Ausgabe 
24.11.1933 Drittes Blatt
 
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Nr. 276 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zreitag, 24. November M3

Aus der Provinzialhauptstadi.

WafferdichteS Schuhwerk!

Don Dr. med German Hübner.

Nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der Stadt herrscht noch vielfach die Vorstellung, daß in der kühlen Jahreszeit auch der kerngesunde Mensch mit nassen Füßen sich eine Krankheit zuziehen könne: in der Nässe, so glaubt man, stecke der Krankheitskeim, der dann durch die Füße in den Körper aufsteige. Das ist nicht richtig. Wenn z. V. ein Bauer bei irgend einer Beschäftigung im Freien sich nasse Füße holt und daraufhin krank wird, so war die Nässe sicherlich nicht die Krankheitsur­sache, sondern sie bewirkte lediglich, daß ein im Körper schon vorhandener Krankheitsstosf um sich greisen und so die Krankheit erst zum Ausbruch kommen konnte. Mit dieser Feststellung soll dar­getan werden, daß kräftige, absolut gesunde und wettergestählte Menschen von nassen Füßen nichts Schlimmeres zu befürchten haben, während bei schwächlichen, anfälligen Leuten größte Vorsicht ge­boten ist.

Nun weiß der Landarzt aber aus vielfachen Er­fahrungen, daß selbst auf dem Lande die absolut gesunden, durch und durch widerstandsfähigen Leute nicht überall in der Mehrzahl sind, sondern daß auch viele Bauersleute Krankheitsbereitschaft stän- dia mit sich Herumtragen. Ganz geringfügige An­lässe, in der kühlen Jahreszeit besonders nasse Füße, bringen dann die Leiden zum Durchbruch. Wie geht das vor sich?

Bei allen Menschen bringen aus der Luft, durch die Speisen oder mitunter durch offene Wunden Bazillen in den Körper ein. Diese winzigen Lebe­wesen sind ungefährlich, solange alle inneren Or­gane, sowie die Haut und die Schleimhäute gleich­mäßig durchblutet werden: denn dann besitzt der Mensch überall die normale Blutwärme, die ein Wuchern der Bakterien und somit das Aufkommen einer Krankheit nicht zuläßt. Der Blutumlauf kann jedoch gestört werden. Heute wollen wir uns nur die Störung überlegen, die durch nasse Füße ein­treten kann. Ist die Nässe durch schlechtes Schuh­werk eingedrungen, dann hat die Feuchtigkeit auf der Haut des Fußes das Bestreben, zu trocknen, zu verdunsten: dazu braucht sie aber Wärme. Weil nun die Umgebungswärme in der kühlen Jahres­zeit zu gering ist, wird die Verdunstungswärme dem Körper selbst entnommen und dieser verliert an Wärme. Seine Eigentemperatur sinkt zunächst auf der gesamten Hautoberfläche, deren Blutgefäße sich durch den Einfluß der Abkühlung zusammen- ziehen. Dadurch erklärt sich das häufige Frösteln vor Ausbruch einer Krankheit. Da nunmehr die Körperhaut schlechter durchblutet wird, muß die Don der Haut abgeleitete Blutmenge in anderen Organen, sagen wir in der Lunge, Niere, Gallen­blase usw., gestaut werden. In solchen Stauungs­gebieten wird die Temperatur steigen. Es gibt ge­wissermaßen ein kleines örtliches Fieber (Entzün­dung), das genügt, um die Lebensbedingungen für die z. B. in der Lunge vorhandenen, unter ge­wöhnlichen Umständen unschädlichen .Bazillen zu verbessern. Diese, zu anderen Zeiten harmlosen, manchmal abgekapselten (Tuberkelbazillen!) Schma­rotzer fangen an, zu wuchern und vergiften durch ihre Ausscheidungsprodukte Bazillen scheiden wie alle Lebewesen die verbrauchten Stoffe wieder aus, wie der Ofen die Schlacken das Blut ihres Wirt"s. Es kommt zu einem allgemeinen Fieber, zur Krankheit.

Auf die geschilderte Weise haben die Aerzte alle möglichen Krankheiten entstehen sehen: Nasen- und Rachenkatarrh, Mandelentzündung, Brustkatarrh, Lungen- und Rippensellerkrankungen, Nieren- und Blasenleiden, Gallenblasenentzündung, Darmkatarrh, Ohrenleiden, Hirnhautentzündung, Gelenkrheuma­tismus, mit einem Wort so ziemlich jede mit Fieber verbundene Erkrankung.

Bauern und Städter, laßt euch nicht durch falsche Svarsamkeit verleiten, euer Schuhwerk zu vernach­

lässigen. Die Schuhe sollen in dieser Zeit wasser­dicht sein, besonders bei Kindern, die gegen Er- Faltungen empfindlicher sind als Erwachsene. Nasse Füße bedeuten Krankheit und diese kostet mehr Geld, als ihr an den Schuhen jemals sparen könnt!

Ein Zwiegespräch.

Neulich fragte mich ein vielgereister Städter: Sagen Sie mir doch, warum ißt man in Deutsch­land vorwiegend Schwarzbrot? Man könnte doch an Stelle des Roggens allerorts Weizen säen und man bekäme auch bei uns, wie in anderen Ländern ein feines, billiges Weißbrot. Warum verordnet die Regierung so etwas nicht einfach?"

Man sieht, dieser Mann hatte eine ganz falsche Vorstellung von Scholle und Bauerntum. Die Land­wirtschaft betrachtete er offenbar als ein industrie- ähnliches, von Klima und Bodenbeschaffenheit unab­hängiges Unternehmen. Er machte daher große Augen, als ich ihm erklärte, daß es doch in erster Linie auf die Bodenart und das Klima ankäme. Ich stellte absichtlich umständliche und drastische Fra­gen wie: warum sind am Rhein, in Franken, Würt­temberg und Baden die großen Weinkellereien und in München die riesigen Brauhäuser; warum gedeiht im Allgäu die Milchwirtschaft: warum gibt es nur in bestimmten Gegenden Deutschlands Edelobst und Frühgemüse: warum wächst der Spargel nicht im Riesengebirge, der Hopfen nicht in Westfalen, der Tabak nicht im Sumpfboden?

Nun begriff der Mann und schämte sich etwas seiner vorherigen Frage. Er stimmte mir restlos zu, als ich zum Schluß meinte: Nicht wir Bauern ver­fügen und bestimmen in der Hauptsache, was der Boden herzugeben hat, sondern dieser selbst und sein bester Gehilfe, nämlich das Klima, beschränken uns auf ganz bestimmte Pflanzenarten. Wären die Vor­aussetzungen gegeben, so käme auf weiten Strecken Deutschlands statt Roggen der Weizen zum An­bau. Der Bauer ist also nicht Herr über seinePro­duktionsmittel", b. h. seinen Baben, er ist scholle- verbunben unb baher zutiefst heimatverwurzelt: er kann auch nicht, wie ber Fabrikant, zum voraus genau berechnete Mengen erzeugen, sonbern all' bas bestimmen höhere Gewalten. Unb bas ist es, was bie bäuerliche Gefühls- unb Denkungsart so gewal­tig unterscheibet von ber Lebensanschauung man­ches Stäblers, ber glaubt, er sei Herr über alle Dinge. H. R.

NSDAP.

In einer Bekannmachung an sämtliche Bürger­meister, Fraktionsführer unb Beigeordneten bes Kreises Gießen macht bie Kreisleitung ber NSDAP, barauf aufmerksam, baß am fommenben Sonntag in Frankfurt a. M im großen Saale bes Völks- bilbungsoereins, Eschenheimer Anlage Nr. 40, um 10 Uhr beginnenb, eine Tagung ber kommunal- politischen Abteilung bes Gaues Hessen-Nassau statt- finbet. Zur Teilnahme verpflichtet find sämtliche Parteigenossen (Bürgermeister, Beigeorbnete, Frak­tionsführer). Treffpunkt 6.20 Uhr am Bahnhof Gie­ßen, Abfahrt von Gießen 6.40 Uhr.

NS-Lehrerbund, Gau Ausland.

Oeffenlliche Versammlung auf der Liebigshöhe.

Als Abschluß der Sammeltätigkeit für die in Not geratenen Rußlandbeutschen, an ber sich auch bie Lanblehrer bes Kreises Gießen erfolgreich betei.igt haben, unb zugleich als Werbeversammlung für ben Gau Auslanb bes NS.-Lehrerbunbes finbet am kom- menben Samstag, 25. November, 15 Uhr auf ber Liebigshöhe in Gießen (Enb- punkt ber roten Straßenbahnlinie) ein Vortrag bes Wolgabeutschen Privatbozenten Dr. Fritzlar überDeutsche trüber an ber Wolga" statt.

Es spricht außerbem ber unterzeichnete Gauobmann überNS -Lehrerbunb unb Staat" (Be­richt über bie für bie Entwicklung bes NSLB. hoch- bedeutsame (Bauobleutetagung in Dortmunb am 18. b. M.).

Alle Lehrer bes Kreises Gießen unb auch benach­barter Kreise finb zu bieser Versammlung herzlich eingelaben. Ebenso Gäste unb Mitglieber bes VDA. Es werben bei bieser Gelegenheit auch bie Beiträge ber Förberermitglieber bes Gaues Auslanb im NS.- Lehrerbunb erhoben. (2 Mark)

Der (Bauobmann: Dr. Hen ß.

Gefallenen-Ehrung der Militär- und Regimentsvereine Gießen.

Die Arbeitsgemeinschaft ber Militär- unb Regi­mentsvereine Gießen veranstaltet, wie im Vor­jahre, am Totensonntag, 26. November, um 11 Uhr am 116er-Denkmal unter Mitwirkung bes Sauer« schen Gesangvereins unter Leitung bes Chvrmeistcrs Prof. Dr. Temesvary eine Gefallenen-Gebenk- feier. Die Gebächtnisrebe wirb von Prof. Dr. Schmoll gehalten.

Vorher finbet gemeinsamer Kirchgang statt. Die Mitglieber ber Vereine treten pünktlich um 9 Uhr in ber Johannesstraße an unb werben bann auf beibe Gotteshäuser verteilt.

Nach bem (Bottesbienft erfolgt pünktlich um 11 Uhr von ben Marktlauben-Linbenplatz ber ge­meinsame Anmarsch zum 116er-Denkmal. Nach ber Feier marschieren bie Vereine geschlossen zum Os- roalbsgarten, wo bie Auflösung erfolgt.

Deutsche Bühne.

Für ben Monat Dezember finben folgenbe Vor­stellungen statt: Samstag, 2. Dez.,Wenn ber Hahn kräht"; Donnerstag, 7. Dez.,Wenn ber

Hahn kräht": Donnerstag, 14. Dez.,D-Boot 116") Samstag, 16. Dez.,Wiener Blut".

Die Karten werben für bie Samstag-Mitglieder am Samstag, 25. Nov., für bie Donnerstag-Mit- glieber am Donnerstag, 30. Nov., an beiben Tagen von 16 bis 19 Uhr an ber Theaterkasse ausgegeben.

Angesichts besten, baß viele Mitglieber über Weihnachten verreisen werben (insbesonbere bas Militär), mußten bie Vorstellungen auf bie erste Hälfte bes Dezember gelegt werben. Dagegen ist künftig vorgesehen, baß bie Vorstellungen in ber zweiten unb vierten Woche, bie Kassenstunb«n in ber ersten Woche bes Monats Jtattfinben. Auf bie heutige Anzeige fei befonbers hingewiesen.

Straßensperrungen bei Schneeverwehungen.

Die nachverzeichneten Provinzialstraßen werden bei sehr starken Schneefällen und Schnecverwehun« gen für ben öffentlichen Verkehr gesperrt:

Kreis Gießen: Grüningen Lang - Göns) Lang-Göns Nieber-Kleen; Trais-Münzenberg Bellersheim.

Kreis Schotten: Michelbach Busenborn; BreungeshainSichenhausen: RitzenbügelAlten­hain: Petershainer Hof Wohnfelb; Wiesenhof Fettdrücken; Poppenstruth Götzen; Stümperten- rob Ulrichstein; Helpershain Meiches; Helpers­hain Engelrob; Ulrichstein Babenhausen (Abf. nach Ober-Seibertenrob): HerchenhainSichenhau­sen.

Kreis Lauterbach: Dirlammen Hopf- mannsfelb; Dirlammen Frischborn; Engelrob

An die deutschen Krauen!

Vergeßt die Leinenweber nicht!

Von Gerhart HauptmannsWebern" her wissen wir um bie Nöte bieser Heimarbeit, bie bamals in Gefahr ftanb, von Maschine unb Kapitalismus auf- gerieben zu werben. Dieser Kampf auf Tob unb Leben ist bis heute noch nicht ausgekämpft.

Die Heimweberei, auch die rein hanbwerkliche, ist nach nicht ausgestarben, im Gegenteil, sie hat in jüngster Zeit roicber etwas Mut ge­schöpft, nachbem es ihr viele Jahre lang er­bärmlich schlecht gegangen Ist.

Anlaß zum Mut gab einmal ber Aufschwung ber kunstgewerblichen Werkstätten, bie ihre Muster in Möbel- unb Dekorationsstoffen meistens selbst we­ben, bie größere Aufträge aber in bie Heimweberei­bezirke zur Ausführung abgeben. Das ging einige Jahre, solange bie Architekten, bie eigentlichen Auf­traggeber, zu tun hatten, solange es noch Leute gab, bie sich moberne Wohnungen einrichten lassen kann­ten. Das ist vorbei, beinahe vorbei, unb bamit schien auch bie letzte Aussicht für unsere Heimweberei ba» hinzuschwinben.

Da kam im letzten Frühjahr ganz unverhofft, wie ein Geschenk bes Himmels, bie große ßei­ne n m 0 b c. Jebe Dame mußte ihren Leinenmantel, ihr ßeinenfoftüm haben, unb nun häuften sich bei ben schon fast verzweifelten Heimwebern bie Auf­träge. Auch bie ältesten Webstühle konnten roieber in Betrieb genommen werben. Im Bayerischen Walb einem alten ßeinenweberbezirk in biefen abgelegenen Söalbgebieten, bie mit ber Welt kaum burch Wege, von Eisenbahnen schon gar nicht zu reben, verbunben finb war es seit langen Zei­ten zum ersten Male roieber möglich, alle 1500 ßei» nenroeber fast ein ganzes Jahr hindurch zu beschäf­tigen, Heute erhebt sich nun bie bange Frage:

Wirb es möglich sein, die Leinenmobe im näch­sten Frühjahr sortzuführen, ober ist es bamit zu Ende?

Was für eine Art Leinen wirb verlangt unb welche Webarten? Können biefe ßeinenmoben von unfern Heimwebern hergestellt werben? Fragen, bie in die­ser Form in Deutschland kaum noch ausgesprochen

werden sollten. Denn wo es sich um bie Erhal­tung eines wichtigen deutschen Hanb« werts hanbelt, unb bas finb bie Heimweber, wirb man von ber beutschen Frau ohne weiteres erwar­ten bürfen, baß sie ihre mobischen Launen zügelt unb bie Leinengewebe, bie sich in biefem Sommer bewährt haben, auch im nächsten Frühjahr noch kauft unb trägt. Um aber ganz sicher zu gehen unb ben Heimwebern bestimmte Richtlinien an bie Hand zu geben, hat bie Arbeitsgemeinschaft Deutsche Stoffe Deutsche Kleibung eine Umfrage bei ihren Mitarbeitern veranstaltet:Was können wir tun, um bie ßeinenmobe im Frühjahr fortzusetzen? Welche Webarten, welche Ausmusterungen haben Aussicht auf Erfolg? Schon bie Möglichkeit, in ge­meinsamer Aussprache ben Weg ber Mobeentwick- iung zugunsten eines beutschen Hanbwerks zu be­einflussen, zeugt von bem neuen Geist, ber auch in Mobebingen eingezogen ist.

Es bestehen gute Aussichten für eine Fort- sehung ber Leinenmobe.

Die technischen Voraussetzungen für ein weiches, nicht knitternbes beutfches Leinen finb burchaus gegeben. Mehr noch als im letzten Frühjahr wirb es möglich fein, statt bes glatten Seinen Muste­rungen zu bringen. Wir können bie altbewähr­ten hanbwerklichen Reize verwenben, können burch Garnzusammenstellung, Binbungen zusammen mit Druck interessante Stoffmuster schaffen, auf bie bie Mobe wartet, unb es können gerabe bie ben Heim­webern von früheren Zeiten her geläufigen Tech­niken babei Anwenbung finben.

Von bieser Seite her finb also ber ßeinenmobe unb ber Weiterbefchäftigung unserer Heimweber bie Wege geebnet.

Nun ist es Sache der deutschen Frau, sich zu bem deutschen Deinen zu bekennen, die Leinen­weber, die auf ihre Frühjahrsbestellungen warten, nicht zu vergessen

unb bie Mobeleute schon jetzt zu veranlassen, bei ben Frühjahrsmobellen, bie gerabe in biefen Wo­chen entworfen werben, recht viel beutfches Leinen zu verarbeiten. A. I.

Gießener Konzeriverein.

Orgel-Konzert Günther Ramin.

Jnbem Günther Ramin feinen biesmaligen Orgelabenb Iah. Seb. Bach unb Max Reger roibmete, gab er ben beiben markantesten Meistern deutscher Orgelkunst Gehör.

Joh. Seb. Bach saßt bie musikalisch-geistigen Leistungen bes Hochbarock zusammen unb erhebt sie durch bie Kraft feiner Persönlichkeit zu steilsten Gipfelpunkten. Eine Steigerung barüber hinaus erschien auf bem beschrittenen Wege für bie ba» malige Zeit nicht benfbar Die historische Entwick­lung bestätigt biefe Tatsache burch bie bebeutfame Stiiroenbe um 1750 mit ihrer neuen Instrumental­musik. Unb bennoch erschöpft sich Joh. Seb. Bach nicht nur in ber Dollenbung feines Zeitgebankens. Wenn man z. B. bas Ls-Dur-Prälubium stilkritifch beleuchten würbe, so könnte man eine Reibe von Einzelzügen feststellen, bie über ben Hochbarockcharakter hinausweisen in bas kom­mende musikalische Zeitalter. Es ist als ob hier ber musikalische Genius Momente vorausnähme, bie erst in einer späteren Stilepoche voll bewußt zur Geltung kommen.

Als Max Reger sich ber Orgel zuwanbte, ba erschien er vielen in seinem Schaffen als nicht zeit­gemäß. Die Instrumentalmusik war gegen Ende bes 19. Jahrhunberts nach einem Höhenweg non Gipfel zu Gipfel zu höchster Steigerung ber klang­lichen Mittel unb letzter Farbauswirkung gelangt unb hatte über ber Ausweitung bes Klanglichen die innere Organik nicht in allen ihren Zügen berück­sichtigt. Ja, man oar bazu gekommen, musikalische Teilvorgänge meyr als Mittel zum Zweck anzu­sehen, statt ihnen bie gebührende wichtige Stellung zuzuweisen. Unter ber Vorherrschaft bes Klanglichen war eben bie innere Struktur bes Werkes zu kurz gekommen. Ein solcher Zeitstil vermochte bem jun­gen Reger keine Ansatzpunkte für fein Schaffen zu geben; barum mußte er sich zurückwenben zu früheren Perioben beutscher Musik, unb er fanb geistigen Halt in ben Werken von Joh. Seb. Bach. Hier trat ihm ber Meister entgegen, besten Werk bis in bie kleinsten musikalischen Teilvorgänge hinein aufs straffste intensiviert war unb spannungs- unb ausbrurfsgebunben sich mit stärkster Konsequenz be» rotes. Unb bas war bie Brücke, bie Reger mit Bach oerbinben mußte.

Regers oft wieberholter Ausspruch:Ich kann nicht anbers als polyphon benfen", bestätigt aufs neue biefe feine Schaffensart. Reine Polyphonie war aber für ihn nur bei Bach zu finben, denn im

19. Jahrhundert war bas Polyphon burch bas Dominieren bes Harmonischen in seinem Wesen verfälscht worben. Was sich als polyphon ausgab, war meist nur in Stimmbewegung aufgelöste Har­monie.

Mochte Max Reger sich auch zunächst eng an sein großes Dorbilb anschließen; aber burch straffste Selbstbisziplin fanb er halb ben Eingang zu einem persönlichen Stil.Meine Musik verzichtet auf jeben sogenannten Effekt ich gehe jeber nur im gering­sten banalen Wenbung mit Bewußtsein aus bem Wege" Unbekümmert über bas Urteil ber zeitge­nössischen Kritik, obseine Sachen etwas tauaen ober nicht", übergibt er bie Entscheibung ber Ge­schichte.

Die Wesensverroanbtschast mit Joh. Seb. Bach ließ ihn aber nicht ins Epigonentum verfallen. Die große geschichtliche Entwicklung ber Differenzierung bes Harmonischen macht er ber Intensivierung seines Stiles nutzbar. Ja, oft mag es erscheinen, als rüttle er mit gespanntester Energie an ben Gren­zen ber Tonalität: aber nie verirrt er sich in bas Gebiet bes Atonalen, weil eine strenge Logik seinen Schaffenswillen zügelt.

Wenn auch bie Orgelbaukunst feiner Zeit mit ben raffiniertesten technischen Mitteln sich bemühte, ber Farbigkeit bes Orchefterklanaes zuzustreben, wenn auch bie bamalige zeitgenössische Orgelkompo­sition bem Klangwunber ber neuen Orgel ihren Tribut entrichtete, Max Reger wandte sich be­wußt von diesem äußeren Schein ab. Die innere Stuftur bes Werkes war bei ihm entscheibenb; nur bie oMfältige Möglichkeit ber Abstufung bynami- scher Grabe ließ er ber Ausbruckskraft feiner Kom­positionen augute kommen.

Die musikalische Entwicklung Günther Ramins ftanb unter bem Zeichen bes großen Thomas-Kan­tors unb Mar Regers. Sein Orgelspiel läßt in über-- zeugenber Klarheit erkennen, wie bie beiben Angel­punkte beutscher Orgelkunst sich bem Nachschaffen- ben im reflektorischen Lichte wechselseitig erhellen unb zu ben tiefsten (Brünben im Erfassen ber We­senseigentümlichkeit bes einzelnen hinführen.

Bachs aroßes k!s-Dur-Prälubium entfaltete er in feiner hehren Klangpracht unter befonberer Her- ausarbeitung ber Entwicklungen in ben Zwischen­sätzen, so baß es in vollster Unmittelbarkeit ben Hörer zur Sammlung unb innerem Mitgehen zwang. Die fünfftimmige Fuge baute er in ber Gegensätzlichkeit ihrer drei Teile auf unb ließ sie zu gigantischem Ausmaß mit ben Themeneinsätzen im Pebal zum Schluß sich erheben.

Die O-Moll-Tokkata mit ihrem prunk­vollen Orgelstil unb ihren thematischen Durchbrüchen

gewann er befonbere klangliche Feinheiten burch bie Echoepisoben, bann aber burch bie überwcilti- genben Klangevolutionen ab, bas Thematische mit sicherer Hanb monumental herausmeißelnb.

Das erste ber brei ChoralvorspieleN u n freut euch, lieben Christen gmein" erschien an­gesichts seiner an sich lebhaften Figurierung im Hinblick auf bie akustischen Verhältnisse ber Kirche etwas übereilt. Um so verinnerlichter wirkte ber OrgelchoralO Mensch bewein b e i n Sünbe groß" mit seiner unaussprechlich fein unb sorg­sam behanbelten Oberstimme. Die Choralfantasie Komm Heitger Gei st, Herre Gott" würbe in ihrem Charakter betont burch ben bröh- nenben cantus firmus im Baß.

Kyrie" unbGloria" aus op. 59 von Max Reger tragen burchaus bas Gepräge kultischer Musik mit ihrem inneren Erschauern im Erleben ber Situation. Hier ließ Günther Ramin Klang­farbe und Thematik einander im Ausdruck ver­stärken unb betonen.

Der OrgelchoralW e r weiß, wie nahe mir mein Enbe" aus on. 67 ließ überzeugenb erkennen, wie trotz ber ähnlichen Klangwelt mit ben Bachfchen Chorälen bennoch Max Reger inbi- öibuelle Wege beschreitet.

Mit starkem Klanaimvuls burchflutet war bie Jntrobuktion (D-Moll); bie nachfolgenbe Passacaglia war mit ihren Durchführungen eine bauernbe Steigerung ber klanglichen und thematischen Mittel, bie bas wieberkehrenbe Baß­thema in ständig neuem Lichte erscheinen ließen und zu einem monumentalen Klangbom sich wölbten.

Dr. H.

3n der Roulette-Schule.

Ich trat kürzlich in einen großen Raum", so erzählt ber Mitarbeiter einer Pariser Zeitung,unb sah dort fünfzehn ernsthaft unb roürbig brein- schauenbe Herren um einen Tisch sitzen. Zuerst glaubte ich, ich sei in eine Sitzung von Bankbirek­toren geraten. Aber bann bemerkte ich, baß einer ber Männer bie anberen über etwas belehrte. Wurde hier etwa ein Kurs in höherer Mathematik abgehalten? Nein, denn auf bem Tisch lagen kleine Rechen, bie kaum etwas mit bieser Wissenschaft zu tun haben konnten. Es waren aber zahlreiche Qua» brate unb Rechtecke auf bem Tisch ausgezeichnet, unb in ihnen ftanben große Zahlen.Meine Her- ren", sagte ber Lehrer, ber wie ein Professor aus» sah,sie nehmen bie Kugel zwischen ben Daumen unb bem Zeigefinger, unb zwar so!" Dann ließ er die Kugel rollen. Nun erst wurde es mir klar: Ich

befand mich in einer Roulette-Schule. Der Herr unterrichtete Leute, bie ben Beruf bes Croupiers ergreifen wollten, in ben Geheimnissen bes Roulette unb besTrente-quarante. Diese beiben Spiele finb nämlich jetzt für bie französischen Kasinos frei­gegeben, unb bie Schule ist eingerichtet worben, um Croupiers, fehr geroanbte Leute, vorzügliche Rech­ner unb gute Menschenkenner sein müssen."

Zeitschriften.

Der Deutsche S t u b e n t." Verlag Will). Gottl. Korn, Breslau. Einzelheft.60 Mark. Das Novemberheft ber amtlichen Zeitschrift ber Deutschen Stubentenschaft ist kulturellen Fragen geroibmet, bie gerabe heute brennenb werben, wo ber politische Neubau bem kulturellen Neubau vorausgeeilt ist. Wie hier in ben einzelnen Bei­trägen zu ben Fragen Volk, Staat unb Kultur, Bühne, Film usw. Stellung genommen wirb, bas zeugt roieber von bem sachlichen Können unb ernsten Verantroortungsberoußtsein, bas bisher alle Hefte bie­ser jungen, entschiebenen Zeitschrift auszeichnete. Don ben einzelnen Beiträgen feien hier nur genannt: Dr. Hans-Joachim Kühl: Volk, Staat unb Kultur. H. E. Gilbert: Politische Dichtung. Dr. Harro Ha­gen: Stubent, Bühne unb Film. Dr. Paul Wiebe- b»rg: Dietrich Eckart.

Das Leben bes schönsten unb interessantesten, aber sehr selten geworbenen Reihervogels, des Löfflers, in Bild unb Ton festzuhalten, war bas Ziel ber biesiährigen Jugoslavien-Erpebition ber Ufa. In den Altroässern ber Save, etwa 100 Kilo­meter westlich von Beigrab, fanb man ein Gebiet, bas noch tausende von diesen Vögeln beherbergt. Unter welchen Schwierigkeiten bie Erpebition ins Aufnahmebereich oorbrang unb bie Apparatur in Stellung brachte, welch herrliche Naturerlebnisse ben Teilnehmern zuteil würben, bas fchilberte Dr. Ulrich K. T. Schulz in seinem ArtikelFamilie Löffler wirb getonfilmt" im neuen Heft ber Leip­ziger 911 u ft r i r t e n Zeitung.

Hochschnlnachrichten.

Vier Privatbozenten finb zu orbentlichen Pro­fessoren an der Universität Kiel ernannt worden: Dr. Hermann Bente (schon bisher in Kiel) für wirtschaftliche Staatswissenschaften; Dr. Georg Dahm (bisher in Heidelberg) für Strafrecht, Straf» Prozeßrecht, Kriminalpolitik unb Zivilvrozeßreckstj Dr. Ernst Rudolf Huber (bisher in Bon n) für öffentliches Recht. Dr. Karl Larenz (bisher in (Böttingen) für bürgerliches Recht unb Rechts­philosophie.