Ausgabe 
29.7.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 175 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 2Y.M MZ

Wandern und weisen Bäder und Sommerfrischen.

Abend am Rhein.

Don Walter Gordon.

Wir sitzen unter am Rhein auf einer Kribbe. Dämmerig ist es geworden, und die Farben der Landschaft klingen mit denen des ruhiy dahin­ziehenden Stromes wundervoll harmonisch zu­sammen und geben den Dingen etwas Wesen­loses. Rur auf dem Hang des Drachenfelses und der Ruine liegt ein letztes Licht. Leise und einlullend schwatzt gluckernd das Wasser um den Kribbenkopf.

Fast gespenstisch wirken vor uns in dem wesen­losen Blaugrau die dunkeln Silhouetten der drei Aalsstcherboote, ihre gedrungenen Körper sind durch die breit aufgehihten rostbraunen Fang­netze seltsam verzerrt, und sie scheinen in einem Nichts zu schweben, so vollkommen gehen die Töne des Atmosphärischen mit denen der Spie­gelung zusammen, nur das Zittern der nadel­feinen Llchtreflexe von den kleinen Bootslaternen im Wasser läßt uns die Fläche empfinden.

Die Stille um uns ist allumfassend, kein Wind­hauch rührt die wie erstarrten Kronen der mäch­tigen alten Alferpappcln, hinter denen jetzt die leuchtenden Farben des Abends langsam ver­blassen, und es ist, als hielte die Ratur eine stille Stunde der Andacht ab. Ruhig ziehen die Wirbel des Stromes und manchmal klingend gedämpft von einem der Boote dort vorne die melancholischen Klänge einer Ziehharmonika. Licht auf Licht blitzt an den Alfern des Stromes auf und langsam wird aus der blauen Stunde die Rächt Aber immer sitzen wir noch auf der Kribbe, gluckt und schwatzt das Wasser um uns.

Auf dem Fluh ist es lebhaft geworden. Motor- boot nach Motorboot, alle festlich illuminiert mit vielfarbenen kleinen Laternen und Lampions zie­hen langsam stromauf, Remagen zu, wo heute tine Rheinbeleuchtung ihren Anfang nehmen soll: dazwischen viele kleine Paddelboote und einmal ein mächtiger prächtig erleuchteter Personen­dampfer derKöln-Düsseldorfer", Festmusik tönt, fröhliche Rheinlieder klingen herüber und rau­schend fallen die Dampferwellen an das Alfer.

Dann wird es wieder ruhig, in dem Dunkel der Alferbäume wispert und lacht eine froh be­wegte Menge. Bon der Godesberger Alferpro­menade, an deren Häusern Reihen von kleinen Lampen wie Perlschnüre leuchten, klingt gedämpft die flotte Tanzweise einer Hotelkapelle. Langsam vergeht eine halbe Stunde. Dann steigt hinter den Bergen langsam die volle Mondscheibe herauf...

Wanderfahrten.

Caubadjcr Wald

Kiliansherberge hoherodskopf Schollen.

Mit dem Frühzug fahren wir nach der an­mutig gelegenen Station Laubacher Wald, wo wir unsere Wanderung beginnen. Wir folgen zunächst blauen Ringen durch den Wald nach dem Lagerhaus. einem bewirtschafteten Forsthaus, hinter dem noch die Kirchenruine des vor Jahr­hunderten untergegangenen Dorfes Ruthard- Haufen zu sehen ist. Weihe Ringe leiten uns jetzt auf guter aussichtsreicher Landstraße zur Kiliansherberge, um von hier, jetzt ohne Zeichen, die Strahe über Betzenrod nach Götzen einzu- schlagen, wo wir auf die Staatsstrahe gelangen. Wir folgen vorerst grünen Strichen, später blauen Dreiecken, die uns am Ludwigsbrunnen mii hübschen Fernblicken vorbei und an den Hängen der Feldkrücker Höhe entlang zur

Poppenstruth bringen. Bon hier gehen wir dem rot-weihen Band nach durch den prächtigen Oberwald hinauf zum Hoherodskopf. (3m Klub­haus des BHE gute Alnterkunft.) Zum Abstieg nach dem Endziel Schotten wählen wir grüne Ringe über Breungeshain und Michelbach Dauer der Wanderung etwa 6'/, Stunden.

Bad-Rauheim Forsthaus Dinlerstein Kapersburg Saalburg Homburg.

Born Bahnhof Rauheim (Sonntagskarte) aus durchschreiten wir die schöne Badestadt, um am Ausgang schwarzen liegenden U zu folgen, die uns an Hof Hasfelheck vorüber in anderthalb Stunden nach dem Forsthaus Winterstein (mit guter Wirtschaft) führen. Dis zum Schnittpunkt blaue Striche, denen wir jetzt folgen, bleiben wir auf der seither begangenen Markierung und ge- langen nach etwa einer Stunde zum Römer­kastell Kapersburg, deren von Professor Helmke verständnisvoll hergestellte Anlagen wir ein­gehend besichtigen. 3n einer Blockhütte sind Erfrischungen zu haben. Gelbe Striche, ba'd darauf wieder das liegende U, führen uns stets am Pfahlgraben entlang, der hier noch gut er­halten und stellenweise sehr hoch ist, in einer Stunde zur idyllisch gelegenen Lochmühle (Gast­wirtschaft). Bon hier leiten uns weihe Rechtecke auf viel begangenem Wege in einer halben

Stunde zur Saalburg, einem der größten und wichtigsten Limeskastelle. Zur eingehenden Be­sichtigung empfiehlt sich die Anschaffung eines Führers, der dort erhältlich ist. Alm den Aufent­halt in Homburg, dem reizvollen Kurort, ent­sprechend zu verlängern, benutzen wir am besten von der Saalburg die elektrische Dahn. Die Heimfahrt erfolgt über Friedberg (Karte Hom­burgRauheim lösen).

Giehen wahenborner Weg Lindener THarf Theodorsruhe Giehen.

Don der Alniversitäts-Dibliothek führt unser Marsch blauen Keilen nach dem Schreiberweg entlang, ein kurzes Stück amRizza" her, hier­auf über die Wiesen nach den Eisteichen. Hier beginnt der Watzenbomer Weg, eine stille Wald­schneise, dem wir bis zum Schnittpunkt mit den gelben Punkten nachgehen. Dem neuen Zeichen nach wandern wir jetzt durch die prächtigen Waldungen der Lindener Mark hinauf zur Theodorsruhe, wo sich unsere Augen von der neuerrichteten Echutzhütte an dem reizvollen Schiffenbergblick weiden. Zum Rückweg wählen wir das rote T, das uns auf lauschigen Wald- pfaden, später am Dailschen Tonwerk vorüber, nach etwa dreistündiger genuhreicher Waldwande­rung wieder nach der Stadt bringt.

Belastung, und insbesonders, wenn sie so gut verteilt ist, wie es durch einen Rucksack geschieht, ist für die Atmung und Haltung nur vorteilhaft. Ebenso müssen Wanderschuhe keineswegs federleicht fein. Die Bewegung des Deins, der Schwung und die Schrittweise wird durch einen etwas schwereren Schuh gleichfalls gut beeinflußt. Dagegen ist vor Gummisohlen und Gummiabsätzen beim Wandern zu warnen. Denn das Ergebnis ist immer so, dah man nicht bloß das Gefühl hat, auf weichem, sump­figen Boden zu marschieren, sondern daß tatsächlich den Fußknochen ganz ungewohnte und ermüdende Bewegungen zugemutet werden. Da ist schon der mit Nägeln beschlagene Schuh bester, schon deshalb, weil er Sicherheit gegen Ausglciten gibt. Die wahre Belastung" des Körpers erfolgt durch eine unge­eignete Kost beim Wandern, durch ungenügenden Schlaf, durch Ucberanftrengung. Meistens ist die Ursache der Ucberanftrengung die, daß man nicht genügend kleine Rasten in den Marsch einlegt. Eine weitere Belastung des Körpers ist ungeeignete Be­kleidung. Die Ausdünstung durch die Haut ist ein wichtiger Vorgang beim Marschieren.

Beim Marschieren an heißen lagen kann man sich auf doppelte Weise wundlaufen. Einmal kann durch ungeeignetes Schuhwerk, durch ungeeignete Strümpfe am Fuße selbst eine kleine schmerzhafte Rötung, dann eine Blase entstehen, die besonderer Behandlung bedarf. Dann aber kann auch ein Wundlaufen an jenen Körperpartien auftreten, bei denen sich Fleisch an Fleisch reibt. Das sind die Oberschenkel und die benachbarten rückwärtigen Partien des Körpers. Wenn infolge der Hitze diese Partien feucht werden, wenn sie überdies etwas reichlicher entwickelt sind und sich zu stark aufein­ander scheuern, dann entsteht eine oft recht starke Reizung der Haut. Mit dem Marschieren ist cs dann eine schlimme Sache, man wird gezwungen, cs für einige Tage sein zu lassen. DerWolf" ist da! Wer marschiert, sollte es sich zur Regel machen, diese gefährdeten Partien vor dem Marsche mit einer dünnen Schicht von Vaseline zu bedecken, die die Reibung auf ein Mindestmaß herabsetzt. Besonders dickere Personen dürfen dies nie unterlassen. Am Abend nach dem Marsche eine Waschung, aber im­mer ausgiebig Puder streuen, um die Haut trocken zu halten. Ist einmal der Wolf da, dann schone man einige Zeit die entzündeten Stellen, d. h. man mache wenig Bewegung. Dann Aufträgen von Zinksalbe und darüber eine dickere Schicht von Puder über Nacht. Am Morgen mit Kamillentee abwaschen und wiederum salben und pudern. Falls die Schmerzen sehr groß sind, dann einige Stunden kühlende Um­schläge mit kaltem Kamillentee.

Reiseliieraiur.

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Wandern stärkt den ganzen Menschen.

Gin wertvolles Mittel zur Erhaltung der Volksgesundheit.

Sport bedeutet Uebung des Körpers, Anregung feiner Funktionen und Steigerung feiner Leiftungs- föhigkeit. Das Wandern gehört zu jenen Arten von Sport, die man alsruhige Dauerübung" bezeich- net. Das heißt also, daß die Uebung durch längere Zeit hintereinander fortgesetzt wird und daß sie in Ruhe, in einer den Körper wenig beanspruchenden Art erfolgt. Man wandert stundenlang, aber man betreibt nicht stundenlang Hochsprung. Während beim Hochsprung eine plötzliche Anspannung der Körperkräfte erfolgt, werden beim Wandern die Kräfte in milder, allmählicher Art zur Leistung her­angezogen. Kann cs einen besseren Sport für Men­schen geben, die das jugendliche Stadium der gären­den Kräfte schon hinter sich haben? Doch ist damit keineswegs gesagt, daß das Wandern nicht auch für die Jugend von großem Vorteil ist. So hat man sestgestellt, daß nach achttägigen Wanderungen bei jungen Leuten, besonders im Alter der beginnenden Reife, eine stark anhaltende Zunahme des Körper­gewichts erfolgte. Für Jugendliche ist überdies das Wandern eine Sportübung, die ganz allgemein Konstitution des Körpers fördert. So wird z. B. durch das Wandern ein besonderer Reiz auf das Wachstum des Herzens ausgeübt, das Herz also leistungsfähiger gemacht. Man konnte beobachten, daß blutarme Kinder, die infolge dieses Blutmangels ein zu kleines Herz hatten, durch Wanderungen die Blutarmut verloren und daß ihr Herz eine normale Größe erlangte.

Beim Wandern werden wie bei jedem Sport eine Reihe non Muskeln in Tätigkeit gesetzt. Die Wir­kung dieser Muskelarbeit ist aber ganz verschieden, je nachdem ob sie non einem marschgewohnten oder marschungewohnten Menschen geleistet wird. In beiden Fällen arbeiten die Muskeln, und es ent­stehen bei der Arbeit gewisse chemische Stosse, die I sich schließlich als Ermüdundsstofse geltend machen. Aber während beim Marschungewohnten diese I

Stoffe, zu denen wahrscheinlich besonders die arg- beleumundete Harnsäure gehört, in großer Menge entstehen und recht schwer das Blut belasten, er­scheinen sie beim Trainierten in viel geringeren Mengen und machen kaum Beschwerden. Die Be- laftung des Blutes mit diesen Stoffen macht sich nach einer ersten Wanderung durch eine Art kleines Fieber bemerkbar. Es tritt auch ein foyenannter Muskelkater" am nächsten Tage auf, Steifheit und Schmerzhaftigkeit der Muskeln.

Ein zweites wichtiges Training bei der Wände- rung ist das der Lunge und das des Herzens. Die Lunge lernt kräftiger und regelmäßiger zu atmen, sie lernt außerdem bei einer längeren Anstrengung ruhig und rhythymifch weiterzuarbeiten. Ein Um­stand, der für den Körper von größter Wichtigkeit ist. Durch die langandauernde, gleichmäßige Atmung wird der Körper einmal in ausgiebiger Weise von der Kohlensäurenansammlung in seinem Innern befreit, das Blut kreist schneller, dadurch wird viel mehr Sauerstoff herangezogen. Der englische Physio­loge Edward Smith hat die Luftmenge bestimmt, die der Mensch in der Zeiteinheit unter verschiede­nen Verhältnissen einatmet. Dabei ergab sich, daß er im Sitzen 1,18, im aufrechten Stehen 1,33; beim Gehen (vier Kilometer in einer Stunde) 2,43 und beim Laufen (zwölf Kilometer in einer Stunde) 7,02 Kubikmeter verbraucht. Es ergibt sich also da­bei, daß man bei einer Wanderung von vier Stun­den ebensoviel Sauerstoff zu sich nimmt wie bei einem Laufe von einer Stunde. Ein Marsch von vier Stunden ist aber für den normalen Menschen fast gar keine Belastung. Während ein Lauf von einer Stunde eine ungeheure Belastung ist. Hier sieht man ganz deutlich die Vorteile, die das Wan- dem als einruhiger Dauersport" aufweist.

Wer wandern will, mache seinem Körper das Wan- | dem möglichst leicht. Das will nicht sagen, daß man > den Rucksack scheuen soll. Im Gegenteil, eine gewisse I

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