Ur. 148 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Mittwoch. 28 3uni (955
Lugend und Hochschule.
Oie jungen Akademiker.
Wesen und Ziel der neuen Generation.
Die deutschen Länder haben Vereinbarungen Setroffen. um den Zugang der Abiturienten zu en Hochschulen zu regeln und dadurch nach Möglichkeit derLIeberfüllung zu st euer n. Wenn die Prüfungskommission dem abgehenden Schüler vom Hochschulstudium abrät, dann kann er, falls er trotzdem die Universität bezieht, auf keine Studienvergünstigungen rechnen, und seine Eignung wird im Lause der ersten drei Semester pachgeprüst. Damit ist ein erster Schritt getan, um der Hochfchulkrise zu begegnen, die durch die Lleberflutung mit Studenten in der Nachkriegszeit entstunden ist. Freilich ist das nur eine Mahnahme, die keine entscheidende Wendung bringen wird. Dazu waren grundlegende Reformen notwendig, wie sie Wilhelm Ruofs in einer soeben bei Felix Meiner in Leipzig erscheinenden Veröffentlichung »Lage und Ziele der akademischen Jugend" andeutet.
Der Verfasser verlangt u. a. eine Trennung der Universität in wissenschaftliche Akademie und VerufSschule, damit der Student erst einmal eine wissenschaftliche Schulung erhalte und sich dann auf seinen (Beruf vor bereiten kann. Er glaubt auch, dah den Jung-Akademikern, die sich heute als Arbeitslose fühlen, nur geholfen werden könne, wenn man die Altersgrenze durchgehend, etwa bis aufs 60. Jahr, herabsetzt und eine Verkürzung der Arbeitsleistung einführt, so dah Arbeit, die bisher von zweien verrichtet wurde, dann von dreien ausgeführt wird. Wenn die jetzt bestehende »Aussperrung" der überzähligen Akademiker fortbesteht, dann fürchtet er einen schweren Kampf der Generationen. Der „neue Student" unterscheidet sich ja in wesentlichsten Zügen von dem harmlosen und vergnügten »Bruder Studio" der Vorkriegszeit. Er ist durch ein schweres Schicksal hart gehämmert worden: er hat die „chinesische Mauer" durchbrochen, die die Studierten früher vom Volk trennte: er drängt ins Leben hinaus, in die Politik, und er bemüht sich, ein Volksgenosse zu fein. Die früher vielfach vorhandene Verachtung der Handarbeit ist aufgegeben; der Student von heute ist den übrigen Volksgenossen, dem Dauern, Arbeiter und Angestellten näher getreten, .als dies früher möglich war, nicht nur in Arbeitslagern, sondern vor allem als Werkstudent. „Jeder Student hat sich von irgendeiner Seite aus Deutschland erobert", sagt der Verfasser. „Es ist eine realere und unmittelbarere Kenntnis der deutschen Verhältnisse vorhanden als vordem unter jungen Akademikern. Sie haben ein landschaftlicheres, und blutvolleres Verhältnis zu Deutschland gewonnen. Sie sind aus ihrer Enge herausgekommen und haben das ganze Deutschland sehen gelernt.“
Durch diese veränderte Sozial-Ge- sinnung fühlt sich der junge Student stärker denn je mit dem Gesamtschicksal verbunden: er sieht seine Aufgabe darin, nicht von oben her auf leichte Weise in Führerstellen hineinzukom- men. sondern sich von unter her durchzusetzen und sich vom kleinen Kreise aus Geltung zu verschaffen. Cs ist diese „hündische" Haltung, die aus der Isolierung des Einzelnen zur Gemeinschaft hindrängt, die dem Wesen des heutigen Studenten die bezeichnende Prägung aufdrückt. Die Einstellung zur Politik hat durchaus reale Hintergründe, denn „wenn man sich nicht an der Politik beteiligt, kommt man unter die Räder", und nur durch eine wirtschaftliche Lösung der schwierigen Fragen kann auch die Existenz der akademischen Jugend gerettet und gesichert werden. Mit dem Kampf gegen den übertrieben intellektuellen Menschen, der auf den Hochschulen
geführt wird, ist auch eine neue Sinftcl- I u ng zur Wissenschaft verknüpft. Die geistesfeindliche Strömung, die die Vernunft gegenüber dem Gefühl und Instinkt zurückdrängte, klingt allerdings schon langsam ab. Der Stuben! von heute ist aber wenig zum Spekulieren geneigt, ist sachlich und nüchtern: dadurch, daß er früh das Leben kennen lernte, ist er hellhörig geworden und kritisch, auch seinen Lehrern gegenüber. Bei allem Fleiß liegt auf ihm ein dauernder Druck, denn er hat in diesen schweren Zeiten daS Bewußtsein, man dürfe keine Zeit versäumen und Muße sei etwas Unerlaubtes. So erfordert daS Studium eine fast übergroße Kraft, verleiht der Arbeit einen Ernst, der etwas Erhabenes hat. Aus solcher Einstellung fordert der Student eine engere Beziehung der Wissenschaft zur Gegenwart, fordert ein näheres Verhältnis »u seinem Lehrer: „Wir haben an den Hochschulen reichlich Gelegenheit zu lernen, wir
(Rachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Acht deutsche Professoren haben auf Einladung der englischen Universitäten eine Studienreise unternommen mit dem Ziel, den gegenwärtigen Stand der akademischen Bildung in England kennen zu lernen und zu prüfen, wieweit englische Hochschulen für deutsche Studenten in Frage kommen. Einer der Teilnehmer. Professor Schirmer, der Leiter des Englischen Seminars an der Berliner Universität, erzählte unserem Berliner Mitarbeiter über seine Eindrücke folgendes:
Die Fahrt begann und endete in London. Rur hort blieb die Gesellschaft zusammen. Sonst reifte jeder, wie er es für richtig hielt. Die Verwaltung der britischen Universitäten und die deutsche Geschäftsstelle für deutsch-englifchen Akademiker- Austausch, sowie die Deutsche Botschaft gaben ihnen zu Ehren einen Empfang. Der Besuch galt rein akademischen Kreisen. Politische Fragen wurden auf beiden Seiten vermieden. Die Engländer behandelten die Deutschen mit größter Zuvorkommenheit und Freundlichkeit. Allein, in gewisser Beziehung legten sie sich Zurückhaltung auf, taten es jedoch mit so großem Feingefühl, daß sich die deutschen Professoren nicht im geringsten verletzt fühlen konnten. Eie nuiLen nichts von einer deutschfeindlichen Stimmung. Im Gegenteil: sie konnten überall feft- stellen, dah an den Universitäten der Kriegsgeist und die noch vor wenigen Jahren vorhandene Abneigung gegen die Deutschen geschwunden sei! Der Engländer ist auch in dieser Beziehung ein Gentleman. Er läßt sich in seinem Werturteil nicht von augenblicklichen Mißstimmungen beeinflussen.
An sämtlichen Hochschulen war zu beobachten, daß die Folgen des Krieges überwunden find. Man arbeitet wieder wie einst: sorgfältig und gewissenhaft! Die Studenten lassen sich den gerade in England besonders in Erscheinung tretenden Zwang willig gefallen. Die eine Zeitlang vorherrschende Lockerung der Sitten hat sich gelegt. Der Wissensstand ist auf gleicher Höhe wie in der Vorkriegszeit, wenn nicht sogar darüber: bis vor kurzem war das noch nicht der Fall. Der Korpsgeist tritt wieder stärker in den । Vordergrund. Das zeigt sich vor allem in den Colleges und in den Gemeinschaftsräumen. Der Lehr- I körper ißt mit den Schülern zusammen an langen
haben aber viel zu wenig Gelegenheit, und im tieferen Sinne zu bilden und zu schulen. Wir bekommen Stoff vorgesetzt, aber wir lernen zu wenig, damit umzugehen." Es ist ein persönliches, pädagogisch engeres Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler notwendig, das heute unmöglich ist, da der Professor von Hunderten umlagert wird und häufig die Prüfungsstunde für den Studenten die einzige Gelegenheit ist, mit seinem Dozenten mehr als die üblichen paar Minuten zu sprechen. »Vom Boden der Hochschule aus", sagt R u o f f, »wird eine grundsätzliche Umgestaltung der durch die Lieberfüllung und Krise eingetretenen Mißstände gefordert. Den notwendigen ersten Schritt dazu sieht man in einer Aenderung des Verhältnisses zwischen Studenten und Dozenten. Die jüngeren Studenten müssen gründlicher geschult, die älteren zu einer freieren geistigen Tätigkeit hingeführt und damit verselbständigt werden..."
Tischen, und der jüngste Privatdozent findet auf diese Weise leicht Gelegenheit, mit den Berühmten seines Fachs Verbindungen anzuknüpfen, — «-ine Einrichtung, die uns Deutschen leider fehlt.
Zch reiste von London nach Oxford und wohnte dort in einer Stiftung von Taylor, die der Pflege und Wissenschaft der deutschen und französischen Sprache dient. Hatte bis vor wenigen Jahren noch die Beschäftigung mit der französischen Sprache über- wogen, — so wird jetzt das Deutsche weit mehr vorgezogen! Die Stiftung weist eine hervorragende Bücherei auf: ihr Leiter ist ein ehemaliger Deutscher, Pros. Fiedler. Während ich den deutschen Studenten vonLondon abraten würde, weil sie dort immer allein und hauptsächlich auf andere Deutsche angewiesen sind, — also keine ausreichende Gelegenheit zur Vervollkommnung in der englischen Sprache — empfehle ich ihnen Ox- ford wärmstens! Es hat allerdings einen Niesen- fehler, — es ist sehr teuer! Für ein Semester kommt man nicht in ein College, und ein Jahr Studium erfordert doch immerhin einen Aufwand von 5000 Mark. Hier ist die lleberlieferung ungewöhnlich stark. Zn Queens College ruft noch, wie vor vier Jahrhunderten, ein Trompetenstoß zum Essen. Die Sitten und Gebräuche haben sich fast kaum geroan- beit. Das Universitätsviertel ist nach wie vor eine Stabt für sich, abgeschlossen vom übrigen Oxford.
Aehnliches gilt für Cambridge. Anders da- gegen Manchester! Die Stadt selbst ist zwar wenig einladend. Allein, — das Geistesleben ist dort ganz besonders rege, vielleicht am lebendigsten von allen englischen Prooinzstädten. Besonders auf musikalischem Gebiet wird viel geleistet. Die Universität ist nach außen hin eigentlich kümmerlich, die Räumlichkeiten sind unbefriedigend, ausgenommen einige Oasen, wie die hervorragende John Rylands Library, eine Prioatstistung.- von außen wie die Stabt bunfel und unfreundlich, im Innern jedoch wundervoll gehalten. Der alte Bücher- wart behandelt die ihm anoertrauten Werke wie ein Vater seine Kinder. Man findet dort manche Schätze, wie sie nicht einmal in London auszutreiben sind. Die Lehrkräfte sind ausgezeichnet, das Arbeiten ist angenehm! Zwischen Stadt und Universität be- stehen enge Beziehungen.
Am meisten kann ich den deutschen Studenten jedoch Bangor in-Wales anraten! Wales ist ein armes Land, es kann sich nur eine einzige Universität leisten und muß sie auf vier Städte Derlei- len. Zn Bangor werden die Geistes- und Natur-
Deutsche Studenten in England.
Erfahrungen auf einer Studienfahrt deutscher Professoren.
roiffenfd)aften gelehrt. Die meisten Bauten verdanken Spenden ihre Entstehung. Eine große Halle ist für Die gesamte Einwohncrfchast bestimmt: bei neuen Promotionen und bei der Verleihung des Doktorgrades ist sie zugegen, denn sie betrachtet jeden Studenten gleichsam als ihren Schützling. Die Umgebung ist herrlich, Wasser und schönster eeeftranb. Em Abstecher führte mich nach Birmingham: dort fällt die enge Verbindung mit den technischen Wissenschaften auf. Universität und Technische Hochschule sind eins. Die Studenten haben dort reichlich Ge- legenbeit zum praktischen Arb-iten!
Schließlich sah ich mir noch die Verhältnisse in Southampton an. Die Hochschule ist baulich sehr zurück. Die Wohnhäuser — zwei für die männlichen und eins für die weiblichen Studenten — sind in besserem Zustand. Es herrscht dort die gleiche Art des Zusammenlebens wie in Oxford und Cambridge. Allerdings ist alles einfacher und den Zeitverhätt- nisten angepaßter. Die Lehrer essen gemeinsam mit ihren Schülern, nur an einer erhöhten Tafel. Vor und nach Tisch wird ein lateinisches Gebet gesprochen — wie in alten Zeiten. Wundervolle Parks stehen für Spaziergänge zur Verfügung; das Stu- dium hier ist fjir Deutsche ebenfalls empfehlenswert!
Aehnliches berichteten die anderen Teilnehmer dieser Studienfahrt: überall kommt man den deutschen Studenten mit größter Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit entgegen. Diejenigen deutschen Stu- benten also, für deren Studiengang einige englische Semester nützlich wären und deren Eltern es sich leisten können, werben auf Englanbs Universitäten nicht nur eine sreunbliche Ausnahme finben, sondern auch Gelegenheit haben, durch ihre Person für das deutsche Ansehen zu werben.
Hochschulrevolution.
— Hochschulrevolution. Von Dr. Wilhelm Mannharbt, o. ö. Professor an der Universität Marburg. 114 S. Kart. 2,20 Mark. Hanseatische Derlagsanstalt Hamburg. — (154) — Der Verfasser, dessen frühere Broschüre „Echüt- zengrabenmenschen" außerordentliche Wirkungen auf eine Jugendgeneration kurz nach dem Kriege ausübte, greift mit seiner neuen Schrift herzhaft die ernsten Probleme der deutschen Universitäten auf. Seme Ideen sind von Grund auf umwälzend. Es wird nichts verbessert, sondern alles aus dem Geist der Zeit der Zeit umgestaltet rmd umgeformt. Darin liegt die Bedeutung des Werkes. Aus dem neuen Geist heraus wird die Forderung einer völligen Wandlung erhoben, die die Universität nicht mehr abseits auf einem Feld der wissenschaftlichen Forschung jenseits von Rot und Kampf der Ration stellt, sondern in den Mittelpunkt des Kampfes der deutschen Jugend um die Bewältigung der Aufgabe für Staat und Ration. Mannhardts Gedanken beschränken sich nicht allein auf die Hochschule, sondern greifen die Fragen des gesamten Erziehungswesens auf und bilden darum ein Programm der Erziehung im Dritten Deich. Klar stellt er die Gedanken einer politischen Erziehung als die zentrale Aufgabe hin. Sie bildet die Grundlage für einen wesentlichen Teil der Wissenschaften; etwa: Staatsrecht, Völkerrecht, Rassenhygiene, Minderheitenlehre usw. An diesem Unterricht haben alle Akademiker teilzunehmen. Von hier aus erfolgt dann erst eine Weiterbildung nach den einzelnen Disziplinen. Reben der geistig-technischen Ausbildung läuft als zweite gestaltende Hauptaufgabe die Lebensvor- bereitung in der Gemeinschaft. Umwälzend sind Mannhardts Gedanken einer Unterbringung der Akademiker in Internaten (Burst n), wo sich dann das Bündische als Crziehungssaktor am besten auswirken könnte. So entsteht aus dieser Schrift das Bild einer Universität, die zugleich der Wissenschaft und dem Leben der Ration dient.
Rheinfahrt der Deutschen Landsmannschaft.
Zur Feier der nationalen Erhebung.
Dom Wettergott besonders begünstigt, veranstaltete die Deutsche Landsmannschaft am vergangenen Sonntag ihre diesjährige R h e i n f a h r t zur Feier der nationalen Erhebung und zugleich als 65 - 2 ahrfeier der DL. Am Sonntagmorgen brachten die Züge aus dem ganzen Hestenland sowie aus Frankfurt und weiterer Umgebung die Berbands- brüder nach Mainz. Es waren vertreten die VAL. Mainz, Frankfurt, Darmstadt, Heidelberg, sowie Wiesbaden und Umgebung; ferner die Korporationen aus Frankfurt, Gießen, Darmstadt, Heidelberg und einige aus Marburg. Ein farbenfreudiges Vild am Rheinufer. Der Himmel klärte fich schon be: Wiesbaden-Biebrich auf, so daß bald blauer Himmel und lachende Sonne über den Teilnehmern strahlte, zu deren alleiniger Verfügung der Dampfer „Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein" stand. Die Beteiligung war überaus stark, so daß etwa 6—700 Personen den festlich geschmück- ien Dampfer füllten. Bei überaus günstiger Witterung ging die Fahrt über Biebrich und Bingen, wo die letzten Derbandsbrüder noch aufgenonunen wurden. UeberaU wurde der Dampfer durch Aufziehen der weißgrünweißen Farben der DL. begrüßt. Nach e .ier erhebenden Fahrt, vorbei am Niederwalddenk- mal und der Loreley, an malerischen Städtchen und verfallenen Bürgen, zwischen Wein- und Obsthän- gtn hindurch, gelangte man zu dem herrlich gelegenen St Goar, überragt von der ehrwürdigen 2)Argruine Rheinfels Nach einem kurzen Anstieg zu einer der größten Rheinburgen, der Ruine Ryeinfcls, folgte im Burghof der Festakt zur Feier der nationalen Erhebung.
Nach einer kurzen Begrüßung der Festteilnehmer, be|nnbers aber des Herrn Vdbr. Ministerprä- siddenten Professor Dr. Werner, Chat- tiae. Gießen, durch den Vorsitzenden der VAL. Mainz, Vdbr. U e b e r l e - Darmstadtiae, nahm der Bürgermeister von St. Goar, Dr. Burghofs, das Wort zu einer kurzen Ansprache, worin er u. a. betonte, daß es gerade die DL. sei, die immer wieder den Weg nach St. Goar fände, wo sich, allzu wenig bekannt, schon einmal deutsches Schicksal entschieden habe, als 1692 Ludwig XIV. hier bei dem vergeblichen Versuch nach Mitteldeutschland vorzu- bringen, von einem heldenmütigen hessischen Regiment zurückyeschlagen worden fei. Die Ansprache endete mit einem „Sieg-Heil" auf die DL., worauf man das Landsmannschafterlied anstimmte.
3m Anschluß daran ergriff Vbbr. Werner, Chat- tiae Gießen das Wort, wobei er etwa folgendes ausführte: Die Ruinen dieser Burg aus Zeiten deutscher Wehrhaftigkeit und Kraftentfaltung müssen uns eine Mahnung für die Zukunft fein. Dieses Rheinfels, einst mit Hessen verbunden, beleuchtet die Zerklüftung der Volksstämme, die einst zusammengehörten. Unsere Aufgabe müsse es sein diesen Stammescharakter zu pflegen, damit wieder ein Land entstehe von hundert und mehr Kilometern um Frankfurt, ob es Hessen ober Franken heiße: bann werde erfüllt, was bas deutsche Volk brauche, um nach außen schwertgewaltig und nach innen einig und geschlossen zu fein. Noch immer liege unser Rheinstrom in Fesseln, noch könnten Separatisten frei ihrer Wege gehen, während die besten deutschen Volksgenossen im Kampf um ihr Volks- tum in Kerker geworfen worden seien. Wie uns die Iustizhoheit fehle, so seien wir auch der Militär- Hoheit in diesem Gebiet beraubt; die Festungen seien geschleift und den Städten die Garnisonen entzogen. In gleicher Weise sei uns die Verkehrshoheit entrissen, was sich besonders hier in St. Goar Zeige, wo sich noch heute, drei Jahre nach dem Abzug der Franzosen, eine französische Lotsenstation befinde. Noch ständen die größten Bahnhöfe und Brücken in der 50Km.-Zone unter französischer Kontrolle. Belgien habe bis 1945 bei Duisburg das Recht zur Eröffnung eines Kanals durch deutsches Gebiet. Noch sei es den Franzosen möglich, den ge- wattigsten Kanal der Erdoberfläche mit einer Tiefe von 11 bis 12 Metern zu bauen und im Elsaß über 100 Kilometer neben dem Rhein herzuführen, ohne daß es uns, die wir ein angestammtes Recht am Rheinstrom hätten, möglich sei, dagegen vorzugehen. Uns aber sei es sogar im eigenen Lande, auf badischem Gebiet, verwehrt, einen Kanal zu bauen.
Deutschland, das Land eines Goethe, eines Bis- marck, das Land der Erfindungen, könne nicht verurteilt sein, im Staube zu wandeln. Gerade auch die DL. habe eine heilige Ausgabe zu erfüllen, hin- ein zu hämmern in die deutsche Volksseele den Wert eines geeinigten deutschen Volkes auf ständischer Grundlage, damit aus der Dämmerung ein neuer deutscher Tag emporsteige.
Das Heilszeichen aus germanischer Vorzeit vereint mit der saubersten Fahne bef Weltgeschichte wehe heute von allen Burgen als Zeichen deutscher Erneuerung. Der völkische Gedanke könne nicht durchaeführt werden auf dem Boden der Demokratie, fvndern nur durch das Führerprinzip Auf dieser Grundlage werde über alle Stammeszugehörigkeit das große deutsche Reich, die große deutsche Nation, die weit über alle Grenzen hinaus-
reicht, erstehen in voller Gleichberechtigung und frei von den Fesseln von Versailles.
Die Rede schloß mit einem dreifachen „Sieg-Heil" auf die große Nation, in das die Festte'lnehmer freudig einftimmtcn. Anschließend wurde das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lieb von den Versammelten begeistert gesungen. Ein „Sieg-Heil" auf den hessischen Ministerpräsidenten beschloß die erhebende Feier an historischer Stätte.
Rach kurzem Aufenthalt auf der Burg ging es wieder zurück zum Dampfer. In feuchtfröhlicher Stimmung, für die in erster Linie unser vorzüglicher Rheinwein und eine rührige Stahlhelmkapelle (orgten, die auch fleißig zum Tanze aufspielte, führte der Dampfer die Festteilnehmer wieder nach Mainz. In geschlossenem Zuge ging es dann, voran die Kapelle, durch die Straßen der Stadt zum „Hof zum Gutenberg", wo ein Abtrunk nebst Tanz für die Jugend im Kasino ftattfanb. Erst gegen Mitternacht brachten die Züge und Autos die Teilnehmer in ihre Heimat zurück Eine herrliche Rhein- 'ahrt, wie sie jetzt hoffentlich alle drei Jahre statt- sindet, hatte, begünstigt vom besten»-Wetter, ihren harmonischen Abschluß gesunden. Karl H e y l.
?er chinesischeSludenl von heule.
China, das in den letzten zwei Jahrzehnten durch so viel Rot und Elend, durch Kriege und Seuchen, Fluten und Hungersnöte hindurchgegangen ist, befindet fich heute in einem chaotischen Zustand, in dem die yiodernen Einflüsse des Abendlandes mit der lleberlieferung der uralten heimischen Kultur ringen. So verwirrend das Gesamtbild des modernen chinesischen Lebens ist, so wird es doch von einem Grundzug getragen, nämlich von der Vaterlandsliebe. Das betont der Dekan der medizinischen Fakultät der Schanghaier Universität, Prof. E. Bitt, in einer Betrachtung der „Deutfchen Medizinischen Wochenschrift", in der er sich mit der Einstellung des heutigen China zur modernen Medizin beschäftigt. Die Pflege der alten Heilkunst besteht ruhig weiter fort neben dem immer mehr vordringenden Wirken der modernen Medizin. Ja, es gibt Aerzte der alten Schule, die sich sehr geschickt der neuen abendländischen Hilfsmittel bedienen und sie unter ihren alten Bräuchen verstecken. Unter diesen Aerzten der alten Schule sind alle Grade vertreten, vom Landarzt, der fich noch zu seinem Patienten in der Sänfte tragen läßt und sein Honorar nach der Zahl der Drücken berechnet, die er dabei pas- fieren muß, bis zum feinsten Spezialisten, der nur zu ganz bestimmten Sätzen und Zeiten seine Patienten empfängt.
Auch bei den Studenten zeigt sich ein überaus melfeitigcS Bild, das eine einheitliche Richtlinie durch die allgemein herrschende patriotische Gesinnung erhält. „Das Bestreben Chinas", schreibt der Verfasser, „geht heute dahin, jedem befähig, ten jungen Mann das Studium zu ermöglichen: somit werden die Kosten des Studiums zum größten Teil, wahrscheinlich in der Zukunft ausschließlich, vom Staate getragen. Infolgedessen Ut Die Studentenschaft aus allen verschiedenen Ge» sellschaftsschichten zusammengesetzt. Ich habe in meinem Hörfaale den Sohn des alten Vizekönigs aus dem Süden neben dem einfachen Bauernsohne deö RordenS gesehen. Beide sind von der gleichen Wißbegier beseelt, und ihre rezeptive Kraft erscheint oft unwahrscheinlich groß. Daß dieser Fleiß am liebsten sich der alten Form des Auswendiglernens zuwenden möchte, ist in der ja immer noch grundlegenden alten chinesischen Schulausbildung bedingt.
In seinen ilmganggformen ist der Student von heute außerordentlich höflich: doch haben Höflichkeit etwa in China und in Deutschland zwei sich sehr verschieden auswirkende Erscheinungen. So werde ich nie vergessen, wie böse ich eines Tages in der Anfangszeit meiner Lehrtätigkeit wurde, als mir auf die Anfrage, wo ein Student fei, den uH 'chan längere Zeit im Kolleg vermißte, von einem seiner Komilitonen geantwortet wurde er lejrt die Vögel fingen"; es sollte wohl eine höf- licrje Ausrede sein. Natürlich hat man in der» Unterrichtgebung auch selbst viel lernen müssen und war im Anfang oft entmutigt
Als ich bei dem ersten Jahrgange der Studenten nach längeren Vorträgen über die Rar- kose zur Feststellung, wie weit das Verständnis gegangen sei, eine Seminararbeit schreiben ließ fand ich als ermutigende einleitende Worte eines dieser Schriftsätze: „Die meiste Darkose ist der Tod.'' Heute ist es besser um uns bestellt"
Infolge des starken Patriotismus ist heute die Erziehung im Aus lande nicht mehr so gern gesehen wie früher. Sie bietet auch mancherlei Gefahren, denn der junge Mann, der sein wunderschönes ausländisches Diplom im Wartezimmer aufgehängt hat, glaubt, damit auf jede fernere Ausbildung verzichten zu können, und mag er auch noch fo europäisiert erscheinen, so kehrt er doch in der Heimat sofort wieder vollkommen in den Schob der chinesischen Familie zurück. Alle Standesvereine, die von jungen Aerzten in China gegründet werden, schließen sich gegen den fremden Arzt ab. Das Beispiel Japans reizt dazu, dah man immer mehr von der Fremde unabhängig werden will.


