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Oer Auftakt zur Arbeitsbeschaffung unp Siedlung in Hessen.
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S a r m ft a b t, 23. Juli. (WSN.) Die Staats' Pressestelle schreibt: Die Entwässerung des hessischen Riedes wird jetzt nach den Richtlinien des Reich'schen Meliorationsarbeits- und Liedlungs- programms für Hessen und nach den Richtlinien des General.Äulturplans in Angriff genommen. Die Durchführung der Meliorationsarbeiten geschieht in Verbindung mit der Feldbereinigung in zwölf Gemarkungen des südlichen Riedes, die zusammen das erste Arbeitsgebiet bilden. Es sind die Gemarkungen Bensheim, Biblis, Bobstadt, Bürstadt, Heppenheim, Hofheim, Klein-Haufen, Lampertheim, Lorsch, Nordheim, Viernheim und Wattenheim. Die Feldberei- nigung ist aus Grund des „Gesetzes über Durchführung von Feldbereinigung in Gemeinden zum Zwecke der Arbeitsbeschaffung" vom 3. Juli d. I. verkündet am 10. Juli) vom Herrn Ministerpräsiden- len angeordnet. Mit der Durchführung der Arbeiten ist der Staatskommissar für Landwirtschaft und Landesbauernschaft Dr. W q g n c r beauftragt, der zum Organisationsleiter den Sachbearbeiter für Arbeitsdienst und Landesplanung, Hans Reich, den Bearbeiter des Meliorationsarbeits- und Siedlungsprogrammes, bestimmt hat. Träger des Rieb- unternehmens ist der hessische Staat, der die Melio- rationsarbeiten und Feldbereinigung ausführt.
Die geplanten Maßnahmen sind von einschneiden- der volkswirtschaftlicher Bedeutung.
100 000 Morgen sollen im Rahmen des Gesamt- projektes im ganzen hessischen Ried entwässert und kultiviert werden, rund 250 Morgen werden bereinigt und verbessert.
Mit dieser Maßnahme wird dem Bauer die Grundlage gegeben zur intensivsten Bewirtschaftung feines Grundbesitzes und zur Steigerung der Produktion zum Wohle der gesamten deutschen Be- oölkerung. Feldbereinigung und Melioration sind Aufgaben von hoher wirtschaftlicher Bedeutung, der Grundbesitz erfährt hierdurch eine W e r tst e i g e r u ng. Diese Aufgaben stehen infolge ihrer Wirtschaftlichkeit an erster Stelle im Arbeits- beschaffungsprogramm.
Die Entwässerungsanlagen können nur dann zweckmäßig angelegt werden, wenn gleichzeitig Feldbereinigung durchgeführt wird. In dem ersten Arbeitsgebiet erfaßt die Feldbereinigung in den zwölf Gemarkungen Kulturland von rund 15 300 ha Größe: in diesem Gebiet liegen rund 8000 ha Wiesen und Aecker, die einer gründlichen Entwässerung dringend bedürfen. Diese Entwässerung wird durch Anlage eines planmäßigen Netzes von offenen Gräben bewirkt, die je nach ihrer Leistungsfähigkeit bestimmte Abmessungen in der Breite und liefe erhalten. Dos Grabennetz wird ohne Rücksicht auf die derzeitige Einteilung der Gewanne und Parzellen nur nach Zweckmäßigkeitsgründen angelegt. Mit der Anlage der Gräben ist die Errichtung verschiedener Bauwerke verbunden, wie Durchlässe, Brücken, Dürfet, Stauanlagen usw. Auch die Anlage von Dränungen auf rund 400 ha Ackerland ist vorgesehen.
Die gesamten Arbeiten erfordern einen Aufwand von rund 360 000 normalen Arbeiter-
Tagewerken;
für etwa 150 00 Tagewerke sollen Arbeiten an Unternehmer vergeben werden, denen Arbeitslose vom Arbeitsamt zur Beschäftigung zugewiesen werden. Die übrigen Arbeiten sollen durch den A r - b e i t s d i e n st ausgesührt werden. Erwähnt sei noch, daß im vorliegenden Arbeitsgebiet im südlichen Ried noch 8 Entwässerungs-Pumpwerke, sog. Schöpfwerke, an der Weschnitz bei Bensheim, Heppenheim und Lorsch und am Rhein
bei Lampertheim, Bürstadt und Hofheim errichtet werden müffen. Diese Schöpfwerke dienen dazu, bei Unterbindung der natürlichen Entwässerung, der Niederungsgebiete infolge hohen Wasferstandes in den Vorfluter durch künstliches Hochheben des Wassers das Gebiet vor Ueberfchwemmung zu bewahren. Andernfalls wäre eine Entwässerung bei Hochwasser unterbunden, das Grund- und Regen- wasser würde sich in den Gräben ansammeln, diese bann so hoch auffüllen, baß bas Wasser über die Ufer tritt, das Land überschwemmt und die Ernten schädigt oder vernichtet.
Die ersten an Unternehmer zu vergebenden Arbeiten werden demnächst in Angriff genommen, die Ausschreibung der Arbeiten ist inzwischen schon erfolgt. Bei diesem ersten Teil handelt es sich um eine Erdbewegung von rund 140 000 Kubikmeter. Hinzu kommen die erforderlichen Rafenarbeiten, die Herstellung von Durchlässen und sonstige Nebenarbeiten. Der Einsatz des Arbeitsdienstes erfolgt durch den „Verein zur Förderung des freiwilligen Arbeitsdienstes". Es wurde die Ardeitsdienstgrupoe Star- fenburg-Süb aufgezogen, der Sitz des Gruppenstabes ift in Bensheim. Hier liegt auch eine Arbeitsabteilung in Stärke von 216 Mann; eine zweite Abteilung ist in Heppenheim untergebracht und weitere Abteilungen sollen im Herbst in Lorsch, Biblis, Bürstadt und Lampertheim aufgestellt werden.
Die Arbeitsdienslableilung in Heppenheim hat die Ehre, den ersten Spatenstich für die großen Entwässerungsarbeiten auszuführen.
Sie wird in der Weschnitzniederung angesetzt und unter Bauleitung des Kulturbauamts Darmstadt ein planmäßiges Grabennetz Herstellen. Die Kostenbeiträge des Bauern für die Durchführung der Feldbereinigung und Meliorationen wer- den durch eine 7,5prozentige Landabgabe abgegolten, der eine Steigerung der Ernteerträge von 20 Prozent und mehr gegenübersteht, ungerechnet die Vorteile, die durch ein zweckmäßig angelegtes Wege- netz und die Durchführung von planmäßigen Ent- Wässerungsanlagen heroorgerusen werden und ungeachtet der durch das zweckmäßige We^netz aufgehobenen Nachteile des Leerlaufes der Gespanne und Arbeitskräfte auf dem Wege vom Dorf zum Acker und vom Acker zum Acker. Das auf diese Weise ausgeschiedene Land, sowie das durch die Kultivierungsarbeiten gewonnene Neuland in Höhe von etwa 1* Prozent wird zur
Schaffung von Anliegersiedlungen, bäuerlichen und gärtnerischen Siedlerstellen
verwandt. Es entstehen in den von der Wirtschaftsbasis der bäuerlichen Betriebe weit entfernten Gemarkungsteilen neue Dorflagen und Wirtschaftsgebiete; hier ersteht neues Bauerntum; Handwerk und Gewerbe gewinnen neue Existenz auf gewonnenem Neuland.
Dank bei Arbeits- unb Verantwortungsfreube unseres Reichsstatthalters, der nationalsozialistischen hessischen Regierung und bank dem unermüdlichen Arbeitseifer des Landesbauernführers Dr. Wag - n e r unb seines Mitarbeiters Reich ist es enblich so weit, daß den kulturwidrigen Zuständen in unserem Ried tatkräftig zu Leibe gegangen wird. Bei dem günstigen Klima und den außerordentlich guten Bodenverhältnissen im Ried ist zu erwarten, daß aus dem Unternehmen für unsere Bauern unb bamit auch für unser Volk ein großer Nutzen erwächst, zumal die Finanzierung mit Hilfe der Siedlung als äußerst glücklich zu bezeichnen ist und die Siedlung selbst unter sehr günstigen Bedingungen erfolgen kann.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Erneuter Zinöabbau
der Bezirkssparkaffe Gießen.
Von der Direktion der Bezirkssparkasse Gießen wird uns mitgeteilt, daß Vorstand und Aufsichtsrat der Sparkasse beschlossen haben, den Zinssatz für alle Darlehen unb Kredite wiederum um 0,5 o. H. zu ermäßigen, nachdem der Zinssatz bereits am 1. April d.3. herabgesetzt worden war.
Der Zinssatz für Hypothekdarlehen beträgt nunmehr ab 1. Juli d.3- (einschließlich Verwaltungs- kostenbeitrag) 5,5 o. H. p. 3., für Gemeindedarlehen ebenfalls 5,5 v. H. unb für sonstige Darlehen unb Kredite in laufender Rechnung 6 v. H. p.3. (besondere Provisionen werden nicht erhoben). Der Zinssatz für Aufwertungshypotheken ift ebenfalls auf 5,5 o. H. p. 3. ermäßigt worden.
Diese neue Zinssenkung bedeutet für alle Darlehensnehmer, besonders für den Haus- und Grundbesitz, eine wesentliche Erleichterung.
Segelflüge über Gießen.
Die Segelsliegergruppe der Ortsgruppe Gießen im Deutschen Luftsport-Verband teilt uns mit: Vorigen Freitag erschien das Segelflugzeug „Geheimrat. König" zweimal im Schlepp eines Motorflugzeugs über unserer Stadt. Die Flüge wurden im Rahmen einer Schleppflugschulung aus» geführt, die am Ende der letzten Woche unter der Leitung von Fluglehrer Maier und dem Segelflieger cand. phiL Karl Schmidt ftattfanb. Es wurden insgesamt vier Flüge durchgeführt, wovon die beiden ersten auf 400 Meter, die letzten auf 500 Meter Höhe führten. Der Führer des Motorflugzeugs war Fluglehrer Maier, das Segelflugzeug wurde abwechselnd von Medizinalpraktikant Gerhard Sande und Sportlehrer Georg König gesteuert, die sich beide überraschend schnell mit der neuen Flugart vertraut machten. Trotz der hohen Kosten sollen auch in dieser Woche mehrere Schleppflüge ausgeführt werden, wobei nach dem Loslösen vom Motorflugzeug der Versuch gemacht werden soll, im Wärmeaufwind über der ©tabt zu segeln. Glück ab!
Raffenhygienischer Schulungskursus.
Der Abschluß.
Der von der NS.-Aerzteschaft Oberhesien-Nord veranstaltete Rassenhygienische Kursus, über dessen bisherige Vorträge wir stets berichteten, wurde am Freitag mit einem weiteren Vortrag von Dr. L o - r e n z beschlossen. Thema des Vortrags, der wieder im Hyginischen 3nstitut gehalten wurde, war „Rasse unb Kunst". Der Redner führte u. a. aus:
Entgegen der durch die jüdische Kunstkritik verbreiteten Anschauung, daß die Kunst international sei, daß sie von der gesamten Menschheit als die Sprache des Gemüts verstanden werde, die eine Brücke zwischen den Völkern bilde, entgegen dieser zur Propagierung pazifistischer Gedankengänge ge- fillschten Meinung stehe der Nationalsozialismus auf dem Standpunkt, daß die Kunst als Sprache des Gemüts untrennbar von der leidlich-seelischen Verfassung des Künstlers sei, daß sie ihre Wurzeln in der Rasse des schöpferischen Menschen habe. (An Hand von Beispielen der beiden großen Meister Rubens und Rembrandt zeigte der Vortragende, wie unlösbar verknüpft bis in kleinste Einzelheiten die Ausdrucksaestaltung des Gesichts unb anderer Körperteile auf bekannten Gemälden mit dem leiblichen Erscheinungsbild des Künstlers selbst sind). Der Grundsatz bestehe zu Recht, daß „die geistigen Kinder nicht aus dem Blute der Eltern herauskönnten" (Schultze-Naumburg). Kunstgestal- tung sei nur aus der Rasse, also aus dem Blute heraus zu erfassen. Nur die Kunst, die aus gleichem Blute geboren fei, werde unmittelbar zum Volke sprechen und so ihre Aufgabe der seelischen Erhebung in reinere Sphären erfüllen können. Dem ganzen Volke diene die Kunst und daher habe nur die bluteigene Kunst Anspruch darauf als Kunst gewertet zu werden. So zeige nordische Kunstge- staltung grenzenlose Weite, Hingabe an das Motiv der Darstellung, dem alles untergeordnet werde. Diese Weite verliere sich nicht im Uferlosen, sondern sie werde, diszipliniert durch die Strenge der Gestaltung, zu edelster Formensprache gebändigt. Der Mensch werde in die Landschaft gestellt und in unmittelbare Beziehung zu dieser Landschaft gebracht. Westische Kunstgestaltung wende sich bewußt an den Beschauer, getreu der seelischen Eigenschaft, immer etwas Theater nach außen zu spielen, immer eine gewisse elegante Pose zur ©chau zu tragen. Die Madonnenbildnisse der italienischen Renaissance gäben Hunderte von Beispielen für die grundsätzlich verschiedenen Stilrichtungen; sie zeigten auch alle Mischungen zwischen den beiden Gestaltungsarten. Diese Art der Betrachtung, die Kunstwissenschaft der Zukunft, erleichtere die Erklärung der Stilprobleme ganz ungemein. Sie sei der Schlüssel des Kunstver- ständuisses überhaupt. Solchen Gedankengängen vermöchte auch die Masse des Volkes zu folgen, wenn sie bewußt zur Erkenntnis eigener Blutwerte erzogen werde. Das, was zur Zeit nur gefühlsmäßiger Instinkt fei, werde bewußtes Verständnis. Durch artgemäße Kunst, gestaltet von Künstlern gleichen Blutes werde köstliches Kulturgut einst wieder Gemeinbesitz der gesamten Nation, wie es zur Zeit der gotischen Dome gewesen sei. Darauf hinzuarbeiten, sich selbst geistig fortzubilden, sei völkische Pflicht der
Gefamtheit gegenüber. Der oerlorengegangene Sinn für die Größe der eigenen Kultur müsse wieder geweckt werden.
Die Ausführungen wurden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und mit großem Beifall ausgenommen.
Taten für Mittwoch, 26. Juli.
1835: der Geologe Alfons Stübel in Leipzig geboren (gestorben 1904); — 1856: der irische Schrift- steller George Bernhard Shaw in Dublin geboren; — 1932: Untergang des Segelschulschiffes „Niobe" mit 60 Mann im Fehmarn Belt.
ilAornotijcn.
— Tageskalender für Mittwoch. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Fräulein — falsch^er- bunden!"
Semesterfchluß-Gottesdienst der evangelischen Studenten. Heute,Mittwoch, findet um 14.15 Uhr in der Stadtkirche der Semester» schlußgottesdienst der evangelischen Studentenschaft statt. Die Predigt hält Studentenpfarrer Surfer. Die Glieder der evangelischen Gemeinden Gießen sind zu dieser Feierstunde eingeladen.
Schwerwiegende Folgen einer Keilerei.
Gin Prozeß, der für englische Eltern und Lehrer von großer Wichtigkeit ist, wurde dieser Tag vor einem Londoner Gericht entschieden. In den Internaten. in denen viele Kinder in Groß-Vritannien erzogen werden, steht den Lehrern ein beschränktes Züchtigungsrecht zu, das sie aber selten ausüben. Vielmehr herrscht der Brauch, daß ein Junge, der sich unbeliebt gemacht hat, von den Kameraden .verkeilt" wird, und zwar geschieht dieS oft unter stillschweigender Billigung der Erzieher. Bei einer solchen halboffiziellen .Keilerei" war das Handgelenk des Schülers Laurence Alex schwer verletzt worden, und der Vater hatte den Direktor der Schule, den Rev. Kerridge, auf Schadenersatz verklagt. Bei der Vernehmung ergab sich, daß die Schüler in zwei Gruppen geteilt waren, in die .Grauen" und die .Purpurnen", und Alex, der zu den Purpurnen gehörte, hatte den Unwillen seiner Gefährten auf sich gezogen, weil er bei den Sportkämpfen häusig zur Rieberlage seiner Partei beigetragen hatte. Infolge- besten sollte er gehörig verkeilt werden, und dies führte zu der Verletzung seines Handgelenkes. Der Richter Swilt sagte in dem Ar teil, es bestände nicht der geringste Zweifel daran, daß man den anderen Jungens gestattet habe, ihn zu bestrafen; eine solche Billigung überschreite aber die Befugnisse des Qln- staltsleiters, der bei einer Züchtigung darauf zu ach
ten habe, bah diese von geeigneten Personen und unter geeigneten Bedingungen erfolge. Dem jungen Rier wurde also Schadenersatz für Behandlung und erlittene Schmerzen in Höhe von 3400 Mark zu- gestanden.
Nelsons Logbuch.
Als ein Geschenk an das englische Volk wurde des Rationalhelden Relson persönliches Logbuch von dem Premierminister dem Brischen Museum übergeben. Der Spender ist Lord W a k e s i e l d, der daS Buch nebst dem von der Stadt London dem Seehelden gestifteten Shrensäbel von der jüngsten und LieblingstochterRelsons, Katharina, erworben hatte. Das Buch enthält die täglichen Aufzeichnungen, die Relson an Bord seines Flagg-Schiffes .Dictory" vom 15. Mai bis zum 20. Oktober 1805 machte. Die letzte Eintragung ist am Tage vor der Schlacht bei Trafalgar, in der er den Heldentod starb, gemacht. Oie siegreichen Teppich-Klopferinnen.
Die Pariser Hausfrauen haben nach langem Kamps einen Triumph über den Pariser Polizeipräsidenten Ehiappe errungen. Die Kriegserklärung erfolgte am 20. 3ebr. 1931, und zwar im Zusammenhang mit dem energischen Kampf, den Ehiappe damals gegen allen unnötigen Strahenlörm ausnahm. Unter Öen Bestimmungen, die damals erlassen wurden, befand sich auch der kategorische Satz : .Teppich- klopfen ist unter allen Umständen verboten." Da die gute Hausfrau das geräuschvolle Reinigen der Teppiche und Läufer stets für eine ihrer heiligen Pflichten angesehen hat. so erregte das natürlich einen Aufstand unter der Frauenwelt, und man beschloß, sich an diese Verordnung nicht zu kehren. Das eintönige Gelärm der von träftigen Armen geführten Klopfer erscholl lauter als je zuvor, und hinein mischten sich Rufe des Trotzes und der Empörung, die in höchsten Kehltönen ausgestohen mürben. Als auf diese Weile das gerade Gegenteil von dem erreicht wurde, das beabsichtigt war, beschloß die Polizei ein Stempel zu statuieren, und drei Ubertrcterinnen, die auf frifcher Tat gestellt worden waren, erhielten nicht unbeträchtliche Geldstrafen. Doch die Frauen weigerten sich zu zahlen und riefen die Entscheidung der Gerichte an. Sie erfochten damit einen vollen Sieg. Das erste Urteil erklärte, daß Teppichklopfen nicht als ein Vergehen angesehen werden könne. Die zweite Instanz entschied, daß das Verbot in der apodiktischen Form, in der es erlaßen war, ungesetzlich sei. Rachdem so die Pariserin ihr Recht auf das Teppichklopfen vollkommen durchgeseht hat, wird von ihm auch ausgiebiger Gebrauch gemacht, und alle die. die bei ihrem Morgen- oder Rachmittagsschläfchen ungestörte Ruhe erhofften, sind aus dem Regen in die Traufe gekommen.
Frühmorgens Mischen Mch vnd Blumen.
Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.
Morgenstund Hal-Milch im Mund
Man -muß früh ausstehen, wenn man dieses neue Sprichwort erleben will. Berlin in der Frühe ist aber eine eigene Sache, ein Risiko beinahe.
Ein Spaziergang durch die Morgenluft bringt manche Uederraschung. Die Lust ift noch ruhig. Häuser und Bäume heben sich reiner vom Himmel ab als später. Die Straßenbahnen bimmeln heller. Die Lokale locken noch nicht, denn vor den Eingängen pendeln Ketten, in den Hotelhallen ist es ruhig, und in den wenigen CafLs, die schon um acht Uhr „gäftebereit" sind, stehen noch zumeist die Stühle auf den Tischen, und die Blicke der aufreizend geschäfti gen Putzsrauen sind nicht gerade freundlich.
Also geht man feiner Wege weiter, kreuzt Milchwagen um Milchwagen, sieht zu, wie die schimmernd weiße Flüssigkeit wie „Unschuld vom Lande" in die Ma se perlt und entdeckt schließlich an einer ruhigen Ecke die — Milch-Bar. Das ift das Richtige. Auf hohen Hockern läßt man sich nieder, besser gesagt, höher und bewundert den Milchbetrieb hinter der sauberen Theke. Hier gibt es keinen Alkohol, keinen Korn, keine „Mollen", hier fließt nur Milch oder zittert Pudding. Sanft und ruhig sitzen die „Milchkinder" wie in einer gutgelüfteten Kinderstube. Man lebt hier so richtig das Dasein in der „Milchstraße". Alles ist hell, licht, alles schimmert weiß und blond, ja, die Milch-Bar-Frau ist hochblond, und im übrigen sind die Preise nett und klein. Mit 5 Pfennig schon kann man sich hier ansiedeln, und wer 25 Pfennig ausgibt, kann sich einen Freischein auf langes Leben kaufen, denn dafür bekommt er Zaro Aghas Lebenselixier Poghurt.
Die Kundschaft? Die Männerwelt stellt den Hauptteil: Taxichaufseure, viele Junggesellen, die sich hier die erste Grundlage für ihren Tag einverleiben. 3m Gespräch kann man verschiedenes über den Milchverbrauch Berlins erfahren. Das ist nicht wenig. Täglich bezieht die Reichshauptstadt rund 684 000 Liter, das find im 3ahre 250 Millionen Liter Milch. Daß aber auch Berlin eine stattliche „Kuh-Stadt" in seinen Mauern birgt, kann man sich aus den etwa 250 000 Liter Milch „abzapfen", die hier jeden Tag erzeugt werden. Im 3ahre sind das 91,2 Millionen Liter. Demnach braucht Berlin jährlich rund 340 Millionen Liter Milch oder im täglichen Durchschnitt 934 000 Liter. Auf den einzelnen Berliner macht das also im 3ahre rund 80,6 Liter oder für den Tag 0,22 Liter.
Slüfenmeer in der Friedrichstraße
Auch das ift nur eine Sache für Frühaufsteher! Punkt fünf Uhr wird es in der Blumenmarkthalle lebendig. Händler aus allen Teilen der Stadt treffen zusammen. Seil 3ahrzehnten! 3mmer an derselben Stelle. Gute und' schlechte Zeiten blühten in diesen Hallen und Gängen. Bor wenigen Fahren noch herrschte Morgen für Morgen Hochbetrieb. Aber wie es so geht, alle Tage ist kein Sonntag, der Betrieb ging zurück, das Oebränge vor den Ständen wurde schwächer, immerhin, was heute noch zu sehen ist, zeigt Pracht genug, daß man etwas davor verweilt. Blumen, Blumen, wohin das Auge sieht. 3n- und Ausland bringt seine Erzeugnisse. Mit dem ersten Zug kommen die Händler nach Berlin. Die meisten haben ihre ständigen Plätze, die anderen, die keinen festen Stand haben, sind schon in später Nacht zur ©teile, um sich auf dem Hof einen guten Platz zu sichern. Um 5 Uhr beginnt der Verkehr. Prüfenden Blickes schlendern die Geschästsleute und Straßen- Händler durch die Reihen und wählen mit Kennerblick aus. Wer in der Blumenwelt mitreden will, muß hier dabei fein. Sogar die großen Gärtnereien, die eigene Läden in Berlin unterhalten, kommen ohne die Blumenhalle nicht aus, denn dort gibt es viele Blumen, die sie entweder selbst nicht ziehen, ober aber auch von keiner anderen Stelle bekommen
können. Die Einfuhr ausländischer Blumen hat in der letzten Zeit beachtlich nachgelassen. Trotzdem sieht man noch sehr viele holländische und italienische Ro fen und Nelken, die Riesenstrerfen . zurückgelegt Haden. Ost kommen die Blumen schon verwelkt an, und man kann verstehen, daß die Händler, denen das Risiko ihres Geschäftes nur zu gut bekannt ift, nicht immer guter Laune find. Das um fo mehr, als heute teure Blumen gar nicht mehr „gehen", der Berliner will nur billige Ware taufen.
Nun ein Spaziergang durch den „Blumenpott" Berlins. Auf dem Hof ist der ganze „'Potsdamer Platz" vertreten. Bekannte Gesichter, die dann in der Frühe des Vormittags den verkehrsreichen Platz zwischen Leipziger- und Potsdamer Straße mit Blumen beleben, kaufen hier ein. Käufer und Verkäufer kennen sich feit langer Zeit. Da find Händler, die schon ein Menschenalter den Blumenplatz Berlins beliefern. 3n der Topfblumenhalle sieht cs aus wie in einem übergroßen Gewächshaus. Riesige Rosenstöcke und Hortensien, „Königinnen der Nacht", mehr als genug. Und dann der Duft, der würzige Geruch, der über dem Ganzen liegt! Eine herrliche Blumenlandschaft blüht da im erwachenden Berlin. Für Freud und Leid wachsen hier Farbenpracht und Blütenduft in den bewegten Tag einer Weltstadt. Kurz nach 7 Uhr verlassen die „Fachleute" die Halle. Das Hauptgeschäft ift zu Ende, nur die kleinen Straßenhändler, die ihre Ware möglichst billig haben wollen, kommen noch. Eine Stunde später sind die Hallen wieder leer, aber am anderen Morgen wogt wieder ein neues Blülenmeer, um seine Wellen in die Viermillionenstadt hineinsluten zu lassen.
Kinderhotel.
Das ist ein Lachen, Schwatzen, Schnattern, ein quirlendes Durcheinander, wenn die Tür in der Frühe aufgeht, und die kleinen Kerlchen herauskommen. Ein luftiges Völkchen, von dem man zunächst annehmen möchte, es wolle zum Schulausflug, strömt da auf die Straße. Alle haben kleine Rucksäcke, tragen Köfferchen ober haben Botanisiertrom- meln umgeschnallt. Eitel Lust unb Wonne führt die kleine Schar, bie hier nicht etwa aus dem Klassenzimmer stürmt, sondern aus dem Berliner „Hotel der Kinder". So kann man diese Neueinrichtung ungefähr nennen, die jetzt von den vereinigten Kinderheimen eingerichtet wurde. Für die zahlreichen Ferienkinder-Transporte, die die Reisezeit mit sich bringt, ift dieses Kinderhotel gedacht. Nach großen Strecken, die oft zurückgelegt werden müssen, wird diese Ruhestätte für die Kinder, die auf der Durchreise durch Berlin Halt machen müssen, taatäglich fleißig benutzt. Ost gilt es nur, für Stunden Aufenthalt zu nehmen, ein andermal dürfen die kleinen Reisegesellschaften sogar mehrere Tage hier übernachten. Gastliche Pforten, die hier nicht nur den Pfleglingen der eigenen Heime, sondern überhaupt allen Kleinen offenstehen, die allein in der Welt umherreisen und Berlin berühren. Nach dem erquickenden Schlaf wird, wenn Zeit genug da ift, eine kleine Rundreise durch die Reichshauptstadt unternommen. Die Sehenswürdigkeiten werden gezeigt. Man geht ins Zeughaus, verweilt im Ehrenmal, dessen weihevolle Stimmung sogar die Kleinen stille werden läßt. Wie bunt die Gesellschaft zusammengewürfelt ist, erkennt man am besten aus den verschiedenen Mundarten, die hier zusammenklingen. Da dann man neben Schlesisch echtes Thüringisch hören, aber die Kleinen verständigen sich immer ausgezeichnet, sei es nun beim Essen ober im großen Waschsaal. Unb eine Ordnung herrscht hier! Die kleinen Mäbel- chen wissen ihre Sachen herrlich zu ordnen, fein säuberlich aufzuhängen. 3«der Tag bringt neue Transporte, die einen an die Ostsee, die anderen in das Helgoländer Heim, und die Eltern, die ihre Kinder so in die Welt fahren lassen, können unbesorgt sein, denn sie wissen chre Kleinen gut aufgehoben unb wohl betreut.


