Wehr und Waffen.
Oie Ausgabe der Militärattaches.
Don Obersileuinant Zvlio L (Sutrrero.
lieber den MllttärattachL herrscht in Laien- kreisen häufig geheimnisvolles Dunkel. Der nachfolgende Aufsatz, der der bolivianischen Fachzeitschrift „Revista militar" entnommen wurde, wird daher den meisten Lesern ein ganz neues Bild vermitteln.
statt der Kabinettskriege werden feit der französischen Revolution Volkskriege geführt. Alle Anschauungen über Krieg, Heere und militärische Be- reilschait haben ftd) dadurch von Grund aus geändert. Besonders die Umwälzung durch den Weltkrieg sind so groß geworden, daß der Militärattache vor ganz anderen Aufgaben steht, wie früher.
Aufgabe des Militärattaches ist, seiner Regierung militärische Nachrichten zu liefern, die ein Bild von der Stärke des betreffenden Landes geben. Die Beobachtung umfaßt daher sowohl die Wehrmacht, wie auch die ganzen Widerstandsmöglich, ketten des Landes im Lichte der Anforderungen, rote sie ein neuzeitlicher Krieg stellt. Die Tätigkeit des Miltärattaches wird dadurch sehr wichttg. Sie erfordert besondere Kenntnis.
Die erste Aufgabe ist die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zu den militärischen Kreisen des betreffenden Landes. Die militärische Organisation, Bewaffnung und Ausrüstung sowie die taktische Ausbildung müs- sen durch persönliches Anwohnen bei militärischen Hebungen beobachtet werden. Der Attache muß die strategischen Auffassungen des Oberkommandos er- gründen. Er muß die Persönlichkeiten dieser hohen Behörden genau kennen, und er muß sich vor allem über die militärische Literatur auf dem laufenden erhalten. Er muß ferner beurteilen können, inwieweit die wirklich stattfindende Exerzierausbildung mit den Vorschriften überetnftimmt. Der Militärattache muß sich audp mit politischen Angelegenheiten, Parlamentsdebatten und diplomatischen Fragen befassen. Jede Spionage und unrechtmäßige Gewinnung von Nachrichten muß unbedingt vermieden werden.
Die Beobachtung ist heule besonders schwierig geworden, seitdem die Armeen nicht mehr Sonderein- rid)hingen, sondern lebendige Bestandteile des ge
samten Gemeinwesens sind. Der neuzeitliche Krieg ist ein Ringen von Dolk wider Dolk. Der Dienst des Attache verlangt daher ein Studium des gesamten Volkes. Der oberflächliche Beobachter verfällt leicht in Einzelheiten und übersieht wichtige Dinge. Mangelnde Kenntnis des Feindes und seiner Art Krieg zu führen, sind ein wesentlicher Grund für Mißerfolge auf dem Schlachtfelde. Die Russen haben z. B. die japanische Armee weit unter- schätzt. Andere Attaches haben wiederum den Gegner richtig erkannt, wie z. B. der französische Oberst Stoffel vor 1870 in Berlin oder der deutsch« Attache in Paris Graf Waldersee. Im Wettkrieg hat der irrtümliche Bericht des rumänischen Attache-, Deutschland sei am Ende seiner Kräfte, den Eintritt Rumäniens in den Krieg veranlaßt.
Die Erfahrungen des Weltkrieges haben die Tätigkeit des Militärattaches erweitert. Er muh heute die wirtschaftliche und sinanzielle Stärke des be- heftenden Landes vollständig kennen lernen, denn beide sind zu wichtigen strategischen Faktoren geworden. Der Attache muß ebenso die sozialen 8er- hältnisse und die Üebensbedingungen der Bevölkerung studieren, besonders der arbeitenden Klasse. Er ist infolgedessen nicht mehr die glänzende Erscheinung wie ftüher, als feine Aufgabe mehr äußere Vertretung als ernste Arbeit roar. Ein erfolgreicher Attache muß heute Polittker. Diplomat, Volkswirt und Soldat fein. Dies erfordert die Auswahl von Persönlichkeiten mit besonderen Eigen- schäften und besonderer Vorbildung. Eine längere Kommandierung ist heute viel wichtiger als früher. Auch wenn man die Sprache des betreffenden Landes vollständig beherrscht, bedarf es erheblicher Zeit, um mit den verschiedenen Steifen in Berührung zu kommen
Der Militärattache ist ein wichtiger Berater eines Staates in militärischen Angelegenheiten. Es ist die» allgemein erkannt worden. Die meisten Länder haben seit dem Kriege die Zahl der Offtziere für diesen wichtigen Dienst bedeutend vermehrt. Es gibt Militär-, Marine- und Luftattache». Die meisten Großmächte haben ihnen noch besondere Sekretäre K, damit sie sich voll und ganz ihren wich-
. flichten widmen können.
Neuzeitliche Panzerwagen.
II.
3m ersten Teil diese» Aufsatzes (Beilage „Wehr und Waffen" vom 7. Oktober) haben wir den Straßenpanzerkraftwagen besprochen. Ganz anders sind die Anforderungen die man heutzutage an einen Kampfwagen oder Ian k stellen muß. Diesen weisen seine Aufgaben in das Gelände und zwar möglichst in jede», das nicht direkt kampfwagensicher ist, also z. B. starke Steilabfälle, Sümpfe usw. hat. Der Kampfwagen muß also eine aufs äußerste gesteigerte Geländegängigkeit besitzen, so daß Hindernisse für ihn kaum bestehen. Zum schnellen Einsatz aq Brennpunkten muß er auch möglichst günstige Fahreigenschasten aus der Straße haben.
Die Merkmale der vollen Geländegängigkeit sind vor allem Kletter-, Steig-, Umwerfvermögen, Grabenüberschreitbarkeit, Wat- und Schwimmoermögen. Diese Haupterfordernisse waren auf Rädern allein nicht zu erreichen, aber auch die beim Strafen- panzerkraftwagen gebrauchten nur teilweise um die Mittel« ober Hinterräder gelegten Ketten gaben nur eine bedingte Geländegängigkeit, vor allem aber nicht genügende Geschwindigkeit, was übrigens auch beim reinen Raupenfahrzeug der Fall ist. Deshalb versucht man heute beim Kampfwagen das Problem dadurch zu lösen, daß man dem Wagen einen Räder-Raupenantrieb gibt. Diese Kampfwagen können durch Umschaltung auf Rädern ober auf Raupen fahren.
Eigentlich ist der Kampfwagen ja eine aus dem Stellungskrieg geborene Waffe. Nachdem unsere Feinde erkannt hatten, daß mit Ueberraschungen allein ober mit tage- und wochenlangem Trommelfeuer sich bie Deutschen nicht überrennen ließen, eine Entscheidung also unmöglich war, baute man Tanks. Diese sollten einmal jedes Gelände, jedes Hindernis überschreiten können, bann aber sollten sie noch übrig gebliebene Netter usw. durch ihr Gewicht zermalmen. So entstanden Wagen mit großen Baulängen, etwa 10 Meter, unb hierdurch bedingtem großen Gewicht von 30 bis 40 Tonnen. Die Verwendungsabsicht im Verein mit der Infanterie zu wirken, wie auch die große Schwere, ließ wieder größere Geschwindigkeiten nicht zu, ja auch nicht nötig erscheinen.
Schon 1917 erkannte man bei den Alliierten die zwei Hauptnachteile der ersten Kampfwagen bei Verwendung außerhalb des eigentlichen Trichtergeländes. Einmal der zu großen Ausmaße, die gute Ziele für den Gegner boten, bei Eambrai verloren die Engländer über ein Drittel der eingesetzten Wagen, dann der damit eng zusammenhängenden zu geringen Geschwindigkeit.
Zu einer Zeit, wo wir in Deutschland am LTV - Wagen mit einem Geschütz, sechs MG. einen reinen
Stellungskampfwagen mit 30 Tonnen Gewicht unb 18 Mann Besatzung bauten, entstanden schon in England die Whippet-Kampfwagen mit 14 Tonnen, drei Mann Besatzung, drei MG., in Frankreich die Renault-Kampfwagen mit 6,5 bis 7,5 Tonnen, zwei Mann Besatzung, eine Kanone ober MG., in Amerika der leichte Ford-Kampfwagen mit drei Tonnen, zwei Mann und eine Kanone ober MG. Alle blefe Wagen hatten Hächstgeschwinbigkeiten von 8 bis 13 Kilometerstunden.
Wir versuchten im Sommer 1918 den Vorsprung einzuholen und bauten die LK. I unb II mit etwa neun Tonnen Gewicht. Di» Frühjahr 1919 sollten 600 Wagen gebaut werben, währenb wir auf Seiten des Feindes bann mit etwa 32 000 Kampfwagen zu rechnen hatten.
Das Derwenbungsgebiet der Kampfwagen ist fo vielgestaltig, daß ein Typ nicht genügt. Für be- ionbere Verhältnisse, z. B. Flußübergänge, Landungen, Stellungskampf usw., sind Sonderkampfwagen, zum mindesten Sonderhilfsgeräte notwendig. Auf diesen Erfahrungen hat man seitdem beim Bau der Kampfwagen zurückgegriffen. So sehen wir heute die verschiedensten Typen, vom kleinsten Einmannkampfwagen „Carden-Lloyd“ in England über den französischen „St. Chamend Räderraupenkampfwagen" bis zum amerikanischen „Christie- schwimmkampfwagen".
Als Ganzes genommen stellt der Kampfwagen ein bewegliches unb gepanzertes Schießgestell für Geschütze unb Maschinengewehre bar. Die Masse gegen ungeschützte lebenbe Ziele ist bas MG., diejenige gegen tote Ziele unb solche hinter Deckungen bas Geschütz.
Man teilt yeute bie Kampfwagen ein in: Klein- kampfwagcn bis zu etwa 5 Tonnen Gewicht, leichte Kampfwagen bis zu etwa 7,5 Tonnen Gewicht, mittlere Kampfwagen bis zu etwa 15 Tonnen Gewicht unb schwere barüber. Außerdem finden wir als Sonderkampfwagen Gas-, Drücken-, Nebel-, Funk- und Schwimmkampfwagen. Technisch unterscheidet man reine Ketten.(Raupen-)kampfroagen unb Rabfahrzeuge (sechs Räder), sowie kombinierte Räder-Raupen-Fahrzeuge.
So ist der Bau und Oie Ausrüstung der Kampf» wagen noch heiß umstritten. Die oben angeführten Anforderungen sind bei keinem Kampfwagen voll erfüllt. Die Wirkungen werden in der Hauptsache nur moralischer Art bleiben. Eine Truppe, die die Nachteile der Kampfwagen kennt und selbst moralisch gefeftigt ist, wird auch mit diesem neuzeitlichen Kampfmittel erfolgreich den Kampf führen können, besonders wenn ihr die richtigen Abwehrmittel zur Verfügung stehen. Hierüber soll ein weiterer Aufsatz berichten. L
Hessische Regimenter in der Schlacht bei Lodz.
November bis Dezember 1914.
Heute, wo uns bereits 19 Jahre von den gewaltigen Kämpfen um Lodz trennen, läßt sich ihre wellgeschichtliche Bedeutung besser erkennen als damals, wo wir mitten im Ringen standen und keinen Blick für die Zusammenhänge hatten.
3n den Schlachten bei Tannenberg und Masurischen Seen wurde der erste Anprall der Russen abgeschlagen und Ostpreußen befreU. Auch unsere Bundesgenosien hatten anfänglich mit Erfolg bei Krasnik und Komarow-Samostje gefochten, wurden bann aber in den zwei großen Schlachten bei Lemberg geworfen, muhten Galizien aufgeben, unb bie Russen ftanben bereits auf dem Komm der Karpathen. ,,
Da stieß die neugebildete 9. deutsche Armee zur Entlastung der Oesterreicher gegen Iwangorod und Warschau vor. Der Angriff hatte Erfolg, zumal auch unsere Bunbesbrüder in ber Stoßrichtung auf Iwangorod Vorteile erzielen konnten. Als aber im
mer neue 9tu[fenmaffen aus ber Gegend von War- schau gegen Die Oesterreicher anftürmten, konnten sie nicht mehr standhalten und zwangen dadurch auch tue 9. Armee zum Rückzug, wenn diese ihren rechten Flügel nicht in Gefahr bringen wollte. Der Rückzug Hindenburgs angesichts Der gewaltigen Uebermacht der Russen stellte eine Glanzleistung der Kriegskunst dar. Der zweite Einfall in Polen war mißglückt
Und nun beginnt die große russische Offensive. Mit etwa 50 Armeekorps, etwa 3 Millionen Mann, einer Truopenmacht, wie eine solche die Weltgeschichte noch nie gesehen hatte unb auch noch niemals unter einer Führung vereinigt war, traten bie Russen unter bem Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch an. Pofen unb Schlesien waren bas Ziel biefer „Dampfwalze". Die Feinbe sahen schon die Russen in Berlin und Wien, sie erwarteten von diesem Angriff die Vernichtung Deutschlands unb Oesterreichs unb erhofften Den nahen Friebcn.
Die Stimmung in Deutschlanb war ernst, aber voll Vertrauen in Führung unb Truppe. Am 1. November 1914 war Hindenburg zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten ernannt worden Auf ihn und feinen Oeneralftabs- chcf Ludendorff waren alle Hoffnungen gesetzt. Wir ftanben vor ber größten Krisis des Weltkriegs, zumal, wenn es ben Franzosen gelang, im Westen zum Angriff überzugeben und bie Schwächung der deutschen Westfront, die durch Abgabe von Truppen nach dem Osten eingetreten war, auszunutzen.
Den drei Millionen Russen, die gegen die beut- s d).e Front im Anmarsch waren, konnten wir nur 800 000 Mann entgegenstellen. Ein Frontangriff gegen die russische Dampfwalze konnte nicht zum Ziele führen. Die beste Parade ist aber ber Hieb. Der schwersälligen russischen Kriegsführung stand die größere Beweglichkeit der Hindenburgschen Strategie gegenüber. So griff überraschend unb mit Unerhörtem Schneib Mackensen am 11 November ben nicht all$u starken russischen Norbflügel an, warf diesen in kühnem Anlauf zurück und bog nach Süden gegen Lodz ab, um fo den Vormarsch der russischen Mitte nach Schlesien aufzuhatten. Der kühne Plan gelang. Die russische Führung erkannte sosort die Gefahr, die von Norden drohte, stoppte den Vormarsch nach Schlesien ab und hotte alle nur irgendwie verfügbaren Kräfte aus der Front nach ihrem rechten Flügel. Dort kam es zu erbitterten Kämpfen. Lodz wird am 22. November von Norden her von den Deutfchen umfaßt. Dieser äußerste deutsche Flügel wurde aber von einer gewaltigen russischen Uebermacht angegriffen unb abgeschnitten. Es gelang ben Deutschen trotzdem unter Führung von Litzmann und S ch e f s e r - B o y a d e l sich in der Nacht vom 23 /24. November 1914 bei Brsheshiny durchzuschlagen und noch 16 000 Mann (Befangene mitzuschlcppen. Wie sicher die Russen sich ihre» Sieges fühlten, geht daraus hervor, daß sie hinter ihrer Front bereit» die Eisen- dahnzüge bereithielten, um die gefangenen Deutschen der beiden Korps abzutransportieren.
So war bie Lage, als die 4 7. und 48. R e - ferve-Dioision (24. Reserve-Korps) — ber letzteren gehörte bekanntlich das Reserve-In- fanterie-Regiment 222 an, dessen 1. Bataillon sich in der Hauptsache aus Kriegsfreiwilligen Gießens und Oberhessens zusammensetzte — aus den verschlammten Graben Nordftankreichs heraus- gezogen und in etwa dreitägiger Eisenbahnfahrt nach dem Osten geworfen wurde. Die 4 7. R e • serve-Division wurde noch Krakau geleitet, die 4 8. Reserve-Division in und bei Kreuzburg i. Schl, ausgelaben.
Die Fahrt durch die deutschen Gaue glich einem Triumphzug. Aus den jungen Kriegsfreiwilligen, die vor wenigen Wochen hinauszogen, waren Man- ner geworden. Sie hatten inzwischen ben Ernst des Krieges kennengelernt, sie hatten erlebt, was es heißt, den Feind im Land zu haben, sie hatten Entbehrungen ertragen, so manches Mal dem Tode
ins Luge geschaut, ihn in mannigfacher Gestatt an sich ooruberzcehen sehen, wochenlang Tag und Nacht in Regen, Schnee, Schlamm, Sturm, Kätte und Sonnenschein im feindlichen Feuer gestanden, sie waren zu einem einheitlichen Ganzen, zu einer Kameradschaft von ewiger Dauer zusammenge- schweißt.
Am 27.November, 12 Uhr, wurde die 4 8. Reserve-Division in Kreuzburg ausgelaben, die Mannschaften wurden gegen Typhus geimpft und dann ging es der russischen Grenze entgegen. Ferner Kanonendonner zeigte an, bah das 2. pom- mersche Korps links neben uns im schweren Ringen stand. Wir sollten in die Lücke einrücken, die zwischen diesem Korps und den Oesterreichern unter Bohm-Ermolli entstanden war und notdürftig durch Landsturm geschlossen wurde.
Am 28. November um 11 Uhr überquerten wir den Prosna-Bach — und befanden uns in Rußland. Mit brausendem Jubel wurde die Grenze überschritten. Man hätte sie auch ohne die Hoheitszeichen des russischen Wappens erkannt, wir befanden uns mit einem Ruck in Asien. Die Straßen in Rußland kann man nicht beschreiben, man muh sie erlebt haben. An eine Aufrechterhaltung einer Marschordnung war nicht zu denken, jeder ging da, wo er den besten Untergrund fand. Der erste Marschtag von etwa 40 Kilometer stellte an die durch den Schützengrabenbienst und die lange Bahnfahrt marschungewohnte Truppe gewaltige Anforderungen. Von 5 bis 19 Uhr wurde mit kurzen Unterbrechungen marschiert und dann noch in der Nacht Vorposten bezogen.
Am 30.November wurde die Warthe erreicht, der Kanonendonner, der Tag und Nacht über die polnische Ebene rollte, kam immer näher und übte auf die abgehetzte Truppe eine gewaltige Anziehungskraft aus. Hinter dem Midawka-Abjchnitt hat- len sich die Russen festgesetzt. Um 11 Uhr kam der Befehl: „Die 48. Reseroe-Diotsion greift an." Ls war der 1. Advent. Lor dem Antreten fand noch ein kurzer Feldgottesdienst statt, der wohl auf alle einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat. Die Division entwickelte sich erst am Nachmittag zum Angriff, da die vereiste Widawka, entgegen ben eingegangenen Melbungen nicht überschritten werben konnte, bie Eisbecke war nicht tragfähig. Die ganze Division mußte angesichts ber Russen, Die das jenseitige Dorf Ruda unb bie bahinterliegenden bewaldeten Höhen besetzt hatten, links abmarschieren, um den bei Rogoczno befindlichen Steg zum Uebergang zu benutzen. So war es schon dunkel, als zum Angriff gegen die russischen Gräben geschritten wurde. Die Verbände gerieten stark durcheinander, aber der Wille, die Russen zu werfen, gab der Truppe Richtung und Ziel. Der Waldrand wurde im Handgemenge geroommen, und als dann das Dorf Ruda in Flammen aufging, stürzte alles ohne Befehl unter Abfingen vaterländischer Lieder auf diesen Schlüsselpunkt der russischen Stellung. Um 23 Uhr war das Dorf im Besitz der Deutschen. 350 lote und Verwundete waren zu beklagen, eine Anzahl Verwundeter war in dem Bestreben, aus dem Feuer zu entkommen, in die Midawka gestürzt und ertrunfen.
Die beiden anderen Tage dienten dem Ordnen der Verbände und der Verfolgung der Russen. In der Nacht vom 2. zum 3. Dezember war die 48. R.-D. wieder in Fühlung mit Den Russen gekommen. Es wurde bei 6 Grad Kätte im Freien gelagert, an Schlaf konnten nur wenige denken. Die meisten wanderten zähneklappernd und mit leerem Magen herum und sehnten den Augenblick des Sonnenaufgangs herbei, der für viele der letzte fein lallte. Ein Dichter Nebel lag auf dem Boden, durch ben ber Vollmond fein magisches Licht leuchten ließ. Nördlich von uns tobte bie Schlacht ohne Unterbrechung, ein zitternbes Flimmern vom Aufblitzen der Geschütze zuckte durch den Nebel.
Um 5 Uhr früh (3. Dezember) wurde angetreten. Der Grabia-Bach wurde auf einem Steg überschritten, dann traten wir in einen großen Wald. Plötzlich zischten einige Jnfanteriegeschosse durch die Zweige, die 11./222, Die Die Spitze hatte, war plötzlich auf Den Feind gestoßen und zum Teil aufgerieben worden. Das Jnsanteriefeuer nahm immer mehr zu. Die Kompanien wurden links in den Wald gelegt, die Bagagen gingen eilig zurück. Die Geschosse kamen nicht nur von vorne, sondern auch von rechts. Die 3-/222 erhielt Befehl, die rechte Flanke zu sichern. Als sie in Schützenlinie halbrechts aus dem Wald trat, lag die 5 /222 unter Leutnant Klingspor bereits im Feuer. Etwa 1400 Meter vor uns lag bas Dorf Mala-Mierczonska. Eine freie Ebene, die von Sumpfstellen durchzogen war, dehnte sich zwischen Dorf und Wald. Vom Feind war nichts zu sehen. Daß das Dorf aber besetzt war, merkte man an dem gewaltigen Infanterie- unb Maschinengewehrfeuer, bas uns, als wir aus bem Walb herausstürzten, um in die 5. Kompanie einzuschwärmen, in zunehmender Stärke entgegen- schlug. Die ersten Verluste traten ein. Aber immer vorwärts. Als wir in die Linie ber 5. Kompanie gelangt waren, wurden, wie auf dem Exerzierplatz die ©nippen neu eingeteilt. Schießen durfte keiner, weil auf diese Entfernung ein Erfolg nicht zu erwarten war. Beim ersten Sprung wurde Leutnant Klingspor verwundet und gab dem Führer der 3. Kompanie den Befehl über seine 5. Kompanie. Beim zweiten und dritten Sprung mehrten sich die Verluste. Die 3. Kompanie verlor ihre Zugführer, aber sosort übernahmen beherzte Leute an deren Stelle die Führung. Jetzt konnte man erkennen, daß das Dorf von BraunrÖcken dicht befehl war. Langsames Schützenseuer wurde eröffnet. Vor der Linie in etwa 100 Meter Entfernung sah man einen Graben, der das Ziel des nächsten Sprunges war. Er war zugefroren, aber die Eisdecke brach durch und die Beine lagen im Eiswoffer. Doch fand man wenigstens Deckung vor dem rasenden Feuer, in dem letzt auch die russische Artillerie ein mächtiges Wort mitredete. „Eine Meldung an die Artillerie", daß sie da» Dorf unter Feuer nehme. Ein Verwundeter meldete sich, Otto Schmidt VII. aus Berns- seid 3.7222, der die Meldung trotz seine» Lungen- schusse» unb einer Hanbverietzung zur Artillerie brachte. Wir konnten aber bei den immer mehr zu- nehmenden Verlusten nicht länger mit dem Angriff warten. Signal: „Seitengewehr pflanzt auf!”. Je- mand rief: Wir sinaen „Deutschland über alles" Ein donnerndes.Hawohl!" kam aus den Reihen. „Schnell
feuer!" krachte es da aus unseren Gewehren in den Dorfrand und die Häuser. „Stopfen." Alle» lag wie erstarrt. Den ganzen Weg bis zum Dorf formten wir nicht im Lauf zurücklegen. Deshalb: „Aus, marsch". Und nun kam ein Augenblick, so gewaltig, so begeisternd und so erhebend, wie ihn ähnlich noch keiner von uns mitgemacht hatte. Wie e i n Mann erhob sich alles, was vom 3/222, 5. 222, 10/222 und 11 /222 und 223er noch lebte, die Trommeln rotierten taklmäßig ihr „Rum, Rum, Rum", die Hörner schmetterten ihr anfeuerndes „Tatatata, Tala- tata, lata, lata, lattatata" in die Luft und dann brauste der Schlachtgesang gen Himmel, wie ihn damals auch unsere Kameraden bei Ppern ange- stimmt batten. „Deutschland, Deutschland über alle»". Diesem furor teutonicu» konnten die asiatischen Harden nicht standhalten. Da» russische Feuer ließ plötzlich nach, mit brausendem Hurra ging» in die Dorfstraße, ein kurze» Handgemenge und Mala Mierczonska war unser.
Jetzt erst begann auch unsere Artillerie da» Dorf zu befunden. Um schleunigst aus dem Feuerbereich zu kommen stürzte alle», roa» sich von 222em und
den rechts neben uns stürmenden 223ern im Dorf befand, heraus und hinter und zum Teil mitten unter den fliehenden Russen nach dem etwa 1 Kilometer entfernt gelegenen Duza-Mierczon»ka. Die Lungen versagten fast den Dienst, aber das Gefühl, bie Russen nicht mehr zum Stehen tomnvn zu lassen, beseelte alle. Nur noch wenige Russen leisteten in dem Dorf Duza-Mierczonska Widerstand, sie wurden niedergemacht oder gefangen genommen. Weiter ging e» nach S z 1 e n d - k o w i c e. Halbrechts hinter einer kleinen Anhöhe bemerkten wir plötzlich eine russisch« Datierte von 6 Geschützen, die gerade abfahren wollte. Mit donnerndem Hurra ging es in diese hinein, wer sich nicht ergab, wurde erledigt. Zwei Geschütze wurde» der 3./222 später zugesprochen, die aber infolge de» unglücklichen Ausgang» des Kriege» nicht In Gießen zur Ausstellung fommen konnten. Eine spatere yor« schuno hat ergeben, daß dieser Vorstoß der Regi- nunter 222 und 223 die 5. Brigade, die in schwer, ftem Ringen stand, entlastet hat.
Die Tagesarbeit war noch nicht geschehen. Hall», rechts hinter uns in den großen Waldungen östlich


