Ausgabe 
28.4.1933 Frühausgabe
 
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Materialismus und Bolschewismus, die W'eder- erschließung der im Volkstum wurzelnden Kräfte und ihre -Zusammenfassung zur deutschen Nation begrüßen.

Präsident Dr. D. Kahler teilte mit, daß sich der Reichskanzler bei der Unterredung am Dienstag erneut zu feiner Reichs­tagserklärung über das Verhältnis von Staat und Kirche bekannt und zu­gleich sein lebhaftes Interesse für die Ein - heitsbestrebungen im deutschen Pro­testantismus betundet habe. Cs soll deshalb ohne Zeitverlust an die Schaffung einer neuen deutschen Kirchenverfassung gegangen werden, die den Bekenntnisstand wahre und in Lebenskräften der Landeskirchen wur­zelnd das weithin vorhandene starke Verlangen nach kirchlicher Einheit erfüllt.

Cs wurde bei den Verhandlungen des Kirchen- ausschusses betont, daß jetzt der deutsche Ge- samtprotestantismus damit vor einem neuen Abschnitt feiner Geschichte stehe, und daß es großer Weisheit und Umsicht bedürfe, um die rechte Formfürdas neueWol- l e n zu finden. Aber die deutschen Kirchen seien entschlossen, den Rus der Stunde zu hören und dem geeinigten Volke auch eine geeinigte Kirche zu schenken.

Nie Llmtaufen von Straßen. Der Reichskanzler wünscht die Erhaltung historischer Bezeichnungen.

Berlin, 27. April. (CNB. (Eigene Meldung.) Die Neichspressestelle der NSDAP, gibt folgende (Erklärung öes Führers bekannt:3n letzter Zeit werden in zahlreichen Orten und Städten Straßen und Plätze umgetauft. So sehr ich mich über die Ehrung freue, die man mir durch die Verbindung solcher Plätze und Straßen mit meinem Namen erweist, s o sehr bitte i ch aber doch, davon absehen zu wollen, histo- rische Bezeichnungen zu verändern. Wir dürfen nicht in den Fehler der Putschisten des Jahres 1918 verfallen. Jede Generation soll nur das auf sich beziehen, was sie selb st geschaf­fen hat. Es ist unsere Ehrenpflicht, die Namen der Novemberoerbrecher von unseren öffentlichen Plätzen und Straßen zu entfernen. Die sollen dann aber wieder ihre alten Bezeichnungen e r - halten. Nur das, was die nationale Revolution für die Zukunft f c 1 b ft aufbaut, darf sie mit i h r e n und dem Namen ihrer führenden Män­ner verbinden. Gez. Adolf Hitler."

Neue Arbettsvorhaöen.

Beschäftigrng für 3000 Arbeiter.

Berlin, 27. April. (CNB.) Wie mir aus Krei­sen des Reichskommissariats für Arbeitsbeschaffung erfahren, sind in den letzten Tagen wiederum eine Reihe von Arbeitsporhaben im Rahmen des So­fortprogramms erledigt worden. Es handell sich in erster Öinie um drei größere Projekte. So soll ein hochwasserfreier Ausbau des Dammes nach Nordftrand an der fchleswigifchen Küste in einer Länge von 2,6 Kilometer erfolgen. Die Kosten find auf 2,6 Millionen RM. veranschlagt, das Bauvorhaben wird für 600 Arbeiter zwei Jahre lang Arbeit geben. Weiter sind zwei Millionen RM. für Wasser st raßenausbauten der Badischen Wasserstraßenverwaltung genehmigt. Dabei werden 1400 Arbeiter in 250 000 Tagewerken beschäftigt werden. Als drittes Bau­vorhaben ist schließlich der A u s b a u d e r B a r t sch in Riede rschlesien vorgesehen. Eingesetzt sind dafür 560 000 RM. für 100 000 Tagewerke, bei denen 800 Arbeiter beschäftigt werden.

Weitere Maßnahmen zum Schuhe der Land- und Forstwirtschaft.

Berlin, 27. April. (TU.) Im Reichsgesetzblatt erscheint ein Gesetz über Zolländerungen, das eine weitere Vervollständigung des Schutzes der Land- und Forstwirtschaft darstettt. Im Ein­zelnen wird der Zoll für gereinigte Lin - s e n von 8 auf 12 Mark je Doppelzentner und für

planmäßige Neugestaltung der Wirtschaft Gegen selbständige Einsetzung von Kommissaren bei Wirtschastsverbänden und Unternehmungen.

Berlin, 27. April. (TU.) Der Sachbear­beiter für Wirtschaftspolitik im Verbindungsstab der NSDAP., Dr. Otto W a g e n e r, erläßt folgende Bekannt­machung:

1. Die Wirtschaft ist kein Instru­ment, in das man ungestraft sinn­lose Eingriffe verüben kann. Daß das bisherige System der Wirtschaft, die Willkür des Wirtschaftsliberalismus, falsch war, wissen wir. Die Fehler dieses Systems können aber nicht durch eine neue Willkür beseitigt wer­den, vielmehr kann nur eine planmäßige Neuorientierung und eine planmäßige Neugestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse die Grundlage für den Wiederaufbau und für die Sicherung von Arbeit und Brot für das gesamte Volk geben.

2. Iede selbständige Einsetzung von Kommissaren irgendwelcher Art ist deshalb verboten. Nur Behörden, wie Ministerien, Regierungen oder Bürgermeisterämter können Kommissare einsehen. Auch bisher eigen­mächtig eingesetzte Kommissare müs­sen zurückgezogen werden, sofern nicht ihre Legalisierung durch die zuständigen -Stel en, z. B. durch den Aufsichtsrat, den Vor­stand, die Geschäftsführung oder den Inhaber eines Unternehmend oder einer Behörde schrift­lich und ausdrücklich erfolgt ist. Wenn in Ausnahmefällen die Zurückziehung eines Kom­missars eine Gefährdung des öffentlichen Inter­esses oder des Betriebes bedeutet, so ist die zu­ständige Behörde oder Handelskammer zu Rate zu ziehen.

3. Die Llmbildung der Führung der wirtschaftlichen Verbände und Ver­einigungen hat in Zukunft nicht mehr durch eigenmächtiges (Eingreifen parteipolitischer Dienststellen oder einzelner Parteigenossen zu erfolgen. Die Spihen- veroände sind bereits umgestellt. A n s e r Einfluß ist überall gesichert. Die Um» stellung der Nachgeordneten Verbände wird durch die Spihenverbände nach einheitlichen Gesichts­punkten durchgeführt. Sollten an einzelnen Stel­len die Aenderungen nicht so durchgeführt werden, wie es der nationalsozialistischen Auffassung ent­spricht, so bitte ich, mir hierüber in jedem Falle direkt Mitteilung zu machen.

Auch bei landwirtschaftlichen Genossenschaften

Berlin, 27. April. Der Amtsleiter des Amtes für Agrarpolitik bei der Reichsleitung der NSDAP. R. Walther Darrs erläßt folgende parteiamtliche Bekanntmachung:

Die in neuerer Zeit von feiten des Handels gegen die landwirtschaftlichen Viehverwertungs- genoffenfchaften gerichteten Angriffe, Ver­dächtigungen und Einzelaktionen geben mir Veran­lassung, folgendes bekanntzugeben: Das unter mei­ner Führung neu gebildete Präsidium des Reichsverband der Deutschen Land­wirtschaftlichen Genossenschaften Raiffeisen E. V., dem auch die landwirtschaftlichen Viehverwertungsgenoffenschaften unterftehen, bietet die Gewähr dafür, daß die landwirtschaftlichen Vieh- verwertungsgenossenschaften Einrichtungen des landwirtschaftliche n Berufs st andes bleiben. Ich werde dafür Sorge zu tragen wis­sen, daß diese Einrichtungen im genossen­schaftlichen Gei st e geführt werden. Damit entfällt jeder Grund für ein eigen« mächtiges Vorgehen unbefugter Stel­le n gegen die genossenschaftlichen Einrichtungen. Ich verbiete daher jegliche Eingriffe in die bestehen­den genossenschaftlichen Einrichtungen im Lande sowohl als auch insbesondere auf den Mcirk - t e n."

Keine eigenmächtigen Eingriffe gegen Kassenärzte.

Berlin, 27. April. (VDZ.) Der Kommissar der ärztlichen Spitzenverbände gibt, wie das VDZ.-Bureau meldet, bekannt, daß alle betei­ligten Stellen, insbesondere auch die von ihm eingesetzten Kommissare und Beauftragten aus­schließlich nach den neuen gesetzlichen Vorschriften des R e i ch s a r b e i t s Mi­nisters über die Neuzulassung von nichtari- schen und kommunistischen Kassenärzten und über die Beendigung der Zulassung solcher Aerzte zu verfahren haben. Er untersage dement­sprechend eigenmächtige Eingriffe ge­genüber einzelnen Kassenärzten oder den kassenärztlichen Vereinigungen.

Wicken von 5 auf 10 Mark je Doppelzentner er­höht. Der Zoll für K l e e f a a t e n wird von 18 auf 30 Mark je Doppelzentner erhöht. Blumensa - men in Kleinpackungen erhalten einen Zollschutz von 500 Mark je Doppelzentner für Einzclpackun- gen bis zu 50 Gramm. Der Kümmelzoll wird von 4 auf 20 Mark erhöht. Der Zoll auf Alfalfti- mchl von 3 auf 6 Mark je Doppelzentner. Der Zoll für Panjepferde wird von 150 auf 500 Mark er­höht. Auch die Zollsätze für Haarwild und Kanin­chen erfahren eine Erhöhung.

Neuordnung der Gaue der NSDAP.

M ü n d) e n , 27. April. (TU.) DerVölttsche Be­obachter" bringt folgende Verfügungen Wolf Hit­lers:

1. Aus den bisherigen Gauen Brandenburgs und Oftmarks wird unter der Leitung des Gauleiters Wilhelm K u b e - Berlin der Gau K u r m a r k gebildet. Aus den bisherigen Gauen München, Oberbayern und Schwaben wird der Gau Mün - chen-Ob.erbayern-Schwaben unter der Leitung des Gauleiters Adolf Wagner-München gebildet. Den Leiter des bisherigen Gaues Schwa­ben, Parteigenossen Wahl- Augsburg, ernenne ich zum stellvertretenden Gauleiter Mün-

chen-Oberbayern-Schwaben. Unter der Leitung des Gauleiters Streicher- Nürnberg werden die bis­herigen Gaue Mittel- und Unterfranken zu einem Gau Franken zusammengefaßt. Zum stell­vertretenden Gauleiter ernenne ich den Lei­ter des bisherigen Gaues Unterfranken, Parteige­nossen Otto Hellmuth-Würzburg.

2. Ich bringe in Erinnerung, daß der sich im Kampf bewährte Aufbau der Partei jetzt mehr denn je beachtet werden muß. Für die Politik ist allein der politische Leiter in dem ihm übertragenen Gebiet zuständig und ver­antwortlich. In.- und SS.-Fragen und Fragen des inneren Aufbaues der Polizei entschei­det der S A. - dzw. der SS. - Führer.

Aus aller Welt.

Schwere Bluttat auf einem mecklenburgischen Gutshof. (Ein Toter, zwei Schwerverletzte.

Eine schwere Bluttat ereignete sich auf dem Gute Kässelin bei Röbel (Mecklenburg-Schwerin). Zwischen dem durch den Vormund Rechtsanwalt Jürgen von Flotow-Parchim der gräflich von Blücherschen (Erben eingesetzten Gutsverwalter Kurt Sommer einerseits und dem früher seines Amtes enthobenen Verwalter Wilhelm R e h s e und

Gießener Stadttheater.

Gastspiel des Hessischen Landestheaters: Fidelio" von Beethoven.

Nachdem Beethoven in der Eroika-Symphonie das Drama des Helden im rein musikalischen Sinne hatte zur Tat werden lassen, ergriff er die Gelegenheit, als ihm ein Auftrag für die Komposition einer Oper erteilt wurde. Noch dazu, wo ihm ein Stoff geboten wurde, der in feiner ethischen Tendenz seiner inneren Einstel­lung völlig entsprach.

Bouilly, der Verfasser des Librettos zu Cheru- binisWasserträger" (übrigens eines der we­nigen Opernbücher, die Beethoven als vorbild­lich ansah) konnte angeblich auch den Leonoren- ftofs auf eine wahre Begebenheit zurückführen, die er wahrend der Schreckenszeit der franzö­sischen Revolution als Administrator eines De­partements bei Tours erlebt hatte. Den Schau­platz verlegte er aus naheliegenden Gründen nach Spanien. Zwei Vertonungen dieses Stoffes durch Pierre Gavecmx und in italienischer Fas­sung durch F. Paer standen auf dem derzeitigen Opernspielplan in vorderster Stelle. Beethovens Textbearbeiter Ferdinand von Sonnleitner folgte in seiner Aebertragung der französischen Vor­lage.

Man hat viel gestritten über die Geeignetheit des Fideliokextes. An den Grundprinzipien des Wagnerschen Musikdramas gemessen, glaubte man, ihn ab lehnen zu müssen und damit Wag­ners eigenem Urteil zu folgen. Erst in jüngerer Zeit, wo der Gedanke derOper" in den Vorder­grund rückt, scheint man ihm doch mehr zustimmen zu können.

Die Vermischung der verschiedensten Stilele­mente wird durch ihre Kontrastwirkung zur Stei­gerung der leitenden Idee. Ausgehend von Duffo- nesken gewinnt von Szene zu Szene das eigent­liche dramatische Geschehen in zwingendem Fort- schreiten an Daum und gipfelt in von höchster Spannkraft erfüllten Höhepunkten. Wir erleben die Handlung in ihren letzten Schauern, in ihrem Grausen, verklärt durch den Sieg der hohen sitt­lichen Idee, durch den Kamps für Menschenrecht und Freiheit unter Einsetzen der Persönlichkeit. I

So wird die Oper zu einem Hohenlied der Gat­tenliebe, indem sich auf dem Hintergründe der Kleinbürgerlichkeit übergroßes heldenhaftes Erle­ben abzeichnet und die höchste sittliche Kraft des Weibes glorifiziert wird.

Das war wie ein Geihelschlag in jener Zeit der I Auflockerung der Sitten, und ein Hörerkreis, der |

sich bei den ersten Aufführungen im Iahre 1805 vornehmlich aus französischen Offizieren zusam- mensehte (Wien war kurz zuvor von den Fran­zosen besetzt worden), mußte diesem Werk fremd gegenüber stehen. Auch eine Umarbeitung der Oper, durch teilnehmende Freunde Beethovens veranlaßt, konnte bei Publikum und Presse im Iahre 1806 nicht den erforderlichen Widerhall finden. Erst die innerliche Wandlung des deut­schen Volkstums durch die Befreiungskriege gab im Iahre 1814 der zur heutigen endgültigen Fas­sung überarbeiteten Oper den Boden zur letzten intensiven Auswirkung, an der allerdings zum nicht geringen Maße die ersten großen Darstel­lerinnen der Leonore, Anna Milder-Hauptmann und Wilhelmine Schröder-Devrient, lebhaften Anteil trugen.

Die Komposition einer Oper war für Beethoven ein Vorstoßen in ein Neuland, das sowohl der Kri­tik als auch der Hörerschaft zunächst fremd erschei­nen mußte. Vielleicht fehlte Beethoven die ur­sprüngliche Begabung für das Bühnenschaffen, wie wir sie bei Mozart in so ausgeprägter Weise an­treffen, der alles, selbst das scheinbar Unmöglichste, musikalisch zu erfassen vermochte. Während andere Opernkomponisten an dem szenischen Geschehen sich musikalisch erschließen, ist es bei Beethoven stets die echische Schaffenseittstellung, die sich im Verfolg des Sieges der sittlichen Kräfte entzündet zu höchster Ekstase und Verzückung. Und so erscheint seine Musik in die Bühne hineinprojiziert.

Als der geborene Symphoniker erhält bei ihm selbst die menschliche Stimme den Charakter des Instrumentalausdrucks. Nicht weitspannende oder gar ins Ohr fallende melodische Bogen, sondern der motivisch-organische Anteil am absoluten musikali­schen Vorgang unter ganz besonderer rhythmischer und dynamischer Präzisierung sind für ihn bestim­mend. Dieses Fernliegen von allem Sinnlich-Schö­nen bekräftigt sein Wort, daß ernur für die Ge­bildeten" schreibe. Daß die rein musikalische Erfas­sung des Leonoren-Dramas ihn immer wieder als Problem fesselte, davon zeugen die verschiedenen programmatischen Leonoren-Ouvertüren.

Bis in die jüngste Zeit hinein ist die Insze­nierung desFidelio" für die Theaterleute eine besondere Ausgabe gewesen. Teils zielte man auf die Auswertung und Wieder-Einfügung von Teilen der Ar°Leonore, die in der letzten Fassung fortbleiben mußten. Zum andern warb man für eine stilgernähe Anpassung an die dramatischen Gegebenheiten, die von der durch Wagner ge­botenen musikdramatischen Richtung her nicht voll erfaßt werden konnten: dennFidelio" darf nicht nur Theater darstellen, sondern muh zur tief schürfenden Seelenfchau werden. Die Gießener

Aufführung folgte der Inszenierung von Ernst Legal, der wir übrigens vor sechs Iahren schon einmal hier begegneten.

Die Gestalt der Leonore ist ein wichtiger Faktor für die organische Durchformung des Werkes. Sie kann ebenso die in ihrer hingebungsvollen Liebe zu höchstem Aufopfern bereite Frau fein oder auch die rein heldische Seite der Partie betonen. (Elfe Link vom Staatstheater Wiesbaden hatte in letz­ter Stunde die Leonore-Partie für die erkrankte Elsa Kment übernommen. Stimme und Erscheinung lie­ßen sie reif, heldisch, stark willcnsbetont erscheinen. Breit ausladend gab sich ihr Organ in der Höhe des Affektes unter starker Betonung der dramati­schen Akzente. Bei einer so großen Stimme wird man über Schwierigkeiten in der Koloratur (große Arie) hinwegsehen müssen, da Beethoven von an- anderen Voraussetzungen ausgehen mußte, als sie in heutiger Zeit bei vorherrschendem Wagnergesang erforderlich sind. Ihre Höhepunkte fand sie in der Kcrkerszenc. In der Verfolgung der szenischen Be­gebenheiten wäre gelegentlich intensiveres Eingehen möglich gewesen.

Joachim Sattlers Florestan war bei seinen prächtigen Stimmitteln voll beherrschter Angemessen­heit an die Situation, stark durch die lebenswahre Maske. In feiner Rachsucht und seinem vor nichts zurückschreckenden Vernichtungswillen gab Johan­nes Bischof den Don Pizzarro, wie vor sechs Jahren, voll dramatischer Wucht und vermochte in routinierter Weise die nach langer verdienstvoller Bühnentätigkeit sich nun meldenden stimmlichen Mängel nicht merken zu lassen. Der Rocco Theo Herrmanns war sehr gewandt in Anpassung an gefangs-fttlistische und szenische Erfordernisse: die innere Entwicklung des wachsenden Widerstandes gegen Pizarro trat greifbar hervor. Sympathisch zeigte sich Regina Harre als Marzelline, naiv, natürlich, gewandt in Spiel und Darstellung bei sehr beachtlichem stimmlichen Können; Eugen Vogt als Iaquino war beweglich mit seiner szenischen und gesanglichen Fähigkeit. Johannes Drath als Don Fernando verkörperte den Minister voll echt spanischer Grandezza.

Die vielfachen Ensemblesätze waren im einzelnen typisch charakterisiert: besonders stimmungsvoll bannte der Kanon mit seinen ahnungsvollen Tasten. Die Chöre waren fein ausgeglichen im engsten Kontakt mit der Szene. Das Orchester unter Dr. Hans Schmidt-Isserstedt for­dert höchstes Lob heraus. Immer wieder war die seine dynamische Ausgeglichenheit der Bläser, insbesondere aber der Hörner in ihrer unbeding­ten Sicherheit zu bewundern. Als eine ganz be­sondere Gabe war die zweiteLeonoren"-Ouver­türe in ihrer großzügigen Erfassung und Durch-

dem Stiefvater der Erven, dem Landwirt von Nordheim aus Neetze bei ßeuneburg anderer­seits bestand seit längerer Zeit infolge Prozeß- und Verwaltungsstreitigkeiten ein gespanntes Verhält­nis. Im Verlaufe einer erregten Auseinandersetzung, die in der Wohnung des Verwalters Rehfe zwischen den Parteien stattfand, zog von Nordheim einen Revolver und schoß auf von Flotow und Som­mer, als letzterer mit Rehfe in ein Handgemenge geraten mar. Rehfe sank tödlich verletzt zu Boden. Sommer wurde durch einen Bruftsteckschuß schwer verletzt und noch in der Nacht in das Karolinenstift in Neu-Strelitz eingeliefert. Rechts­anwalt von Flotow erhielt zweiSteckschüsse in die rechte Schulter und wurde in das Kranken­haus übergeführt. Im ganzen wurden sieben Schüsse abgegeben. Von Nordheim ist geständig und will in Notwehr gehandelt naben. Er wurde nach Verneh­mung durch den ersten Staatsanwalt aus Güstrow von der Gendarmerie verhaftet. Für Kurt Sommer besteht noch Lebensgefahr.

In dieser Angelegenheit hat der Regierungs-- kommissar von Mecklenburg, Reichs- und Land­tagsabgeordneter Hildebrandt ein Tele­gramm an den Reichskanzler gerichtet, in dem es heißt:Durch Osthilfeskandal in Finken bei Röbel sand gestern eine Schießerei statt, bei der Pg. Rehfe getötet wurde, zwei weitere schwer verletzt. Die Unruhe ist derart, daß, wenn nicht Abberufung des Kommissars von Rostock erfolgt, ich nicht mehr für die Sicherheit der Oststelle ga­rantieren kann." Regierungskommissar Hildebrandt hat außerdem den stellvertretenden Amtshaupt- mann des Amtes zwecks Aufrechterhaltung der Ruhe zum Kommissar mit Polizeivollmacht über die gesamte von Blüchersche Besitzung ernannt.

Das Ergebnis derVolksspende Niobe".

Die Ende August vorigen Jahres nach dem tra­gischen Untergang des SegelschulschiffesNiob e" eingeleitete Sammlung zugunsten einerVolks- spende Niobe" ist jetzt in einem Schlußergeb­nis von über 250 000 R M. abgeschlossen wor­den. An dieser Sammlung haben sich schätzungs­weise 1$ bis 2 Millionen Einzelspender mit kleinen und kleinsten Zuweisungen beteiligt. Das Ergebnis der Sammlung wird in feinem Hauptteil als eigent­licher Grundstock für den Neubau eines Schulschiffes dem Reich zur Verfügung gestellt.

Großfeuer in Potsdam.

Aus bisher unbekannter Ursache entstand in Pots­dam in der zum Provickniamt gehörenden Dampf« mühle in der Leipziger Straße unmittelbar an der Havel ein Großfeuer. Alle Wehren aus der ganzen Umgebung waren angerückt. Es wurde aus 30 Schlauchleitungen Wasser gegeben. Die meterhoch gestapelten Kornoorräte wurden ein Raub der Flammen. Die Größe des Schadens ist noch nicht zu übersehen.

Kunst und Wissenschaft.

Der Direktor der Hochschule für Musik beurlaubt.

Kultusminister Dr. Ruft hat den Professor Dr. S ch ü n e m a n n in seiner Stellung als Direktor der Hochschule für Musik in Berlin mit sofortiger Wirkung beurlaubt und zu seinem Amtsnach­folger den ordentlichen Professor an der Universität Kiel, Generalmusikdirektor Dr. Stein, ernannt.

Heute beginnen wir in den Familien- blättern mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romans unter dem Titel

Die Dame mit dem Otterpelz

Das ist die spannende Geschichte eines abenteuerlichen Kriminalfalles,ge­schrieben von Caren, einer begabten deutschen Schriftstellerin, deren Selbst­porträt gestern im Feuilleton erschien

arbeitung zu ^werten. Verantwortungsvolle Aus­gaben fallen bei der Intensivierung der Hand­lung der Beleuchtung zu, das letzte Bild er­strahlte im Einklang zum lichten L-Dur der Musik (Ludwig Keim): ebenso waren die Szenen­bilder von eindrucksvoller Wirkung (K. L ö f f I c r).

Dr. H.

Zilni-Lustspiel.

Ein neuer Hfatonfilm läuft feit gestern im Lichtspielhaus unter dem TitelW enn die Liebe Mode mach t. Ein heiteres Spiel aus der Welt der Konfektion, eine unterhalt­same, operettenhast verbrämte Episode um ein kostbares Kleid mit enormem Rückenausschnitt und 70 000 Affenfelle, die eines schönen Tages aus der Mode gekommen sind. Franz W e n z le r hat die Regie: er inszeniert lebendig, mit beweg­lichem Temperament und vielen Meberblcnbungcn. Renate Müller, sehr niedlich, als kleine Mi­dinette in einem großen Mode-Atelier, und Georg Alexander, eleganter, witziger Bonvivant, spielen die erste Geige. W a l l b u r g feiert wie­der mal Triumphe: als der Mann m't den Affen­fellen. Dom übrigen Ensemble: Meyerinck, Hilde Hildebrand. Gertrud Wolle, Steinbeck, Dallcntin, Vesper mann: eine gut zusammengestellte Besetzung. Aus dem Beiprogramm: ein interessanter Kulturfilm aus Ceylon und recht aktuelle Wochenschau.

Kämpft der Bär mit dem Elch?

Eine interessante Streitfrage wird in kana­dischen Jägerkreisen erörtert, und zwar fjanMt es sich darum, ob ein Bär den Elch,-das g i ßto Wild Kanadas, angreift. Fünf Augenzeugen ya- ben versichert, daß sie einen solchen Kampf be­obachtet haben. So erklärte Warren Miller, daß er einen verzweifelten Zweikampf erlebte, der zwischen einem großen schwarzen Bären und einem voll erwachsenen Elch stattfand. Der Bär ritt auf dem Rücken eines entsetzten Elches, der in einem See bei Mekatina in Ontario schwamm: er verletzte die Flanken des Elches mit feinen mächtigen Tatzen, fo oaß dieser sank. Der Bär wurde dann erschofsen. Im allgemeinen aber ist man der Ansicht, daß der Bär einen erwachsenen Elch nicht an^ugreifen wagt, weil er dabei den Kürzeren zieht. So berichtete ein gewisser Darn- hill aus Montreal, er habe mit angesehen, wie ein Bär ein Elchkalb wegzuschleppen suchte, aber benot er eS noch töten konnte, erschien die Elch­kuh und zermalmte buchstäblich den Bären durch Schlige, die sie ihm mit ihren kräftigen Vorder- süßen versetzte.