XV
arum LustsdHri-Werbewoche?
<1
<*
III.
Veranstaltungen in Gießen.
3n der Woche vom 25. Juni bi8 zum 2. 2uli 1933 findet im ganzen Reich eine Deutsche Luftfahrt-Werbewoche statt. Sie soll die breite Oeffentlichkeit davon überzeugen, daß die Luftfahrt eine Lebensnotwendigteit für Deutschland ist. 3eder vaterlandsliebende Deutsche soll durch die Werbewoche nachdrücklichst darauf hingewiesen werden, das; die Mithilfe bei dem Weiterausbau der Deutschen Luftfahrt vaterländische Pflicht und daß selbstlose Mitarbeit und Opferbereitschaft eines Jeden unumgängliche Rotwendigkeit für die Erreichung des Zieles ist.
3m Besonderen ruft die Werbewoche die deutsche Jugend aus, sich in der Luftfahrt aktiv zu betätigen.
Sie will in der Fügend Begeisterung. Lust und Liebe zur Fliegerei wecken. Die Fesseln, die Deutschlands Luftfahrt heute noch drücken, müssen fallen, frei und stolz sollen deutsche Flugzeuge, fest in der Hand erprobter Führer, den sreien Luftraum durchziehen, zum Schuh und Schirm deutscher Heimaterde.
3n Gießen wird die Werbewoche eine Reihe größerer und beachtenswerter Veranstaltungen bringen. Alle Arten des Flugsports werden zur Vorführung kommen, der einheimischen Bevölkerung soll gezeigt werden, daß in Gießen aus dem Gebiete der Luftfahrt schon viel geleistet worden ist, daß aber noch wesentlich mehr geleistet werden kann, wenn die gesamte Bevölkerung verständnisvoll an dem hohen und vaterländischen Ziele mitarbeitet.
Die Wcrbewoche beginnt mit einem Platzkonzert des Musikkorps des I. (Hess.) Grenadierbataillons 15. Inf.-Regts. am Donnerstag, um 18 ilbr, am Hindenburg-Wall. Gleichzeitig werden in den Anlagen am Hindenburg-Wall die Segelflugzeuge der Ortsgruppe Gießen im DLV., der Segelfliegergruppe des 1. (Hess.) Grenadier- Bataillons 15.Jnf.-Regts. und des SA.-Flieger- (türme Gießen ausgestellt werden. Arn Freitag findet um 19 Uhr ein
Werbemarsch des Jliegerffurme Gießen durch die Stadt nach dem Flughafen statt, wo um 20.30 llfjr ein Werbeabend veranstaltet wird. Der bekannte Gießener Segelflieger cand. med Fritz Schmitz wird einen kurzen, allgemein verständlichen Vortrag halten. Bei Eintritt der Dunkelheit wird der Fliegersturm ein Biwak an Lagerfeuern zeigen, unter Mitwirkung der Kapelle der Standarte 116.
Der Samstag ist dem Segelflugsport gewidmel.
Ab 16 älhr werden auf dem Flughafen Schau- und Wcrbeslüge der Segelfluglportgruppe der Ortsgruppe Gießen und der Scgclslicgergruppe des Gießener Bataillons und des Flicacrsturms Gießen gezeigt. Es kommen zur Vorführung die verschiedenen Arten der Starts auf flachem Gelände, Handstorts, Autofchlepp-Starts und ein Flugzeugfchlepp-Start. Gleichzeitig werden Passa- gier-Rundflüge mit Motormaschinen ausgcsührt. älm auch die Fugend für die Fliegerei zu begeistern, findet ein Kinderfest statt, bei dem ein Ballonwettbewerb mit Kinderballons zum Aus- trag kommt. Für die Ballons, die am weitesten geflogen find, werden ein Freiflug und Buch- preise ausgesetzt. Während der ganzen Veranstaltung konzertiert die Stahlhelm-Kapelle Gießen.
Am Sonntag um 15.30 Uhr findet auf dem Flughafen ein großer
Motorflugtag
statt. Zn diesem Programm sind vorgesehen: Parade» ausstellung des Fliegersturms und der Motor- und Segelflugzeuge der Ortsgruppe Gießen mit Besät» Zungen. Begrüßungsstaffelflug mit kunstftug im Verband, Zielabwürfe, Kunstflüge, Rückenslüge, Ballon» jagdbewcrb, Geschicklichkeitswettbewerb in Bodennähe, Segelflugzeugschleppstart des Segelflugzeugs„Geheirn- rat König", Fallschirm-Zielabsprung, Fessclbollonab- schuß. Folgende Flugzeugführer der Ortsgruppe Gießen in, DLV. nehmen teil: Fluglehrer Maier, Erbprinz zu Solms-Hohe ns olms-Lich, Died» richs, Schuster, Wiegmayer, Fritz Schmidt. Außerdem findet eine Gas- und Luftschutzübung größeren Stils statt. Während der Beranstoltung konzertiert die Kapelle der Standarde 116. Am Sonntagabend findet ein Gartenfest mit Sonderbeleuchtung auf der Terrasse des Flughafengebäudes statt. Das Konzert wird von der Kapelle Seitz ausgeführt. Bei gün- stiger^Witterung werden nach Eintritt der Dunkel- heit Starts und Landung mit beleuchteter Maschine ausgeführt. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Lediglich bei dem Flugtag am Sonntag werden nachmittags 30 Pf. (Kinder 20 Pf.) zur Deckung der Unkosten erhoben. Außerdem kommen am Sonntag Freiflüge zur Verlosung. (Siehe heutige Anzeige.)
Die Ortsgruppe Gießen im DLV. hofft, weiten Kreisen der Bevölkerung aus Stadt und Land durch die verschiedenartigen Veranstaltungen etwas Besonderes bieten zu können, sie glaubt aber auch erwarten zu dürfen, daß sie bei der national eingestellten Bevölkerung der engeren Heimat das nötige Verständnis für die Werbewoche und den zielbewußten Aufbau der Deutschen Luftfahrt findet. Deshalb darf bei den Veranstaltungen niemand fehlen, der es ernst nimmt mit seiner vaterländischen Pflicht.
Aus der provinzidlhauptstddt.
Warnung vor unberechtigten „Verhaftungen". Vie Slaatspressestelle Darmstadt teilt mit:
Es besteht Anlaß darauf hlnzuweiscn, daß Verhaftungen nur von Organen der ordentlichen Polizei vorgenommen werden dürfen. Auch Angehörige der Hilfspolizei dürfen nur gemeinsam mit Beamten der ordentlichen Polizei tätig werden.
wer — ohne Polizeibeamter ju sein — einen anderen „verhaftet", macht sich wegen Freiheitsberaubung und wegen Anmaßung von Amtsgewalt ftrafbar. Die Staatsautorität erfordert schärfstes Einschreiten gegen diese Eigenmächtigkeiten. Die Betroffenen werden ausdrücklich aufgefordert, Strafanzeige zu erstatten. Ge;.: Dr. Best
Aus dem hessischen Staatsdienst entlasten.
Auf Grund des Reichsgesetzes vom 7. April 1933 § 4 wurden mit Wirkung vorn 22. Juni aus dem hessischen Staatsdienst entlassen: Ministerialrat Friedrich Wilhelm Diehl (Darmstadt), Ministerialrat Jakob Jung (Darmstadt), Oberregierungsrat Wilhelm Henrich (Darmstadt) und Oberschulrot Karl F r i e d r i ä) (Darmstadt). Auf Grund des gleichen Gesetzes § 5, Absatz 2, wurde mit Wirkung vom 1.Juli Ministerialrat Hoffmann in Darmstadt auf sein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt.
-tAornottftcn
— Tageskalender für Mittwoch. Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplay: 15 bis 17 Uhr: Ausstellung „Vorformen künstlerischen Schaffens". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „SA.-Mann Brand".
*
Omnibus-Pendelverkehr zum Flughafen. Zu den auf dem Flughafen ftatt- findenden Veranstaltungen, Werbeabend am Freitag, Segelflugtag am Samstag, Motorflugtag und Gartenfest am Sonntag, wird von der Reichspost ein Pendelverkehr ab Ludwigsplah nach dem Flughafen und zurück eingerichtet. Der Pendelverkehr beginnt jeweils 1 Stunde vor Beginn der Veranstaltungen auf dem Flughafen. — 3m Lichtspielhaus Bahnhofstraße läuft ab 26. 3uni mit Rücksicht auf die Luftfahrt-Werbewoche der Film „Hochstraßen der Luft".
** Sonderzugfahrt zur Edertal- sperre verschoben. Der für Sonntag, 2.Juli, vorgesehene Derwaltungssonderzug von Lauterbach über Burg und Nieder-Gemünden—Kirchhain mit Flügelsonderzug von Gießen über Marburg (Vereinigung beider Züge in Kirchhain nach Waldeck) verkehrt erst am Sonntag, 9. Juli.
* Kameradschaft der Nachrichtentruppen Gießen. Am Sontag wurde in einer Versammlung in der „Stadt Lich" auch für Gießen eine Ortsgruppe der Kameradschaft der Nachrichtentruppen gegründet. Die Anregung war von der Ortsgruppe in Frankfurt a. M. ausgegangen. Aus Gießen und Umgegend meldeten sich sogleich 35 Mitglieder, dazu kommen noch ebensooiele aktive Kameraden des Nachrichtenzugs des Jnf.-Regts. 15 unter ihrem Führer, Oberleutnant Knetsch. Die Versammlung wurde geleitet von dem Kameraden Neichsbahnbetriebsassistenten Christ. Klotz. Karne- rad Oberpoitsekretär Scherer aus Frankfurt a. M. gab einen Ueberdlick über die Entwicklung der Organisation in Hessen und Hessen-Nassau, schilderte, wie in den Jahren nach dem Krieg die Gründung unter dem Druck der Verhältnisse immer wieder auf Schwierigkeiten stieß, wie aber mit dem Umschwung
und dem Neuerwachen des deutschen Willens nun- mehr der erste Anstoß genügte, um überall Ortsgruppen entstehen zu lassen, die sich unter der Führung des Waffenrings der deutschen Nachrichtentruppen zusammenschlossen. Zum Vorsitzer wurde durck; Zuruf einstimmig Kamerad Klotz ernannt, der den übrigen Vorstand in folgender Form be- stimmte. 2. Vorsitzer Herr Oberleutnant K n e t s ch, 1. Schriftführer Dr. H e u ß e l, 2. Schriftführer Dr. Heil (Steinberg), 1. Kassenwart Reichsbahnassistent A p p e l, 2. Kassenwart Elektromonteur Bechtold (Klein-Linden). Zusammenkünfte sollen regelmäßig ftattfinben. Die Gründungsoersammlung schloß mit einem „Sieg-Heil!", auf das deutsche Vaterland, auf den Reichspräsidenten o. Hindenburg und den Volkskanzler Adolf Hitler. Gemeinsam wurden das Deutschland- und das Horst-Wessel Lied gesungen.
Neue kommiffarische Bürgermeister und Beigeordnete in Hessen.
Die Staatspressestelle teilt mit: Die nachstehen- den Bürgermeister und Beigeordneten wurden kommissarisch in ihr Amt eingesetzt:
Gonsenheim: 3ean Seid an Stelle des zu- rückgctretenen Beigeordneten Pros. Schäfer;
Drauerschwend Willi Stroh an Stelle des Bürgermeisters Reibiing und Karl Zinn II. an Stelle des seitherigen Beigeordneten Willi Stroh;
Gensingen: Johann Rumpf an Stelle des Beigeordneten Rikotaus Blank;
Asselbrunn: 3akob Lust an Stelle des Beigeordneten Johann Geist;
König Kaufmann Heinrich Keller, seither Beigeordneter, an Stelle des zurückgetretenen Bürgermeisters Hofferberth;
Airlenbach Peter Kaiser an Stelle des zurückgetretenen Bürgermeisters Rebscher;
König. Ortsgruppen.eiter Hill an Stelle des seitherigen Beigeordneten Keller;
Billertshausen. Otto Merlau, seither Beigeordneter, an Stelle des zurückgetretenen Bürgermeisters Kalbfleisch und Karl Schlitt an 6 e le des seitherigen Beigeordneten Merlau;
Dietzenbach lyeorg Steinhauer X. für den seitherigen unbesetzten Beigeordnetenposten;
Froschhausen: Obersteuersekretär Otto Schmi t ür d.n seither unbesetzten Beigeordneten- posten;
Muschenheim: Hermann Haupt an Stelle des zurückgetretenen Beigeordneten H. Kutt ll.;
Dettenhausen: Maurermeister 2oh Balser an Stelle des Beigeordneten Heinrich Rücke!;
Ober-Bessingen: Eduard Fritz an Stelle des Bürgermeisters Keil.
Große Spende für die Opfer der Arbeit.
WSN. Frankfurt a. M., 26. Juni. Der Aufruf des Führers für die Opfer der Arbeit ist bei den nationalsozialistischen Beamten freudig aufgegriffen worden Der Leiter der Beamtenabteilung der Partei, Reichsstatthalter Sprenger, hat als erstes Ergebnis der von ihm eingeleiteten Sammlung 150 000 Mark dem Konto für die Opfer der Arbeit zugeführt. Die Sammlung ist weiter im Gange.
Staatliche Unterstützung der Marburger Testspiele.
DSR. Marburg, 26. Juni. In Würdigung des kulturellen Wertes der Marburger Festspiele hat der preußische Kulturminister zur Finan- zierung der diesjährigen Marburger Festspiele einen namhaften Betrag überwiesen.
Der Weg durch die Hölle.
Oie Unterzeichnung des Diktates von Versailles. — Ein Augenzeugenberichi aus den Schictsalstagen des deutschen Volkes.
'on Ttolf Brandt
Im Schloßhof von Versailles am Tage der Unterzeichnung des schicksalschweren Dokuments.
II.
£ün unsere Ehre.
Roch einmal hot im Auftrage der Regierung der Gesandte v. H an ie l in Versailles eine Rote übergeben, in der gegen den Inhalt des Friedensvertrages protestiert wird. Die Vorbehalte werden nachdrücklich hervorgehoben, und es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die auferlegten Bedingungen das Maß dessen übersteigen, was Deutschland leisten könne. Es müsse schon jetzt die Verantwortung für die Fo gen dieser Tatsache ablehnen. Roch an demselben Abend enttonrtet Clemenceau: „Es verbleiben weniger als 24 Stunden ... Die Zeit der Erörterungen ist vorbei ... Die Alliierten können keine Abänderungen oder Vorbehalte annehmen oder anerkennen ... Sie fordern eine unzweideutige Erklärung der Vertreter Deutschlands, ob sic gewillt sind, den Vertrag in seiner Gesamtheit und in seiner endgültigen Form zu unterzeichnen oder abzulehnen ... Rach der Unterzeichnung ist Deutschland verantwortlich für die Ausführung sämtlicher Bestimmungen."
Jetzt zeigt sich — es wird entscheidend sein für die ganze Zeit — das Parteiwesen in feiner ganzen Verantwortungslosigkeit und Schäbigkeit. Am Morgen des 23. Juni gibt es fein Dersteck- spiel mehr. Am Spätnachmittag muh die Entscheidung in Paris vorliegen. Man vereinbart gegenseitig „Ehrenerklärungen", die eigentlich unter anständigen Menschen selbstverständlich find, daß nämlich auch die 2a-Sager von vaterländischer Gesinnung getrieben worden seien
Rach dieser Vereinbarung ist der Weg frei für den letzten Akt, nämlich die Fest tellung durch Abstimmung, daß der Beschluß vom Vortage auch die Ermächtigung zur vorbehaltlosen Untcr- zeichnung in sich schließe.
Roch kurz zuvor sind 68 von den 91 Abgeordneten des Zentrums unschlüssig gewesen, wie sie abzustimmen hätten. Erzberger läßt alle seine Künste der llebcrreöung auf die Frak.ionsgenossen los „Ces ist sicher, daß wir wieder Krieg habe, wenn wir ablehne, und dann zerschieße die Franzose den Dom in Köln!"
Man sieht ihn halb ungläubig an. Deutschland besehen, ja, das können die Franzosen. Aber auf Städte schießen, die sich nicht wehren?
Also in Weimar kMnmen sie zur Schluhabstim- mung. Vergeblich versucht Schuly-Brom- b e r g im Romen der Deutschnationalen eine namentliche Abstimmung herbeizuführen. Fehrcn- bach läßt abstimmen durch Erheben von den Plätzen. Er ist, wie er es später als Reichskanzler fein wird, zu Tränen gerührt. Crz- berger hat gesiegt, und fein Parteigenosse Fehren- bach weint. Ein furchtbares, wie es sich zeigen wird, symbolisches Schauspiel ..
Roch Versailles geht sofort ein Telegramm ab, das um 16.45 älhr, also ein und eine halbe Stunde vor Ablauf des Ultimatuma, überreicht wird.
Da Legationsrat v. Lersner es nicht über sich bringt, die Rote selbst zu überreichen, vollzieht sich die Uebergabe in einem versiegelten CBrief durch einen Bureaubeamten. „Die Regierung der Deutschen Republik Hat aus der letzten Mitteilung der alliierten und assoziierten Regierungen mit Erschütterung gesehen, daß fie entschlossen sind, von Deutschland auch die Annahme derjenigen Friedensbedingungen mit äußerster Gewalt zu erzwingen, die, ohne eine materielle Bedeutung zu besitzen, den Zweck verfolgen, dem deutschen Volke seine Ehre zu nehmen. Durch einen Gewaltakt wird die Ehre des deutschen Volkes nicht berührt ... Der übermächtigen Gewalt weichend, bereit ist ... auferlegten Bedingungen anzunehmen und zu unterzeichnen, gez.: Hermann Müller."
Paris gerät in einen Freudenrausch Alle Glocken beginnen zu läuten, die Regimentskapellen spielen auf dem Place de la Concorde und auf den Boulevards. Die öffentlichen Gebäude und Denkmäler werden illuminiert.
Die Ausnahme der Friedensnachricht an diesem Abend bei der französischen Rheinarmee aber ist so: Von der Grenze des Elsaß bis nach Worms steht die französische achte Armee zum Vormarsch bereit. 2n Darmstadt, dem Okkupationsziel des ersten Tages, sind die Quartiere im voraus bc- stimmt. Riemand ist vergessen, die Kriegskorrespondenten mit eingeschlossen, die auf die im Register noch fehlenden Emotionen des Guerilla- krieges harren. 2n den Ortschaften bilden die Einwohner schweigende Gruppen und sehen der Schicksalsstunde entgegen. Ein Stafettenreiter trifft im Ortskommando ein mit dem erlösenden I
Befehl. Es ist eine chiffrierte Depesche, die im Kodex lautet: „Schließt die Tore!" Das heißt: stellt den Alarm ab und laßt die Truppen ihrs normalen Positionen beziehen.
Die Friedenskunde verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die Armee. 2n Wirklichkeit ist diese Armee wie erlöst, daß sie nicht marschieren muß, denn sie hat noch die ganzen älteren 2ahr- gängc bei sich. „Es ist vorbei! Die Deutschen unterzeichnen!" Sie schreien in aufgelösten Gruppen: Cs lebe der Reservemann!
Cs steht fest, daß die englische Armee nicht mehr marschiert wäre. Sie hatte außerdem zweitausend Automobile verbrannt, um den Vormarsch überhaupt auch praktisch unmöglich zu machen.
Auf dem Kölner Hauptbahnhof kommt um diese Zeit, ein paar Stunden vor dem Zug, in dein die deutschen Minister, die sich zur ilnteueid)- nung bereit gefunden haben, sitzen, der üoliche I)-Zug mit dem angehängten Delegationswagen an. Es ist als einziger Deutscher ein 2ournalift in diesem Wagen. Sofort stürzt eine Anzahl französischer Offiziere auf den Deutschen zu:
„Wird man unterzeichnen? Wo sind Ihre Minister?"
Die fiebernde Rervosität der Franzosen ist ganz ungeheuer Der Sohn des Senators Le Bourget tritt auch an den Wagen: „Unter- zeichnet man wirklich nicht?" Cs ist keinerlei Siegesfreude in feinem Ton. Der Deutsche antwortet: „2ch weiß es nicht, ich hoffe nicht." Auf dieses Wort hin treten die französischen Offiziere zurück. Ihre Aufregung sprengt fast die Formen. Das sind Menschen, denen man ansieht, daß sie fürchten, im letzten Moment die Siegesbeute zu verlieren, deren sie sich schon ganz sicher glaubten.
Ein englischer Oberst steht unfern der Gruppe und lächelt verachtungsvoll.
Der militärische Adjutant Lloyd Georges. Kapitän Cook, der auch in Köln in den Zug steigt, sagt zu dem Deutschen:
„Diese Szene müßte mein Minister sehen." „Warum?"
„Er würde bann wissen, daß er recht gehabt hot." „Der Tag von Versailles..." Die Franzosen lassen ihn strahlen wie einen seltenen Stein, und er ist nur eine Folge von Szenen wie auf her Rennbahn, wo die Wetter am Schalter schieben und eleganbtc Frauen nach Schauspiel drängen und Schauspiel bieten. Cs gibt nur eine Minute in dieser Versammlung von Reugier. Eitelkeit und Beschränktheit, in der das Flüstern, die Komplimente und das Reden von politischen Geschäften schweigen, das ist, als der erste der beiden deutschen Delegierten unterschreibt.
Wilder Ansturm gegen die hohen Gittertore. Hunderte von Frauen und Männern btängen vorwärts, stoßen gegen die Mauer, die von der republikanischen Garde gebildet wird. Es nützt wenig, daß die Soldaten immer wieder rufen: „Rur die roten Karten geben hier Einlaß!" 2hr „Zurück, meine Damen und Herren", verhallt immer aufs neue in den von Reugier getriebenen Massen, die den Weg zum Schauspiel mit jedem Mittel erzwingen wollen. Französinnen, Engländerinnen, amerikanische Schwestern, Herren und Damen der Gesellschaft, die dabei sein wollen, drängen durcheinander. Man kennt das Bild, man kennt die Eleganz...
Man geht durch die Säle, deren Bilder prahlen, daß Frankreich historisches Recht, auf Unrecht, gegen Deutschland habe. Kleine Tische sind überall ausgestellt, an denen Briefmarken mit dem Stempel des Tages und der Friedenskonferenz abgestempelt werden. Sie find umdrängt; die Frankenstücke klingen, die Scheine fliegen. An der Tür des langen, siebzehnfenstrigen Spie- aelsaales stehen wieder mit roten Helmbüschen die Posten der republikanischen Garde und prüfen die Karten.
Cs wird wieder das hübsche Spiel getrieben, daß man passiert, als „bekannt" zurückkehrt und die rote Karte der Dame des Herzens oder dem Mann, dem man verpflichtet ist, bringt...
(Schluß folgt.)
Taten für den 28. Ium.
1815: der Komponist Robert Franz in Halle on der Saale geboren (gestorben 1892); — 1853 der Mediziner Gustav Adolf von Stümpell in Neu-Auß geboren (gestorben 1925); — 1865: der Dichter Otto Julius Bierbaum zu Grünberg (Schlesien) geboren (gestorben 1910); — 1914: Erzherzog-Thronfolger Franz jerbinanb von Oesterreich-Este (geboren 1863) und seine Gemahlin in Serajewo ermordet'__
1919: Unterzeichnung des Diktats von Versailles.'


