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29.3.1933 Frühausgabe
 
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Das Sondergericht ist zuständig für die in der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat und der Verordnung zur Ab­wehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung bezeichneten Verbrechen und Vergehen, soweit nicht die Zuständigkeit des Reichsgerichts oder des Oberlandesgerichts be­gründet ist. Gegen die Entscheidung des Sonder- gcrichts ist kein Rechtsmittel zulässig. Dem Angeschuldigten wird, wenn er noch keinen Verteidiger gewählt hat. bei der Anordnung der Hauptverhanülung von Amts wegen ein Verteidiger bestellt. Die Sondergerichte sind Gerichte des Landes. Die Gnaden- befugnis steht daher der Regierung des Landes au; dem Sondergericht für Hessen ist die Befugnis zur Gewährung von bedingtem Strafaufschub nicht zu­gestanden worden.

Verordnung über den Waffenbesitz.

Darmstadt, 28. März. (WSN.) Der Staats­kommissar für das Polizeiwesen Dr. Best er­lägt folgende Verordnung: Angesichts der Tatsache, daß seit dem Siege der nationalen Er­hebung zahlreiche marxistische Elemente aus durchsichtigen Gründen versuchen, sich m tue zum neuen otaat stehenden V-e r b ä n d e einzu­schleichen, ordne ich auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und otaat vom 28. Februar 1933 an: Wer nach dem 6. 'Dl ä r 3 1 9 3 3 in die NSDAP, und ihre Unterorganifatioen oder in den Stahlhelm Bund der Frontsoldaten eingetreten ist, darf eine Schußwaffe nur auf Grund eines ihm erteilten Waffen­scheins besitzen und führen und unterliegt im übrigen den Bestimmungen meiner Verordnung über die Ablieferung von Schußwaffen vom 13., 14. und 16. März 1933. Zuwiderhandlungen werden gemäß § 4 der Verordnung des Reichsprä­sidenten zum Schutze von Volk und Staat bestraft.

Oer Stahlhelm in Hessen.

Rücksprache Bl im Ttaatspräsidenten Tr. Werner,

WER. Darmstadt, 28. März. Im Zusam­menhang mit den Vorgängen in Braunschweig empfing Staatspräsident Sr. Kerner am Dienstagmorgen eine Abordnung des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten, unter Führung des Gauführers. Oberregierungsrat K e r p. Dr. Kerp betonte, daß ähnliche Vor­gänge in Hessen unmöglich seien. Er verbürge sich, mit seiner Person für die Richtig­keit dieser Behauptung einzustehen. Von der Stahlhelmabordnung wurde besonders darauf auf­merksam gemacht, daß in Hessen zwischen der C i n z e i ch n u n g in die Aufnahmeliste und der tatsächlichen V e r p f l i ch t u ng als Mit­glied eine ausgedehnte Prüfungszeit für die Bewerber eingeschaltet sei. Abschließend wurde von dem Führer des Stahlhelms noch die Frage erörtert, inwiefern eine Mitarbeit des Stahlhelms an den politischen Auf­gaben in Hessen möglich sei.

Oer VOA. ernennt Staats­präsident Or. Werner zum Ehrenförderer.

WER. Darmstadt, 28. März. Staatspräsi­dent Dr. Werner empfing am Dienstagabend den Vor st and des Vereins für das Deutschtum im Ausland. Der hessische Vorsitzende, Staatsrat Bloch, beglückwünschte Staatspräsident Dr. Werner und teilte ihm mit, daß der VDA. den Staatspräsidenten zum Ehrenförderer ernannt habe. Die Ab­ordnung überreichte dem Staatspräsidenten fol­gende Entschließung:

Angesichts der nationalen Erhebung, die durch unser deutsches Volk geht, bekennen wir uns erneut und freudig zu der vater­

ländischen Arbeit, die der VDA. seit 50 Jahren unablässig zu leisten bestrebt gewesen ist, und wir werden als ein Glied der na­tionalen Front unsere ganze Kraft e i n s e tz e n , daß die Volksgemeinschaft zu einem lebendigen Erlebnis des ganzen deutschen Volkes wird Denn im Siege der nationalen Front sehen wir auch den Sieg unserer 50jährigen Pionier­arbeit. Wir sind daher gewiß, daß die Regierung der nationalen Erneuerung dazu auch unsere Mithilfe und unsere gefestigten und bewährten Verbindungen mit den

B e r l i a. 28. Mär;. (TU.) Amtlich, heute vor­mittag fand zwischen Reichsminister Göring und dcm Stahlhelmführer Reichsminister Seldte eine Besprechung wegen der Vorgänge in Braun­schweig statt. Die eingehende Untersuchung ergab, daß es sich um eine rein lokale Angele- gen heil handelt, die im Laufe des Nachmittags von der Reichsregierung in Ordnung gebracht wird. Die Zusammenarbeit von SA.. SS. und Stahlhelm im gesamten Reichsgebiet wird durch diese lokalen Vorgänge in keiner weise berührt. Es besteht auf allen Seiten der einstimmige Entschluß, die kame­radschaftliche Zusammenarbeit dieser Verbände zu festigen und zu verbreitern.

Reichsarbeitsminister Seldte hat sich mit Be­gleitung in einem Flugzeug nach Braun- schweig begeben, um an Ort und stelle die Vorgänge im Braunschweiger Stahlhelm zu unter­suchen. In einem zweiten Flugzeug hat sich eine ge­mischte Kommission, bestehend aus dem Führer des Landesverbandes Berlin des Stahlhelms, Mcyor a. D. Stephani und dem persönlichen Adjutan­ten des Reichsinnenministers Göring, Hauptmann a. D. Körner, nach Braunschweig begeben. Reichsminister Seldte ist gegen 19 Uhr a u f dem Braunschweiger Flugplatz emge- troffen, wo er von dem braunschweigischen Innen­minister K l a g g e s und den Herren seiner 'Beglei­tung begrüßt wurde. Die Herren begaben sich sofort ins Regierungsgebäude, wo eine Besprechung statt­fand, an der neben Minister Dr. Küchenthal Landtagspräsident 3 Ö r n e r, SS. - Oberführer Saufet und die Herren, die aus Berlin eingetrof­fen waren, Hauptmann a. D. Körner und Major a. D. v. Stephani, teilnahmen.

Das Ergebnis der Besprechung war folgendes amtliche Kommunique, das der Vorsitzende des braunschweigischen Staatsministeriums Dr. Küchenthal der Presse übergab:

Die Reichsregierung erkennt die von dem braunschweigischen Innenminister 5 l a g g e s gegen­über dem Stahlhelm. Gau Braunschweig-Sladt. er­griffenen energischen Maßnahmen als berech­tigt an. Nachdem der Reichsarbeitsminister Franz Seldte als erster Bundcsführer des Stahlhelms die disziplinarische Erledigung der Angelegenheit zugesagt hat und die Ge­fahr einer illegalen Aktion marxistischer Organisationen unter falschem Decknamen besei­tigt ist. wird Minister klaggcs das für das Land Braunschweig ausgesprochene Verbot des Stahlhelms mit dem 1. April 1933 a uff) eben.

Eine Erklärung

-es Stahlhelm.

Berlin, 28. März. (Sil.) Did Reichs- Pressestelle des Stahlhelm, Bund der . Frontsoldaten, teilt zu den Vorfällen in Braun­schweig folgendes mit: Rach dem Bericht des ver­antwortlichen Landesamtschefs sind in den letzten Wochen überhaupt nur ganz verein­zelte Aufnahmen in den Stahlhelm erfolgt.

Ausländsdeutschen gern in An­spruch nehmen wird. Es erfüllt uns mit freudiger Genugtuung, uns mit Ihnen eins zu wissen in dem Bestreben zur Stärkung des deut­schen Volksbewußtseins daheim und draußen. Insbesondere rufen wir deshalb unserer Iu- gend zu: Ihr handelt im Geist der vaterlän­dischen Bewegung, wenn ihr noch mehr als bis­her eure Begeisterung für alles Schöne und Große in den Dienst des Vereins für das Deutsch­tum im Ausland stellt."

Hingegen haben sich die schriftlichen und persön­lichen Anmeldungen zum Stahlhelm aus den verschiedensten Bevölkerungskreisen in letzter Zeit von Tag zuTag gesteigert und am Mon­tag ein ungeheures Ausmaß erreicht. Es ist selbst­verständlich. daß jede Anmeldung zum Stahlhelm zunächst durch Ausfüllung eines An­meldeformulars mit genauer Anschrift fest­gelegt wird. Ebenso werden bei Anfragen ge­schlossener Belegschaften oder Gruppen die un- aufgeforderteingereichtenAnschrif- tenlisten entgegengenommen und auf­bewahrt. Diese Anmeldungen als Aufnah­men anzusehen und zu bezeichnen, ist der grundlegende Irrtum, dem die braun­schweigische Regierung erlegen ist.

Die Annahme der Anmeldung geschlossener Formationen, Welcher politischen Richtung diese auch angehören, hat die Stahlhelmführung in Braunschweig ebenso grundsätzlich abge­lehnt, wie dies überall im Reiche auf Grund einer Verfügung des Bundesamtes abgelehnt wird. Die erfolgte Aufnahme irgend­eines Marxisten oder gar geschlossener marxistischer Formationen in den Stahlhelm ist schon deshalb ausgeschlossen, weil gemäß den Bestimmungen des Stahlhelm jede An­meldung einer besonders sorgfälti­gen Prüfung unterzogen wird, weil die Dann vorgesehenen Aufnahmeanwärter eine mehr­monatige Probezeit durchmachen müssen und weil diese endlich aus alten Stahlhelmangehöri­gen zwei anerkannte Bürgen beizubringen haben, ehe sie sich zur Verpflichtung und damit zur Aufnahme stellen. Durch die eingeleitete Unter­suchung wird sich zweifellos ergeben, daß in Braunschweig leider Wohl die Rerven ver­loren gegangen sind, so daß durch Auf­bauschung ganz unpolitischer rein lokaler Zu­fälligkeiten eine vermeidbare Erregung in die Bevölkerung getragen ist.

Katholische Kirche und ASDAp.

Die Fuldaer Bischofskonferenz hebt Verbote und Warnungen auf.

Köln, 28. März. (SU.) Der Erzbischof von Köln, Kardinal Schulte, gibt für die Erzdiözese Köln eine Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz bekannt, in der es hrißt:

Die Oberhirten der Diözesen Deutschlands ha­ben aus triftigen Gründen in ihrer pflichtmäßigen Sorge für Reinerhaltung des katholischen Glau­bens und der unantastbaren Aufgaben und Rechte der katholischen Kirche in den letzten Iahren gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung eine ablehnende Haltung durch Ver­bote und Warnungen eingenommen, die so lange und so weit in Geltung bleiben sollten, wie diese Gründe fortbestehen. Es ist nunmehr anzuerkennen, daß von dem Höch st en Ver­treter der Reichsregierung, der zu­gleich autoritärer Führer jener Be­wegung ist, öffentlich und feierlich Erklärungen gegeben sind, durch die der Unverletzlich­keit der katholischen Glaubenslehre und den unveränderlichen Aufgaben

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und Rechten der Kirche Rechnung ge­tragen werde, sowie die vollinhaltl'.che Geltung der von den einzelnen deutschen Ländern mit der Kirche abgeschlossenen Staatsverträge durch die Reichsregierung ausdrücklich zu­gesichert wird. Ohne die in unseren früheren Maßnahmen liegende Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzuheben, glaubt daher das Episkopat, das Vertrauen hegen zu können, daß die vorgezeichneten allgemeinen Ver­bote und Warnungen nicht mehr als not­wendig betrachtet zu werden brauchen.

In Geltung bleibt die Mahnung, stets wachsam und opferfreudig einzutreten für Frieden und so­ziale Wohlfahrt des Volkes, für den Schutz der christlichen Religion und Sitte, für Freiheit und Rechte der katholischen Kirche und Schutz der kon­fessionellen Schule und katholischen Jugendorgani­sationen. In Geltung bleibt ferner die Mahnung an die politischen und ähnlichen Vereine und Or­ganisationen, im Gotteshaus und kirchlichen Funk­tionen aus Ehrfurcht vor der Heiligkeit derselben zu vermeiden, was als politische oder partei­mäßige Demonstration erscheinen und da­her Anstoß erregen kann. In Geltung bleibt end­lich die so oft und eindringlich ergangene Auffor­derung, für Ausbreitung und Wirksam­keit der katholischen Vereine, deren Ar­beit so überaus segensreich ist für Kirche, Volk und Vaterland, für christliche Kultur und sozialen Frie­den, stets mit weitblickender Umsicht und mit treuer opferwilliger Einigkeit einzutreten.

Zlugzeugunglöck bei Mxmmden.

Motorcxp osion. 14 Tote.

Brüssel, 28.März. (MTB.) Bei Dixmuiden ist ein englisches Verkehrsflugzeug, das sich auf dem Mege von England nach Brüssel befand, abge* stürzt. Es handelt sich um das dreimotorige, 1200 PS starke englische FlugzeugCity of Liver­pool der Imperial Airways Ltd., das um 13.36 Uhr vom Flughafen Brüssel in Richtung London auf- gestiegen war. An Bord befanden sich außer dem englischen Piloten ein Radiotelegraphist und zwölf Passagiere. Bei dem Unglück sind sämtliche In­sassen ums Leben gekommen.

Die Gendarmerie war aus dem benachbarten Lcssen sofort zur Unglücksstelle geeilt, konnte aber nur noch aus dem völlig verbrannten Ap­parat die verkohlten Leichen bergen. 3n einem Umkreis von 30 bis 300 Meter von der Un­fallstelle entfernt fand man die völlig zerschmetterten Körper von vier Fahrgästen, die offenbar versucht haben, im Augenblick des Absturzes aus dem Flug­zeug herauszuspringen. Die Trümmer des abge- stürzten Flugzeuges find weithin auf dem Boden ver­streut. Unter den verunglückten Fahrgästen befinden sich dr e i Deutsche (nach einer anderen Meldung vier Deutsch«, unter ihnen eine Dame), acht Eng­länder und ein Belgier.

Hebet die Ursache der schrecklichen Katastrophe ist man zur Zeil noch aus Vermutungen angewiesen. Offenbar haben die Motoren ausgesetzt, und es ist dcm Piloten nicht gelungen, die schwere Maschine im Gleitflug auf den Boden zu sehen. Bei dem heftigen Anprall müssen die Benzintanks Feuer gefangen haben. Das Flugzeug stand sofort nach seinem Aufschlagen auf den Boden in Flammen. Bei den zuerst geborgenen Leichen han­delt es sich um diejenigen Personen, die versucht hakten, ihr Leben durch rechtzeitiges Abspringen zu retten; darunter befand sich auch der Radiotele­graphist Albert F o o s. der im Jahre 1883 in Köln geboren ist. Das Flugzeug war bereits mehrere Jahre im Dienst und sollte bald ganz aus dem Ver­kehr gezogen werden.

Oie Bordkapelle.

Don Harry Reich.

Von irgendeinem Ahnen her bin ich erblich be­lastet! Von wegen musikalisch. Ich bin ein unver­besserlicher Mustkenthusiast. Als ich aus der Schule kam, hatte ich eine Zeitlang mal so einen richtigen Dpernfimmel. Alle Abende bezog ich meinen Stamm­platz auf der Stadttheatergalerie, bis ich Meyer- beer, Wagner und noch verschiedene auswendig kannte. Neidisch sah ich die musikbeflissenen jungen Leute in ihren Partituren blättern, die hatten doch erst richtig etwas davon. Ick mußte auch ein Instrument erlernen, das stand fest, irgendwie wollte ich Musik betreiben. An Versuchen dazu ließ ich es auch nicht fehlen, von der Maultrommel bis zum Cello habe ich schon so ziemlich alle. Instrumente einmal besessen, probiert und wieder verscheuert. Immer, wenn ich jemand sv recht schön spielen hörte, hatte ich sofort die fixe Idee:Das ist das richtige für dich, die Geschichte sieht so einfach aus, das mußt du auch können!" Aber ich konnte es doch nicht, ich fing immer gleich mit demTristan" an, selbst auf der Harmonika, und da brachte ick es dann immer nur bis zur traurigen Weise. So hatte ich mich schon damit abgefunden, dereinst eine Frau zu heiraten, die das an musikalischem Können mit­brachte, was ich an Begeisterung ooraushatte. Bis meine aktive Dienstzeit herankam, draußen auf dem kleinen KreuzerMöwe". Da wurde meine musika­lische Begabung anerkannt und ich in die Bord­kapelle eingereiht.

Jedes Auslandsschiff hatte nämlich früher seine Musikkapelle, die aus Leuten der Besatzung von einem dazu kommandierten Berufsmusiker ausge­bildet wurde. Das war bei uns Hoboistenmaat Karl Brünning, der Kapello. Er blies selbst das Tenor» Horn; für die Hauptinstrumente fanden sich einige Unteroffiziere, die schon auf anderen Schiffen mit­gespielt hatten. So Iulius, der Wachtmeister, für das zweite Tenorhorn und ein Steuermannsmaat für die Tromba. Die übrigen samt der großen Tuba hatten mehr oder weniger dann nurUmda-Umda" zu macken, der Tambour trommelte und mir wurde das Schlagzeug anvertraut. Ich hatte mich eigentlich aufs Blasen gespitzt, aber Kapello sagte mir heimlich, damit die anderen nicht neidisch wurden, daß das Schlagzeug das wichtigste Instrument, ja die eigentliche Seele einer Militärkapelle fei.

Weil wir die alten eingeübten Unteroffiziere hat­ten, waren wir fcknell eingespielt. Julius hatte sich früher selber das Blasen beigebracht, ohne fachmän­nische Korrektur, wobes er sich dann einige Unarten angewöhnt hatte. So pflegte er das Mundstück sei

ner Trompete halb in den Mund zu stecken, wie ein Kind die Saugflasche ihm fehlte derAnsatz", wie Kapello sagte. Weshalb er dann bei den musi­kalischen Höhepunkten kläglich scheiterte. Er strengte sich dann furchtbar an, blies die Backen auf wie einen Fußball, die schwarzen Augen, die immer ein bißchen dumm fragend guckten, strebten wie Schneckenhörner nach dem Notenblatt. Kapello, der das Unglück schon kommen sah, feuerte ihn mit Blicken an, die ein Pferd über den Top gejagt hätten.Ansatz, Wachtmeister, Ansatz!" schrie er. Jetzt fommt's. Bum, da hatte er's wieder verpatzt: heraus kam gar nichts oder ein jammervoller Ouietschton. Mich regte das jedesmal so auf, daß ich einige Takte zu schnell schlug oder ganz aussetzte. Der Tubamann, ein ganz junger Gast, fing an zu lachen und konnte nicht mehr tuten, die übrigen wurden unsicher und verstummten einer nach dem anderen. Kapello schmetterte noch eine Zeitlang ver­zweifelt weiter, fuchtelte mit seinem Horn und stampfte wütend den Takt, um die Streikenden wie­der zu neuem Sturm zu begeistern. Bis auch er das Nennen aufgab, erst den Tambour bremste, der stets wie ein Schießbudenautomat unentwegt weiter wir­belte, bis einer ihn abfteUte, und bann Julius einen furchtbaren Anschnauzer verpaßte. Regelmäßig war Julius beleidigt und behauptete, er hätte die Stelle einwandfrei gebracht.

Wir hatten bald ein ganz hübsches Repertoir. So die herrlichen Märsche ,Hoch die Feuerwehr" und Unter Kiautschou", die sogar ein Kapellmeister vom Garderegiment komponiert hatte. Dann das Pot­pourri:Unsere Lieblingsmelodien". Das dauerte beinahe eine halbe Stunde. Es war eine Samm­lung aller möglichen Stücke, die geistreich miteinan­der vernietet waren. Begann weihevoll mit dem Pilgerchor, woraus sich dann unerwartet die Holz­auktion im Grünewald entwickelte. In so neckischer Weise gings weiter, es kam immer ganz anders als man erwartete. Den Schluß bildete das Nieder­ländische Dankgebet, Fortissimo und Glockengeläuts. Das machte ich mit ein paar Stahlstangen, die ich dem Maschinisten geklaut hatte. Das klang so natür­lich, daß alle unsere Hörer vom Heimweh gepackt wurden. Unsere Glanznummer war der Espana- Walzer. Den hatte Kapello regelrecht mit uns ein­exerziert. Donnerwetter, das klappte aber auch. Mir wurde dabei recht deutlich, wie Künstler sich gegen­seitig anregen. Wir steigerten uns durch Zurufe dann zu höchster Begeisterung.

Feste, Karl, feste!"Auf ihn, gib ihm Saures, Harry!"

Ansatz! Julius! Ansatz!"

Und Julius nuckelte und nutschte wie ein junges Kälbchen, während Kapello die Melodie schmetterte.

daß den Zuhörern schwindlig wurde und sie sich in Gedanken die Zunge verhedderten. Die Tuba grunzte, daß der Mast mitzitterte und der Tambour und ich machten mit Pauke, Becken, Triangel und Kastagnetten einen Krach, wie eine Kesselschmied? bei Hochbetrieb.

Unser Bootsmann, der alte Obermaat Granzow, war dann immer ganz gerührt, er sagte, es erin­nerte ihn an feine Jugendzeit, als er noch bei Blohm & Voß auf der Werft arbeitete. Ich weiß nicht, wie er das meinte.

Er hatte dann immer das Bedürfnis, Julius, der sich erschöpft wie nach einem 6-Tage-Rennen den Schweiß abtrocknete, zu umarmen und mit ihm aus der Flasche zu trinken. Julius trank dann schwei­gend, seine fragenden Augen in die Ferne gerichtet. Ich habe mal wo gelesen:Das bleiche Haupt vom Kuß der Muse geweiht." Richtig! Genau so sah er aus, geradezu madonnenhaft:Minsch, Julius, wat kannst du Kirl blosen, wat hast du di nu bloß wedder affmaracht." Julius sagte nichts. Den Künstler ziert Bescheidenheit.

Einen großen Erfolg hatten wir einst in einem Kanakendorf Neu-Mecklenburgs. Die ganze Gesell­schaft geriet in Ekstase, schrie, sprang, tanzte und warf mit Speeren. Arn tollsten war der Häuptling, ein alter graubärtiger Kerl, der zu seiner nur durch ein kleines Läppchen unterbrochenen Nacktheit eine Briefträgermütze und einen Spazierstock als Hoheits­abzeichen führte. Er wollte mir die Becken gleich abhandeln. Drei Schweine bot er dafür. Ich lehnte ab. Erstmal war es kaiserliches Eigentum und übri­gens wäre ich in Arrest geflogen. Verschiedent­lich gaben wir auf drängenden Wunsch auch Kon­zerte an Land in den Europäersiedlungen. So z. B. in Herbertshöhe. Da gaben wir einen Symphonie­abend. d. h. wir spielten außer den beiden Märschen nur Stücke mit Kesselpaukenimitation,Die Rasen- bank am Elterngrab" und andere ergreifende Sa­chen. Namentlich der Kadettenmarsch, in dem ich als Solo einen zischenden Beckenschlag mit nachfolgen­dem Paukenschlag brachte, wurde auf Wunsch der begeisterten Pflanzer immer nochmal wiederholt. Bombiger Eindruck! Wir mußten immer noch einen zugeben und wurden mit Bier und Zigarren könig­lich bewirtet. So, daß wir auf dem Heimweg bös Schlagseite hatten und erheblich schlingerten, was uns aber nickt abhielt, dabei noch mit Musik zu marschieren. Das war in der Dunkelheit leichtsinnig. Es gab einen Ruck, die ganze Kapelle schob sich in­einander wie eine Hanoharmonika, ein Gepurzel und Geschrei. Endlich hatte einer Licht gemacht. Der Tubabläser war gestolpert, alles über ihn ge­fallen. Himmel! Wie sah die Tuba aus! Wie eine aroße Konservendose nach zweistündigen vergeb lechen Oeffnungsversuchen mit dem Brecheisen. Auch

meine geliebte Pauke war hinüber, daran war nicht mehr zu zweifeln, nachdem wir mit vereinten Kräf­ten den Tambour wieder herausgezogen hatten. Alle hatten mehr oder weniger was abgekriegt, alle schimpften. Nur Julius sagte nichts, er war an­scheinend mal wieder von der Muse geküßt. Aber wie ich näher hinsah, hatte er etwas in der Hand, das er tiefsinnig betrachtete. Es war sein bester Schneidezahn, den er eben aufgesammelt hatte. Er hatte bei dem Zusammenstoß zufällig malAnsatz" gehabt.

Oer Brigant auf dem Heuboden.

Auf ungewöhnliche Weise ist man des ..letzten! Räubers" von Istrien, Giovanni Stokowitsch, hab­haft geworden, dessen Leben von einer Roman­tik umgeben war wie das der (Briganten von Korsika. Stokowitsch, der Iugoslawe ist, wurde von der italienischen Polizei wegen vier Mord­taten und unzähliger Diebstähle gesucht. Aber die Landbevölkerung fürchtete ihn so, daß Iahre hin­durch niemand ~ den Behörden Hilfe zu leisten wagte. Während gan$e Srupps von Gendarmen und Schwarzhemden das Land nach ihm durch­suchten, machte er weiter ungestraft das Land un­sicher und entwich nur gelegentlich über die Grenze nach Iugoslawien, um seine Frau zu be­suchen. Schließlich bekam die Polizei heraus, daß Stokowitsch einen Kuhstall als Versteck benutzte, der bei einem Bauerngehöft in der Rähe vonRo- veria lag. Zwei Schutzleute schlichen sich, als Bau­ern verkleidet in das Haus und erkundigten sich bei den Bewohnern, die aber Stein und Dein schwo­ren, daß sie nicht d-zs geringste Verdächtige be­merkt hätten. In dem Stall standen vier Kühe, und eine Leiter führte auf einen Heuboden. Als cs dunkel wurde, langte eine größere Polizeistreife an, und sie kletterten zu dem Heuboden mit aufge­pflanzten Bajonetten hinauf. Aber sie sahen hier nichts als Heu. Als sie bereits enttä""'t sich wie­der herunterdegeben wollten, t>?m''mei sie plö - lich ein eigentümliches Geräusch, das wie Schnarchen klang. Als sie nun mit ihren Bajo­netten das Heu durchsuchten, fanden sie Stoko­witsch und zwei seiner Gefährten, die in Rischen schliefen, die sie in der Wand angebracht hatten und die sorgfältig mit Heu bedeckt waren. Die lang gesuchten Räuber wurden überwältigt und gefes­selt. Man fand auf dem Heuboden ein ganzes Waffenlager und eine reiche Ausstattung von Cin- bruchsgeräten. Stokowitsch zeigte die größte Kalt­blütigkeit und Ruhe. Er beglückwünschte die Po­lizei zu ihrer- Findigkeit und meinte, es tue ihm nur leid, daß kein Kino-Operateur anwesend sei, die Szene aufzunehmen ...