Das Wunder der Maguffi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Du bist also mit dem Kapellmeister zusammen — am Vormittag im Stadttheater — und — er begleitet dich auch hierher, — ich sah es zufällig vorhin", sagte er zögernd.
Daß er das beobachtet! Eine kleine Verlegenheit darüber konnte sie aber gut verbergen; es tat nichts zur Sache, weil es der Zufall so gefügt!
„Du weißt, wieviel Interesse ich an der neuen Oper Bruno Hallings habe, — darum erlaubt er mir, daß ich bei den Proben dazu im Theater zugegen bin. Und nachmittags bin ich tatsächlich öfter Steinstraße Nummer 20! Hast du vergessen, daß Frau Professor Schülein dort wohnt? Bei ihr singe ich, und daß der Kapellmeister ebenfalls häufig dort ist, stelle ich gar nicht in Abrede. Das ist die Wahr» heit, wie dieser Brief auch berichtet — und was sonst daraus zu lesen ist — ich überlasse dir zu glauben, wie und was du willst", entgegnete sie ruhig.
Er faßte ihre beiden Hände, sie schmerzhaft zwischen den seinen pressend, — „ich glaube dir, Ma- gussi! Du betrügst mich nicht! — Aber wie mich das alles quält! Nicht so sehr dieser Brief — auf anonyme Briefe gebe ich nichts, darum habe ich sofort diese Angelegenheit mit dir besprochen. Aber dein vieles, vieles Musizieren, — du siehst, wie leicht du in ein falsches Licht kommen kannst und wie deine rein künstlerischen Beweggründe mit persönlichen und unlauteren verwechselt werden. Ich kann nicht ertragen, wenn unser Name in der Leute Mund kommt, — dein Vater würde außer sich sein!"
Sie senkte den Blick — kam der Name nicht trotzdem in kürzester Zeit, wenn auch aus einem andern Grunde, in aller Leute Mund?
„Meines Vaters Ansichten sind mir durchaus nicht maßgebend! Ich bin froh, Eduard, daß du dich nicht hast von ihm beeinflussen lassen!"
„Weil ich dich liebe, Magussi! Dich froh und glücklich zu sehen, ist ja mein einziges Bestreben. Du solltest an meiner Seite nichts vermissen, solltest ein Leben nach deinem Sinn und Willen führen." — Er zog ihre Hände gegen seine Brust und blickte ihr innig in die Augen, — „sag, tat ich es nicht?"
„Ja, Eduard, ich danke es dir auch!" Ein lichtes Rot färbte ihr weißes Gesicht, — „und du weißt es, Eduard, wie teuer du mir bist; einen andern Mann gibt es nicht für mich und wird es auch nie geben!"
Beinahe schüchtern klangen ihre Worte; schwer war es ihrer keuschen Natur, sich zu offenbaren; aber sie war es ihm schuldig; denn sie wußte genau: viel gab er ihr in seiner großen Liebe, was ein anderer ihr kaum gegeben hätte — und sie verlangte ja noch viel, viel mehr von ihm.
Nur ein paar Tage noch, bann war sie von ihrem Geheimnis befreit, und dann gab es in ihrer Ehe nichts mehr, was sie vor ihm zu verbergen hatte. Sie legte ihr Gesicht gegen seine Brust, — „lasse nichts zwischen uns treten, Eduard, glaube nichts — nur das eine, daß ich dich sehr lieb habe!"
Wie ihre Worte ihn beglückten! Er preßte seine Lippen auf ihr duftendes Haar. In diesem Augenblick hatte 4ie ihm so viel gegeben, da er seine Bitte auf eine andere Zeit aufschieben wollte, — seine Bitte, ihr Musizieren doch ein ganz klein wenig einzuschränken und die Gesellschaft des Kapellmeisters zu meiden.
Er war trotz seines Vertrauens zu Magussi dennoch eifersüchtig auf ihn — nicht, weil er fürchtete, daß der Kapellmeister sie ihm abwendig machen könnte, — nein, er wollte ihre Gedanken mit keinem andern teilen — sie gehörten ihm, ihm ganz allein!
,^Hast du eine Vermutung, von wem dieses Schreiben ist?" fragte er.
Sie sah ihn an. „Vielleicht die gleiche wie du! — Ich werde den Verkehr mit ihr baldigst einschlafen lassen — zu auffallend will ich es anfangs nicht machen."
„Es ist ebenfalls meine Ansicht! Die Frau paßt nicht zu dir —"
„— und war einst doch meine liebste Freundin!" „Alles lockert sich, Kind! Es gibt Menschen, die nur dann Freundschaft halten können, wenn sie sich dem andern Teil in jeder Hinsicht überlegen fühlen oder wenn sie große Vorteile durch ihn haben können. Da nun beides der Fall ist —"
„Mir tut es leid, Eduard! Doch unaufrichtige Menschen sind mir zuwider."
Sie stockte, — war sie nicht selbst unaufrichtig gegen den Gatten? Und das war viel schlimmer als jener läppische Brief ohne Unterschrift! — Noch nie war ihre Handlungsweise ihr so schwer auf die Seele gefallen als in diesem Augenblick. Und eine innere Stimme drängte sie förmlich, sich dem Gatten anzuvertrauen, noch in letzter Stunde nachträglich seine Billigung zu ihrem so ungewöhnlichen Schritt zu erbitten. Wie klein kam sie sich neben seiner schlichten, vertrauenden Größe vor.
Aber bann war wieder etwas, was sie davon zu- rückhielt, eine Furcht — nein, die Gewißheit, er würde es ihr glatt verbieten! Aufregungen ohne Zahl würde es geben — und schließlich würde der Erfolg der Oper, die sie wie ein Kind liebte, in Frage gestellt. Denn nach ihrem untrüglichen Empfinden war Asta Grellberg kaum genügend. Und mit dem ihr eigenen Starrsinn, der von der sonstigen Weichheit und Zartheit ihres Wesens merkwürdig abstach, hatte sie sich darauf versteift, diese Rolle zu
singen, als ob ihrer Seele Seligkeit davon abhinge — wie eine Besessene war sie — und wenn die Welt untergegangen wäre, und wenn es ihr Glück gekostet hätte, sie hätte nicht verzichtet!
Wenn man es verlangt hätte, wäre es gewesen, als ob sie ihre Augen oder ihre Arme und Füße, die doch ein Teil ihres Körpers waren, hätte her- geben sollen! Und das war doch unmöglich.
Darum schwieg sie. Eduard mußte sich mit der vollendeten Tatsache abfinden. Er wußte, baß sie ihn liebte, wußte, daß nichts Falsches, Unreines in ihr lebte, nur der unbezwingliche Drang, zu fingen.
Sie verscheuchte alle Gedanken, die doch tarnen und ihr Unruhe machen wollten. Niemandem hatte sie Rechenschaft abzuleaen — nur sich und dem Gat- ten — und da konnte sie bestehen. Und das war die Hauptsache!
14. Kapitel.
Der Tag der Premiere war da, vom kunstliebenden Publikum der Stadt mit größter Spannung erwartet; von nichts anderem hatte man ja in letzter Zeit gesprochen.
Magussi harrte nun der Dinge, die da kommen würden.
Heute vormittag, während der Stunden der Generalprobe, blieb sie zu Hause, bis man sie rief.
Sehr günstig hatte der Zufall gewaltet, der den Vater und den Gatten zu einer geschäftlichen Besprechung nach Berlin geschickt, so daß der ereignisreiche Tag ohne die beiden Herren vorübergehen würde. Sie hatte an Eduard einen Brief geschrieben, der nur noch auf den Schlußsatz wartete, um ab- geschickt zu werden. Nochmals, mit eindringlichen Worten, hatte sie ihm ihre leidenschaftliche Liebe zur Musik und zum Theater geschildert, und die habe sie veranlaßt, diesen — sie wisse wohl: abenteuerlichen Schritt zu tun, — aber sie habe nicht anders gekonnt, und sie hoffe, er würde ihr doch verzeihen, daß sie aus Mangel an Mut sich ihm nicht anvertraut. Dies sei das erste und letzte Geheimnis, das sie vor ihm gehabt habe! Mit innigster, treuester Liebe würbe sie ihm lohnen, wenn er ihr das Glück ihrer künstlerischen Betätigung schenken wollte; dann sei sie die dankbarste, zufriedenste Frau auf der Welt! Die Fürstin Waldenau sei ihre Fürsprecherin bei ihm, ebenso das, was sie leisten könne.
Diesen Brief wollte sie am Abend der Aufführung absenden.
Magussis Gedanken waren bei dem Werk. Während der letzten Proben hatte sie beobachtet, wie nervös und unruhig Asta Grellberg war durch des Kapellmeisters scharfen, allerdings sehr berechtigten Tadel. Es hatte schon heftige Wortwechsel gegeben; nach einem solchen war die Grellberg nervös aufschreiend davongelaufen.
Der Kapellmeister hatte abgeklopst.
„Wir wollen warten, dis das ungezogene Kind sich wieder auf seine gute Erziehung besinnt!"
Magussi, in der Verborgenheit ihrer Loge sitzend, empfand Mitleid. Wenn auch der Gesang Asta Grell
bergs viel zu wünschen übrig ließ, so trug daran die größere Schuld, daß ihr diese, Rolle durchaus nicht lag, weder stimmlich noch darstellerisch. In anderen Rollen war sie sonst annehmbar, wenn auch keine Größe! Man hatte aber am Stadttheater keine geeignete Vertreterin für die Rolle der Hero, und Bruno Halling hatte das genau gewußt. Wenn er nicht die wunderschöne, blonde Magussi Weiser, diese ganz seltene Künstlerin, hätte kennengelernt, in der er mit beinahe seherischem Scharfblick die berufene Darstellerin feiner Heldin gefunden, würde er fein Werk schwerlich wohl dem Stadttheater zur Uraufführung überlassen haben. So hatte er das Spiel eingeleitet, von dem er sich einen außergewöhnlichen Erfolg versprach. Er war ein Mann von ungeheurem Ehrgeiz, über Leichen gehend, um zum Ziel zu kommen. Und fein Ziel war, ein Künstler zu werden, von dem die Welt sprach! Und dazu gehörte nicht bloß sein Können, sondern auch Reklame, irgend ein auffallendes Ereignis, durch das fein Name mit einem Schlag in aller Mund kam — fein Ehrgeiz drängte vorwärts — er hatte nicht Luft, zu warten.
Und Maguffi Weiser war das, was er brauchte. Wie geschickt hatte er ihre Bedenken zerstreut —■ sie wollte doch Asta Grellberg nicht schädigen und verdrängen. Nein, das sollte sie auch nicht, — sie sollte ihm nur helfen und einspringen, wenn die Künstlerin, was er befürchtete, versage, da Zuverlässigkeit nicht ihre Tragend fei. Magussis Musik- leidenschaft kam ihm zu Hilfe; diese seltene, wundervolle Frau, die seine Sinne wie noch keine entflammt, konnte er sich aus feinem Leden gar nicht mehr hinwegdenken — sie gab ihm Anregung zu neuem Schaffen, unendlich viel konnte sie ihm schenken, fühlte er — zu beider Bereicherung!
*
Magussi saß in ihrem Zimmer, mit einer Hand- arbeit beschäftigt. Innerlich war sie doch nicht ganz so ruhig, — ob alles so verlausen würde, wie Bruno Halling sich gedacht? Wenn sich nun nichts Außergewöhnliches ereignete, — wenn die Grellberg alle Kräfte aufbot, um den Komponisten zu befriedigen? Dann war ihre — Magussis — Freude und Hoffnung vergebens gewesen. Aber Sie Sängerin hatte ja mehr als einmal offen geäußert, daß sie bereue, diese Rolle übernommen zu haben, und die Mei- nungsoerschiodenheiten mit Halling hatten sie gewiß nicht freundlich gegen ihn gestimmt.
Magussi blickte auf die Straße hinaus — immer dasselbe nasse, feuchtkalte Wetter wie seit vielen lagen schon — feiner Sprühregen mit Schneesternchen untermischt, das richtige Erkältungswetter — jeder dritte Mensch hustete.
War es da nicht auch möglich, daß die Grellberg sich erkältete? Gestern war ihre Stimme gar nicht frei und klar gewesen!
Alle möglichen Gedanken flogen ihr durch den Kopf.
(Fortsetzung folgt.)
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Bekanntmachung.
Nachstehende Bekanntmachung des Hessischen Kreisamts Gießen vom 9. August 1933 bringen wir hiermit zur Kenntnis.
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Bürgermeisterei Gießen. I. V.: Or.Hamm.
Bekanntmachung.
Sehr.: Sperrung einer Lahnstrecke.
Auf Grund des Artikels 65 des Gesetzes, die innere Verwaltung und die Vertretung der Kreise und Provinzen betreffend, vom 8. Juli 1911, wird die Lahn auf der Strecke vom Wehr bis zum Festen am 26. August 1933 von 14 bis 19 Uhr und am 27. von 7.30 bis 11 Uhr und von 14 bis 19 Uhr für alle Boote und Personen, die nicht an der Durchführung der in dieser Zeit stattfindenden Regatta des Vereins Rudersport Gießen 1913 und der Akademischen Ruderabteilung e. V. beteiligt sind, gesperrt.
Zuwiderhandlungen gegen diese polizeiliche Anordnung werden mit Geldstrafe bis zu 90 RM. bestraft. 527IC
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