der anderen medizinischen Fächer, sowie der jetzt eingeführte neue Lehrplan für das medizinische Studium lassen hoffen, daß Gießen seinen guten Ruf als Lehrstätte der Heil­kunde auch im neuen Deutschland bewahren und festigen kann.

Am Neujahrstag Flagaen heraus'

Nach altern Brauch setzen am Neujahrstag erst­malig wieder sämtliche Behörden die Flaggen. Die Bevölkerung wird aufgeforbert, sich dem Vorgehen der Behörden anzuschließen.

Oer Umtausch von Weihnachtsgeschenken

Es ist eine bekannte Tatsache, daß nach den Weih­nachtsfeiertagen in den Ladengeschäften reger Um­tauschbetrieb einsetzt, der für die Geschäftsinhaber so- wohl wie für das Publikum viel Aerger im Gefolge hat, der sich ober bei gutem Willen und Loyalität sehr wohl reibungslos abwickeln könnte Die meisten Weihnachtseinkäufe dienen nun einmal Gefchenk- zwecken, und der Geschenkgeber kann nicht immer wissen, ob er gerade das Richtige getroffen hat, ober ob der Beschenkte nicht von anderer Seite den gleichen Gegenstand in mehreren Exemplaren erhal­ten hat.

Die Rechtslage beim Umtauschgeschäft ist wenig klar Das Bürgerliche Gesetzbuch schweigt, so­weit es sich um den Umtausch nicht zusagender Wa­ren handelt. Hat der Käufer erklärt, er kaufe nur zu Geschenkzwecken und Überlasse die enbgültige Wahl dem Beschenkten, so hat dieser das Recht zum Um­tausch Rennen die Geschäfte selbst eine Frist zum Umtausch, so erlischt nach Ablauf dieser Frist das Recht zum Umtausch Das Publikum muß sich damit abfinden, daß der Umtausch nur immer gegen Ware erfolgen kann, und darf dem Einzelhändler nicht zu- muten, daß er das Geld herausbezahlt, ober eine et­waige Preisbifferenz in bgr zurückgibt Würbe ber Geschäftsmann von biesem Grundsätze obweichen, dann könnte er es erleben, daß der Kunde ein paar Wochen wartet und sich den betreffenden Gegen stand im Inventur-Ausverkauf zu ermäßigtem Preise zulegt, wodurch der Ertrgg des mühevollen Weih­nachtsgeschäftes eine Minderung erleiden würde. Derselbe Fall würde eintreten, wenn der Verkäufer Gutscheine für zurückgegebene Ware ausftellen würde. Man verüble es ihm daher nicht, wenn er auch das ablehnt, und vermeide es besser überhaupt, an ihn derartige Zumutungen zu stellen. Beide Teile werden am besten fahren, wenn sie auch auf diesem Gebiete dem Grundsatz huldigen: leben und leben lassen!

Oer Christbaum als Futterbaum.

Wenn der Christbaum ins neue Jahr geleuchtet hat, wird er nach altem Brauch abgeschmückt. Er sollte bann nicht, wie es wohl meist ber Fall ist, im Hofe ober im Schuppen hinbernb Herumliegen, son- bern beni Vogelschutz bienftbar gemacht werden. Leicht läßt er sich zu einem Futterbaum Herrichten. Er ist bann bie Nachbildung eines von Jnsekteneiern unb »laroen bichtbesetzten Nabelbaumes und wirb von allen Insekten- unb förnerfrcffenben Winter- oögeln gern angenommen.

Der Christbaum wirb zu biesem Zweck im (Bar­ten in ben Baben eingegraben, ober bei starkem Frost zwischen Steinen befestigt. Dabei ist zu be­achten, baß sich Katzen unb anberes Raubzeug an Iben Baum nicht anschleichen können. Nun erhitzt man in einem Gefäß ein Kilogramm Fett, am besten halb unb halb Rinber- unb Hammeltalg. Pserbetalg sollte trotz seiner Billigkeit keine Ver-

roenbung finben, ba er zu sehr erhärtet unb des­halb von ben Vögeln nicht abgepickt werben kann. In bie flüssige Masse schütte man 200 Gramm Hanf, 100 Gramm Mohn, 200 Gramm Hafer, baoon bis Hälfte gequetscht, je 50 Gramm Sonnenblumen- ferne, getrocknete Holunderbeeren unb zerkleinert« Nußschenkel, rühre gut durcheinander unb bringe bie Mischung in möglichst heißem Zustanbe löffel­weise auf bie Aeste ber Tanne. Dabei muß eine Hilfskraft zugegen fein, um bas ablaufenbe Fett aufzufangen. Wer sich bie einzelnen Bestanbteile bet Futtermifchung nicht beschaffen kann, nehme nut Hans. Entgegen früherer Vorschrift sollen bie Ge> wichtsmengen von Fett unb Zugaben ziemlich gleich sein. Der Talg soll bie Körnermischung nur zusam- menhalten. Auch einzelne Fichtenzweige lassen sich so zu einer natürlichen Futterquelle bereiten unb bieten, an bem Fenster befestigt, reichliche Gelegen, heil zu interessanten vogelkunblichen Beobachtungen. Blau- unb Kohlmeisen, Kleiber, Baumläufer, Gold- hähnchen, Specht, Finken unb Ammern finben sich bald am gedeckten Tisch ein, unb hier kann man auch ben seltensten unb schönsten Zugvogel unserer Heimat, ben Seibenschwanz, ab unb zu zu Gesicht bekommen. Winb, Regen unb Schneefall können d»m Futterbaum nicht nachteilig werben, bagegen ver­sagt er, wenn Rauhreif ober Glatteis eintritt. Des­halb sollten auch noch wettersichere Futterhölzer und Meisenglöckchen aufgehängt werben. Ganz kleine Fichtchen befestige man nach bem Uebergießen am Gartenpfosten, ober am Fensterbrett.

Suchen wir so bie Winternot ber gefieberten Sängerfchar zu linbern, fo. wirb uns biefe im käm­menden Frühjahr und Sommer um fo mehr mit ihren lieblichen Weifen erfreuen.

Dank für Weihnachtsfreude.

Aus ben Kreisen ber Sozialrentnerinnen ber Stabt Gießen geht uns ein Brief zu, in bem ber Dank für bie ben Sozialrentnerinnen bereitete, Weihnachtsfreude zum Ausdruck gebracht wird. Es heißt in bem Schreiben u. a.:Allen, bie sich am Werke ber Winterhilfe für uns beteiligten, fei es bie Kreisleitung, bie SA. ober bie Bürgerschaft unserer Stabt, bie sich für uns bemühten, um uns eine Weihnachtsfreude zu bereiten, fei herzlichster Dank gesagt. Dank sei aber auch unserem großen Führer Adolf Hitler gesagt, ber bies große Hilfswerk ins Leben rief."

Oer Sudwestfunk itn Dienst des Winterhilfswerks.

Der Südwestfunk wirb in ben fommenben Wochen jeweils Frcitagabenbs um 22.30 Uhr Kurzvorträge bringen, bie sich mit bem Winterhilfswerk befassen. In ber Reihe biefer Kurzvorträge spricht zunächst am heutigen Freitag, 29. Dezember, um 22.30 Uhr ber Leiter ber Landesstelle Hessen-Nassau bes Mi­nisteriums für Volksausklärung unb Propaganda, (Baupronaganbaleiter Müller-Scheib t, über Das Winterhilfswerk als Ausbruck völkischer Ka- merabschaft."

Oer Postdienst um die Jahreswende.

Das Postamt Gießen gibt für bie Tage ber Jahreswenbe bie Regelung bes Postdienstes wie folgt bekannt. Der Schalterbien st wirb am Sonntag, 31. Dezember (Silvester), wie auch am Neujahrstag wie an Sonntagen gehanbhabt. Ain Sonntag wirb beim Zweigpostamt Neuen Bäue währenb ber Zeit von 9 bis 13 Uhr zum Frei- Markenverkauf offengehalten. Die Brief­kastenleerung erfolgt am Sonntag wie an Werktagen, am Neujahrstag wie an Sonntagen. Die Orts - Briefzustellung geschieht am Silvestertag wie werktags (zweimal), am Montag mit einer Zustellung, notfalls mit einer weiteren Zustellung. Die Orts-Gelbzu st ellung (ohne Postaufträge) wirb am Sonntag wie an Werk­tagen gehanbhabt, am Neujahrstage fällt die Zu­stellung aus. Eine Paket-Zustellung am O r t erfolgt nur am Sonntag in ber Zeit von 8.30 bis 13 Uhr. Die Landzustellung erfolgt an Silvester wie an Werktagen (ohne Poftaufträge) unb am Neujahrstage mit einer Briefzustellung nach allen ßanborten. Verzollungen sind währenb der beiden Tage nicht möglich.

Profit 1934!" itn Stadttheater.

Aus bem Stabttljcatcrbureau wird uns geschrie­ben: Für die letzten Stunden des Jahres 1933 hat auch ber Spiel plan bes Stabttheatcrs eine befonbere Note angenommen. Unter dem Motto:Prosit 1934!" bereitet bie Sntenbaiu für alle Theater­freunde, die mit Humor unb Laune und in luftig­ster Stimmung vom alten Jahre Abschied nehmen und als Lebensoptimisten das neue Jahr 1934 be­grüßen wollen, einen großen bunten Abend vor.