Wie sie ihn bezwang
Dngindkoman von 3 Gchneider.Zoerstl.
Urheberrechtsschutz: Verlag D. Meister, Werdau L S.
8. Fortsetzung. Dachdruck verboten I
Es war das erstemal in der langen Zeit ihres Zusammenlebens, daß Mutter und Tochter mit erhitzten Gesichtern einander gegenüberstanden. Alles, was Frau von Brentano aus der großen reichen Erfahrung ihres Frauenlebens ins Feld führte, blieb wirkungslos. Stephanie hatte auf all diese Einwände nur die eine Erwiderung: „Ich liebe ihn über die Maßen."
Frau Mario ließ nicht locker. Ihre Geduld schien unerschöpflich zu sein, f’mmer wieder kam sie mit neuen Gründen, stellte immer wieder Tragik um Tragik vor die Tochter hin: „Sechs Woch.n nach der Hochzeit wirst du auf den Knien vor ihm liegen, und er wird dich nicht sehen und das Leben weiterführen, das er bis jetzt gelebt hat."
„Sft es denn ein so schlechtes Leben, Mutier, das er führt?"
Frau Brentano zuckte zusammen. „Du bist ihm nichts und er dir alles. Ich kenne Frauen, die den Tod suchten, weil sie sich vergessen und verlassen sahen — und betrogen — Steffis."
„Mit wem sollte er mich betrügen, Mama?"
verzweifelt begann Frau Maria das Zimmer zu durchqueren. „Glaube mir doch, Kind! Es ist nur eine Laune von ihm. Ich sehe ihm bis auf den Grund der Seele. Ihm ist die Frau nur Last und Hindernis. Jede Frau, Kind, ob du nun es bist oder eine andere. Er bekommt sie satt, kaum, daß er den ersten Rausch durchkostet hat. In der ersten Stunde der Ernüchterung wird er versuchen, dich abzuschütteln und du wirst einsamer sein, als du es je gewesen bist!"
„Wenn auch, Mama! Dann ist er wenigstens für ein paar Wochen mein gewesen!"
Frau von Brentano gab es auf, die Tochter zu belehren. Sie fühlte sich müde wie nach einer langen Wanderung, die durch Dorn und Gestrüpp gegangen war und doch zu keinem Ziel geführt hatte. Ohne Stephanie den üblichen Gutenachtkuß zu geben, ging sie nach ihrem Zimmer hinüber. Während sie sich entkleidete. horchte sie und glaubte ein unterdrücktes Schluchzen zu vernehmen. Aber sie war noch zu erregt, um ein Wort der Versöhnung zu finden.
Erschöpft sank sie in die Kissen und döste in unruhige Träume hinüber. Sie sah Stephanie mißhandelt, mit Füßen getreten. Merlin stand mit seinem gewohnten Spott vor ihr und zeigte auf sein gequältes Opfer. Warum haben Sie Ihre Tochter nicht bester gehütet, Frau Brentano?--
Sie vernahm einen hellen Ruf und fuhr auf. Drüben verkündete die Standuhr die zweite Morgen
stunde. Förmlich erlöst, aus dem Dann des fürchterlichen Erlebens zu sein, setzte sie sich in den Kissen hoch. Aber die Unruhe, die sie im Blute trug, machte sich noch immer gellend.
Ob das Kind schlief?--Ihr Zorn war bis zum
letzten Rest verflogen und machte mütterlichem Erbarmen Platz. Nie hatte Stephanie sie so nötig gehabt wie jetzt. Nie war sie ihres Rates jo bedürftig gewesen. Und wenn er auch nicht erwünscht war, sie wollte ihn dennoch geben. War nicht auch ihre erste Ehe ein Mißerfolg gewesen? Selbstverschuldet, selbst- gewollt? Hatte sie auf ein Warnen gehört? War
* auch bei ihr alles Mahnen erfolglos gewesen? Und dann, als sie ihre Arme hilfesuchend nach denen ausstrcckte die ihr Freund und Warner gewesen waren blieb alles stumm. Allein mußte sie den Kamps ausfcchten, und keiner kam, ihr Rettung zu bringen, als der Tod. Der nahm den gehaßten, bis in alle Tiefen der Seele verrohten Mann hinweg und streifte ihr die Fesseln ab, die sie wie Eisenketten hinter sich hergeschleppt hatte.
Aber Steffie sollte nicht auch dieses Schicksal teilen. Sie warf ihren Schlafrock über und ging nach deren Zimmer. Das Mädchen war noch nicht entkleidet und streckte abwehrend die Hände aus als sie so uncr- wartet bei ihr eintrat. Die Müdigkeit ließ sie kaum aus den Knien heben als sie jetzt, vom Stuhle auffahrend, Frau Maria entgegenging. Lautlos glitt sie an deren Schultern: „Hab Erbarmen, Mama!"
Frau von Brentano drückte sie an sich und neigte die Lippen über deren Blondhaar. „Gott ist mein Zeuge, Kind, daß ich nicht anders handeln kannte und würde, auch wenn ich dich geboren hätte Ich tat nur, was ich für meine Pflicht hielt. — Du weißt, wie es kommen wird. Aber wenn es wirklich ein- trifft, was ich befürchte: ich bin ja da! Du kommst, wenn es kein Bleiben mehr bei ihm gibt, zu mir Zurück. Ohne jede Furcht kannst du kommen, mein Liebling. Du — und die Kinder, die du ihm schenken
„Mama--"
Frau Maria hielt den zitternden Mädchenleib an sich gepreßt und rang nach Worten: „Ich wollte dich vor dem Los bewahren, das mir in meiner ersten Ehe zuteil wurde. Es ist mir nicht gelungen, dich zu überzeugen. Nur das eine, wenn du mir versprechen wolltest: Gib nicht dein Letztes, Steffie!"
„Ich verstehe dich nicht, Mama."
„Ich meine, den letzten Rest von Frauenstolz. Es gibt Männer, die die Hand gegen uns heben, und die wir dennoch lieben können, und andere, die uns nicht einmal mit einem Finger berühren und doch mehr zu züchtigen vermögen, als eine Peitsche dies vermag."
Stephanie streichelte die weißen Arme der Mutter herab und fühlte, wie deren Wärme ihre eisigen Hände durchstrahlte: „Glaubst du, daß es nicht mög- lich ist, daß meine Liebe ihn bezwingt?"
„Nein, mein Kind! Liebe bezwingt nur, wenn sie erwidert wird."
Stephanies Hände schlugen herab: „Willst du damit sagen, daß er mich nicht liebt?"
Frau Brentano wurde einer Antwort Überhoben. Der Mädchenkörper fiel schwer gegen sie und blieb an ihre Schuller gelehnt liegen. Es tagte schon,.als sie sich vom Bettrand der Tochter erhob, um nach ihrem Zimmer zu gehen.
•
Zehn Wochen später fand zu Wien im Hause Brentano die Hochzeiksfeier statt. Der alle Merlin war noch nie so stolz auf seinen Einzigen gewesen wie an diesem Tage. Am Altäre hatte Hans Jorg vor aller Well das bleiche Gesicht seines jungen Weibes zu sich emporgehoben und dessen zuckende Liopen geküßt.
Um Stephanie wallten Nebel. Das Orgelspiel klang von weit her, aus Fernen, die nicht mehr irdisch waren. Die Worte des Geistlichen ver,chwam- men, so daß kaum eines klar verständlich war. Als sie das „Ja" gesprochen hatte, taumelte sie und mußte sich an den Gatten stützen.
Erschrocken neigte er sich zu ihr herab. „Was ist dir, geliebte Frau!?"
Schauer um Schauer ging über sie hin. Frau! — Seine Frau! Dies einzige kurze Ja, das sie gesprochen hatte, band sie nun zeitlebens an ihn. Ihr Schritt war unsicher, als sie an seinem Arm das Schiff des Domes entlang schritt. Draußen warteten die Wagen. „Nun ist es ja vorüber", lächelte Merlin und hob sie behutsam in die Seidenpolster. „War es der Weihrauch, der dich schwindeln machte? — Ja? Ich kann ihn auch nicht vertragen. Schon als Junge bei den Benediktinern habe ich immer Kopfschmerz davon bekommen und mußte mehr als einmal aus der Messe gehen!"
Er legte den Arm um sie und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. „Hast du gesehen, wie Vater gestrahlt hat? — Er hat auch Grund dazu, denn es glückt nicht jedem, gerade die Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, die er sich gewünscht hat!"
Dann hielt der Wagen.
Es gelang Frau Maria, während des Festtrubels die Tochter für ein paar Minuten für sich allein zu haben. Zärtlich strich sie ihr den Schleier aus der weißen Stirn und bekreuzte diese. „Daß Gott dich segne, mein Kind. Dich und alle, die nach dir kommen werden. Und vergiß nicht, mein Liebling, daß zu jeder Stunde eine Mutter auf dich wartet, sei es, sich mit dir zu freuen ober dir dein Leid tragen zu helfen."
Stephanies ganze Selbstbeherrschung versagte. Aufsch'uchzend barg sie den Kopf an der Brust von Frau Maria. Etwas Puder wischte die Tränenspuren wieder fort, und ein wenig Rouge nahm den Wangen die totenhafte Blässe, die so gar nicht zu der jauchzenden Freude dieses Tages stimmte.
Hans Jörg, der nach seiner Frau suchte, traf In einem der Vorzimmer mit Frau Maria zusammen. „Wo ist Stephanie?"
„tote kommt im Augenblick."
Er neigte sich über ihre Hand, und als er den Rücken wieder straffte, tauchten ihre Blicke für Se- funbenlänge ineinander. Der ihre in heißer, flehen- der Bitte. Der seine in ruhig gemessenem Ernste, den sie In ihrer Erregung für Malte nahm: „Wenn Sie meines Kindes überdrüssig sind--", sagte sie,
bann schicken Sie mir Stephanie roieber zurück, Baron!"
Seine Schultern reckten sich: „Was soll das heißen, gnädige Frau?"
„Das soll heißen, Baron: Zerbrechen Sie Sie- phanie nicht. Sie ist nicht die Persönlichkeit, sich mll Ihnen im Kampfe messen zu können."
„Ich gedenke nicht Im Kampf mit meiner Frau zu leben! Aber ich werde mich Ihrer Worte erinnern, gnädige Frau!" Mit einer Verneigung wollte er an ihr vorüber, aber ihre Hand hielt ihn fest.
„Nicht so, Baron", flehte fie beschwörend. „Wenn meine Tochter sich Ihnen heute schenkt, vergessen Sie nie, wie rein sie in dieser Stunde war, und daß ihre Liebe Ihnen alles gibt, was eine Frau zu aebcn vermag. — Ich habe es auch getan — und bin — betrogen worden!"
Er stand reglos, die Zähne in die Unterlippe gedrückt: „Wenn die Muller gegen mich ist, wie soll die Tochter für mich sein, gnädige Frau?"
,A$d) habe sie Ihnen gegeben, Baron! Genügt das nicht?"
Ohne eine Erwiderung verneigte er sich und schritt Stephanie entgegen, die mit suchenden Augen den Raum durchspähte. „Hast du dich gesorgt?" fragte er gütig.
Ihre Wangen röteten sich etwas. ,Lch habe dich plötzlich vermißt. Da kam die Angst über mich. Ich dachte an meinen Traum von heute nacht. Ich habe dich auf ollen Straßen gesucht, in allen Hausern, durch alle Winkel kroch ich und fand dich nicht!"
„Ist das so schrecklich?" fragte er ohne jeden Spott. „Uebrigens finde ich. ist es Zeit, daß du dich verabschiedest!"
„Jetzt schon?" entfuhr es ihr.
Sie sah, wie er erblaßte: „Wenn es dir zu früh
„Verzeih, ich werde mich sofort umziehen!"
Die Nacht war lau. Sie führet, nur bis zum Semmering. Frau von Brentano hatte im Panhans die Hirnrner bestellt und die Zofe nach dort voraus- geschickt. Sie aßen im großen Speisesaal noch ein kleines Abendbrot und horchten auf die Jazzband, die den auf der Terrasse Tanzenden den Rhythmus angab. Stephanie war die Kehle zugeschnürt. Nur das Glas, das Ihr Hans Jörg letzt schon zum zweiten- mal mit Sekt füllte, trank sie bis zum letzten Tropfen leer.
(Fortsetzung folgt)
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