Ausgabe 
29.6.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Stuf dem Wege zum Flughafen....

Ts ist ein warmer Sommertag gewesen. Einer, den man am liebsten in Tropensaulheit hinter ge­schlossenen Rolläden verbringt. Doch jetzt ist die Luft Ichon voll abendlicher Frische und mit ihr kehrt die Dewegungsfrrudigkeit zurück.

Und herrlich ist es an solchen Sommerabenden aus dem (Siebener Flughafen!... Ein altgewohnter Weg, und doch immer wieder voll Reiz und dank­bar genossener Schönheit.

Langsam über den Trieb hinschlendernd, stehe ich an der herrlichen Birkengruppe, vor mir in weiten lieblichen Linien ein Stück Oberhessen. Wie still, wie voller Friede ist diese Landschaft, in der nichts von wilder Dramatik ist, sondern die ganz erfüllt ist von schwingender, in sich ruhender Harmonie. Nun führt der Weg den sanften Abhang hinab an Kiefern und Tannen vorbei. Ganz nor- disch ist hier das Bild. Heide, feiner Sand. Birken und Nadelwald. Ganz so sieht es in Finnland aus.

Die heiße Sonne hat den ganzen Tag auf die Bäume heruntergebrannt, entlockte ihnen harzigen Duft, der noch in Strömen in der Abendluft kreist. Was sollen mir alle berauschenden Düfte des Sü­dens gegen diesen Heimatduft. Tief trinkt ihn die beglücfte Brust.

Grün-goldenes Abenddämem lagert schon unter den Bäumen. Rötliche Sonnenlichter lassen das tiefe Smaragdgrün tiefer ausleuchten.

Run tritt der Wald zurück ungemäht liegen die Wiesen verschwenderisch da. Lerchenjubel und Son- nengolü geben Festesglanz.

Dort drüben am Waldrand die große Flugzeug­halle. Weit stehen die Tore auf. Noch sind die Bo­gel alle unterwegs. Doch bald werden sie Heimkom­men vor dem Dämmern. Dort kommt einer leicht und sicher über den Wald her, gleitet schwebend nieder und setzt unmerkbar saft auf den Boden auf. Eine zweite Maschine folgt nun noch eine dritte. Buntes Leben erfüllt plötzlich das stille Gelände.

Motorengeräusch, Kommandorufe. Aber merk­würdig. Die menschliche Geschäftigkeit stört die tiefe Abendstille nicht. Gehört hier hinein, ist ein Teil dieser Landschaft geworden. lief steht die Sonne hinter den alten Burgen, die sich wie Silhouetten scharf abzeichnen. Unaufhörlich zuckt und gleitet es von Farben über den Himmel, glüht in Drange und Purpur, tusckst dunkles Violet um Wolkenränder, verliert sich in grünlichem Silber, glüht auf, ver­lischt.

Der Tag faltet seine Schwingen zusammen wie ein müder, schläfriger Schmetterling. Abendnebel steigen aus den Wiesen und decken sie zu. Es sind Sonnenuntergänge, wie ich sie sonst nur an der See erlebte.

Und ich denke an ein Wort eines der Berliner Herren von der Luft-Hansa:Ich glaube, Ihr Gießener, Ihr ahnt nicht einmal, daß Ihr den schönstgelegenen Flugplatz Deutschlands habt."

Ob wir uns das wirklich sagen lassen müssen?

Oie Adressen des Reichsstatthaliers und Gauleiters Sprenger.

Die Diensträume des Reichsftatthalters in Hessen befinden sich nunmehr Darmstadt, Neckar- ft r a ß e 7, Fernruf 5001, Nebenstelle 202. Für alle Zuschriften. Postschließfach 266.

Es wird dringend ersucht, bet der genannten An­schrift nur Anliegen vorzubringen, die den Reichs­statthalter betreffen. Die Anschrift des Gau­leiters Sprenger ist nach wie vor: Frankfurt am Main, Elbestraße 61.

Daten für den 29. Juni.

1798: der italienische Dichter Giacomo Graf Leo» pardi in Recanati, Mark Ancona geboren (gestor­

ben 1837); 1831: der Staatsmann Freiherr vom und -um Stein in Kappenberg gestorben (ge­boren 1557); 1847; der Psychiater Paul Flechsig m Zwickau geboren (gestorben 1929).

Straßensammlung für die deutsche Luftfahrt.

Am heutigen Donnerstag, am Freitag, am Sams­tag und am Sonntag wird auch in unserer Stadt aus Anlaß der Deutschen Lustjahrt-Werbewoche durch die Ortsgruppe Gießen des Deutschen Luft- fahrtoerbandes eine Straßensammlung durchgeführt. Für die Sammeltätigkeit hat sich der SA.-Flieger- sturm zur Verfügung gestellt. Die Sammlung ist bereits seit längerer Zeit genehmigt.

50 000 Mark-Spende

der Buderuöschen Eisenwerke.

Die Buderus'schen Eisenwerke und die ihnen angeschlossenen Tochtergesellschaften haben zu der Adolf-Hitler-Spenbe der Deutschen Wirtschaft den Betrag von 50000 Mark zur Ver­fügung gestellt.

Vornotizcn.

lagestalenber für Donnerstag. Oberhessischer Äunstverein, Turmhaus am Drand- plah: 15 bis 17 Uhr: AusstellungVorformen künst­lerischen Schaffens". Freie Innung des Fahrrad- und Nähmaichinen-Gewerbcs für Stadt und Kreis: 14 Uhr, Hotel Kobel, Versammlung. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):SA.-Mann Brand".

* Evangelisch-kirchliche Nachrich­ten. Durch die ^.irchenregierung wurde dem Pfarrer Alfred Strack zu Neustadt i. O. die evangelische Pfarrstclle zu Lindheim (Dekanat Büdingen) und dem Psarrverwalter Lic. theol. Peter Brunner zu Ranstadt die evangelische Pfarrstelle zu Ranstadt (Dekanat Nidda) über­tragen.

"Werbemarsch deS Fliegersturms. Der Werbemarsch des Fliegersturms Gießen be­wegt sich am morgigen Freitag durch folgende Straßen: Steinstrahe, Walltorstraße, Marktplatz, Schulstraße, Sonnenstraß«, Sel'.erSweg, FrcmFur- ter Lt.a e Lieb gstraße, Bahnhof ratze, Kaplrnei- gasse, Neuenweg. Neuen Baue, Gartenstrahe, Cub- wigsplah, Kaiserallee, Zlugplcch. Der Abmarsch erfolgt um 19.30 Llhr in der Steinstrahe. Nach dem Eintreffen des Fliegersturms auf dem Flughafen findet zunächst eine Flaggetrparade statt.

" Strafjenfpcrrun g mitgeteilt vom Ober- hessischen Automobil-Club E. V. (A. v. D.), Gießen. Wegen Ausführung von Kleinpflasterarbeiten und Brückenumbau wird die Ortsdurchfahrt Heuchelheim ab 29. Juni 1933 für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung erfolgt über Gießen Klein-Linden Wetzlar.

DasF e st der Jugend" auf dem Schiffenberg erhielt, wie uns vom Vorstand der Heimatoereinigung Stfjiffenberg mitgeteilt wird, seine besondere Note durch die Tellnahme des Mi­nisterpräsidenten Prof. Dr. Werner. Im Zu­sammenhang damit ist die Meinung aufgekommen, daß der Besuch des verehrten Gastes ein rein zu­fälliger gewesen fei. Das entspricht nicht den Tat­sachen. Der Vorstand der Heimatoereinigung Schif­fenberg hatte vielmehr den Herrn Ministerpräsiden­ten eingeladen und er leistete in Anbetracht seiner engen Verbundenheit mit dem oberhessischen Land, insbesondere aber mit dem Schiffenberg der Ein­ladung gerne Folge. Ministerpräsident Prof. Dr. Werner hat durch seine Teilnahme am Fest der Jugend auf dem Schiffenberg dargetan, daß er auch die bescheidenste heimatliche Veranstaltung I wohl zu schätzen weiß.

25 Zähre Gießener Orchester-Verein.

Von Siudienrai Dr.

Am 3 Juni waren 25 Jahre seit der Gründung des Orchester-Vereins verflossen. Er gehört seinem innersten Wesen nach zu den Vereinen, die es sich zur Aufgabe gesetzt haben, die künstlerischen und damit kulturellen Belange eines Volkes zu pflegen und zu fördern. Wenn er mit diesen Ausführungen an die Oeffentlichkeit tritt, möchte er seinen zahl­reichen Freunden und Gönnern einen Einblick in die ungewöhnlich reiche und mühevolle Arbeit der 25 Jahre seines Bestehens gewähren.

Aus ungewöhnlich kleinen Anfängen ist der Gießener Orchester-verein herausgewachsen. Er wurde ara 3. Juni 1906 gegründet und bezweckte in erster Linie die pflege der Orcheslermusik.

Schon nach einigen wenigen Proben konnte er am 31. Juli 1908 mit einem Unterhaltungskon­zert an die Oeffentlichkeit treten. Die Leitung und das Amt des ersten Vorsitzenden lagen damals in den Händen des Herrn Postassistenten Dietrich. Aus einer Besprechung des Konzerts im Gießener Anzeiger vom 1. August 1908 erfahren wir über die Ausführung u. a. folgendes: Die Besucher waren alle überrascht. Besonders heroorzuheben find die Solls für Tromba, Cello und Flöte sowie für Oboe. Dem jungen Verein können wir zu dieser Erstauf- führung nur herzlich gratulieren."

Angespornt durch diese erfreuliche Leistung setzte Im zweiten Jahr schon eine noch eifrigere Tätigkeit ein. Das Interesse für wirklich musikalische Kunst, für restlose Ausschöpfung musikalisch-ethischer Werte wurde stets reger. Man besann sich allmählich auf unsere großen Meister. Besondere Anerkennung in dieser Beziehung verdient der damalige Leiter des Orchester-Vereins, Musiklehrer Wigand Gern- Hardt, der als echt deutsch fühlender Musiker durch seine Stabführung einen Aufstieg nach der klassischen Seite reifen ließ. So konnte schon am 25. Dezember 1909 auf der Liebigshöhe ein

klassisches Konzert

veranstaltet werden, das u. a. folgende Nummern aufwies: Mozart:Die Entführung aus dem Serail", Haydn: Andante aus der Symphonie mit dem Paukenschlag, Gluck: Ouvertüre zur Iphigenie in Aulis" und anderes. Ständiges Probe­lokal war der allen Gießenern wohlbekannteFrank­furter Hof". Die Leistungen des Orchestervereins steigerten sich immer mehr. Einen Höhepunkt bil­deten die Veranstaltungen des Jahres 1912, wo un­ter der bewährten Stabführung des damaligen hes­sischen Hofkapellmeisters Karl Kittel (des jetzi­gen ständigen Kapellmeisters am Festspielhaus in Bayreuth) ein größeres Wohltätigkeitskonzert im Stadttheater vor ausverkauftem Haus veranstaltet wurde. K. Kittel wurde damals die Ehrenmit- gliedfchaft des Orchester-Vereins verliehen.

Der Weltkrieg riß auch in die Bestrebungen des

Ludwig Hillenbrand.

Orchestervereins eine tiefe Lücke. Wohl wurden un­ter der Leitung des Vaters des jetzigen Obermufif» Meisters ft rau fee einzelne Wohliätigkeitskonzerte abgehalten, aber zu größeren Aufführungen konnte man naturgemäß in der damaligen Kriegsperiode nicht schreiten.

Eine Wendung brachte erst wieder das Jahr 1919. Man nahm die Dereinstätigkeit mit unver­minderter Kraft wieder auf und schritt nach alther­gebrachter Weise zum Studium der klassischen Werke. Es wurde ein Begrühungskonzertzur Wie- derkehr der Gefangenen veranstaltet, das stim­mungsvoll durch Mendelssohns OuvertüreDie Heimkehr aus der Fremde" eingeleitet wurde. In verschiedenen darauf folgenden Gedächtnisfeiern zum Andenken an die im Weltkriege gefallenen Brüder fand der Orchesteroerein ein weiteres dank­bares Feld seiner Tätigkeit im Dienste der Oeffent» lichkeit. Im Jahre 1925 trat in der musikalischen Leitung erneut ein Wechsel ein. An Stelle des Mu- siklehrers Wigand Gernhardt wurde Kapell­meister Hermann Weller mit der Stabführung betraut. Bereits 1928 trat der Orchesteroerein wie­der mit klassischen Werken an die Oeffentlichkeit. Schubert-, Haydn- und Mozartadende wurden in Dolkssymphoniekonzerten veranstaltet, Darbietun­gen, die alle verdiente Anerkennung fanden.

Zu einem größeren Symphoniekonzert in der Aula gewann der Orchesteroerein am 14. März 1929 den jetzt verstorbenen Professor Oskar Brückner aus Wiesbaden als Gastdirigent (Ouvertüre zu Eg- mont, Mozart Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur, Sollst Herr Franz Bauer, Gießen, Beethovensymphonie Nr. 2 D-Dur).

Seit 1930 liegt die musikalische Leitung des Orchester-Vereins in den bewährten Händen des Univerfitätsmusikdirektors Herrn Professor Dr.

Stephan Temesvary.

Nur der Eingeweihte vermag zu beurteilen, mit welcher Liebe und Opferwilligkeit der jetzige Leiter in uneigennützigster Weise es sich angelegen sein läßt, das Orchester auf die höchste Stufe zu bringen. Es darf auch wohl ohne Uebertreibung gesagt wer­den, daß er jedem ausübenden Mitglied des Der- eins auch als Mensch sehr nahe steht. Möchten ihm noch lange Jahre gedeihlichen Wirkens im Orchester- verein betrieben sein! Was in den wenigen Jahren seiner Führung alles geleistet worden ist, kann hier im Rahmen eines kurzen Ueberblickes über den Werdegang de» Orchestervereins naturgemäß nicht alles erwähnt werden. Hervorgehoben werden sol­len u. a. nur kurz die Aufführungen folgender Werke: Gräser: Die Kunst der Fuge, Bach: Matthäus- Passion, ein Symvhoniekonzert mit Dr. Hobohm aus Würzburg als Solist, Beethoven: Eroika, ein deutsches Requiem von Brahms als letzte 23er- anstaltung am 16. Februar 1933 in der Stadtkirche.

lllit Genugtuung konnte man seststellen, daß sämtliche Darbietungen sowohl von der Fach­kritik als auch vom Publikum mit Anerkennung

und reichem Beifall ausgenommen wurden.

Schon von jeher war es das Bestreben der jeweili­gen Leitung des Vereins, die unfterblichen Werke deutscher Meister zu pflegen und diese einem größe­ren Publikum zugänglich w machen unter Ableh­nung alles Fremden und Zersetzenden, das in den letzten Jahren häufig und bedauerlicherweise, um vorübergehenden Strömungen Rechnung zu tragen, vielfach anderwärts unter Zurückstellung der ewigen Werte deutscher Art bevorzugt wurde.

Ein gewaltiges Maß von 2lrbeit liegt bereits hin­ter dem Verein. Die Mitglieder beseelt das tief- ernste Bestreben, in die unsterblichen Werke der großen Meister einjubringen, sich in die unendliche Tiefe ihrer intuitiven Eingebungen und Schöpfun­gen einzuleben, vor denen der Mensch ehrfürchtig staunend stille steht und sich verneigend beugt. Ihre Schöpfungen sind erhabene Offenbarungen deutschen Geistes im Rahmen eines überlebensgroßen drama­tischen Gemäldes.

Auch die Bestrebungen des Vereins sollen weiter­hin gipfeln in dem hohen Gedanken der Beethoven- schen Neunten:

Froh, wie seine Sonnen fliegen DArch des Himmels prächt'gen Plan, Wandelt Brüder eure Bahn Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Buntes Allerlei.

Das ist Gesundheit.

Den Deutschen, und besonder- den Ostpreußen und Thüringern wird seit jeher der Besitz eines äußerst dicken Schädel- nachgerühmt, aber ihre Sta­bilität ist gar nicht-, wenn das Geschehnis, da- sich in Bosnien zugetragen haben soll, wirklich wahr ist. Also: Der Held der Geschichte, Ertzeg Luk geriet

in einer kleinen Stadt Bo-nien- mit einer Gruppe Betrunkener in Streit. Ob er selbst auch Schlag­seite hatte, wird verschwiegen. Jedenfalls. Betrun­kene zeichnen sich nicht gerade durch Sanftheit aus, plötzlich flog unserem Helden ein ansehnlicher Stein an den Kopf und zerbrach darob in Stücke, so wird wenigsten- behauptet. Dem überraschten Luk war da- jedoch auch nicht gut bekommen, er lag bewußt­los am Boden, man hielt ihn für tot und brachte ihn zum Arzt. Der stellte Schädelbruch fest und ord­nete sofortige Operation an, und zu dielem Zweck die Überführung mit dem Auto in da- 80 km ent­fernt gelegene Krankenhaus. Inzwischen war Luk wieder zu sich gekommen, vernahm das letzte, stand auf und protestierte. Operieren wolle er sich mei­netwegen lasten, aber fahren nicht. Sprach'- und marschierte von dannen, mit dem Schädelbruch, .per pedes apostolorum. Erst auf die Polizei, um den Übeltäter anzuzeigen und dann -um Krankenhaus. 80 Kilometer! Nach zwei Tagen kam er an und ließ sich operieren. Und wurde wieder gesund.

Sin Hund wartet fünf Zähre.

Ein Mann wurde in einem Krankenwagen nach dem Krankenhaus zu Kogarah in der Nähe von Sydney gebracht, und hinterher sprang in großen Sähen fein Schäferhund .Bluey', der nicht mit her» eingelassen wurde. Das sind jetzt fünf Jahre her. Seit­dem wartet der Hund auf seinen Herrn und erscheint tagtäglich vor der Eingangspforte. Der QUann starb bald nach der öinheferung, und .Bluey" weih augenscheinlich, bah sein Herr in einem Kraftwagen kam, denn er läuft hinter jedem Wagen her, der aus dem Krankenhaus herauSkommt, beachtet aber nicht die Wagen, die hineinfahren. Ein Wärter de- Krankenhauses füttert ihn jeden Tag, er ist der ein­zige Mensch, von dem .Bluey" sich streicheln läßt, während er sonst jeden anknurrt. Leute, die von der Geschichte diese- treuen Tiere- gehört hatten, haben versucht, ihn mitzunehmen und ihm ein Heim zu geben, aber der Hund weicht nicht von der Pforte deS Krankenhauses.

Oer Weg durch die Hölle.

Oie Unterzeichnung des Diktates von Versailles. Sin Augenzeugen-erichi aus den Schicksalstagen des deutschen Volkes.

Von JRolf Brandt.

in.

Oie Deutschen unterzeichnen.

In der Mitte deS Saale- befindet sich die Tafel, an der die Dertreter der feindlichen Mächte sitzen. Zu beiden Seiten, den Saal entlang, stehen d. ot bezogenen, lehnenlosen Bänke für die Züsch.aer. Die Entfernung ist für die wet­teren Reihen doch immer noch dreißig Meter. Elemenceau redet mit den Beteranen.

Um den Dorgang zu beobachten, steigt alles auf die Bänke.

Photographen erklimmen nun die Pfeiler, dic Herren helfen ibren Damen zu den luftigen Standpunkten und bewahren sie vorsorglich vor dem Fall von den Pfeilernischen. Mit leichtem Klatschen wird die republikanische Garde, die, in Reihe aufgebaut, die Aussicht stört, zum Ab­treten genötigt, und das Beifallklatschen schallt lauter, al- sie verschwindet. 'Niemand kehrt sich daran. Nur die japanischen Pressevertreter mit dem undurchdringlichen Au-druck auf den gelben Gesichtern sitzen unbeweglich und starren gegen die schwarze europäische Mauer-

Wilson, lächelnd, unterschreibt ununter­brochen Autogramme auf das Grinnerungsblatt, das zu diesem Zweck gezeichnet worden ist.

Die Deutschen erscheinen- Sie begeben sich schweigend zu ihren Plätzen. Dor ihnen ist eine Lücke, die durch das Leerbleiben der Stühle für die chinesische Delegation entstanden ist. Her­mann Müller hat ein blasses, undurchdring­liches Gesicht, Schweiß perlt ihm von der Stirn. Der deutsche Kolonialminister Bell sieht neu­gierig umher. Elemenceau erhebt sich, feine harte Stimme gebt durch den Raum, aber das leise Sprechen auf den Bänken läßt die Sätze nicht zur durchdringenden Klarheit kommen.

Die Sitzung ist eröffnet. Zwischen den alliier­ten und assoziierten Mächten und dem Deutschen Reich ist über die Bedingungen des FriedevS- vertrages das Hebereintommen getroffen worden; der Text ist fertiggestellt. Der Präsident her Konferenz hat schriftlich bestätigt, daß der Text, der unterzeichnet werden würde, mit dem Text der beiden Exemplare, die den beiden deutschen Delegierte., zugestellt worden sind, übereinstimmt. Die Unterf(Stiften sollen gegeben werden. Sie werden als eine unwiderrufliche Verpflichtung zu gelten haben, die erfüllt und in der Gesamtheit ihrer Bedingungen loyal ausgeführt werden wird. Unter diesen Doraussehungen habe ich die Ehre, die deutschen Bevollmächtigten einzuladen, sich bereit zu machen, ihre Unterschrift zu geben.

Reich-Minister Hermann Müller unterschreibt. Der Minister Dell folgt ihm. 15 Uhr 12 Minuten.

Selbst die Achtung vor dem Unglück verletzt diese schauspielgierige Menge. Das drängt gegen die Bänke, das spricht halblaute Worte- Aus der Mitte ertönen Rufe:-Stille! Wir wollen daS Bild schweigend bewahren als Warterbild am Wege-

Die Dertreter Bolivien- und Kanadas bitten Hermann Müller und Dr. Bell um ihre Unter­schriften auf das Grinnerungsblatt und beide geben sie tatsächlich. Filmdiven ...

Wie ein Vespensterreigen ziehen Wilson, Lloyd George und Elemenceau vorüber mit dem ge­frorenen Lächeln der Konvention auf den Ge­sichtern- Den Federhalter in der Rechten, treten sie an den Tisch und vollenden den gespenstigen Kreislauf, indem sie auf der anderen Seite zu ihren Plätzen zurückkehren.

Kanonenschüsse dröhnen- Es ist gegen 16 Uhr. Der Denrag ist von den Dertretern aller an­wesenden Staaten gezeichnet. Die Wasser von Dersailles beginnen zu springen

Ein anderes Bild. Die aufgeregte Menge durch­bricht den Truppenkordon. Wilson, (Elemenceau und Lloyd George müssen die Autos verlassen, weil ein Dutzend Menschen sich auf die Trittbretter und Küh­ler geschwungen hat. Lärmend stürmt die Masse vor. Die Soldaten laufen schneller als die Menge, sie lachen und schreien und bilden neue Dämme, der. weil die drei in denalliierten" Teil des Hotels des Reservoirs gehen. (Elemenceau, auf kurzen Seinen, kann mit den langen eiligen Schritten der beiden Angelsachsen nicht gleiches Maß hatten. Er bleibt ein paar Meter zurück, während amerikanische Zeitungslcute die ganze Gruppe überholen.

General Smuts aber, der Vertreter von Süd­afrika bei der Konferenz, hat am Tage vorher im Kreise der Alliierten erklärt:

Ich habe den Friedensvertrag gezeichnet, nicht weil ich ihn für ein genügendes Dokument ansehc, sondern weil es notwendig ist, den Krieg zu be- enden. Die sechs Monate, Die seit dem Waffenstill­stand verflogen sind, sind vielleicht erschütternder und schrecklicher für Europa gewesen als die vier vorhergehenden ftriegsjahre. Ich betrachte den Frie- bensoertrag als das Ende der beiden Kapitel des Krieges und oes Waffenstillstandes, und nur aus diesem Grunde habe ich hierzu meine Zustimmung gegeben. Ich glaube aber, daß der Friedensvertrag uns nicht den wahren Frieden bringt, den die Völ­ker erhofft haben. Deshalb glaube ich, daß die wahre Ausarbeitung des Friedens erst dann beginnen wird, wenn dieser Vertrag gezeichnet ist. Es gibt terri­toriale Regelungen in diesem Vertrag, die geändert werden müssen. Man kann feststellen, daß Garan­tien vorgesehen sind, die nicht in Uebercinftimmung mit dem neuen friedlichen Willen und dem Zustand der Entwaffnung unserer ehemaligen Feinde sind. Strasmaßregeln |inb vorgesehen, aber wenn wir sie auf möglichst ruhige Weise prüfen, müssen wir fin­iten : Es ist am besten, nicht von ihnen zu sprechen. Es finb Festsetzungen getroffen, bie nicht ausgesührt werden können, ohne der industriellen Wiedergeburt (Europas sehr erheblich zu schaben, und es ist im Interesse von allen, sie anftänbiger und gemäßigter zu machen. Die Vernichtung des Militarismus, der in diesem Vertrag nur dem Feind genommen wird, muh bald eine Erleichterung und Wohltat für alle Völker, vor allem der alliierten werden ..."

Die beiden deutschen Minister waren am Abend des 27. gekommen Hermann Müller hielt sich vollständig zurückgezogen auf seinem Zimmer, um der zudringlichen Neugier keine Gelegenheit zu ge­ben und fuhren ein paar Stunden nach vollzo­gener Unterschrift am Aoend des 28. um neun Uhr von Versailles wieder ab. Mit ihnen reifte der größere Teil der noch in Versailles befindlichen De­legation, auch die gesamte Pressegruppe.

Die Automobile fahren durch ländliche Vororte. Felder und Gärten, kleine Häuser, Gruppen von Menschen in Sonntagskleidern.

An der kleinen entlegenen Station der Gürtel­bahn Chosy-le-Roi sammeln sich die Autos. .Der Sonderzug fährt ein, die französischen Funktionäre verabschieden sich. Langsam umkreist man Paris, vorbei an den vielen kleinen Vorortstationen, auf deren Bahnsteigen sich Menschen drängen, um den deutschen Zug zu sehen. Bald nach St. Germain schlägt von einem der Bahnhöfe ein wüstes Johlen gegen den deutschen Zug. Raketen gehen hoch, irgendwo fallen ein paar Schüsse, und plötzlich flie­gen Steine gegen bie Fenster bes Speisewagens, in Dem die beiden Minister sitzen.

Fahrt durch nächtliches Land. Dunkel rauschen die Wälder. Graues Licht zittert über Weizenfel- dem. Blaue Schatten nisten an den sanften Hügeln. Das Bild dieses elenden Tages, des 28. Juni 1919, steigt empor. Dabei gehen die Gedanken aller Deut- fchen wieder zu den Seiten des Vertrages, der da um 3 Uhr 12 Minuten unterschrieben wurde. Wenn man zu lange auf ein durchleuchtetes Bild gesehen hat, zeichnet sich das Schattenbild noch einige Zeit danach auf der überreizten Netzhaut ab. So stehen bie französischen Worte wie mit Höllenfeuer ge­schrieben vor ben Gebanken, unb sie verblassen auch nicht in der Ruhe der Nacht.

Ein Franzose, ein einsamer Franzose, Romain Rolland, hat die Sätze geprägt, die für Frank- reichs Niederlage 1871 gelten sollen:Die Nieder­lage schmiedet die Auslese um, sie besorgt die Ar­beit bes Siebens, alles Reine unb Starke stellt sie abseits, macht es noch reiner und stärker. Euch schulden wir ben Aufschwung unseres Rassegewis­sens. Man ist reichlich bafür entschädigt, daß man feinen Glauben mit so viel Selbstüberwindung dem Glück oorgezogen hat: auf diese Weise hat man sich inmitten der gleichgültigen Wett bas Gefühl einer so großen sittlichen Kraft erobert, daß man schließ­lich an nichts mehr zweifelt, nicht einmal mehr am Siege."

Wir haben von unseren Feinden in Versailles nichts empfangen als Ungerechtigkeit, Kleinlichkeit und das Schwert in der Waage der Macht. Neh­men wir, was nicht für uns geboten wurde, diesen Satz aus Frankreich mit:... daß man schließlich an nichts mehr zweifett, nicht einmal mehr am Siege"...