Ausgabe 
29.6.1933 Erstes Blatt
 
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Wirtschaft.

* Die Anschrift des Treuhänders der Arbeit. Die Geschäftsräume des Treuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen befinden sich in den Diensträumen der Preußischen Industrie- und Handelskammer für das Rhein-Mainische Wirt­schaftsgebiet, F r a n k f u r t a. M., Börse (Eingang Börsenstraße), 1. Obergeschoß, Zimmer 374. Tele­phon: vorläufig über Hansa 203 61 zu erreichen.

* Die Anbauflächenverteilung in der deutschen Landwirtschaft. Bei der diesjährigen Anbauflächenerhebung ist nach Mittei­lung des Statistischen Reichsamtes der Umfang des Getreideanbaues wie folgt festgestellt worden: Win- terroggen 4,45 Millionen Hektar, Sommerroggen 65 000, Wmterweizen 2,03, Sommerweizen 290 000,- Spelz und Emer 110 000, Wintergerste 272 000, Sommergerste 1,31 und Hafer 3,18 Millionen Hek- tqr. Im Vergleich mit den letzten Jahren hat sich der Roggenanbau weiterhin um 1,4 o. H. vergrö­ßert, die Weizenanbaufläche um 1,7 o. H., die Win­tergerste um 10,7 v. H. Abgenommen hat die Be­stellung mit Sommergerste um 0,9 v. H., von Hafer um 3,2 v. H. und her Anbau von Spelj und Emer um 4 v. H. Der Anbau von Frühkartoffeln stellt sich für 1933 auf 246 000 Hektar (minus 2,8 v. H.). Bei den Zuckerrüben zeigt sich eine Anbauzunahme um 12,4 v. H.

Frankfurt schwankend.

Frankfurt a. M., 28. Juni. (WTB.-Drahl- mcldung.) Auch die heutige Mittagsbörse zeigte kein lebhafteres Geschäft. Man hielt sich in Erwartung der Entwicklung bei den wirtschaftlichen Reichs- Ministerien weiter zurück. Immerhin eröffneten d'.e Kurse an den Aktienmärkten auf die Schwäche des Dollars hin meist behauptet, um bei nach den ersten Kursen bei anhaltender Geschäftsstille ziemlich ein­heitlich zurückzugehen. Rur Reichsbank gewannen 1,75 Prozent. Die Abschwächungen gingen jedoch

abgesehen von Klöcknerwerke, Iunghans (bis minus 1,75 Prozent) und Daimler (minus 1!, Prozent) nicht über ein Prozent hinaus. Im Verlaufe wurde die Stimmung uneinheitlich, während IG. nach 0,75 Prozent Anfangsoerluft etwa 1,50 Prozent höher genannt wurden. Während Siemens 1 Pro- zent einbüßten und dann 3 Prozent zurückgewan- ncn, und Licht & Kraft % Prozent höher notierten, fetzten sich bei Scheideanftalt und Zellstoff Wald- ?iof Anlchwächungen bis 1,50 Prozent durch. Zell- loff Aschaffenburg, Gessürel und Zement Heidel­berg gaben bis 0,50 Prozent nach.

Der Rentenmarkt war anfänglich schwächer, auch die notwendige Geldbeschaffung zum Ultimo war schwieriger, außerdem verstimmten die Teil­anweisungen der Lübecker Schatzanleihe, da man hierin die Schaffung eines Präzedenzfalles bei den Staatsanleihen befürchtete. Altbesitz gaben 1 Pro­zent, Neubesitz 0,20 Prozent, Reichsschuldbuchsorde­rungen 0,75 Prozent nach. Don Industrie-Obliga­tionen büßten Stahloerein zunächst Prozent ein, um jedoch später 1 Prozent zu gewinnen. Auslän­der lagen unheinheitlich, von Türken waren Bagdad 2% Prozent schwächer, dagegen Mexikaner bis 1 Prozent fester.

Frankfurter Schlachtvichmarkt.

Fr a n k f u r t o. M., 29. Juni. Auftrieb: 152 Rin- der, 918 Kälber, 101 Schafe, 689 Schweine. Es wurden bezahlt: beste Mast- und Saugkälber 35 bis 40; mittlere Mast- und Saugkälber 33 bis 36; ge­ringe Kälber 26 bis 32. Mastlämmer 25 bis 28; mittlere Mastlämmer 20 bis 24. Schweine: voll- fleischige, zirka 240 bis 300 Pfd. Lebendgewicht, 33 bis 35; vollfleischige, zirka 200 bis 240 Pfd., 33 bis 36; vollfleischige, zirka 160 bis 200 Pfd., 32 dis 35. Marktoerlauf: Kälber und Schafe ruhig, geräumt; Schweine schleppend, nahezu ausverkauft.

Obecheffen.

Siadivorstand in Alsfeld.

*_21 lsfeld , 28. Juni. In der jüngsten Sitzung des Stadtvorstandes befaßte man sich zunächst mit der Vergebung der städtischen Fuhrleistungen im Rechnungsjahr 1933, nachdem der städtische Fuhr­park aufgelöst worden ist. Die Akkordfahrten, das Fahren des Sprengwagens, die Müllabfuhr, die Taglohnfuhren, sowie das Fahren des Leichen­wagens wurden an je einen Fuhrunternehmer auf Grund der stattgehabten Submission vergeben. Rach einer Verfügung des hessischen Ministers für Kultus und Bildungswesen, sollen in den Lehrsälen der Schulen die Bilder des Reichspräsidenten v. Hin- den bürg und des Reichskanzlers Adolf Hit- l e r in würdiger Größe angebracht werden. Der für diesen Bildschmuck erforderliche RreDit wurde bewilligt. Unter Mitteilungen gab der Vorsitzende bekannt, daß sämtliche Mitglieder der SPD.-Frak- tion im Gemeinderat sowie die Ersatzmänner ihre Aemter n#berflelegt haben. Ferner wurde der schulärztliche Bericht über die Tätigkeit im abgelaufenen Schuljahr bekannt gegeben. Aus die­sem war zu entnehmen, daß nach der ärztlichen Begutachtung im Verhältnis zu der auch im Jahre 1932 schlechten wirtschaftlichen Lage eines Teiles der Bevölkerung die Kinder zum größten Teil in einem guten oder befriedigenden Entwickelungs- zustand gewesen sind.

Landkreis Gießen.

z Grohen-Linden, 28. 3unt In der Sandgrube der Firma Ludwig Eteinmüller W w e. hat sich auch in diesem Jahre wieder wie alljährlich eine Anzahl Uferschwalben an der Ostsette der Eandwand angesiedelt. Wegen der engen Döhren, die mitunter bis zu zwei Meter lang sind, die der seltene Vogel mit dem kurzen aber sehr harken Schnabel in die Wände bohrt, wird er auch Röhrenschwalbe genannt. An­schließend an diese Röhre befindet sich das Rest der kleinen Baumeister. Don den Schulklassen wird diese Seltenheit oft besucht und besprochen.

r. Lang-Göns, 28. Juni. Bei der Volks-, Berufs- und Betriebszählung wurden in der hiesigen Gemeinde feftgefteüt: 1906 Ein­wohner, davon 935 männliche und 971 weibliche und 424 Haushaltungen. Außerdem wurden 220 Land- unD Forstwirtschaftskarten, 67 Gewerbekarten aus- gefüllt

J Lollar, 26. Juni. Der Turn- und G e - sangoerein nahm in einer Hauptversammlung die Gleichschaltung in feierlicher Weise vor. Der seitherige Vorsitzende Philipp H a r b u s ch wies zu­nächst auf die Bedeutung der Gleichschaltung hin und gab die Richtlinien des Hessischen Sängerbundes hierfür bekannt. Bei der nun folgenden Wahl des ersten Vorsitzenden wurde Philipp H a r b u s ch ein­stimmig wiedergewählt. Er dankte für das ihm da­mit bewiesene Vertrauen und ermahnte alle Sänger zur Treue zum Verein, der als ältester Gesangver­ein am hiesigen Orte im nächsten Jahre fein 75- jähriges Bestehen feiern kann. Zu seinen Mitarbei­tern bestimmte der Dereinsführer folgende Mitglie- j der: Rudolf Krehbiehl, 2. Vorsitzender; Ludwig | Hettche, 1. Schriftführer; Karl Häuser, 2. Schriftführer, Ernst Weinrich, 1. Rechner, Hans Alfen, 2. Rechner; Hans Kapfenberger, Turnwart; Heinrich Ferber, Zeugwart; Ludwig

Forbach, Vereinsdiener; Markin Taubert, Wilhelm Frank, Karl Schäfer, Karl Seitz, Greta Ferber, Herta Häuser, Irmgard Lehr, Beisitzer; Karl Muth und Werner Bro köpf, Fahnenträger. Nach der Verpflichtung des neuen Vorstandes, brachte der Vorsitzende einSieg-Heil!" auf Adolf Hitler und von Hindenburg aus. Mit dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes und dos Deutschlandlieds fand die eindrucksvolle Feier ihr Ende. Seit Einführung des Deutschen Liedertages hat der hiesige Turn- und Gesangverein unter Lei­tung von Ehrenchormeister Eberle als einziger der hiesigen Gesangvereine alljährlich Mn diesem Tage auf einem freien Platz einige Lieder zu Ge­hör gebracht und fo für die Sache des deutschen Liedes geworben. Auch am vorigen Sonntag ließ er trotz schlechten Wetters wieder vor der Schule eine Anzahl gemischte und Mängerchöre erklingen, die von den Zuhörern dankbar und beifällig auf- genommen wurden. Der Vereinsführer Philipp Har bu sch wies einleitend auf den Zweck und die Bedeutung der Veranstaltung hin und schloß mit einemsieg-Heil!" auf dieselben Führer unseres Vaterlandes.

s. LI t p h e, 27. Juni. Bei der Versteige­rung des Heugrases auf dem Gemeinde- wiesengelände, zu der sich auch Landwirte aus Rachbardörfern eingefunden hatten, wurden ansehnliche Preise erzielt. Die billigsten Morgen beliefen sich auf 15 bis 25 Mark, ob­wohl sie hinsichtlich der Menge und Güte deS Grases minderwertig sind. Die Morgen mitt­lerer Güte kamen mit 30 bis 50 Mark heraus, während alle Morgen guter Qualität und starkem Graswuchs sich aus 60 bis 76 Mark stellten. Die Höhe der Preise erklärt sich daraus, daß es infolge des Fehlens der eigentlichen .Unter­gräser nicht allzuviel Heu gibt. Dem neuen Schulvorstand gehören nunmehr an: Bür­germeister Dietz, Pfarrer Crull (Trais-Hor­loff), ferner die Landwirte Otto B e l tz e r , Wil­helm Sack, Wilhelm Gasse beer und Karl Sack.

! Aus dem südlichen Kreise Gießen, 28. Juni- Das anhaltende Regenwetter bringt nun die Heuernte in Gefahr. Die Wiesen sind fast ausnahmslos gemäht, aber nur ganz ver­einzelt konnte das Heu eingefahren werden. Die Hackfrüchte stehen ausgezeichnet- Die Obst- a u s s i ch t e n sind mäßig. Fast ganz versagen dieses Jahr die Birnen, auch die Aepfel fehlen vielerorts. Sehr unliebsam macht sich an den Bäumen die Gespinst motte, die heuer sehr zahlreich auftritt, bemerkbar-

Verantwortlich für Lokales, Provinz, Wirtschaft und Spork: I. B.: H. L. N e u n e r.

Sonnenqebräunte Haut

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oder aber

NIVEA - ÖL

Nr. 149 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger slic Erhessen)

Donnerstag, 29.3uni 1933

Pfarrer-Gchulungslehrgang der Theologischen Fakultät Gießen.

Vier Vorträge im Studentenheim.

Zweiter Tag.

Den zweiten Tag des Pfarrer-Schulungslehr- ganges im Studentenheim eröffnete eine Schrift­betrachtung von Professor D. Dr. Cordier über 1. Ioh. 3, 1922. Die Berufsehre nicht nur des Theologen liegt darin, daß er aus der Wahrheit ist, die Berufskrankheit, die Verzagtheit wird über­wunden durch Gott, der großer ist als unser Herz, und durch Gebet. Wo Gott der größere im Herzen ist, gibt es auch Fortschritte in der Heiligung. Nach Gebet und dem Vers:Sollt ich meinem Gott nicht fingen" folgte der Vortratz von Professor v. R u - d o l p h :

Volk und Staat im Alten Testament".

Den Ausführungen sei folgendes entnommen: Schlüssel für die Frage ist der Erwählungsglaube. Vertragspartner bei Der Gesetzgebung am Sinai sind Gatt und Volk. Die Wahl gerade dieses Bol­tes erfolgte aus Gottes freiem Willen, und das Volk war stolz auf diese Erwählung. Infolge des Hochmuts wurde aus dem göttlichen Gnadenge­schenke ein Anspruch. Der Dekalag (10 Gebote) zeigt sehr schön die Zweiseitigkeit des Bundes und die Gottestat.Gottesvolk",heiliges Volk" zeigt die Eigenart Israels. Die Anerkennung nur Jahwes als Herrn und Gott ist die Antwort des Volkes auf die göttliche Tat. Das Land Gottes Land und Erbe, die Früchte Gottes Gaben; Vereinigung van viel Land in einer Hand wäre Mißbrauch; darum gibt das siebente (Sabbath.) Jahr das Land den Armen frei. Sa wird alles Irdische im Licht des Ewigen betrachtet. Der Verzicht auf das eigene Können, die Verweigerung des Bündnisses mit anderen Völkern (eine Ueberspitzung auf politischem Gebiet!) wird genährt durch die Propheten. Jahwes Verheißung ersetzt alle menschlichen Machtmittel. Das ständige Stehen unter dem Druck der Fremdoölker ist Strafe des Gotteszornes. Die israelitische Religion kann als die soziale Religion bezeichnet werd-n. Im Volksgenossen soll der Bruder angesehen werden; darin liegt die Wurzel des Zinsoerboles, das dem Fremden gegenüber nicht gilt. Sündenerkenntnis ließ auf die Hilfe Gottes hoffen. Mtt dem Sünden­bekenntnis geht die leidenschaftliche Berufung auf die Erwählung Hand in Hand. Das Mißverhältnis von Haltung des Volkes und Schicksal, sowie die Einzigartigkeit Jahwes bedingte das Aufkommen der (nur in Israel zu findenden) Eschatologie. Jahwe mußte selbst einschreiten und seine Königsherrschaft auf Erden aufrichten. Der Glaube an diesKom­men Jahwes" ist in Israel nie erloschen. Ein Aus- ftreichen des Volkes Israel aus dem Heilsplan Gottes ist dem Alten Testament ein unmöglicher Gedanke. Die Verlegung Gottes auf das Herz durchbricht Die völkische Religion; an die Stelle des Volkes tritt der Rest des Volkes". Das Volk Israel und das Gottesvolk decken sich in der Folgezeit nicht mehr; dieFrommen" und dieGottlosen" treten aus­einander.

Staat" ist nicht in gleicher Zeit grundlegend wie Volk", da Israel erst spät zur Staatsbildung kam. Die politische Neubildung im Königtum erfolgte durchaus im Rahmen Des Gottesvolkes. Jahwe stimmte der Einrichtung des Königtums zu. Erwäh­lung durch Jahwe und Kürung durch das Volk sind grundlegend für den König. Im Südreich wird das Wahlkönigtum durch das daoidische Erbkänigtum ersetzt, aber gestützt durch die Verheißung Nathans; so bleibt die göttliche Designation gewahrt. Der orientalische Hofstil wird im Königslied übernom­men, der König aber wird nie selbst Gott und zur Ordnung gerufen, wenn er die Bundesforderungen Jahwes übertritt; schließlich schreckt man vor Blut­vergießen nicht zurück. Psalm 101, einem Regie- rungsprogramm, gibt schon Luther die Ueberschrift Fürstenspiegel". Die vom Exil an gesetzte heidnische Obrigkeit verhinderte dank des jüdischen Referenten bei der persischen Regierung Esra, daß Israel als Einzelzelle im persischen Reich zu Eigenmächtigkeiten schritt. Wo es gegen die Religion geht, ist man zum Martyrium bereit (Makkabäerkämpfe). Bei Zusiche­rung freier Religionsübung ist aber der Kampf beim Judentum der persischen und griechischen Zeit zu Ende. In der leidenschaftlichen Eschatologie ver­körpert der heidnische Staat die gottfeindliche Macht, die niedergestreckt werden muß, z. B.Iesajas- apokalypse^ (Jes. 2427), Daniel und die außer- bidlischen Apokalypsen. Das Gottesvolk hält auch in der Zerstreuung den Anschluß Fremder offen, wenn er sich den Gesetzen des Judentums unterwirft. Statt des Blutes wird das Gesetz das alles verbindende Band; so verliert die Reinheit des Blutes an Be­deutung. Das heilige jüdische Volk kann nicht in­folge der Proselyten reinrassisch sein (gegen Gün­ther!). Der Heide, der das Heil will, muß Jude werden; erst das Neue Testament löste das Heil von der völkischen Bindung, Vorläufer ist hier nur das Ionoduch. Die Aussagen des Alten Testaments über Israel lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen; seit Israel gibt es kein auserwähltes Volk mehr.

Eine lebhafte Aussprache, in der u. a. auch be­tont wurde, daß es, wenn es auch ein Gerichtsbuch über ein Volk ist, kein völkischeres Buch gibt als das Alte Testament schloß sich an.

Im dritten Vortrag am Dienstagnachmittag be­handelte Professor D. Bertram

Volk und Staat im Reuen Testament".

Der Redner führte u. a. aus: Von der kulturge­schichtlichen Voraussetzung jener Zeit ist auszugehcn. Einheit der Sprache, ja Einheit der Religionen, Ein- heit des Kaiserkultus sollte dem römischen Reich Einheit geben einschließlich des Judentums, das sich einzuordnen versuchte (Iosephus). Die Juden sind einerseits die Stillen im Lande, andererseits die Partei der Sadduzäer kompromißfreundlich, die Pharisäer mit dem Streben auf Reinhaltung des religiösen Lebens, endlich ergriffen von politischem und religiösem Fanatismus, der zu Judenagfständen führte. In der Zeit fortfchreidender Hellenisierung wird das Judentum zur Missionsreligion; die Dia­spora zeigt eine Religionsgemeinschaft als allen Volkern. Aus der Zeit der Makkubäerkämpfe stam­men wohl die Pharisäer; die Aufsaugung der Pro­selyten wurde begünstigt durch den Familiensinn. Der Antisemitismus entstand schon in der helle­nistischen Zeit Lf#i) trieb das Judentum in ein Ghetto, zunächst in geistiger Beziehung, zusammen. Völkisch gleichzeitig exklusiv und expansiv betont es Adrahamskindschaft und Universalität.

Jesus und feine Jünger kennen nicht Volk und Staat in unserem Sinne. Der Staat erscheint we­sentlich als die von Gott gesetzte Ordnung, der der Mensch unterworfen ist. Staatliche und völkische Probleme sind nur vom religiösen Standpunkt aus betrachtet. Geschichten von Jesus mit universalisti­schem Charakter reizen seine Landsleute mit dem Endziel des Eingangs des Judentums in das Reich Gottes. Die Abrahamkindfchaft ist etwas geistiges, Volk und Offenbarung hängen im Judentum aufs engste zusammen. Jesus will die Frömmigkeit seines Volkes vertiefen, so daß sie fähig wird, die der anderen Volker in sich auszunehmen. In der Obrigkeit kommt die gottgesctzte Ordnung der Men­schenwelt zum Ausdruck. Durchbrechung der float- lichen Ordnung ist Durchbrechung der Gottesord­nung; daher ist Fürbitte für den etaat nötig. Diese Fürbitte für den römischen Staat, der Träger der Verfolgung ist, geht bis zu einer gewissen Grenze. Die Bitte des Christen für die verfolgende Obrig­keit ist die Bitte für die Feinde, daß sie sich be­kehren. Die Apokalyptik, zunächst jenseits der Men­schengeschichte liegend, zeigt Christus als den Herrn der Welt und hinter dem römischen Kaiserkult die Herrschaft der antichristlichen Mächte. Paulus nahm die eschatologisch-apokalyptische Welt des Judentums in sich auf, um das römische Reich als die den Be­stand der Welt sichernde Macht anzuerkennen; da- nebe., soll die christliche Gemeinde innerhalb ihrer selbst sich Recht schaffen. Die Scheidung von juben- christlichen und heidenchristtichen Gemeinden war nicht so scharf, wie die Ueberlieferung glauben macht. Der hellenistische Jude Paulus steht fest auf dem Baden seines Volkes, an dem er menschlich hängt, der Mann ohne Heimat und Vaterland (Röd. 911). Er erkennt die Völker in ihrer Be­sonderheit an, soweit das bei dem Völkergemisch damals möglich war. Das Dämonische hinter Der weltlichen Obrigkeit zwingt immer wieder zur sitt­lichen Entscheidung des Christen. Die neuteftament- liche Botschaft gibt dem Menschen immer wieder die Kraft für feine Aufgaben innerhalb des Staa­tes; im Wollen zu Dienst, Gehorsam, Verzicht und Opfer macht sie den Christen unter dem Zeichen des Kreuzes zum besten Bürger der Welt. Das Neue Testament bietet uns die tragenden Kräfte in der Zeit der Not und die fördernden in der Zeit des Auf­baus der Volksgemeinschaft. Nach reger Aussprache versammelte man sich abends zur Besprechung über die Lage derJugendarbeit im neuen Staat.

Dritter Tag.

Am letzten Tag des Schulungslehrganges er­öffnete der Leiter Professor D. Dr. Cordier mit einer Ansprache über 1. Ioh. 4, 13. Bekenntnis entsteht aus dem zusammen gemeinsam hin sprechen. Inhalt unseres Bekenntnisses ist die historische Ge­stalt des Jesus, vor dem auch die Geschichte unseres Volkes erst Sinn bekommt; die Christusidee erlöst nicht, sondern der lebendige Herr Der Kirche; dies Bekenntnis kann uns nur in einem immer neuen Akt des Glaubens geschenkt werden.

Nach dem Gebet und dem Vers:Wie schon leuch­tet der Morgenstern" folgte der vierte Vortrag. Professor D. Haenchen:

Volk und Staat nach Der Lehre der Kirche".

Die Bekenntnisschriften der alten Kirche, so führte der Redner u. a. aus, und die der Reformation wollen binden und beanspruchen nicht Vollständig- feit. Neu auftauchende Fragen und Prüfung auf Grund der Schrift fordern neue Bekenntnisse. Ünfere Bekenntnisschriften kennen nicht Volk und Staat im modernen Sinn. Ein Durcheinander geistlicher und weltlicher Herrschaften mit dem Bürgertum, von dem sich die andern Volker abzeichneten und indem im Ghetto der Städte der Jude ein Sonderdasein führte, das ist das Bild. Ueber die Kirche enthalten die Bekenntnisschriften das meiste. Kein irdischer Zweckverband hat sie Zweck und Ziel in Gottes Reich- In der katholischen Lehre einen sich in Der Kirche Die ewige unD irDische Linie; Die katholische Kirche kann sich sehen lassen, Die evangelische weiß: es ist noch nicht erschienen, was wir sein roerDen". Das Der Kirche anoertraute Vergedungswort Darf ihr niemanD nehmen. Das Evangelium kann sie nur verkündigen, wenn sie um Das Gesetz weiß, Das sittliche Sollen. Im Beruf ist Die GesetzespreDigt am lebensnähesten; Daneben steht Die Staatspflicht. Hier hat Die Kirche nichts versäumt, was ihr Den Vor­wurfBüttel, Lakaien Des Staates" eintrug. Der Staat roirD als GegenstanD Der Verkündigung schwer; Daher beschieD man sich bei Den bürgerlichen lugenben. Volkstum als göttliche Drbnung ist nicht nur Gabe, fonDern auch Aufgabe unb Forderung: Gesetz. Seine vier Mächte finb Das Blut mit fei­nen bestimmten Gesetzen und Forderungen, die Landschaft, die nwbr ist als eine Anzahl von Quadratkilometern, der Lebensraum, eine Die Men­schen oereinenDe Macht. Die Sprache schafft eine Welt für sich, z. B.Heimat", Die Geschichte alles nicht einfach zu trennen, schweißt Die Men­schen zusammen, macht aus einem Haufen ein Volk. (Fronterlebnis, Erleben Der SA., Die neue Revolu­tion). Ausschluß aus Der Geschichte beDeutet Selbst­zerstörung. Das Gesetz Des Volkstums läßt nicht mit sich spaßen, es ist eine Macht Der Innerlichkeit. Die Kunst aller Art kennt Die Verkörperung Der Deut­schen Seele, Die unser eigen roirD Durch unsere per­sönliche EntscheiDung. Heute beginnen Staat unD Volkstum sich in DeutschlanD unlösbar zu vereinen. Den Deutschen Menschen sieht Die Kirche als gött­liches Gesetz, aber sie vergöttlicht ihn nicht; auch Der völkische Staat will Die Innerlichkeit Des Men­schen. Der Mensch aber muß verzweifeln, wenn sich Christus nicht seiner erbarmt:Christus ist mein Leben". Auch hier war die Aussprache sehr lebhaft.

Den letzten Vortrag hielt am Rachmittag Pro­fessor D. Dr. Cordier:

Volk und Staat in Der predigt Der Kirche".

Evangelische Predigt ist Verkündigung von Chri­stus in der Zeit an die Zeit. Sie richtet sich in Gottes Qluftrag an die Menschen der Gemein­schaft. Ihr Gegenstand ist nicht der deutsche Mensch und der deutsche Staat, sondern Christus. Einige Predigtbeispiele feilten helfen zu einem Urteil über den Gegenwartsdienst des Pfarrers. In Schleiermacher, Luther und Calvin in ihrem dem unseren oft so verblüffend ähnlichen Zeit­geschehen wurden fie herangezogen. Schleier­machers Predigt zum Frieden von Tilsit 1806: .Der heilsame Rat zu haben, als hätte man

nicht". Bei dieser Predigt in Halle war er von französischen Spionen umgeben. Mit DotteS Wort begegnet er der frommen Weltflucht und zeigt diese Welt als Gottesgabe. Keine Empfindungs­losigkeit, aber göttliche Traurig kett, die Freude im Herrn; dazu die Verwurzelung des Einzelnen und sein Einsetzen in der Ganzheit! Die Predigt vom 28. März 1813 stellt Schleiermacher mitten in Den Aufbruch der Ration; er verliest in ihr den .Aufruf an mein Volk": Der Wechsel der Schicksale hängt ab vom Steigen und Sinken der inneren Werte; er verliest den Aufruf zur Landwehr. 3m Reuaufbruch gilt es die For­derungen Gottes zu hören.

Polittsche Predigten sind bei Luther selten; mit dem Zeugnis von Christus greift er in das poli­tische Geschehen ein. Er packt seine Hörer am Re­ligiösen und spricht nicht die politische Haltung an, sondern die Gliedschaft an der Kirche. So baut er die Volksgemeinschaft; am Sarg des Kurfür­sten predigt er Gottes Wort: Unser Tod durch

Christi Tod ein Schlaf. 3edes politische Won wird bei Luther zu einem kirchlichen Dort. 1529 er­schien im Druck sein Sermon .Heerpredigt wider den Türken". Die Zeitgeschichte ist für Luther Christusgeschichte. Auch das vaterländische Ge­schehen ist von Christus her zu erkennen. Beten und Arbeiten kommen wieder ins rechte Verhält­nis. Das Gesamtergehen des Volkes hat durch Christus teil am Weltgeschehen.

Calvins zwei Kriegspredigten von 1545 vor und nach der Schlacht sind Einladung, Christus als Herrn anzuerkennen. Luther und Calvin haben vor Schleiermacher voraus, daß sie das Geschehen in Beziehung zu Christus bringen. Volk und Staat sehen sie endgeschichtlich von Christus aus. Von Der Ausrichtung auf Christus und sein Reich auS muß das deutsche Volk seine Berufung an Christus wiederfinden.

Rach lebhafter Besprechung endete mit aufrich­tigem Dank an Die Theologische Fakultät Der Kur­sus, an Dem biS 80 Theologen teilnahmen.