Ausgabe 
26.4.1933 Frühausgabe
 
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Llm die Deutsche Evangelische Kirche.

Beschlüsse des Kirchcnausschusses.

Berlin 25. April. (TU.) Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuh, das oberste Vertretungsorgan des Deutschen Evangeli­schen Kirchenbundes, trat am Dienstagnachmitlag zu einer außerordentlichen Tagung in Berlin zu­sammen. Uebcr das Ergebnis der heutigen Be­ratungen wird folgendes mitgeteilt:

Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß be­kannte sich zu der Notwendigkeit einer neuen Verfassung des deutschen Protestan­tismus mit dem Ziele der Schaffung einer Deutschen Evangelischen Kirche auf der Grundlage des vorhandenen Bekenntnisses. Er stellt sich hinter die von seinem Präsidenten getroffenen Maßnahmen und billigt insbesondere die Be­rufung des lutherischen Landesbischofs D. M a - rohrens (Hannover) und des reformierten Stu­diendirektors v. Hesse (Elberfeld zu entscheidender Mitarbeit, sowie die Heranziehung ande­rer, in der kirchlichen Bewegung führender Per­sönlichkeiten. Der Kirchenausschuß erteilt seinem Präsidenten weitgehende Vollmacht für die Ge­samtheit des deutschen Protestantis- m u s zu sprechen und zu handeln. Er begrüßt es, daß schon die Ankündigung des Reformwerkes ein großes zustimmendes Echo im Lande gefunden hat, u. a. bei zahlreichen freien Verbänden, insbeson­dere auch der Jugend.

Neuordnung der Kirchenver- wattung in Mecklenburg.

Der Staatskommissar wird zurückgezogen

Berlin, 25. April. Amtlich. Auf Grund der Einsprüche, die von kirchlicher Seite gegen die von dem mccklenburg-schwerinschen Staatsmi­nisterium verfügte Einsetzung eines S t a a t s k o m m i s s a r s für die evangelisch- lutherische Landeskirche erhoben worden waren, hatte der Reichsmini st er des Inneren den mecllenburg-schwerinschen Ministerpräsidenten G r a n z o w und den Lamdesbischof Dr. D. Rendtorff zu sich gebeten. An der Bespre­chung nahm auch der von Ser mecklenburgischen Regierung bestellte Staatskommissar teil. 2m Laufe der Aussprache kam sowohl von staat­licher wie von landeskirchlicher Seite der Wunsch zum Ausdruck, den von beiden Seiten anerkann­ten, namentlich aufkirchlichemAbgaben- gebiet obwaltenden Mängeln mit möglichster Beschleunigung abzuhelfen und die zu diesem Zwecke schon wiederholt geplante staatsgeseh- liche Reuregelung ungesäumt in Angriff zu nehmen. Liebereinstimmung ergab sich auch da­hin, daß die aus derartigen Maßnahmen sich mit Rotwend gk-ik ergebende Bereinfachungdes kirchlichen V e r w a l t u n g s a p p a r a t e s unverzüglich ins Werk zu setzen sei. Bei dieser weitgehenden Llebereinstimmung besteht für die meckienburg-schwerinsche Staatscegierunz kein Anlaß, -die von ihr getroffenen Anordnungen aufrechtzuerhalten. Es wird aber von dem Herrn Ministerpräsidenten aus den Kreisen des evangelischen Kirchenvolkes ein Gutach­terausschuß b:rufen werden, der die Staats- regierung bei ihren Verhandlungen mit der Lan­deskirche und bei den zu treffenden Maßnahmen beraten soll.

We tere Beurlaubung von prosestoren

Der Kultusminister Dr. R u st hat auf Grund des Beamtenaesetzes bis zur endgültigen Entscheidung folgende Professoren beurlaubt:

An der Universität Königsberg (Preußen) Prof. Hensel: eine Wiederverwendung von Pros. Hensel ist in Aussicht genommen; an der Handels­hochschule Königsberg die Professoren R o g o w s k y, Häusler und K ü r b s ; an der Universität Kiel die Professoren Colm, Reißer, Adolf F r a e n -

Oie Vorgänge beidenBraunschweigerOeuischnationasen

B e r I i n , 25. April. (ERB. Eia. Meld.) Der neue beut|'d) nationale Landesführer für Braunschweig Oberstleutnant a. D. v. Feldmann-Hannover hat einen Aufruf erlassen, in dem es heißt: Durch den Uebertritt zahlreicher bisheriger Vorstandsmitglieder zur NSDAP, ist der Landesverband Braunschweig der DNVP. keines­wegs aufgelöst. Sein weiterer Zusammenhalt wird davon abhängen, wie weit unsere Mitglieder von dem Gedanken erfüllt sind, der in der NSDAP, als maßgebend erklärt ist, nämlich der Gedanke der Treue und des Gehorsams gegen den Führer. Zu dieser Treue rufe ich hiermit auf. Unser Führer H u g e n b e r g ist von der Not­wendigkeit durchdrungen, die DNVP. zu erhalten, gerade auch aus außenpolitischen Gründen. Dieser Standpunkt muß auch der unsrige sein. Wir haben den Lebenswillen und das Lebensrecht der DNVP. klar zu betonen. Hierbei ist es selbstverständlich, daß wir treu und loyal zu der nationalen Negierung stehen, die der Herr Reichspräsident am 30. Januar durch das Bündnis der nationalen Führer beschlossen hat. Heil Deutschland!

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Zu dem Uebertritt des Landesvorstandes zur NSDAP, äußerte sich der stellvertretende Landes- vorsitzende Dr. Langebartels u. a.:Wir sind zu der Uederzeuguna gekommen, daß, nachdem Adolf Hitler in seiner historischen Potsdamer Kundgebung am 21.März dieses Jahres erneut un­ter anderem auch das private Eigentum alsEndzieljeder Arbeitvorbehaltlos bejaht hat, es innen- und außenpolitisch nicht mehr tragbar ist, daß zwei Parteien, die d a s -

selbe Ziel haben, nebeneinander mar­schieren und unter Umständen im politischen Ta- geskampf erneut z u Rivalen werden kön­nen. Wir haben uns deshalb an unsere Reichspar­teileitung mit der Bitte gewendet, an Dr. Hugen- bcrg heranzutreten und ihn zu dem Schritt zu be­wegen, den wir jetzt vollzogen haben. Wir hielten es'für richtig, daß der Führer Hugenberg nach Uebereinfommen mit dem Reichskanzler Adolf Hit­ler die gesamte Deutschnationale Volks Partei in die deutsche Freiheitsbewegung überführte. Dies umso mehr, als wir zu wissen glaubten, daß zwischen Hitler und Hugen­berg keine Gegensätze bestehen. Nicht be­kannt ist uns, ob diese unsere Bitte an unseren Parteiführer herangetragen wurde. Don der der­zeitigen Parteileitung jedenfalls wurde unser Vor­schlag abgelehnt.

Die Trennung von der DNVP., die als allererste den Marxismus bekämpft und gradlinig diesen Kampf geführt hat, ist uns sehr schwer geworden. Nachdem wir aber den inneren Kampf ausgefochten hatten, vollzogen wir den Uebertritt freudigen Her­zens. Uns beseelt vor allem der Wunsch und die Hoffnung, daß nunmehr, nachdem die Braunschwei­ger Deutschnationalen ein Beispiel gegeben haben, Hugenberg und die Reichsparteilei­tung die gesamte DNVP. der deutschen Freiheitsbewegung zuführen 1 mögen. Wir glauben dadurch das Wissen und Können eines Hugenbergs der nationalen Regierung am besten zu erhalten, zumal uns bekannt ist, daß unser Reichskanzler Adolf Hitler a u f b i e Mitarbeit Hugenbergs größten Wert legt.

fei, Husserl, Stenzel, ßiepe, Rauch, Schücking, Dpet. lieber Prof. Horms, Kiel, und Pros. v. H e n t i g , Kiel, bleibt Verfügung Vor­behalten. Außerdem wurden von Minister Dr. Rust vorbehaltlich weiterer Maßnahmen die außer­ordentlichen Lehrkräfte an der Staatlichen Kunsthochschule in Berlin-Schöneberg, Prof. Georg läppert, Prof. Kurt Lahs, so­wie der außerordentliche Lehrer für Werkunterricht, Joseph Vinecky, mit sofortiger Wirkung beur­laubt. Desgleichen sind an den Vereinigten Staats- schulen für freie und angewandte Kunst die Profes­soren Karl Hofer und Edwin Schraff sowie an der Kunstakademie in Düsseldorf Prof. Paul Klee und der Direktor Professor Oskar Moll mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden.

Eine Erklärung der Deutschen Studentenschaft gegenprof.Kohlrausch.

Zu der Erklärung des Rektors der Berliner Uniöcrfität, Prof. Kohlrausch, über den Aus­hang der 12 SäheWider den undeutschen Seist" erläßt die Deutsche Studentenschaft eine Ge­generklärung, in der es u. a. hecht: Herr Prof. Kohlrausch, der an Einzelheiten mäkelnd sich der Aktion der Deutschen Studentenschaft ent­gegensetzen zu müssen glaubt, hat in seiner Eigenschaft als Rector der Berliner Universität sein Llnbehagen über die Haltung der Deutschen Studentenschast dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er den Aushang der 12 Sähe der Deutschen StudentenschaftWider den undeu.schen Seist" zu verhindern suchte.

Wir sagen hierzu: Wir verehren die wenigen Lehrer an Deutschlands Hochschulen, die aus dem Geiste, aus dem wir leben und handeln, aus dem Geiste der SA., schaffen und lehren. Sie allein hätten das Recht der Kritik, weil sie unser Vertrauen haben. Wir wenden uns nur dann gegen das Judentum, wenn es Anspruch darauf erhebt, uns innerhalb des Bereiches des deut­schen Geistes, und damit in Rasse und Volkstum zu bevormunden. Die Deutsche Studentenschaft hat lediglich die Aeuherung des Herrn Pro­fessor Kohlrausch mitgeteilt, er werde sein Rek­

torat niederlegen, wenn die 12 SätzeWider den undeutschen Geist" am Aushang blieben. Da sich die Sätze weiterhin am Aushang befinden, gab die Deutsche Studentenschaft der Vermu­tung Ausdruck, daß Professor Kohlrausch von seinem Amte zurücktreten und damit entsprechend seinem Worte handeln würde.

Professor Dr. krieck

Rektor der Frankfurter Universität.

An der Frankfurter Llniversität wird in den nächsten Tagen die Wahl einesneuenRek- tors erfolgen. Von den nationalsozialistischen Studenten und Professoren wird die Wahl von Professor Dr. Ernst Krieck von der Pädagogi­schen Academie vorgeschlagen, der bekanntlich seinerzeit vom früheren preußischen Kultusmini­sterium wegen seiner nationalsozialistischen Einstel­lung strafversetzt worden war. Professor Dr. Krieck hat einen Ruf an die Frankfurter älniver- fität erhalten, so daß seiner Wahl zum Rektor nichts im Wege stehen dürfte.

Wiederlegung einer tollen Greuelhehe.

Berlin, 25. April. (1DIB.) DasPrager lag blatt verbreitet heute eine ©teuelmelöung und behauptet, der Berliner Groh-Rab­biner Jonas Fränkel sei heute in Prag ein­getroffen und berichte über scheußliche Greuel an Juden in Deutschland. So behaupte er u. tu, er fei von SA.-Leutenüberfallenundum 2000 Reichsmark beftohlen worden. Die SA.- Leule hätley ihn und seine Tochter mit Revolvern bedroht, ihn niedergeschlagen und schwer verletzt. Er habe in Decken gehüllt in ein anderes Stadtviertel geschmuggelt werden müssen, und er habe sich dann so nach Prag durchgeschlagen. (Er leide noch jetzt an Gleichgewichtsstörungen und an einer Ge­hirnerschütterung. (Er habe die Absicht, nach Palä-

Akte Photographie.

Von Hans Thy-iot.

Eigentlich hattest du, aus dem alleruntersten Fach vorn Schreibtisch oder Bücherschrank, etwas ganz anderes herauskramen wollen: aber auf einmal hältst du diese verblichene, abgewetzte und schon ein wenig altmodisch aussehende Photographie in der Hand, die du längst vergessen hattest. Ja, die ist wohl so aus dem Jahre 1911 oder 1910, ein Klas­senbild aus der Quarta oder Untertertia. Wahr­scheinlich ist es auf irgend einem Maifest entstanden. Maifest hieß der alljährlich wiederkehrende Ausflug des Königlichen Gymnasiums in F. Die Kleinen marschierten mit einer durch Tradition geheiligten Regelmäßigkeit in den Stadtwald zur Oberschwein­stiege. Für die Größeren war es ausgemacht, mit der Bahn zu fahren, in den Taunus oder an den Rhein. Die Kleinen vertilgten an diesem Tage ge­waltige Mengen von roter und giftiggrüner Brause­limonade und zogen sich für zehn Pfennige Stoll- werck-Schokolabe aus dem Automaten. Für die Großen war es Ehrensache, kaum daß sie die Ruck­säcke ins Gepäcknetz geschmissen hatten, das Abteil mit einer schauderhaften Sorte von billigen Ziga­retten vollzustänkern. Auf einem solchen Maifest vor dem Kriege muß diese Aufnahme entstanden sein.

Nun hältst du sie, die längst vergessene, wieder in der Hand und schaust ein bißchen verwundert und lächelnd in die dreißig unfertigen Bubengesich­ter; dein eigenes ist auch darunter. Du kannst sie alle ober säst alle noch mit Namen nennen und mußt darüber nachdenken, was aus ihnen gewor­den ist, die du so lange nicht mehr gesehen und wohl im Laufe der Jahre völlig aus den Augen ver­loren haft. Erst im Anschauen dieser vergessenen und verblaßten Photographie begreifst du so richtig, wie dir die Zeit vergangen ist unb bas Leben dich in feine Arme genommen hat seit jenen verscholle­nen Bubentagen unb diesem Frühlingsausslug im Mai des Jahres 1911. Und es ist eine merkwürdige und etwas unglaubhafte Vorstellung, daß aus den dreißig Kindern da vor dir auf dem Bild inzwi­schen würdige Männer wurden sofern sie über­haupt noch am Leben sind.

Von etlichen weißt du gar nichts mehr, sie stick) schon früh und für immer aus deinem Gesichtskreis verschwunden. Aber die Spur der meisten von ihnen kannst du noch, für ein paar Jahre wenigstens, ver­folgen. Der kleine Dunkle zum Beispiel, mit der widerspenstigen Haarsträhne über dem runden ge­sunden Gesicht und der Stupsnase, bas ist Kurtchen

F. Er war immer so schüchtern und konnte erröten wie ein Mädchen. Wenn man ihn so dastehen sieht auf seinen dünnen Beinen unb mit ben unordentlich herunterhängenben Schuhbänbern, bann ist es schwierig, sich oorzustellen, baß er ein paar Jahre später über feinbebrurfte Visitenkarten verfügen wird, auf denen unter dem Namen die Worte stehen: Leutnant im Infanterie-Regiment 93. Am Semmel ist er verschüttet worden, aber er hat's überstanden unb ist heute praktischer Arzt in F.

Neben ihm steht Konrab W., genannt Dabdi; Mathematik mangelhaft, Aufsatz gut. Durch einen Zufall habe ich vor einiger Zeit herausbekommen, baß er heute Verkehrsdirektor in Eisenach ist. Wenn ich einmal hinkomme, will ich ihn besuchen und ihn fragen, ob er sich noch auf die alte Photographie besinnen kann und später auf den gemeinsamen Heimweg von der Kriegsprimaner-Kneipe im No­vember 1916. Am Vormittag hatte er noch in über quellendem Gefühl mit Kreide ganz groß quer über die Tafel geschrieben: Jahrgang 1916 rückt ein! Hurra! In der Nacht bann, als bas Fäßchen leer unb das letzte Lied gesungen war, gingen wir zu­sammen, vorüber am alten Eschenheimer Turm mit dem Neuner in der Wetterfahne, nach Hause. Unb Dabbi wurde auf einmal ganz still, bedrückt und traurig, aber bas war nicht vom Bier unb auch nicht vom Rauchen, fonbern weil er als einzi­ger von uns allen seinen Befehl zum Einrücken noch nicht erhalten hatte. Er kam sich wie ein Aus- gestoßener vor; es hat sich inbessen ein paar Tage später herausgestellt, baß sein nächtlicher Kummer unbegrünbet war: er erhielt seinen Gestellungs­befehl bloß ein wenig später als wir andern, weil er, seiner Große wegen, zu einem Berliner Garderegiment ausgehoben worben war.

Von dem schlanken Blonden, der dort mit ge­kreuzten Beinen am linken Flügel hockt, hab ich den Namen vergessen; aber wenn ich mich «richt irre, hat er als Schlußmann in der gefürchteten 3X1000-Meter-Staffelmannschaft des Gymnasiums eine hervorragende Rolle gespielt, auch als Schlag­mann im Schülervierer auf dem Main. Unser Sportdreß schwarze Hose, weißes Hemd, roter Adler auf der Brust stand damals allenthalben in hohem Ansehen. Neben dem Blonden hockt Hans S. Er gehörte zu der Gruppe der sogenann­ten Poussierstengel und war ein frecher, aber sehr begabter Junge. Der hat wahrhaftigen Gott schon in Untersekunda ein DramaAeneas unb Dido" geschrieben, etwas später einenCesare Borghia" und als Student eine ganz expressionistische Sache mit symbolischen Figuren; dieses Schauspiel wurde

sogar in einem literarischen Zirkel oorgelesen. Jetzt lebt er als Kaufmann in Ostpreußen unb schreibt schon lange feine Stücke mehr, unb bie kleinen Mäb- chen von damals sind, wie er selber, längst ver­heiratet.

Gesichter, Gesichter: da ist Kurt G., ins Felb ge­rückt als Fahnenjunker bei ben Mainzer Pionieren, wenige Wochen später gefallen vor einer englischen Stellung in Nordfrankreich. Neben ihm Hans B., ein lieber, heiterer Kamerad; der hat mal Stabs­arzt werden wollen, ist aber schon als Musketier bei den Sikbenunbachtzigern gestorben. Er sang so gern zur Laute, und ich habe noch heute, wo ich sein Gesicht wieder vor mir sehe, den Klang seiner Stimme im Ohr:

Es zieht eine Fahne vor uns her, herrliche Fahne ..."

Dort steht Karl Gr., ein großer, schlanker Junge, immer einer der ersten in der Klasse; zehn Jahre später waren wir als Studenten zusammen im Theater: es gab benStruensee" von Otto Erler; wir waren zu britt und hatten Karl Gr. in bie Mitte genommen unb mußten ihn führen, weil er burch einen Granatsplitter sein Augenlicht verloren hatte.

Ganz hinten aber, in ber letzten Reihe, steht einer ber Jüngsten und Kindlichsten von allen: in seinem gestreiften Matrosenanzug Walter W., schon damals eines der drolligsten Originale, bie mir je vor­gekommen finb; sein Vater war ein bebeutenber Jurist, seine Mutter starb, als er in Quarta war, jein älterer Bruber Adalbert ist als Fahnenjunker- Unteroffizier vor Tukkum gefallen. Walterchen wohnte in der Maulbeerstraße, wir hatten den­selben Schulweg unb haben oft zusammen gespielt. Seine Einfälle waren ebenso apart wie komisch. Als wir bas erste Jahr Französisch hatten, wurde uns zunächst der Unterschied zwischen den stimm­haften unb den stimmlosen Lauten beigebracht. Wir bekamen bas halb raus, aber keiner außer Walter wäre darauf verfallen, dasStimmhafte" aus dem Französischen in die deutsche Umgangssprache zu übernehmen. Es klingt verrückt unb geht besonders gut in Sätzen mit vielen S unb Sch unb H, die natürlich korrekterweise nicht mitgesprochen werden. Wir haben uns halbe Nachmittage lang in dieser stimmhaften" Privatsprache unterhalten.

Jeden Samstag nach der letzten Stunde war Andacht in der Aula, welche übrigens durch bie riesige Büste Kaiser Friebrichs, durch bie Stein- hausenschen Wandgernälbe unb eine Orgel berühmt war; die wurde vom Gesanglehrer gespielt, wäh-

stina weiterzureifeu und nehme überall die Hilfe der jüdischen Hilfskomitees in Anspruch.

wie dazu von zuständiger jüdischer Stelle in Berlin fcftgeffellt wird, gibt es in Berlin überhaupt keinen Groß-Rab­biner. (Ein Rabbiner oder anderer jüdischer Geist­licher namens Fränkel oder ähnlichen Namens ist nirgends vorhanden. (Es handelt sich also wieder einmal um eine der üblichen ©reuelmelbun- gen aus Prag, deren Quelle im allgemeinen deut­sche marxistische kreise sind.

Aus aller Welt

Deutschlandfahrt des LuftschiffesGraf Zeppelin" am 1. Mai.

Das LuftschiffGraf Zeppelin" wird als Auftakt seiner diesjährigen Fahrten am Tage der Rationalen Arbeit, 1. Mai, eine große Deutsch­land f a h r t unternehmen. Das Luftschiff wird am 1. Mai morgens um 2 Llhr in Friedrichsha­fen starten. Die Fahrt geht von Friedrichshafen über Stuttgart, Frankfurt a. M., Köln, über das westfälische Industriegebiet, Bremen, Ham­burg nach Berlin, wo das Luftschiff gegen 15 älhr eintreffen wird. Eine Landung ist nicht vorge­sehen. Das Luftschiff wird seinen Rückflug über Sachsen und Bayern vornehmen und am 2. Mai gegen 4 Llhr morgens wieder in Friedrichshafen landen.

Hans Bettrams Australienflug beendet.

Der deutsche Australienflieger Hans Bertram startete vom Kölner Flughafen mit seinerAtlantis nach Dessau, wo er programmäßig eintraf. Damit hat Bertrams Australienflug sein eigentliches Ende gefunden.

Taufe derD 2500 auf den Namen des Reichspräsidenten.

Am 29. April findet auf dem Flughafen Der- lin-Tempelhof die Taufe des neuesten Groß­flugzeuges d'er Deutschen Lufthansa D 2500 auf den Ramen des Herrn Reichsprä­sidenten v. Hindenburg statt. Der Herr Reichspräsident wird diesem feierlichen Akt per­sönlich beiwohnen.

Die Erdbebenkatastrophe auf kos. 119 Tote, über 600 verletzte.

Die furchtbare Erdbebenkatastrophe auf Kos (Dodekanes) hat noch mehr Opfer gefordert, als bisher gemeldet worden finb. Nach den letzten Be­richten konnten bisher 119 Tote aus den Trüm­mern geborgen werben. Die Zahl ber Verletzten hat inzwischen 600 überschritten.

Hamburger (Bängeoiertel soll verschwinden.

Der Hamburger Senat hat beschlossen, den Polizeisenator Richter zum Staatskommissar für die Sanierung des Gängeviertels der nördlichen Reustadt zu ernennen. Man denkt zunächst an eine Auflockerung, indem verwahr­loste Bauten, die freiwillig zum Abreitzen an­geboten werden, dem Abbruch verfallen- Der ganze Komplex soll schließlich mit Wohnbauten unb kleinen Läden neu besiedelt werden- Be­troffen werden von dieser Maßnahme etwa 12 503 Personen.

Explosion einer Granate. Ein Kind getötet, mehrere Kinder verletzt.

In Rosberg bei Bonn ereignete sich ein schweres Unglück. Eine spielende Kinderschar hatte am Woldrande ein Feuer angezündet. Aus dem Feuer heraus entstand plötzlich eine weithin hörbare E x - p I o f i o n. Durch das Feuer war eine Granate zur Entzündung gebracht worben, bie einen fünf­jährigen Jungen sofort tötete unb zwei weitere Kinber lebensgefährlich und mehrere andere Kinder leichter verletzte. Beim Absuchen des Geländes fand man noch zwei weitere Granaten, die vermut­lich von durchziehenden Truppen im November 1918 zurückgelassen worben finb.

renb ber Heizer bie Bälge trat. Der Profssspr, ber bie Andachthielt", trat vor und sprach etwa mit lauter Stimme:Wir fingen heute aus dem Liede Nr. 320,Lobe den Herrn", zu Beginn Strophe 1, zum Schluß Strophe 3!" Aber noch ehe dies ge­schah, hatte Walter W. "statt der Nummer 320 hinten im Register des Gesangbuches das Verzeichnis ber Dichter aufgefchlagen unb sich einen herausgesucht, der ihm angemessen schien. Unb währenb nun die ganze Schülergemeinbe, Sextaner vorn, Prrmaner hinten, zur ÖrqelbegleitungLobe ben ^)errn anstimmte, sang Walterchen mit schallender Stimme andächtig zu ber feierlichen Melobie bie im Register kurz verzeichneten biographischen Daten Martin Luthers ober Georg Neumarks ... unb freute sich kindlich, wenn esaufging", das heißt, wenn er mit den andern zugleich fertig wurde. Ich habe, solange ich ins Gymnasium ging, nie erlebt, daß Walter W. etwas anderes gesungen hätte, als was hinten im Register stand. Die Lebensläufe Flemings, Speners unb Paul Gerharbts müssen ihm noch heute sehr vertraut sein.

Oer Farbensinn der Schildkröten.

Versuche, die R. 3- Wojtusiak an der kaspi- schen Wasserschildkröte vorgenommen hat und über die er in der Zeitschrift für vergleichende Physiologie berichtet, zeigen, daß diese Tiere einen ziemlich hoch entwickelten Farbensinn be­sitzen. Den Schildkröten wurde das Futter an den kürzeren Zinken einer Drahtgabel gereicht, wobei der Brocken vor einer Farbscheibe hing. Rach zehn- bis dreißigmaliger Fütterung mit farblos gemachtem Pferdefleisch schnappten die Tiere bei einer bestimmten Farbscheibc schon zu, wenn sie nur das Futterscheibchen erblickten, auch wenn kein Futterbrocken davor befestigt war. Dann wurden den Tieren zwei Drahtgabcln mit zwei Farbscheibchen geboten, einer Futterfarbe und einer Gegenfarbe. Räherte sich die Schild­kröte der Gegenkarbe, dann wurde die Draht­gabel schnell zurückgezogen und das Tier erhielt nichts, während es an der Futterfarbe stets Rah- rung bekam. Cs ergab sich, daß sich die Schild­kröten sehr gut auf Farben dressieren lassen, und zwar gelang die Dressur auf die fünf Hauptfarben Rot, Gelb, Grün/ Blau, Violett. 3m Spektrum wurden sogar zwölf Farbtöne unterschieden- 3m allgemeinen deckt sich der Farbensinn der Schildkröte mit der des Men­schen. Das feinste Tlnterscheidungsvermögen zeigt sie im Orange und ist viel empfindlicher für das Rot als die Fische. Auch das Gedächtnis für Farbeindrücke ist bei diesen > Tieren gut ent­wickelt.