Die Abrüstungskonferenz soll sich bss Zum 16. Oktober vertagen.
Oie englisch-französische Verschleppungstaktik dringt im Präsidium gegen den energischen Widerspruch Deutschlands durch.
Genf, 27. Juni. (WTB.-Funkspruch.) Botschafter N a do lny hatte heute vormittag Besprechungen mit dem Präsidenten der Abrüstungskonferenz Henderson und dem englischen Vertreter Unterstaatssekretär Eden. Henderson teilte Nadolny mit, das; es ihm nicht gelungen sei, bis jetzt für die Vorbereitung der zweiten Lesung des englischen Konventionsentwurfes den in Aussicht genommenen Teil der Zustimmungen erhalten zu haben. Er sehe nicht, wie jetzt die Arbeiten des Hauptausschusses mit Erfolg weiter geführt werden könnten, und er sei infolgedessen für eine Vertagung der Konferenz bis nach der Völkerbundsversammlung. Einen ähnlichen Standpunkt nahm der englische Vertreter Eden ein. Auch er vertrat die Auffassung, daß man Henderson noch Zeit geben müsse, um die zweite Lesung des englischen Konventionsentwurfes vorzubereiten.
Demgegenüber betonte der deutsche Dvlegations- führer sowohl Eden als Henderson gegenüber, daß die Arbeiten der Konferenz fortgesetzt werdenmüßten und daß keinAnlaßzurVer- tagung vorhanden sei. Eventuell könne Henderson die notwendigen Besprechungen ja hier in Genf sühren.
Das erweiterte Präsidium der Konferenz trat am Nachmittag zusammen, um eine Entscheidung zu treffen. Das Präsidium der Abrüstungskonferenz Hal nach einer eineinhalbstündigen bewegten Aussprache hinter verschlossenen Türen gegen den kategorischen Widerstand des deutschen Vertreters Botschafter N a - dolni) beschlossen, dem Hauptausschuß die sofortige Vertagung der Konferenz bis zum 16. Oktober vorzuschlagen. Der h a u p t a u s s ch u h, der ursprünglich erst am 3. Juli zusammen treten sollte, ist bereits zum nächsten Donnerstag, 29. Juni, einberufen worden. Auf der Tagesordnung steht als alleiniger Punkt der Vorschlag des Präsidiums auf Vertagung der
Konferenz.
3h einer mit großer Entschiedenheit vorgetragenen Rede bedauerte Botschafter Nadolny vom deutschen Standpunkt aus den ergebnislosen Verlauf der Londoner Besprechungen und verlangte, daß der Konferenzapparat jetzt sofort wieder in Gang gesetzt werde. Eine erhebliche Klärung zuminde-ten Präzisierung der großen Streitfragen
sei durchaus möglich. Botschafter Nadolny unterstrich, daß gegenüber Deutschland bisher stets die Methode angewandt worden sei, Deutschland bei grundsätzlichen Streitfragen unter schärfsten Druck in der Richtung einer sosortigenCntschei- d u n g zu setzen und das Konferenzschicksal von der deutschen Entscheidung abhängig zu machen.
Bei der Polizeifrage und der Milizfrage hätte die deutsche Regierung eine sofortige verantwortliche Entscheidung getroffen, u m d i e Weiterführung der Konferenz zu ermöglichen. Jetzt dagegen sei festzustellen, daß die übrigen Großmächte einer ver- antwortlichen Entscheidung ausweichen und eine uferlose Verschleppung der Kon- seren; beschließen. Die öffentliche Weltmeinung würde die Vertagung der Konferenz als ein höchst pessimistisches Zeichen für den Ausgang der Gesamtkonferen; beurteilen.
Botschafter Radolny richtete an den Präsidenten Henderson die formelle Frage, ob seitens der Regierungen der Großmächte bindende Zu s t - cherun gen für die sofortige A u f - nähme von direkten Berhandlun- gen zur Klärung der grundsätzlichen Differenzpunkte vorlägen.
Die englisch-französischen Plane Haben sich damit vollständig durchgesetzt. Der ursprünglich im Juni vom Hauptausschuß beschlossene Beginn der abschließenden Lesung des englischen Abrüstungs- entwurfes ist damit auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden. Der deutsche Widerstand fand auf keiner Seite Unterstützung. Präsident Henderson teilte lediglich mit, daß die englische, französische und amerikanische Regie- rung und die Mächte der Kleinen Entente ihm die formelle Zusicherung gegeben hätten, in der Vertagungspause in private Besprechungen zur Klärung der großen grundsätzlichen Streitfragen einzutreten. Mit diesem Borwand hat Präsident Henderson die Berta- gung der Abrüstungskonferenz bis zum 16. Oktober durchgesetzt. Es kann kaum ein Zweifel bestehen, daß der Hauptausschuß am Donnerstag gegen den Widerstand Deutschlands den Vorschlag des Präsidiums annehmen und sodann sofort auseinandergehen wird. Somit liegt die Tatsache einer neuen völlig unbegründeten und zweifellos außerordentlich gefährlichen Verschleppung der gesamten Abrüstungsfrage vor.
Die Neuordnung der Evangelischen Kirche Preußens. Siaaiskommiffar Zager über Ursache und Sinn des staatlichen Eingreifens.
Berlin, 27. Juni. (TU.) Der Staatskommissar für die evangelischen Kirchen in Preußen, Jaeger, sprach im Rundfunk über die kirchliche Lage in Preußen. Er führte u. a. aus: Cs war von Seiten des Staates nicht mehr möglich, dem Zerreißen des Volkes zuzusehen, wie dies sich in dem unseligen Streit über die Reichs- bischossfrage zeigte. Eine solche Gefährdung der durch Adolf Hitler geschaffenen Volcs.inheit war und ist nicht nur im Interesse des Staates, sondern auch gerade im Interesse der Kirche und der wichtigsten Teile der Kirchen, nämlich des Kirchenvolkes unerträglich. Das Vorgehen des Staates in der Kirchensrage bedeutet darum nicht einen Eingrips des Staates in das religiöse Leben. Der Staat fühlt vielmehr die Verpflichtung, helfend und ordnend einzugreisen, um die Voraussetzungen für die Regelung der kirchlichen Fragen zu schaffen.
Oer Gpazierfahrer.
13on Derma n Linden
Abend, einige Minuten nach sieben Uhr. Um diese Zeit ändert sich die Physiognomie oes Straßenbildes. Fabriken und Geschäfte schließen. Aus Höfen, Ladentüren und Hauseingängen wälzen, stoßen und schieben sich neue Riesenmengen von Menschen, Kunden und Angestellten, Menschen, die müde sind, die nicht weit gehen, nur bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. So entstehen plötzlich Gruppen. Der Verkehr flutet nicht mehr- Inseln gleiten hindernd in den Rhythmus. Das märchenhaft schöne Abendrosa des blaugrauen Himmels erbleicht hinter auftauchenden herbstlichen Nebelschleiern. Da aber beginnt es an den dunkelnden Häusern zu leuchten, zu glühen, zu strahlen und zu flimmern, Lichter in allen Farben, schnell und zahllos erblühend, wie von unsichtbaren Zauberern angeknipst. Minuten der Illusionen, die man lieben muß.
Wieder wie jeden Abend gehe ich in diesen Minuten in den Straßen spazieren, obwohl das kein ^i.nes Vergnügen ist, da es unmöglich ist, allen Stößen auszuweichen, die der gesteigerte Verkehr mit seinen eiligen Ellenbogen heftig verteilt.
Da naht das Erlebnis dieses Abends, eine Sensation der Straße, ein Traumbild im Alltag. Eine historische Lohndroschke. Sie ist leer — natürlich ist sie leer, wird jeder denken. Der Verkehr stockt. Die Menge vergißt Eile und Ziel Am Rande der Bürgersteige bilden sich Mauern. Mauern des Staunens, der Neugier, schließlich aber auch des Spottes. Zartgefühl ist kein Gewächs der Straße, sondern eine heimliche Blume.
Auf dem Bock sitzt der Kutscher, ein alter Mann mit rotem Gesicht, in traditioneller Tracht: blauer Mantel und lacküberzogener Filzhut. Keine Miene verzieht der Kutscher, obwohl er das Augenziel der Masse ist. Hurtig rennt das alte magere Pferd über die Hauptstraße. Kein Hindernis ist da, alles weicht zurück vor der Erscheinung. Menschen, Autos und Straßenbahn. „Ho, ho!" rufen die Menschen dem Kutscher zu. Ein Zuruf voll Spott, Mitleid und Heiterkeit.
Nur die Taxichauffeure, ebenfalls gebannt vvn der lebenden Erscheinung einer toten Vergangenheit, einem Tod, den sie verursacht haben, unfreiwillig, als Vermittler eines neuen Tempos, sie allein sehen dem alten Mann mit der leeren Droschke, die in der Stadt niemals mehr einen Fahrgast haben wird, stillen Blickes nach. Jetzt biegt der Kutscher in eine Seitenstraße ein. Gespenstisch erleuchtet in diesem Augenblick ein blendend heller Reklamescheinwerfer das jetzt grotesk wirkende Gefährd lind nun löst sich
Zu der ernsten Sorge des Staates um das gefährdete Volk und die Kirche trat hinzu, daß die evangelischen Landeskirchen der altpreußischen Union einen offenen Rechtsbruch begingen. Cs wurde nämlich die verwaiste Stelle des Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrates in Berlin durch die Kirchenleitung mit einem kommissarischen Vertreter besetzt, ohne daß die nach Artikel 7 des Konkordates erforderliche' Anfrage an die preußische Staatsregierung gerichtet worden wäre. Cs liegen bestimmte Tatsachen für die Richtigkeit der Annahme vor, daß dieser Schritt der Kirchenleitung in der Absicht geschah, die geseh- und vertragsmäßig festgelegte Einsichtnahme des Staates zu umgehen. Ein solch flagranter Rechtsbruch mit so erheblicher Bedeutung für die Entwicklung der Dinge in unheilvoller Dichtung konnte nicht geduldet werden. Es
der Kutscher aus seiner Starrheit, aus seiner kalten, abweisenden Stille, er erhebt sich vom Sitz, wendet sich zurück zu der ihn mit Blicken und Worten unentwegt verfolgenden Menschenmenge und knallt mehrmals mit der Peitsche. Höhnischer Gruß einer diabolischen Gestalt, einer unrealen Operettenfigur. Wenige Jahre genügen, um aus einem alltäglichen Lohnkutscher, der zu festgesetzten Stunden jederzeit an einem der öffentlichen Verkehrsplätze zu finden war, eine theatralische Märchenfigur zu machen. Mit diesem Manne müßte man einmal sprechen, denke ich, schnell, aber doch schon zu spät, denn die Droschke ist bereits verschwunden, und bis eine Taxi sich den Weg durch den jetzt wieder zusammenströmenden Menschenverkehr gebahnt hat, ist die Droschke längst unerreichbar geworden, sie, die Langsame.
Ich setze meinen Spaziergang fort. Das Erlebnis hat mich in eine Stimmung versetzt, die mir den Aufenthalt in der lauten Innenstadt unleidlich macht. Ich komme in westliche, stillere Straßen.
Ein freier Platz, Autoparkplatz. Nachlässig gleiten meine Blicke über die leuchtenden Wagen. Da — nur, weil es wahr ist, wage ich es hinzuschreiben — mitten zwischen den feudalen Verkehrsmitteln der Gegenwart steht eine Droschke. Seit Jahren hatte ich keine Droschke mehr in der Großstadt gesehen und nun zwei, so schnell hintereinander? Unmöglich. Es muß die Droschke von vorhin sein, das Gaudi der Hauptstraße.
Auf der anderen Seite des kleinen runden Platzes sehe ich jetzt auch eine Wirtschaft. Aha, dadrin wird er sitzen, denke ich, einen Schoppen trinken. Ich betrete die Wirtschaft. Sie ist voller Menschen und Rauch. Kleine Bierwirtschaften sind zu jeder Zeit voller Menschen und Rauch. An einem der verblaßten und oerschnitzten Höhnische sitzt der Kutscher. Es scheint mir, er ist es. Ich setze mich an einen Tisch, der noch leer ist. Lange bleibt er nicht leer. Zwei junge Männer kommen. Während ich noch überlege, ob ich sie ansprechen soll, um mich über den Kutscher zu erkundigen, sagt der eine: „Der verrückte Peter ist ja auch wieder da!" Da der andere junge Mann nicht weiß, von wem die Rede ist, entsteht ein kleiner Dialog, der auch mich aufklärt.
„Von wem sprichst du?"
„Da von dem alten Kutscher!"
„Ist das der verrückte Peter?"
„Ja. Kennst du den denn nicht?"
„Nein'"
„Der kommt doch alle paar Wochen in die Stadt, und nachdem er spazieren gefahren ist, hier in die Kneipe, wo er früher immer frühstückte."
„So. Wanim nennst du denn den Mann den verrückten Peter?"
ist auch rrsr, baß sich cine crfo^rliche Maßnahme des Staates nicht nur auf den Bezirk der altpreußischen Kirche erstrecken, sondern, wenn sie sich in voller Wirksamkeit entfalten soll, auf den Bereich sämtlicher evangelischer Kirchen Preußens ausgedehnt werden sollte.
Es muß angedeutet werden, daß die Gesamtlage von Volk, Staat und Kirche die Beachtung folgender Gesichtspunkte fordert. Das den evangelischen Bekenntnissen eigentümliche Glaubensleben sowie die religiösen und kirchlich wertvollen Einrichtungen m den einzelnen Gemeinden und Kirchen sollen keineswegs gehemmt oder angetastet werden. Die Eingliederung deutscher Art und deutschen Volkstums in die Kirche, wie sie von der nationalen Bewegung mit Recht gefordert wird, soll den Glauben der Väter und die Verehrung Gottes nicht etwa verkleinern oder durch andere dem christlichen Glauben nicht angemessene Elemente ersetzen, sondern vielmehr diesen ch r i st- lichen Glauben verdeutlichen, klären und dem Volk insbesondere in seinem der christlichen Idee fremden Teil dem christlichen Glauben näher bringen und aufs neue lieb und wert machen. Sie soll der nationalen Bewegung den unentbehrlichen religiösen und kirchlichen Unterbau liefern und Kirche und Volk sich aufs neue finden lassen.
Wir stehen in einem großen Werk. Es kann nicht geduldet werden, daß die Vollendung einer solchen, zunächst auf das Aeußere, dann auf das Innere gerichteten Aufgabe von Kräften sabotiert wird, die „Kirche" sagen und sich selbst meinen. Das trifft auch zu auf den Versuch einer Klageerhebung nach dem Beispiel Severings. Der Staat kann im Interesse seiner hohen Aufgabe solche Wider- stände nicht dulden, sondern muß sie als Revolte, gerichtet gegen die Staatsautorität, betrachten und niederschlagen.
Wir müssen, wie ich dies in der Kundgebung vom 26. Juni betont habe, für die Abwendung des bolschewistischen Chaos Gott und seinem Werkzeug Adolf Hitler nicht genug Dankes schuldig sein, denn nur das Bestehen der Nation ermöglicht das Bestehen einer geordneten und dadurch arbeitsfähigen Kirche.
Kirchlicher Notstand und geistliches Recht.
Berlin, 27. Juni. (TU.) Der evangelische Preßverband teilt mit: Es ist beachtenswert, daß in der amtlichen Verlautbarung des preußischen Kultusministers zum Notstand in der evangelischen Landeskirche Preußen das Wort „Gleichschaltung" nicht vorkommt. Der Staat versteht sein Eingreifen ausdrücklich als .vorübergehende Maßnahme. Die Neuordnung der irdischen Organisation der Kirche bezweckt nicht eine gefesselte Kirche, sondern ein ungestörtes Zusammengehen von Volk und Kirche. Das Gemeindeleben der evangelischen Kirche und die Erneuerung des Staates dürfen nicht mehr als Gegensätze ausgerufen' werden. Gegen das Dogma einer unverantwortlichen Entzweiung von Staat und Kirche wendet sich die positiv christliche Obrigkeit mit nachhaltiger Entschiedenheit. Wenn in diesem Zusammenhang z. B. ein Generalsuper- i n t e n d e n t von dem Beauftragten des Staates, der das landesherrliche Kirchenregiment vertritt, beurlaubt wird, so ist das geistliche Recht in Wahrheit auf feiten des staatlichen Laientums.
Es muß der Gemeinde die Gelegenheit gegeben werdey, die ungebrochene Männlichkeit des neuen Staates ihrerseits zu bejahen. Es muß dem Staate die Gelegenheit geboten werden, daß seine entkirchlichten Glieder es mit einer g e g e n w a r t s f r e u d i g e n G e - m e i n d e zu tun bekommen. Die üblichen ewigen Widersprüche und Vorbehalte gegen den Staat erzeugen unfruchtbares Pathos und täuschen durch einen falschen Heiligenschein. Dieser- bisher weithin herrschende Zustand ist im Glauben betrachtet, der eigentliche Notstand in der deutschen evangelischen Christenheit. Die innere Not der Kirche, die Gegenwartsfremdheit ihres dogmatischen Vokabulars kann nicht durch den Staat geheilt werden. Dazu gibt es in der Tat keine rechtliche Handhabe. Der Staat kann aber indirekt alle, die ihre Kirche lieben, dazu zwingen, den geschichtlichen
Tatsachen l n s A u g -- zu sehen. Tifj d:"s geschehe, ist eine geistliche Notwendigkeit und in ihr ist das revolutionäre Recht des jetzigen Geschehens verankert. Denn das Wesen unserer geschichtlichen Stunde ist, daß wir Revolution haben und sie d u r ch f ü h r e n wollen. Diese Revolution brandet an die Mauern der Kirche heran. Wir dürfen uns dem lebendigen Wogenprall nicht verschließen. Die evangelische Kirche muß und will ihn hereinnehmen, um seine volle Kraft vor das Evangelium zu stellen. Gelingt diese Läuterung, die von Mensch zu Mensch in der Gemeinde nötig ist und deren das Volk bedarf, dann hat die evangelische Kirche wieder ein unbestrittenes Daseinsrecht. Ist die Kraft 8er Verkündigung zu schwach dazu, dann stehen wir im Gericht Gottes. Durch das revolutionäre Recht des Staates gegenüber der Kirchenleitung ist die Gemeinde aufgefordert, der Kraft Gottes Raum zu geben und ohne juristische Kompetenzstreitigkeiten dem Volk zu dienen.
Oer bisherige evangelische Oberkirchenrat klagt beim Gtaatsgerichtshof.
Leipzig, 27. Juni. (CNB.) Der des Amtes enthobene Evangelische Oberkirchenrat hat wegen der bekannten, vorn preußischen Kultusminister und seinen Kommissaren getroffenen Anordnung gegenüber der evangelischen Kirche der Altpreußischen Union Klage beim Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich in Leipzig eingereicht.
Amtsniederlegung
im Zrankfurter Landeskirchenrat.
WSR. Frankfurt a. M., 27. Juni. Der Stellvertreter des Präsidenten des Evangelischen Landeskirchenrats Frankfurt a. M., Pfarrer D. Kübel, hat an den Präsidenten der Landeskirchenversammlung folgendes Schreiben gerichtet^ „Die Einsetzung eines Staatskommissars und die von ihm angeordnete Auflösung der Landeskirchenversammlung machen es mir fortan unmöglich, mein vor Gott abgelegtes Amtsgelübde zu erfüllen, nämlich die Verfassung der Frankfurter Landeskirche unverbrüchlich zu halten und für ihre Wahrung und ihren Schutz jederzeit mit ganzer Kraft einzutreten. Ich lege deshalb mein Amt als Kirchenrat und derzeitiger Leiter der Präsidialgeschäfte des Landeskirchenrats nieder."
Beflaggung der kirchlichen Gebäude.
Berlin, 27. Juni. (WTB.) Der Evangelische Pressedienst gibt bekannt: ilm der tiefen Verbundenheit der Kirche mit dem nationalen Staat, unter dessen starkem Schuh ihr irdischer Bestand, die ruhige Ordnung zu ihrem Neuaufbau und damit die freie Verkündigung des Evangeliums im deutschen Volk für alle Zukunft gewährleistet ist, sichtbaren Ausdruck zu verleihen, hat der Evangelische Oberkirchenrat folgende Anordnung erlassen: Bei allen festlichen Anlässen in Kirche und Staat sind hinfort außer der Kirchenfahne auf den evangelischen Kirchen und kirchlichen Gebäuden die Hoheitszeichen des Reiches, die schwarzweißrote und die Hakenkreuzfahne, zu hissen.
19 Massenversammlungen
der Deutschen Christen in Berlin.
Berlin, 27. Juni. (TU.) 2n 19 Massenversammlungen warben am Dienstag die Deutschen Christen für Einheit, Reinheit und Volksverbundenheit der Kirche. In allen Gegenden des riesigen Berlin vereinigte sich die evangelische Bevölkerung, um vom Wesen der Kirche und ihren Aufgaben zu hören. Alle Gleichgültigkeit an Kirchendingen schien überwunden. Dem Erwachen der Ration ist der Aufbruch des evangelischen Kirchenvolkes gefolgt. Es waren nicht nur Angehörige der Glaubensbewegung Deutscher Christen, auch bisher noch abseits Stehende hörten den Ausführungen der Redner zu. Am mächtigsten aber war die Versammlung im Saalbau Friedrichshain, einst die Hochburg kommunistischer Radaupolitik. Hier sprach der Führer der Deutschen Christen, Pfarrer Hossenfelder, und der Vertrauensmann des Kanzlers, Wehrkreispfarrer Müller.
gar kein
„Nimmt er keinen Fahrgast an?"
„Einen Fahrgast? Du bist wohl krank! Wer wird sich denn heutezutage in eine Droschke setzen. Es wäre ja lächerlich. Außerdem käme auch gar kein Mensch aus einen solchen Gedanken: Selbst der Peter nicht. Er macht auch gar keine Anstalten da- zu, einen Fahrgast zu bekommen. Er fährt schnell durch die Straßen, ohne sich um jemand zu küm- mern, aber die Leute glotzen ihm nach wie einem Gespenst. Das scheint ihm Spaß zu machen. Lachen hat ihn allerdings noch keiner gesehen."
„Na ja, wenn man alt wird, bekommt man eben einen Tick. Prosit!"
3wei Biergläser klingen aneinander.
Ich betrachte den alten Kutscher, soweit es die weißen Rauchsäulen ermöglichen. Wenn man alt roiro, bekommt man eben einen „Tick". Der Kut- cher hatte seinen lackierten Filzhut nicht abgesetzt, so liegt sein Gesicht zu sehr im Schatten, um es ge- nau beobachten zu können. Am Kinn sitzt eine üppige Warze. Wortlos hockt der Droschkenkutscher den das Heimweh immer wieder in die Stadt zieht' Zwilchen den lauten, fröhlichen Taxichauffeuren, die A lertgbringen laut zu lachen, Witze zu erzählen, ein Glas nach dem andern hinter die Binde zu gießen und über das Elend der Zeit zu schimpfen — roei niemanö mehr Auto fährt. Und nun sagt der fuAm'lemp?!"',2ab'n Kommen mit
l-n m k ' .lachen die Chauffeure und klopfen dem Besuch aus die Schultern.
„Zu dem langsamen Geld," erwiderte der Alte,
„Ich? Den nennen doch alle so. Der ist doch ein bißchen meschugge!"
„Wieso denn?"
„Ei, weil er in der Stadt spazieren fährt."
„Kommt er nur hierher, um spazieren zu fahren?" „Natürlich! Das ist es ja! Vor zehn Jahren stand er auf dem Stern-Platz. Als bann die Droschken abgeschafft wurden, weil die Autos billiger und schneller waren, zog sich der Peter mit seinen drei Droschken aufs Land zurück, wo man noch mehr Zeit hat. Natürlich zog er in einen Ort, der weit von der Bahnstation liegt, so daß die Einwohner sich zuweilen von ihm fahren lassen. Wie ich gehört habe, geht aber auch auf dem Land das Droschkengeschäft schlecht, und so mußte Peter im Laufe der Jahre zwei von seinen drei Droschken verkaufen. Jetzt lebt er von seiner letzten!"
„So. Und alle paar Wochen kommt er also in die Stadt gefahren?"
„Früher alle vier Wochen, jetzt alle sechs bis acht Wochen. Mit seiner leeren Droschke fährt er bann kreuz und quer durch die Innenstadt und hält den Verkehr auf.
I und um seinen verwelkten Mund zieht ein bitterironischer Zug.
Ein Gelächter, daß Gläser und Tische erbeben. Die Chauffeure kredenzen dem Shitfdjer Kognak als Anerkennung für die witzige Antwort.
Ich gehe und stecke der geduldigen Rosinante eine Handvoll Zucker ins schnuppernde Maul.
Einer von vielen.
Helden des Alltags nennen wir die Männer, die, fei es als Postflieger oder Lokomotivenführer oder auch nur als Bergmann, stündlich von tödlichen Gefahren umlauert werden, und die in höchster Rot bedingungslos ihr Leben.einsehen für die Rettung ihrer Kameraden oder der ihnen anbertraulen Perfonen. Zu ihnen aber, bei denen vorbildliche Pflichterfüllung und Pflichtauffaflung vorausgesetzt wird und deren Versagen im lritifchen Moment Lerbrechen bedeutet, gehören auch die vielen auf verantwortungsvollem Posten stehenden Menschen, die nicht andauernd einer Gefahr ausgesetzt sind, aber bei einem plötzlichen Zwischenfall mit eisernen Rerven die verwirrte Tlmwelt leiten und sie vor einer Panik bewahren. Deswegen sei hier desAnsa- gers vom isländischen Rundfunk in Reykjavik gedacht, der vor wenigen Tagen mitten im gewöhnlichen Tagesprogramm mit ruhiger Stimme den Hörern meldete, daß ein Erdbeben die Stadt bedrohe, und sie aufforöerte, in größter Eile und , vollkommener Ruhe die Häuser zu oerlaflen. „Achtung, Achtung, ich fordere sie auf. die Häuser zu verlaßen. Achtung, Achtung, ich bitte um Ruhe." Mehr und drohender häuften sich die Meldungen: „Der Crdbebenmesier der Wetterwarte zerstört. .. Achtung, die Häuser schnellstens verlaßen... Achtung, Achtung, zur Panik keine Veranlassung, ^uhe und Selbstbeherrschung bewahren." Mit fester Stimme gab der Ansager seine Meldungen und Weisungen, denen der größte Teil der Einwohner folgte, indes die Erdstöße immer heftiger wurden und die Gefahr größer. Er selbst blieb auf seinem Posten, er tat feine Pflicht, sagt man jetzt, und beruhigte die Menge. Dreißig Erdstöße wurden gezählt und nach einer ewig erscheinenden halben Stunde teilte der Ansager mit, ruhig wie zuvor: „Meine Damen und Herren, das Beben ist im Abflauen begriffen. Größere Verluste an Materialschäden sind nicht zu verzeichnen. Menschenleben sind keine zu beklagen" und verabschiedete sich dann von den Hörern mit dem gewohnten „Gute Rächt und vergeßen sie bitte nicht, die Antenne zu erden." Durch sein Ausharren und seine Ruhe verhinderte er eine Panik, die sonst unzweifelhalt ausgebrochen wäre. Auch ein Held öeö Alltags, der unbekannte Ansager von Reykjavik in Island.


