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m. 278 Zweites Blatt
Montag, 27. November 1935
Stetzener Anzeiger (iveneral-Anzeiger |ui Gveryefsen)
Der türkisch-russische Eckpfeiler.
Zehn Zahre Freundschaft zwischen Moskau und Ankara.
Bon unserem N-Äerichtersiatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, November 1933.
Wenn angesichts der mannigfachen Versuche Südosteuropas, sich gegenüber dem Westen fester zu- rechtzusetzen, von einem zwischenstaatlichen Zusammenhalt gesprochen werden kann, so doch zunächst immer wieder nur vom türkisch-russischen Das ist jetzt erneut und — man darf ruhig behaupten — in einer nie dagewesenen Art bestätigt worden durch die gemeinsame Feier der Türken und der Sowjetmacht. Mit dem 10. Jahrestag der türkischen Unabhängigkeit fiel auch die Jubiläumsfeier der türkisch-russischen Freundschaft zusammen. Vor 10 Jahren verbündete sich die Türkei mit der Sowjetunion. Fast volle zwei Wochen weilte jetzt eine große Sowjetdelegation in der Türkei. Nun ist sie heimgekehrt, begleitet von dem Jubel der Bevölkerung und überschüttet mit Ehrungen von Staats wegen-, die Begeisterungswoge schien nicht abflauen zu wollen.
Zuguterletzt noch ernannte die Stadt Eskischehir den Führer der Sowjetdelegation, den Kriegskommissar Woroschilow, zu ihrem Ehrenbürger. In Eskischehir befindet sich die Basis der türkischen Militäraviatik, und die Sowjetgesandten hatten der Türkei drei erstklassige Bombenflugzeuge und ein viermotoriges Zivilflugzeug zum Geschenk mitgebracht. Der militärische Charakter der Sowjetdelegation war vorherrschend, selbst den im Sowjetland legendären Reitergeneral Budjonny hatte man mitgebracht. Damit über die sowjetische Luftkriegshilfe für die Türkei nirgendwo Zweifel aufkämen, hatte sich die Delegation auf einem Teil ihrer Herfahrt von 25 ukrainischen Kampfflugzeugen begleiten lassen. Vorweg aber meldeten die Russen nach Ankara: die Sowjetukraine steht zur Türkei.
In Ankara wollte man nichts schuldig bleiben. Den Mittelpunkt der Feiern — oft war es schwer zu unterscheiden, was der türkischen Unabhängigkeit, was der Sowjetfreundschaft galt — bildeten d i e Militär- und Jugendparaden. Denn für ihre Verteidigung hat die Türkei außer einer tüchtigen Armee auch ein unvergleichlich hohes Nationalbewußtsein bereit. „Die türkische Armee kann jeder erstklassigen europäischen gleichgestellt werden!", rief hingerissen Woroschilow aus und fand ein be- sonderes Lob für die Infanterie, die Reiterei und die — Jugend außerhalb der Armee, die „erlesenen Mädchenschönheiten" eingeschlossen. Aber der Türkei fehlen ausgiebige Luftwaffen — und Woroschilow tat alles, um sie zu beruhigen: notfalls sind wir zur Stelle — über den Dardanellen!
Darin auch gipfelt die gegenwärtige türkisch-russische Politik. Wenn, wie immer wieder hervorgehoben wurde, das Verhältnis zueinander durchwirkt ist vom gegenseitigen Verstehen der nur realen Interessen beider Seiten, wenn schon lange auch eine sich vertiefende wirtschaftliche Zusammenarbeit besteht, so standen doch immer die Meerengen pro- b l e m e im Vordergrund. Und als im letzten Frühjahr die Türkei in Genf die Revision des Dardanellen st atuts verlangte, stand Moskau auf der Abrüstungskonferenz hinter ihr. Durch die Entmilitarisierung sind die Dardanellen der türkischen Macht so gut wie entzogen. Würden nun noch grosse
Küstengeschütze verboten, so hätte alle Welt ungehindert jederzeit Durchfahrt, ohne daß die Türkei auch nur einen schütz abfeuern könnte. Dann wäre mit der anatolischen Schwarzmeerküste auch dieSüd- kü sie Rußlands fremden Zugriffen offen. Flugzeuge aber sind dann noch immer das beste und sicherste Verteidigungsmittel, um die Durchfahrt von vornherein zu erschweren. Und hierüber nun besteht Klarheit für die Zukunft: der russisch-tükische Eckpfeiler ist fortan zu Lande, zu Waller und in der Luft mit den modern st en Waffen geschützt.
Jedoch weder Türken noch Russen verhehlen sich, daß den allerbesten Hintergrund doch politische Mitverpflichtungen der sonst i g e n Aura i n e r des Schwarzen Meeres, der Meerengen und soweit als möglich auch des Mittelmeeres sind. Es ist denkbar, daß, wenn Litwinow nicht nach Washington, sondern nach Ankara gereist wäre, die Betonung diesmal gerade auf das Zusammenflechten möglichst vieler Anrainer gelegt worden wäre. Rumänien, Bulgarien, Griechenland, ohne sie ist begreiflicherweise auch ein Eckpfeiler immer nur erst ein einziger Eckpfeiler. Selbst P o - l e n läßt sich hierfür umwerben, und die Sowjetdelegation hatte für Polen manches freundliche Augenzwinkern übrig. Denn Polen in diesem Bunde, das wäre im russisch-türkischen Aspekt ein Posten, an dem sich.u. a. die Kleine Entente mürbe reiben würde, mürbe für die Eingliederung in das türkisch-russische Verhältnis.
Es besteht aber kein Zweifel, daß, sofern die
türkisch-russische Freundschaft ein Bollwerk gegen den Westen darstellt, die ganze südöstliche Selbständigkeit nicht als Anhängsel einer westlichen Großmacht oder Gruppierung gedacht ist. Welche Flotten denn könnten die gemeinsamen türkisch-russischen Interessen bedrohen? Alle, mit Ausnahme der deutschen, die kaum ihre eigene Küste schützen kann. Uno so sehr Rußland auch zur französischen oder italienischen Seite neigt, die Türkei wünscht vor allem reine Beziehungen au Bulgarien, Ungarn und Deutschland. Es hat sich somit gegenüber dem Westen doch schon eine gewisse bewegliche Haltung herausgebildet, ohne daß freilich mehr darüber zu sagen wäre. Man darf ja nicht vergessen, daß die hauptsächlichste russische Spannung heute bei Japan liegt, daß ferner die Türkei mehr noch als ein anderer Staat aus praktischer Erfahrung die schier unüberwindlichen Hemmnisse einer Locarnisierung des Balkans kennt. In der Tat ist ja die Zerstückelung und Verfremdung des Balkans heute um nichts besser als vor dem Weltkrieg. Einzig die türkisch-russischen Beziehungen stellen den ruhenden Punkt in der Erscheinungen Flucht dar.
Will man eine Prognose wagen, so wäre es nur die, daß die Befestigung der Dardanellen in dem Grade fortschreiten wird, in dem sich der Vier- m ä ch t e p a k t gegen den Südosten auswirkt. Denn ihm vor allem galt die Demonstration der türkischrussischen Freundschaft. Von dieser Basis her gedenken die Türkei und Rußland die Meerengen zu ummauern, nicht zunächst und vor allem als Gegengewicht zu irgend einem der Partner des Viererpaktes im einzelnen, sondern zu ihm als Gesamtheit mittels eines Balkan-Locarnos. Und da eine Verschiedenheit zwischen Türken und Russen darin nicht besteht, hängt es für die Weststaaten von ihnen selbst ab, wieweit sie entweder draußen bleiben oder miteinbezogen werden. Das haben die Feiern gezeigt.
Reichsftatthalter Sprenger m der Ausstellung
„Das Tier in der deutschen Kunst".
WSN. D a r m st a d t, 24. Nov. Das Staats» Presseamt teilt mit:
Am Dienstag, den 21. November 1933, stattete der Reichsstatthalter und Gauleiter Sprenger nebst Begleitung der zur Zeit im Hessischen Lan« des-Museum Darmstadt staltfindenden Ausstellung „Das Tier in der deutschen Kunst" einen Besuch ab.
Zur Begrüßung des Herrn Reichsstatthalter« hatte sich Herr Ministerialrat Ringshausen nebst einigen Herren der Ministerial-Abteilung ll (Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum), so« wie Herren des Museums eingefunden. Ferner bemerkte man noch unter den Gästen Herrn Prälat D. Dr. Diehl und Oberkirchenrat Dr. Müller.
Die Führung durch die Ausstellung übernahm der Direktor der kunsthistorischen Sammlung, Professor Dr. F e i g e l, der dem Herrn Reichsstatt« Halter Erläuterungen zu dem Gezeigten gab. Anschließend an die Besichtigung führte Professor Dr. F e i g e l den Herrn Reichsstatthalter und die übri« gen Gäste noch in die Glasgemäldesammlung. Hierzu erläuterte Professor Dr1. Feigel, daß dies« Sammlung von Glasgemälden wohl die schönste, wenigstens in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa sei. Diese Sammlung, sowie die Ausstellung „Das Tier in der deutschen Kunst" sanden den offensichtlichen Beifall des Herrn Reichsstatthalters, der sich lobend über beide Ausstellungen aussprach. Zum Schluß wurde noch die z. Zt. im Landesmuseum stattfindende Lutherausstel» l u n g besichtigt, die ebenfalls das lebhafte Interesse des Herrn Reichsstatthalters fand.
Bei dieser Gelegenheit darf darauf hingewiesen werden, daß die Ausstellung „Das Tier in der deutschen Kunst" in weiten Volkskreisen größten Anklang gefunden hat, was sich schon allein aus der Besucherzahl feststellen läßt. So hatte dies« Ausstellung am vergangenen Sonntag ungefähr 1200 Besucher aufzuweifen. Es ist wünschenswert, daß die Ausstellung, die von der Landschaft Rheinfranken-Hessen des Reichsbundes „Volkstum und Heimat" unter Führung des Ministerialrats Ringshausen ins Leben gerufen worden ist, auch weiterhin die Beachtung aller Volkskreife findet und diese damit wieder zur Pflege und aufmerksamen Betrachtung unserer deutschen baden« und blutbedingten Kunst anhält.
Feierliche Rekioratsübergabe an der Technischen Hochschule Darmstadt.
WSN. D a r m st a d t, 24. Nov. Heute vormittag fand die feierliche Uebergabe des Rektorats an der Technischen Hochschule Darmstadt durch den Prorektor Professor Dr. Thum an den neuernannten Rektor Professor Dr. Busch in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste statt. U. a. bemerkte man Regierungsrat Reiner als Vertreter des Herrn Reichsstatthalters, Staatsminifter Jung, Ministerialrat Ringshausen, den Oberbürgermeister von Darmstadt Dr. Müller, den Kanzler an der Technischen Hochschule Kopp usw. In dem Bericht des scheidenden Rektors wurde u. a. betont, daß der Wunsch der Studentenschaft nach pflichtgemäßen Leibesübungen erst nach der politischen Umwälzung in Erfüllung gehen konnte. Die Zahl der Studierenden an der Technischen Hochschule Darmstadt betrug im Wintersemester 1932/33 2 8 1 4, im Sommersemester 1933 2 4 01. 313 Studierende haben die Diplom-Hauptprüfung abgelegt, 43 Diplom-
dudaveüs Großsender vor der Einweihung.
Links: Auf dem Porzellansockel des riesigen Sendeturms, der dauernd polizeilich bewacht wird, ruht eine Masse von 860 000 kg. — Rechts: Der Sendemast ist mit 314 m der höchste Turm der Welt.
Gießener Gtavtiheater.
Karl Lerbs: „O-Boot 116."
Mit toum einem andern Stück hätte — gerade heute — der Tag, der dem Gedächtnis der Toten gehört, würdiger und sinnvoller beschlossen werden können als mit diesem Schauspiel, das vor zwei Jahren in Bremen seine Uraufführung erlebte und seitdem über viele deutsche Bühnen gegangen ist. Der Verfasser hat vorgestern an dieser Stelle über die Entstehungsgeschichte seines Dramas das Wesentliche bereits gesagt. Es handelt sich, ursprünglich, um ein Stück des Engländers C S. Fore st er, und es liegt aus verschiedenen Gründen der Vergleich mit einem früheren englischen Kriegsstück nahe, das mir ebenfalls hier gesehen haben, „Die andere Seite" von Sheriff.
Ebenso offenkundig wie die Uebereinftimmungen zwischen beiden Dramen find die Unterschiede-, der wichtigste ist der zwischen Abbild und Sinnbild. Die (ausgezeichnete) deutsche Uebersetzung der „Anderen Seite" entsprach dem Urbild „Journeys end" vollkommen. Die deutsche Uebersetzung von „U 97" ist ebenso gut, gibt aber ungleich mehr, weil mit der Uebertragung zugleich eine entscheidende Umwandlung vor sich gegangen war.
Lerbs selber hat beschrieben, wie ihm unter den Händen ein völlig neues Stück entstand, indem der einfache und theatralisch überaus wirksame Bericht des Engländers mit tiefer Sinngebung des Vorganges zum Symbol erhoben und die einmalige Tat einer Idee unterstellt wurde, die ihr eine grundsätzliche und beispielgebende Bedeutung verlieh. Diese Idee aber, die einer längst vergessenen Episode aus den letzten Tagen des Weltkrieges nach dem Willen des deutschen Dramatikers den inneren Antrieb gab, ist eine von jenen sittlichen Grundpfeilern, auf Denen heute die Erneuerung unseres Staates und unseres Volkes ruht. *
Die Vorgänge in den drei Akten sind unmißverständlich und einfach. Die Handlung spielt während Der ersten Novemberwoche 1918 in einem deutschen Kriegshafen an der Nordsee Erster Akt: Kasino der U-Boot-Offiziere. Die Offiziere befinden sich in einer verzweifelten Lage Die Meuterei hat ihnen die Waffe aus der Hand geschlagen, den Sinn ihres Lebens genommen und sie zur Untätigkeit verurteilt. Sie müssen den Dingen zähneknirschend ihren Lauf lassen und zusehen, wie ein aus den Fugen geratenes Vaterland dem Abgrunde zutreibt. Da steigt ein Gedanke in ihnen auf, der alle gleichsam erlöst und ihnen den Ausweg weist, den sie als deutsche Offiziere in dieser Lage allein noch beschreiten können: ein einziges Boot, „U. B. 116", ist noch intakt in ihrer Hand. Mit dem werden sie noch einmal, zum letzten Mal, auslaufen gegen die englische Flotte. Ein einziges Boot mit lauter Freiwilligen, von Offizieren bedient, von Offizieren geführt.
Der zweite Akt bringt, entlastend und spannend zugleich, den Abschied der Offiziere von ihren. Frauen. Die sollen nicht wissen, daß es ein Abschied
für immer ist. Ader noch ehe alle Offiziere den Raum verlafsen haben, ist schon den Frauen die Ahnung zur Gewißheit geworden — mitten in einer ganz kleinen, ganz zarten Liedesszene. Man muß hier an eine wundervolle Novelle des Dichters Wilhelm von Scholz denken, welche „Die Pflicht" überschrieben ist und in klassischer Klarheit und Knappheit eine ähnliche Idee gestaltet: daß hier wie dort der männlichen Tat die weibliche Gefolgschaft und Opferbereitschaft an die Seite tritt, das eben erhebt das Schauspiel aus der episodischen Einmaligkeit zum gültigen Beispiel
Der dritte Akt bringt, erregend und aufwühlend, das unausweichliche Ende. Wir erleben die letzte Fahrt des Bootes mit; sie finden wahrhaftig ihren Weg durch Nebel und Minenjperre und Zerstörer hindurch bis zum Hafen der englischen Flotte. Sie tauchen auf, verfeuern ihre Torpedos, vernichten einen Kreuzer und sinken, von einer Wasserbombe getroffen, bewegungsunfähig in die Tiefe. Die Tat ist getan, das Opfer gebracht Sie wissen, daß dies das Ende ist, und sie lehnen jede Möglichkeit einer Rettung ab, noch ehe es entschieden ist, daß es keine Möglichkeit gibt Aber sie wissen auch, daß sie nicht allein sind hier unten auf dem Meeresgrund, und aus dem Bewußtsein der Gemeinschaft mit den ungezählten Toten erwächst ihnen der tiefe und ewige Sinn ihres Sterbens, das sie bewußt zum Vorbild und Sinnbild erheben für die Lebenden, als großes Vermächtnis im Glauben an ein Deutschland der Zukunft. —
Die feierlichen Klänge der Ouvertüre zum Trauerspiel „Hamlet" von E. Bach, vom Stadttheater- Orchester unter Leitung von Kapellmeister Cujä gespielt, bilderen das Präludium, die Soldatenweise vom guten Kameraden den Ausklang der Aufführung, die unter der Regie von Kurt L ü v k e ernst und würdig in Szene gesetzt wurde Hier war nicht nur die theatralische Wirksamkeit eines überaus dramatischen Stoffes empfunden und ausgewertet, sondern, was ungleich schwerer wiegt und wesentlicher ist, der ideelle Kern der Fabel heraus- gearbeitet und zu tiefer Wirkung gebracht worden. Im einzelnen waren die drei Akte nach Stimmung und Gewicht mit sicherem Instinkt gestaltet, gesteigert und gegeneinander ausgewogen. Besonders die letzten Szenen des zweiten und des dritten Aktes wurden ausgezeichnet gespielt.
Mit großer Anerkennung ist der Mitarbeiter im Regiestab zu gedenken, der Herren Löffler (Bühnenbild) und Keim (Beleuchtung), die für das technisch sehr schwierige Problem des Schlußaktes eine überaus geschickte und glückliche Lösung gefunden hatten: sie legten den Jnnenraum des Bootes im Längsschnitt frei und ließen den Zuschauer so die letzte Phase des heroischen Schau- spiels in erstaunlicher Jllusionskraft unmittelbar miterleben
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Die Gemeinschaftsidee, die in diesem Drama angerührt wird, schien sich auf das Ensemble frucht- br$na<enh üfiorir/toon n> Knhon 9flfi> Tlnrft.pnor
Männer und Frauen, waren in voller Hingabe an die Sache am Erfolg beteiligt. Aus dem Kreise der Offiziere hoben sich einige besonders markante Gestalten heraus: Neuhaus (Emsmann) gab einen Aktivisten, entschlossen, energisch, bebingunqslos auf die befreiende Tat losgehend; Hub als Admiral: eine noble und ritterliche Erscheinung, geistiger Urheber und Träger der Idee, überlegen aus Erfahrung, Alter und Reife des Urteils, ein echter Führer, der sich doch im entscheidenden Augenblick schweigend einzufügen weiß in die kleine freiwillige Gemeinschaft. M a r ck s gab den Lucas, schein- bar kühl, skeptisch, ironisch und nervenlos, aber auch er in der Stunde des Abschieds ganz dem großen und strengen Gesetz untertan, das die völlige Aufgabe des eigenen Lebensanfpruchs von ihm wie von ihnen allen fordert.
Mit großer Zartheit, Klarheit und wachem Gefühl erfüllte Fräulein Stadler jene kleine und dennoch tief bedeutsame Liebesszene im Mittelakt. Still und fein vermittelte Frau Koch als Admiralin die hellsichtige und schweigende Bereitschaft der zurückbleibenden Frauen. — Die Damen Schubert-Jüngling, Wielander und Bürberg, die Herren Dieten, Geiger, Lüpke, Michel, Nieren, Schorn und Förderer ordneten sich in kleineren Aufgaben vortrefflich ein.
Das Haus war im Ganzen leider nur schwach besetzt; SA., SS. und Stahlhelm waren zahlreich vertreten. Unter dem tiefen Eindruck des Schauspiels verließen die Besucher schweigend den Raum.
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Goethe-Buni.
Paul-Ernst-Gedenkstunde.
In der Neuen Aula hielt der Goethe-Bund gestern seinen ersten literarischen Abend ab. Der Abend war dem Gedenken des Dichters Paul Ernst gewidmet. Dr. Walbrach begrüßte zunächst die Mitglieder und Gäste, besonders aber den Vortragenden, erinnerte daran, daß Paul Ernst 1921 an gleicher Stelle gesprochen habe, und kennzeichnete dann das Wollen des Goethe-Bundes, für den die Pflege eines nationalen deutschen Schrifttums immer der Kern der Bestrebungen bleiben solle. Die nationale Erhebuny bedeute für den Goethe-Bund einen ideellen Gewinn. Die Freiheit zur Pflege der nationalen Dichtung verdanke man jenem Manne, der dank seiner unbeirrten Tatkraft zum Führer des Volkes geworden fei. Adolf Hitler werde sich auch das Volk erobern. Der Goethe-Bund fei vorbehaltlos bereit, mitzuhelfen, den Dichter in den Staat einzubauen. Im neuen Deutschland seien politisches und kulturelles Leben nicht zu trennen. Was der Goethe-Bund erwarte, sei ausgesprochen worden von Männern, die im vergangenen Jahre in diesem Kreise gesprochen haben: Beumelburg, Wehner, Grimm und KolbenHeyer.
Dr. Leonhard Blaß umriß in einführenden Worten fun die Persönlichkeit und das Leben des
Dichters Paul Ernst. Er sei Wegbereiter zum Dritten Reich gewesen; er habe den Aufbruch der Na- tion vorausgeahnt und noch erleben dürfen. Die Erfüllung feiner dichterischen Mission sei noch nicht gekommen. Aber es rege sich im Land, da und dort, wenn auch nicht in Berlin. Man werde an deutschen Theatern auf seine Tragödien aufmerksam. Des Dichters Saat sei im Aufgehen begriffen. Er habe es vorausgeahnt, daß die bürgerliche Zeit vorbei fei und ein Neues sich anbahne. So fei er auch zum Dichter für fein Volk geworden, von dem er selbst sage, daß es ein besseres Volk auf der Welt nicht gebe. Mit schlichter Sprache habe er große und kleine Dinge und die Menschen gestaltet. Nun höre ganz Deutschland seine Stimme.
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Dann las Dr. Blaß vor. Man hörte zunächst ein von tiefer Religiosität erfülltes Gedicht aus dem Band „Bete und arbeite!" und dann einen fesselnden Abschnitt aus dem größten Werk des Dichters, dem „Kaiserbuch", in dem der großartige Verzicht Konrads und Eberhards von Franken auf die Krone und König Heinrichs I. aus dem Haufe der Sach- fen machtvolle und weife Persönlichkeit ihren Niederschlag fanden. „Der König und der Präsident des Volksstaates", eines der erdachten Gespräche, in dem königliche Gesinnung ihren klaren Ausdruck gefunden hat, forderte zu steten Vergleichen mit Ereignissen der jüngsten deutschen Geschichte heraus. Noch gegenwartsnäher aber berührte der Abschnitt aus dem Bucke „Grundlagen der neuen Gesellschaft", in dem vom Arbeiter die Rede ist, der dem nationalen Staat wieder gewonnen werden soll. Hier predigte der Dichter, daß nicht Verhältnisse den Menschen schaffen, sondern der Mensch die Verhältnisse. Nicht der Lohn ist die Hauptsache, sondern das Werk.
Mit großer Freude hörte man einen Ausschnitt aus dem Roman „Der schmale Weg zum Glück" und zwar jenes ernste Kapitel, in dem der Sohn Abschied nimmt aus dem Hause des Vaters, des Försters, und dazu von der Mutter Worte und Lehren mit auf den Weg bekommt, die ficherliche jed« deutsche Mutter gern ihrem Sohn mitgeben würde, wenn ihr die Worte gegeben wären, diese feinen Gedanken auszufprechen wie es hier der Dichter eine Mutter tun ließ. In diesem Kapitel klang vieles auf von dem, was wohl jeder einmal selbst erlebt hat. Aus dem reichen Schatz der Novellen hört« man dann noch die Novelle „Der Blinde", eine Geschichte, die alltäglich erscheinen könnte, wenn fit nicht das Hohelied eines heroischen Opfers gewesen wäre, das hier in schlichtester Sprache edle Gestaltung gefunden hat. Zum Schluß brachte der Vortragende noch das Gedicht „Die Sonne" aus dem Buche „Bete und Arbeite!" zu Gehör, das be« Dichters weltweiten Geist in elementarer Weis« offenbarte.
Dr. Leonhard Blaß vermittelte durch seine vollendete Vortragstechnik, durch seine von jeder lieber- treibung freie Sprache und Gebärde den vollen Gehalt der Dichtungen; er sprach zu aufmerksamen und dankbaren Zuhörern. N.


