IMMMMA.
Vornan von Helma von Hellermann.
5. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI
So schnell es die zitternden Knie gestatteten, sehr gerade aufgerichtet, ging Wera Wettern durch den langen Flur, trat durch ein Seitenportal über den Hof hinaus ins Freie. Noch immer brannten ihr die Wangen. So weit war es mit ihr gekommen, daß diese armen Unterstützungsempfänger ihr Almosen boten. Gab es größere Demütigung? Daß ihre Kraft nicht mehr dazu ausreichte, vor all diesen Menschen Haltung zu bewahren ... Was sollte denn nun werden?
Blind für das geschäftig sie umlärmende Leben, für den blauen Himmel und den Sonnenschein, der die wintermüde Erde mit Wärme und strahlendem Licht überströmte, schritt das Mädchen dahin. Bog, ohne es zu wissen, in die Anlagen ein, stand auf der Holzbrücke und starrte hinunter auf das graugrüne Wasser des Sees, auf dem Schwäne in geruhsamer Anmut lautlos dahinglitten. Das Wasser war tief. Und das Leben so grausam. „Ich ertrage es nicht länger", dachte sie, sich über das geschnitzte Geländer beugend. Da unten war Frieden, man durfte ausruhen.
Ein hastiger Schritt erklang auf der Brücke, zögerte — hielt.
„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich fein, meine Dame?" fragte eine Stimme neben ihr, voll ruhiger Herzlichkeit.
Wera zuckte zusammen und richtete sich jäh auf. Es war der junge Fremde, der ihr vorhin geholfen.
6. Kapitel.
Sie sah den Mann an ihrer Seite an, ohne zu antworten. Jetzt erkannte sie ihn. Wie eine Maske legte es sich über ihre eben noch verzweiflungsvollen Züge. Sie straffte die Schultern, stand schlank und aufrecht vor ihm, dessen Blick schon zu viel gesehen.
„Es scheint mein Schicksal, Ihnen zu Dank verpflichtet zu sein, mein Herr. Sie waren es doch auch, der meine Börse im Automaten fand?"
Der Fremde verneigte sich. „Jawohl, ich hatte die Ehre, sie Ihnen wieder zustellen zu dürfen."
Ton und Haltung verrieten den Gebildeten, der etwas schäbige Anzug und der dünne Mantel seine Armut. Aber in der Stimme, in den dunkelblauen Augen lag etwas, das das Mädchen unwiderstehlich anzog. Ihre Abwehr schwand. Sie lächelte, ohne es zu wissen.
„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle", sagte der Fremde. „Bandro, Georg von Vandro."
„Ich bin Gräfin Wera Wettern", entgegnete sie und reichte ihm impulsiv die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Hilfeleistung vorhin, Herr von Bandro. Der Beamte hat Ihnen Ihre Auslagen hoffentlich zurückerstattet?"
Er bejahte. „Obwohl es durchaus nicht notig gewesen wäre."
Um Weras Lippen zuckte es wie leiser Spott. „Ich glaube, Herr von Bandro, wir beide haben nichts zu verschenken! Oder gingen Sie etwa auf den Arbeitsnachweis, um — einen Scheck einzulösen?"
Bandro lachte belustigt. Sein vornehmes Gesicht mit der edlen Stirn war wie in Sonne getaucht. „Vielleicht, gnädigste Gräfin, vielleicht! Das Schicksal, das mir letzthin einiges schuldig geblieben ist, hat die ihm präsentierte Rechnung mit dem Glück Ihrer Bekanntschaft gezahlt. Das ist ein weit höherer Gewinn, als ich ihn je erträumt!"
„Sie geben dem Zufall eine liebenswürdige Deutung, Herr von Bandro." „
„Die wertlos wäre, Gräfin, wäre sie nicht wahr.
Sie hörte die Aufrichtigkeit aus feiner warmen Stimme und schwieg, eine leichte Röte in den Wangen. Befangen sah sie fort, hinunter auf das Wasser, dessen Fläche dunkel und ruhig dalag. Ob sie den Mut gesunden hätte, sich in die Flut gleiten zu lassen, wenn der Mann an ihrer Seite nicht dazugekommen? Man starb doch schwer, wenn man jung war und die Sonne schien ...
„Wie tarnen Sie jetzt hierher?" fragte sie aus ihren Gedanken heraus, ohne aufzusehen.
„Ich bin Ihnen gefolgt, Gräfin", gestand Bandro offen, das feine Profil betrachtend, das sich über das Holzgeländer neigte. „Verzeihen Sie — ich dachte, ein zweiter Schwächeanfall könnte Sie übermannen", fetzte er ein wenig verlegen hinzu. „Als ich in das Bureau des Arbeitsnachweises zurückkam, waren Sie schon fort, auch auf der Straße nirgends mehr zu sehen. Da entdeckte ich Sie plötzlich ganz weit vorn, aber eine Verkehrsstockung geriet dazwischen. Ich verlor Sie aus den Augen und bog ab in die Anlagen, voller Bedauern über die Erfolglosigkeit meines allerdings unentschuldbaren Nachjagens. Da, beim Einbiegen nach dem See, dessen Schwäne ich gern füttere, gingen Sie auf einmal langsam vor mir her. Da wußte ich, daß das so oft von mir geschmähte Schicksal meine Schritte hierher gelenkt hatte."
Der Mann sah gleich seiner Nachbarin auf das Wasser hinunter, das nun, von Sonnenlicht getroffen, zu glitzern und zu gleißen begonnen. Er schwieg einen Augenblick, hob dann den Kopf und sah sie an: „Was mich hinter Ihnen hertrieb, war das unerklärliche, aber ganz bestimmte Gefühl, daß Sie meiner Dienste irgendwie bedürfen könnten.
Schon das erste Mal, im Automaten, empfand ich starkes Bedauern darüber. Sie im Menschengewühl verschwinden zu sehen. Ich merkte sofort, daß Sie in andere Umgebuna gehörten, denn dort wirkten Sie wie kostbares Kopenhagener Porzellan unter lauter Küchengeschirr. Womit ich nicht sagen will, daß letzteres nicht auch seine Berechtigung besitzt, besonders, wenn man ordentlichen Hunger verspürt!" Wieder das leise, wohlklingende Lachen, das so ansteckend wirkte.
Wera, die schweigend, voll innerer Bewegung, zu- gehört, hatte auf einmal große, glänzende Augen. War das nicht ein Wunder? Es gab einen Menschen auf der Welt, der sich berufen fühlte, ihr zu helfen: der es als ein Glück empfand, sie zu kennen.
„Sehen Sie nur, Gräfin, wie die Sonne scheint", sagte Dandros frohe Stimme neben ihr, „mir scheint, so blau wie heute war der Himmel noch nie."
In seinen Augen spiegelt er sich wider!, dachte W^ra, den schlanken Mann betrachtend, der mit solch jünglinghafter Freude in den Hellen Tag schaute, als kenne er keine Sorge auf der Welt.
„Wollen wir uns nicht ein wenig fetzen" Er wies auf eine nahe Bank.
Wie selbstverständlich er annahm, daß seine Gegenwart ihr willkommen sei! Sie lächelte leise, da er Platz nahm neben ihr, und spürte auf einmal ein starkes Gefühl der Freude in sich. Stolz und Abwehr schwanden dahin wie Winterstarre vor dem Himmelslicht. Nichts außer dem Namen wußten sie voneinander, und doch webten schon feine Fäden der Sympathie zwischen ihnen ihr unlösbares Netz.
„Ich bin doch ein rechter Glückspilz!" Vandro nahm den Hut ab, fuhr sich übers Haar und strahlte das schöne Mädchen an, das fragend die Brauen hob. „Sie zweifeln daran, Gräfin — wegen des Ganges zum Arbeitsnachweis? Davon lasse ich mich nicht bedrücken; bas sind Uebergänge, die sich in jedem Lande nach verlorenem Krieg und politischem Umsturz zeigen. Man muß nur den Mut nicht verlieren. Schadet gar nichts, wenn man mal seine Kräfte erproben muß. Was man da für ungeahnte Talente in sich entdeckt! Mit den meinen ist's nur leider nicht weit her, Kunsthistoriker sind augenblicklich fein sehr begehrter Artikel." Er lachte gutmütig. „Als ich mir meinen Beruf wählte, lagen die Verhältnisse anders — und mein Vermögen in guten Papieren auf der Bank. Meinem älteren Bruder genügten die Zinsen nicht, die chm und mir immerhin ein sorgloses Leben gestatteten. Er glaubte, sie erhöhen zu können, spekulierte, nahm mein Geld dazu, verlor auch bas. Nun läuft er als Verficherungsbeamter herum, belästigt sämtliche Bekannte und schimpft auf die Zeiten und sonst noch alles, was ihm gerade einfällt." Nun hatte sich doch
ein Unterklang leiser Bitterkeit in die frische Stimme geschlichen.
„Und Sie?" fragte Wera, die aufmerksam zuge« hort.
„Ich bin Mädchen für alles. Erst Tennis- und Skilehrer gewesen, dann bei einer Hochgebirgstour gestürzt, zwei Nippen verknackst. Also umlernen. Die Rolle des Eintänzers spielte ich nur ein paar Wochen, überließ sie dann neidlos anderen, die sich besser dazu eigneten. Dann einen erkrankten Bibliothekar vertreten, der leider wieder gesund wurde. Da geistige Arbeit sich nicht wieder bot, wurde ich Chauffeur. Früher steuerte ich meinen eigenen Wagen, jetzt bezahlt ein anderer die Kosten. Sie sehen, Gräfin, der Unterschied ist gar nicht so fchlimm. Alles gleicht sich aus."
„Aber Sie waren doch im ..."
„... Arbeitsnachweis? Tja, die Vereinigten Webereien haben pleite gemacht."
„Ach da — der Direktor ist doch geflüchtet?"
„Stimmt. Und da sie mich nicht zu feinem Nach- folger wählten, sucht der Herr Chauffeur sich eine neue Stellung", vollendete Vandro vergnügt.
War das ein Mensch! Diese wundervolle Lebens- bejahung trotz aller Schicksalsschläge!
„Ja, ja, schnurrig geht es heutzutage zu — nicht wahr? Früher hätten Gräfin Wettern und Doktor von Vandro sich wohl kaum auf dem Arbeitsamt kennengelernt, da wäre das auf irgendeiner Gesellschaft geschehen, und ich hätte im Frack meinen schönsten Kratzfuß vor Ihren verehrten Eltern, speziell vor Ihrer Frau Mutter gemacht, denn durch die Mütter gewinnt man die Gunst der ..." Er stockte bestürzt: das Mädchen hatte den Kopf abgewandt. „Verzeihen Sie, Gräfin, habe ich Ihnen weh getan mit meinem Unsinn? Ich wollte Sie ja nur so gern ein wenig aufheitern/' Zaghaft griff er nach ihrer Hand. „Verzeihen Sie", bat er nochmals leise.
Wera wandte sich ihm wieder zu, sah ihn an aus tränenoerbunfetten Augen. „Es ist nur, weil Sie von meiner Mutter sprachen ..." Kaum war es verständlich, so bebten ihre Lippen. „Alles Glück starb mit ihr."
„Ich wüßte gern um Ihr Schicksal, Gräfin." Alles Leichte war aus des Mannes Stimme geschwunden. „Manchmal erleichtert es, sich das Schwere vom Herzen zu reden. Meiner tiefsten Teilnahme dürfen Sie gewiß fein." Er hob die Hand, die er leise umspannt gehalten, an seine Lippen.
Wera Wettern ließ es geschehen. Sie fühlte es: der meinte es gut. Und sich zurücklehnend, den Blick in die Ferne gerichtet, als grüße sie dort die 23er- gangenheit, begann sie zu erzählen.
(Fortsetzung fol<-
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Bekanntmachung.
Sein: Flugveranstaltung in Gießen am 2. Juli 1933.
Aus die nachstehend abgedruckte Polizeiverordnung des Kriesamts Gießen vom 21. Juni 1933, Amtsverkündigungsblatt Nr. 33 vom 23. Juni 1933, weisen wir be-
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Neuenweg 9, Fernruf 3615
23etr.: Flugoeranstaltung in Gießen am 2. Juli 1933.
Polizeioerordnung.
Auf Grund des Art. 65 des Gesetzes, betreffend die innere Verwaltung und die Vertretung der Kreise und Provinzen vom 8. Juli 1911 werden im Einvernehmen mit der Provinzialdirektion Oberhessen für die am 2. Juli 1933 auf dem Flughafen in Gießen stattfindende Flugoeranstaltung innerhalb der von dem Herrn Reichsver- kehrsminister bestimmten Flughafenzone folgende Sicherheitsmaßnahmen angeordnet:
Fayencen: ca. 100 Plattenund Svruchteller, Porzellane, antikes Silber, SUeinhmft, Gemälde.
Gebrauchsmöbel: Schlafzimmereinrichtung, Nuhb. mit Bettzeug, Sammet- u. Brokatvorhänge, Bodenbelege. Perser Teppiche, Perser Brücken, Konzertflügel (Ed.
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§ 1.
Während des 2. Juli 1933 wird für die Zeit von 13.30 bis 18 Uhr das innerhalb der nachstehend näherbezeichneten Grenzen liegende Gelände polizeilich gesperrt: 3m Süden: 100 Meter südliH entlang an der Straße Gießen—Rödgen von der 4. Schneise bis zur Ueberführung der Bahnlinie Gießen—Fulda.
3m Osten: Bahndamm von Kreuzung Bahnlinie Gießen — Fulda, Rödgener Straße bis zum Ostrande des Waldes, genannt der Junkernstrauch, sodann in nordwestlicher Richtung durch den Wald bis zur Struppmühle.
3m Norden: Von der Struppmühle dem Lauf der Wieseck entlang bis zur Gansmühle. Die Straße Wieseck—Allen-Bu- seck ist nur für den Durchgangsverkehr geöffnet.
3m Westen: Dem von der Gansmühle in südwestlicher Richtung nach dem Trieb führenden Weg entlang, Ostrand der Wiesecker Spielplätze bis zur Straße Gießen—Rodgen.
§ 2.
Für die Dauer der Sperrzeit ist das Betreten des innerhalb der obengenannten Grenzen liegenden Gebiets nur mit Ausweisen der Flugleitung oder nach Lösung der von dieser ausgegebenen Eintrittskarten und lediglich auf den von der Flugleitung hierzu bestimmten Zugangswegen gestattet.
§ 3.
Die Straße Gießen — Rödgen ist von 13.30 bis 18 Uhr nur für den Durchgangsverkehr von Gießen nach Rödgen und umgekehrt geöffnet.
Ä § 4-
Der von dem Stadtwald unmittelbar nach dem Flughafen führende Feldweg wird von 15 bis 18 Uhr für jeglichen 23er- kehr gesperrt.
§ 5.
Den Anweisungen der Polizei ist Folge zu leisten.
§ 6.
Zuwiderhandlungen gegen diese Polizei- Verordnung werden mit Geldstrafe bis zu 90 RM. bestraft.
Gießen den 21. Juni 1933.
Kreisamt Gießen. 3. 23.: Schmidt.
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Zuschlagsfrist 14 Tage.
Gießen, den 28. Juni 1933.
Provinzialdirektion Oberhefsen.
__________Tiefbau.__________
Amtsverksindigungen aus den oberhessischen Kreisen.
Kreis Schotten.
Das Krsisamt hat in der letzten Zeit die Beobachtung gemacht daß die Langholzfuhrwerke vielfach nicht vorschriftsmäßig gekennzeichnet sind; es macht darauf aufmerksam, daß Langholzfuhrwerke an den Enden durch Strohkränze, Lappen oder dergleichen besonders kenntlich ge» macht sein müssen (§ 2 Absatz 4 der Allgemeinen Straßenverkehrsordnung vom 29. September 1927). Die Gendarmeriebeamten sind angewiesen, gegen Zuwiderhandelnde Personen unnachsichtlich vorzugehen. Die Sicherheit auf den öffentlichen Wegen erfordert diese Maßnahme. (4226C
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