Ausgabe 
28.6.1933 Erstes Blatt
 
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Nachdruck verboten!

4. Fortsetzung.

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gewesen. Es gab eben solche und solche ... (Fortsetzung fok

Danksagung

Allen denen, die uns beim Heimgang unserer lieben Mutter ihre Teilnahme bewiesen haben, sprechen wir auf diesem Wege unseren auf­richtigen Dank aus.

Wilhelm Ruppert, Gastwirt und Angehörige.

Fellingshausen, den 26. Juni 1933.

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MRUMmhSii

Roman von Helma von Hellermann.

Nichts", entgegnete der lächelnd,den hat ds Herr schon bezahlt, der ihn holte."

Ich nehme von Fremden nichts an", fuhr bis Mädchen auf. Ihr eben noch blasses Gesicht glüh!

Das müssen Sie mit ihm selbst abmachen, Mk Fräulein", zuckte der Uniformierte die Achsel.«! dankbar schien sie nicht.

Und wem gehört die Jacke hier?"

Demselben Herrn, der sich nach dem Kaffee b mühte", kam die betonte Erwiderung.

Wera merkte es nicht. In ihren Zügen zuckte 4 nervös.Da muß er ja zurückkommen und sie ho^T Ich werde eine Mark hierlassen, und Sie werden bg Güte haben, dem Herrn das Geld mit vielem MW für seine gütigen Bemühungen zurückerstatten." H

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säcken unter rotlidrigen Augen wollte sie gleich zärt­lich tätscheln, ein anderer entließ sie kurz rmt der Bemerkung, daß sie ihmzu zart" aussähe für seinen großen Betrieb. Ihre schüchterne Erwiderung, daß sie gesund sei, wurde nicht geglaubt. Der dritte verlangte spanische Korrespondenz, der vierte ihre Zeugnisse. Sah sie dann scharf über die Brille an: Warum hatte Fräulein Wettern ihre letzte Stellung verlassen?

Auf eigenen Wunsch", antwortete das Mädchen. Und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß.

f)m kommen Sie morgen früh um neun mal wieder." ,, v _...

Als Wera sich meldete, trat ihr schon an der Tur eine ältere Frau entgegen: Das Fräulein brauche sich nicht erst zum Chef zu bemühen, die Sache sei erledigt.

Wortlos verließ Wera das Haus. Erst auf der Treppe fiel ihr ein, daß der Besitzer des Handschub geschäftes wahrscheinlich das Kaufhaus um Auskunft über sie ersucht hatte. Die war gewiß wenig günstig ausgefallen. Nutzlos der Versuch, sich zu verteidigen. Sie vermochte es einfach nicht, Fremden die Be­gebenheit im Bureau des Direktors zu erzählen, die tieferliegende seelische Ursache ihrer Empörung über des Mannes dreiste Zudringlichkeit. Du lieber Gott, wenn man jeden Zudringlichen gleich mit Faust­schlägen traktieren wollte!

Die Tage vergingen in rasender Geschwindigkeit. Weras Angst stieg. Immer leerer wurde die kleine Börse, immer schmäler ihr Gesicht, in dem die schwarzen Augen jetzt unnatürlich groß wirkten. Die Wochen der Ausverkäufe waren vorbei, die Geschäfte durch die miserable Wirtschaftslage, die allgemeine große Not des Volkes leer. Man brauchte keine neuen Hilfskräfte, sondern entließ an Personal, was nicht unbedingt erforderlich war.

Im Speisesaal des Volkswohls faß Wera Wettern, würgte an einem Teller weißer Bohnen mit Speck zu vierzig Pfennig und fühlte, wie ihr Magen sich hob, als der junge Mann gegenüber sein Messer mit der dicken Masse vollbeladen in den Mund schob. Sie legte die Gabel fort und sah mit im Schoß ruhenden Händen stumpf vor sich hin auf das Wachstuch, dessen Muster vom vielen Abwischen schon halb blind war.

Warum nur hatte der unselige Traum sie an ver­gangene Zeiten gemahnt, warum war sie zu spät gekommen? Hatte Fräulein Henners nicht ganz recht gehabt mit ihrem Verweis? Wer den guten Willen zur Arbeit hatte, wartete nicht bis zur letzten Bahn, kam nicht zu spät. Sie selber hatte die Meldung bei Bösling verschuldet, der sie sonst wohl nie gesehen.

Sollte sie zurück ins Kaufhaus, um Verzeihung, um neue Anstellung bitten, oder zu dem zärtlichen Alten, der sie so gern in die Geheimnisse der dop­pelten Buchführung einweihen wollte? Die Kiefer strafften sich unter der blassen Haut. Niemals! Eher tot! Es gab Dinge, die man nicht tun konnte.

Aber die Not wuchs, das letzte Geld schwand.

Zwei Wochen, nachdem Wera Wettern entlassen worden war, zwei Wochen nach jenen unvergeß­lichen Stunden in der Gemäldegalerie stand sie in­mitten einer langen Reihe Menschen beiderlei Ge­schlechts in der Halle des Arbeitsnachweises, um sich die Unterstützung für Arbeitslose zu erbitten. Und

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was sie.da an Not und Elend sah, erschütterte sie derart, daß sie die eigene Not vergaß.

Wie viele abgcmagerte, vergrämte Gesichter waren da unter den Männern und Frauen jeglichen Alters, wieviel Bitterkeit sprach aus ihren Zügen, wieviel dumpfe Verzweiflung, und wie furchtbar groß war die Armut! Ein hoffnungsloses Beginnen schien es, hier helfen zu wollen. War ja alles nur ein Tropfen im Meer! Aber dieser Tropfen, dieser Versuch, helfen zu wollen, der war der eine Lichtpunkt im Dunkel der Sorge. Man erhielt dort ein paar Mark, die von dem Verhungern bewahrten, oder eine Aushilfe, gar eine Stellung zugeteilt. An diese Hilfe und Hoffnun klammerte man sich wie an eine starke, schützende Hand.

Hierher kam nun auch Wera Wettern zur vor­geschriebenen Zeit. Aber so furchtbar war ihrem Stolz das gebotene Almosen, daß sie seelisch krank davon wurde. __ , .

Die kleine Stube, deren schmutzige Tapete und abgenützte Möbel sie so oft gestört, wurde mit einer Kammer vertauscht, von deren Wanden der Kalk fiel. Sie sah es nicht mehr. Saß stumpfsinnig auf dem einen Holzstuhl am Fenster, das auf einen Koh­lenhof hinausqing, oder auf den Banken im Park, den ein früh' und jäh hereinbrechender Frühling mit Sonnensehnsüchtigen bevölkerte. Zu Haupten, auf den kahlen Aesten, jubelten Finken. Die Vor­übergehenden blieben stehen, lächelten hin zu den emsigen kleinen Sängern, die wieder und wieder ihren köstlichen Schlag probten. Das Mädchen hörte ihn nicht. Es war, als habe die Not ihre Lebens­kraft erschöpft.

Die sieht aber elend aus", bemerkte ein älterer Mann in schäbiger Joppe zu feinem jungen Nach­bar,grab, als könnte sie umfall . . . Hoppla, sagte ich's nid)?"

Wera war plötzlich gegen ihn, der hinter ihr stand, geschwankt. Der Alte griff zu, hilfreiche Hande tru­gen die Ohnmächtige in einen leeren Büroraum, betteten sie auf die Holzbank an der Wand.

Hier, nehmen Sie meine Jacke als Kissen", sagte der junge Mann, sich hastig seiner Windjacke ent­ledigend.Haben Sie zufällig Kognak oder Kaffee im Haus?"

Leider nicht", bedauerte der Beamte, der gut­mütig mitgeholfen,aber gerade gegenüber ist eine Gastwirtschaft. Wenn Sie kein Geld haben, will ich . .

Doch der junge Mann war schon zur Tür hinaus.

Als Wera nach einigen Minuten aus dem tiefen Frieden der Bewußtlosigkeit erwachte, mühsam die Lider hob, auf denen Blei zu lasten schien, fand sie sich auf einer Bank liegend, irgendeine Rolle unter dem Kopf. Fremde neigten sich über sie. Eine Frau mit gutem Muttergesicht nickte ihr zu.Wieder besser, Fräuleinchen? Das is schön! Sie haben uns alle 'nen mächtigen Schreck eingejagt, als sie so um­purzelten." _ _

Hier haben Sie Tasche und Hut . . . Der alte Mann, der sie aufqefangen, hielt ihr beides ent- gegen.Es fehlt nifcht", setzte er treuherzig hinzu. Und half dem Mädchen, als er merkte, daß es sich erheben wollte. .

Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Fraulein , sagte der uniformierte Beamte freundlich,hier stören Sie

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klang wenig nach einer Bitte. Wera erhob sich,- -L waltsam die Schwäche niederkämpfend.Auch Mm danke ich sehr, Herr Inspektor!" Sie neigt« Haupt, zwang sich ein Lächeln ab und verließ dl

niemanden." Mitleidig sah er auf das zarte C hinunter, dessen blondes Haar in der Son eine goldfunkelnde Gloriole das blaffe (3efid gab. Er hatte eine kranke Tochter zu Haufe. , gibt es ach, da kommt der Herr ja schon!'

Wieder ein fremdes Gesicht, aber eine Stirn tannt schien:Darf ich Sie bitten, Visen |j zu trinken? Er ist stark und heiß, wich i wohltun."

Willenlos trank Wera, lächelte matt.Jh Ihnen sehr."

Hier, noch eine Tasse bitte! Das Kärnchft ist noch halbvoll!" j;

Diese angenehme Stimme hatte sie schon früb gehört. Kluge, klare Augen sahen sie freundlich q> sehr blau waren sie. Die kannte sie doch! Sie ,tik zelte die Brauen, dachte nach vergeblich, ft ihrem Kopf war es leer. Ganz ruhig saß sie r gegen die Schulter der fremden Frau gelehnt, i ihre Hand tätschelte und ermunternd auf sie M sprach. Wie ein lauer, beruhigender Strom gWü die Worte vorüber, kaum erfaßt, nicht verstand^ Es tat wohl, hier zu sitzen, die wärmende HM, eines Menschen zu spüren.

Allmählich aber kehrten Kraft und Besinnung z rück. Die Frau begann, Fragen zu stellen. ,Ä| nen Sie bei Ihren Eltern? Soll ich Sie heWck gleiten?'Ober stehen Sie gar allein? Dann . . -kJ*

O nein", wehrte Wera hastig,ich wohne allein, bedarf auch keiner Begleitung taiufei Dank!" Sie richtete sich auf. Ihre Abwehr schien v Frau zu kränken.

Na, da kann ich ja auch gehen, man hat au noch anderes zu tun", meinte sie kurz und verli mit schwerem Tritt das Zimmer. So eine Dc schlossene, nichts war aus der herauszubringen. D? hatte wahrscheinlich gute Ursache, so verschwiege zu sein!

Wera Wettern setzte ihren Hut auf. Der BeanU der bei ihr geblieben war, trat herzu und half tlr in den Mantel.Wieviel schulde ich für den Söffe, bitte?"

Die traumselige Behaglichkeitsstimmung, in die Wera sich bewußt eingelullt, war mit einem Schlage verschwunden. Nüchtern, hart und grau stand die Zukunft wieder vor ihr. Der Traumtag war vorbei. Was kümmerte sie noch das Gefasel von Liebe und Glück da auf der Leinwand. Sobald der Akt be­endet, erhob sie sich und verließ das Lichtspielhaus. Vor dem Eingang, im hellen Licht seiner Sampern reihen, stand ein Zeitungsoerkäufer mit den neuesten Ausgaben. Wera kaufte sich drei Blätter. Heute abend noch würde sie die Stellungsangebote stu­dieren, um morgen früh die Suche nach neuer Arbeit aufzunehmen.

Während sie an der Haltestelle stand, dem Autobus entgegensah, der aus dem Dunkel wie ein Urwelt­ungeheuer mit glühenden Augen angeschnaubt tarn, glitt noch knapp vor dem nahenden Wagen ein Privatauto vorüber, langgestreckt, von schnittiger Eleganz, helles Holz mit Stahlbeschlägen. Mit lautem, herrischem Hupen warnte es die vordrangen- den Menschen aus dem Wege. Wera, die vorn stand, traf just der Blick des darinsitzenden Herrn, der, im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden, zum Fenster hinaussah. Es war derselbe Herr, der heute früh vor der Bank gestanden, als sie ins Geschäft ging, derselbe, dessen Gestalt und Haltung sie an Onkel Gregor erinnert hatten. Seine Augen schienen sich zu weiten, da er sie sah beugte er sich nicht vor? Natürlid) eine Täuschung. Gewiß stand jemand hinter ihr. Ihr galt die jähe Bewegung jedenfalls nicht. Und doch war etwas im Ausdruck dieses frem­den Männergesichts, das ihr irgendwie bekannt vor­kam. Cs blieb keine Zeit zum Nachdenken, der Auto­bus hielt, man mußte sich beeilen, um mitzukommen.

An einem Riemen sich haltend, stand Wera Wettern im Gang des dahinratternden Wagens, hin- und hergeschoben vom sich durchdrängenden Schaffner. Dor ihr faß eine junge Frau, blaß, müde, ein schla­fendes Kind auf dem Schoß, daneben ein Mädchen mit abgetragenem Mantel aus Pelzersatz, der wie eine Bettvorlage aussah. Sie hatte viele funkelnde Ringe an den manikürten Händen, deren rotgefärbte Fingerspitzen gewandt mit Spiegel und Lippenstift hantierten. Es roch nach Patschuli, Zwiebeln und Benzin. Alle Menschen hatten müde Gesichter. Der Herr im Auto hatte es gut, dachte Wem, ein Gähnen unterdrückend. Die Trauer der ganzen Welt lastete auf ihrem Herzen.

Sie wußte nicht, daß sie am heutigen Tage zwei­mal das Schicksal gestreift.

5. Kapitel.

Straße auf, Straße ab wanderte Wem Wettern, die erschreckend kleine Liste der Stellenangebote in der Tasche, Treppe hinauf und Treppe hinunter. In kleinen düsteren Kontoren stand sie, in teppichbeleg­ten Räumen mit Klubsesseln, in zugigen Vorhallen. Aber überall war ihr jemand zuvorgekommen, oder man verlangte Kenntnisse, die sie nicht besaß.

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