Ausgabe 
27.10.1933 Erstes Blatt
 
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Nachdruck verboten!

85. Fortsetzung.

Die

Ist

worden?

HerbstWinter!

bestickten Gauchoanzug.

Die Augen, die übergroßen dunkelblauen Augen

aufbrechen?"

Sie erhob sich schon, und ehe die neue Programm» nummer auftrat, hatten sie den Ausgang erreicht.

Draußen sahen sie sich beide wie fragend an, und stumm gingen sie die Georgenstraße hinunter. 21. Friedrichstraße war ihnen zu belebt.

Plötzlich blieb Olga stehen.

Was sagen Sie nun, Herr von Malten? 2'1 Marlene nicht eine wundervolle Künstlerin ge»

Ein Lied vom Glück

Vornan von Anny von panhuys.

In dem kleinen Wohnstübchen aber besprachen Paul Werner und die Baronesse dasselbe Thema. Olga meinte:(fr wird stutzen, wenn er Marlene als Argentinierin sieht."

Der alte Herr lächelte:Endlich werde auch ich mein Mädel so sehen, ich freue mich auf Marlenes Auftreten in Berlin."

Beide verabredeten, Marlene dürfe nichts von Achim von Mallens Besuch erfahren. Erst sollte er sie auf der Bühne sehen.

Am nächsten Tage in aller Frühe depeschierte Marlene schon von Leipzig aus.Komme zu Euch, treten heute abend schon in Berlin auf!"

Da erklärte Olga dem alten Herrn:Frische Fische, gute Fische! Ich möchte gleich heute nach Berlin, und nach achtzehn Uhr suche ich Herrn von Malten Im Adlon auf."

Der alte Herr hatte nichts dagegen.

,Zch schaue mir die vier Argentinier erst an, wenn Marlene bei uns gewesen ist."

Olga war froh, allein fort zu können; sie sehnte sich danach, Ramon Vega wiederzusehen.

Olga fragte imAdlon" nach Achim von Malten. Es war sechzehn Uhr dreißig Minuten. Sie mußte ein wenig warten, und dann erschien er, lud sie zum Tee ein.

Sie wehrte ab:Es wird spät werden, ehe sie Marlene sehen können wie wäre es, wenn wir die Zeit bis dahin im .Wintergarten' verbrächten? Ich sehe Varietenummern gar zu gern."

Er erwiderte zögernd:Ehrlich gestanden, Ba» ronesse, bin ich für so etwas nicht in der richtigen Stimmung."

Sie lächelte:Die Stimmung findet sich schon ein. Nebenbei bemerkt, kann Marlene erst morgen nach Haufe zu ihrem Vater kommen; doch Sie und ich, v>ir werden sie heute noch sehen."

Er blickte sie verständnislos an.

Was ist denn nur mit Marlene? Ich werde aus allem nicht klug."

Sie erwiderte:Sobald Sie Marlene, wenn auch nur von weitem, gesehen, wissen Sie viel, wissen

Mit einemmal gab es keine Rätsel mehr. Er be­griff, was die Baronesse mit ihren Rätselworten gemeint hatte, und begriff, weshalb sie durchaus in denWintergarten" mit ihm gewollt. Alles war ihm jetzt klar.

Er ließ keinen Blick mehr von Marlene; ober dann sah er unwillkürlich auch die drei Herren da oben genauer an. Hübsch waren sie alle; aber der eine, der jetzt seinen Stuhl vorgerückt hatte und allein sang, schien ihm wie ein Feind. Welche gesährlichen Augen, welch fremdartig reizvolles Gesicht hotte der Mensch.

Quälend war dos Gefühl, das ihn erfaßt hatte; er erschien sich sehr unbedeutend und flach neben dem auffallenden Sänger, in dessen Nähe Marlene jetzt lebte, mit dem sie durch die Welt zog und leiden- schaftliche Liebeslieder sang.

Er wollte etwas zu seiner Begleiterin sagen und merkte erst jetzt, mit welcher Inbrunst und Hin- gebung die Augen der Baronesse an dem Sänger hingen.

Wie aber stand es um Marlene? Vielleicht galt ihr der Sänger wirklich etwas, weil sie sich zu dieser Truppe gefunden.

Er erwachte wie aus einem Traum, als die vier noch tobendem Beifall von der Bühne verschwanden, und er starrte noch immer auf die Stelle, wo er sie gesehen. Sie erschienen noch einmal. Die drei Männer begannen mit Gitarrenspicl. Marlene trat vor, sang mit ihrer weichen, bezaubernden Stimme:Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt!"

Sie sang das kleine Lied als Zugabe, und das Publikum faßte die Zugabe so auf, wie sie aufgefaßt werden sollte. Als Dank für den Beifall schenkte ihnen die Argentinierin ein deutsches Lied. Die mela- diöse, einfache Weise gewann die Herzen, und von Beifallswogen umbrandet, stand Marlene da oben und verneigte sich mit leichtem Lächeln immer wieder.

Achim von Malten lag das Herz schwer in der Brust. Marlene schien ihm fern, so nahe sie ihm m Wirtlichkeit auch war. Sie gehörte jetzt einer Welt an. die er nicht kannte, und dieser Partner mit dem dämonischen Aeußeren hatte sie vielleicht vergessen lassen, daß es einen Mann gab, den sie zu lieben geglaubt, und der sie gar so bitter schwer gekränkt.

Er flüsterte Olga zu:Nun können wir wohl

darf meine Stimmung nicht in den Dordergrund I schieben."

Erst ging man noch eine Tatze Kaffee trinken, bann schlug man den Weg nach demWintergarten" ein. Olga sah dort sofort die Bilder der vier Argen­tinier und führte Achim von Malten so geschickt, lenkte ihn durch Plaudern so ab, daß er gar nicht dazu kam, die Bilder zu betrachten. Wahrscheinlich halle er auch ohne Olgas Bemühungen den Bildern keinen Blick geschenkt. Das DarietLprogramm inter­essierte ihn gar nicht.

Beide saßen dann ziemlich nahe der Bühne, und als die Vorstellung begann, achteten beide kaum dar­auf. Der Sinn des Mannes war bei Marlene. Er haue lieber in einem stillen Winkel abgewartet, bis ihn die Baronesse dorthin brächte, wo er Marlene ahe. Olga aber fieberte der Nummer entgegen, in der sie Marlene und Ramon Vega Wiedersehen würde.

Manchmal heuchelte Olga Interesse, behauptete, die Tänzerin oder der Zauberkünstler wären hervor- ragend. Und immer war Achim von Malten ihrer Meinung. Er fragte einmal:

Liegt Ihnen lehr viel daran, das ganze Pro­gramm zu sehen, Baronesse?"

Sie antwortete: ,Zch möchte wenigstens noch »Los quatro Argentinos* hören; sie sollen sehr gut sein." _

Er neigte den Kopf.Ganz, wie Sie wunjchcn, Baronesse"; aber keine innere Stimme sagte ihm, daß die vier Argentinier seine ganze Aufmerksamkeit fesseln würden. So kam nach der Pause die Nummer dran.

Olga preßte die Linke aufs Herz, das sich gar |o aufrührerisch gebärdete, und sie saß ganz starr, sah wohl Marlene; aber noch mehr, viel mehr sah sie den Mann, den sie liebte, nach dem sie sich in Sehn­sucht verzehrte.

Da stand er, schlank und stolz. Olgas Blick saugte sich fest an seinem tiefbrünetten Gesicht, seinen Augen und seinem leicht spöttischen Lächeln. Ihr war es, als müsse sie aufspringen und zu ihm emporrufen: Hier bin ich, nimm mich noch einmal in deine Arme wie damals, ich komme ja nicht mehr los von dir!

Sie vergaß ganz, auf Achim von Malten zu achten. Der hatte kaum flüchtig auf die Bühne ge­schaut; er sah vor sich hin, die Vorstellung langweilte ihn. Nun fangen die vier da oben, und aus dem Gesang hob sich eine Frauenstimme.

Jetzt horchte Achim von Malten auf; die Stimme kannte er. Unter Tausenden von Stimmen hätte er sie herausgekannt. Er stutzte -und musterte forschend die dunkel gepuderte Argentinierin in dem grauen

Er blickte ernst und traurig.

,Zetzt wage ich mich nicht mehr mit meiner Bitte um Verzeihung an Marlene heran." Eifersucht ' ihm im Blut, und er faßte Olgas Hand:Baroness«, bitte, die Wahrheit! Das bedeutet dieser Mensch, der mit der Zigeunerhaut, für Marlene? Gibt es da Zusammenhänge?" Ganz scheu wurde nun seine Stimme: .Liebt sie ihn etwa? Es ist ein gefährlicher Mensch für Frauen, glaube ich. Sagten Sie deshalb, wenn ich Marlene gesehen, wurde ich sie vielleicht von selbst gar nicht mehr sprechen wollen? Die Wahrheit. Baronesse! Sagten Sie es deshalb?"

Olga war betroffen von feiner Auffassung und schüttelte heftig den Kopf.

Nein, nein, bewahre! Ich meinte nur, wenn Sie Marlene in diesem fremden Milieu sähen, gegen das Sie vielleicht ein Vorurteil haben, wollten Sie Star- lene möglicherweise gar nicht mehr sprechen. Der Mann, der Sänger, ist für Marlene nicht gefährlich. Er ist ihr Ehes, nicht mehr. Er respektiert Marlene wie nur irgendeiner." Sie zog ihn weiter. ..Der braucht Marlene nicht; er ist viel zu geschäftstüchtig, um sie kopfscheu zu machen. solche Kraft ftndet er nicht alle Tage wieder. Und bann, dem rennen die Frauen und Mädel nach wie nicht gescheit." Ihre Stimme war wie ein Weinen.

Hallo? Achim von Malten begriff. Das schmale, rotblonde Baronehchen liebte den Sänger, und irgend etwas spielte zwischen ihm und ihr, was ihr die Worte eben erpreßt.

Er aber fühlte sich leichter. Für Marlene bestand keine Gefahr. Er sagte leise:Arme Baronesse!", und nach einem Weilchen:Ich wäre glücklich, Mar­lene sprechen zu dürfen!"

Olga dachte: Vielleicht gelang es wirklich, zwei, die sich liebten, wieder zu vereinen, und sie ant­wortete:

Wollen irgendwo in der Nähe ein stilles Eckchen suchen, ich gehe bann; t ben .Wintergarten' unb versuche in Marlenes voarberobe zu kommen. Ich bringe sie Ihnen bann, bas heißt, wenn sie mit- kommen will."

Er war einverstanden, unb sie gingen in einen Wartesaal bes Bahnhofs Friedrichstraße. Olga eilte gleich wieder fort; Achim von Malten aber blieb zurück wie ein Trunkener. Er vermochte kaum noch klar zu denken.

Ob Marlene wirklich hierherkam? Ob sie ihn sehen machte? Sie hatte ihm heften wollen, sonst hätte sie ihm nicht das Kleeblatt schicken lassen, also zürnte sie ihm nicht unerbittlich. Zwischen Enttäuschung und Hoffnung hin unb her geworfen, wartete er.

Minuten würben ihm zu Stunden zu Ewig­keiten.

Schluß folgt.

Sie alles."

Das Geheimnis erscheint mir jetzt noch viel ge­heimnisvoller", gab er zurück.Aber wenn Sie in den .Wintergarten' möchten, führe ich Sie natürlich

dorthin; ich bin Ihnen ja vielen Dank schuldig und I kannte er, wie er die Stimme kannte.

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