Ein Lied vom Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Als Marlene aufstand und ins Nebenzimmer ging, fand sie dort außer Frau von Malten und der Baronesse auch Achim von Malten. Er sah sie an.
„Das war schön", lobte er. „Sie haben wenigstens allerlei für unseren Geschmack. Im Radio muß ich, wenn ich gerade mal Musikhunger verspüre, hinnehmen, was man mir bietet. Ost ist's so ein höllischer Jazz, und die Sorte kann weder Mutter noch ich vertragen."
Marlene freute sich sehr über die Worte und dachte in diesem Augenblick nicht an den Dolch, den sie tief unten in ihrem Kosfer versteckt hatte.
Frau von Malten lächelte ein wenig.
„Vielen Dank, liebes Fräulein! Ihre Musik hat auch mir sehr gut getan. Und nun hoffe ich, bald einschlafen zu können. Ich bedarf Ihrer jetzt nicht und rate Ihnen und Fräulein Zabrow, einen kleinen Spaziergang nach dem Dorf zu machen. Damit Sie sich hier ein bißchen orientieren."
Marlene sah die Baronesse fragend an, und da diese zustimmend nickte, befanden sich beide eine halbe Stunde später schon im Freien.
Die Nachmittagssonne lag über dem dunklen Bergzug, hinter dem das böhmische Land begann. Das Dorf selbst war nahe, man sah die Häuschen, die Kirche, den Friedhof. Der Park und das Gut breiteten sich hinter dem Schlosse aus, vor diesem lief die Landstraße dem Dorfe zu. Die beiden gingen langsam ihres Weges.
Die Baronesse lächelle zufrieden.
„Gestern wäre ich am liebsten gleich wieder fortgelaufen, und heute ist mir zumute, als müßte ich immer hierbleiben. Sorglos und froh ist meine Stimmung, und ich begreife kaum noch, daß es zankende, geizige Verwandte, leere Geldbörsen und Sorgen auf der Welt gibt. Ich glaube, wir zwei dürfen uns jetzt nicht beklagen. Uebrigens spielen und fingen Sie großartig. Wenn ich das könnte, was Sie können, liefe ich zu einem Agenten und ließe mich engagieren."
Marlene schüttelte abwehrend den Kopf.
„Für die Oeffentlichkeit langt mein Können noch nicht, ich müßte noch studieren."
Die andere lachte.
„Konzertsaal oder gar Oper ist langweilig. Sie können aber mit Ihrer Stimme und Ihrem Vortrag beim DarietL oder Kabarett sicher Platz genug finden."
Marlene erwiderte kurz: „Das läge mir nicht."
Sie dachte an etwas anderes und erzählte von Roberta Olbers, in welchem Ton die zu ihr gesprochen, und wie sie es so rasch bei Frau von Malten durchgesetzt, allein die Bücher aufzustellen.
Die Baronesse zuckte die Achseln.
„Ich hätte die Arbeit ganz gern weitergemacht, aber es geht auch so. Der Ton gegen Sie war allerdings reichlich unverschämt. Durch die Hilfsarbeit will sich das Mannweib aber hier nur noch beliebter machen, als es schon zu sein scheint."
Ein sehr alter Mann kam ihnen entgegen. Er blieb dicht vor ihnen stehen, sah sie mit unverhohlener Neugier an. Sie mußten lächöln und gingen weiter. Im Dorf begegneten sie noch vielen neugierigen Blicken. Es verirrten sich so selten Fremde in diese Gegend, noch dazu im Frühling, der hier immer wieder seinen Schneemantel anzuziehen liebte.
In einem Bäckerladen kaufte sich Marlene Pfefferminzbonbons, die sie im Fenster gesehen und für die sie eine große Vorliebe hatte.
Die dicke Meisterin sah beide wohlwollend an.
„Sie sind sicher die zwei Gesellschafterinnen von der Gnädigen im Schloß. Es hat sich heute morgen schon herumgesprochen im Ort, daß diesmal zwei Damen gekommen sind." Sie verfiel in einen Flüsterton: „Im Schloß bleiben zwei ebensowenig, wie eine bleibt. In der Oede dort hält es kein junger Mensch aus. Dazu spukt es nöch, und in einem Haus, wo ein Mord passiert ist, muß es sowieso höchst ungemütlich sein. Nicht von zehn Pferden ließe ich mich da hineinziehen. Und wer der Mörder ist?" Sie lächelte vielsagend. „Man darf nicht darüber sprechen, weil er freigesprochen wurde, aber jedermann weiß es, und Sie beide werden es auch noch hören."
Marlene fühlte heißes Mitleid mit Achim von Malten, in dem man den Mörder sah. Ihre blauen Augen schienen ganz dunkel, und sie gab erregt zurück:
„Klatsch ist widerlich und interessiert uns gar nicht."
Sie legte die zwanzig Pfennige für die Pfefferminze auf den Derkaufstisch, nahm die kleine Tüte in Empfang und wandte der Frau schroff den Rücken. Olga Zabrow tat dasselbe, und grußlos verließen sie den kleinen Laden, in dem es so angenehm nach frischem Brot duftete.
Draußen sagte Olga Zabrow: „In der Gegend hier scheint man wirklich davon überzeugt zu sein, daß Herr von Malten schuldig ist. Aber ich habe ihn heute genau daraufhin betrachtet und kann mir das einfach nicht vorstellen."
Marlene schüttelte lebhaft den Kopf.
,<Jch glaube nicht daran, ich bin fest überzeugt von seiner Unschuld. Was ihn niederdrückt, ist nur dieser Freispruch. Es muß ja furchtbar fein für einen Schuldlosen, auf solche Weife freigesprochen zu werden. Das heißt doch nur: „Du bist höchstwahrscheinlich schuldig, aber man kann dich nicht überführen!"
Sie wollte weiterfprechen, brach indessen ab; ihr war, als läge nur wenige Schritte von ihr entfernt ein Dolch, dessen Stahl dunkle Flecke auswies. Sie blieb stehen, fuhr sich über die Augen und blickte dann gebannt auf dieselbe Stelle wie vorhin.
Olga Zabrow berührte ihren Arm.
„Was ist denn da so Interessantes zu sehen? Ich sehe nur ein altes rostiges Küchenmesser, das jemand weggeworfen hat."
Harlene war, als erwache sie aus kurzem, schwerem Traum. Natürlich, der Gegenstand, an dem ihre Augen sich festgehängt, war nur eilt altes rostiges Küchenmesser, das jemand weggeworfen. Der Dolch mit den anklagenden Flecken lag ganz unten in ihrem Koffer. Wie durfte sie sich nur tn so tollen Phantastereien gefallen! Wie konnte sie in einem rostigen Küchenmesser den Dolch sehen!
Sie lächelte erzwungen: „Verzeihen Sie, Baro- nesse, ich bin wirklich nicht durch das alte Messer abgelenkt worden, sondern ich bin ein bißchen durcheinander. Erstens ärgerte ich mich heute über Fräulein Olbers, dann über die Bäckersfrau."
Olga Zabrow faßte sie unter.
„Wer wird sich ärgern! Wir armen Dinger sind zunächst mal für ein halbes Jahr aller Sorge enthoben, und darüber wollen wir froh sein. Nebenbei bemerkt: Nennen Sie mich, bitte, nicht Baronesse. Sagen Sie Olga zu mir, und ich werde Sie Marlene nennen, wenn Sie es mir erlauben."
Marlene drückte den Arm ihrer Begleiterin ein wenig an sich. „Gern bin ich damit einverstanden, Olga."
So fing eine Freundschaft an, die sich gut bewährte, und die treu und fest blieb.
*
Marlene und Olga gingen ganz langsam die Dorfstraße hinunter, die hinter dem letzten Haus zur Landstraße wurde. Sie sprachen wenig, und was sie redeten, bezog sich auf die Gegend, auf die Landschaft. Immer weiter hinter ihnen zurück blieben die böhmischen Katen, wie man die Häuser hier nannte, weil sie in ihrer Bauart den Dorfhäusern jenseits der Grenze drüben in Böhmen glichen. Sie sprachen von drüben, und daß sie in ihrer Freizeit einmal hinübevspazieren wollten, nach Böhmen hinein. Ihre Jugend genoß die frische Lust, die-Sonne, den ganzen Zauber des herben Frühlings.
Eine Frau kam ihnen entgegen. Sie ging wie auf unsicheren Füßen, und plötzlich hielt sie sich an dem Stamm eines der Ahornbäume fest, von denen die Landstraße begrenzt wurde.
Marlene zog Olga mit sich.
„Die Frau scheint krank, zu sein. Vielleicht können wir ihr helfen."
Die Frau hielt den Stamm umklammert, stand schweratmend da. Marlenes Stimme hatte seltene Weiche, hatte eine bestrickende Klangfarbe. Als sie die Frau befragte, was ihr fehle, und ob sie ihr vielleicht einen Dienst erweisen könne, traten dem einfachen Weib Tränen in die Augen.
„Vor unbändiger Wut habe ich mich hier fest- gehalten", bekannte sie, „ich hätte sonst mit den Fäusten auf meinen eigenen Kopf losgeschlagen, und mein armer Kopf verträgt das sicher nicht, der ist schon kaputt genug."
Marlene legte ihr einen Arm- um die Schultern.
„Man darf nicht so zornig werden, daß man die Gewalt über sich verliert, liebe Frau. Was hat man Ihnen denn getan, daß Sie so zornig werden konnten?"
Die Frau hatte -kluge, Helle Augen, aber ein Tränenschleier lag darüber. Und als sie Marlene an? sah, brachen die Tränen durch, wie ein Krampf schüttelte es ihren Körper.
Marlene und Olga blickten einander stumm an. Sie störten die weinende Frau nicht. Tränen erleichtern, dachten beibe.
Plötzlich fuhr sich die Frau energisch mit dem Schürzenzipfel über die Augen.
„Mein Unglück ist für mich groß, für andere sicher gar nicht der Rede wert. Mein Mann war Knecht auf dem Gut." Sie zeigte mit dem Daumen der linken Hand über die Schulter nach Maltstein. „Er hat seine Stellung verloren. Das Fkauenzim- mer, die da oben das Heft in Händen hält, hat ihn Knall und Fall rausgefetzt. Drei Kinder haben wir. Der gnädige Herr ist gut, aber die Olbers regiert, und was die will, das wird gemacht. Mein Mann hat den Mund ein bißchen vorweg, aber er hat Ehre im Leib. Er kann sich von so einer Weibsperson doch nicht vor dem ganzen Gesinde runterputzen lassen wie ein dummer Junge. Mit der Reitpeitsche hat sie ihn bedroht. Sie kann nur Leute vertragen, die vor ihr kriegen und nie ’ne Lippe riskieren. Zwei Mo- nate dürfen wir noch in der Wohnung bleiben, dann müssen wir räumen. Wo soll'n mir aber hin? Ich bin aus Berlin, bin hier nie ganz heimisch gewesen, aber man hat doch sein Dach überm Kops gehabt und satt zu essen für die Kinder. Mein Mann ist auch Berliner, doch feit zwanzig Jahren hier in Stellung. Der ist hier wie in der Heimat. Wo soll er mit uns bleiben? Heutzutage kriecht man nicht mehr so leicht unter. Als Hütejunge Öei den Kühen hat er hier angefangen; nun muß er weg wegen so einer, die die Menschen kujoniert und in ihre Tasche wirtschaftet."
Marlene wollte etwas sagen, doch die Frau schnitt ihr sofort das Wort ab.
„Sie sind beide auch von daher." Wieder zeigte chr Unter Daumen nach rückwärts. „Ich weiß, ich weiß; aber das hindert mich nicht, so zu reden, wie ich denke. Sie sind beide erst seit gestern abend da und kennen die Verhältnisse noch nicht. Doch glauben Sie mir, alt werden Sie im Schloß nicht. Und wenn Sie nicht von den traurigen Gesichtern der Herrschaft weggescheucht werden oder von der weißen Reiterin, die ich mit meinen eigenen Augen um das Gut habe jagen sehen, dann sorgt die Olbers dafür, daß Sie wieder weg müssen. Ich behaupte, bloß sie ist daran schuld, daß keine Gesellschafterin oben aushält. Wer der Kanaille mal das Handwerk legt, täte ein gutes Werk. Und wenn Sie mich verklatschen möchten, ich kann verantworten, das ich gesagt habe, mir ist's gleich, ich habe nichts mehr zu verlieren, ich heiße grau Wollner."
(Fortsetzung folgt.)
Fach ingen
HEILEN D • VO RBEUG END * LINDERND-ERFRISCHEND
Unsere geliebte, unvergeßliche Mutter
Frau Lina Wiegelmann Wwe.
geborene Weidig
ist nach schwerem, mit großer Geduld ertragenem Leiden still von uns gegangen.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: August Eichholz.
Gießen (Bismarckstr. 28), den B. September 1933.
Die Beerdigung findet in der Stille statt.
- . _______________________________________________587" >
Zerlegbare Kartoffelgestelle
D.R.G.M., für 3 und 6 Zentner empfiehlt billigst m7sa
Edgar Borrmann, Eisenhandlung Bekanntmachung.
In unser Handelsregister, Abteilung B, wurde am 18. September 1933 bei der Firma Gießener Treuhandelsgesellschaft mit beschränkter Haftung in Gießen folgendes eingetragen: Das Stammkapital der Gesellschaft ist um 19 000,— RM. erhöht und beträgt jetzt 20 000,— RM.
Gießen, den 22. September 1933.
__________Hessisches Amtsgericht. 5882D
Bekanntmachung.
Der städtische Obstoerkaufsplatz am Os- waldsgarten ist ab 1. Dezember d. I. neu 3U verpachten. Angebote mit Angabe des Pachtpreises sind bis zum 10. Oktober 1933 bet der Bürgermeisterei, Bergstraße 20, Zimmer 28, abzugeben. (5874C
Gießen, den 23. September 1933. Bürgermeisterei Gießen. J.V.: Dr.Hamm.
Kartoffellieferung.
Die Lieferung von zirka 1500 Zentner reiner ,Hndustrie-"-Speisekartoffeln, groß- fallende und gelbfleischige Ware, soll im Wege des öffentlichen Anerbietens vergeben werden. 5830D
Die Kartoffeln müssen gesund und Hand- verlesen sein.
Die Lieferungsbedingungen, die in den Angeboten ausdrücklich anzuerkennen find, können während der Dienststunden hier eingesehen werden oder gegen Erstattung der Selbstkosten von uns bezogen werden.
Angebote sind verschlossen mit der Aufschrift „Kartoffellieferung" bis zum Er- öffnungstermin
Dienstag, den 3. Oktober 1933 vormittags 10 Uhr hier einzureichen.
Die Lieferanten bleiben 10 Tage an ihr Angebot gebunden.
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Die Zahlung der für den Monat August 1933' rückständigen Beiträge zu unserer Kasse wird mit Frist bis 30. September 1933 gemahnt. 5883D
Nach diesem Termin erfolgt Kostenberechnung und Zwangsbeitreibung.
Samstags können Einzahlungen nicht getätigt werden.
Gießen, den 25. September 1933.
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